mag noch so blühend sein , als es Fleiß und Einsicht machen können . Niemals wird die schöne Gewohnheit einer bezweckten Tätigkeit hinreichen , und wir kehren auf jedem Punkte , der eine Rundung der Ansicht erlaubt , in unser eignes armes Herz zurück , und bringen höchstens etwas Zerstreuung oder Stoff zu neuen Plänen mit , wenn wir zur Arbeit zurückkehren . Wenn ich nun Ihre Reise bedenke , und alle die schönen Vorteile derselben betrachtet habe , was habe ich am Ende gewonnen , was wird aus meinen Kindern werden , wenn ich mit ihnen allein bin ? was , wenn Sie wiederkommen ? « Joseph hatte eine solche Minute erwartet , und sagte ihm gerührt : » Ich ehre diese Empfindung in Ihnen , Ihre Güte hat mich Ihnen so nahe gebracht als Ihren Kindern ; für Annonicaten weiß ich nichts , als daß es gut sein wird , sie bald zu verehlichen , um ihren unbestimmten Empfindungen die allgemeine Richtung des Weibes zu geben . « » Und für Marien ? « fuhr Wellner fort . » Für Marien « , sagte Joseph , » kann ich nicht wählen , denn ich liebe sie . « Dies Geständnis hatte ihm viel Mühe gekostet , weil er nur zu sehr fühlte , wieviel er Wellnern schon zu danken habe . Wellner fand dies nicht , er fühlte die Schuld , wäre je eine da gewesen , längst getilgt , und versprach ihm Marien mit Freuden , als Lohn seiner Treue , wenn sie ihn liebe . Dies glaubte Joseph beinahe schon , oder wenigstens , daß sie ihn heftig lieben werde . Hierin irrte er sich , denn sie liebte ihn sehr ; nur war sie keiner lebhaften Äußerung fähig ; auch reizte sie nichts zum Geständnis , da ihr Herz wie ihr Leben voll stillen Glücks und voll Ruhe war . Da nur noch wenige Monate bis zur Abreise Josephs übrig waren , so wurde die Verbindung und seine Aufnahme in die Handelsfirma bis zu seiner Rückreise festgesetzt ; doch entschlossen sie sich , ihm Marien näherzubringen , und zugleich für Annonciatens Versorgung zu denken . So hatten die beiden Freunde gesprochen , und verließen sich beide zufrieden , voll Hoffnung auf eine schöne Zukunft . Als Wellner nach seiner Stube ging , und im Begriffe war , zu Bette zu gehen , hörte er seine Töchter , die über ihm wohnten , noch wach sein und im Gespräche . Er war noch ganz von den Worten , die er in Liebe zu ihnen mit Joseph gewechselt hatte , durchdrungen , und setzte sich an das offne Fenster , um ihnen zuzuhören . Die Mädchen , von der schönen Nacht ans Fenster gelockt , sprachen vertraulich mit einander , und von Dingen , die ihn sehr rührten . » Wie ist dir ? « sagte Marie zu Annonciaten , » wenn du so in den stillen Himmel siehst und den Mondschein - « » Liebe Marie , wie mir dann ist , wenn ich dir das so recht beschreiben könnte , oder irgend einem Menschen , so wäre ich recht glücklich ; ich denke oft daran , und ich würde dich nicht immer bitten , mit mir ans Fenster zu treten , wenn mir meine Empfindung dann klar und deutlich wäre , denn überall kann ich wohl einsam sein , wo mir etwas deutlich ist - o ! dann kann ich immerfort so in mir allein denken , ja wohl ordentliche Gespräche mit meinen Gedanken halten ; aber wenn der Mond in die Stube scheint , kann ich nicht ruhen , und muß ans Fenster hin . Es ist mir , als rufe er mich , ich müsse ihn wieder ansehen , die ganze schöne Nacht spräche mit mir , und frage mich scharf aus ; die Antwort aber liegt mir tief im Herzen begraben , und es ist mir oft , als müsse mir das Herz brechen , damit ich es nur sagen könnte . « » Das ist seltsam , da bist du wieder ganz anders als ich , in mir ist es nicht so . « » Wie ist dir dann , was möchtest du tun , was möchtest du haben ? Jetzt , da du siehst , daß es draußen ganz anders in der Welt ist , was möchtest du , das auch dich