Versehen auf dem Postamte , oder das Blatt hat sich in mein Brief- und Zeitungspaket verirrt und ist mit hinüber in den Turm gewandert ; ich werde nachsehen . “ Dabei stellte er sein Glas nieder . „ Pardon , meine Damen ! “ sagte er mit Hindeutung auf sein rasches Trinken . „ Ich fühlte plötzlich , daß mein gefürchteter Kopfschmerz im Anzuge ; er kommt blitzschnell , und ich pflege ihn mit einem schnellgenossenen Glase Wein aus dem Felde zu schlagen . “ Vorhin hatte er in der That ausgesehen , als dringe ihm die dunkle Glut des Rotweins bis unter die Stirnhaut . Er entkorkte rasch eine Flasche Sect und füllte mehrere auf dem Büffet stehende Gläser . „ Ich bitte , mit mir auf das Gelingen unserer heutigen Abendvorstellung zu trinken , “ sagte er , ein Glas hebend , zu den Damen , welche die Krystallkelche ergriffen und seinem Beispiele folgten . „ Die Blumenfee mit ihrem reizenden Gefolge soll leben . Die Jugend und die Schönheit , und das herrliche Leben selbst , das ja Keinem von uns feindlich ist , ja auch der süßen Gewohnheit des Daseins ein Hoch ! “ Die Gläser klangen , und die Präsidentin schüttelte leise lachend den Kopf . Käthe war unwillkürlich in die Fensternische zurückgewichen , in deren Nähe Henriettens Lehnstuhl stand . Sie sah , wie sich bei dem tactlosen Trinkspruche die Wimpern der Kranken feuchteten , wie sie sich im schmerzlichen Zorne auf die Lippen biß – die süße Gewohnheit des Daseins war für sie ein Marterrost , und „ das herrliche Leben “ ließ sich „ feindlich “ genug jeden Athemzug mit Schmerzen abkaufen . Die junge Mündel hatte kein Glas genommen , und der Herr Vormund hatte ihr auch keines angeboten . Der Blick des Mädchens glitt dunkel und ernstsprühend über seine lebhaft erregten Züge . Sie hatte nie geahnt , daß auch hinter diesem glatten , leidenschaftslosen Männerantlitze ein innerer Sturm aufwogen könne – und da war er in den unstät flackernden Augen , in dem leisen , konvulsivischen Beben der Lippen , in der ungewöhnlich lustig forcierten Stimme . Es war , als fühle der reiche Mann den Blick – er sah unwillkürlich nach der Fensternische , dann stellte er rasch sein Glas auf den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen hastig über Stirn und Haar ; zu dem Kopfschmerze , der diesmal der Weinkur zu spotten schien , hatte sich für einige Sekunden nun auch ein leichter Schwindelanfall gesellt . 24. Der Polterabendlärm in der unteren Etage steigerte sich Nachmittags bis zur Unerträglichkeit . Die adeligen Rittergutsbesitzer aus der Umgegend fuhren vor und mußten einlogiert werden . Aus der Stadt wurden Korbwannen voll „ Theaterstaat “ herbeigeschleppt – die Darsteller sollten sich in der Villa kostümieren . Friseure und Schneidermamsells rannten aus und ein , und dazwischen trabten die Gärtnergehülfen immer noch von den Treibhäusern her nach der Villa , keuchend und schweißtriefend unter der Last mächtiger Palmen , Orangen- und Gummibäume . Bei all ’ dem dumpfen Geräusche unter ihrem Zimmer war Henriette doch in einen scheinbar erquickenden Nachmittagsschlummer gesunken . Im anstoßenden Kabinete saß Nanni , die Kammerjungfer , und nähte mit flinken Händen Silberflitter auf eine Gazewolke , deren die immer noch fieberhaft arbeitenden Tapezierer drunten im Saale bedurften . Käthe öffnete leise die Thür und empfahl dem Mädchen , wachsam zu sein und das Zimmer nicht zu verlassen , bis sie zurückkehre – dann ging sie hinab , um in der Mühle verschiedene Anordnungen zu treffen . Sie vermied es , den Hauptkorridor zu betreten – er wimmelte von ab- und zugehenden Menschen – und bog in den neben dem Saale hinlaufenden Gang ein . Er