sich sogar scheute , sehr und bedeutend in einen Laden zu blicken , bloß um keine vergeblichen Hoffnungen eines großen Absatzes im Vorbeigehen in der feilstehenden Brust auszusäen , schritt erbittert über die Härte der Sanftäugigen aus dem Gewölbe heraus und ließ ihre Reize , wie sie die Handschuhe , stehen . Schönheit und Eigennutz oder Geiz waren ihm entgegengesetzte Pole . Im Einkaufe - nicht im Verkaufe - sind die Weiber weniger großmütig und viel kleinlicher als die Männer , weil sie argwöhnischer , besonnener und furchtsamer sind und mehr an kleine Ausgaben gewöhnt als an große . Das Blau-Auge ging vor ihm her und sah sich nach ihm um ; aber er sah sich nach der Brief-Post um , deren Horn und Pferd ihm nachlärmte . Am Posthorne wollte seiner Phantasie etwas nicht gefallen , ohne daß er sichs recht zu sagen wußte , bis er endlich herausfühlte , daß ihn das Horn - sonst das Füllhorn und Fühlhorn seiner Zukunft jetzt ohne alle Sehnsucht - ausgenommen die nach einer - dastehen lasse und anblase , weil der Klang nichts male und verspreche , als was er eben habe , fremdes Land . Auch mag das oft den Menschen kalt gegen Briefpostreiter unterwegs machen , daß er weiß , sie haben nichts an ihn . Im Ludwig XVIII. fand er die Briefpost abgesattelt . Diese fragte ihn , da er sie sehr ansah , wie er heiße . Er fragte warum . Sie versetzte , falls er heiße , wie er hieß , so habe sie einen Brief an seinen Namen . Er war von Vults Hand . Auf der Adresse stand noch : » Man bittet ein löbliches Postamt , den Brief , falls Hr . H. nicht in Altfladungen sich befinden sollte , wieder retour gehen zu lassen , an Hrn . van der Harnisch beim Theaterschneider Purzel . « Nr. 44. Katzengold aus Sachsen Abenteuer Der Brief von Vult war dieser : » Ich komme erst jetzt aus den Federn - indes Deine Dich wohl schon wersten-weit getragen , oder Du sie - und schreibe eilig ohne Strümpfe , damit Dich mein Geschriebenes nur heute noch erreitet . Es ist 10 Uhr , um 10 1 / 2 Uhr muß der Traum auf die Post . Ich habe nämlich einen so seltsamen und prophetischen gehabt , daß ich Dir ihn nachschicke , gesetzt auch , Du lachst mich einen Monat lang aus . Deine ganze heutige und morgende Reiseroute hab ' ich klar geträumet . Belügt mich der Quintenmacher von Traum und trifft er Dich in Altfladungen nicht an - worauf ich schwören wollte ; - so läuft er retour an mich , und es ist die Frage , ob ich ihn einem Spott-und Spaßvogel wie Du dann je vorzeige . Ich sah im Traum , auf der Landzunge einer Wolke sitzend , die ganze nordöstliche Landschaft mit ihren Blüten-Wiesen und Miststätten ; dazwischen hin eine rennende , schmale , gelbröckige , jubelnde Figur , die den Kopf bald vor sich , bald gen Himmel , bald auf den Boden warf - und natürlich warest Du es . - Die Figur stand einmal und zog ihr Beutelchen , dann fuhr sie in Härmlesberg in den Krug . Darauf sah ich sie oben auf meiner Wolkenzinne durch das Rosana-Tal ziehen , den Bergrücken hinauf , vor Dörfern vorbei . - In Grünbrunn verschwand sie wieder im Krug . Wahrhaftig dichterisch wars vom Traumgott gedacht , daß er mich allzeit 6 Minuten vorher , eh ' Du in einen Krug eintratest , ein Dir ganz ähnliches Wesen vorher hinschlüpfen sehen ließ , nur aber glänzender , viel schöner , mit Flügelchen , wovon bald ein dunkelblauer , bald ein hellroter Strahl , so wie es sie bewegte , meinen Wolken-Sitz ganz durchfärbte ; ich vermute also , daß der