findet er noch Gnade vor Ihren Augen ? « Die junge Frau schwieg . Sie hatte ja nichts gesehen von all der Frühlingspracht ringsum , nicht auf ihrer Fahrt durch Deutschland , nicht auf dem Wege hierher . Vor ihrer Seele stand nur das eine , Furchtbare : die Todesgefahr des Mannes , den sie liebte – wie sehr , das hatte ihr die Stunde gezeigt , in der sie jene Nachricht empfing . Jetzt hob sie das Auge zu ihm empor , mit einem tiefen Atemzuge der Erlösung , und dann floh es doch wieder scheu das seinige und schweifte hinaus in den sonnigen Forst , jetzt erst sah sie , daß es Lenz geworden war in der Welt . Hier freilich zeigte sich kein südliches Landschaftsbild mit Lorbeeren und Cypressen , keine mächtigen Berggipfel ragten auf , kein tiefblaues Meer wogte fern am Horizonte , aber hier rauschte ein deutscher Wald in seinem lichten Maiengewande . Durch die zartgrünen Schleier des jungen Laubes blickte der klare Frühlingshimmel mit den weißen Wolken , die hoch oben dahinschifften , und der Sonnenschein flutete herein und durchleuchtete den ganzen Wald mit goldigem Schimmer . Von allen Zweigen sang und klang es mit süßem Gezwitscher , mit hellem Lockruf , mit jubelndem Finkenschlag , und in den Gebüschen ringsum regte sich ein Wehen , ein Summen und Schwirren ohne Ende . Und inmitten dieses Waldwebens rauschte und rieselte der einsame Quell , der da aus dem Gestein hervorbrach mit seinem hellen Wasserstrahl , überschattet von den blühenden Wildrosen . Es klang und flüsterte in diesem Rauschen geheimnisvoll , aber deutlich vernehmbar für die beiden , die sich hier so nahe und doch so fern gegenüberstanden : Habt acht ! Laßt die Schicksalsstunde nicht wieder entfliehen ! Sonst ist ' s vorbei – vorbei ! Robert harrte vergebens einer Antwort auf seine Frage , sein Blick ruhte mit schmerzlichem Ausdruck auf dem Antlitz der jungen Frau , als er fortfuhr : » Wie lange ist es denn her , daß wir zusammen einen deutschen Frühling erlebten ? Wissen Sie es noch , Elfriede ? Ich zog damals hinaus , um drüben jenseit des Ozeans das Glück zu suchen , aber ich hatte mir die Sache doch allzuleicht gedacht . Der Kampf um das Glück wurde zunächst nur ein verzweifelter Kampf um das Dasein überhaupt . Oft genug war ich am Unterliegen , aber da war eines , was mich immer wieder emporriß , was mir Mut und Kraft gab zu neuem Ringen , eine Hoffnung , die Erinnerung an jene Abschiedsstunde , wo meine Braut an meiner Brust lag und mir unter Thränen gelobte : › Was auch kommen mag , Robert , ich lasse nicht von dir ! ‹ « » Robert , ich bitte Sie – nicht diese Erinnerungen ! « Die Stimme der jungen Frau klang halb erstickt , aber er beachtete die Bitte nicht , sondern fuhr mit steigender Bitterkeit fort : » Zwei Jahre später freilich , da erhielt ich einen Brief , der ganz anders klang . Da wurde mir mitgeteilt , daß sich ein reicher , vornehmer Freier gefunden habe , der alles das bieten konnte , was mir fehlte , daß die Eltern drängten , daß – kurz und gut , ich las es deutlich zwischen den Zeilen , daß man der › aussichtslosen Geschichte ‹ müde war . Der Frau Mutter war sie ja stets ein Dorn im Auge gewesen ; als sich nun vollends eine glänzende Partie fand , da war mein Urteil gesprochen . Und du , Elfriede – du gabst mich auf ! « » Nein , du warst es , der mich aufgab ! « fuhr Elfriede mit vollster Heftigkeit auf . » Ich stand allein , schutzlos , dem unermüdlichen Werben Wilkows , dem Drängen meiner Mutter gegenüber . Sie hielt es mir täglich vor , daß ich schon halb vergessen sei , deine Briefe würden ja immer kürzer , immer spärlicher – o , ich wußte das am besten ! In meiner Angst , in meinem erwachenden Mißtrauen suchte ich bei dir Schutz . Ich schrieb dir alles , und was war die Antwort ? Du sagtest dich los von mir