lag stets etwas Gönnerhaftes in seinem Wesen , wenn er mit dem Doktor verkehrte , der in seinen Augen nichts weiter war , als ein pensionierter Hauslehrer , dessen ganze Wichtigkeit in seinen Beziehungen zu dem Herrn von Wilicza bestand . Heute nun , bei der beabsichtigten Erklärung , war ihm Fabian im Wege , und er gab sich durchaus keine Mühe , das zu verbergen . » Ich bedaure zu stören . Sie halten wohl gerade französische Uebung mit dem Fräulein ? « Der Ton war so nachlässig , so ganz in der Art , wie man zu einem bezahlten Lehrer spricht , daß selbst die Gutmütigkeit des Doktors nicht davor standhielt . Er hatte es bisher noch nie über sich gewonnen , dieses Benehmen zu rügen , das sich Hubert oft genug gegen ihn erlaubte , heute aber verletzte es seine neue Bräutigamswürde doch gar zu empfindlich ; er richtete sich empor und sagte mit einer Haltung , die Gretchens höchste Befriedigung erregte : » Sie irren – wir übten uns in einer ganz andern Wissenschaft . « Der Assessor merkte durchaus nichts ; er war ganz mit dem Gedanken beschäftigt , wie er diesen unbequemen Menschen möglichst schnell beseitigen könne . » In der historischen vielleicht ? « fragte er spöttisch . » Das ist ja wohl Ihr Steckenpferd ? Leider ist es wenig geeignet für junge Damen . Sie werden das Fräulein damit langweilen , Herr Doktor Fabian . « Dieser wollte antworten , aber Gretchen kam ihm zuvor ; sie fand , daß es jetzt die höchste Zeit war , dem Herrn Assessor einen Dämpfer aufzusetzen , und unterzog sich dieser Mühe mit außerordentlichem Wohlgefallen . » Sie werden dem Herrn Doktor wohl bald einen andern Titel geben müssen , « sagte sie nachdrücklichst . » Er steht im Begriff , eine Professur in J. anzunehmen , die man ihm wegen seiner außerordentlichen wissenschaftlichen und litterarischen Verdienste angeboten hat . « » Wa – was ? « rief der Assessor zurückprallend , aber noch mit dem Ausdruck des vollsten Unglaubens . Er konnte sich in diese plötzliche Verwandlung des stets übersehenen Fabian in einen Universitätsprofessor unmöglich so schnell finden . Bei dem letztern hatte die Gutmütigkeit schon wieder die Oberhand gewonnen , und der Gedanke an die doppelte Kränkung , die er dem Neffen seines Gegners und dem unglücklichen Bewerber seiner Braut notgedrungen zufügen mußte , regte seine ganze Gewissenhaftigkeit auf , » Herr Assessor , « begann er , in der Voraussetzung , Hubert sei bereits von den letzten Vorgängen auf der Universität unterrichtet , was aber noch keineswegs der Fall war , » es ist mir sehr peinlich , von Ihrem Herrn Onkel so verkannt zu werden , wie es leider den Anschein hat . Niemand kann aufrichtiger als ich seine großen Verdienste schätzen und anerkennen . Seien Sie überzeugt , daß ich nicht den mindesten Anteil an dem Streit habe , den meine › Geschichte des Germanentums ‹ hervorrief . Professor Schwarz scheint zu glauben , daß ich aus eigensüchtigen Motiven jenen Streit geschürt und auf die Spitze getrieben hätte . « Jetzt begann dem Assessor ein Licht aufzugehen , aber ein schreckliches . Er kannte nicht den Namen jenes » obskuren Menschen « , den die Gegenpartei auf den Schild gehoben hatte , indem sie sich unterfing , sein Werk neben , ja über die Schwarzschen Schriften zu stellen , aber er wußte , daß es sich dabei um eine » Geschichte des Germanentums « handelte , und die Worte Fabians ließen ihm keinen Zweifel mehr , daß der Verfasser dieses Buches , dieser Intrigant , dieser Attentäter auf die Familienberühmtheit , leibhaftig vor ihm stehe . Er wollte seinem Erstaunen , seiner Entrüstung Worte leihen , als Gretchen , die sich schon berufen fühlte , die künftige Frau Professorin zu vertreten , von neuem dazwischen fuhr . » Jawohl , Professor Schwarz könnte das glauben , « wiederholte sie , » und dies um so mehr , da Doktor Fabian ausdrücklich berufen ist , ihn zu ersetzen und seinen Lehrstuhl in J. einzunehmen . Sie wissen doch bereits , daß Ihr Onkel seine Entlassung genommen hat ? « Der Assessor rang in einer so beängstigenden Weise nach Atem , daß Fabian einen bittenden Blick zu seiner Braut hinüber sandte , aber diese blieb mitleidlos . Sie konnte es nicht vergessen , daß Hubert schon vor Monaten sich ihres Jawortes gerühmt hatte , und wollte ihm eine Lehre dafür geben ; deshalb spielte sie ihren letzten Trumpf aus und ergriff sehr förmlich die Hand des Doktors . » Und gleichzeitig , Herr Assessor , habe ich das Vergnügen , Ihnen in dem künftigen Professor Fabian , dem Nachfolger Ihres berühmten Onkels , meinen Bräutigam vorzustellen . « – – – » Ich glaube , der Assessor ist übergeschnappt , « sagte Frank , der draußen auf dem Hofe stand , mit besorgter Miene zu seinem Inspektor . » Er kommt wie ein Tollhäusler aus dem Hause gestürzt , rennt mich fast über den Haufen , ohne zu grüßen , ohne mir Rede zu stehen , und schreit nach seinem Wagen . Er war schon den ganzen Morgen so aufgeregt . Wenn ihm nur die Verschwörungsgeschichten nicht zu Kopfe gestiegen sind ! Gehen Sie ihm doch einmal nach und sehen Sie , was er macht und ob er nicht etwa ein Unglück anrichtet ! « Der Inspektor zuckte die Achseln und deutete auf den Wagen , der soeben in vollem Trabe abfuhr . » Es ist zu spät , Herr Administrator – da fährt er eben hin . « Frank schüttelte sehr bedenklich den Kopf und trat in das Haus , wo ihm nun allerdings die Erklärung für den Sturmlauf des Assessors zu teil wurde und seine ernstlichen Zweifel an dessen Verstand beseitigte . Der Kutscher vom Schlosse aber , der gleichfalls auf dem Hofe stand , faltete die Hände und sagte aufatmend : » Er ist fort . Gott sei Dank – nun kann er mich nicht mehr vernehmen . « In Wilicza selbst herrschte inzwischen eine dumpfe gewitterschwüle Atmosphäre , die sogar von der Dienerschaft empfunden wurde . Seit Herr Nordeck gestern abend in Begleitung der Gräfin Morynska von der Grenzförsterei zurückgekehrt war , herrschte Sturm in den oberen Regionen des Schlosses – die Anzeichen verrieten es nur zu deutlich . Die junge Gräfin hatte noch an demselben Abend eine Unterredung mit ihrer Tante gehabt , seitdem aber ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen . Auch die Fürstin wurde wenig sichtbar , und wenn es geschah , so war ihr Aussehen derart , daß die Dienerschaft es für gut hielt , so wenig wie möglich in ihre Nähe zu kommen ; sie kannte diese gerunzelte Stirn und diese fest zusammengepreßten Lippen bei der Gebieterin und wußte , daß sie nichts Gutes verkündeten . Selbst Waldemar zeigte nicht die gewohnte kalte Ruhe , die er gerade dann nach außen hin zu bewahren wußte , wenn es in seinem Innern am heftigsten stürmte . Vielleicht trug die zweimalige Abweisung die Schuld daran , welche er im Laufe des Tages von Wanda hatte erfahren müssen . Es war ihm nicht gelungen , sie wieder zu sehen seit der Minute , wo er sie , erschöpft von der Aufregung und dem Blutverlust , halb ohnmächtig in die Arme seiner Mutter gelegt . Sie weigerte sich , ihn zu sehen , und doch wußte er , daß sie nicht ernstlich krank war . Der Arzt hatte ihm wiederholt versichert , die Wunde der Gräfin sei in der That gefahrlos und werde ihr morgen schon gestatten , nach Rakowicz zurückzukehren , wenn er sich ihrem Verlangen , dies auf der Stelle zu thun , auch habe widersetzen müssen . Es blieb dem jungen Gutsherrn freilich nicht viel Zeit , sich mit seinen eigenen Angelegenheiten zu beschäftigen , denn von außen her stürmte alles mögliche auf ihn ein . Die Leiche des Försters wurde nach Wilicza gebracht , bei welcher Gelegenheit man erst das Entweichen des gesamten Forstpersonals entdeckte . Die Försterei mußte unter andre Aufsicht gestellt und die nötigen Maßregeln zur Sicherheit und zum Schutze des einstweilen dorthin gesendeten Inspektors Fellner getroffen werden . Alles hatte Waldemar selbst zu leiten und anzuordnen . Schließlich kam noch Assessor Hubert und quälte ihn mit Vernehmungen , Protokollen und Ratschlägen so lange , bis er die Geduld verlor und zu dem bewährten Mittel seiner Mutter griff , um sich den unbequemen Beamten abzuschütteln , aber kaum war er den Assessor und seine Verschwörungsgeschichten los , so kamen andre Anforderungen . Man hatte jetzt auch in L. erfahren , wie es drüben bei den Insurgenten stand und daß die nächsten Tage aller Wahrscheinlichkeit nach Kämpfe in unmittelbarer Nähe der Grenze bringen würden . Infolgedessen war der Befehl ergangen , die Grenzbesatzung bedeutend zu verstärken , um auf alle Fälle das diesseitige Gebiet zu schützen und vor Verletzungen zu bewahren . Eine starke Militärabteilung zog durch Wilicza , und während die Mannschaften auf einige Stunden im Dorfe Halt machten , sprachen die Offiziere , die den Gutsherrn persönlich kannten , im Schlosse ein . Die Fürstin blieb natürlich unsichtbar , wie sie es stets den Gästen ihres Sohnes gegenüber war , seit dieser sich offen gegen sie und die Ihrigen erklärt hatte , und so mußte Waldemar denn allein die Ankömmlinge empfangen ; ob er in der Stimmung dazu war , danach fragte niemand . Es galt den Fremden eine ruhige , unbewegte Stirn zu zeigen , damit sie nicht noch mehr von der Familientragödie erfuhren , als sie ohnedies schon wußten . Sie kannten ja die Rolle , welche der Bruder und der Oheim des Schloßherrn in dem Aufstande spielten , die Stellung des Sohnes der Mutter gegenüber ; das alles war ja Tagesgespräch in L. , und Waldemar empfand schwer genug die Rücksicht , mit der man sich bemühte , in seiner Gegenwart jede Hindeutung darauf zu vermeiden und den ganzen Aufstand nur insofern zu berühren , als man eben nur die neuesten militärischen Maßregeln auf deutscher Seite besprach , die dadurch hervorgerufen wurden . Endlich , spät am Nachmittag , zog das Detachement ab , um noch vor Einbruch der Dunkelheit die angewiesenen Posten an der Grenze zu erreichen . Und nun kam zuletzt noch Doktor Fabian , der nunmehrige Bräutigam und künftige Professor , mit seiner doppelten Neuigkeit , für die er doch auch bei seinem ehemaligen Zögling Teilnahme und Interesse beanspruchte , und zwang diesen , sich um fremdes Glück zu kümmern , wo er das seinige rettungslos in Trümmer gehen sah – es gehörte in der That eine so stählerne Natur wie die Nordecks dazu , um dem allem mit dem Anscheine äußerer Ruhe standzuhalten . Es war am zweiten Tage nach jenem Ereignisse auf