Traum damit nicht Dich denn den langhosigen Gelbrock zeigt ' er mir zu deutlich - , sondern Deinen Genius andeuten wollte . « - Vor Bewegung konnte Walt kaum weiterlesen ; denn jetzt fand er das Rätsel fast aufgelöst - wenn nicht verdoppelt durch ein größeres - , warum nämlich der Härmlesberger Wirt seinen Namen kannte , warum bei dem Grünbrunner derselbe dem Kinde im Schreibbuche vorgezeichnet war , und warum er bei dem Bildermann das seltsame Quodlibet gefunden . Ordentlich aus Scheu , nun weiter und tiefer in die aufgedeckte Geisterwelt des Briefs hineinzusehen , erhob er in sich einige Zweifel über die Wahrhaftigkeit desselben und fragte den trinkenden Postreiter , wann und von wem er den Brief bekommen . » Das weiß ich nicht , Herr « , sagt ' er spöttisch ; » was mir mein Postmeister gibt , das reit ' ich auf die Station , und damit Gott befohlen . « - » Allerdings « , sagte Walt und las begierig weiter : » Darauf sah ich Dich wieder ziehen , durch viele Örter , endlich in eine Kirche gehen . Der Genius schlüpfte wieder voraus hinein . Abends standest Du auf einem Hügel und nahmest im Städtchen Altfladungen Nachtquartier . Hier sah ich vor der Wirtshaustüre Deine verherrlichte Gestalt , nämlich Deinen Genius , mit einem dunklen behangnen Wesen kämpfen , dessen Kopf gar kein Gesicht hatte , sondern überall Haare . « - - » Gott ! « rief Walt , » das wäre ja der Masken-Mensch ! « » Das Wesen ohne Gesicht behauptete die Türe , aber der Genius fuhr als eine Fledermaus in die Dämmerung zu mir hinauf , sprengte dicht an meiner Wolken-Spitze seine Flügel wie Krebsscheren ab und hinab und fiel als Maus oder Maulwurf in die Erde ( etwa eine Meile von Altfladungen ) und schien fortzuwühlen ( denn ich sah es am Wellenbeete ) bis wieder zu Dir und warf unweit einer Kegelbahn einen Hügel auf . Es schlug acht Uhr in den Wolken um mich herum ; da kam das Ungesicht zum Hügel und steckte etwas wie eine Maulwurfsfalle hinein . Du aber warst hinterher , zogst sie heraus und fandest , indem Du damit bloß den Erd-Gipfel wegstrichest , einige hundert- - -jährige Friedrichsd ' or , die der Genius , Gott weiß aus welcher Tiefe und Breite , vielleicht aus Berlin , gerade an die Stelle für Dich hergewühlt « .... Jetzt kam wirklich die Maske wieder . Walt sah sie schauernd an ; hinter der Larve steckte gewiß nur ein Hinterkopf , dacht ' er . Es schlug dreiviertel auf acht Uhr . Der Mann ging unruhig auf und ab , hatte ein rundes schwarzes Papier , das , wie er einem Akteur sagte , an Herzens Statt auf dem Herzen eines arkebusierten Soldaten zum Zielen gehangen , und schnitt ein Gesicht hinein , wovon Walt im Tagebuch schreibt : » Es sah entweder mir oder meinem Genius gleich . Die unabsehliche Winternacht der Geister , wo die Sphinxe und Masken liegen und gehen und nicht einmal sich selber erblicken , schien mit der Larve herausgetreten zu sein ins Sommerlicht des Lebens . « Da es acht Uhr schlug , ging die Larve hinaus - Walt ging zitternd-kühn ihr nach - im Garten des Wirtshauses war ein Kegelschub , und der Notar sah ( wobei er mäßig zu erstarren anfing ) wirklich die Larve einen Stab in einen Maulwurfshügel stecken . Kaum war sie zurück und weg , so nahm er den Stab als ein Streichholz und rahmte sozusagen den Hügel wie Milch ab - Die Sahne einiger verrosteten Friedrichsd ' or konnt ' er wirklich einschöpfen mit dem Löffel . Die wenigen haltbaren Gründe , warum der Notar nicht auf