? Hat diese Tatsache irgendwie Bezug auf die Stellung der Dame zu mir ? ... Ich habe versprochen , Lucians Kinder zu schützen , sie in meine Obhut zu nehmen ; wer sie mir zu diesem Zwecke zuführt , das – nun das ist wohl Nebensache . « » Für mich aber nicht , « sagte sie verdrossen . » Diese Pflanzermadame mit ihrem Sklaventroß ist mir ein Greuel – sie sieht mir so recht aus wie eine von denen , die ihre Umgebung mit der Peitsche behandeln . Ich lebe stets in fiebrischer Angst , daß eines Tages das Geheul der Gestraften bis hinauf zu mir dringen könnte – « » Die Vorstellung ist falsch , « unterbrach er sie kurz ; dann preßten sich seine Lippen fest aufeinander . » Sie ist richtig ! « betonte sie hartnäckig . » Man braucht nur in das Gesicht zu sehen . Möglich , daß sie hier auf deutschem Boden ihre Gelüste zügelt ; aber ist es nicht schon an und für sich eine Schmach , sich von Sklaven bedienen zu lassen , sie über das Meer mitzuschleppen wie Maschinen , nicht wie Menschen ? « » Das hat die Dame vor sich selbst zu verantworten – ich fühle mich nicht berufen , fremdländische Unsitte zu bekämpfen . « – Mit welcher Bitterkeit sprach er ! Es klang , als habe sich der Groll draußen in der Ferne nur noch tiefer in sein Inneres eingewühlt . Die Baronin lachte spöttisch auf . » Das würde dir auch ohne Zweifel sehr schlecht bekommen , « sagte sie . » Diese überseeischen Pflanzeraristokratinnen sollen wahre kleine Teufel an Hochmut und boshaften Launen sein . « Er schwieg und bückte sich über Paula , die mit beiden Händchen seine Linke umfaßt hielt und mit großen Augen unverwandt nach der Frau im Lehnstuhl sah – es war der kleinen Verwöhnten offenbar sehr verwunderlich , daß sie keines Blickes gewürdigt wurde . » Wollen wir Pirat fortbringen ? « fragte er . » Der unartige Bursche winselt droben und will hinaus . Deborah soll ihn an der Leine führen , und du läufst mit . « Das Kind schlug willig die Arme um seinen Hals , und er trug es wieder die Treppe hinauf . » Er sieht nicht gut aus und hat eine unerträgliche Laune mitgebracht – bei dem impertinenten Ton seiner Stimme empört sich mir jeder Blutstropfen , « sagte die Stiftsdame , nachdem er droben hinter der Tür verschwunden war . Die Baronin antwortete nicht . Sie war aufgesprungen , hatte das Kuvert in das Fach zurückgeworfen und die Schranktür geschlossen . Nun lag sie wieder in den Stuhl zurückgelehnt und stieß die Fingerspitzen spielend gegeneinander , als habe sie nicht für einen Augenblick ihre Stellung verändert . » Mit dieser Laune will ich schon fertig werden , « sagte sie anscheinend gleichmütig . » Mir dagegen kocht das Blut , wenn er wie eine Kindsmagd daher kommt und solch einen unausstehlichen Flachskopf mit einer Zärtlichkeit an sich drückt – « » Ich halte das für eine Demonstration – der Kinderlosen gegenüber , « fiel die Stiftsdame ruhig , aber mit Nachdruck ein . Die Frau im Lehnstuhl fuhr in die Höhe – ihr Gesicht sah ganz entstellt aus vor Grimm . Sie hatte augenscheinlich eine Flut leidenschaftlicher Worte auf den Lippen ; allein in diesem Augenblick rüttelte Baron Schilling draußen an der Tür des Glashauses . Er hatte jedenfalls Paula der im Garten wartenden Deborah wieder übergeben und wollte nun auf dem kürzesten Wege in das Atelier zurückkehren . Die Baronin griff unwillkürlich und erschrocken nach dem konfiszierten Schlüssel in ihrer Tasche ; aber schon wurde eine andere direkt aus dem Garten in das Atelier führende Tür von draußen aufgeschlossen . » Bist du in das Haus geflogen , Klementine ? « fragte Baron Schilling eintretend . » Alle Eingänge , auch den nach oben , mußte ich aufschließen . « » Ich habe mir Roberts Schlüssel zu deiner Atelierwohnung geben lassen , « sagte sie nachlässig , aber nicht ohne Verlegenheit . » Ich meinte , während deiner Abwesenheit doch einmal nach der Ordnung sehen zu müssen . « Bei dieser erbärmlichen Ausflucht wandte sich Fräulein von Riedt so hastig ab , daß ihr Seidenkleid in jeder Falte rauschte . » Du bist sehr gütig . Diesem Ordnungssinn zuliebe hast du deine tiefe Abneigung heroisch bekämpft , « sagte Baron Schilling gelassen . » Nun , da wirst du gefunden haben , daß man den Boden schlecht fegt , denn alte Kuverts liegen umher , und daß die Bedientenseelen sich nicht scheuen , meinen Geheimnissen in den Schränken nachzuspüren – ah , du warst so freundlich , eigenhändig diese verdrießlichen Zeugen einer verabscheuungswürdigen Spionage zu beseitigen ? « unterbrach er sich selbst mit einem über Schrank und Fußboden streifenden Spottblick . Sie erhob sich schweigend . Es mochte ihr tiefgehen , auf einem ihrer dunklen Wege so kompromittierend ertappt worden zu sein – aber diese Frau hatte offenbar große Übung im Vertuschen , im verleugnenden Hingleiten über Geschehnisse , die ihr eine Blöße gaben . Sie ergriff mit hastigen Händen ihre Schleppe und schüttelte sie ab . » Ach ja , es ist sehr staubig hier – du bist schlecht bedient , « sagte sie . . » Übrigens scheint es , als mokiertest du dich über mein Hiersein – ich werde selbstverständlich nicht wieder kommen , mein Freund . Aber es ist doch ganz gut , daß ich mich für einmal wenigstens überwunden und einen Blick hier hereingeworfen habe ... Das Bild dort – wirst du es in die Welt hinausschicken ? « Sie zeigte nach der Staffelei . » Gewiß – es geht in der Kürze nach Wien , um ausgestellt zu werden . « » Diese Verherrlichung des Ketzertums ? ... du hättest wirklich die Stirn , sie als deine Arbeit vor der Welt anzuerkennen ? « » Soll ich mein eigenes Kind verleugnen ? « Er lachte halb verwundert , halb spöttisch auf und trat unwillkürlich der Staffelei näher , als gelte es , profane Blicke von diesem Lieblingskind abzuwehren . » Ein ungeratenes ! « grollte die Baronin in unbeschreiblicher Erbitterung . » Frage Adelheid – « » Wie – eine Kunstkritik aus diesem Munde ? Du wirst begreifen , daß ich sie mir ganz entschieden verbitte ! « rief er mit vernichtendem Hohn , und sein Auge heftete sich durchbohrend auf die Stiftsdame , die sofort herangerauscht kam . Diese zwei Menschen waren Todfeinde , die sich im Grund ihrer Seele gegenseitig verabscheuten – davon zeugten die Blicke , mit denen sie sich maßen . » Bilden Sie sich nicht ein , Baron Schilling , daß ich mich je anstrenge , in die Technik Ihrer Kunst einzudringen – ich fühle mich zu anderem berufen , « sagte sie kalt – es waren die ersten Worte , die sie zu ihm sprach , seit er in das Atelier getreten war . Dieses dröhnende , sonore Frauenorgan klang machtvoll wie eine Predigerstimme an den Wänden hin . » Ich habe für die Korrektheit der Linien und die Schönheit des Kolorits wenig Verständnis ; es fesselt mich die bildliche Darstellung im Ausdruck , wie in ihren Motiven überhaupt sehr selten – nur eine verderbliche Tendenz , die der Pinsel zu verewigen sucht , vermag mich zu erregen ... Diese Abtrünnige hier « – sie zeigte auf die Gestalt der greisen Hugenottin – » trägt die Märtyrerglorie – « » Mit allem Recht . Oder soll ich dem Glaubensfanatismus einer Stiftsdame zuliebe die Weltgeschichte