der Försterei , zu noch sehr früher Stunde . Die Fürstin war allein in ihrem Salon ; man sah es ihrem Gesicht an , daß von einer Nachtruhe bei ihr nicht viel die Rede gewesen war . Der graue Nebelmorgen draußen vermochte es nicht , das hohe düstere Gemach vollständig zu erhellen ; der größte Teil desselben blieb in Schatten gehüllt , nur das Kaminfeuer warf seinen unruhig flackernden Schein auf den Teppich und auf die Gestalt der Fürstin , die in unmittelbarer Nähe saß . In finsteres Nachsinnen verloren , stützte sie den Kopf in die Hand . Was sie vorgestern abend erfahren hatte , das wühlte und arbeitete immer noch in ihrem Innern ; die Frau , die es sonst so ausgezeichnet verstand , sich auf den Boden der Thatsachen zu stellen und mit denselben zu rechnen , konnte diesmal nicht damit fertig werden , Also es war umsonst gewesen . Die Schonungslosigkeit , mit der sie ihrer Nichte damals das eigene Innere enthüllte , um ihr eine Waffe gegen die entstehende Leidenschaft in die Hand zu geben , die monatelang so streng und unverbrüchlich festgehaltene Trennung , die letzte Unterredung in Rakowicz – alles umsonst ! Vor einem einzigen Momente , vor einer Gefahr , die Waldemar bedrohte , sank das alles zusammen . Wanda hatte ihrer Tante noch an demselben Abend das Geschehene mitgeteilt . Die junge Gräfin war viel zu stolz , viel zu sehr in ihren nationalen Vorurteilen befangen , um sich nicht mit aller Energie von dem Verdachte zu reinigen , sie habe wirklich das gethan , was die Fürstin » Verrat « nannte . Sie erklärte der Tante , daß sie keine Warnung gesandt , keinen Argwohn erweckt habe , daß sie erst im letzten Augenblicke , als es hinsichtlich der Försterei nichts mehr zu verbergen und zu retten gab , dazwischen getreten sei . Wie das geschehen war , und was sie gethan hatte , um Waldemar zu retten , konnte sie freilich auch nicht verbergen – die Wunde an ihrem Arme sprach deutlich genug . Der Eintritt ihres Sohnes weckte die Fürstin aus den quälenden Gedanken , die in ihrem Innern auf und nieder wogten . Sie wußte es , woher er kam . Pawlick hatte ihr gemeldet , Herr Nordeck habe es heute morgen zum drittenmal versucht , Einlaß bei der Gräfin Morynska zu erlangen , und diesmal auch wirklich seinen Willen durchgesetzt . Er kam langsam näher und blieb seiner Mutter gegenüber stehen . » Du kommst von Wanda ? « fragte sie . » Ja . « Die Fürstin sah in sein Gesicht , das in diesem Momente von dem aufflackernden Feuer hell beleuchtet wurde . Es stand ein Zug herben , aber verbissenen Schmerzes darin . » Also hast du es wirklich erzwungen , trotz ihrer wiederholten Weigerung . Freilich , was erzwängst du nicht ! Wenigstens wird die Unterredung dich überzeugt haben , daß es nicht mein Verbot war , das dir Wandas Thür verschloß , wie du mit solcher Bestimmtheit annahmst . Es war ihr eigener Wille , dich nicht zu sehen ; du hast ihn wenig genug geachtet . « » Ich werde nach dem , was Wanda gestern um meinetwillen gewagt hat , doch wenigstens das Recht haben , sie zu sehen und zu sprechen ; sprechen mußte ich sie . O , sei ganz ruhig ! « fuhr er mit ausbrechender Bitterkeit fort , als die Fürstin etwas erwidern wollte . » Deine Nichte hat vollständig deinen Erwartungen entsprochen und das möglichste gethan , mir jede Hoffnung zu rauben . Sie glaubt allerdings nur ihrem eigenen Willen zu folgen , wo sie sich blindlings dem deinigen unterwirft . Es waren deine Worte , deine