, als sei sie wahnsinnig geworden . » Verzeihung ! « rief sie wie atemlos , wie halb erstickt vor Lachen , » aber das Bild ist zu drastisch . Der kühne Duellant , respektive Raufbold – Pardon ! – der tapfere Soldat , der gefürchtete Spötter und Leugner aller Frauentugenden – bußfertig vor der Gräfin mit den roten Flechten ! Nach Jahren noch wird man sich amüsieren über den Löwen , der sich fromm vor dem Spinnrocken niederduckt . « Er trat einen Schritt zurück . Ueber dieser Stirn schwebte die gefeierte Krone der Herrscherin ; in ihre Hand war es gelegt , für den minderjährigen Landesfürsten zu entscheiden über Leben und Tod , Wohl und Wehe im Volke – und da stand sie vor ihm , in bacchantischem Gelächter sich schüttelnd , bar selbst der Würde , die die einfachste Frau aus dem Volke zu bewahren versteht . » Hoheit , der Duellant , respektive Raufbold , braucht nicht viel wirklichen Mut , « sagte er mit finsterer Stirn , » weit mehr Willenskraft und innere Ueberwindung kostet es zum Beispiel dem Spötter Mainau , dem frivolen Frauenverächter , die innere Umkehr zu bekennen , den › guten Leuten da drüben ‹ zu zeigen , daß der eifrige Fürsprecher der Konvenienzehe keinen innigeren Wunsch hat , als – die eigene Frau zu erobern . Aber diese Sühne schulde ich › der blonden Gräfin Juliane ‹ , dem reinen Mädchen mit der enthusiastischen Künstlerseele , mit den unerschrockenen eigenen Gedanken ... Ich habe mir die Buße auferlegt , ehe ich mir gestatte , mein neues Glück mir anzueignen . « Der Fächer war den Händen der Herzogin entfallen ; er schaukelte funkelnd an der feinen Kette , die vom Gürtel niederhing . Mainau den Rücken zuwendend , stand die schöne Frau vor einem vollblühenden Orangenbaume und zupfte hastig an den Blüten , als gönne sie diesen schönbelaubten Zweigen nicht , auch nur eine einzige Frucht zu tragen ... Sie war still geworden ; kein Laut kam von ihren Lippen , in dem nervösen Spiele der Hände aber lag etwas wie unterdrückte Verzweiflung , und da kam ihm doch eine Regung von Bedauern . » Ich möchte , ich könnte alle Tollheiten meines Lebens ungeschehen machen , « sagte er weiter ; » es ist da so vieles , dessen ich mich schämen muß , weil es gegen Edelmut und Rittersinn verstößt ... Meine innerste Natur werde ich freilich nicht ändern . Ich hasse , die mich hassen und › die Milch der frommen Denkungsart ‹ wird nie die Pulse sänftigen , aber deswegen bereue ich doch , wo ich zu wild in der Rache gewesen bin ... Hoheit , ich wünsche lebhaft , daß auch da Ruhe und Glück einziehen möchten , wo ich einst Fluch und Unheil herabzubeschwören gesucht habe . « Die Herzogin fuhr mit einem total veränderten Gesicht herum . » Ei , wer sagt Ihnen denn , mein Herr von Mainau , daß ich nicht glücklich bin ? « fragte sie den Baron mit höhnischer , kalter Stimme . Sie reckte ihre üppige Gestalt empor und sah plötzlich aus , als stehe sie vor dem Thronsessel und erteile einem Untergebenen Audienz . Die Herrscher haltung gelang , nicht aber der Herrscherblick ; aus den schwarzen Augen brach das furienhaft wilde Feuer des tiefgereizten Weibes . » Glücklich ? Ich bin es ! Ich darf meinen Fuß auf den Nacken derer setzen , die ich glühend hasse , denn ich habe die Macht . Ich kann vernichtend da eingreifen , wo man den Traum von Glück und Seligkeit träumt , denn ich habe die Macht ... Mächtig sein , heißt glücklich sein für den stolzen , ehrgeizigen Frauengeist . Merken Sie sich das , Freiherr von Mainau ! Ihr frommer Wunsch war vollkommen überflüssig , wie Sie sich sagen werden . « Sie schritt nach dem Ausgange ; aber an der Schwelle blieb sie stehen , und durch die lange Reihe der offenen Thüren zeigend , wandte sie den Kopf über die Schulter zurück . » Da