, eine junge Hopfenstange mehr um sich zu haben ! « Der Minister , der eben im Begriff gewesen war , sich zu setzten , schnellte empor . Durch die offengebliebene Tür strömte volles Licht in das verdunkelte Zimmer – es wob eine Art Glorie um die Frau im rosa Gazekleide , aber es fiel auch auf die Züge ihres Gemahls – sie zeigten unverhohlenen Zorn und Bestürzung . » Jutta , lasse dich nicht fortreißen ! « sagte er zwischen den Zähnen . » Du weißt , daß ich in meinem Arbeitszimmer ein anderer bin als in deinen Salons und daß ich dir seit Anbeginn unserer Ehe ein plötzliches Eintreten untersagt habe . « Sein Blick heftete sich finster auf den Anzug der trotzig schweigenden Frau . » Übrigens muß ich fragen , warum schon in der Bühnentoilette ? « fuhr er in etwas verändertem Tone fort . » Ist die Dame des Hauses , das voller Gäste steckt , gar nicht mehr nötig ? « – » Ich bin heute nicht Dame des Hauses , sondern Gast des Fürsten ; die Gräfin Schliersen macht die Honneurs , mein Herr Gemahl ! « versetzte sie schneidend . » Und mit meiner Toilette habe ich so früh begonnen , weil ihr Arrangement Zeit beansprucht und Mademoiselle Cecile über alle Begriffe langsam ist . « Sie wandte Gisela verächtlich den Rücken und warf mit beiden Händen den silberdurchwobenen Schleier zurück , der ihr wie Mondschein vom Haupte floß . Ihre unvergleichliche Schönheit kam in diesem idealen Anzug voll zur Geltung – dafür schien aber ihr Gemahl vollständig unempfindlich zu sein . Seine Brauen falteten sich noch finsterer ; er fuhr unwillig mit der Hand über die Augen , wie wenn sie unangenehm geblendet würden ; und in der Tat , von der Erscheinung ging ein so buntfarbiges Sprühen und Blitzen aus , als habe sie den ganzen Sternenhimmel über sich hergestreut . Auf den Gazewogen lagen zwar nur einfache , unschuldige weiße Rosen , aber in jedem Kelch , auf den zartgebogenen milchweißen Blättern schaukelten Brillanten als Tautropfen ; auch hier und da funkelten , als sei der Tau den Blumen entfallen , einzelne hingesäte Steine auf den rosigen Falten . Durch die schwarzen Locken der Dame wanden sich auch Blütenzweige , aber keine lebensfrischen – es waren aus Brillanten zusammengesetzte Fuchsien – aus ihren Kelchen fielen leuchtende Staubfäden auf die Stirn . » Soll ich diesen Anzug für das Zigeunerkostüm halten , in dem du heute erscheinen wolltest , Jutta ? « fragte der Minister , nicht ohne eine beißende Beimischung in seiner Stimme , indem er auf das Kleid seiner Gemahlin zeigte . » Die Zigeunerrolle habe ich der Sontheim überlassen , Euer Exzellenz – es gefällt mir besser , für heute Titania zu sein « , versetzte sie impertinent . » Und war dazu eine solche Brillantenverschwendung nötig ? « – Er war unverkennbar tief gereizt . – » Du kennst meine Abneigung gegen dieses Überladen mit Steinen – « » Erst seit kurzem , mein Freund « , unterbrach sie ihn . » Und ich zerbreche mir vergebens den Kopf , was dich plötzlich zu einem solch entschiedenen Verächter des Schmuckes macht , dessen Glanz du einst bei jedem öffentlichen Erscheinen deiner Gemahlin für unentbehrlich gehalten hast ... Übrigens , mag sich dein Geschmack verändert haben – was kümmert ' s mich ! Ich liebe diese Steine bis zur Vergötterung . Ich werde mich mit ihnen schmücken , solange mein Haar schwarz ist und meine Augen leuchten können , oder besser , solange mir der Atem aus und ein geht ! ... Ich habe und ich halte sie und werde das Eigentumsrecht zu verteidigen wissen , selbst – wenn