war weniger belebt , aber in der schmalen Thür , auf die er mündete und welche ins Freie führte , stand der Kommerzienrat , den Strohhut auf dem Kopfe und augenscheinlich im Begriff , nach dem Turme zu gehen . Er gab dem Lakai Anton , der ihn speciell bediente und deshalb mit ihm die Ruine bewohnte , einige in der Stadt zu besorgende Aufträge . „ Lasse Dir Zeit ! “ rief er dem Forteilenden nach . „ Erst nach sechs Uhr will ich mich umkleiden . “ Käthe schritt leise und langsam weiter ; sie hoffte , er werde nun auch die Schwelle verlassen und in den Garten hinaustreten , allein er schob mechanisch die Hände in die Seitentaschen seines leichten Ueberziehers und ging nicht . Zu seinen Füßen liefen einige Stufen hinab ; er stand ziemlich hoch und konnte von da aus ein bedeutendes Stück seines herrlichen Parkes übersehen , und das fesselte ihn offenbar an seinen Platz . Hatte er denn noch nie diesen Anblick in seiner überraschenden Schönheit so empfunden wie jetzt , wo die Spätnachmittagsbeleuchtung , in die sich bereits rosige Tinten des Abendlichtes stahlen , darüber hinfloß ? … Immer wieder zeigte die Bewegung seines Kopfes , daß er die Augen rundum schweifen lasse , aber das junge Mädchen sah auch , daß sein Oberkörper unter fliegenden , gepreßten Athemzügen förmlich bebte ; sie sah , wie sich seine Hände in den Taschen krampfhaft ballten , wie die Rechte plötzlich aufzuckend nach der Stirn fuhr und sich über die Augen legte . Er kämpfte jedenfalls mit dem Unwohlsein , über welches er heute Morgen geklagt und das er standhaft verbiß , um die Abendfestlichkeiten nicht zu stören . Sie trat jetzt geflissentlich fester auf , und bei dem Geräusche fuhr er herum . „ Dein Kopfweh hat sich verschlimmert ? “ fragte sie theilnehmend . „ Ja – und ich habe in diesem Augenblicke wieder einen beängstigenden Anfall von Schwindel gehabt , “ antwortete er mit unsicherer Stimme und drückte sich den Hut tiefer in die Stirn . „ Kein Wunder ! Hätte ich eine Ahnung gehabt von den tausend Widerwärtigkeiten , die mit dieser Polterabendfeier verknüpft sind , ich hätte ganz gewiß davon abgesehen , “ setzte er gefaßter , aber auch mit einer ihm sonst fremden Art von Poltern hinzu . „ Diese bornierten Handwerkerköpfe haben in meiner Abwesenheit Alles verkehrt gemacht ; sie haben mich und meine Intentionen nicht begriffen , und was sie in einer vollen Woche zusammengekleistert und ‑ genagelt haben , das mußte heruntergerissen und in Zeit von zwölf Stunden neu hergestellt werden . Nun haben wir den Lärm und die beispiellose Hetzerei bis auf den letzten Moment , wo die Gardine in die Höhe gehen soll . “ Er stieg die Stufen herab , langsam und zögernd , als schwimme bereits Alles wieder vor seinen Augen . „ Soll ich zurückgehen und Dir ein Glas Selterswasser holen ? “ fragte sie , auf der Schwelle stehenbleibend . „ Oder wäre es nicht besser , den Arzt zu holen ? “ „ Nein – ich danke Dir , Käthe , “ versetzte er in seltsam weichem Tone , und sein feuchter Blick überflog schimmernd , wie messend das schlanke Mädchen , das seiner Besorgniß so ungekünstelt Ausdruck gab . „ Uebrigens irrst Du sehr , „ wenn Du meinst , Bruck sei so leicht erreichbar . Der läßt sich von seiner Praxis hetzen bis zum letzten Augenblick ; ich glaube , man wird ihn übermorgen vom Krankenbette zur Trauung holen müssen . “ Ein sarkastisches Lächeln , als mache er sich innerlich über die ganze Welt lustig , flog über seine Lippen . „ Das beste Mittel habe ich selber “ – sagte er gleich darauf – „ meinen kühlen Turmkeller . Ich bin eben im Begriffe , hinüberzugehen und die Weine für heute Abend herauszugeben ; die frische