kommt sie , mild und bleich wie eine kühle Mondnacht , « sagte sie , und ihre kleinen , weißen Zähne blitzten unter der im diabolischen Lächeln noch hochgezogenen Oberlippe . » Wahrhaftig , Baron Mainau , Sie sind zu beneiden ... Aber eines möchte ich Ihnen raten : Gehen Sie nicht nach Franken ! Sizilien ungefähr möchte die Temperatur haben , in der sich das Anfrösteln von so viel strenger Tugend und selbstbewußter Weiblichkeit ertragen läßt . « Liane kam an der Seite eines Kammerherrn , mit dem sie die Polonaise getanzt , langsam wandelnd daher . Die Herzogin verließ den Wintergarten , während Mainau auf die Schwelle desselben trat , um seine Frau zu erwarten . An der gegenüberliegenden Thür blieb das näherkommende Paar stehen , um die rasch , mit hocherhobenen Kopfe und stolzem Nacken heranschreitende Herzogin vorüber zu lassen ; aber dicht vor der jungen Frau blieb sie stehen . » Liebe Frau von Mainau , « sagte sie mit etwas belegter , aber vollkommen fester Stimme , » man wird Sie uns entführen ... Sie sind in der That berufen , Mann und Haus › mit linden und doch starken Armen ‹ zu umfassen . Halten Sie fest , damit Ihnen das Phantom nicht dennoch entschlüpft in dem Augenblicke , wo Sie es am sichersten zu umschließen wähnen ! Der Schmetterling muß fliegen – es ist seine Lebensbedingung ... Und nun Glück auf den Weg , schöne Braut ! « Mit leichter Grazie hob sie ihre weißen Arme , und die krampfhaft geballten Hände öffnend , ließ sie einen Regen zerdrückter , fast unkenntlich gewordener Orangenblüten über die Schulter und Arme der jungen Frau niederrieseln . Sie nahm den Fächer wieder auf . » Herr von Lieven , ich wünsche den nächsten Galopp mit dem Grafen Brandau zu tanzen , « wandte sie sich mit lauter , voller Stimme an den Kammerherrn . Er flog davon , um den schönen , schlanken Lieutenant zum Tanz mit Ihrer Hoheit » zu befehlen « . Leicht mit dem Fächer grüßend , rauschte die fürstliche Dame an der sich verneigenden jungen Frau vorüber und begab sich in den Konzertsaal zurück . » Der Schmetterling fliegt nicht mehr – sei ruhig ! « sagte Mainau heiter lächelnd , indem er Liane über die Schwelle des Wintergartens an sich heranzog und sie mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an seine Brust drückte . » Er ist überhaupt nie Schmetterling aus wirklicher Neigung gewesen , und hätte er seine Liane gleich gefunden , so brauchte er jetzt nicht so viel tolle , verzweifelte Streiche zu bereuen . « Sie wand sich scheu und schweigend aus seinen Armen und deutete nach dem anstoßenden Salon zurück ; sie hatte die beiden Herren in der Ecke sitzen sehen ; jetzt hörte sie , wie sie aufstanden und der Herzogin in den Saal folgten . » Ach , da sind Sie ja – wo haben Sie denn gesteckt , Herr Hofmarschall ? « fragte die stolze Fürstin ; Graf Brandau stand vor ihr und beugte seine hohe Gestalt fast bis zu Erde , während der Hofmarschall sichtlich beklommen in ihre Nähe trat . » Man hört ja wunderliche Dinge . Baron Mainau will nach Franken übersiedeln ; werden Sie mitgehen ? « Der Hofmarschall prallte vor Entsetzen zurück . » Ich , Hoheit ? « rief er mit alterierter Stimme . » Eher in die Gruft ! Eher will ich von Haus zu Haus betteln gehen , als auch nur noch einen Tag im Zusammenleben mit meinem – entarteten Neffen verbringen ... Ich bleibe in meinem Schönwerth , und wenn Euer Hoheit dann und wann einen Sonnenstrahl der Huld und Gnade in das einsame Leben eines alten treuen Dieners werfen wollen , indem Sie Schönwerth nach wie vor als Ziel der Spazierritte wählen – « » Herr von Mainau , « unterbrach sie ihn frostig mit harter Stimme , wobei sie ihre Hand auf den Arm des Grafen Brandau legte , » ich höre , der Sturm hat heute nacht