es sein müßte – mit Händen und Zähnen ! « Wie leuchteten diese kleinen weißen Zähne hinter der emporgezogenen Oberlippe der reizenden Titania ! » Auf Wiedersehen im Walde , schöne Gräfin Völdern ! « rief sie mit einem halb wahnwitzigen Auflachen dem jungen Mädchen zu , dann flog sie , wie von einem Wirbelwind erfaßt , wieder über die Schwelle . Der Minister sah ihr nach , bis der letzte rosige Schein der Gaze verschwunden und das flüchtige Klappern der kleinen Absätze hinter einer fernen Tür verklungen waren . Er schloß die Türe leise wieder , zog aber die Portiere nicht zusammen – Portieren sind vortreffliche Schlupfwinkel für Lauscher . » Mama ist sehr aufgeregt , « sagte er scheinbar ruhig zu Gisela , die wie erstarrt und festgewurzelt noch auf derselben Stelle stand . » Die Furcht , daß ein plötzliches Hervorbrechen deiner Anfälle die heutige Festlichkeit unangenehm stören könnte , bringt sie ganz außer sich . Dabei quält sie die Angst , dein unvorbereitetes Erscheinen am Hofe könnte dich und uns , rücksichtlich deiner großen Unerfahrenheit in Welt und Leben , in endlose Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten verwickeln ... Sie hat ja keine Ahnung , die arglose Frau , daß diese Vorstellung bei Hofe nie stattfinden kann und wird . Diese Beruhigung aber darf ich ihr nicht einmal geben – sie muß aus deinem Munde kommen , Gisela ! « Er griff wieder nach ihren Händen und nahm sie zwischen die seinigen . Diese eisigen Finger zitterten , und als das junge Mädchen erstaunt forschend in das Gesicht des Stiefvaters sah , da wichen die Augäpfel unter den schlaffen Lidern seitwärts . Mit sanfter Gewalt zog er Gisela neben sich auf ein Sofa , sprang aber noch einmal auf , öffnete die Tür nach dem Korridor und überzeugte sich , daß derselbe menschenleer sei . » Es handelt sich um ein Geheimnis , « sagte er zurückkehrend mit gedämpfter Stimme , » um ein Geheimnis , dem ich nur dies eine Mal Worte geben darf – sie sollen von meiner Lippe zu deinem Ohr gelangen , dann aber muß ihr Klang erlöschen für alle Zeiten ... Armes Kind , ich hätte dir von Herzen gern noch ein Jahr der ungebundenen Freiheit gegönnt ! Leider trägst du selbst die Schuld – dein unüberlegter Ritt gibt deinem Leben eine überraschend schnelle Wendung ; ich bin gezwungen das auszusprechen , was ich am liebsten für immer und ewig verschwiegen hätte ... « Diese Einleitung war geheimnisvoll , dunkel wie die Nacht selbst , und wohl geeignet , ein unerfahrenes achtzehnjähriges Mädchen einzuschüchtern . Jener furchtsam Schrecken , der uns überrieselt angesichts einer Nachricht , die das Schlimme nicht direkt bringt , sondern es erst in unheimlicher , halbverwischter Ferne auftauchen läßt , er schlich auch lähmend durch die Glieder der jungen Dame ; gleichwohl veränderte sich kein Zug des erblaßten Gesichts . Atemlos aufhorchend , die braunen Augen voll Mißtrauen , saß sie ihrem Stiefvater gegenüber – sie glaubte der trauervollen , einschmeichelnden Stimme nicht mehr , seit sie wußte , daß sie spitz und einschneidend werden konnte , wie ein scharfgeschliffener Dolch . Er deutete nach dem Bild ihrer Mutter . Jetzt hatten sich ihre Augen bereits an das gedämpfte Licht des Zimmers gewöhnt ; sie sah die Umrisse der Gegenstände kräftiger hervortreten ; auch die helle Gestalt mit dem blumengeschmückten Haupt hob sich aus dem Schatten , die seelenvollen Augen lächelten nach ihr herüber , und man hätte meinen können , die gehobene blumengefüllte Hand wolle die