die Stelle fiel und in Ohnmacht , bringt er selber bei im Tagebuch , wo man sie weitläuftiger nachlesen kann ; obgleich zwei schon viel erklären ; - nämlich der , daß er ein Strom war , der gegen die stärkste Gegenwart heftig anschlug , indes ihn bloß der auflösende Luft-Himmel der Zukunft dünn und verfliegend in die Höhe zog , wie er nur wollte . Jetzt aber nach dieser Menschwerdung des Geisterwesens stand Walt neben seinesgleichen . Der zweite Grund , warum er stehenblieb , war , weil er im Briefe weiter lesen und sehen wollte , was er morgen erfahren und welchen Weg er nehmen werde . » Es war wahrhaftig das erstemal in meinem Leben « , schreibt er , » daß ich mich der seltsamen Empfindung nahte , ordentlich so hell wie über eine Gegenwart hinweg in eine Zukunft hineinzusehen und künftige Stunden zweimal zu haben , jetzt und einst . « In der Gaststube war die Maske nicht mehr . Er las herzklopfend die Marsch- und Lebensroute des Morgens : » Darauf wurde der Traum wieder etwas menschlicher . Ich sah , wie am Morgen darauf Dein Genius und das Un-Gesicht Dir auf zwei verschiedenen Wegen vorflogen , um Dich zu locken ; Du folgtest aber dem Genius und gingest statt nach St. Lüne lieber nach Rosenhof . Darüber fiel das Un-Gesicht in Stücken herab , einen Totenkopf und einige Knochen sah ich deutlich von der Wolke . Der Genius wurde in der Ferne eine helle Wolke ; ich glaub ' aber mehr , daß er sie nur um sich geschlagen . Du trabtest singend aus Deinem Mittagsquartier , namens Joditz , durch eine Landschaft voll Lustschlösser bis an die Rosana , die Dich so lange aufhielt , bis Dich die Fähr-Anstalt hinübergefahren hatte in die passable Stadt Rosenhof . Mir kams vor , soweit ich die tief in den Horizont hinunterliegende Stadt erkennen konnte , als habe sich über ihr der Genius in ein großes blendendes Gewölke auseinandergezogen und Dich und die Stadt zuletzt darin aufgefasset , bis die Wolkenstrecke unter immer stärkerem Leuchten und Auswerfen von Sternen und Rosen und Gras zugleich mit meinem Traume auseinanderging . Und damit wollt ' er , denk ' ich , nur bedeuten , daß Du Dich im Städtlein recht divertieren und darauf auf den Heimweg machen würdest . Wie eine solche Träumerei in meinen Kopf gekommen , lässet sich nur dadurch begreiflich machen , daß ich seit gestern immer Deinen eignen mit seiner Romantik darin gehabt . Ich wollte , Dein Name wäre so berühmt , daß der Brief Dich fände , wenn bloß darauf stünde : an Hrn . H. , auf der Erde ; wie man z.B. an den Mann im Monde recht gut so adressieren kann . Die schönste Adresse hat jener allein , an den man bloß die Aufschrift machen braucht : an Den im Universum . Reise klug wie eine Schlange , Bruder . Habe viele Weltkenntnis und glaube nicht - wie Du Dir einmal merken lassen - , es sei tunlich , daß sich auf der Briefpost blinde Passagiere aufsetzen könnten oder auch sehende , und laß ähnliche Fehlschlüsse . Sei verdammt selig und lebe von den alten Friedrichsd ' oren , die der Maulwurf ausgeworfen , in einigem Saus und Braus . Erkies , o Freund , nur kein Trauerpferd zu einem Steckenpferd ; da ohnehin jedes Kreuz , vom Ordenskreuze an bis zum Eselskreuz herab , entweder genug trägt oder genug drückt . Meide die große Welt möglichst ; ihre Hopstänze sind aus F-moll gesetzt . Das Schicksal nimmt oft das dicke Süßholz , an welchem die Leute käuen , als einen guten Prügel vor und prügelt sie sehr - Ich wünschte