, die mit ihm über die Morgen-Auen der Jugend gezogen waren , und redete mit schwerer Lippe den toten Fürsten und seine Gattin an . Wie erhaben hing der mit einem langen Leben übermalte Vorhang des veralteten Angesichts vor der hinter ihm tanzenden Schäferwelt der Jugend nieder , und wie rührend wandelte die graue Gestalt mit dem jugendlichen Kranz im kalten Abendtau des Lebens umher und hielt ihn für Morgentau und sah nach Morgen und der Sonne ! - Nur die Locke des Greises rührte der Jüngling liebend-schonend an ; er wollte ihn - um ihn nicht mit einer fremden Gestalt zu erschrecken - verlassen , ehe der aufgehende Mond seine Augenlider weckend berührte . Nur wollt ' er vorher den Lehrer seiner Geliebten mit den Zweigen eines nahen Lorbeerbäumchens bekränzen . Als er davon zurückkam : drang schon der Mond mit seinem Glanze durch die großen Augenlider ; und der Greis schlug sie auf vor dem erhabnen Jüngling , der mit dem glühenden Rosenmond seines Angesichts , vom Monde verkläret , vor ihm wie ein Genius mit dem Kranze stand . » Justus ! « ( rief der Alte ) » bist du es ? « Er hielt ihn für den alten Fürsten , der eben mit blühenden Wangen und offnen Augen in der Unterwelt des Traums mit ihm gegangen war . Aber er kam bald aus dem träumerischen Elysium ins botanische zurück und wußte sogar Albanos Namen . Der Graf faßte mit offner Miene seine Hände und sagte ihm , wie lange und innig er ihn achte . Spener erwiderte wenig und ruhig , wie Greise tun , die alles auf der Erde so oft gesehen . Der Glanz des Mondlichts floß jetzt an der langen Gestalt herab , und das ruhig-offne Auge wurde erleuchtet , das nicht sowohl eindringt als alles eindringen lässet . Die fast kalte Stille der Züge , der junge Gang der langen Gestalt , die ihre Jahre aufrecht trug als einen Kranz auf dem Haupte , nicht als Bürde auf dem Rücken , mehr als Blumen denn als Früchte , die sonderbare Mischung von vorigem männlichen Feuereifer und weiblicher Zartheit , alles dieses weckte vor Albano gleichsam einen Propheten des Morgenlandes auf . Dieser breite Strom , der durch die Alpen der Jugend niederbrausete , zieht jetzt still und eben durch seine Auen ; aber werft ihm Felsen vor , so steht er wieder brausend auf . Der Greis sah den jugendlichen Jüngling je öfter je wärmer an ; in unsern Tagen ist Jugend an Jünglingen eine körperliche und geistige Schönheit zugleich . Er lud ihn ein , ihn in dieser schönen Nacht in sein stilles Häuschen zu begleiten , welches droben neben der Turmspitze steht , die oben ins Flötental hereinschauet . Auf den sonderbaren Irrsteigen , die sie jetzt wandelten , verwirrte sich Lilar vor Albano zu einer neuen Welt , wie nächtliche fliegende Silber-Wolken baueten sich die dämmernden Schönheiten in immer andere Reihen durcheinander , und zuweilen drangen beide durch ausländische Gewächse mit grellfärbigen Blüten und wunderlichen Düften . Der fromme Vater fragt ' ihm teilnehmend sein voriges und jetziges Leben ab . Sie kamen vor einen dunkeln Gang in der Erde . Spener faßte freundlich Albanos rechte Hand und sagte , dieser führe zu seiner Bergwohnung hinauf . Aber bald schien es hinabzugehen . Der Strom des Tales , die Rosana , klang noch herein , aber nur einzelne Tropfen des Mondlichts sickerten durch zerstreuete , mit Zweigen übersponnene Bergöffnungen durch . Die Höhlung sank weiter nieder - noch ferner rauschte das Wasser im Tale . - Und doch sang eine Nachtigall immer nähere Lieder - Albano schwieg gefasset . Überall gingen sie vor engen Pforten des