blühenden Lieblinge der verwaisten Tochter zuwerfen . » Du warst noch sehr jung , als sie starb – du hast sie nie gekannt , « sagte der Minister weich . » Und deshalb konnten wir uns bei deiner Erziehung auch weniger auf ihr Andenken , als auf das deiner Großmutter beziehen ... Aber sie war ein Engel , sanft und fromm wie eine Taube – ich habe sie sehr geliebt ! « Ein ungläubiges Lächeln glitt flüchtig über das Gesicht des jungen Mädchens – er hatte den » Engel « sehr schnell vergessen über dem furienhaften Geschöpf , das dort eben zur Tür hinausgeflogen war . Das Bild hing unbeachtet in diesem Zimmer , das Seine Exzellenz nach jahrelanger Unterbrechung immer nur auf wenige Tage benützte , während im Ministerhotel zu A. die dämonisch schwarzen Augen der zweiten Gemahlin über seinem Schreibtisch funkelten . » Sie ist bis jetzt einflußlos auf dein Leben gewesen « , fuhr er fort . » Von nun an aber wirst du einen Weg gehen , den sie dir selbst , kurz vor ihrem Tode , mit fester , sicherer Hand vorgezeichnet hat . Das darauf bezügliche Schriftstück liegt in A. – es soll in deine Hände gelangen , sobald ich nach der Stadt zurückkehren werde . « Er hielt inne , als erwarte er irgendeinen unterbrechenden Ausruf , eine Frage seiner Stieftochter ; allein sie schwieg beharrlich und erwartete scheinbar gelassen die weitere Entwicklung seiner Mitteilungen . Er sprang in sichtlicher Ungeduld auf und ging rasch einmal im Zimmer auf und ab . » Du weißt , daß der größte Teil der Völdernschen Besitzungen vom Prinzen Heinrich herstammt ? « fragte er , plötzlich stehen bleibend , in so kurzem , unumwundenem Ton , als gelte es , mittels eines einzigen Hiebes den dunklen Knoten durchzuhauen . » Ja , Papa ! « entgegnete Gisela , den Kopf neigend . » Du weißt aber nicht , auf welche Weise sie in die Hände der Großmama gekommen sind ? « » Man hat nie mit mir darüber gesprochen ; aber ich kann mir selbst sagen , daß sie die Güter gekauft haben wird « , versetzte sie vollkommen ruhig und harmlos . Ein häßliches Lächeln zuckte um den Mund Seiner Exzellenz . Er setzte sich rasch wieder nieder , ergriff die schlanken Hände , die gefaltet auf den Knien der jungen Dame lagen , und zog sie vertraulich an sich heran . » Komm einmal her , mein Kind « , flüsterte er , » ich habe dir etwas zu sagen , das voraussichtlich dein unschuldiges Gefühl für einen Augenblick erregen wird ... Aber ich füge ausdrücklich hinzu , daß dergleichen Fälle zu Tausenden vorkommen und daß die Welt sie sehr – nachsichtig beurteilt ... Du bist achtzehn Jahre alt ; man kann und darf nicht immer Kind bleiben hinsichtlich gewisser Begriffe – die Großmama war die Freundin des Prinzen ... « » Das weiß ich , und so wie ich dieses Freundschaftsverhältnis beurteile , muß er sie verehrt haben wie eine Heilige ! « » Denke dir die Sache minder heilig , mein Kind – « » O Papa , wiederhole das nicht ! « unterbrach sie ihn in flehendem Ton . » Ich weiß es ja seit gestern , daß die Großmama – zu wenig Herz gehabt hat . « » Zu wenig ? « ... Er bog sich lächelnd zurück – zahllose Linien und Runzeln gruben sich für einen Augenblick in das Steingesicht , es konnte überraschend ausdrucksvoll sein , sobald es frivol wurde . » Zu wenig ? « wiederholte er nochmals . » Wie soll ich das verstehen , meine Kleine ? « » Sie war schlimm gegen die Notleidenden – sie hat gedroht , die Armen mit Hunden forthetzen zu lassen . « Der Minister sprang abermals auf ; diesmal jedoch in ausbrechendem Zorn . Sein Fuß