doch nicht , daß Du gerade auf der ersten Stufe des Throns gleich neben dem Fürstenstuhlbein ständest , wenn ihn der neue Regent zur Krönung besteigt , und daß er Dich dann zu etwas erhöbe , in den Adelstand , zu einem Kammer- oder Jagdjunker oder so ; wie ein solcher Regent wohl pflegt , weil er in seiner neuen Regierung gerade nichts früher macht als das Edelste , nämlich Menschen , d.h. Kammer-Herrn , Edelleute usw. , und erst später den Staat und dessen Glück , so wie die alten Theologen34 behaupten , daß Gott die Engel vor der Erde und zwar darum erschaffen , damit sie ihn nachher bei deren Schöpfung lobten - Ich wünscht ' es nicht , sag ' ich , daß Du dem jungen neugebacknen und neubackenden Fürsten die gedachte Ehre antätest und eine annähmest - wahrlich ein Thron wird , wie der Vesuv , gerade höher durch Auswerfen von Höhen und Hohen um ihn her - ; und mein Grund ist dieser : weil Du , gesetzt , Dir würde irgendeine bedeutende männliche oder weibliche Hof- , ja Regierungs-Charge zuteil , doch nicht eher ein ruhiges Leben und eine starke Pension bekämest als nach einem tapfern , verflucht großen Fehltritt oder bei gänzlicher Untauglichkeit zu irgend etwas , worauf der Hofmensch Abschied und Pension begehrt und nimmt , gleich dem verurteilten Sokrates , der sich eine ähnliche Strafe vor Gericht diktierte , nämlich lebenslänglichen Freitisch als Prytan ; wie untüchtig aber Du zu rechter Untüchtigkeit bist , das weißt Du am besten - Kannst du wählen auf deiner Spannen-Reise , so besuche lieber den größten europäischen Hof als die kleinsten deutschen , welche jenen in nichts übertreffen ( in den Vorzügen am wenigsten ) als in den Nachteilen , wie man denn wahrgenommen , daß auch die Seekrankheit ( was sie gibt und nimmt , kennst Du ) viel ärger würgt auf Seen als auf Meeren - Suche dein Heil an Höfen mehr in groben Taten als in groben Worten ; diese werden schwerer verziehen - Ein Hofmann vergibt zwar leicht , aber mit Gift - Auf diesen schlüpfrigen Abhängen des Throns betrage Dich überhaupt ganz trefflich und bedenke , daß man da , wie die Griechen zu Homers35Zeiten , die Verwünschungen nur leise zu tun habe , weil die lauten auf den Urheber zurückspringen - Sage Fürsten , Markgrafen , Erzherzogen , Königen zwar die Wahrheit , aber nicht gröber als jedem ihrer Bedienten , um Dich von republikanischen Autoren zu unterscheiden , die sich lieber vor Verlegern als vor Potentaten bücken - Gegen Malteser-Damen , Konsulesse , Hof- und andere Damen vom höchsten Rang sei kein Pariser Bisamschwein , d.h. keine parfümierte Bestie , kein verbindlicher Grobian , der auf die manierlichste Weise von der Welt des Teufels gegen sie ist - Sei der schönste , langgewachsenste , schlankeste Mann von 30 Jahren , der mir noch vorgekommen - Kurz , bleibe ein wahres Musterbild , bitt ' ich Dich als Bruder ! Überhaupt , sei passabel ! Ich schließe den längsten ernsthaften Brief , den ich seit zehn Jahren geschrieben ; denn es schlägt 10 1 / 2 Uhr , und er soll durchaus noch fort . Himmel aber ! wo magst du jetzt sein ? Vielleicht schon mehr als wersten-weit von unserm Haßlau , und erfährest nun an dir selber , wie leicht es großen Reisen wird , den Menschen auszubälgen und umzustülpen wie einen Polypen , und was es auf sich habe , wenn Häfen und Märkte und Völker vor uns vorübergehen , oder wir , was dasselbe ist , vor ihnen - und wie es einem ziemlich schwer ankommt , nicht zu