Kellerluft wird wirken wie eine kühlende Kompresse . “ Käthe knüpfte die Hutbänder unter dem Kinne fester und trat heraus auf die Thürstufen . „ Und Du gehst noch in die Mühle ? Hoffentlich nicht weiter ? “ meinte er , nach seiner Uhr sehend ; diese einfache Frage klang so nachlässig hingeworfen , und doch kam es Käthe vor , als stocke der Athem dabei . Die Stufen herabsteigend , sagte sie ihm , was sie nach der Mühle führe , dann ging sie mit einem freundlichen Kopfneigen über den Kiesplatz , während der Kommerzienrat die Richtung nach dem Turme einschlug . Hinter dem ersten Strauche des nächsten Boskets sah sie noch einmal unwillkürlich nach ihm hinüber ; er war unverkennbar leidender , als er eingestehen mochte . Schon wieder ging er zögernd , wie mit einknickenden Knieen ; er hatte den Hut in den Nacken geschoben , als stürme ihm die Fieberglut abermals nach dem Kopfe , und seine Augen irrten ziellos über den Park hin . Jetzt brauste es auch ihr durch das Gehirn ; ein dunkles Angstgefühl überkam sie . Der kranke Mann mit dem unsicheren Gebahren allein im Turmkeller ! Wie ein Fiebergespenst jagte der grauenhafte Gedanke , der sie einst angesichts der Ruine gepackt , an ihr vorüber . „ Ich bitte Dich , Moritz , sei vorsichtig mit dem Kellerlicht ! “ rief sie ihm angstvoll zu . War er zu tief im Nachgrübeln versunken gewesen , oder hatte sich bereits jene nervöse Reizbarkeit seiner bemächtigt , die vor jeder lauten Menschenstimme erschrickt : er fuhr wild empor , als habe ihn ein Schuß getroffen . „ Was willst Du damit sagen ? “ rief er heiser zurück . „ Wie ? Siehst Du Gespenster am hellen Tage , Käthe ? “ setzte er gleich darauf hinzu ; er brach in ein schallendes Gelächter aus , das etwas tief Beschämendes für die jugendliche Warnerin hatte , und verschwand mit einem spöttisch grüßenden Handwinken und sehr stramm gewordener Haltung im nächsten Laubgange . Kaum eine halbe Stunde später ging Käthe am Flusse hin . Die Geschäfte waren erledigt , und so viel Zeit blieb ihr noch , verstohlen das alte , liebe Doktorhaus wiederzusehen . Wie schlug ihr das Herz , als sie durch das bewegliche Laub der Uferbirken die in der Sonne glühenden Wetterfahnen flimmern sah ! Wie erschrak sie bei jedem verrätherischen Knirschen des Sandgerölles unter ihren Füßen ! Sie kam wie eine Vertriebene , die einen letzten Blick in das gelobte Land werfen will . Und nun lehnte sie an der Pappel , die den Holzbogen flankierte – an dieser Stelle hatte Sie das letzte unverwischliche Bild in ihre Seele aufgenommen ; wie aus Goldgrund hatten sich die lauschenden Kinderköpfchen neben der Hausecke draußen von der strahlenden Landschaft abgehoben , und dort an dem Gartentische war der kraftvolle , strenge Mann in unbegreiflicher Gemüthserschütterung zusammengebrochen . Jetzt war es still auf dem tiefbeschatteten Rasengrunde . Die Obstbäume , die sie in prangender Maienfrische gesehen , bogen sich unter der Last ihrer Früchte , die gelb und rotbackig das unscheinbar gewordene Laub überstrahlten und die Lüfte mit dem köstlichen Aroma der Reife erfüllten , und am Weinspalier des Hauses hing der vielgerühmte Traubenreichtum in tiefer Bläue . Nur einen einzigen schüchternen Blick nach dem Eckfenster , wo der Schreibtisch stand ! Der Doktor war ja nicht daheim ; er eilte von einem Krankenbette zum andern „ bis zum letzten Augenblicke “ . Und in dem Zimmer wohnte er auch nicht mehr . Weiße , spitzenbesetzte Gardinen hingen hinter den Scheiben ; auf dem Sims , zwischen den Töpfen mit vollblühenden Alpenveilchen , lag ein schneeweißes Kätzchen , und jetzt hoben sich zwei strickende Hände , und ein Frauenkopf mit