stampfte den Boden , und auf den Lippen schien ihm eine Verwünschung zu schweben . » Wer hat dir diese Schnacken in den Kopf gesetzt ? « rief er grimmig . Er sah sich weit vom Ziel zurückgeschleudert – die unschuldige Kindesseele entfaltete ihre weißen Flügel , sie schwebte über ihm und machte es ihm schwer , den Schmutz seiner Erfahrungen , seines Weltwitzes auf ihr fleckenloses Gefieder zu schleudern . » Nun denn « , sagte er nach einer kurzen Pause stirnrunzelnd , indem er sich mit einer ungeduldigen Bewegung wieder niederließ , » wenn du es durchaus so willst , die Großmama war also die Heilige des Prinzen . – Er liebte sie so abgöttisch , daß er in den Zeiten seiner höchsten Verehrung ein Testament verfaßte , in dem er seine Verwandten verstieß und – die Gräfin Völdern zur Universalerbin einsetzte . « Jetzt kam eine lebhafte Bewegung in die Züge des jungen Mädchens – sie hob unterbrechend die Hand . – » Natürlich hat die Großmama gegen eine solche Ungerechtigkeit energisch protestiert ! « sagte sie in atemloser Spannung , aber doch mit unerschütterlicher Zuversicht . » O Kind , es kommt ganz anders , als du denkst ! ... Das muß ich dir übrigens sagen , die ganze Welt würde gelacht haben , wenn die Großmama in deinem Sinn gehandelt hätte . Gegen die Annahme einer halben Million protestiert man nicht so ohne weiteres , Liebchen ! ... In diesem Fall ist das Verhalten der Großmama , welche die Erbschaft ruhig annahm , nicht im entferntesten anzutasten – der Fehlende war Prinz Heinrich , nicht sie ! ... Dagegen kommen wir jetzt an einen Punkt , den auch ich nicht entschuldige – « » Papa , ich möchte lieber sterben , als diesen Punkt hören « , fiel das junge Mädchen mit vollkommen klangloser Stimme ein . Sie saß da mit blutlosem Gesicht und zuckenden Lippen und lehnte den Kopf an das Sofapolster zurück . » Herzenskind , es stirbt sich nicht so leicht ... Du wirst weiter leben , auch wenn du diesen dunklen Punkt kennst , und wenn ich dir raten soll , so suchst du ihn möglichst schnell wieder zu vergessen ... Das Testament des Prinzen lag also bereits seit Jahren da , und sein Verhältnis zu deiner Großmama blieb ein ungetrübtes , bis sich plötzlich böswillige Einflüsterungen zwischen die beiden Menschen drängten – es geschah öfter , daß sie in Groll voneinander schieden ... Da gab die Gräfin Völdern einen großen Maskenball in Greinsfeld ; der Prinz war nicht erschienen – man hatte sich wieder einmal gezankt ... Plötzlich gegen Mitternacht wird der Großmama gesagt , Prinz Heinrich liege im Sterben – wer ihr die Nachricht zugeflüstert hat , weiß bis heute niemand . – Sie stürzt aus dem Saal , wirft sich in einen Wagen und fährt nach Arnsberg – deine Mutter , damals ein siebzehnjähriges Mädchen , das den Prinzen geliebt hatte wie einen Vater , begleitete sie ... « Er schwieg einen Augenblick . Der gewiegte Diplomat zögerte doch unwillkürlich , ehe er den falschen Zug in dem entworfenen Bild weiter vertiefte . Er ergriff ein Fläschchen und hielt es an das Mädchengesicht , das mit gesunkenen Wimpern an dem Polster lehnte . Bei dieser Berührung fuhr Gisela , die Augen aufschlagend , empor – sie stieß seine Hand zurück . » Mir ist nicht übel – erzähle weiter « , sagte sie heftig , aber mit ungewöhnlicher Energie . » Meinst du , es sei süß , auf der Folter zu liegen ? « Ein herzzerreißender Blick brach aus den braunen Augen . » Das Ende ist rasch erzählt , mein Kind « , fuhr er mit gedämpfter Stimme fort . » Aber ich muß dich dringend