Glanzes vorbei , den bloß ein Stern des Himmels hereinzuwerfen schien . - Sie stiegen jetzt zu einer fernen erleuchteten Zauberlaube hinab , aus hellroten und giftigen dunkeln Blumen , aus kleinen Zackenblättern und großem breiten Laube zugleich gewölbt , und ein verwirrendes weißes Licht , halb von hereinschäumenden Strahlen lebendig verspritzt und halb aus Lilien nur als weißer Staub angeflogen , zog das Auge in einen trunknen Schwindel - Zesara trat geblendet hinein , und indem er rechts nach dem einregnenden Feuer sah , fand er Speners Auge scharf links geheftet - er blickte hin und sah im Vorübereilen einen alten Mann , ganz dem verstorbnen Fürsten ähnlich , in eine Nebenhöhle schreiten - seine Hand zuckte erschrocken , Speners seine auch - dieser drang eilig weiter hinab - und endlich glänzte eine blaue gestirnte Öffnung - sie traten hinaus ..... Himmel ! ein neues Sternengewölbe - eine blasse Sonne zieht durch die Sterne , und sie schwimmen ihr spielend nach - unten ruht eine entzückte Erde voll Schimmer und Blumen , ihre Berge laufen leuchtend am Himmelsbogen hinauf und beugen sich herüber nach dem Sirius - und durch das unbekannte Land wandeln Entzückungen wie Träume , worüber der Mensch vor Freude weint . » Was ist das ? Bin ich in oder über der Erde ? « ( sagte Albano erstaunt und flüchtete das irrende Auge auf das Angesicht eines lebendigen Menschen ) - » ich sah einen Toten . « - - Viel liebreicher als vorher antwortete der Greis : » Das ist Lilar , hinter uns ist mein Häuschen . « Er erklärte den mechanischen Schein110 des Hinabsteigens . » Hier stand ich nun schon so viel tausendmal und ergötzte mich herzinniglich an den Werken Gottes . - Wie sah die Gestalt aus , mein Sohn ? « - » Wie der tote Fürst « , sagte Alban . Betroffen , aber fast gebietend sagte Spener leise : » Schweig wie ich bis zu seiner Zeit - er wars nicht - dein Heil und vieler Heil hängen daran - gehe heute nicht mehr durch den Gang . « Albano , durch den ganzen sonderbaren Tag halb entrüstet , sagte : » Gut , so geh ' ich durch den Tartarus zurück . Aber was bedeutet das Geister-Wesen , was mich überall verfolgt ? « - » Du hast « ( sagte der Alte , ihm liebend und erquickend auf die Stirn die Finger legend ) » lauter unsichtbare Freunde um dich - und verlasse dich überall auf Gott . Es sagen so viele Christen , Gott sei nahe oder ferne , seine Weisheit und seine Güte erscheine ganz absonderlich in einem Saeculo oder in einem andern - das ist ja eitel Trug - ist er nicht die unveränderliche ewige Liebe , und er liebt und segnet uns in der einen Stunde nicht anders als in der andern ? « Wie wir die Sonnenfinsternis eigentlich eine Erdfinsternis nennen sollten , so wird nur der Mensch verfinstert , nie der Unendliche ; aber wir gleichen dem Volke , das der Verfinsterung der Sonne im Wasser zusieht und dann , wenn dieses zittert , ausruft : seht , wie die liebe Sonne kämpft ! Albano trat in die Einsamkeit der reinlichen geordneten Wohnung des alten Mannes nur beklommen , weil in der heißen Asche seines Vulkans alles üppiger trieb und grünte . Spener zeigte von seinem Bergrücken hinüber auf das sogenannte » Donnerhäuschen « 111 und riet ihm , es diesen Sommer zu bewohnen . Albano schied endlich , aber sein bewegtes Herz war ein Meer , in welchem die Morgensonne glühend noch halb steht und in welches sich in Abend ein bleifarbiges Gewitter taucht und das glänzend schwillt unter dem Sturm . Er sah aus der Tiefe nach dem nachblickenden Greise hinauf ; aber er hätte sich heut