fälschen ? « » Als ob das nicht bereits die offenbarste Fälschung sei ? « rief sie , den Arm gegen das Gemälde ausstreckend , in ausbrechender Leidenschaftlichkeit . – » In jener heiligen Nacht , die man die Bartholomäusnacht nennt , war jede Hand , die die Waffe auf ein Hugenottenherz richtete , die strafende Hand Gottes selbst – « » Bitte , Fräulein von Riedt , – ich dulde nie , daß in dieser meiner stillen Werkstätte der Konfessionshader laut werde . « » Und entfesseln Sie ihn denn nicht selbst in geradezu verbrecherischer Weise ? ! « Er lachte hart und verächtlich auf . » Ach ja , in unserer Zeit ist jeder Künstler , jeder Denker ein Verbrecher , sobald er nicht vertuscht , sondern an der Wahrheit festhält und das wahrhaft Gute und Edle will – man beschuldigt ihn der aufdringlichen Tendenz , mag er sie gewollt haben oder nicht ... Aber ich habe bereits erklärt , daß ich mir Ihre kritischen Bemerkungen entschieden verbitte , mein Fräulein ! – Wo es Ihnen gelingt , den Fuß hinzusetzen , da wurzelt er auch sofort fest , wie eine verderbliche Schlingpflanze , und das Terrain ist erobert ! Auf diese Weise haben Sie sich in meinem Hause eingenistet und einen Frauenwillen unterjocht , der sonst an Starrheit nichts zu wünschen übrig läßt . Von diesem Gebiet habe ich mich zurückgezogen – ich überlasse es Ihnen . Ich mag keinen Besitz , den ich täglich , stündlich immer wieder dem bis zum Wahnwitz gesteigerten Fanatismus abringen muß ! Aber hier , um das edle Antlitz meiner Kunst , meiner Heiligen , der unermüdlichen Trost- und Freudenspenderin , sollen wir die Nachteulen und Fledermäuse ganz gewiß nicht flattern – « » Arnold ! « – Die Baronin stürzte auf ihn zu und ergriff mit beiden Händen den Arm des Sprechenden – es lag eine unbeschreibliche Angst in ihren Zügen . » Widerrufe , Arnold ! Du willst nicht sagen , daß du deine Kunst über dein Weib stellst , nein , das willst du nicht sagen ! « Er stand unbeweglich ; nur seine Augen streiften im ersten Moment hastig über die zwei hageren Hände , die seinen Arm umklammerten , als verlange es ihn , sie von sich zu schütteln . » Ich habe gesagt , was wahr ist , « versetzte er kalt . » Ich habe sie erwählt ! Sie zeigt und führt uns nach oben , – nie reißt sie mich hinab und zwingt mich , in die verhaßten dunklen Schlupfwinkel zu blicken , als da sind Verstellung , Lug und Trug , Herrschsucht und boshafte Laune in der weiblichen Seele . Nie hat sie sich als treulos erwiesen – « » War ich dir nicht treu ? « fuhr die Baronin auf . » Du pflegst eine Freundschaft gegen meinen Wunsch und Willen , die Unfrieden und Hader in unsere Ehe getragen hat . « Er zeigte auf die Stiftsdame , die mit untergeschlagenen Armen , die Lippen fest geschlossen , und kühne Herausforderung auf der Stirn , unverwandt die Augen auf ihn gerichtet hielt . – » Sie mag es widerlegen , wenn ich dich beschuldige , den Namen deines Mannes fort und fort durch gehässige Anklagen und Mitteilungen verunglimpft zu haben ! « Die Stiftsdame schwieg – sie war jedenfalls nicht fähig zu lügen . » Sind Sie so fehl- und sündenlos , daß Sie über jeder Anklage zu stehen vermeinen ? « fragte sie nach einem augenblicklichen Zögern ausweichend . Ein verächtliches Lächeln glitt über sein Gesicht . » Das sprach die Diplomatin , der gutgeschulte Klostersendbote ... Ich bin nicht fehl- und sündenlos – die Schillings sind gesunde Erdgeborene – und ich kann das Blut meiner Vorfahren nicht verleugnen . Sie waren samt und sonders keine lammfrommen , unterwürfigen Ehemänner – ich glaube nicht , daß wir auch nur einen einzigen Pantoffelhelden zu verzeichnen haben . Diese Unlenksamkeit mag mancher Schillingschen Ehefrau ein Dorn im Auge , ein Stein im Wege gewesen sein ; allein sie hat das stillschweigend verwunden , denn die Annalen unseres Hauses nennen nicht eine Treulose , die durch bösartigen Klatsch hinter dem Rücken ihres Mannes seine Ehre angegriffen hätte . « Er ging nach der Tür , durch welche er vorhin in das Atelier zurückgekehrt war , und öffnete sie weit ; dann verbeugte er sich leicht gegen die Stiftsdame und schritt nach der Wendeltreppe , um sich in das obere Gelaß zurückzuziehen . » Du weisest Adelheid aus unserem Hause ? « rief die Baronin wie außer sich . Er blieb , die Hand auf das Geländer gelegt , an der untersten Stufe stehen und wandte das Gesicht zurück . » Ich glaube das nicht zum erstenmal zu tun , « sagte er mit großer Ruhe . » Allein Fräulein von Riedt verfolgt › höhere Ziele ‹ , die ihr verbieten , höflich angedeutete Wünsche zu verstehen und die Stimme des eigenen weiblichen Zartgefühls zu beachten ... Jeder andere Mann würde nach so vielen mißglückten gütlichen Versuchen , einen unheilstiftenden , bösen Geist aus seiner unmittelbaren Nähe zu entfernen , von dem ihm zustehenden Recht als Hausherr energischen Gebrauch machen – das widerstrebt mir . Ich muß mich darauf beschränken , gegen jedes fernere Betreten meines Ateliers Verwahrung einzulegen und mich hier zu isolieren – ich werde das Säulenhaus nicht mehr betreten , solange du Besuch hast . « Festen Schrittes stieg er die Treppe hinauf und verschwand hinter dem Vorhang ; man hörte , wie er kräftig auch die Tür hinter sich zudrückte . Die Baronin starrte ihm nach , als erwarte sie , ihn jeden Augenblick reuig wieder hervortreten zu sehen – plötzlich nahm sie ihre Schleppe auf und eilte nach der Treppe ; aber schon stand Fräulein von Riedt neben ihr – sie war dahingerauscht wie ein Dämon , der seine schwarzen Fittiche über eine ihm verfallene Seele breitet . Sie sprach kein Wort ; mit raschem Griff nahm sie die Hand , die eben das Geländer umfaßte und zog sie herab ... Und in dieser Berührung mußte eine seltsame Kraft , eine Übergewalt liegen – die Frau mit dem eigensinnigen Gesicht zog den Fuß zurück , den sie bereits auf die untere Stufe gesetzt hatte – freilich unter allen Zeichen des Widerspruches und mit einem Ausdruck , als kämpfe sie Tränen des Zornes , der inneren Wut nieder . Aber sie ging mit – sie rang ihre Hand ungeduldig los und schritt nach der offenen Tür . » Da hinaus gehen wir nicht ! « erklärte Fräulein von Riedt fest , und der schneidende Ton in ihrer Stimme besagte , daß sie durchaus nicht gewillt sei , den Weg zu betreten , auf den » der Hausherr « sie gewiesen . » Schließe die Tür des Glashauses auf – der Schlüssel muß ohnehin wieder an Ort und Stelle ! « Sie traten in den Wintergarten , und die Baronin zog den Schlüssel aus der Tasche . Donna Mercedes hörte ihr tiefes Atmen – es kam aus einer vor Aufregung keuchenden Brust . » Reise ab , Adelheid ! « preßte sie halb flehend , halb gebieterisch hervor . » Auf keinen Fall – ich bleibe ! « entgegnete die Stiftsdame kalt . » Der Erbärmliche soll mich nicht um eine Linie breit von meinem Weg ablenken ... Mehr als je habe ich an meiner Aufgabe festzuhalten , da es ein so jämmerlich schwankendes Rohr ist , das ich stützen muß ... Du hast unzähligemal versprochen , dich aus den entwürdigenden Banden zu retten ... Sobald du unter uns bist , gebärdest du dich , als sei dir