verächtlich auf Stubenhocker herabzusehen , die vielleicht noch nie über 10 Meilen weit von ihrem Sparofen weggekrochen und für welche ein Urteil über ein paar Reisende wie wir eine Unmöglichkeit ist . Solche Menschen sollten , Freund , nur einmal an ihrer eignen Haut erfahren , wie schwer das britische Gesetz , daß Leute , die aus der Stadt kommen , denen ausweichen sollen , die in selbige reisen 36 , manchem Weltmann moralisch zu halten falle : sie sähen uns beide anders an . - Fahre wohl ! Folge mir , noli nolle ! v. d. H. Postscr . Hebe diesen Brief , im Falle du ihn bekommst - sonst nicht - , auf , es sind Gedanken darin für unsern Hoppelpoppel . « Nr. 45. Katzenauge Eß- und Trink-Wette - das Mädchen Es mag nun hinter dem Traum ein Geist oder ein Mensch stecken , dachte Walt , eines der größten Abenteuer bleibt er immer . Das schwang ihn über die ganze Stube voll Gäste weg ; er fuhr auf dem romantischen Schwanzstern über die Erden hinaus , die wir kennen . Die Friedrichsd ' ore , von denen er viel vertun wollte , waren die goldnen Flügeldecken seiner Flügel , und er konnte ohne Eingriffe in den väterlichen Beutel sich ein Nößel Wein ausbitten , gesetzt auch , der Elsasser Testator komme wieder auf . So froh gestimmt und leicht gemacht , bahnte er sich durch das theatralische Gewimmel der Stube seinen beständigen Hin- und Herweg , wie durch ein Kornfeld , streifte oft an Chemisen vorbei , stand vor manchen Gruppen still und lächelte kühn genug in fremdes Gespräch hinein . Jetzt trat die Blauäugige , welche keine Mannshandschuhe gekauft , ins Zimmer . Der Direkteur der Truppe schnaubte öffentlich Winen ( so verkürzt ' er Jako-bine ) hart an , weil sie ihm zu teuere Handschuhe mitgebracht . Mit Vergnügen entschuldigte Walt innerlich ihren Handelsgeist mit der alten Theater-Einrichtung solcher Truppen , daß sie nichts übrig haben , und daß aller Goldstaub nur Geigenharzpulver ist , das man in ihr Feuer wirft . Das Mädchen heftete , während der rohe Direkteur um sie donnerte , die heitersten Blicke auf den Notarius und sagte endlich , der Herr da möge doch den Ausspruch tun und zeugen . Er tats und zeugte stark . Aber der Donnerer wurde wenig erschüttert . Da trat die Maske wieder ein . Walt scheuete seinen bösen Genius . Sie schien ihn wenig zu bemerken , aber desto mehr den geizigen Prinzipal . Endlich brachte sie es durch leises Disputieren dahin , daß zu einer Wette der Regisseur 10 Taler in Silber auf den Tisch legte und jene ebensoviel in Gold . Eine Flasche Wein wurde gebracht , eine Schüssel , ein Löffel und eine neugebackne Zweipfenning-Semmel . Es wurde nun vor dem ganzen Stuben-Publikum die Wette publiziert , daß der Masken-Herr in kürzerer Zeit eine Flasche Wein mit dem Löffel aufzuessen verspreche , als der Direkteur seine Semmel hinunterbringe ; und daß dieser , wie gewöhnlich bei Wetten , gerade auf das Umgekehrte wette . Da die Wette gar zu ungleich schien : so beneideten die meisten Hintersassen des Theater-Lehnsherrn ihrem Vorgesetzten das ungeheure Glück , so leicht - bloß durch ein Semmel-Essen - zwei preußische Goldstücke , die nicht einmal aus dem Lande ausgeführt werden dürfen , in seines einzuführen . Alles hob an , der Larvenherr hielt die Weinschüssel waagrecht am Kinn und fing das schnellste Schöpfen an . Der Groß- und Brotherr der Truppe tat einen der unerhörtesten Bisse in die Semmel , so daß er wohl die Halb- oder Drittels-Kugel sich