kaum gewundert , wenn dieser versunken oder aufgestiegen wäre . In zornig-mutigen Entschlüssen , für seine Liebe , wornach kalte Hände griffen , mit seinem Leben zu bürgen und zu opfern , schritt er durch den vom Vergrößerungsspiegel der Nacht zum schwarzen Riesen-Troß aufgezognen Tartarus ohne alle Furcht ; so ist die Geisterwelt nur ein Weltteil unserer innern , und das Ich fürchtet nur das Ich . Da er vor dem Altare des Herzens in der stummen Nacht , wo nichts laut war als der Gedanke , stand , so riet ihm der kühne Geist einige Male , den alten Toten zu rufen und laut zu schwören bei seinem Herzen voll Staub ; - aber als er zum schönen Himmel aufsah , wurde sein . Herz geheiligt , und es betete nur : » O guter Gott , gib mir Liane ! « - Es wurde finster , die Wolken , die er für glänzende , in den Himmel herübergebogne Gebirge einer neuen Erde genommen , hatten den Mond erreicht und düster überzogen . Dreizehnte Jobelperiode Roquairols Liebe - Philippica gegen die Liebhaber - die Gemälde - Albano Albani - das harmonische tête-à-tête - die Blumenbühler Reise 60. Zykel Aus den Tropfen , welche die Harmonika aus Rabettens Herzen gezogen hatte , bereitet der alte Zauberer , das Schicksal , wie andere Zauberer aus Blut , vielleicht finstere Gestalten ; denn Roquairol hatte es gesehen und sich über das Gefühl eines Herzens verwundert , das bisher mehr Arbeiten als Romane in Bewegung gesetzt hatten . Nun trat er ihr mit Anteil näher . Er hatte seit der Nacht des Schwurs sein Herz aus allen unwürdigen Ketten gezogen . In dieser Freiheit des Sieges ging er stolzer einher und streckte die Arme leichter und sehnsüchtiger nach edler Liebe aus . Er besuchte jetzt seine Schwester unaufhörlich ; aber er hielt noch an sich . Rabette war ihm nicht schön genug neben der zarten Schwester , eine Bandrose neben einer von van der Ruysch ; sie sagte selber naiv , sie sehe mit ihrer Dorf-Farbe im weißen Linon wie brauner Tee in weißen Tassen aus . Aber in ihren gesunden , noch nicht von tragischen Tropfen mattgebeizten Augen und auf den frischen Lippen glühte Leben , ihr kräftiges Kinn und ihre gebogne Nase drohten und versprachen Mut und Kraft , und ihr aufrichtiges Herz ergriff und verstieß entschieden und heftig . Er beschloß , sie zu - prüfen . Der Talmud112 verbietet , nach dem Preis einer Sache zu fragen , wenn man sie nicht kaufen will ; aber die Roquairols feilschen immer und gehen weiter . Sie reißen eine Seele wie Kinder eine Biene entzwei , um aus ihr den Honig zu essen , den sie sammlen will . Sie haben vom Aale nicht nur die Leichtigkeit , zu entschlüpfen , sondern auch die Kraft , den Arm zu umschlingen und zu zerbrechen . Er ließ nun vor ihr alle blendenden Kräfte seines vielgestaltigen Wesens spielen - das Gefühl seiner Überlegenheit ließ ihn sich frei und schön bewegen , und das sorglose Herz schien nach allen Seiten offen - er kettete den Ernst an den Scherz , die Glut an den Glanz , das Größte ans Kleinste so frei und die Kraft an die Milde . - Unglückliche ! nun bist du sein ; und er trägt dich von deinem festen Boden mit Raubschwingen in die Lüfte , und dann wirft er dich herab . Wie ein Gewächs am Gewitterableiter wirst du deine Kräfte reich an ihm entfalten und hinaufgrünen ; aber er wird den Blitz auf sich und deine Blüten ziehen und dich entblättern und zerschlagen . Rabette hatte einen solchen Menschen nie gedacht , geschweige gesehen ; er drang gewaltsam in ihr gesundes Herz , und eine neue Welt folgte ihm nach . Durch Lianens Liebe gegen den