silberweißem Scheitel unter dem sauberen Mullstrich bog sich darüber her – die alte Freundin der Tante Diakonus war bereits eingezogen . Er hatte auch diese Brücke hinter sich abgebrochen ; er war reisefertig , undübermorgen kam „ der letzte Augenblick “ , wo die stolze , herzlose Schwester neben ihm stand , im weißen Atlaskleide , um – „ die Salonrepräsentantin des berühmten Mannes “ zu werden . Hatte sie einst schwerer gekämpft , die schöne , blonde Edelfrau , als das Mädchen , das jetzt , bitterlich weinend , die Arme um den schlanken Stamm legte und an die rauhe , harte Rinde die Stirn preßte , bis sie ihr schmerzte ? Jene war geliebt worden , und wenn auch verlassen , traf sie keine Schuld , hier aber nagte an dem Herzen einer Ungeliebten sündhafte Eifersucht , und die sie beneidete , war – die eigene Schwester . Starke Männerschritte hinter ihr machten sie aufschrecken.Der Müller Franz ging mit einer über die Schulter gelegten Eisenstange vorüber , um nach dem oberen Wehre zu sehen , wie er sagte . Diese Begegnung , die ihr das Blut in das Gesicht trieb , scheuchte sie von ihrem Lauscherposten , und während Franz rasch weiter eilte , ging sie langsam am Ufer hin . Sie konnte sich noch nicht entschließen , in die Villa zurückzukehren – mit ihrer Toilette für heute Abend war sie ja längst fertig , ehe Henriette , die trotz ihrer Hinfälligkeit um jeden Preis dem Festspiel beiwohnen wollte , ihren armen , elenden Körper so geschmückt hatte , daß die Spuren der verheerenden Krankheit weniger hervortraten . Hier war es so köstlich einsam . Niemand sah ihre gerötheten Augen , und wie sie zornig mit ihrem widerspenstigen Herzen rang , mit ihrer sündigen Sehnsucht , die sie hierher getrieben hatte – ja , sie allein – Schande über sie , wenn sie sich selbst anlog und ihr leidenschaftliches Verlangen beschönigte ! Nicht das traute Haus , nicht die liebenswürdige alte Frau drinnen hatte sie wiedersehen wollen , und es war auch nicht ihre feste Ueberzeugung gewesen , daß er nicht daheim sein könne – sie hatte es doch gehofft , und nun , wo sich ein anderes Gesicht als das seine am Eckfenster gezeigt hatte , war ihr das traute Fleckchen Erde öde und sonnenverlassen erschienen . Der voranschreitende Müller war ihren Blicken entschwunden – sie kam der Ruine näher . Der Wasserring glitzerte von ferne und das auseinandertretende Gebüsch ließ sie den eleganten Brückenbogen übersehen , der sich über den Graben schwang . … In diesem Augenblicke beschritt ihn vom Turme her ein Mann mit großem , rotblondem , tief auf die Brust hinabreichendem Vollbarte . Er trug eine blaue Arbeiterblouse unter dem lässig übergeworfenen Rocke und jagte mit seinem Stocke die zwei Rehe vor sich her . Sie stoben förmlich über die Brücke und flohen in den Park hinein . Käthe würde den Mann nicht weiter beachtet haben – Handwerker verkehrten ja oft im Turme – wenn sein Gebahren sie nicht stutzig gemacht hätte . Der Kommerzienrat liebte die Rehe zärtlich ; er konnte sehr böse werden , wenn er eines im Parke umherirrend fand – und nun jagte der Fremde die scheuen Thiere geflissentlich über das Wasser ! War er einer jener Erbitterten , die dem beneideten Reichtume Schaden zufügenund Schabernack antun , wo sie können ? … Er schlug den Weg ein , der nach dem großen Parkthore und auf die Landstraße hinausführte ; sie verfolgte ihn mit den Augen , bis ihn das Dickicht aufnahm – welche Aehnlichkeit ! Seiner Haltung und Größe , seinem ganzen Körperbau nach hätte der Mann im Arbeiterrocke ein blonder Zwillingsbruder des Kommerzienrates sein können . Sie blieb wider Willen gefesselt stehen und sah nach dem Turme , von wo er gekommen war – wie herrlich gruppierte sich hier die Landschaft um die Ruine , und mit welch ’ künstlerischem Tacte und Gefühle hatte der aus der Ferne herbeigerufene Baumeister das Vorhandene zu benutzen verstanden , um die Mauerreste mit einem so ergreifend romantischen Zauber zu umspinnen ! Es war wieder still geworden ; nur das Flügelklatschen der Tauben , die über dem Turme kreisten , klang schwach herüber – wie kleine Silberkähne durchschifften die graziösen Luftsegler den klaren , rot angehauchten Abendhimmel und schlüpften durch die Lücken der Mauerkrone , die scharfzackig in das Aetherblau hineinschnitt – nein , nicht die Mauerkrone ! Ein urplötzlich speiender Krater war es , der unter donnerndem Krachen eine Garbe schwarzen Schwalles riesenhoch in den Himmel hineinschleuderte . Der Boden wurde dem Mädchen buchstäblich unter den Füßen weggerissen – sie stürzte , wie hingeschmettert – dann schwemmten kühle Wassermassen an sie heran . Heft 21 Was war das ? .. Alles , was laufen konnte , stürzte aus der Villa und rettete sich hinaus in den Garten – das Haus hatte in seinen Grundvesten bis zum Einsturze gewankt . – Ein Erdbeben ! Wie entgeistert , athemlos standen die Menschen draußen , jeden Augenblick erwartend , daß sich die Erde zu ihren Füßen auftun werde . Schon spie sie Wasserbäche dort über die niedriger gelegenen Rasenspiegel hin ; die Lüfte atmeten Brandgeruch und streuten Atome zu Zunder gebrannter Stoffe auf den Kies . … Die mächtigen Scheiben des stolzen Hauses waren zersprungen ; und im großen Saale lagen die deckenhohen Spiegel zerschmettert auf dem Parquet , und von dem luftigen Bau der Bühne waren die Sammet- und Seidendraperien abgeschüttelt , und die Arbeiter hatten sich nur mit Mühe vor den schwer niederstürzenden Bronzeverzierungen und Stangen gerettet . Von der Promenade her stürmten jetzt die Spaziergänger herein , unter ihnen Anton , der aus der Stadt zurückkehrte . „ Dort , dort ! “ schrieen die Leute der Präsidentin zu , die sich halbohnmächtig auf Flora ’ s Schulter stützte , und zeigten über den Park hin . Dort brannte es – dicke , schwarze Rauchwolken quollen auf , so intensiv , daß man besonders brennbare Stoffe wie Raketen einzeln in dunkler Nacht emporschießen sah . „ Das Pulver im Turme hat explodiert , “ rief Jemand aus der Mitte des Menschenknäuels . „ Unsinn ! “ antwortete Anton , nahezu lachend , obgleich ihm die Zähne vor Schrecken und Entsetzen zusammenschlugen . „ Das taube Zeug explodiert längst nicht mehr , und die paar frischen Prisen , die der gnädige Herr aus Jux d ’ rüber hergestreut hat , heben keinen Ziegelstein von seinem Platze . “ Trotzdem rannte er wie toll parkeinwärts , quer über die schwimmenden Rasenflächen – er wußte ja seinen Herrn dort drüben , wo es brannte . Der ganze Menschenschwarm brauste hinter ihm drein , während auf dem nahegelegenen Stadtturm die Feuerglocke zu läuten begann . Welche Verwüstung ! Was war in einer flüchtigen Sekunde , die kaum zu einem Athemzug genügte , aus dem paradiesischen Gefild geworden , zu welchem ein verschwenderischer Aufwand von Gold und Arbeit den ehemaligen Lustgarten eines erloschenen Rittergeschlechtes umgewandelt hatte ! Wie ein Springquell , der spielend Kiesel in die Lüfte wirft , so hatte dort , wo der schwarze Qualm den Himmel verfinsterte , ein Höllensprudel die Mauerquadern gepackt und in weitem Bogen verstreut , hier einen Granitwürfel tief in den weichen Rasenboden einwühlend , dort starke Baumwipfel wie Rohr unter der Steinwucht einknickend , und drüben nach Süden hin stand das Palmenhaus wie ein gläsernes Sieb , doppelt flimmernd und glitzernd