mit den wildesten Anklagen gegen mich und meinen › Verrat ‹ , mit dem Ausbruch eines maßlosen Hasses gegen den Mann , der um mich warb , und den du nicht einmal kanntest . Du gabst mir nicht mein Wort zurück – vor die Füße hast du es mir geworfen ! « Der Vorwurf mochte wohl nicht ungerecht sein , denn Robert wies ihn nicht zurück und seine Stimme klang milder , als er erwiderte : » Meine Briefe – nun ja , die mögen kurz und karg gewesen sein , weil ich nichts Gutes zu melden hatte . Ich war ausgezogen mit dem stolzen Versprechen , uns ein Vermögen zu erringen , und sollte nun eingestehen , daß ich tagtäglich mit der bittersten Not rang ! Es wollte mir ja nichts , nichts glücken ! Was ich begann , schlug fehl , was ich wirklich einmal gewann , das ging wieder verloren . Und mitten in diesem verzweifelten Ringen kam der Brief , den ich für eine verhüllte Absage nahm – meine Antwort ist damals nur eine Verzweiflungsthat gewesen ! « » Und mein Jawort an Wilkow war es auch ! « sagte Elfriede leise . » Aber du wurdest doch sein Weib , « warf Robert mit bitterem Vorwurfe ein , » und wie zum Hohne kam bei mir schon im nächsten Jahre der Wendepunkt meines Lebens . Es gelang mir , Fuß zu fassen , und als ich erst fest stand , trotzte ich auch dem Schicksale ab , was es mir bis dahin versagte . Da ging es auf einmal aufwärts mit schwindelnder Schnelligkeit , da suchte mich das Glück förmlich , nachdem es mich so lange geflohen hatte , aber da war es zu spät – ich hatte dich verloren ! « » Verloren ? « Die junge Frau sah nicht auf , sie beugte sich tief über den sprudelnden Quell , als sie kaum vernehmbar hinzusetzte : » Du bist ja frei geblieben , Robert , und ich – bin es wieder geworden ! « » Aber du bist eine andere geworden , Friedel , eine ganz andere , « sagte er herb . » Wie du es verlernt hast , die Heimat zu lieben , so hast du auch kein Herz mehr für mich . Damals , bei unserer letzten Begegnung in Korfu , hätte ein Wort von dir unser beider Schicksal entschieden . Ich harrte darauf . Du sahst es , aber du gingst und ließest mich zum zweitenmal allein . « » Nun , so bin ich jetzt gekommen ! « Sie hatte sich emporgerichtet und in den dunklen Augen standen heiße Thränen . » Ich kam freilich in Todesangst , aber ich kam ja doch zu dir ! « » Zu mir ? « Adlau stutzte und sah sie einen Augenblick lang verständnislos an , dann aber erriet er die Wahrheit . » Du wußtest also – du hattest erfahren – ? « » Von deinem Sturze , ja . Der Vater schrieb mir , du seiest schwer verwundet , es sei alles zu fürchten ; da faßte mich die Angst , die Verzweiflung . Ich ließ mich nicht halten , sondern flog hierher . O , es waren furchtbare Stunden und Tage , aber gleichviel – ich wollte zu dir ! « Sie lehnte in ausbrechendem Weinen ihr Haupt an seine Schulter , er hatte ja längst schon die Arme ausgestreckt und sie stürmisch an seine Brust gezogen . Da versiegten denn die Thränen bald . » Friedel ! « Die Stimme Roberts bebte , aber sie klang in vollster Innigkeit . » Friedel , wir können ja doch nicht voneinander lassen , wir haben es oft genug erprobt ! Du und ich , wir gehören nun einmal zusammen , nun , so wollen wir es auch zusammen suchen , was noch keiner von uns allein gefunden hat – das Glück ! « Friedel antwortete nicht , sie schmiegte sich nur fester in seine Arme . Zu ihren Füßen rauschte und rieselte der Quell und wieder klang es empor , wie leises Flüstern , wie ein verhallendes Echo – das Glück ! Das Glück ! Geheimrat Rottenstein saß noch auf der Veranda mit seinem Gaste und sah nach der Uhr : nun , meinte er , könne die Sache im Reichenauer Forst endlich erledigt sein . Wellborn , der sich die unbegreifliche Sorglosigkeit des Vaters nicht erklären konnte , war längst unruhig geworden über das lange