Hauptmann ging ihre noch höher auf ; und beide konnten von ihren Brüdern in freundlichem Wechsel sprechen . Die gute Liane suchte der Freundin mancherlei beizubringen , was sich schwer festsetzen wollte , besonders die Mythologie , welche ihr durch die französische Aussprache der Götter noch unbrauchbarer wurde . Sogar mit Büchern suchte Liane sie zusammenzubringen , so daß Lektüre ihr eine Art von Wochen-Gottesdienst wurde , dem sie mit wahrer Andacht beiwohnte und dessen Ende sie stets ergötzte . Durch alle diese Schöpfräder der Erkenntnis strömte Roquairols Liebe hindurch und half treiben und schöpfen . - Wie viele Errötungen flogen jetzt ohne allen Anlaß über ihr ganzes Gesicht ! Das Lachen , womit sie sonst heiter war , kam jetzt zu oft und bedeutete nur ein unbeholfnes Herz , das seufzen will . So stand ihr Verhältnis , als Karl einst scherzend hinter sie schlich und ihr die Augen mit einer Hand verdeckte , um ihr unter der Maske der brüderlichen Stimme sanfte schwesterliche Namen zu geben . Sie verwechselte die ähnliche Stimme , sie drückte inbrünstig die Hand , aber ihr Auge war heiß und naß . Da fand sie den Irrtum und floh mit der bedeckten Abend- und Morgenröte ihres Angesichts aus dem Zimmer . Jetzt schaute er Lianen , die ihn darüber tadelte , näher ins Auge , und auch ihres hatte geweint . Sie wollte ihm anfangs den Gegenstand der verschwisterten Rührung verhehlen ; aber das fremde Nein war für ihn von jeher ein Hülfswort , ein Rückenwind , der ihn in den Hafen brachte . Liane wurde immer bewegter , endlich erzählte sie , daß Rabettens Berichte von Albanos Jugendgeschichte ihr die von der seinigen abgefodert und daß sie ihr die Sterbe-Nacht auf der Redoute gemalt und sogar sein blutiges Kleid gewiesen habe . » Und da weinte sie « ( sagte Liane ) » mit mir so herzlich , als wenn sie deine Schwester wäre . - O es ist ein liebes Herz ! « Karl sah beide wie zwei Auen miteinander verbunden , nämlich durch den Regenbogen , der auf beiden mit Tropfen aufsteht ; er zog sie mit dankender Liebe an die Brust . » Bist du denn glücklich ? « fragte Liane mit einem Ton , der etwas Trübes weissagt . Sie mußte ihr volles Herz aufschließen und ihm alles sagen staunend höret er , daß ihr die ganze Tartarus-Nacht , worin die unbekannte Stimme Linda de Romeiro seinem Freunde zugesprochen , bekannt geworden . Durch wen ? - Sie schwieg unerbittlich ; er beruhigte sich , weil es doch nur Augusti sein konnte , der allein es wußte . » Und nun glaubst du , du Herz vom Himmel , « ( sagt ' er ) » ich und mein Seelenbruder könnten uns je raubend entzweien ? O , es ist all ' anders , all ' anders ! - Er verflucht die Aftergeister und den Zweck der Äfferei - o er liebt mich ; und mein Herz wird am Tage glücklich sein , wo es seines wird . « Der vielfache rührende Sinn dieser letzten Worte löste ihn in eine heilige Wehmut auf . Aber sie nahm sich mitten in der herzlichsten Ergießung wie aus Frömmigkeit der Geister an und sagte : » Sprich nicht so von Geister-Erscheinungen ! Sie sind , das weiß ich . - Nur nicht zu fürchten braucht man sie . - « Sie hielt aber hier mit fester Hand den Schleier über ihren Erfahrungen fest ; auch wußt ' er längst , daß sie , ungeachtet ihres fast zuckend-weichen Gefühls , das sogar den Anblick der blauen Adern auf der Lilien-Hand wie eine Wunde scheuete , doch vor Toten und in den Geisterstunden der Phantasie unerwartet beherzt erschien . Hinter den Wellen so verschiedener Art , die jetzt sein Herz aufund abtrieben , war Rabette verdunkelt . Er brannte nun bloß nach der Stunde , wo er seinem Albano die sonderbare Verräterei des Lektors sagen konnte . 