Ihre prächtige Musa umgebrochen – sie war es ja hauptsächlich , wie Sie sich erinnern werden , die mich immer wieder in das Thal von Kaschmir gezogen hat – vorüber , vorüber ! ... Zudem muß ich Ihnen gestehen , daß ich bis zu dieser Stunde das Grauen nicht los werde in der Erinnerung an die gräßliche Pulvergeschichte , durch welche der Erbprinz und sein Bruder um ein Haar auf Ihrem Grund und Boden verunglückt wären . Sie werden begreifen , daß Jahre vergehen müssen , ehe ein Mutterherz solche Schrecknisse überwindet . « Von der Tribüne erbrauste ein feuriger Galopp , und die schöne Herzogin flog , nach einem hochmütigen Kopfneigen gegen den vernichteten Höfling , im Arm ihres Tänzers dahin – » seltsam wild und aufgeregt « , wie sich einige alte , skandalsüchtige Damen in das Ohr zischelten . Der Hofmarschall aber sah ihr mit aschfahlem Gesichte und schlotternden Knieen einen Augenblick wie versteinert nach . Unfaßlich , unerhört ! ... Erhoben sich nicht die stolzen Vorfahren in der Ahnengruft und stießen mit den Händen nach ihm ? That sich nicht die Erde auf , um ihn , den Unseligen , den Gebrandmarkten zu verschlingen ? Er war in Ungnade gefallen , er , der Leib und Seele dem Bösen verschrieben hätte , um nur nie ein solches Unglück zu erleben ! Und da war es , ohne sein Verschulden , und hing wie eine schwarze Wetterwolke über seinem Haupte ! Und nach zehn Minuten kreiste » die köstliche und unbezahlbare Neuigkeit « auf den Lippen der Neider und Mißgünstigen , und hundert Augen und Finger richteten sich schadenfroh auf den gestürzten Hofmarschall ; er verschwand aus dem Saale . Bald nach dem Glaswagen des Hofmarschalls fuhr auch die Equipage mit den Apfelschimmeln am Portale des herzoglichen Schlosses vor . » Meine Mission ist erfüllt – nun darf ich die Braut heimführen , « flüsterte Mainau Liane zu , indem er sie in den Wagen hob . 26. Er saß wieder droben und lenkte das Gespann , und sie lehnte in der Wagenecke , aber nicht wie damals , als unscheinbare , graue Nonne mit der Kälte und Resignation im Herzen – über die weißen Atlaspolster breitete sich das kostbare , einst verschmähte Brautkleid ; aus dem Haare zuckte der grünfunkelnde Strahl der Smaragden , und die schönen , klugen Augen der jungen Frau verfolgten aufglänzend jede Bewegung der prächtigen Männergestalt , der gegenüber sie den Widerstand des verletzten Stolzes , der kalten , strengen , trotzigen Zurückhaltung nun so vollständig aufgegeben . Es war eine warme , lautlose Mondnacht , durch die sie fuhren . Das bleiche Nachtgestirn schwebte droben , eine über das dunkle Blau hingerollte Silberkugel ; aber zwischen Himmel und Erde wogte jenes glänzende Flimmern , das schleierartig die Konturen verwischt . Dort hinter dem regungslosen Parkteiche ballten sich die majestätischen Lindenwipfel des Maienfestes zu dunklen , gestaltlosen Massen ; in ihrem Schatten verschwand das Fischerdörfchen so spurlos , als habe eine Riesenfaust die fürstliche Spielerei auf den Grund des Gewässers versenkt ... Liane wußte nicht , daß dort zum erstenmal ihr Name vor der Herzogin genannt worden war , daß man » die Gräfin mit den roten Flechten « unter jenen Linden beschworen hatte , um sie ein jahrelang genährtes Rachewerk wider Willen ausführen zu lassen . Dennoch wandte sie , in sich hineinfröstelnd , den Kopf weg ; der ungeheure , nachtschwarze Baumkomplex und die bleifarbene , totenstille Wasserfläche gaben ein gespenstisches Bild . Die junge Frau hatte ohnehin mit unheimlichen Empfindungen zu kämpfen . Sie wußte , daß in dem Glaswagen , der weit vor ihnen Schönwerth zurollte , auch der Hofprediger saß ; er war dem Hofmarschall wie sein Schatten gefolgt . Sie hatte ihn vom Garderobenzimmer aus