mit seinen Scherbenzacken ; ein wahrer Steinhagel mußte sich , wie aus boshafter Knabenhand geschleudert , gerade auf „ das Glaswunder “ der Residenz gelenkt haben . Es war ein Anblick , wohl geeignet , das Haar sträuben und die athemlos Herbeieilenden zurücktaumeln zu machen , als das letzte hohe , verbergende Buschwerk hinter ihnen lag . Hatte die Ahnfrau der Baumgarten in der That die Lunte angelegt , um dem komödienhaften Spiel , das der Parvenü mit den ehrwürdigen Ueberresten ihrer Stammburg trieb , ein Ende zu machen ? Aber sie mußten Eisen in die Mauerfugen gegossen haben , die Alten . Wohl war das obere Gelaß mit der Zackenkrone auf dem Scheitel zerstückelt und nach allen vier Winden hingeschleudert worden ; von dem unteren Theil des Gemäuers dagegen hatte die Riesengewalt nur eine kleinere Hälfte abzusprengen vermocht ; sie lag , herabgestürzt , aber noch festgefügt und unzerstörbar zusammenhaltend , nahe dem Graben , während die andere trutzig und dräuend wie vorher in die Lüfte ragte ; aus ihrem Schlund loderten die bleichgelben Flammen empor , jeden Balkensplitter , jeden Zeugfetzen gierig von den Innenwänden leckend . „ Mein armer Herr ! “ stöhnte Anton und streckte die Arme verzweiflungsvoll über den Graben hin . Da drunten gurgelten und brodelten die Wasser , die der furchtbare Stoß aus ihren Ufern gehoben und weithin über den Park verschüttet hatte ; nun stürzten sie sich zurück in ihr niedriger gelegenes Gebiet , Sand und Rasenstücke und blutige , zerrissene Tauben- und Dohlenleichen mit sich schleppend . Der zierliche Brückenbogen war spurlos verschwunden , der schönberaste , eiförmige Hügelrücken in klaffende Spalten geborsten , und die alten Nußbäume , die er genährt , und die sein Schmuck gewesen , hatte er ausgestoßen ; sie lagen hingestreckt , die Aeste wie die Geweihe zweier im erbitterten Kampfe verendeter Hirsche ineinander verrannt . Was half es , daß immer neue Menschenschaaren zuströmten , daß die Feuerspritzen heranjagten ? Da war nichts zu retten . Wer suchte noch dort in dem lodernden Krater die kostbaren Möbelstücke , die berühmte Humpensammlung , die Bild- und Skulpturwerke und Elfenbeinschnitzereien , die reichen Teppiche ? Wie in entsetzlichem Hohne war eine der purpurnen Seidengardinen , unversehrt aus dem Fenster fliegend , am Sims hängen gebliebenund fiel grauenhaft unbeweglich über die Außenseite des Turmrestes , wie wenn das Blut unmerklich rinnend einer breiten Wunde entströmt . Und die Menschen raunten sich von aufgehäuften Gold- und Silberschätzen zu – oder nein , es waren ja Papiere gewesen , Papiere , die den Besitz von Fabriken , Grubenwerken , Landstrecken und dergleichen in unermeßlichem Werthe verbürgten und welche der alte , feste Turm mit seinen Mauern , seinen unbesieglichen Schlössern und seinem Wassergürtel wie ein Drache gehütet hatte . Wo waren sie ? Wo die Eisenplatten , die sie umschlossen ? Waren die Geldspinde unzersprengt hinabgestürzt in das Kellergewölbe , inmitten der Flammenglut eine Auferstehung ertrotzend ? Und was war aus ihm geworden , aus dem reichen Manne , von welchem Anton bestimmt wissen wollte , daß er sich vor einer Stunde nach dem Turm begeben habe , um Weine aus dem Keller zu holen ? Alles starrte mit stockendem Athem in das Flammengewoge , während der treue Diener händeringend den Graben umkreiste und den Namen seines Herrn immer wieder über das Wasser hinüberrief . Es war doch eine unverzeihliche Marotte gewesen , Schießpulver da aufzubewahren , wo man mit dem offenen Kellerlicht hantierte . „ Die verkommene historische Merkwürdigkeit hat das nicht gethan ; dazu ist ein ganz anderer