bitten , den Kopf oben zu behalten – du siehst sehr verstört aus ! ... Du wirst bedenken , wo du bist und daß gerade heute die Wände Ohren haben ! ... Der Prinz lag eben im Verscheiden , als die Gräfin Völdern atemlos an seinem Bett zusammenbrach ; aber er hatte noch so viel Bewußtsein , sie hinwegzustoßen – er muß ihr bitter gegrollt haben ... Auf dem Tisch lag ein zweites , eben vollendetes Testament , unterschrieben von der Hand des Sterbenden und von den Herren von Zweiflingen und Eschebach , die zugegen waren – es setzte das fürstliche Haus zu A. zum Universalerben ein ... Ich selbst befand mich in jener verhängnisvollen Stunde auf dem Weg nach der Stadt , um den Fürsten zu einer Versöhnung an das Sterbebett zu holen ... Der Prinz starb , eine Verwünschung gegen die Großmama auf den Lippen , und eine halbe Stunde darauf warf sie – im Einverständnis mit den Herren von Zweiflingen und Eschebach – das neue , eben vollendete Testament des Prinzen in die Kaminflamme und – trat die Erbschaft an ! « – Gisela stieß einen markerschütternden Schrei aus ... Ehe es der Minister verhindern konnte , sprang sie empor , riß einen Fensterflügel auf und stieß die Jalousie zurück , so daß der letzte volle Strahl der Abendsonne purpurn über Parkett und Wände hinfloß . » Nun wiederhole mir im hellen Tageslicht , daß meine Großmama eine Verworfene gewesen ist ! « schrie sie auf – ihre weiche Stimme brach in einem gellenden Aufschluchzen . Wie ein Tiger stürzte sich der Minister auf das Mädchen und riß es vom Fenster hinweg , während er die knöchernen Finger roh auf ihre Lippen preßte . » Wahnwitzige , du bist des Todes , wenn du nicht schweigst ! « stieß er zwischen den Zähnen hervor . Der Minister zog Gisela unwiderstehlich nach dem Sofa zurück . Sie sank zwischen den Polstern zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen ... Einen Augenblick stand er schweigend vor ihr , dann ging er langsam nach dem Fenster und schloß es wieder . Seine Füße glitten unhörbar über den Teppich , den sie eben noch wütend gestampft hatten , und die Fäuste , die vorhin den zarten Mädchenkörper in grimmer Kraft geschüttelt , legten sich geschmeidig , in ihrer vollendeten Anmut und aristokratischen Schlankheit auf den Scheitel der Stieftochter – schneller kann das Raubtier seine Krallen nicht in das samtene Fell zurückziehen , als dieser Mann seine tierisch wilde Heftigkeit nach außen hin zu verdecken verstand . » Kind , Kind , in dir steckt ein Dämon , der das friedfertigste Gemüt zur Wut reizen kann « , sagte er und zog ihr mit sanfter , behutsamer Berührung die Hände vom Gesicht . – » Kleine Unberechenbare ! ... Man wird förmlich überrumpelt und läßt sich im ersten Schrecken zu Ausdrücken hinreißen , von denen die Seele nichts weiß ... Rief ich nicht eben , du seiest des Todes ! « – Er lachte laut auf . – » Klassisch ! Ein theatralischer Gemeinplatz , wie ihn der geharnischte Bühnenritter nicht wirksamer hinschleudern kann ! Was einem nicht alles in der Herzensangst passiert ! ... Die aber habe ich eben gründlich durchgemacht , Gisela « , fuhr er sehr ernst fort . » Alle diese plaudernden lächelnden Menschen , die , Schmeichelei und Honigseim auf den Lippen , draußen das Schloß umkreisen , sie wären sofort zur lästernden , zeternden Meute geworden , wenn dein unvorsichtiger Ausruf ihr Ohr erreicht hätte ... Dieses ganze erbärmliche Geschmeiß hat vor der glänzenden Gräfin Völdern im Staube gelegen ; es hat seinerzeit von den Reichtümern der