61. Zykel Noch ehe der Hauptmann seinem Freunde Augustis wahrscheinliche Verräterei entdeckte : war Albano fast ganz mit dem Lehrerpaar in Zwist . In einem Kreise voll Jünglingsherzen , die für einander schlagen und noch lieber fechten , fassen immer zwei unzerreißlich ineinander und werden eins auf fremde Kosten . Albano schied sich keck von jedem , dem Karl mißfiel . Schoppe wurde ohnehin von wenigen lange geliebt , weil wenige einen ganz freien Menschen erdulden ; die Blumenketten halten besser , denken sie , wenn Galeerenketten durch sie laufen . Er litt es daher nicht , wenn einer » mit zu enger Liebe sich so fest um ihn klammerte , daß er die Arme so wenig freibehielte , als trag ' er sie in Bandagen von 80 Köpfen « . Die sarkastische Lebhaftigkeit seiner Pantomime erkältete durch den Schein einer strengern Beobachtung den Hauptmann mehr als das gelassene Gesicht des Lektors , der eben darum alles schärfer ins stille Auge faßte . Der gute Schoppe hatte einen Fehler , den kein Albano vergibt ; nämlich seine Intoleranz gegen die » weiblichen Heiligenbilder von Hausenblase « , wie er sagte , gegen die sanften Irrungen des Herzens , gegen die heiligen Übertreibungen , durch welche der Mensch ins kurze Leben eine noch kürzere Freude einwebt . Einst ging Karl wie auf einer Bühne mit untergesteckten Armen und niedergesenktem Kopfe auf und ab und sagte zufällig , daß es der Titular-Bibliothekar vernahm : » ich wurde noch wenig von den Menschen verstanden in meiner Jugend . « Weiter sagt ' er nichts ; aber man schütte aus Scherz ein Mandel Hornisse , ein Schock Krebse , eine Kanne voll Waldameisen auf einmal über die bibliothekarische Haut und beobachte flüchtig die Wirkungen des Stechens , Kneipens , Beißens : so kann man sich doch einigermaßen vorstellen , was in ihm zuckte , schwoll und auffuhr , sobald er die obige Phrasis vernahm . » Herr Hauptmann , « ( fing er tief-einatmend an ) » ich halte viel auf dieser rostigen Tölpel-Erde aus , Hungersnot - Pestilenz - Höfe - den Stein - und die Narren von Pol zu Pol - aber Ihre Phrasis übersteigt meine Schultern . O Herr Hauptmann , Sie dürfen - ganz gewiß - die Redensart mit Fug gebrauchen , weil Sie , wie Sie sagen , nicht verstanden werden . Aber o Himmel , o Teufel ! ich höre ja 30 000 Jünglinge und Mädchen von Leihbibliothek zu Leihbibliothek alle mit aufgeblähter Brust rings umher sagen und klagen , es fasse sie niemand , weder der Großvater noch die Paten noch der Konrektor , da doch das packpapierne Alltags-Pack selber nicht fasset . Aber der Junge meint damit bloß ein Mädchen und das Mädchen einen Jungen ; diese können einander fassen . Aus der Liebe will ich wie aus den Kartoffeln verschiedene Gerichte zubereiten ; man scher ' ihr , wie dem Bären in Göttingen , das tierische Haar ab , kein Blumenbach kennt sie mehr . Herr v. Froulay , ich habe diese verdammte Erhebung der Seelen bloß aus Niedrigkeit wohl öfters mit den englischen Pferdeschwänzen verglichen , die auch immer gen Himmel stehen , bloß weil man ihre Sehnen durchschnitten . Soll man nicht toll werden , wenn man alle Tage höret und alle Tage lieset , wie die gemeinsten Seelen , die Leberreime und Trompeterstückchen der Natur , sich durch die Liebe über alle Leute erhoben denken wie Katzen , die mit angeschnallten Schweinsblasen fliegen ; - wie sie sich ins Hasenlager und in die Stapelstadt der Liebe , in die andere Welt