die Beharrlichkeit dieses Freiers half kein Einschließen und kein Verriegeln . Der Vater ließ ihn gewähren ; er konnte Max und wußte , daß dieser schließlich seinen Willen durchsetzen werde . Er selbst wäre am liebsten schon heute abgereist , wenn ihn das dem Sohne gegebene Versprechen nicht bis morgen gehalten hätte . Ihm brannte wirklich der Boden unter den Füßen , und alle die Antheilbezeigungen und Glückwünsche wegen seiner Befreiung schienen ihm den Aufenthalt nur noch mehr zu verleiden . Brunnow hatte soeben einen Brief beendigt , der seine bevorstehende Ankunft zu Hause anzeigen sollte , und stand im Begriffe , ihn der Aufwärterin zu übergeben , als diese ungerufen , aber in größter Eile eintrat und ganz athemlos meldete : „ Herr Doctor – Seine Excellenz ! “ „ Wer ? “ fragte Brunnow zerstreut , indem er dos Couvert schloß . „ Seine Excellenz , der Herr Gouverneur ! “ Brunnow wendete sich rasch um ; sein Blick fiel auf den Freiherrn , der bereits eingetreten war und im Nebenzimmer stand . Er näherte sich jetzt und sagte in völlig fremdem Tone : „ Ich wünsche Sie auf einige Minuten zu sprechen , Herr Doctor . “ „ Ich stehe zu Ihrer Verfügung , Excellenz , “ versetzte Brunnow , den das verwunderte Gesicht der Aufwärterin daran mahnte , daß er seine Ueberraschung nicht zeigen dürfe . Er übergab der Frau rasch den Brief und sandte sie damit fort . Als sie ohne Zeugen waren , ließ Raven die angenommene Fremdheit fallen . „ Mein Kommen befremdet Dich ? “ sagte er . „ Bist Du allein ? “ „ Ja , mein Sohn ist ausgegangen . “ „ Das ist mir lieb , denn unsere Unterredung verträgt keinen Zeugen . Du hast wohl die Güte , die Thür abzuschließen , damit wir ungestört bleiben . “ [ 536 ] Der Doctor kam schweigend der Aufforderung nach . Er schob den Riegel vor die Eingangsthür und kehrte dann in das zweite Zimmer zurück . Sein unruhiger Blick schien zu fragen , was dieser seltsame Besuch bedeute . Die beiden Männer standen sich einige Secunden lang stumm , aber ebenso feindselig gegenüber , wie neulich bei ihrer ersten Begegnung . Der Freiherr nahm zuerst das Wort . „ Du hast wohl nicht erwartet , mich bei Dir zu sehen ? “ „ Ich wüßte in der That nicht , was den Gouverneur von R. zu mir führen sollte , “ war die Antwort . „ Ich bin nicht mehr Gouverneur , “ sagte Raven kalt . Brunnow richtete einen schnellen , forschenden Blick auf ihn . „ Du hast also Deine Entlassung genommen ? “ fragte er . „ Ich trete von meinem Posten ab , “ entgegnete er gepreßt . „ Ehe ich aber die Stadt verlasse , wünsche ich Auskunft über jenen Zeitungsartikel , der sich so eingehend mit meiner Vergangenheit beschäftigt . Du kannst mir diese Auskunft wohl am besten geben , und deshalb komme ich zu Dir . “ Der Doctor wendete sich ab . „ Der Artikel stammt nicht von mir , “ sprach er nach einer kurzen Pause . „ Das ist möglich , jedenfalls hast Du ihn aber veranlaßt . Du und ich , wir sind jetzt die einzigen noch lebenden Theilnehmer jener Katastrophe ; die anderen sind todt oder verschollen . Nur Du warst im Stande , jene Enthüllungen zu geben . “ Brunnow schwieg ; er erinnerte sich nur zu gut des Tages , wo das geschickte Manöver des Polizeidirectors ihm die Aeußerungen abgerungen hatte , die nun in solcher Weise preisgegeben wurden . „ Ich wundere mich nur , weshalb Du diese Vorgänge nicht früher