einsteigen und den Schlag zuwerfen sehen ... Dieser entsetzliche Priester war bereits da , wenn sie das Schönwerther Schloß zum letztenmal betrat ; er hatte in der That die Kühnheit , die zähe Beharrlichkeit , mit der das Raubtier seinem Wilde auf der Ferse folgt ... Eine heiße Angst überlief sie , als der Wagen den Wald verließ und in das liebliche , von Mondlicht erfüllte Schönwerther Thal hinabbrauste . Dort unten flog eben die Equipage des Hofmarschalls hin ; man sah die Glasfenster aufblinken , ehe sie hinter dem Maßholderbusch verschwand . Liane mußte all ihren Mut , ihre Vernunft aufbieten , um Mainau nicht zu bitten , daß er an Schönwerth vorüberfahre und sie noch in dieser Nacht nach Wolkershausen bringe ... In dem Augenblicke , wo der Wagen vor dem Schlosse hielt , stand Frau Löhn , wie aus der Erde gewachsen , am Schlage . » Seit einer Stunde ist alles vorüber , gnädige Frau , « flüsterte sie mit fliegendem Atem . » Der mit dem geschorenen Kopfe ist vorhin auch wieder mitgekommen . Er ist im stande und verlangt mir heute Nacht noch die Schmucksachen für den alten Herrn ab ; das erste Mal ist ' s auch so gewesen . « » Ich komme , « sagte Liane . Sie sprang aus dem Wagen , während Frau Löhn über den Kiesplatz nach dem indischen Hause zurückkehrte . Jetzt trat ein schwerer , ein furchtbarer Moment an die junge Frau heran : sie mußte Mainau den Vorgang an Onkel Gisberts Sterbebette mitteilen ; sie mußte ihm alles sagen , was sie wußte , dann sollte er mit ihr hinübergehen und das verhängnisvolle kleine silberne Buch selbst an sich nehmen . Er hatte die Beschließerin nicht bemerkt und führte Liane ahnungslos nach ihren Appartements . Beide prallten zurück , als sie aus dem blauen Boudoir in den anstoßenden Salon traten – auf dem Tische , inmitten des Zimmers , brannte eine Lampe , und daneben stand der Hofmarschall , aufrecht , in kerzengerader Haltung , nur die Rechte leicht auf die Tischplatte stützende . » Verzeihen Sie , gnädige Frau , daß ich in Ihre Räume eingedrungen bin , « sagte er mit monotoner , kalter Höflichkeit . » Aber es ist zehn Uhr vorüber . Ich war im Zweifel , ob Ihr Gemahl geneigt sein würde , mir heute noch einige Augenblicke , behufs einer Auseinandersetzung , zu gewähren , und da es geschehen muß , so habe ich es vorgezogen , ihn hier zu erwarten . « Mainau ließ den Arm seiner Frau fallen und trat mit festen Schritten auf den alten Herrn zu . » Da bin ich , Onkel ! Ich wäre auf denen Wunsch auch sehr gern hinaufgekommen . Was hast du mir zu sagen ? « fragte er gelassen , aber mit der Haltung eines Mannes , der nicht gewillt ist , sich irgend eine Ungehörigkeit bieten zu lassen . » Was ich dir zu sagen habe ? « wiederholte der Hofmarschall mit unterdrückter Wut . » Vor allem möchte ich mir den Titel › Onkel ‹ verbitten ... Du hast , wie du heute morgen selbst sagtest , zwischen dir und deinen Standesgenossen das Tischtuch zerschnitten ! Ich stehe aber zu ihnen mit Kopf und Herzen , mit Gut und Blut ; der Riß trennt dich mithin auch von deines Vaters Bruder , unwiderruflich und für immer . « » Ich werde den Verlust zu tragen wissen , « versetzte Mainau mit tieferblaßtem Gesichte , aber ruhiger , klarer Stimme . » Die Zukunft wird zeigen , was du gewinnst , indem du alles auf eine Karte setzest . Ein sogenannter guter Freund raunte mir in aller Eile zu , als ich das herzogliche Schloß verließ , du seiest um meinetwillen eklatant in Ungnade verfallen « – bei dem so ruhig ausgesprochenen Wort » Ungnade « hob der Hofmarschall aufschreckend die Hände , als wolle er die Bezeichnung der furchtbaren Thatsache hinter die Lippen des Sprechenden zurückdrängen – » eine solche erbärmliche , kleine Revanche , an einem Unbeteiligten