Ausbleiben der jungen Frau . Er behauptete , es müsse ihr im Walde etwas passiert sein , und machte eben zum zweitenmal den Vorschlag , Nachforschungen anzustellen . » Ist gar nicht nötig , da kommen sie schon ! « rief der alte Herr und wies auf das Gitterthor , wo soeben die Vermißte erschien , aber nicht allein . » Gott sei Dank ! « sagte Wellborn . » Aber Herr Adlau ist auch dabei – natürlich , er ist ja Ihr nächster Gutsnachbar . « » Ja , ich finde das auch ganz natürlich , aber jetzt entschuldigen Sie mich ! « rief der Geheimrat , indem er mit jugendlicher Rüstigkeit aufsprang und die Stufen hinabeilte , den Ankommenden entgegen , Wellborn erhob sich gleichfalls und schickte sich an , zu folgen . Er fand es auch › ganz natürlich ‹ , daß Elfriede in die weit ausgebreiteten Arme des Vaters flog und sich an seine Brust warf , aber dann kam etwas , das er › merkwürdig ‹ fand . Der alte Herr wandte sich zu Adlau und streckte ihm die Hand hin , aber dieser umarmte ihn ohne weiteres und küßte ihn herzhaft auf beide Wangen . Das schien ja eine sehr intime Freundschaft und Nachbarschaft geworden zu sein , ob die gnädige Frau wohl damit einverstanden war ? Ferdinand setzte eben den Fuß auf die Treppe , da – da legte dieser Freund und Nachbar urplötzlich den Arm um die gnädige Frau und küßte sie , hier im offenen Garten , am hellen Mittage , und sie schien ganz einverstanden damit ! Der junge Mann stand da wie eine Salzsäule . Er begriff überhaupt etwas schwer , bei diesem Anblick aber hörte sein Begriffsvermögen vollständig auf . Doch schon in der nächsten Minute ward ihm die Erklärung dafür , denn die laute , fröhliche Stimme des alten Herrn tönte bis zu ihm herüber : » Also verlobt habt ihr euch , Kinder ? Das dachte ich mir , weil die Geschichte so lange dauerte , und eine Ueberraschung war das gar nicht für mich ! Ich saß bereits seit einer halben Stunde auf der Veranda und wartete auf das Brautpaar . Aber eine Freude habt ihr mir gemacht , eine wahre Herzensfreude ! « Er breitete die Arme aus , und nun fing das Umarmen wieder an . Dem unglücklichen Ferdinand wurde es ganz schwarz vor den Augen . Er hatte gerade noch so viel Besinnung , sein Wetterglas vom Tisch zu raffen und damit in den Hausflur zu flüchten , der glücklicherweise auf der anderen Seite wieder hinaus und in den Hintergarten führte . Wie er eigentlich durch diesen Garten und hinausgekommen war , das wußte Wellborn dann selbst nicht . Er stand auf einmal am Ufer eines kleinen Baches , der lustig plätschernd zwischen Weinbergen dahineilte , und starrte wie geistesabwesend auf sein Wetterglas , das er krampfhaft festhielt . Dieses schändliche Glas wollte noch immer die günstige Vorbedeutung aufrecht erhalten , es stand unverrückt auf » Schön Wetter « . Da packte den jungen Mann die Wut . » Du bist falsch , wie der , der dich erfunden hat , grundfalsch ! « brach er ingrimmig aus . » Und sie ist auch falsch , die ganze Welt ist es ! Fort mit dir ! « In weitem Bogen flog das Wetterglas hinein in die Weinreben , wo es klirrend aufstieß ; aber diese außergewöhnliche Benutzung schien ihm Spaß zu machen . Es blieb nicht liegen , sondern hüpfte in lustigen Sprüngen den ganzen Berg hinunter und schließlich in den Bach . Da tauchte es noch einmal auf und verschwand dann in den Wellen . Merkwürdig , wie das ganze Dasein dieser Erfindung , war auch ihr Ende ! Dem Geheimrat Rottenstein war es eine große Erleichterung , als er bei der Rückkehr in die Veranda seinen Gast nicht mehr vorfand . Man wäre doch einigermaßen in Verlegenheit gewesen , was mit Ferdinand anzufangen sei , und erriet ungefähr , weshalb er so spurlos verschwand . Der alte Herr aber fand es jetzt für gut , in die Tiefe seines Kellers niederzutauchen , um dort etwas ganz Besonderes