schönen Frau vortrefflich zu zehren verstanden . Nichtsdestoweniger ist gerade in diesem Kreise die geflüsterte Behauptung , die Völdernsche Erbschaft sei eigentlich ein Diebstahl gewesen , mit liebevollster Beharrlichkeit gepflegt worden . « » Die Leute haben recht ! Das Fürstenhaus ist auf die gemeinste Weise bestohlen worden ! « sagte Gisela mit dumpfer , aber leidenschaftlich ausbrechender Stimme – es klang mehr wie ein Aufstöhnen . » Sehr wahr , mein Kind , aber kein menschliches Ohr darf das jemals hören ... Ich kenne bereits deine unumwundene , rücksichtslose Art , dich auszudrücken , ich bin ein Mann , kein zartempfindendes Mädchenherz , und deiner Großmama nicht einmal blutsverwandt – und dennoch berührt mich der harte , wenn auch immerhin gerechte Ausspruch aus deinem Munde wie ein Dolchstich . Ich würde nie diese Worte für das Vergehen gefunden haben . « Er hielt lauernd inne . Seine beißende Zurechtweisung übte nicht die geringste Wirkung auf das schöne , bleiche Gesicht neben ihm ; es lag etwas Unerbittliches in den Linien , die den kindlich geschwellten Mund fremdartig umzogen . » Glaube ja nicht « , fuhr er rascher fort , » daß ich damit das geschehene Unrecht entschuldigen will – weit entfernt – ich sage im Gegenteil : es muß gesühnt werden ! « » Es muß gesühnt werden « , wiederholte das junge Mädchen , » und zwar sofort ! « Sie wollte aufspringen , aber der Minister hatte bereits seine Arme um ihre Taille geschlungen und hielt sie fest . » Willst du nicht die Freundlichkeit haben , mir mitzuteilen , wie du das anzufangen gedenkst ? « fragte er , während sie angstvoll strebte , der verabscheuten Berührung zu entfliehen . » Ich gehe zum Fürsten – « » So – du gehst zum Fürsten und sagst : › Durchlaucht , da stehe ich , die Enkelin der Gräfin Völdern , und klage . Ich klage meine Großmutter der Betrügerei an ; sie war eine Verworfene , sie hat das fürstliche Haus bestohlen ! ... Was kümmert ' s mich , daß mit dieser Anklage der edelste Name im Lande , eine lange Reihe tadelloser Männer gebrandmarkt wird , die im Leben ihren Namen als das höchste Kleinod rein bewahrt haben ! – Was kümmert ' s mich , daß diese Frau die Mutter meiner Mutter war und meine ersten Lebensjahre treu behütet hat ! Ich will nur Sühne , augenblickliche Sühne , gleichviel , ob ich das haarsträubende Unrecht begehe , anzuklagen , wo ein toter Mund sich nicht mehr verteidigen kann ! ‹ ... Die Frau liegt still und stumm unter der Erde ; sie muß die ganze furchtbare Last der Schuld bis in alle Ewigkeit auf sich wälzen lassen , während sie vielleicht bei Lebzeiten viele Milderungsgründe in die Waagschale hätte werfen können ! ... Nein , mein Kind « , fuhr er nach einer kurzen Pause mild fort , während der er vergebens sich bemüht hatte , das Mädchengesicht zu erforschen , das sich hinter den schmalen Fingern verbarg , » so rasch und rücksichtslos dürfen wir den Knoten nicht lösen , wenn wir uns nicht selbst der schwersten Sünde schuldig machen wollen ! Es wird im Gegenteil noch so manches Jahr vergehen müssen , bis das erschlichene Erbe wieder in die rechtmäßigen Hände übergehen kann . Bis dahin gilt es , Opfer zu bringen . Sie werden übrigens nicht allein von dir , sondern auch von mir verlangt , und ich füge mich freudig ... Arnsberg , das ich auf die rechtmäßige Weise für bare dreißigtausend Taler an mich gebracht habe , gehört auch in jene Erbschaftsmasse . Ich werde testamentarisch das Fürstenhaus als Erben des Gutes einsetzen und damit