bestellen wie auf einen Blocksberg , und wie sie auf diesem Finkenherd in dieser theatralischen Anziehstube - die dann das Gegenteil wird - ihr Wesen treiben , bis sie kopuliert sind ? Dann ists vorbei , Phantasien und Poesien , die ihnen jetzt erst recht dienlich wären , sind geholt ! Sie laufen von ihnen weg wie Läuse von Toten , ob diesen gleich die Haare dazu fortsprießen . Vor der zweiten Welt grauset ihnen ; und werden sie Witwer und Witwen , so machen sie ihre Liebschaft recht gut ab ohne Schweinsblasen und ohne das Federspiel und die spanische Wand der zweiten Welt . - So etwas , Herr Hauptmann , bringt nun auf , und dann muß in der Hitze der Gerechte mit dem Ungerechten leiden , wie Sie leider hören . « - - Alban , der nie leichtsinnig vergab , sonderte sich schweigend von einem Herzen ab , das , wie er unrecht sagte , die Flammen der Liebe mit satirischer Galle auslöschte . In der Kette der Freundschaft mit Augusti brach vollends ein Ring nach dem andern entzwei . Der Graf fand im Lektor den Kleinigkeitsgeist , der ihm widriger war als jeder böse ; - die Eleganz des guten Hofmanus - sein Anstand , selber in der Einsamkeit - seine Neigung , die kleinsten Mysterien so gut zu verwahren als die großen - seine Sucht , hinter jeder Handlung einen langen Plan aufzutreiben - sein Wahrheitsdurst nach echten historischen Quellen am Hofe und in der Stadt - und seine Kälte gegen die Philosophie trocknete das Bild , das sich Albano von ihm aufgespannt , so aus , daß es einrunzelte und rissig wurde . Solche Unähnlichkeiten schlagen unter gebildeten Menschen nie zu offnen Fehden aus ; aber sie legen heimlich dem innern Menschen ein Waffenstück nach dem andern an , bis er hartgepanzert dasteht und losschlägt . Nun war noch dazu der Lektor dem Hauptmann von Herzen gram , weil dieser der Ministerin viele bange Stunden und Lianen und sogar dem Grafen viel Geld kostete und weil er ihm den Jüngling zu verdrehen schien . Die sonst gerade aufsteigende Flamme Albanos wurde jetzt durch die Hindernisse der Liebe nach allen Seiten gebogen und glühte wie Lötfeuer schärfer ; aber diese Schärfe schrieb Augusti dem Freunde zu . Albano erschien , denen , die er liebte , wärmer , denen , die er ertrug , kälter , als er war , und sein Ernst wurde leicht mit Trotz und Stolz vermengt ; aber der Lektor glaubte , ihm sei dessen Liebe gestohlen von Karl . Er versuchte mit gleichviel Feinheit und Freimütigkeit , dem Grafen eine gute Karte von den Flecken zuzuspielen , die im Himmelskörper dieses Jupiter ausgesäet waren . Aber er zerriß jede Karte - Karls schmerzliche Bekenntnisse in jener Nacht löschten alle fremde Nachträge aus - und Albanos herrlicher Glaube , man müsse den Freund ganz decken und ihm ganz vertrauen , wehrte jeden Einfluß ab . O es ist eine heilige Zeit , worin der Mensch für den Altar der Freundschaft und Liebe noch Opfer und Priester ohne Fehl begehrt und - erblickt ; und es ist eine zu harte , worin die so oft belogne Brust sich an der fremden mitten im Liebestrunk des Augenblicks die kalte Nachbarschaft der Gebrechen weissagt ! - Da der Lektor überall sah , daß Alban über manche seiner Rügen an Karl , z.B. dessen Wildheit und Unordnung , darum kalt bleibe , weil er selber unter fremdem Tadel gemeinet zu sein glauben konnte , wie die Franzosen ( nach Thickneß ) das Lob eines Fremden an Einheimische richten : so griff er statt der Ähnlichkeit eine vollendete Unähnlichkeit des Hauptmanns an , seinen Leichtsinn gegen das Geschlecht . - Aber damit verdarb er noch