heraufzuholen . Er nahm eben den Schlüssel , da ertönte draußen ein Lachen , so hell , so übermütig und jugendfrisch , wie er es lange Jahre nicht gehört hatte . » Gott sei Dank , sie kann wieder lachen , meine Friedel ! « sagte er seelenvergnügt . » Das war ganz der alte Ton ! Und jetzt brauche ich auch nicht mehr nach Aegypten oder gar nach Indien , jetzt › versumpfe ‹ ich fröhlich weiter hier in meinem Lindenhof ! « Zufällig hatte Robert draußen auf der Veranda dasselbe Wort ausgesprochen ; er hatte seine Braut gefragt , ob sie denn wirklich entschlossen sei , in Brankenberg zu versumpfen , und damit jenes helle Lachen hervorgerufen ; jetzt aber fügte er tröstend hinzu : » Aber gar zu eng wollen wir uns doch nicht einspinnen in unserem Nest . Ich bin ja auch lange genug › da draußen ‹ gewesen ; da bleibt immer etwas hängen von der alten Wanderlust . Wir fliegen noch manchmal in die Welt hinaus , aber wir wissen dann doch , wo unsere Heimat ist . Wird dir das genug sein , Friedel ? « Die junge Frau war plötzlich ernst geworden und ihre Augen schimmerten feucht , als sie leise erwiderte : » Wenn du wüßtest , Robert , wie unglücklich ich gewesen bin in all den Jahren , wo sich die halbe Welt vor mir aufthat , wie öde und einsam es in mir war , während eine ganze Flut von Menschen mich umwogte ! Eingestanden habe ich das freilich niemals , nicht einmal mir selber , aber sie ist mir wie ein verlorenes Paradies erschienen , jene Zeit , wo wir beide noch arm waren – und so jung , so hoffnungsreich ! « Robert lächelte nur und sah ihr tief in das Auge , » Nun , so uralt sind wir doch auch jetzt noch nicht , sollte ich meinen ! Wir müssen es eben lernen , wieder jung zu sein . Den Reichenauer Forst aber kaufe ich jetzt unter allen Umständen . Da haben wir beide heute den Quell entdeckt , aus dem man sich neue Jugend trinkt und neues Leben , und den lassen wir keinem anderen , gelt Friedel ? Den wollen wir hüten unser Leben lang ! « Edelwild Die Nebelschleier , die so lange und dicht auf den Bergen gelegen hatten , begannen sich zu lichten , das unaufhörliche Rauschen und Rieseln des Regens war verstummt , und hoch oben am Himmel schimmerte zwischen jagenden Wolken das erste Blau . In der offenen Glasthür , die auf eine breite , steinerne Terrasse führte , stand ein Herr und blickte in das Nebelwogen da draußen . Von der Landschaft war noch nicht viel zu sehen , ein Stück des Sees , der dort unten lag , halb verschleierte Wälder und die undeutlichen Umrisse einzelner Berge , die auftauchten und wieder verschwanden . Das alles dampfte und gärte im Regendunst , aber der Beobachtende wandte sich nach dem Zimmer zurück und sagte mit voller Bestimmtheit : » Der Wind ist umgesprungen ! Der Wetterumschlag ist da ! « » Gott sei Dank ! « klang die Antwort einer Dame , die in einem hohen Lehnstuhl saß und jetzt die Handarbeit sinken ließ , mit der sie beschäftigt war . » Diese Landschaft mit ihren endlosen Wäldern ist bei Regenwetter unglaublich melancholisch ! « » Mein Restovicz gefällt dir nicht ? Ich habe es vorausgesehen , « entgegnete der Herr , indem er an ihrer Seite Platz nahm . » Es ist weit großartiger , als ich es mir vorgestellt habe . Du hast dich ja in deinen kurzen , flüchtigen Briefen nie auf Einzelheiten eingelassen , du schriebst nur von einem größeren Gute , das du gekauft hättest . Es klang ja auch ganz stattlich › Ulrich von Berneck auf Restovicz ! ‹ Daß du aber hier auf einer förmlichen Herrschaft sitzest , in einem alten Slowenenschlosse und ein ganzes Heer von Leuten kommandierst , das erfahre ich erst jetzt . Wenn das alles nur nicht so düster und fremdartig wäre ! Es macht mir einen beinahe unheimlichen Eindruck . « Die Bemerkung war , wenigstens für die nächste Umgebung , durchaus zutreffend . Das hohe Gemach , mit den dunklen Ledertapeten und tiefen Fensternischen , dessen Einrichtung offenbar noch aus alter Zeit stammte , mochte bei hellem Sonnenschein behaglicher sein . Heut , in dem trüben Lichte des Regennachmittags , sah es sehr düster aus , und der Ausblick in die Nebellandschaft da draußen war auch nicht erheiternd . Die Dame , im dunklen Seidenkleide , ein schwarzes Spitzentuch über dem schon ergrauten Haar , war eine vornehme Erscheinung , aber sehr kühl und gemessen in Haltung und Sprache . Dieselbe kühle beobachtende Ruhe lag auch in dem Blick , der langsam durch das Zimmer glitt und dann auf dem Gutsherrn haften blieb . Ulrich von Berneck , eine hohe , sehnige Gestalt , war bereits über die Jugend hinaus . Er sah vielleicht älter aus , als er in der That war , und das volle dunkelblonde Haar zeigte schon einen leichten grauen Schimmer an den Schläfen . Das Gesicht wäre anziehend gewesen ohne den Ausdruck herber Verschlossenheit , der ihm ein beinahe feindseliges Gepräge gab . Auch in den dunkelgrauen Augen lag etwas Finsteres , Herbes , und das Lächeln schien diesen Zügen überhaupt fremd zu sein . Er trug die hier allgemein übliche Bergtracht , aber der Anzug wie die Haltung verrieten eine gewisse Nachlässigkeit . Der Mann gab offenbar nicht viel auf äußere Formen , und trotzdem sah man es auf den ersten Blick , daß er den höheren Kreisen angehörte . » Es ist allerdings nichts für eine verwöhnte Großstädterin , « sagte er , an die letzte Bemerkung anknüpfend . » Ich kenne ja den Geschmack meiner Tante Almers und habe es auch deshalb gar nicht gewagt , sie einzuladen . « » Nein , du ließest es darauf ankommen , daß ich ungeladen kam – und vielleicht unwillkommen ! « erwiderte Frau Almers mit einiger Schärfe . » Aber Tante , ich bitte dich ! « » Nun , ich wollte doch wenigstens sehen , wo und wie du lebst . Aber , offen gestanden , Ulrich , ich begreife nicht , wie du auf die Idee gekommen bist , dich gerade hier anzukaufen , hier an der Grenze der Kultur , wo du gar keinen Verkehr , gar keine geistige Anregung hast . Wie kannst du das nur aushalten ? « Berneck zuckte die Achseln . » Aushalten ? Ich habe bisher so viel zu thun gehabt , daß ich noch gar nicht zum Bewußtsein meiner Einsamkeit gekommen bin . Und ich brauchte vor allen Dingen Arbeit ! « » Die hättest du auch bei uns gefunden . Wenn du nun einmal durchaus nicht in Auenfeld bleiben wolltest , so konntest du ein anderes Gut in der Heimat kaufen und es selbst bewirtschaften . « » Jawohl , eins von unseren Mustergütern ! « spottete Ulrich . » Wo es das ganze Jahr nach der Schablone geht und jeder Inspektor den Herrn ersetzen kann , weil es nur darauf ankommt , die Arbeitsmaschine in Gang zu halten . Das ist ja sehr bequem und behaglich , aber es füllt doch nicht das Leben aus ! « » Es hat doch früher das deinige ausgefüllt , « warf Frau Almers ein . » Auenfeld war meine Heimat , da war ich geboren und aufgewachsen . Das liebt man doch ! « » Und trotzdem hast du es aufgegeben ? Ulrich , ich begreife ja , daß jener unselige Vorfall dich schwer getroffen hat . Aber deshalb Haus und Hof verkaufen , mit all den früheren Beziehungen brechen und in die Fremde hinausgehen – das geht wirklich zu weit . Du warst doch schuldlos an der ganzen Sache und konntest – « » Schweig ! Ich bitte dich ! « unterbrach Berneck sie jäh und mit so wild auflodernder Heftigkeit , daß sie verstummte . Er war aufgesprungen und trat mit einer stürmischen Bewegung wieder an die offene Thür . Die Tante schüttelte mehr unwillig als erschrocken den Kopf . » Hast du das noch immer nicht überwunden ? « fragte sie halblaut . » Nein ! « klang es dumpf zurück . » So lassen wir es ruhen ! In dem Punkte ist nun einmal nicht mit dir zu rechten , sprechen