alle sinnliche Leidenschaft tief verhaßt ; du spielst mit Vorliebe die Heilige , wie du stets alles daran setztest , als Tugendmuster aufgestellt zu werden . Und die treuen Führerinnen unserer Jugend glauben auch steif und fest , daß in deine Seele nie ein unreiner Wunsch gekommen , daß du einfach das betörte Opfer des spekulativen alten Freiherrn geworden seiest – sie hast du zu überzeugen gewußt , mich aber nicht , mich niemals ! ... Und wenn sie alle denken , Schilling klammere sich an deinen Reichtum , er verhindere immer wieder deine endliche Rückkehr in den Orden , dessen Eigentum du eigentlich bist , so weiß ich am besten , daß du nicht willst , daß sich deine sündhafte Neigung an jedem Strohhalm festhält , den dir die trügerische Hoffnung hinwirft ... Aber unser Pakt , nach welchem du gelobt hast , mit mir zu gehen , sobald Schilling selbst all und jede Liebe für dich leugnet , dieser Pakt hat sich eben erfüllt – aus jedem Wort , aus jeder seiner Gebärde sprach der entschiedenste Widerwille , sprachen Haß und Verachtung – er hat dich nie geliebt – nie ! « Die Stiftsdame hatte während dieser ganzen Strafrede die Frau an ihrer Seite festgehalten . Die kräftig geformten , schönen , weißen Hände , die das hagere Gelenk und den Arm der Baronin umspannten , mußten wie Eisenspangen fesseln – wie hätte sonst die Frau der schonungslosen Bloßlegung ihrer verheimlichten Neigungen und Triebfedern gegenüber ausgeharrt ? ... Aber nun , bei den letzten Worten gelang es ihr , sich loszureißen – die Glastür flog auf und die gebeugte Gestalt eilte wie gejagt nach der Platanenallee , während ihr Fräulein von Riedt in unerschütterlicher Haltung und Ruhe folgte . 29. Der Weg war frei , und Donna Mercedes floh förmlich aus dem Glashause , das sie wie ein Käfig wider ihren Willen umschlossen hatte . Noch sah sie die graue Schleppe über den Kies der Allee hinfegen , und wenn Fräulein von Riedt das Haupt ein wenig zurückwandte , so mußte sie sofort erkennen , daß die leidenschaftlichen Erörterungen im Atelier einen ungewünschten Zeugen gehabt hatten – gleichviel , die Befreite flüchtete hinaus ins Freie , tiefatmend , mit heftig pochendem Herzen . Sie hatte Zuletzt geglaubt , vergehen zu müssen in dem eingesperrten , schwülen Pflanzenodem und unter den beklemmenden Eindrücken der Szene , die sich drüben im Atelier abgespielt hatte , wie ein schwer hereinbrechendes Gewitter ... Für eine so unbändig stolze , im Innersten streng wahre Natur , wie Donna Mercedes , hatte es etwas unbeschreiblich Beschämendes und Demütigendes gehabt , wie eine ehrvergessene Horcherin in die Beziehungen fremder , insgeheim feindlich zueinander stehender Menschen ohne deren Vorwissen zu blicken . Sie hätte sich die Ohren zuhalten mögen , und doch waren ihr die Hände wie gefesselt im Schöße liegen geblieben – das leiseste , ihre Anwesenheit verratende Geräusch war ihr mit jedem unfreiwillig gehörten Worte mehr zu einem wahren Schreckgespenst geworden . Sie hatte die Augen geschlossen , um wenigstens den Anblick der Streitenden zu meiden ; aber die männliche Stimme hatte sie immer wieder aufgeschreckt und sie gezwungen , das Gesicht des Sprechenden zu suchen , der erbarmungslos mit den weiblichen Intrigen und Herrschergelüsten ins Gericht ging . Draußen zwischen den Fichtenstämmen sah sie Paulas Helles Kleidchen schimmern . Die Kleine spielte dort ; und Deborah war bei ihr ; Pirat aber steckte schon wieder in seiner Klause ; er bellte von dort den davoneilenden Damen wütend nach . Donna Mercedes