mehr . Denn in der Liebe war ihm Karl der höhere Feueranbeter und der Lektor nur der , den die Kohle dieses Feuers schwärzt . Augusti nährte über die Liebe ziemlich die Grundsätze der großen Welt , die er bloß aus Ehre nie in Taten ausprägte , und gab nur den Erde-nahen Wolkenhimmel der Liebe zu ; der Hauptmann aber sprach von einem dritten oder Freudenhimmel derselben , worin nur Heilige die Seligen sind . Augusti sprach nach der Sitte der großen Welt viel freier , als er handelte , und zuweilen so offen , als speis ' er in einem - Brunnensaal ; Karl sprach mädchenhaft . Das jungfräuliche Ohr Albanos - das leicht in guten Visitenzimmern abfällt , und das in Studierstuben festsitzt - vereinigt mit seinem Mangel an der Erfahrung , daß sich eine zynische Zunge oft bei den enthaltsamsten Menschen , z.B. bei unsern possenreißenden Vorfahren , und eine aszetische in bescheidnen Libertins aufhalte - beides mußte den reinen Menschen in einen doppelten Irrtum verwickeln . So jagte in ihm Augusti immer mehr Sturmvögel auf . Beide standen oft nahe an völliger Trennung und Ausforderung ; denn der Lektor hatte zu viel Ehre , um sich vor irgend etwas zu fürchten , und wagte mit kaltem Blut so viel als andere mit heißem . Jetzt entdeckte Karl nun vollends seinem Freunde , obwohl mit aller Zartheit der Freundschaft , Lianens Bekanntschaft mit jener Tartarus-Nacht . - Der sonst verschwiegene Lektor muß nähere Vorteile durch sein Plaudern suchen , schloß Albano , und nun sog sich die Kröte der Eifersucht , die im lebendigen Baume lebt und wächst ohne sichtbaren Eingang und Ausgang , in seinem warmen Herzen fest . Die unbeantwortete Liebe ist ohnehin die eifersüchtigste . Gott weiß , ob er nicht der Maschinendirektor der mit so vielen Rädern ineinander gehenden Geisterszenen ist . Alles das sind Albanos verhüllte Schlüsse ; offne Anklagen waren seinem Ehrgefühl versagt . Aber sein warmes , sich immer aussprechendes Herz forderte eine wärmere Nachbarschaft ; und diese fand er , wenn er dem frommen Vater folgte und nach Lilar ins Donnerhäuschen zog - mitten unter die Blumen und Gipfel , um , näher am Herzen der Natur gelagert , schöner zu träumen und zu genesen . Nur eine warme sonnen-helle Stelle war für ihn in Karls historischem Gemälde : es war die Hoffnung nämlich , daß vielleicht bloß die Irrtümer über sein Verhältnis zur Gräfin , aus denen der Bruder Lianen geholfen , ihr das bisherige immer gleich-kalte Benehmen gegen ihn vorgezeichnet haben . Auf diese sonnige Stelle warf Rabette ein Billet , worin sie ihm schrieb , sie reise Sonnabends zu ihren Eltern zurück , weil der Minister komme . Jene Hoffnung - diese Nachricht - die künftig ungünstigern Umgebungen - sein Ziehen nach Lilar , das alles entschied in ihm den Vorsatz , eine einsame Minute an sich zu reißen und darin vor Lianen den Schleier von seiner Seele zu werfen und von ihrer . 62. Zykel Sonderbar durchschnitten sich die Zufälle an dem Tage , wo Albano ins ministerialische Haus zum Abschiednehmen von Rabetten - und von Lianen , sagte in ihm eine zitternde Stimme - kam . Rabette winkt ' ihn aus dem Fenster in ihr Zimmer . Sie hatte die Ikarusflügel ihres Anzugs in die Kästen zusammengelegt . Über ihr Inneres fuhr ein beugender Sturm hin und her ; Karl hatte das Gleichgewicht ihres Herzens durch seine Wärme aufgehoben und es durch kein Wort der Belohnung wieder hergestellt . Gleich den Tauben flattert sie um das hohe Schadenfeuer ; o möge sie nicht wie jene mit verzehrtem Gefieder entweichen und wiederkommen