Anschauungen , die ich aus ihrem Munde hören mußte . Ich allein hätte es vielleicht von ihr erreicht , erzwungen , wie ich diese Unterredung erzwang , aber ich vergaß , daß sie seit vorgestern abend unausgesetzt , deinem Einflusse preisgegeben war . Du hast ihr das Wort , das sie noch als ein halbes Kind , von euch überredet und gedrängt , meinem Bruder gab , als ein unwiderrufliches Gelübde hingestellt , das zu brechen Todsünde wäre , hast sie so in eure nationalen Vorurteile hineingehetzt – « » Waldemar ! « unterbrach ihn die Mutter drohend . » In das Vorurteil , « wiederholte er mit Nachdruck , » daß es ein Verrat an ihrer Familie und ihrem Volk wäre , wenn sie einwilligte , mir anzugehören , weil ich zufällig ein Deutscher bin und die Verhältnisse mich zwangen , feindselig gegen euch aufzutreten . Nun , du hast es erreicht ; sie würde jetzt eher sterben , als auch nur die Hand zu ihrer Befreiung rühren , oder mir Erlaubnis geben , das zu thun , und das danke ich dir allein . « » Ich habe Wanda allerdings an ihre Pflicht erinnert , « entgegnete die Fürstin kalt . » Es bedurfte dessen kaum mehr ; sie war schon allein zur Besinnung gekommen , und ich hoffe , das ist jetzt auch bei dir der Fall . Daß deine einstige Knabenneigung nicht erloschen , daß sie im Gegenteil zur Leidenschaft herangewachsen war , wußte ich seit dem Tage , wo du dich hier mir gegenüber als Feind erklärtest . In welchem Maße diese Leidenschaft erwidert wird , weiß ich erst seit vorgestern . Es wäre nutzlos , euch Vorwürfe über das Geschehene zu machen – es wird dadurch nicht ungeschehen gemacht , aber ihr fühlt wohl selbst , was ihr jetzt euch und Leo schuldig seid – die unbedingteste Trennung ! Wanda hat das bereits eingesehen , und auch du mußt dich dem fügen . « » Muß ich ? « fragte Waldemar . » Du weißt , Mutter , Fügsamkeit ist meine Tugend nicht , und am wenigsten da , wo mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele steht . « Die Fürstin sah mit dem Ausdrucke schreckensvoller Ueberraschung empor . » Was heißt das ? Willst du etwa versuchen , deinem Bruder die Braut zu rauben , nachdem du ihm bereits ihre Liebe geraubt hast ? « » Die hat Leo nie besessen . Wanda kannte sich und ihr Herz noch nicht , als sie seiner Neigung , als sie deinen und ihres Vaters Wünschen und den Familienplänen nachgab , Ihre Liebe besitze ich , und nun ich diese Gewißheit habe , werde ich auch zu behaupten wissen , was mein ist ! « » Nicht so unbeugsam , Waldemar ! « sagte die Fürstin fast mit Hohn . » Hast du schon bedacht , was dein Bruder dir auf eine solche Zumutung antworten wird ? « » Ich würde meine Braut freigeben , wenn sie mir erklärte , daß ihre Liebe einem andern gehöre , « erwiderte der junge Mann fest . » Unbedingt und entschieden freigeben , gleichviel , was ich dabei empfände . Leo wird das nun allerdings nicht thun , wie ich ihn kenne . Er wird außer sich geraten , Wanda bis zur Verzweiflung quälen und sich und uns eine Reihe der furchtbarsten Scenen bereiten . « » Willst du ihm Vorschriften für seine Mäßigung machen , du , der du ihn bis auf den Tod beleidigst ? « fiel die Mutter ein . » Freilich , Leo ist ja fern ; er steht im Kampfe für die heiligsten Güter seines Volkes , und während er stündlich das Leben dafür einsetzt , ahnt er nicht , daß sein Bruder zu Hause , hinter seinem Rücken – « Sie hielt inne , denn Waldemars Hand legte sich schwer auf die ihrige . » Mutter , « sagte er mit einer Stimme , welche die Fürstin warnte , denn dieser dumpfe gepreßte Ton ging bei ihm stets einem Ausbruche voraus . » Laß die Beschuldigungen , an die du selbst nicht glaubst ! Du weißt besser als jeder andre , wie Wanda und ich gegen diese Leidenschaft gekämpft haben , weißt , welcher Moment es war , der uns endlich das Siegel von den Lippen nahm . Hinter Leos Rücken ! Auf meinem Zimmer liegt der Brief , den ich an ihn schrieb , ehe ich zu Wanda ging ; meine Unterredung mit ihr ändert darin nichts . Wissen muß er es , daß das Wort › Liebe ‹ zwischen uns gefallen ist ; wir würden es beide nicht ertragen , ihm das zu verhehlen . Ich wollte den Brief dir übergeben . Du allein weißt mit Sicherheit , wo Leo jetzt zu finden ist , und kannst das Schreiben in seine Hände gelangen lassen . « » Um keinen Preis ! « rief die Fürstin heftig . » Ich kenne zu gut das Blut meines Sohnes , um ihm eine solche Folter aufzuerlegen . Fern zu bleiben , vielleicht noch monatelang , während seine ganze Eifersucht entfesselt ist und er sich hier in seinem Teuersten bedroht weiß – das geht über seine Kräfte . Und doch muß er ausharren , doch darf er seinen Posten nicht verlassen , ehe nicht alles dort entschieden ist . Nein , nein , davon kann keine Rede sein . Ich habe Wanda bereits das Wort abgenommen , zu schweigen , und auch du wirst mir das versprechen . Sie kehrt heute noch nach Rakowicz zurück und geht , sobald sie völlig hergestellt ist , zu unsern Verwandten nach M. , um dort so lange zu bleiben , bis Leo zurückgekehrt ist und seine Rechte persönlich wahren kann . « » Ich weiß es , « entgegnete Waldemar finster . » Sie selbst hat es mir gesagt . Sie kann ja jetzt nicht Meilen genug zwischen uns legen . Was die Liebe , was die Verzweiflung nur eingeben kann , das habe ich bei ihr versucht – es war vergebens ; sie setzt mir immer dieses unwiderrufliche Nein entgegen . – Sei ' s denn , bis zu Leos Rückkehr ! Vielleicht hast du recht – es ist besser , wir machen das Auge in Auge ab , und mir ist diese Art jedenfalls die liebste . Ich bin jeden Augenblick bereit , ihm Rede zu stehen . Was dann zwischen uns geschieht , ist freilich eine andre Frage . « Die Fürstin erhob sich und trat zu ihrem Sohne . » Waldemar , gib diese unsinnige Hoffnung auf ! Ich sage dir , Wanda würde nie die Deine , auch wenn sie frei wäre . Es steht zu vieles , zu unübersteigliches zwischen euch . Du täuschest dich , wenn du auf eine Sinnesänderung bei ihr rechnest . Was du nationale Vorurteile nennst , das ist für sie das Lebensblut , mit dem sie genährt ist seit ihrer frühesten Jugend , das sie nicht lassen kann , ohne das Leben selbst zu lassen . Mag sie dich lieben , die Tochter der Morynski , die Braut des Fürsten Baratowski weiß , was Pflicht und Ehre von ihr fordern , und wüßte sie es nicht , so sind wir da , sie daran zu erinnern , ich , ihr Vater , vor allen Dingen Leo selber . « Ein verächtliches Lächeln spielte um die Lippen des jungen Mannes , als er erwiderte : » Und glaubst du denn wirklich , daß einer von euch mich hindern würde , wenn ich Wandas Ja hätte ? Daß sie sich mir versagt , daß sie mir verbietet , für sie und um sie zu kämpfen , das ist ' s , was mir vorhin bei ihr die Fassung raubte . Aber gleichviel ! Wer wie ich nie im Leben Liebe erfahren hat , und wem sie sich dann plötzlich so ganz , so beglückend aufthut , wie in jener Stunde , der verzichtet und entsagt nicht