ging in das Fichtenwäldchen . Paula jubelte ihr entgegen ; das Kind kramte aus einer großen Holzschachtel verschiedene reizende Spielereien und reihte sie auf einem Gartentisch nebeneinander – » der gute Herr « habe das dem Goldkind aus Berlin mitgebracht , sagte Deborah . Von Lucile war nicht die Rede – Baron Schillings Mission hatte also , wie er vorausgesagt , nicht den gewünschten Erfolg gehabt . Es war der jungen Dame selbst verwunderlich , daß diese Gewißheit sie so » merkwürdig « kalt lasse . Die ganze Angelegenheit mit ihrem Gefolge von Aufregung und Befürchtungen erschien ihr in diesem Augenblick so abgeblaßt , wie etwas längst Vergangenes , halb Vergessenes neben den Eindrücken , die sie eben empfangen . Sie fühlte ein beängstigendes Schauern über ihre Nerven schleichen , wenn sie dachte , daß sie unmittelbar nach jenen Szenen mit dem tieferregten Mann verkehren sollte – sie hatte Scheu vor ihm , Angst vor sich selber . Diese Bangigkeit vor irgend einem durch eigene Schuld heraufbeschworenen rauhen Wort hatte sie nie , auch in frühester Jugend nicht , empfunden . Ihr sonst ziemlich willenskräftiger Vater , die unbeugsame Mutter hatten dem vergötterten einzigen Liebling gegenüber niemals eine Rüge über die Lippen gebracht – im Gegenteil , jedes leichte Stirnrunzeln , jeder ärgerlich eigensinnige Blick waren begütigend hinweggetost worden ... Baron Schilling zürnte in unversöhnlicher Weise . Wie verletzend in seinem kalten Klang war vorhin jedes der knappen Worte gewesen , die er in bezug auf sie notgedrungen hatte sprechen müssen ! Sein Aufbegehren gegen die weiblichen Untugenden , die boshaften Launen , hatte auch die Amerikanerin , die neuerdings in seinen Gesichtskreis getreten , mit inbegriffen – das hatte sie wie einen Dolchstich gefühlt ... Seine Kunst sei seine Erwählte , hatte er gesagt . Mit diesem Idealwesen , » das ihn nie zwang , in die dunklen Schlupfwinkel der weiblichen Seele zu blicken « , konnten sich freilich die Sterblichen nicht messen – dachte sie erbittert . – Sie hatten Blut und Nerven , und der Erdenstaub legte sich auf die Flügel ihrer Seele und ließ sie nicht hinaufflattern in die Regionen , die hoch über der bösen Zunge der Menschen schweben . Nicht lange hatte sie grübelnd neben der spielenden Kleinen gesessen , als sie seinen Schritt hörte – er trat aus dem Hause und wandte sich dem Fichtenwäldchen zu ... Ihre Pulse hatten nicht aufgeregter geklopft , wenn das Geräusch herannahender feindlicher Kolonnen an ihr Ohr geschlagen war , als jetzt , wo dieser eine Mann im nächsten Augenblick vor ihr stehen sollte . Ihre letzten grollenden Empfindungen ließen sich nicht so rasch niederkämpfen , sie waren noch in ihren Zügen zu lesen , und als sie sich erhob und einige Schritte langsam majestätisch von der Bank wegtrat , da meinte Deborah in ihrem erschrockenen Herzen , nur das violette Samtgewand fehle , sonst sei die junge Dame genau wieder die verstorbene , gefürchtete Herrin , wie sie voll bösen Hochmutes drüben im goldenen Rahmen stehe . Baron Schilling kam um die Hausecke . – Er hielt eine Visitenkarte in der Hand . Donna Mercedes ' Anwesenheit unter den Bäumen schien ihn zu überraschen , wie der jähe Farbenwechsel auf seinem Gesicht bewies ; er beschleunigte auch im ersten Augenblick unwillkürlich seine Schritte ; allein der prüfende Blick , der über ihre verfinsterten Züge hinflog , mochte ihn umstimmen – er steckte die Karte in die Brusttasche , wobei er im gewohnten , ruhigen Tempo näher trat – er sah nichts