verändere ? damit du wieder ruhig würdest , und mit der Welt zusammenstimmtest ; denn wenn du schläfst , ist es dir doch nur wohl , weil du nichts von der Nacht weißt . « » Ich verstehe dich nicht , du bist wohl wieder melancholisch , - wenn ich schlafe , ob ich da nichts wisse ; nun das weiß ich nicht . Manchmal träume ich auch , und wenn ich hier bei dir stehe , und du sprichst nicht , oder ich bin schläfrig , so wünsche ich , Joseph wäre bei mir , und spräche vertraulich mit mir , wie er nun bald abreise und wir Briefe mit einander wechseln wollen . Auf diese Briefe freue ich mich sehr , denn ich habe noch an niemand geschrieben ; es ist mir wie ein neuer Sinn , der mir aufgehen soll , und ich denke schon oft ganze Briefe an ihn aus . « » Du bist glücklich , du liebst Josephen wohl . « » Ich denke meistens an ihn , liebe ihn lieber als den Vater , und kann denken , daß ich gern mein ganzes Leben mit ihm sein möchte : wenn dies Liebe ist , so hast du recht . « » Ich habe recht , das ist Liebe , das ist deine Liebe . « » Meine Liebe ? giebt es denn mehr als eine Liebe . « » Es giebt vielleicht nur eine , aber jeder Mensch hat wohl doch eine andre . Mir ist nicht so wie dir , wenn ich hier stehe ; es ist mir , als müsse ich mich verlieren in ein anderes Wesen , wie die Bäume dort sich ineinander verlieren ; ich möchte nicht immer Annonciata sein , und doch weiß ich nicht , wie ich das soll ; ich kenne niemand , in den ich mich verwandlen könnte ; ich möchte oft sterben , um nicht mehr alleinzusein , und sterben für wen ? das kann ich auch nicht sagen , und das ist es , was ich immer empfinde , und abends mehr als sonst ; das ist es , was mich im Herzen drückt , und wenn so der kühle Wind weht , wird mir es besser , ich fühle dann in meinem Herzen , als sei ich gut , als tröste ich mich mit der Ruhe da draußen in der Nacht und dem Glücke der Natur . « So sprachen die beiden Mädchen noch lange , Wellnern flossen die Tränen über die Wangen ; er hätte noch gerne zugehört , aber er konnte die kühle Luft nicht vertragen . Er schloß deswegen das Fenster mit Geräusch , damit seine Kinder ihn hören und auch schlafengehen möchten . Marie zog sich zurück , denn sie hatte einen stillen verstehenden Gehorsam , Annonciata aber blieb allein wach . Einige Stunden nach Mitternacht hörte sie den Vater Josephen klingeln , und diesen auch zu ihm kommen . Da sie ans Kamin trat , welches ihre Stube mit der des Vaters verband , hörte sie , wie der Vater am Fenster gesessen , ihre Unterredung gehört habe , und daß ihm nicht ganz wohl sei . Er erzählte Josephen von Marien , wie sie von ihm gesprochen , mit Freuden ; auch von ihr hörte sie ihn sprechen , wie sie seltsame Dinge gesagt , die ihn sehr bekümmerten , und daß er sie mit dem jungen Genueser , der hier sei , bekannt machen wolle ; es schien ein reicher kluger Mann zu sein , und es würde ihn glücklich machen , wenn sie ihn lieben könne . Annonciata hörte das alles mit Ruhe an , freute sich des Glücks ihrer Schwester , und da sie glaubte , es wäre wohl recht hübsch , wenn Marie auch unten wäre , so näherte sie sich ihr und sagte , um sie zu wecken : » Liebe Marie , stehe auf , und gehe hinab zum Vater ; ich glaube , es ist ihm nicht wohl , er hat jetzt noch Josephen rufen lassen ; frage ihn , was ihm fehlt , und pflege ihn ; ich weiß , daß du es ihm besser tun kannst als ich , und daß es ihm viel Freude macht . « Marie dankte ihr , zog sich schnell an , und ging hinab . - Annonciata aber weinte - Wellner freute sich herzlich der Aufmerksamkeit Mariens , sie saß so freundlich auf seinem Bette , und Joseph still an der Erde : da konnte er sein Herz nicht mehr erhalten , und legte ihre Hände in dieser