verwerthet hast , “ fuhr Raven fort . „ Du oder die Anderen ! “ „ Beantworte Dir die Frage selbst ! “ sagte Brunnow finster . „ Uns fehlten die Beweise . Wenn wir die unumstößliche Ueberzeugung Deiner Schuld hatten , so war das eben unsere Sache . Die Welt verlangt Thatsachen , und die konnten wir ihr nicht geben . Weshalb sich nicht früher eine Stimme gegen Dich erhob , fragst Du ? Du weißt doch am besten , daß in der Zeit , die jetzt hoffentlich für immer hinter uns liegt , jede Stimme erstickt wurde , die man nicht hören wollte . Und Arno Raven wurde ja in kürzester Frist der einflußreichste Freund und Günstling des Ministers , den er bald darauf Vater nennen durfte . Der Freiherr von Raven war später die mächtigste Stütze der Regierung , die ihn nicht entbehren konnte . Man hätte keine Anklage gegen Dich zugelassen ; es wäre Lüge , Verleumdung gewesen und als solche unterdrückt worden . Das wußten wir Alle und darum schwiegen die Anderen . Mich banden diese Rücksichten nicht , aber ich – wollte Dich nicht anklagen und habe es auch jetzt nicht gethan . Einige Aeußerungen während meiner Haft , die mir , wie ich fürchte , absichtlich abgelockt wurden , können allein den Anlaß zu den Enthüllungen gegeben haben . Der Polizeidirector hat jedenfalls die Hand dabei im Spiele . Er ist Dein Feind . “ „ Nein , nur ein Spion ! “ sagte Raven verächtlich , „ und deshalb verzichte ich darauf , von ihm Rechenschaft zu verlangen . Ueberdies war er nicht verpflichtet , zu verschweigen , was ihm mitgetheilt wurde . Du hast jene Aeußerungen gethan – Du wirst mir Genugthuung dafür geben . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 33 , S. 547 – 550 Fortsetzungsroman – Teil 25 [ 547 ] Brunnow trat zurück . „ Ich Dir Genugthuung geben ? Was soll das heißen ? “ „ Was das heißen soll ? Ich dächte , das bedürfte keiner Erklärung . Die Beleidigung , die Du mir zugefügt hast , läßt nur eine Sühne zu . Du wirst sie mir doch nicht verweigern ? “ Ueber die Lippen des Doctors kam kein Wort . „ Schon als wir uns das erste Mal wiedersahen , “ fuhr der Andere fort , „ an jenem Abende in meinem Arbeitszimmer , sprachst Du Worte , die mein Blut sieden machten . Damals warst Du ein Flüchtling , warst heimlich an das Krankenlager Deines Sohnes geeilt , und jede Stunde des Aufenthaltes hier brachte Dir Gefahr . Damals war keine Zeit , Erklärung von Dir zu fordern . Jetzt bist Du frei – bestimme Zeit und Waffen ! “ „ Ich soll mich mit Dir schlagen ? “ brach Brunnow aus . „ Nein , Arno , das kannst , das darfst Du nicht verlangen . “ „ Ich bestehe darauf – Du wirst meine Forderung annehmen . “ „ Nein . “ „ Rudolph , ich sage Dir , Du wirst es thun . “ „ Und ich sage Dir nochmals : nein ! Mit jedem Anderen will ich mich schlagen , wenn es sein muß , aber mit Dir nicht . “ Zwischen den Augen des Freiherrn zeigte sich eine tiefe Falte . Aber er kannte den einstigen Jugendfreund , der sich trotz seiner grauen Haare noch den alten Feuerkopf bewahrt hatte und dessen Leidenschaftlichkeit , einmal gereizt , ihn über alle Besinnung und alle Schranken hinwegriß . Es galt , den verwundbaren Punkt zu treffen . „ Ich habe nicht geglaubt , “ entgegnete Raven mit unverhaltenem Hohn , „ daß Du seit unserer Trennung zum Feigling geworden . “ Das traf – der Doctor fuhr auf und seine Augen begannen zu funkeln . „ Nimm das Wort zurück ! “ rief er drohend . „ Du weißt es , daß ich kein Feigling bin ; ich brauche es Dir nicht erst zu beweisen . “ „ Ich nehme nichts zurück , “ erklärte Raven . „ Du hast eine entehrende Anklage gegen mich ausgesprochen , hast sie einem Fremden gegenüber wiederholt , von dem Du wußtest , daß er sie der Welt preisgeben würde , und willst Dich jetzt der Rechenschaft entziehen – nenne Du ’ s , wie Du willst – ich nenne es Feigheit . “ Es war um Brunnow ’ s Fassung geschehen , als ihm abermals das verhängnißvolle Wort entgegengeschleudert wurde . „ Halte ein , Arno ! “ stieß er hervor . „ Ich ertrage das nicht . “ Der Freiherr schien völlig unbewegt ; nicht eine Muskel seines Gesichtes zuckte . Mit eisiger Ruhe stand er da und reizte seinen Gegner , den er Schritt für Schritt vorwärts trieb , bis zum Aeußersten „ Das also ist Deine Rache ! “ sagte er im Tone der Verachtung . „ Zwanzig Jahre lang hast Du den Streich zurückgehalten . So lange ich hoch und mächtig dastand , wagtest Du es nicht , mich zu treffen . Freilich , dem Manne , dem der Sturz droht , ist leichter beizukommen . Winterfeld war wenigstens ein ehrlicher Gegner . Er griff mich an , aber er bat mir offen den Kampf und trat mir Auge in Auge gegenüber . Du zogst es vor , mich aus dem Hinterhalte zu verwunden , und brauchtest fremde Hände dazu . Du bedachtest Dich nicht , dem Polizeidirector und den Zeitungen die Waffen gegen mich zu liefern , aber Dich meiner Waffe zu stellen , die den Schimpf rächen soll – dazu fehlt Dir der Muth . Wahrlich , Rudolph , ich habe Dich einer solchen Niedrigkeit und Erbärmlichkeit nicht fähig gehalten – “ „ Genug ! “ unterbrach ihn Brunnow mit halb erstickter Stimme . „ Kein Wort weiter ! Ich nehme Deine Forderung an . “ Seine Brust hob sich in kurzen , stürmischen Athemzügen , er war leichenblaß geworden und stützte sich , bebend am ganzen Körper , auf die Lehne des nächsten Stuhles . In dem Auge des Freiherrn schimmerte etwas wie Mitleid mit dem furchtbar erregten Manne , den er vor eine so schreckliche Wahl gestellt hatte , aber seine Stimme verrieth auch nicht den leisesten Anklang dieser Empfindung , als er erwiderte : „ Gut . Ich werde Oberst Wilten , den Commandanten der hiesigen Garnison , ersuchen , mein Secundant zu sein ; er wird mit dem Deinigen das Nöthige ordnen . “ Brunnow machte nur eine zustimmende Bewegung . Der Freiherr nahm seinen Hut vom Tische und trat dann nochmals vor den Doctor hin . „ Noch Eines , Rudolph ! “ sagte er langsam , aber mit Nachdruck . „ Die Sache ist mir blutiger Ernst , und ich erwarte , daß Du den Zweikampf , der nach dem , was Du mir zugefügt hast , auf Tod und Leben gehen muß , nicht etwa zu einer Komödie gestaltest . Du wärst im Stande , in die Luft zu schießen . Zwinge mich nicht , das , was ich Dir soeben sagte , vor unseren Zeugen zu wiederholen . Mein Wort darauf : ich thue es , wenn Dein Schuß absichtlich fehl geht . “ Brunnow hatte sich emporgerichtet , und aus seinen Augen flammte jetzt nur wilder , glühender Haß . „ Sei ruhig , “ antwortete er . „ Was Du mir vorhin anzuhören gabst , begräbt den letzten Rest der Jugenderinnerungen . Du hast Recht , wir Beide können uns nur noch auf Tod und Leben gegenüber stehen . Auch ich weiß einen Schimpf zu rächen . “ Beide standen einen Moment lang Blick in Blick . Sie redeten eine stumme , aber furchtbare Sprache ; dann wandte sich Raven zum Gehen . „ Auf morgen denn ! Ich gehe , den Oberst aufzusuchen . “ Er schob den Riegel von der Thür zurück und verließ das [ 548 ] Zimmer . Draußen athmete er tief , tief aus , als sei eine Last von seiner Brust gesunken , und schlug dann mit raschem Schritte den Weg nach der Wohnung des Oberst Wilten ein . Der Spätherbst war auch diesmal in R. und dessen Umgebung so rauh und unfreundlich gewesen , wie er in der Nähe des Hochgebirges meist zu sein pflegt . Jetzt aber , wo er Abschied nahm , schien sich das schwindende Leben der Natur noch einmal aufzuraffen . Die letzten Tage waren ungewöhnlich klar und mild gewesen , sodaß man sich um Monate zurückversetzt glaubte . Die Erde träumte noch einen letzten kurzen Traum von Sonnenglanz und Sommerluft , ehe sie sich den eisigen Banden des Winters gefangen gab . Es war Nachmittag geworden . Freiherr von Raven saß am Schreibtische , mit der Durchsicht seiner Papiere beschäftigt . Seine testamentarischen Verfügungen waren zwar schon seit längerer Zeit getroffen , aber es gab doch noch so Manches zu ordnen . Oberst Wilten hatte sich mit der größten Bereitwilligkeit zur Verfügung gestellt . Wenn ihm auch eine Verbindung seines Sohnes mit der Raven ’ schen Familie jetzt nicht mehr wünschenswerth erschien , so drückte ihn doch das kalte , gezwungene Verhältniß , das seit jener Erklärung zwischen ihm und dem Freiherrn waltete , und er ergriff mit Eifer die Gelegenheit , diesem einen Dienst zu leisten . Er hatte versprochen , alles Nöthiage abzumachen und selbst die Nachricht über die näheren Bestimmungen des Duells zu bringen , das auf morgen früh festgesetzt war . Raven hatte soeben einem Brief beendigt und schrieb jetzt die Adresse : Doctor Rudolph Brunnow . Seine düstere Stirn furchte sich noch tiefer , als er mit sicheren und festen Schriftzügen den Namen auf das Papier warf . „ Ich konnte es Dir nicht ersparen , Rudolph , “ sagte er dumpf . „ Du wirst nie die unglückselige Stunde verwinden , in der wir uns so gegenüberstehen , aber es gab keinen anderen Ausweg . “ Er legte den Brief bei Seite und ergriff von Neuem die Feder , aber diesmal schien sie seiner Hand nicht gehorchen zu wollen . Es dauerte Minuten , ehe er die ersten Zeilen schrieb , dann hielt er plötzlich inne – begann von Neuem – stockte wieder und zerriß endlich das Blatt . Wozu denn auch noch ein Lebewohl ! Jedes Wort war ja doch in Bitterkeit gemacht . Der Brief konnte nur zu einem ewigen Vorwurf für die werden , an die er gerichtet war . Der Freiherr warf die Feder von sich und stützte den Kopf in die Hand . Er hatte nicht umsonst den Augenblick gefürchtet , wo die einzige Empfindung , die ihn jemals schwach gesehen und die er tief in den Hintergrund zurückgedrängt hatte , sich wieder Bahn brechen werde . Es war ihm gelungen , während der letzten Stunden ruhig zu erscheinen , obgleich Haß , Empörung und tief gedemüthigter Stolz seine Seele tausendfach zerrissen , die gewohnte strenge Pünktlichkeit hatte ihn auch beim Ordnen seiner Angelegenheiten nicht verlassen . Jetzt war Alles geordnet , Alles beendigt , bis auf eins – jetzt brach dieses Bitte wieder hervor , mit der alten widerstehlichen Gewalt , und mit ihm brach die Fassung des sonst so eisernen Mannes zusammen . Freilich