so leicht . Der Preis ist mir denn doch zu hoch , als daß ich den Kampf nicht versuchen sollte . Wo ich alles zu gewinnen habe , da setze ich auch alles ein , und wenn sich noch zehnfach größere Hindernisse zwischen uns auftürmten – Wanda wird mein . « Es lag eine unbeugsame Energie in diesen Worten . Der rote Feuerschein vom Kamine her beleuchtete Waldemars Züge , die in diesem Augenblicke wie aus Erz gegossen erschienen . Die Fürstin mußte es wieder einmal anerkennen , daß es ihr Sohn war , der da vor ihr stand mit der verhängnisvollen blauen Linie an der Stirn , mit jenem Blicke und jener Haltung , » als sähe man die Mutter selbst « . Sie hatte sich bisher vergebens gemüht , das Unerhörte , Unmögliche zu begreifen , daß Waldemar , der kalte , finstere , abstoßende Waldemar ihrem Leo vorgezogen wurde , daß er Sieger blieb gegen den schönen ritterlichen Bruder , wo es sich um die Liebe eines Weibes handelte – in diesem Augenblicke begriff sie es . » Hast du vergessen , wer dein Gegner ist ? « fragte sie mit ernstem Nachdruck . » Bruder gegen Bruder ! Soll ich die feindselige , vielleicht blutige Begegnung zwischen meinen Söhnen mit ansehen ? Denkt ihr gar nicht an die Angst der Mutter ? « » Deine Söhne ! « wiederholte Waldemar . » Wo es sich um die Angst und die Zärtlichkeit der Mutter handelt , ist doch wohl nur von einem Sohne die Rede . Du vergibst es mir nicht , daß ich mich in das Glück deines Lieblings eingedrängt habe , und ich kenne eine Lösung , die dir wenig Thränen kosten würde . Aber sei ruhig ! Was ich thun kann , einen schlimmen Ausgang zu hindern , das geschieht ; sorge nur , daß Leo mir die Möglichkeit läßt , in ihm den Bruder zu sehen ! Du hast eine unumschränkte Gewalt über ihn ; auf dich wird er hören . Du weißt , ich habe es gelernt , meiner Natur Zügel anzulegen , aber meine Selbstbeherrschung geht nur bis zu einer gewissen Grenze ; reißt Leo mich darüber hinaus , so stehe ich für nichts mehr ein . Er versteht es wenig , fremde Ehre zu schonen , wo er sich beleidigt glaubt . « Sie wurden unterbrochen . Man meldete dem Schloßherrn , draußen stehe ein Unteroffizier des Detachements , das gestern durch Wilicza gezogen war , und verlange ihn dringend und sofort zu sprechen . Waldemar ging hinaus . Er war es seit den letzten Tagen gewohnt , daß diese äußeren Störungen sich gerade dann eindrängten , wenn man am wenigsten in der Stimmung war , ihnen Rechnung zu tragen . Im Vorzimmer stand der Gemeldete . Er brachte einen Gruß des kommandierenden Offiziers und eine Bitte desselben . Das Detachement stand , gleich nachdem es seinen neuen Posten bezogen , der Notwendigkeit gegenüber , einzuschreiten . Während der Nacht hatte drüben ein heftiger Kampf stattgefunden , der mit einer Niederlage der Insurgenten endigte ; sie flohen in größter Unordnung , hitzig verfolgt von den Siegern . Ein Teil der Flüchtlinge hatte sich durch den Uebertritt auf das diesseitige Gebiet gerettet . Sie waren von einer Patrouille angehalten und entwaffnet worden und sollten nach L. gebracht werden . Es befanden sich aber einige Schwerverwundete darunter , von denen man fürchtete , daß sie den Transport nicht aushalten würden ; der Offizier bat um vorläufige Aufnahme derselben in dem nahen Wilicza , Der Wagen mit den Kranken befand sich bereits unten im Dorfe . Waldemar war augenblicklich bereit , der Aufforderung nachzukommen , und ließ drüben auf dem Gutshofe die nötigen