wir von anderen Dingen ! – Ich begreife nicht , daß Paula sich noch nicht gemeldet hat , sie weiß es doch , daß sie zur Theestunde zurück sein muß . « Frau Almers wechselte den Gegenstand des Gespräches so ruhig , als sei ihr das jähe Auffahren ihres Neffen völlig entgangen . Er wandte sich langsam um und nahm seinen früheren Platz wieder ein , aber es stand eine finstere Falte auf seiner Stirn . » Fräulein Dietwald scheut weder Wind noch Wetter , « sagte er , sich zu dem gleichen Ton zwingend . » Ich sah sie vor zwei Stunden fortgehen , mitten im Regensturm , und das schien ihr außerordentlichen Spaß zu machen . « » Ja , sie ist noch ein halbes Kind , eigentlich viel zu jung für die Stellung einer Gesellschafterin . Ich muß da vieles übersehen und habe oft genug zu tadeln , aber hier lagen besondere Verhältnisse vor . Paulas Mutter war meine Jugendfreundin und hat eine Thorheit , die sie mit siebzehn Jahren beging , ihr ganzes Leben lang büßen müssen . Sie hätte eine sehr gute Partie machen können , aber sie schlug das aus und schloß eine sogenannte Liebesheirat , mit einem blutarmen Künstler . Das rächte sich natürlich . Ihre ganze Ehe war nur eine Kette von Sorgen und Enttäuschungen , und als der Mann starb , blieb sie in voller Armut zurück . « In der kurzen Schilderung lag das ganze tragische Schicksal einer Frau , die ihre Liebe über die Berechnung gestellt und das nun » gebüßt « hatte . Aber Frau Almers erzählte es so gelassen wie jede andere Geschichte , sie schien diesen Ausgang ganz natürlich zu finden . Berneck erwiderte nichts , aber die Falten auf seiner Stirn vertieften sich nur noch mehr , während seine Tante fortfuhr : » Ich habe mich natürlich ihrer angenommen und sie unterstützt , und als Paula nach ihrem Tode ganz verwaist zurückblieb , nahm ich sie in mein Haus . Die Stelle meiner Gesellschafterin war ohnehin frei geworden , aber mir bleibt da , wie gesagt , noch manches zu wünschen übrig . Es stört dich doch nicht , daß ich das junge Mädchen mitgebracht habe ? Ich bin so an eine Begleiterin gewöhnt . « Sie warf die letzten Worte anscheinend ganz absichtslos hin , aber der scharfe , beobachtende Blick wich dabei nicht von dem Gesicht ihres Neffen , der sich jetzt mit einer raschen Bewegung emporrichtete . » Spielen wir doch keine Komödie miteinander , Tante ! Denkst du , ich weiß es nicht längst , weshalb du nach Restovicz gekommen bist , und weshalb du Paula Dietwald mitgebracht hast ? « » Wenn du es weißt – um so besser ! « erklärte die Dame , ohne im mindesten aus der Fassung zu geraten . » Dann darf ich wohl auch offen sein und dir sagen , ich habe es längst bemerkt , daß du nicht gleichgültig geblieben bist . « Berneck widersprach nicht , aber er antwortete auch nicht , sondern verharrte in seinem Schweigen . » Du hast noch keinen Entschluß gefaßt ? Ich finde das begreiflich , in deinen Jahren entscheidet man sich nicht so schnell ; jetzt aber wirst du es doch thun müssen , denn unser Aufenthalt naht sich seinem Ende . Wenn du das Mädchen liebst – es liegt ja kein Hindernis vor – warum sprichst du dann nicht ? « » Weil ich nicht eine bloße Figur sein will in deinem Spiel , die von deiner Hand hin und her geschoben wird . « » Ulrich ! « Die Mahnung klang sehr unwillig , aber er fuhr mit voller Gereiztheit fort : » Nun ja , Tante , dir ist das Leben ja immer nur eine Art Schachspiel gewesen , wo man jeden Zug klug berechnet . Hier aber sind deine Figuren Menschen , die doch auch ihren Willen haben . Nimm dich in acht – du könntest diesmal matt gesetzt werden ! « » Von wem ? « fragte Frau Almers mit unzerstörbarer Ruhe . » Willst du den Eigensinn so weit treiben , deine Neigung zu bekämpfen , nur weil der Plan in meinem Kopfe entstand ? Das sähe dir schon ähnlich ! « » Ich