waren es keine weichen und zärtlichen Regungen , die ihn erfüllten . Die Natur Arno Raven ’ s war nicht darnach geartet , zu entsagen oder zu verzeihen , wo er sich verrathen glaubte . Sein eigener Wille hatte die Trennung verhängt und Gabriele fortgesandt , und er bereute dies nicht . Entweder – oder war von jeher der Wahlspruch seines Lebens gewesen ; auch die Geliebte hatte er entweder ganz und ungeteilt besitzen oder verlieren wollen . Nun wohl , er hatte sie verloren , an einen Anderen verloren , der das mächtige Recht der Jugend und der ersten Liebe geltend zu machen wußte . Der Freiherr zweifelte nicht daran , daß die Beziehungen zu Winterfeld in der Residenz wieder aufgenommen wurden . Der tyrannische Vormund , der so lange trennend zwischen dem jungen Paare gestanden trat ja nun zurück und gab ihnen volle Freiheit , sich wieder einander zu nähern , und die Baronin war viel zu charakterlos , um sich dauernd den Wünschen ihrer Tochter zu widersetzen , wenn die Furcht vor dem Schwager sie nicht länger gefesselt hielt . Ueberdies nahm Winterfelds Laufbahn ja jetzt einen so ungeahnten Aufschwung , und damit fiel das größte Hinderniß dieser Verbindung . Es ging Alles seinen natürlichen , längst vorgezeichneten Weg , den eine unsinnige Leidenschaft vergebens zu kreuzen suchte . Wie konnte denn auch ein Wesen wie Gabriele eine solche Leidenschaft verstehen und erwidern ! Es mochte sie geblendet und ihrer Eitelkeit geschmeichelt haben , der Gegenstand derselben zu sein . Von tieferen Empfindungen war dabei keine Rede , und als es sich um eine Wahl handelte , da wandte sich das aufblühende Mädchen dem zu , der ihr Jugend und Glück zu bieten hatte . Dieses holde , sonnige Geschöpf gehörte nicht in die dunkle Stunde , wo die Ehre und das Leben eines Mannes zusammenbrachen Der schöne , aber kurze Herbsttag neigte sich zu Ende , und die Strahlen der Abendsonne suchten und fanden ihren Weg in das Zimmer . Durch das Bogenfenster wogte ein breiter , goldiger Lichtstrom in das Gemach und erfüllte es mit seltsam verklärendem Schimmer . Raven ’ s Blick haftete düster auf diesem Lichtglanz . So war der Sonnenstrahl auch in sein Leben gedrungen , hatte eine kurze Zeit lang alles in Gluth und Verklärung getaucht und war dann erloschen , um ihn in Nacht und Einsamkeit zurück zu lassen . Vergebens suchte er sich von der Erinnerung loszureißen oder sie in Bitterkeit zu ersticken , es führte ihn ja doch Alles wieder auf Gabriele zurück ; jeder Gegenstand , jeder Gedanke gewann Bezug auf sie . Er hatte abgeschlossen mit der Vergangenheit , mit der Welt und dem Leben , aber die wilde , Alles überfluthende Sehnsucht nach dem einzigen Wesen , das er je geliebt , hielt ihn fest an der Schwelle dieses Lebens . Ein schwerer , qualvoller Athemzug rang sich wie ein Stöhnen aus seiner Brust empor . Er war ja jetzt allein und brauchte die Maske stolzer unnahbarer Ruhe nicht mehr ; sie jetzt noch festzuhalten ging über Menschenkräfte . Er preßte die Hand gegen die glühende Stirn und schloß die Augen . Ewige Zeit war so in dumpfem Hinbrüten vergangen , da wurde leise , fast unhörbar die Thür geöffnet und ebenso leise wieder geschlossen . Raven bemerkte es nicht und regte sich nicht , bis das Rauschen eines Frauenkleides ihn aufschreckte . Er wandte sich um und zuckte zusammen , aber der