ausschnitt . Jetzt aß er unbeschreiblich - er hatte eine halbe Weltkugel auf dem Zungenbein zu bewegen , zu zerstücken , zu mazerieren , also auf trocknem und nassem Weg zugleich zu scheiden - was er von Dienst-Muskeln in der Wett-Höhle besaß , mußte aufstehen und sich regen , er spannte und schirrte den Beiß- und den Schläfe-Muskel an , die bekanntlich immer zusammenziehen - ferner den innern Flügelmuskel , den äußern und den zweibäuchigen - die Muskeln drückten nebenher die nötigsten Speicheldrüsen , um Menstrua und Alkaheste zu erpressen , der zweibäuchige die Kieferdrüse , der Beißmuskel die Ohrdrüse , und so jeder jede . Aber wie in einem Ballhause wurde der Magenball im Munde hin- und hergeschlagen ; die Kugel , womit er alle zehn Taler wie Kegel in den Magen schieben wollte , wollte durchaus die Schlundbahn nicht ganz passieren , sondern halb und in kleinen Divisionen , wie ein Armee-Kern . Auf diese Weise indessen verlor der theatralische Kommandeur , der den Larvenherrn unaufhörlich und ungehindert schöpfen sehen mußte , eine unschätzbare Zeit , und indem er den Teufels- mühsam , cahiers-weise oder in Rationen ablieferte und schluckte , hatte der Wett-Herr schon zwei Drittel mit dem Löffel leicht aufgetrunken . Außer sich wirkte Fränzel in alle seine Muskeln hinein - mit den Ceratoglossis und den Genioglossis plattiert ' er die Zunge , mit den Styloglossis exkaviert ' er sie - darauf hob er Zungenbein und den Kehlkopf empor und stieß die Unglücks-Kugel wie mit Ladstöcken hinab . An anatomischen Schling-Regeln fehlt ' es ihm gar nicht . Noch lag eine ganze Drittels-Semmel vor ihm , und der Larvenherr inkorporierte schon zusehends das vierte Viertel , sein Arm schien ein Pumpenstiel oder sein Löffel . Der Unglückliche schnappte nach der zweiten Hemisphäre der Höllenkugel - in Betracht der Zeit hatt ' er ein entsetzliches Divisionsexempel vor sich oder in sich , eine lange Analyse des Unendlichen - er schauete käuend die Zuschauer an , aber nur dumm und dachte sich nichts bei ihnen , sondern schwitzte und malmte verdrüßlich vor sich - die zwanzig Taler auf dem Tische sah er grimmig an und wechselnd den Löffel-Säufer - zu reden war keine Zeit , und das Publikum war ihm nichts - die elende Pechkugel vom Drachen konnt ' er nicht einmal zu Brei zersetzen ( es floß ihm nicht ) - ans Schlucken durft ' er gar nicht denken , indes er sah , wie der Maskenherr den Wein nur noch zusammenfischte - - Das fühlt ' er wohl , sein Heil und Heiland wäre man gewesen , hätte man ihn auf der Stelle in eine Schlange verkehrt , die alles ganz einschluckt , oder in einen Hamster , der in die Backentaschen versteckt , oder ihm den Thyreopalatinus ausgerissen , der die Eßwaren hindert , in die Nase zu steigen . Endlich schüttete der Maskenherr die Schüssel in den Löffel aus - und Fränzel stieß und worfelte den Semmel - globe de compression noch hin und her , so nahe am erweiterten Schlundkopfe , aber ohne das geringste Vermögen , die Semmel durch das so offne Höllentor zu treiben , so gut er auch aus den anatomischen Hörsälen wußte , daß er in seinem Maule über eine Muskel-Hebekraft von 200 Pfund zu befehlen habe . Der Larvenherr war fertig , zeigte endlich dem Publikum die leere Schüssel und die vollen Backen des Direkteurs und strich das Wettgeld mit der Rechten in die Linke , unter der Bitte , Hr . Fränzel solle , wenn er etwas darwider und die Semmel schon hinunter habe , bloß