Sprengstoff nöthig gewesen , “ sagte einer der zuerst herbeigeeilten Spaziergänger , ein Ingenieur , laut und sehr bestimmt in das Stimmengewirr hinein . „ Aber wie wäre denn der in den Keller gekommen ? “ stammelte Anton stehenbleibend , indem er den Sprecher blöde und verständnißlos mit seinen angstverschwollenen Augen ansah . Der Herr zuckte schweigend , mit einer zweideutigen Miene die Achseln und wich mit den Anderen zurück – die Spritzen begannen ihre Arbeit . Und nun zischten die Wasserstrahlen empor , und die Glocke auf dem Stadtturm läutete unermüdlich , so lange sich das Feuer ungeberdig gegen seinen Erzfeind aufbäumte ; von der Villa her schleppte die Feuerwehr Bretter und Stangen , um eine improvisierte Brücke über den Graben zu schlagen , und der Lärm und das Menschengetümmel wuchs und schwoll von Sekunde zu Sekunde . Da scholl mitten in das Getöse hinein ein markdurchschütternder Schrei – dort drüben , der Ruine ziemlich nahe , auf dem Wege vom oberen Wehre her , hatten sie den Müller Franz gefunden ; ein schwerer Stein hatte ihn zu Boden gerissen und ihm die Brust zerquetscht – der Mann war tot . Es war , als pflanze sich der Schrei , den die Frau des Müllers im Hinstürzen über den Entseelten ausgestoßen , von Kehle zu Kehle fort – ein solch unbeschreiblicher Stimmenaufruhr wogte über den Park hin . „ Moritz – sie haben ihn gewiß gefunden ! “ murmelte die Präsidentin aufschreckend . Sie war unweit des Hauses auf einer Gartenbank zusammengesunken ; weiter hatten sie ihre Füße nicht getragen . Jetzt machte sie abermals eine krampfhafte Anstrengung , sich zu erheben – vergebens ! Die bisher so standhaft ignorierte Altersschwäche machte sich angesichts einer wirklichen Gemüthserschütterung in bestürzender Weise geltend . „ Haben sie ihn ? Ist er tot ? Tot ? “ lallte sie , und die sonst so fest , so vornehm- und kühlblickenden Augen irrten , weit aufgerissen , in wilder Angst den Weg entlang , der in der Richtung der Ruine den Rasenplatz durchschnitt ; dabei umklammerte sie Flora ’ s Arm , die neben ihr stand . Die schöne Braut war die einzige , die ihre Fassung behauptete . Welch ein Kontrast ! Dort über den Bäumen zog schwelend und träge der dicke Qualm und färbte weithin den Himmel mit einem schmutzigen Schiefergrau , und hier , vor dem Hause mit seinen zertrümmerten Spiegelscheiben , seinen umgestürzten Orangeriekübeln unterhalb des Balkons , verliefen und versickerten nur langsam die angeschwemmten Wasser und sammelten sich zu rinnenden Bächen in den tiefen Furchen , welche die Räder der Feuerspritzen in die Kies- und Rasenfläche gerissen – dazu das wahnwitzige Geschrei , das durch die Lüfte gellte , das geräuschvolle Vorüberstürzen immer neuer Menschenmassen von der Stadt her , und inmitten dieser Verwüstung , dieses Tumultes eine schneeweiße Braut , weiße Maßliebchen an der Brust und in den blonden Locken , bleich bis in die Lippen , aber zuversichtlich und überlegen in der äußeren Haltung wie immer – eine gegen jedes persönliche Unglück Gefeite . „ Wenn Du meinen Arm nur einmal loslassen wolltest , Großmama ! “ sagte sie ungeduldig . „ Ich könnte Dich möglicherweise überführen , daß Du Gespenster siehst . Weshalb soll und muß denn Moritz durchaus verunglückt sein ? Bah – Moritz mit seinem fabelhaften Glück ! Ich bin überzeugt , er ist heil und ganz drüben mitten im Getümmel , und unsere kopflose Dienerschaft , die es , nebenbei gesagt , nicht der Mühe werth hält , nach uns zu sehen , und nur dann und wann im Vorüberrennen albernes Gewäsch in den Himmel hineinschreit , diese bornierten Menschen , sage ich , sehen ihre Herrn mit offenen Augen