sprach nicht von mir , sondern von deiner jungen Schutzbefohlenen . « » Von Paula ? Nun , da ist doch sicher kein Widerstand zu erwarten . Sie wird deine Werbung als das aufnehmen , was sie in der That ist für eine arme , abhängige Waise : als ein großes , unverhofftes Glück . « » O gewiß ! « sagte Ulrich mit tiefster Bitterkeit . » Sie wird vermutlich Ja sagen , um dieser Abhängigkeit zu entrinnen und eine reiche Frau zu werden . Der Gatte – nun , der wird dann als unvermeidliche Zugabe mit in Kauf genommen . Denkst du , daß ich das ertragen könnte ? « Frau Almers zuckte die Achseln . » Du mußt immer alles gleich auf die Spitze treiben ! Unsere jungen Mädchen sind überhaupt nicht mehr romantisch veranlagt , und ich halte das für ein Glück , denn ich habe an Paulas Mutter ein trauriges Beispiel , wohin diese romantische Liebe führt , die nicht mit der Wirklichkeit und den Verhältnissen rechnet . Ich und deine Mutter , wir folgten bei unserer Vermählung in erster Linie den Wünschen unserer Eltern und haben das nie bereut . Paula wird sich dir völlig unterordnen , und das brauchst du , denn ein Mädchen , das Ansprüche machen kann , vergräbt sich nicht mit dir in diese Einsamkeit und hält nicht deine oft so düsteren Launen aus . « » Das weiß ich , und deshalb ist es besser , ich bleibe allein ! « sagte Berneck herb . » Warum willst du mich denn durchaus verheiraten ? « » Weil du auf dem Wege bist , ein ausgemachter Menschenfeind zu werden , « erklärte Frau Almers mit Nachdruck . » Weil du verwilderst , wenn du dich hier völlig einspinnst und nur mit deinen Untergebenen verkehrst . Du bist der einzige Sohn meiner Schwester und , da ich kinderlos bin , nach meinem Tode auch mein Erbe . Da habe ich wohl das Recht , einzugreifen . Wenn du mir einen Vorwurf daraus machen willst – ich werde ihn tragen ! « Die Worte hatten zum erstenmal einen Anflug wirklicher Wärme und Herzlichkeit . Man sah es deutlich : was diese Frau überhaupt an Herz besaß , das gehörte ihrem Neffen , dem einzigen , der ihr wirklich nahe stand . Das verfehlte nicht seinen Eindruck auf Ulrich , seine Stirn hellte sich auf und seine Stimme klang um vieles milder , als er antwortete : » Verzeih , Tante , du meinst es gut , aber was soll ich denn anfangen mit einer Frau , die nur Sonnenschein und Freude vom Leben verlangt ? Paula fürchtet mich ja ! Ich sehe es deutlich genug , wie scheu und befangen sie in meiner Gegenwart ist . Wenn ich nicht wüßte , wie sie mit dem alten Ullmann und den Schloßleuten verkehrt , ich würde ihr wahres Wesen gar nicht kennen . « » Das ist deine eigene Schuld , du bist ihr gegenüber ja noch ernster und schweigsamer als sonst . Das Mädchen ahnt nichts von deiner Neigung . Wenn du es wünschest , werde ich mit ihr reden und dir dann – « » Nein , nein ! « fiel Berneck heftig ein . » Denkst du , ich bin nicht Manns genug , mir selbst die Entscheidung zu holen ? Deute ihr nichts an ! Ich will ihr Ja nicht der Ueberredung verdanken . « » Wie du willst ! « Frau Almers stand auf und legte ihre Handarbeit zusammen . » Dann zögere aber auch nicht länger mit deinem Entschluß . Ich habe noch einen Brief zu schreiben , werde aber zur Theestunde wieder hier sein . Also um fünf Uhr , wie gewöhnlich . « Damit verließ sie das Zimmer . Die kluge Frau wußte sehr genau , daß jeder weitere Versuch , ihren Neffen zu beeinflussen , nur die entgegengesetzte Wirkung haben würde , aber sie hatte auch genug gesehen , um zu wissen , daß ihre Berechnung über Erwarten geglückt war . – Als Ulrich von Berneck allein war , begann er langsam , aber unaufhörlich im Zimmer auf und nieder zu schreiten . Er wußte am besten , wie wenig seine düstere , verschlossene Natur für ein häusliches Glück geeignet war . Er hatte ja allein bleiben wollen ,