und endlich darin zerfallen ! - Sie sagte , sie sehne sich zu den Ihrigen , seit sie gestern eine Herde Schafe durch die Stadt treiben sehen . Sie begleiten am Sonnabend Liane und die Mutter , um der Einweihung der Kirche und der Beisetzung des Fürstenpaares beizuwohnen . Er bat sie so schnell und hastig , ihm heute im Garten eine einsame Minute mit der Freundin zuzubereiten , daß er ihre schöne Nachricht von Lianens Zurückbleiben und Aufenthalt bei ihr gar nicht hörte . Leider fand er bei der Ministerin den Vorzeiger herrlicher Gemälde , der wie die Natur nicht nur den Anfang seines Lenzes , sondern auch das Ende seines Herbstes mit Giftblumen113 machte , Herrn v. Bouverot . Dian hatt ' ihm vier himmlische Kopien aus Rom gesandt ; diese schlug er mit trocknem Kunstgaumen auf . Liane empfing den Grafen wieder wie immer . War etwan Raffaels Madonna della Sedia , in deren vom Himmel gesunknes Palladium sich ihre zarte Seele eingesenkt , die Siegelbewahrerin ihres heiligsten Geheimnisses ? Der alles vergessende Künstlereifer ließ ihr so hold ! Ihre Sehnerven waren durch ihr langes Malen gleichsam weiche Fühlfäden geworden , die sich eng um schöne Formen schlossen . Gewisse weibliche Bilder - wie dieses - regten ihre ganze Seele auf . Sie hatte nämlich in der Kindheit sich von den Heldinnen der Romane und überall von ungesehenen Weibern glänzende Sternbilder in ihren innern Himmel hingezeichnet , große Ideen von ihrem Mute , ihrem himmlischen Wandel , ihrer Erhabenheit über alles , was sie je gesehen , und sie hatte gleichviel Scheu und Sehnsucht empfunden , einer zu begegnen . Daher ging sie aus diesem kolossalischen Nymphäum ihrer Phantasie so leicht geblendet und mit solcher feurigen Herzens-Achtung reinen Freundinnen und der Gräfin Romeiro entgegen . Gewisse Gemälde führten nun diese Altarblätter wie Kopien zurück . Die Gute dachte nicht daran , aber wohl ihr Freund , daß man dieser liebend niedersehenden Marie die Augen bloß lebendig zu regen und diese Lippen bloß mit Lauten zu erwärmen brauche - dann hatte man Liane . Der deutsche Herr fuhr fort und legte nun Raffaels Joseph , der den Brüdern einen Traum erzählt , und den ältern Joseph , der dem König einen erklärt , nebeneinander und fing an , die drei Raffaele in Worte zu übersetzen , und das mit so vielem Glück und nicht nur mit so vieler Einsicht ins Mechanische und Genialische , sondern auch mit einer so bestimmten Hervorhebung jedes menschlichen und moralischen Zugs , daß - Alban ihn für einen Heuchler hielt und Liane für einen sehr guten Menschen . Sie ergriff jedes Wort mit einem weit offnen Herzen . Als Bouverot den weissagenden Joseph malte , zugleich als kindlich , unbefangen , still und felsenfest und glühend und drohend : so stand das Urbild an ihrer Seite . Dem deutschen Herrn entfuhr weiter viel Gedachtes über da Vincis Christus-Knaben im Tempel , über die herrlich vollführte Verbrüderung und Einkindschaft des Knaben und Jünglings in einem Gesicht . - - Liane hatte die Kopie auch kopiert , allein sie und die Mutter verschwiegen es bescheiden . - Aber endlich störte Franziskus Albani mit seiner » Ruhe auf der Flucht « die bisherige Ruhe . Indem er den Traumdeuter dieser malerischen Träume machte und Rabette scharf auf dem mit dem offnen Buche neben Marie sitzenden heiligen Joseph dieses Bildes haftete , sagte Liane unglücklicherweise : » Ein schöner Albani ! « - , » Ich dächte nicht , « ( sagte Rabette leise ) » der Bruder ist viel schöner als dieser betende Joseph ! « - Sie hatte