weniger als erregt aus . » Ich war eben im Begriff , Ihnen durch Deborah meine Rücklehr zu melden , « sagte er kühl mit einer Verbeugung . » Und Lucile ? « » Frau Lucile Fournier wird heute abend zum drittenmal gastieren , wie die Theaterzettel an den Straßenecken Berlins verkünden , « versetzte er mit einem ausdrucksvollen Seitenblick nach dem Töchterchen der Entflohenen und der schwarzen Wärterin . Donna Mercedes ging darauf hin nach der Allee , und er schritt an ihrer Seite . » An eine Rückkehr in die alten Verhältnisse ist nicht zu denken , « hob er wieder an . » Sie lachte mir ins Gesicht und erkundigte sich nach den Ketten und Handschellen , die ich doch notwendig mitgebracht haben müsse , um sie › heimzuschleifen ‹ , denn auf eine andere Weise gehe sie selbstverständlich nicht mit . Ob ich denn ernstlich glaube , sie krieche pflichtschuldigst wieder unter Ihre Flügel , wie ein erschrockenes Küchlein , das den bösen Habicht gesehen , und nehme mit hausbackenem Brot vorlieb , nachdem sie sich in himmlischer Freiheit , auf goldenem Triumphwagen geschaukelt und Manna gekostet habe ? ... Und ich habe den Staub von den Füßen geschüttelt und bin gegangen , « fuhr er in seinem ernstesten Tone fort . » Es kann gar nicht mehr die Rede davon sein , ob die kleine Frau zurückkehren will – sie darf nicht wieder heimkommen ! ... Es ist , als sei das Stück Leben an Lucians Seite in ihrer Erinnerung grundlos versunken . Sie hat an die Stunde , wo sie das Haus ihrer Mutter und das Leben und Treiben der Theaterwelt verlassen , so unmittelbar und mühelos wieder angeknüpft , daß man auch nicht die geringste Spur einer achtjährigen Unterbrechung merkt . In ihrem Salon treibt sich die junge vornehme Männerwelt herum , den alten , geckenhaften Fürsten Konsky an der Spitze , der , wie ehemals der Mutter , nun dem neuaufgehenden Stern seine Fadheiten sagt , alle Treibhäuser für ihn plündert und im Boudoir Etuis mit kostbaren Schmuckstücken verstreut . « Ein Ausdruck von Humor huschte flüchtig über sein Gesicht . » Ich hatte erst verschiedene Verhandlungen mit ihrem neuangenommenen Sekretär zu überstehen , ehe ich eintreten durfte , « sagte er nach einem kurzen Verstummen weiter . » Es war bereits Besuch da – zwei Herren meiner Bekanntschaft machten ihre Aufwartung . Die kleine Frau lag im weißen Seidenmantel auf dem Ruhebett , als sie mich unter tollem Lachen empfing , und hatte einen kläffenden Seidenpinscher auf dem Schöße , dem ein im Mutwillen übergeworfenes Brillantenkollier am Halse schaukelte – « » Ich hasse sie ! « murmelte Donna Mercedes , und die kleine , festgeballte Hand fuhr unwillkürlich in die Luft . Sein Blick hing seitwärts an ihrem Gesicht . Sie zog die Stirn so zürnend zusammen , daß sich die Brauen fast berührten . » Das hätten Sie ihr vielleicht gesagt , « bemerkte er . » Ohne Zweifel , bei einem solchen Anblick – « » Das heißt , sofern der Herr Sekretär Sie vorgelassen hätte . « Sie wich unter einem halberstickten zornigen Ausruf zurück – er rührte hart und schonungslos an ihrem Hochmut . Sie mochte an den Augenblick denken , wo sie ihr stolzes Vaterhaus durch das Erscheinen der Schwiegertochter für entweiht gehalten , und jetzt hatte ihr die Schmach gedroht , von deren Schwelle gewiesen zu werden . » Ich wußte wohl , daß es ein Weg voll Stacheln ohne Ziel und Erfolg für Sie gewesen wäre , « sagte er kalt , ohne ihre Erregung zu beachten . » Ich mußte mir ja auch gefallen lassen , « – er lächelte heiter , so daß seine prächtigen Zähne unter dem Bart