Nacht für die Zukunft versprechend zusammen , und gab ihnen beiden zwei goldne Ringe , die sie vor ihm verwechselten . Zwanzigstes Kapitel So weit hatte ich geschrieben noch diesen Nachmittag , nachdem mich Godwi verlassen hatte . Da ich fertig war , kam er zu mir , und ich las es ihm vor . Dann führte er mich durch den sehr ausgedehnten Garten nach einer andern Seite , die ich noch nicht kannte , und sagte , daß er mir die Bilder zu meiner heutigen Arbeit zeigen wolle . Dieses freute mich sehr , und ich versicherte ihm , daß es mich aufmuntern würde . Bald standen wir vor einem alten Gebäude , welches das Aussehen einer verfallnen Dorfkirche hatte . Da er die große Türe mit rasselnden Schlüsseln aufschloß , sagte er scherzend : » Es ist mir immer , als sei ich das Gespenst eines alten Küsters , welches die gewohnten Wege schleicht , wenn ich diese Kirchtüre aufmache . Ich mag diese Anstalt nicht leiden , sie hat etwas Abenteuerliches , und wäre sie von meinem Vater nicht in einem Zustande der größten Verschlossenheit und Verstecktheit gemacht worden , und nur für ihn allein , so würde ich gar nicht böse sein , wenn die Leute ihn einen Narren nennen . In meinem Knabenalter lag diese Kirche schon wie ein unerträgliches Geheimnis vor mir , und es schauderte mir immer , wenn mein Vater mit einem der fremden Künstler hineinging , und wieder allein herauskam , als habe er ihn ermordet . « Die Treppe , welche grade der Türe entgegenkam , führte in einen ovalen Saal , in dessen Mitte eine mit Tuch verkappte Figur stand ; ähnliche standen an den Wänden umher . Godwi blieb neben mir in dem Saale stehen , und sagte : » Kann man sich etwas Tolleres denken , als sein ganzes Leben in Stein hauen zu lassen , und so in einer Stube zusammenzustellen ? « » Es liegt etwas Fürchterliches darin , und eine wunderbare Eitelkeit im Dunkeln , wo einen niemand sieht ; es ist , als prahle einer um Mitternacht so recht auf seine eigne Hand . « » Sie sind zu streng « , sagte Godwi ; » Eitelkeit war es nicht , und nicht Prahlerei ; toll bleibt es ziemlich , doch hat diese Tollheit eine edle Quelle , die bitterste Reue mit der Idee , sich alle diese Figuren wie Richter herzustellen , welche ihn seines Lebens anklagten , das zwar kein Verbrechen , aber große Verirrungen umfaßte , bis auf eine Handlung , die zwar auch ein Kind seiner Leidenschaft , doch bestimmter bösartig war ; diese hatte den Scheiterhaufen angezündet , auf dem er hier in ewiger Reue brennend lebte . Jetzt ist er ruhig . Meines Vaters Bisarrerie war die schöne Bisarrerie , das Böse , welches nie gut gemacht werden kann , schön zu machen ; seine Idee war , das Gute sei in der Zeit , und das Schöne im Raum , und die Möglichkeit des Ersatzes einer verderbten Jugend sei , ihr in reiferen Jahren Gestalt zu geben . Er sagte , jede Handlung wird zu einem Denkstein , der mich beschuldigt , und den ich nimmer umwälzen kann ; aber ich kann diesen Stein zwingen , zu einem schönen Bilde der Handlung zu werden , die er bezeichnet . « » Die Idee Ihres Vaters ist groß , und man sollte nie sagen : ich will es wieder gut machen ; denn dies bleibt nur Vorsatz , und ist das Wort der Reue ; man sollte sagen : ich will es schön machen . Auch liegt unstreitig in dem Gedanken , daß Böses und Gutes in der Zeit liege , viel Tröstliches ; wir dürfen dann nur unsere Handlungen als Folgen denken , so haben wir bloßes Leben . « » Jeder Mensch , « sagte Godwi , » der in sich selbst groß werden will , sollte in sich den Stoff und den Geist auffinden . Alles , was in ihm bloß Geschichte wäre , müßte ihm Stoff zu Idealen seiner selbst werden . So bliebe ihm der größte Teil seiner Jugend unverloren , und ein herrlicher