verübt , kann höchstens Ekel erregen , und du hast nichts Eiligeres zu thun , als deine einzigen Verwandten abzuschütteln , mit allem zu brechen , was deinem Leben , deiner einsamen Zukunft in Wirklichkeit einen Zweck , einen Halt zu geben vermag ? Und das muß unerbittlich zur Stunde , noch in dieser Nacht geschehen , damit du morgen in der Frühe deine völlige Lostrennung von den › Tiefgefallenen ‹ rapportieren und um Gotteswillen die Wiederkehr der herzoglichen Gnade erbitten kannst ? ... Was verlierst du denn an – « » Was ich verliere ? « schrie der Hofmarschall . » Das Augenlicht , die Lebensluft ! Ich sterbe , wenn diese – diese fürchterliche Ungnade auch nur Monate andauert ... Wie du darüber denkst , ist deine Sache – ich schere mich nicht darum . « Er taumelte , unfähig sich länger auf den Füßen zu halten , in den nächsten Lehnstuhl . Mainau wandte ihm in unverhohlener Verachtung den Rücken . » Dann bleibt mir freilich kein Wort mehr zu sagen , « murmelte er achselzuckend . » Ich hatte gemeint , noch einmal an die großväterliche Liebe für Leo appellieren zu müssen – « » Aha , da sind wir ja bei dem Punkte angekommen , der einzig und allein mich vermocht hat , noch einmal mit dir zusammenzutreffen ... Mein Enkel , das Kind meiner einzigen Tochter – « » Ist mein Sohn , « unterbrach ihn Mainau , sein Gesicht ihm voll zuwendend , mit tiefer Ruhe . » Er bleibt selbstverständlich bei mir . « » Mit nichten ! ... Für die erste Zeit magst du ihn nach Franken schleppen – das kann ich freilich nicht verhindern ; aber schon nach einigen Monaten wirst du erfahren , was es heißt , Mächtige im weltlichen und im geistlichen Regiment brüsk herauszufordern . « » Fast könnte ich mich fürchten , « sagte Mainau mit verächtlicher Ironie , » stünde ich nicht da auf meinen eigenen Füßen ... Ich weiß , wo du den Hebel ansetzen willst . Weil ich meinem katholisch getauften Kinde eine protestantische Mutter und einen freisinnigen Theologen als Religionslehrer gegeben habe , so ist die Kirche berechtigt , die ihr gehörige Seele zu reklamieren , respektive zu retten . Die Rechte des Vaters kommen denen des päpstlichen Stuhles gegenüber selbstverständlich gar nicht in Betracht . Wer wird denn um eine solche unerhebliche Kleinigkeit rechten in einer Zeit , wo der Endspruch des weltlichen Herrschers , die Beschlüsse der Volksvertretung als Seifenblasen von Rom aus ignoriert werden ! ... Ich könnte mich auf die Linie stellen , wo der erbitterte Kampf gegen die klerikale Anmaßung entbrannt ist , wenn ich nicht vorzöge , die schwarze Schar allein , als einzeln Angegriffener , auf der Mensur zu erwarten – mag sie kommen ! « » Sie wird kommen – darauf verlasse dich ! Deine frevelhafte Opposition wird gezüchtigt werden , wie sie es verdient , und wie es alle Treugesinnten wünschen müssen , « rief der Hofmarschall in namenloser Erbitterung . » Poche du nur auf deinen Geist , auf den Kopf , mit dem du glaubst durchrennen zu können – gerade mit ihm wirst du kläglich Fiasko machen ! Frage morgen alle , die drinnen bei Hofe sind ! Nicht einer wird dir zugeben , daß du heute abend im vollen Besitze deiner Geisteskräfte gewesen bist . Ein Mensch mit seinen gesunden fünf Sinnen , einem ungetrübten Gehirne – « » › Trägt nicht seinen Kopf fest auf dem geraden Rücken , sondern kriecht und scherwenzelt vor den Mächtigen ‹ , willst du sagen ? « » Ich will sagen : Dein Thun und Treiben , dein ganzes Gebaren ist in den letzten Tagen ein so auffälliges geworden , daß ein ärztlicher Ausspruch wird entscheiden müssen , « schrie der alte Herr blind vor Wut . » Ah ! Das ist die Bresche , durch welche mir die weltliche Macht beikommen wird . « Eine tiefe Blässe überflog sekundenlang die Wangen