Aufschrei , der sich seinen Lippen entringen wollte , erstarb und keines Wortes mächtig starrte er die Erscheinung an , die doch nur ein Gebilde seiner Phantasie sein konnte . Ihm gegenüber , mitten in dem Lichtstrome , stand Gabriele , so regungslos , so goldig umwogt von den Strahlen , als sei sie wirklich nur eine Erscheinung , die die glühendste , leidenschaftlichste Sehnsucht herangezwungen hatte , und die in der nächsten Minute so spurlos wieder verschwand , wie sie gekommen war . Der Freiherr hatte sich erhoben . „ Du – Du bist es , “ sagte er endlich mit stockendem Atem . „ Ich glaubte Dich weit entfernt . “ „ Ich habe heute Morgen die Residenz verlassen , “ erwiderte das junge Mädchen leise . „ Ich bin soeben erst angekommen . Man sagte mir . Du seist in Deinem Zimmer . “ Raven antwortete nicht ; sein Blick hing noch immer an der zarten , lichten Gestalt , als könne er nicht an die Wirklichkeit ihrer Nähe glauben . Er wußte nur , daß sie da war – wie , warum , darnach fragte er im Augenblicke nicht . Gabriele schien dieses Schweigen zu mißdeuten ; sie stand scheu und ängstlich da , als wage sie es nicht , ihm zu nahen ; endlich faßte sie Muth und kam langsam näher . „ Wirst Du mich wieder von Dir weisen , Arno , wenn ich Dir sage , daß Du mir Unrecht gethan hast mit Deinem Verdachte ? Ich hätte es längst thun sollen , aber Du stießest mich so rauh , so hart zurück – Du wolltest mich nicht einmal anhören . Da regte sich auch mein Trotz ; ich wollte nicht um den Glauben bitten , den Du mir versagtest . Ich , “ sie stand jetzt dicht an seiner Seite und sah bittend zu ihm auf , „ ich wußte nichts von jenem Angriff . Erst in der Abschiedsstunde sagte mir Georg , daß er in einen Kampf gegen Dich gehe . Ich drang vergebens in ihn ; er wollte sich nicht näher erklären , und wenige Minuten darauf mußten wir uns trennen . Seitdem erfuhr ich kein Wort , keine Silbe weiter , bis zu der Stunde , wo Du mir die Schrift vor Augen hieltest . Hätte ich eine Ahnung davon gehabt , Du hättest es erfahren . Ich habe Dich nicht verrathen , Arno – gewiß nicht ! “ Ihr Antlitz und ihre Stimme trugen deutlich genug den Stempel der Wahrheit . Raven ergriff mit einer heftigen Bewegung ihre Hand . Noch lag die wilde , forschende Unruhe in seinen Zügen , als er Gabriele an sich zog und , ohne ein Wort [ 550 ] zu sprechen , ihr in das Auge sah , das mit feuchtem Schimmer , aber klar und fest dem seinigen begegnete . Einige Secunden lang dauerte dieses stumme unverwandte Anschauen ; dann beugte der Freiherr sich plötzlich nieder und drückte seine Lippen auf die Stirn des jungen Mädchens . „ Nein , Du nicht ! “ sagte er tief aufathmend . „ Ich glaube Dir . “ Seine Hand umschloß fester die ihrige . Er sah erst jetzt , daß Gabriele in voller Reisekleidung war , nur ohne Hut und Mantel , die sie bereits abgelegt hatte . Noch war er weit entfernt , die Wahrheit zu ahnen ; das bewies seine nächste Frage . „ Wo ist Deine Mutter ? Und was veranlaßte Euch zu dieser plötzlichen Rückkehr ? Ich erwartete Euch erst in einigen Wochen . “ In dem Gesichte des jungen Mädchens stieg langsam eine tiefe Röthe auf . „ Mama ist in der Residenz zurückgeblieben . Ich habe mir die Erlaubniß zu dieser Reise von ihr erzwingen müssen . Sie gab erst nach , als sie sah , daß es doch unmöglich war , mich zu halten . Ich