Gewinn . Er hätte dann in sich eine eigne Welt der Kunst und Natur , und büßte er auch alle seine Sinne ein , so könnte er doch in sich fortbilden , denn in ihm läge ein Universum , und er könnte sich lieben und anbeten . Mein Vater tat dieses mit einer großen Anstrengung , auch kam er dadurch immer mehr und mehr zur Ruhe . Doch fing er zu spät an , und hatte seine Unbefangenheit schon zu sehr verloren . So erschuf er diese Bilder mehr in phantastischer Buße als in Liebe zu sich . Endlich ward es ihm zur selbstischen Gewohnheit , ja zur Bequemlichkeit , und hätte sich sein Geschick nicht gelöst , so würde es ihm zum Laster geworden sein , denn er erhob der Notwendigkeit halber , eine Form zu erfüllen , oft seine kleinsten Fehler zu Verbrechen , und seine ganze schöne Leidenschaft war auf dem kürzesten Wege , Pietisterei oder Pedanterei zu werden . Doch wir wollen uns zu dem Unsrigen wenden . « Wir traten zur rechten Seite des Saales in eine Stube , an deren Wänden mehrere verhüllte Gemälde hingen . Godwi blieb vor einem stehen , zog den Vorhang in die Höhe , und sprach : » Hier ist Annonciata , die Jungfrau , einer Umgebung , dem Spiegel ihrer Seele , gegenüber . « Das Bild war warm und voll Allegorie , der ganze Ausdruck leise vordringend , und von allen Punkten gleichmäßig ausströmend ; es war mir , als walle eine laue leichte Luft von den Farben auf mein Herz , und ich stand mehrere Minuten voll leichtatmender Lust ; doch stieg meine Empfindung mit der Dauer , und das Gemälde schien fortschreitend erhöht . » Es wehet wie aus warmen Tälern zu mir herauf , « sprach ich , » mir ist wohl , ich werde mild berührt , und in mir erhebt sich ein körperlicher Reiz , der unbestimmt und doch allgemein ist . In Stunden , in denen ich liebte und nicht fühlte , wie ich leise auf wolkichten Träumen hinabzog in ein anderes Wesen , wo die Ströme lieblicher unausgesprochener Rede schneller flossen , und die gestaltlose Flut der Seele fromm von dem schweigenden Mädchen empfangen wurde - wo die Liebe schon verstummte , und keinen einzelnen Sinn mehr hatte ; wo meine Brust schon hörte und mein Auge küßte , wo mir die stille Woge ihres Busens begegnete , und ich so trunken war in dem Widerspruche der milden Annäherung , da war es mir so . - Doch nimmer weilt solches Leben - wohin , wohin gleitet die sehnende Fahrt ? o Heimat ! fliehe ich dich , eile ich dir entgegen ? - wie löst sich aller Besitz ! ist die Welt mein , und bin ich ein Bettler ? wo ist mein Vaterland , wo ist meine Liebe ? - ach ! bist du nicht für die Erde ? Annonciata ! wer löst dir die Zauberei des Frühlings , wer löst dir dein Herz ? das in Sehnsucht bricht ; will keine Sonne kommen ? die tiefen dunkeln Augen der Gedanken zu öffnen , die aus deinem Herzen steigen , und ist dein Busen eine Wiege der Kinder , die hier nicht leben dürfen ? Schmerz , Schmerz ! brennendes Verlangen , wer bricht dir das Siegel im Herzen , und welchem bist du gesendet ? du dunkler Edelstein im Diademe der weissagenden Zeit - Wunderkind ! « - Hier ließ Godwi den Vorhang niederrollen . - » Es war genug , lieber Maria , der Maler hat seine Schuldigkeit getan , und Sie waren auf dem besten Wege , den Eindruck des Bildes auf Sie und nicht das Bild zu betrachten . « » Verzeihen Sie , ich dachte bei dem Bilde an ein Mädchen , das ich sehr liebe , und diesem Bilde gleicht . Lassen sie mich das Bild nur wieder sehen ; Gott weiß , wann mich das unselige Selbstbewußtsein ohne Geistesgegenwart verlassen wird ; ich komme nimmer dazu , etwas wie ein vernünftiger Mensch zu betrachten . « » Sie wissen wohl von dem Bilde gar nichts mehr « , sagte Godwi . » Nein , das ist ja eben das Unglück , daß ich mich mit