das Maul aufmachen . Fränzel tats auch , aber bloß um den teuflischen Fangeball durch das größere Tor davonzuschaffen . Der Maskenherr schien froh zu sein und bot dieselbe Wette wieder aus , bei welcher er glänzende Erleichterungen vorschlug , z.B. statt einer Semmel bloß einen ganzen kleinen Kuh- oder Ziegenkäse , kaum Knie- oder Semmel-Scheiben groß , auf einmal in den Mund zu nehmen und hinabzuessen , während er trinke ut supra ; aber man dachte sehr verdächtig von ihm , und niemand wagte . Den Notar hätte der Direkteur zu sehr gedauert , wenn er vorhin die schöne Blondine sanfter angefahren hätte . Diese saß und nähte und hob , sooft sie mit der Nadel aufzog , die großen blauen Augen schalkhaft zu Walten auf , bis er sich neben sie setzte , scharf auf die Naht blickte und auf nichts dachte als auf eine schickliche Vorrede und Anfurt . Er konnte leicht einen Gesprächsfaden lang und fein verspinnen , aber das erste Flöckchen an die Spindel legen konnt ' er schwer . Während er neben ihr so vor seiner eignen Seele und Gehirnkammer antichambrierte , schnellte sie leicht die kleinen Schuhe von ihren Füßen ab und rief einen Herrn her , um sie an den Trockenofen zu lehnen . Mit Vergnügen wär ' er selber aufgesprungen ; aber er wurde zu rot ; ein weiblicher Schuh ( denn er gab fast dessen Fuß darum ) war ihm so heilig , so niedlich , so bezeichnend wie der weibliche Hut , so wie es am Manne ( sein Schuh ist nichts ) nur der Überrock ist und an den Kindern jedes Kleidungsstück . » Ich dächte , Sie sagten endlich etwas « , sagte Jakobine zu Walten , an dem sie statt der Zunge den Rest mobil machte , indem sie ihr Knäul fallen ließ und es am Faden halten wollte . Er lief der Glückskugel nach , strickte und drehte sich aber in den Faden dermaßen ein , daß Jakobine aufstehen und diesen von seinem Beine wie von einer Spindel abweifen mußte . Da sie sich nun bückte und er sich bückte und ihre Postpapierhaut sich davon rot beschlug - denn ihr schlechter Gesundheitspaß wurde außer und auf der Bühne mit roter Dinte korrigiert - und er die Röte mit Glut erwiderte ; und da beide sich einander so nahe kamen und in den unordentlichsten Zwiespalt der Rede : so war durch diese tätige Gruppierung mehr abgetan und getan für Bekanntschaft , als wenn er drei Monate lang gesessen und auf ein Präludium und Antrittsprogramm gesonnen hätte . - Er war am Ariadnens-Faden des Knäuls durch das Labyrinth des Rede-Introitus schon durch , so daß er im Hellen fragen konnte : » Was sind ihre Hauptrollen ? « - » Ich spiele die unschuldigen und naiven sämtlich « , versetzte sie , und der Augenschein schien das Spielen zu bestätigen . Um ihr rechte Freude zu machen , ging er , so tief er konnte , ins Rollen-Wesen ein und sprach der stummen Nähterin feurig vor . » Sie reden ja so langweilig wie der Theaterdichter « , sagte sie , » oder Sie sind wohl einer ? Dero werten Namen ? « - Er sagte ihn . » Ich heiße Jakobine Pamsen ; Hr . Fränzel ist mein Stiefvater . Wo gedenken Sie denn eigentlich , Hr . Harnisch ? « Er versetzte : » Wahrscheinlich nach Rosenhof . « - - » Hübsch « , sagte sie . » Da spielen wir morgen abends . « Nun malte sie die göttliche Gegend der Stadt und sagte : » Die Gegend ist ganz superb . « - » Nun ? « fragte Walt und versprach sich eine kleine Muster- und Produktenkarte der Landschaft , ein dünnes Blätterskelett dasigen Baumschlags und so weiter . » Aber - Was denn ? « sagte die