die Mama um ein bedeutendes Kapital dereinst verkürzen – du siehst , daß auch wir verurteilt sind , für den Namen Völdern und das Andenken deiner Großmutter zu leiden ! « Die junge Dame schwieg beharrlich . Ihr verhülltes Gesicht sank immer tiefer auf die Brust . » Und so wie ich hat auch deine Mutter , deine gute , unschuldige Mutter gedacht – das Vergehen darf nur stillschweigend gesühnt werden « , sagte der Minister weiter . » Sie hat in jener Nacht , am Sterbebette des Prinzen kniend , das Unrecht mit ansehen müssen ; sie ist durch das Leben gewandelt , das schlimme Geheimnis tief in der Brust . Nie hat sie gewagt , die Großmama an den Vorgang zu erinnern , sie war zu schüchtern ; aber bei jedem Kind , das ihr der Tod nahm , hat sie sich schaudernd gesagt , das sei das gerechte Walten der Nemesis ! ... Kurz vor ihrem Hinscheiden habe ich aus ihrem eigenen Munde erfahren , was ihre lieben Augen oft so unsäglich traurig und schwermütig gemacht hat – ich darf dir wohl sagen , mein Kind , ich habe oft und schwer unter dieser stummen Klage gelitten – « » Ich möchte das Ende wissen , Papa ! « stieß Gisela hervor . Sie wollte tausendmal lieber die Stimme dieses Mannes drohend , zornig , schneidend vor Ingrimm , als in diesem vertraulich schmeichelnden Flüsterton hören . » Also kurz und bündig , meine Tochter « , sagte er eiskalt . Er lehnte sich steif und vornehm in die Kissen zurück . » Wenn es dir so gefällt , werde ich einfach als Befragter berichten ... Deine Mutter hat mich beauftragt , dir , als der einzigen Erbin des Völdernschen Besitztums , im neunzehnten Lebensjahre das Geheimnis mitzuteilen , gleichviel , ob die Großmama diesen Zeitpunkt erlebe oder nicht . Wenn ich um ein Jahr vorgreife , so trägst du selber die Schuld – es gilt , Torheiten deinerseits vorzubeugen ... Deine Mutter hat ferner gewünscht , daß du in strengster Abgeschiedenheit erzogen werdest – jetzt wirst du wissen , daß nicht alleine deine Kränklichkeit den einsamen Aufenthalt in Greinsfeld nötig gemacht hat ... Der letzte Wille deiner Mutter verlangt ein völlig entsagendes Leben von dir , Gisela – du wirst ihn ehren ! ... Der Gedanke , daß durch dich dereinst das schwere Unrecht ausgeglichen werden könnte , ohne daß der teure Name Völdern befleckt werde , hat ihr noch im letzten Augenblick ein Lächeln der Befriedigung abgerungen . « Er zögerte ; es wurde ihm jedenfalls nicht leicht , den Schwerpunkt der Mitteilungen in die geeignete Form zu kleiden . » Wären wir in A. « , fuhr er etwas rascher fort , während er zwischen den Fingerspitzen die Enden seines Schnurrbartes drehte , » dann bedürfte es meiner Auseinandersetzungen nicht ; ich gäbe dir die Papiere , die deine Mutter in meine Hand gelegt hat ; sie enthalten alles , was mir jetzt Mühe und – Schmerz macht , auszusprechen ... Deinem jungen Leben werden von nun an engere Grenzen gezogen als bisher – armes Kind ! ... Der vollständige Ertrag jener Güter , die du unrechtmäßigerweise besitzest , soll für die Armen im Lande verwendet werden ; ich bin ausersehen , sie zu verwalten ; dagegen habe ich die Verpflichtung , dir über Heller und Pfennig alljährlich Rechenschaft abzulegen . Bei deinem Eintritt in die Abgeschiedenheit sollst du mich scheinbar als deinen Erben bezeichnen ; ich aber habe sodann in meinem Testament die fraglichen Güter als › dankbarer Freund ‹ dem Fürstenhaus zu hinterlassen . « Die Hände des jungen Mädchens waren vom Gesicht niedergesunken . Sie wandte mechanisch langsam den