jeder Erscheinung begatte , und der Mutter ewig ungetreu eine Menge unehelicher Kinder habe ; nimmer komme ich zu einer honetten Haushaltung in meiner Seele . « Godwi zog den Vorhang wieder in die Höhe , und ich nahm mich recht zusammen : » Abend-Dämmerung , rechts sinkt die Sonne , links dunkler Vorgrund , ein kleiner Hügel mit fetten großblättrichten Gewächsen , auf dem sich eine Rebenhütte erhebt . Annonciata , ohngefähr vierzehn Jahre alt , sitzt unter dem Rebendache , weiß gekleidet , das schwarze Lockenhaar wallend , ihr Gewand mehr als malerisch , wirklich bürgerlich nachlässig ; ihr Blick ruht in der Minute , wo sich der Himmel und die Abendröte durchdringen ; um ihre Stirne schlingt sich Orangenblüte , sie umfaßt mit beiden Händen ein Körbchen voll roter Früchte , das auf ihrem Schoße steht , so daß sie die jungen keuschen Brüste etwas in die Höhe drängt , und der Flor sich liebevoll öffnet . Sie sitzt ohne Schamhaftigkeit , keine Spur von Zucht ; sie will nichts , sie wird gewollt ; das Leben verlangt sie ; von allen Seiten glüht Liebe und Lust zu ihr hin ; alle Blätter gießen ihre hoffenden Flammen über sie aus ; die Blumen geöffnet blicken ihr in die Augen , und die Kräuter schmiegen sich um ihre Füße ; die Sonne will nicht sinken , und das schwellende Herz der Nacht sinkt schwerer voll Lust nieder , sie will zu ihr herab . Die Ferne dringt zu ihr herüber , und die Nähe lehnt sich dieser siegreich und stolz entgegen . Sie selbst atmet nur , sie ist nicht gefangen in diesem wunderbaren Kampfe der Liebe ; in ihrem Herzen ist Andacht , und ihr Antlitz ist Gebet . Neben ihr steht eine Urne , in welcher Aloe blüht ; auf dem steinernen Geländer einer Treppe und vor der Urne sitzt ein Pfau , der den goldnen glühenden Hals der Sonne nachrufend ausstreckt , aus seinem sinkenden Schweife blicken köstliche Augen von Saphir und Gold nach den Sternen , die still am Himmel heraufblühen . « » Dies Bild « , fuhr Godwi fort , » ist mit einer wunderbaren Resignation gemalt , man kann es nicht recht geduldig ansehen ; der Maler tat auch gar nichts für den Betrachter . « » Ja , « versetzte ich , » Annonciata nur allein kann es betrachten , und wir nur Annonciaten , denn alles ist nur für sie gemalt , oder vielmehr sie malt es in jedem Augenblicke . Wenn ich bedenke , daß diese milde Glut der Sonne , der schwermütige Himmel und die freundlichen Sterne , daß die ganze rührende Melodie des Bildes nur die aufgelöste Annonciata ist , und Annonciata nichts als die menschliche Gestalt dieser Umgebung , so erkläre ich deutlich in mir ein Gefühl , das mich in der Natur begleitet ; sie beunruhiget mich , es ist mir , als könne ich sie nicht betrachten , als belausche ich sie nur in einem stillen treibenden Geschäfte der Wandlung , und es giebt wenige Gegenden , die nicht einen andern Menschen als mich bedürften . « » Nur der allgemeinste Mensch , « sagte Godwi , » nur ein Mensch , der groß , glücklich und gesund ist , kann ohne Druck den ganzen Umfang der Naturanschauungen ertragen . Jeder Einzelne hat seine eigne Natur , vor der er gleich einem höheren Bilde steht , welches mit Rührung auf seine Geschichte zurücksieht . Ich empfinde mit Freuden , wie ich seit einiger Zeit mehrere Arten der Aussicht liebe , die mich sonst verwundeten , und dies ist mir eine Erfahrung , welche mir eine Erweiterung meiner selbst versichert . « » Mir ist noch nicht so , « sagte ich , » ich kenne nur eine Aussicht bis jetzt , und habe noch keine Landschaft gesehen , die mir wohl tat , als diese , und wäre meine Gestalt von meinem Gemüte ganz durchdrungen , könnte ich überhaupt jemals mich selbst vorstellen , so hätte in diese Landschaft ein Maler keine Figur als