hervorblinkten – » daß mir die kleine Frau mänadenhaft zornig und ergrimmt , wie ihr knurrendes Pinscherhündchen , das kleine , blanke Gebiß wies und mir allen Ernstes drohte , sie werde mir ein halbes Dutzend Duelle auf den Hals schicken , weil ich ihr versichert hatte , daß sie Paula nie und nimmer in die Hand bekommen werde . « » Nie und nimmer ! « wiederholte sie gepreßt und mechanisch , als stehe sie noch unter dem Eindruck jener demütigenden Vorstellung , die er in ihr hervorgerufen . Sie blieb stehen und zeigte nach dem Klostergute . » Dort geht eine Wandlung vor sich – ich halte die Zeit nicht mehr für fern , wo wir unsere Vollmachten in eine andere Hand niederlegen müssen . « – Sie sprach das durchaus nicht bedauerlich , obgleich ihr der Gedanke das Herz zerfleischen mußte ; weit eher klang die Genugtuung darüber mit , daß sie auch ihm einen Schmerz zufügen konnte . Mit dieser Stimme schilderte sie weiter , in rascher Aufeinanderfolge , das gespenstische Erscheinen der Frau in der Säulenhalle und ihre eigene Begegnung mit der Majorin am Zaun . » Wunderbar ! « rief sie schließlich aus . » Diese Geschmähte , diese als bitterste Feindin Gehaßte , gerade sie ist es – sie ist es allein , die mir auf deutschem Boden einen Zug von Sympathie abringt ! « Es fuhr wie ein jähes Aufzucken durch den neben ihr stehenden Mann . Sie bemerkte es nicht . » Es ist etwas Verwandtes zwischen ihr und mir , « fuhr sie fort . » Ja – es mag der dämonische Zug sein , der den Mitlebenden zu raten aufgibt , ob in diesen Frauen mit den dunklen Flammenaugen in der Tat kein Herz lebt , oder ob es nur zeitlebens von dem unseligen und unersättlichen Trieb , da zu verneinen , wo es beglücken sollte , überstimmt wird , « bestätigte er anscheinend ganz gelassen . » Diese Art des Frauencharakters ist wie eine Blume , die neidisch lieber im eigenen Duft erstickt und verdirbt , ehe sie die spröde Knospenhülle sprengt – eine Flamme , die in die Tiefe hinein brennt , den eigenen Herd verheert und keines Menschen Lebensweg bestrahlt – mich jammern meine zwei Lieblinge in solchen Händen ! « » Demnach muß ich sehr hart und grausam sein , denn mich – jammern sie nicht , « versetzte sie achselzuckend , aber mit leichtbebender Stimme . » Felix hat sich nicht geirrt – die Frau da drüben wird sie schützen wie ein Mann , und lieben , wie nur ein weibliches Herz zu lieben vermag – sobald der letzte Damm durchbrochen ist ... Sie bestätigen meine innere Verwandtschaft zu ihr – nun wohl , dann muß ich auch ihrem Fühlen nachspüren können . Und so weiß ich , daß die Triebkraft der Neue , das heiße Verlangen , zu sühnen , die spröde Knospenhülle sprengen , die Flamme nach außen treiben wird . Diese neidisch verhaltene Liebe mag dann wohl von anders gestalteter Kraft sein als die zahme Hingebung einer sanften Frauennatur die für alle Welt ein freundliches , aber kühles Mondlicht auf den Weg breitet ... Unter der Hut dieser Großmutter lasse ich die Kinder getrost zurück . « Sie waren währenddem weiter geschritten . Jetzt blieb er wie auf einen Ruck stehen . » Sie wollen die Kinder verlassen ? « » Ja – um mich daheim zu vergnügen , « versetzte sie mit scharfen Spott . » Oder hab ' ich das nicht redlich verdient durch meinen Aufenthalt in Deutschland ? « Sie sah , wie ihm das Blut in das Gesicht schoß . » Gewiß – Sie haben recht , wenn Sie dies Märtyrertum so rasch wie möglich abkürzen , « sagte er dennoch kalt ; » und ich bin gewiß der letzte , der Ihnen zumutet , auch nur eine Stunde länger zu bleiben ,