Pamsen , » die Gegend , sag ' ich , ist die göttlichste , so man schauen kann . Schauen Sie selber nach . « Da trat der Larvenherr unbefangen hin und sagte entscheidend : » Bei Berchtolsgaden im Salzburgischen ist eine ähnliche , und in der Schweiz fand ich schönere . Aber künstliche Zahnstocher schnitzen die Berchtolsgadner « und zog einen aus der Weste , dessen Griff sauber zu einem Spitzhund ausgearbeitet war . » Wer Lustreisen machen kann « , fuhr er fort , » mein Herr , findet seine Rechnung vielleicht besser im Badort St. Lüne , wo gegenwärtig drei Höfe versieren , der ganze flachsenfingische , dems gehört , darnach der Scheerauer und der Pestitzer und ein wahrer Zufluß von Kurgästen . Ich reise morgen selber dahin . « Der Notar machte eine matte Verbeugung ; denn das Geschick hatt ' ihn auf diesen ganzen Abend verurteilt , zu erstaunen . » Allmächtiger Gott « , dacht ' er bei sich , » ist denn das nicht wörtlich so wie in des Bruders Briefe ? « Er stand auf- ( Jakobine war aus Hasse gegen den um 10 fl . reichern Larvenherm längst weggelaufen mit dem Nähzeug in den Händen ) - und sah am Lichte diese Briefstelle nach : » Ich sah , wie am Morgen Dein Genius und das Un-Gesicht Dir auf zwei verschiedenen Wegen vorflogen , um Dich zu locken ; Du folgtest aber dem Genius und gingest statt nach St. Lüne lieber nach Rosenhof « - Er sah nun zu gewiß , die Maske sei sein böser Genius , Jakobine Pamsen aber , nach manchem zu urteilen , sein bester , und er wünschte sehr , sie wäre nicht aus der Stube gegangen . Hatt ' er schon vorher den Entschluß gefasset , lieber dem Briefe und Traume zu folgen nach Rosenhof , weil er aus Homer und Herodot und ganz Griechenland eine heilige Furcht gelernt , höhern Winken , dem Zeigefinger aus der Wolke mit frecher Willkür zu widerstehen und gegen ihn die Menschenhand aufzuheben : so wurde sein Entschluß des Gehorsams jetzt durch die Zudringlichkeit der Maske und die Einwirkung Jakobinens und durch das Netz neu verstärkt , worin Menschen und Vögel sich der Farbe wegen fangen , weil es mit der allgemeinen der Erde und Hoffnung angestrichen ist , nämlich der grünen . Jakobinen sah er nicht mehr als bloß auf ihrer Türschwelle mit einem Lichte , da er über die seines Kämmerleins trat . Er überdacht ' es darin lange , ob er nicht gegen die Menschheit durch Argwohn verstoße , wenn er den Nachtriegel vorschiebe . Aber die Maske fiel ihm ein , und er stieß ihn vor . Im Traume war es ihm , als werd ' er leise bei dem Namen gerufen . » Wer da ? « schrie er auf . Niemand sprach . Nur der hellste Mond lag auf dem Bettkissen . Seine Träume wurden verworren , und Jakobine setzt ' ihn immer wieder in das rosenfarbne Meer ein , sooft ihn auch die Maske an einer Angel auf einen heißen Schwefel-Boden geschleudert . Nr. 46. Edler Granat Der frische Tag Am frühen Morgen brach die Truppe , wie Truppen , die Zelte lärmend ab und aus dem Lager auf . Die Fuhrleute stäubten das Nachtstroh von sich . Die Rosse wieherten oder scharrten . Die Frische des Lebens und Morgens sprengte brennenden Morgentau über alle Felder der Zukunft , und man hielt es sehr der Mühe wert , solchen zuzureisen . Das Getöse und Streben belebte romantisch das Herz , und es war , als reite und fahre man gerade aus dem Prosa-Land ins Dichter-Land und komme noch an um 7 Uhr , wenn es die Sonne vergolde . Als vor Walten die über alles blasse Jakobine wie ein bleicher Geist einsaß , sah