die meinige stellen dürfen , um nicht aus der Haltung zu fallen . « » Wo ist diese Aussicht ? « fragte Godwi , » wenn Sie sie nicht wie eine Geliebte verbergen . « » Am Rhein , auf einer herrlichen Stelle . « » Gut , so habe ich sie wahrscheinlich auch gehabt , und es sind wirklich Gesichtspunkte am Rhein , die ich nicht auszusprechen wage . « » Ich saß höher als der höchste Berg der Gegend , auf der Spitze eines jungen Baumes , den eine mutige Hand in die höchsten Trümmern eines zerstörten Turmes gepflanzt hatte ; über Untiefen von Wald , die wie Katarakte und stürmende Heere unter meinem Blicke auf und nieder stürzten , brauste der herrliche Fluß des üppigen Friedens und der trotzigen Ruhe . Ringsum weit die Städte und Flecken hingesäet , viele tausend Blicke auf meinen Standpunkt gerichtet , in tiefer Einsamkeit , Vor- und Nachwelt um mich aufgelöst in ein unendliches Gefühl des Daseins . Ich hatte ein trauriges Herz voll verschmähter Liebe da hinaufgetragen , so recht gar nichts da oben erwartet , und ging mit einer sehr breiten Resignation durch den Wald . Aber der Mensch ist so enge in sich selbst gefangen , daß er sich meistens selbst verzehrt , wo er die Welt verzehren sollte . Ich weinte , als sich die Aussicht mir erschloß , vor Scham , und fühlte , wie meine Tränen gelinde auf der Wange trockneten , und sich meine Seele wie der Duft einer Blume zum Himmel hob ; mein Körper wuchs in den Stamm , der mich trug , und meine Arme streckten sich wie Zweige in die Luft : da war mir wohl , und ich sah den Zugvögeln nach , die neben mir vorüberreisten , wie Freunden , die noch nicht zur Ruhe gekommen sind , und wünschte ihnen glückliche Reise . « » Es ist recht hübsch , daß grade welche vorbeiflogen « , sagte Godwi ; » doch wollen wir jetzt das Bild Mariens betrachten , ehe es dunkel wird . « Godwi enthüllte ein anderes Bild , und sagte scherzhaft : » Nehmen Sie den Hut hübsch höflich in die Hand , stauben Sie die Schuhe ab , und sein Sie artig , wir wollen zu einem lieben Mädchen gehen . Welcher Kontrast ? Dies ist Marie , Annonciatens Schwester . Welche Ruhe , welcher Frieden ; man schweigt , sie atmen zu hören , und wünscht , daß die Taube in ihrem Schoß den Flügel senke , um sie aufmerksam zu machen . Wehet denn kein Lüftchen durch das enge Fenster ? daß die Lilie sich bewege und dem Mädchen sage , wir seien da , damit sie uns mit den lieben Augen erblicke , die sie so fleißig auf den Stickrahmen niedersenkt ; nur die Lilie darf zusehen , wie sie Blumen stickt , sie senkt den Kelch stille zu ihr , und tut wie die vertraute Freundin . Wie die Sonnenstrahlen so nachbarlich zu dem kleinen Fenster hereinsehen ; wenn die Sonne sinkt , so sieht sie uns wohl an , indem sie dem Glanze ausweicht ; oder wird sie nach dem Bilde des jungen Mannes schauen , das an der Wand hängt , und so recht behaglich und mit Ansprüchen da zu hängen scheint ? Ich beneide ihn , er ist sicher mit des Mädchens Vater einverstanden , und die Sache geht den einfachen Weg . Lebe wohl , Marie , wir wollen nicht vor dich treten , da wir deiner begehren müssen , denn du bist schon einem gegeben , der dir genug ist . « Hier ließ Godwi den Vorhang fallen . » Dies ist ein Mädchen , « sagte ich , » zu dessen Vater auch der zügelloseste Mensch sagen könnte : Mein Herr , da ich in den Stand der heiligen Ehe zu treten gesonnen bin usw. Ich habe noch nirgends ein häusliches Gemälde im Ideal gesehen , dies ist es , Friede . Und dieses ist Ihre Mutter ? « » Dies ist sie ; ziehen Sie von diesem Bilde bis zum steinernen Bilde eine Linie , so haben Sie das Unglück meiner Mutter ermessen . « Hier verließen wir die Stube , und gleich darauf den Bildersaal , nachdem Godwi