Anstalten zur Unterkunft der Verwundeten treffen . Er ging selbst in Begleitung des Unteroffiziers hinüber . Die Fürstin war inzwischen allein zurückgeblieben . Sie hatte die Nachricht nicht gehört und von der Meldung , die ihren Sohn abrief , keine Notiz genommen – es waren ganz andre Gedanken , die sie beschäftigten . Was nun ? Diese Frage erhob sich immer wieder wie ein drohendes Gespenst , das sich nicht bannen läßt ; hinausgeschoben konnte die Entscheidung wohl werden , aber damit wurde sie nicht aufgehoben . Die Fürstin kannte ihre Söhne hinreichend , um zu wissen , was zu erwarten stand , wenn sie sich als Feinde begegneten , und Todfeinde mußten sie von dem Augenblicke an werden , wo Leo die Wahrheit entdeckte . Er , dessen Eifersucht schon bei einem ersten unbestimmten Verdachte aufflammte , daß sie ihn fast seiner Pflicht abwendig machte , wenn er jetzt erfuhr , daß der Bruder ihm in der That die Liebe seiner Braut geraubt hatte , wenn Waldemars nur äußerlich gebändigte Wildheit bei dem Streite mit ihrer alten Macht hervorbrach – die Mutter bebte zurück vor dem Abgrunde , der sich mit diesem Gedanken vor ihr aufthat . Sie mußte , daß sie dann machtlos sein würde , auch ihrem Jüngstgeborenen gegenüber , daß in diesem Punkte ihre Gewalt über ihn zu Ende war . Waldemar wie Leo hatten das Blut ihrer Väter in den Adern , und welche Kontraste Nordeck und Fürst Baratowski auch sonst gewesen sein mochten , in einem waren sie gleich , in der Unmöglichkeit , die einmal aufgereizten Leidenschaften zu zügeln . Die Thür des Nebengemaches wurde geöffnet . Vielleicht kehrte Waldemar zurück ; er war ja mitten aus der Unterredung abgerufen worden , aber der Schritt war schneller , unruhiger als der seinige . Jetzt rauschten die Falten der Portiere , die von dem Eintretenden hastig beiseite geschoben wurde , und mit einem Schrei des Schreckens und der Freude fuhr die Fürstin von ihrem Sitz empor . » Leo ! Du hier ! « Fürst Baratowski lag in den Armen seiner Mutter . Er erwiderte die Umarmung wohl , aber er hatte kein Wort des Grußes . Schweigend und heftig preßte er sie an sich ; die Bewegung verriet nichts von der Freude des Wiedersehens . » Woher kommst du ? « fragte die Fürstin , bei der schon im nächsten Augenblicke die Besinnung und damit auch die Besorgnis die Oberhand gewann . » So plötzlich , so unerwartet ! Und wie kannst du so unvorsichtig sein , bei hellem Tage in das Schloß zu kommen ? Du weißt ja , daß dir hier überall die Verhaftung droht . Die Patrouillen streifen durch unser ganzes Gebiet . Warum wartest du nicht bis zum Eintritte der Dunkelheit ? « Leo richtete sich aus ihren Armen empor . » Ich habe lange genug gewartet . Seit gestern abend bin ich fort – die ganze Nacht habe ich wie auf der Folter gelegen ; es war unmöglich , die Grenze zu passieren – ich mußte mich verborgen halten . Endlich beim Tagesgrauen gelang es mir hinüber zu kommen und die Wälder von Wilicza zu erreichen – und dann kostete es neue Anstrengung , bis ich das Schloß gewann . « Er stieß das alles aufgeregt und abgebrochen hervor . Die Mutter sah erst jetzt , wie bleich und verstört er aussah . Sie zog ihn fast gewaltsam auf einen Sessel nieder . » Erhole dich ! Du bist zu Tode erschöpft von dem Wagnis . Welche Tollkühnheit , Leben und Freiheit aufs Spiel zu setzen um eines kurzen Wiedersehens willen ! Du mußtest dir doch sagen , daß bei uns die Angst um dich jede Freude überwiegt