bin nur in Begleitung unseres alten Dieners gekommen . “ Raven folgte ihren Worten in athemloser Spannung ; es überkam ihn wie die Ahnung eines grenzenlosen , unaussprechlichen Glückes , aber in demselben Augenblicke trat auch wieder der alte Schatten dazwischen . „ Und Winterfeld ? “ fragte er in beinahe schneidendem Tone . Gabrielens Blick sank zu Boden , und ihre Stimme bebte in schmerzlicher Erregung . „ Ihm habe ich wehe thun müssen , bis in das innerste Herz hinein , “ antwortete sie , „ aber er mußte die Wahrheit erfahren , ehe ich zu Dir ging . Georg weiß jetzt , wem meine Liebe allein gehört . Er hat mir mein Wort zurückgegeben ; ich bin frei – “ Sie konnte nicht vollenden . Arno hatte sie bereits an seine Brust gepreßt ; sie fühlte sich von seinen Armen umfangen , fühlte seine Lippen auf den ihrigen , und alles Andere , auch der Gedanke an Georg ’ s Schmerz , ging unter in der Seligkeit dieser Minute . Endlich richtete sich Raven wieder empor , aber ohne die Geliebte aus seinen Armen zu lassen . „ Und weshalb eiltest Du gerade jetzt zu mir ? “ fragte er . „ Du wußtest ja nicht , konntest nicht wissen , was inzwischen geschehen ist . “ Gabriele blickte unter Thränen lächelnd zu ihm auf . „ Ich wußte nur , daß eine neue , schwere Gefahr Dir drohte – und da wollte ich bei Dir sein . “ Es klang so einfach und selbstverständlich dieses „ da wollte ich bei Dir sein “ , aber Raven verstand die ganze unendliche Hingebung , die in den wenigen Worten lag . Er blickte schweigend nieder auf das junge Wesen , das er eben noch so bitter angeklagt , für so schwankend und unselbstständig gehalten hatte und das sich jetzt so entschlossen allen Banden entriß , um an seine Seite zu eilen und mit ihm unterzugehen . Mitten durch all die Nacht , die ihn umgab , brach es wie ein strahlender Triumph , sich so geliebt zu wissen . Der goldene Lichtstrom verschwand allmählich , als die Sonne tiefer sank , nur einzelne Strahlen suchten sich noch ihren Weg durch das Fenster , endlich erloschen auch diese und nur ein matter , röthlicher Schimmer erfüllte das Gemach , der Abglanz der Abendröthe . Arno und Gabriele achteten nicht darauf . Er hatte sie an seine Seite gezogen und sprach zu ihr , aber nicht von Gefahr oder Untergang – sie hatten beide vergessen , daß so etwas existirte , sie dachten nicht mehr daran . Zum ersten Male lag kein Schatten , kein Mißverständniß zwischen ihnen ; zum ersten Male konnten und durften sie einander angehören . Vergangenheit und Zukunft versanken ihnen in diesem Bewußtsein ; sie fühlten nur , daß sie sich liebten und daß sie grenzenlos glücklich waren . „ Herr Oberst Wilten , “ meldete der eintretende Diener in gewohnter förmlicher Weise . Raven sah auf , als werde er aus einem Traume geweckt , und fuhr mit der Hand über die Stirn . „ Oberst Wilten ? “ wiederholte er langsam . „ Ja so – das hatte ich vergessen . “ Gabriele wurde aufmerksam . „ Mußt Du den Oberst heute noch sprechen ? “ fragte sie , wie von einer unbestimmten Ahnung ergriffen . „ Deine Empfangsstunden sind ja längst vorüber . “ Der Freiherr stand auf . Der eben noch so strahlende Ausdruck seiner Züge war verschwunden . „ Ich habe ihn erwartet ; es handelt sich um eine nothwendige Besprechung . – Ich lasse den Herrn Oberst bitten , mich im Salon zu erwarten . Ich bin sogleich bei ihm . “ Der Diener entfernte sich . Ich muß Dich verlassen , Gabriele ; „ Du weißt nicht , was es mich kostet , Dich jetzt auch nur eine Minute lang von meiner Seite zu lassen , “ sagte er gepreßt , „ aber was mir Wilten bringt , muß erledigt werden , wenn ich für den Abend frei sein will . Dann gehören wir uns allein , und dann soll Niemand uns stören . Komm ’ ! Ich geleite Dich in Dein Zimmer ! “ Er nahm ihren Arm und führte sie durch die Bibliothek und über den Corridor nach dem anderen Flügel hinüber . Wenige Minuten später trat er in den Salon , wo der Oberst ihn erwartete . Die Unterredung dauerte nur kurze Zeit . Nach kaum einer Viertelstunde verließ Wilten wieder das Schloß , und der Freiherr zog sich in sein Arbeitszimmer zurück , wo er sich von Neuem an den Schreibtisch setzte . Er hatte die Wahrheit gesagt : es kostete ihn unendlich viel , Gabriele auch nur auf Minuten zu entbehren , und doch entzog er sich ihr auf eine volle Stunde . Sie konnte doch nicht an seiner Seite sein , während er den Abschiedsbrief an sie schrieb . – Im Schlosse hatte die unerwartete Ankunft der Baroneß Harder allerdings Befremden erregt , um so mehr , als sie ohne ihre Mutter eintraf , aber der alte Diener , der sie begleitete , gab die nöthige Auskunft darüber . Der Freiherr hatte seine Schwägerin und deren Tochter brieflich zu sich gerufen . Die Frau Baronin war aber leider wieder erkrankt und noch zu angegriffen , um die Reise zu unternehmen ; sie hatte deshalb das Fräulein vorausgesanndt und wollte in einigen Togen nachkommen . Die Baronin hatte dieses Auskunftsmittel ergriffen , als sie die Unmöglichkeit einsah , ihre Tochter zu halten . Sie selbst war in der That nicht wohl , die Nachrichten des Grafen Selteneck hatten ihr einen erneuten Nervenanfall zugezogen , der sie hinderte , zu reisen , zur großen Erleichterung Gabrielens , die nur zu gut wußte , wie unwillkommen ihre Mutter dem Freiherrn in solchen Stunden war . Sie fügte sich geduldig dem Vorwande , und die einfache , natürliche Erklärung ihrer Abreise fand dort wie hier Glauben . Der Abend war inzwischen hereingebrochen . Gabriele befand sich allein in ihrem Gemache und harrte auf die besprochene Rückkehr Arno ’ s. Der Besuch des Oberst Wilten fiel ihr nicht besonders auf , denn vor ihrer Abreise hatten ja so häufig Conferenzen zwischen ihm und dem Freiherrn stattgefunden . Sie hatte das Fenster geöffnet . Träumend lehnte sie in der Fensterbrüstung , als endlich der ersehnte Schritt sich hören ließ . Sie flog dem Kommenden entgegen , und er schloß sie in die Arme , als sei diese Stunde eine endlose Trennung gewesen . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 34 , S. 561 – 563 Fortsetzungsroman – Teil 26 [ 561 ] „ Jetzt bin ich frei ! “ sagte der Freiherr eintretend . „ Ganz frei , meine Gabriele . Jetzt gehöre ich Dir allein . “ Gabriele sah zu ihm auf . Sein Antlitz war bleicher als sonst , aber es lag eine tiefe , ernste Ruhe darauf . „ Der Oberst hat Dir doch nichts Unangenehmes gebracht ? “ fragte sie besorgt . „ Nein , nur etwas Nothwendiges ! “ erwiderte Raven mit vollster Gelassenheit , aber zugleich entzog er sich , wie zufällig , dem hellen Lichtkreise der Lampe und trat mit dem jungen Mädchen an das Fester . Die Luft wogte herein , kühl zwar , aber mild wie an einem Frühlingsabende , und draußen