zuvor ein ruhiges Abendlied auf der kleinen Orgel gespielt hatte , die noch in der Kirche von ihrer ersten Bestimmung her übriggeblieben war . Die Töne der Orgel gingen feierlich wie ein betender Geisterzug um die stummen steinernen Bewohner des Hauses herum , und schienen sie zu trösten . Ich trat dann an Godwis Seite gerührt in den Garten , und es tat mir im Herzen wohl , wieder im Freien zu sein ; es war ein freundlicher Abend , und wir freuten uns , noch den ganzen Park durchgehen zu müssen , ehe wir in das Landhaus kamen . An der Türe kam uns Haber entgegen , den ich sogleich um seine Übersetzung fragte , aber er klagte über seine Zerstreutheit , und daß einer der Pächter unter seinem Fenster geschlachtet habe , und daß das Geschrei des sterbenden Tieres dem italiänischen Ton und Wortspielen sehr entgegen sei - » Sie haben also die Wette verloren , denn ich habe es übersetzt , und wir wollen nun bald an die Aufführung des Liedes gehen , Sie müssen die Laura vorstellen , und ich den Hiazinth - schreiben Sie sich die Rolle ab , nach Tisch , wenn die Lämpchen am Himmel angesteckt sind , und Luna uns souffliert , müssen Sie vom Fenster herunter mir den Korb geben , ich will die Laute erst in Ordnung bringen , und ein wenig dazu klimpern . « Haber wollte nicht daran , und entschuldigte sich , besonders mit seiner schwachen Stimme . » Desto besser , « sagte Godwi , » Sie können dann noch einen Vers anhängen , in dem Sie ihn ausschimpfen , daß er Ihnen einen Schnupfen zugezogen hat . Doch ich will sehen , ob die Laute angekommen ist . « Einundzwanzigstes Kapitel Georg , der stille Diener , brachte mir die Laute , er hatte sie selbst aus dem Jagdhause geholt , wo sie , wie er sagte , noch von Kordelien her in einem Winkel gestanden habe . Es war ein schönes großes Instrument , und die gothischen Schnirkel , welche die Resonanzöffnung verschlossen , waren fein mit Gold und Elfenbein durchzogen . Eine recht freundliche Idee war , daß durch dieses Gitter alle Töne in Gestalt kleiner Engelsköpfe heraussahen , als seien sie wie himmlische Kinder hineingebannt , und sängen liebliche Lieder durch das Gitter ; sie öffneten nach der Reihe die Lippen recht kräftig und immer feiner , wie auch ihre Gesichter die Höhe und Tiefe des Tons durch das Alter ausdrückten . Der Steg stellte eine Äolsharfe vor , hinter der eine lauschende Jungfrau auf den Arm gestützt in schlafender Stellung lag . Ich brachte die Saiten mit Vergnügen in Ordnung , und ergötzte mich an dem ruhigen vollen Tone des Instruments . Ich war mit ihm in den Garten gegangen , denn meine ersten Akkorde opferte ich wie eine Libation eurem Angedenken , schwesterliche Seelen ! Ich hatte lange nicht gespielt , und es war mir , als erwache ein entschlummertes Götterbild in mir , und breite mit Wollust die Arme wieder wirkend und schaffend aus . Es war schon dunkel , und die Töne schienen die Dämmerung zu heben . Ich sang das herrliche katholische Mutter-Gottes-Lied : Ave maris stella etc. Meerstern , ich dich grüße usw. Dann ging ich zurück , und wir schickten uns nach Tische an , Habern seine Buße bestehen zu lassen . Die Sache ward recht lustig , er kam oben ans Fenster in ein Bettuch gewickelt , als jage ich ihn aus dem Schlafe , und wir sangen wechselsweise zur Laute folgendes scherzhafte italiänische Lied , wie ich es in der Eile im Deutschen nachgeahmt hatte . Giacinto : Dorme la bella , Amor , deh tu con l ' ali Rinfresca tal ' hor l ' aria , e fagli vento , Acciochè dell ' estate alcun tormento Non risenta la Dea , ch ' è tra mortali . Se i miseri occhi miei posar non ponno , Godi la quiete tua la quiete mia , E quello ch ' io perdei , placido sonno , Sen venga adormentar l