Kopf , und die erloschenen Augen hefteten sich starr auf den Mund des Sprechenden , der ein leises nervöses Beben in den Winkeln nicht zu unterdrücken vermochte . » Und wie heißt die Abgeschiedenheit , in die ich eintreten soll ? « fragte sie , jedes Wort schwer betonend . » Das Kloster , meine liebe Gisela ! ... Du sollst auch für die Seele deiner Großmutter beten und sie von ihrer schweren Schuld erlösen . « Jetzt schrie sie nicht auf – ein irres Lächeln flog über ihr Gesicht . » Wie , ins Kloster will man mich stecken ? Zwischen vier enge hohe Mauern ? Mich , die ich im grünen Wald aufgewachsen bin ? « stöhnte sie . » Ich soll , solange ich lebe , nur das eingeschlossene Stückchen Himmel über mir sehen ? Ich soll ein ganzes Leben lang Tag und Nacht Gebete hersagen , immer dieselben Worte , die schon in den ersten Tagen eine sinnlose Plapperei werden ? Ich soll mich zwingen , nicht mehr Gottes Ebenbild zu sein , sondern eine stumpfe Maschine , der man das Herz ausgerissen und den Geist zertreten hat ? ... Nein , nein , nein ! ... « Sie sprang auf und steckte ihrem Stiefvater gebieterisch den Arm entgegen . » Wenn du wußtest , was mir bevorstand , dann mußte auch von meinem ersten Denken an alles geschehen , mich mit meiner furchtbaren Zukunft vertraut zu machen ; so aber habt ihr mich meinen eigenen Gedanken und Schlüssen überlassen , und ich will dir sagen , wie ich über das Kloster denke ! ... Hat sich je der Mensch von Gott und der klaren Vernunft weit verirrt , so ist es in dem Augenblick gewesen , da er das Kloster erfunden hat ! Es ist Wahnsinn , eine Anzahl Menschen in ein Haus zusammenzustecken , um Gott zu dienen ! ... Sie dienen ihm nicht , sie verdrehen seine Absichten , denn sie lassen die Kräfte in Nichtstun verwelken , die ihnen zur Arbeit gegeben sind . Sie schlagen das Pfund tot , das er ihnen hinter die Stirn gelegt hat , und je weniger sie denken , desto hochmütiger sind sie und halten ihre Stumpfheit für Heiligkeit . Sie arbeiten nicht , sie denken nicht , sie nehmen von der Welt und geben ihr nichts zurück – sie sind ein isolierter , unnützer , träger Menschenhaufen , der sich von den Arbeitsamen füttern läßt ... « Der Minister stand auf ; sein Gesicht war fahl wie das einer Leiche . Er ergriff den Arm des jungen Mädchens und bog ihn nieder . » Besinne dich , Gisela , und bedenke , was du lästerst ! Es sind geheiligte Institutionen – « » Wer hat sie geheiligt ? Die Menschen selbst ... Gott hat nicht gesagt , als er den Menschen schuf : Verstecke dich hinter Steinen und verachte alles , was ich der Welt Schönes und Herrliches gegeben habe . « » Schlimm für dich , mein Kind , daß du in dein neues Leben eine solche Philosophie mitbringst ! « sagte der Minister achselzuckend . Er stand mit verschränkten Armen vor ihr . Einen Moment maßen sich die vier Augen , als wolle jedes die Kraft des anderen angesichts des ausbrechenden Sturmes prüfen . » Ich werde nie in dieses neue Leben eintreten , Papa ! « Diese Erklärung , die der blasse Mund des jungen Mädchens so entschieden und unumwunden hinwarf , entzündete eine wilde Flamme in den weitgeöffneten Augen Seiner Exzellenz . » Du wärst in der Tat so entartet , den Wunsch und Willen deiner sterbenden Mutter zu mißachten ? « fuhr er auf . Gisela trat vor das Bild ihrer Mutter . » Ich habe sie nicht gekannt , und doch weiß ich , wie sie gewesen ist « , sagte sie . Ihre Lippen zuckten und ihr ganzer Körper fieberte , aber die Stimme klang fest und sanft . » Sie