nicht . “ – Ihr Blick streifte das nasse Terrain , dann sah sie auf ihren Fuß , der sich im weißen Stiefelchen unter den Garnirungen des Tarlatankleides vorschob . „ Man wird denken , ich sei auch ein wenig verrückt geworden , “ meinte sie achselzuckend , „ aber ich muß hinüber – “ „ Nein , nein , Du bleibst , “ rief die Präsidentin und grub ihre Finger in die Falten des weißen Kleides . „ Du wirst mich nicht allein lassen mit Henriette , die noch hülfloser ist als ich und mir nicht beistehen kann . O mein Gott , ich sterbe . Wenn er tot wäre , wenn – was dann ? “ Ihr Kopf fiel tief auf die Brust , die in Brillanten flimmerte – wie entsetzlich alt sah die Frau aus ! Ihre gelbe Moiréschleppe umbauschte wie in grellem Hohn die gebeugte Greisengestalt . Henriette kauerte auf der anderen Seite der Bank , aschfarben vor Erregung , und mit entsetzten Kinderaugen in das Weite starrend . „ Käthe ! Wo nur Käthe bleibt ? “ sagte sie mit bebenden Lippen wieder vor sich hin , als sei ihr der Satz eingelernt worden . „ Gott im Himmel , schenke mir Geduld ! “ murmelte Flora zwischen den Zähnen . „ Es ist doch etwas Schreckliches um solche schwächliche Frauenzimmer . … Ich bitte Dich , Henriette , warum schreist Du denn immer nach Deiner Käthe ? Die wird Dir doch Niemand nehmen ! “ Mit verzehrender Ungeduld überflog ihr Blick das Haus , aber da war kein lebendes Wesen zu sehen , das sie von dem ihr aufgezwungenen Beschützerposten hätte erlösen können – sie waren Alle nach der Ruine gerannt , die bereits angekommenen Gäste aus der Umgegend , die Lakaien , die dienstbaren Geister der Küche ; selbst die feinbeschuhten Kammerjungfern waren durch die tiefen Wasserlachen mitgelaufen . Aber von der Stadt her nahte jetzt Beistand – die darstellenden Damen des Festspieles kamen athemlos um die Hausecke . „ Um Gotteswillen , was geht bei Euch vor ? “ rief Fräulein von Giese und stürzte auf die verlassene Frauengruppe zu . Flora zog die Schultern empor . „ Im Turm hat eine Explosion stattgefunden – mehr wissen wir auch nicht . Alles rennt vorüber . Niemand steht uns Rede , und ich kann nicht von der Stelle , weil die Großmama den Kopf verloren hat , und mir in ihrer bodenlosen Angst buchstäblich die Kleider vom Leibe reißt . Sie bildet sich ein , Moritz sei umgekommen . “ Die jungen Mädchen standen wie zu Stein erstarrt vor dieser gräßlichen Vermutung – der blühend schöne Mann , der vor wenigen Stunden noch „ dem herrlichen Leben “ ein Hoch gebracht , dort in den Flammen umgekommen oder in Atome zerstückelt ! Das war nicht auszudenken . „ Unmöglich ! “ stieß Fräulein von Giese heraus . „ Unmöglich ? “ wiederholte die Präsidentin unter einem Gemisch von Schluchzen und wahnwitzigem Auflachen ; jetzt stand sie wie emporgerissen auf ihren Füßen , aber sie schwankte wie eine Betrunkene und deutete mit einer unsicheren Armbewegung nach dem nächsten Bosquet . „ Da – da bringen sie ihn ! Gerechter Gott ! Moritz , Moritz ! “ Dort wurde unter feierlichem Schweigen ein Gegenstand hergetragen , und in dem Kreise neugierig mitlaufender Menschen schritt Doktor Bruck ; er war ohne Hut , und seine hohe Gestalt überragte Alle . Flora flog hinüber , während die Präsidentin in ein lautes krampfhaftes Weinen ausbrach . Beim Anblick der herbeieilenden , gebieterisch schönen Braut trat die Begleitung unwillkürlich aus einander ; nach einem raschen Blicke über die hingestreckte Gestalt , die man auf einem Ruhebette trug , wandte sich Flora sofort zurück und rief beschwichtigend : „ Beruhige Dich doch nur , Großmama ! Es ist ja nicht Moritz – “ „ Käthe ist ’ s – ich wußte es , “ murmelte Henriette halbschluchzend ,