des schönen Mannes . Er war tief ergrimmt ; aber die Arme über der Brust verschränkt , sagte er leichthin , wenn auch in beißendem Tone : » Ich wundere mich über dich . Es ist eines so gewiegten Diplomaten und Hofmannes nicht würdig , im Zorne einen ganzen geheimen Feldzugsplan zu verraten ... Also wenn der Kampf mit den Klerikalen glücklich ausgefochten ist , dann tritt der Gerichtshof auf und erklärt den Mann für › unzurechnungsfähig ‹ , eben weil er gekämpft hat , und weil eine ganze große Hofgesellschaft – Ihro Hoheit , die Frau Herzogin an der Spitze – eidlich erhärtet , daß er eines Abends nicht bei Sinnen gewesen ist . « Der Hofmarschall erhob sich . » Ich muß bitten , die erhabene Frau vor meinen Ohren nicht zu verunglimpfen , « protestierte er kurz mit seiner abscheulich schnarrenden Stimme . » Uebrigens habe ich dir diesen sogenannten geheimen Feldzugsplan geflissentlich mitgeteilt . Du sollst ihn wissen , weil ich den Handel nicht bis zum äußersten kommen lassen möchte , weil ich als ein Mainau mich verpflichtet fühle , einen Skandal , ein öffentliches Aergernis von unserem Namen so lange wie möglich abzuwehren . Ich kann aber auch von meiner Forderung nicht um ein Jota abgehen , schon um meines heimgegangenen , strenggläubigen Kindes willen , und deshalb frage ich dich kurz und bündig : Willst du mir Leo freiwillig überlassen , an dem ich ein heiliges Anrecht habe , so gut wie du – « Er kam nicht weiter . Mainau unterbrach ihn mit einem hellen , scharfen Auflachen . In dem Momente glitt die junge Frau unbemerkt in das Ankleidezimmer und von da in den Säulengang . Nicht einen Augenblick länger durfte sie zögern . Das beispiellos anmaßende Auftreten des Hofmarschalls ließ nur zu deutlich erkennen , daß er auf mächtige Streitkräfte zu gunsten seiner unberechtigten Forderung pochen durfte . Der siegesgewisse , erbärmliche Höfling mit den mörderischen Händen mußte heute zum zweitenmale stürzen – jetzt aber durch die eigenen schwere Schuld ! ... Wie that ihr das Herz weh im Mitgefühle für Mainau ! Wie liebte sie ihn , der so mannhaft gegenüberstand den unvermeidlichen Folgen , die seine Neigung für die heraufbeschworen ! Sie vergaß , daß sie Capuchon und Mantille im Salon zurückgelassen ; sie sah auch nicht , wie die auf den Lärm der streitenden Stimmen horchenden Lakaien im Vestibül zurückwichen vor der eilig daherrauschenden Frauengestalt , die , Haupt und Nacken unbedeckt und feenhaft geschmückt , in die Mondnacht hinausflog . Der indische Garten breitete sich hin , so fremdartig , so silbern funkelnd im Mondlichte , wie in jener ersten Nacht , die sie in Schönwerth verlebt – aber welch ein Kontrast zwischen heute und damals ! Noch in diesen nächtlichen Stunden brachen die morschen Verhältnisse unter den Streichen der Nemesis zusammen , wie der Sturm mit einem Griffe die gewaltige Banane dort umgestürzt hatte . Die flüchtigen Füße der jungen Frau berührten kaum den Boden . Desto unheimlicher klang das schwere Rauschen des starren Schleppsaumes in die atemlose Nachtstille hinein ... Beim Betreten des dunklen Laubenganges , des Lieblingsaufenthaltes der Affen und Papageien , hemmte sie zusammenfahrend ihre Schritte ; kein Rauschen der Tiere in den Zweigen , wohl aber das Knirschen des Kieses unter einem starken Fußtritte hatte ihr Ohr berührt . » Wer ist hier ? « fragte sie , vorsichtig nach dem Ausgange zurückweichend . » Der Jäger Dammer , gnädige Frau , « meldete eine hörbar verlegene Stimme . Sie atmete befreit auf und ging weiter , während der junge Mann eilig vor ihr her schritt und sich , ehrerbietig grüßend , am jenseitigen Ausgange postierte . Ein Blick zur Seite machte ihr draußen sofort klar , was den Jäger hierher geführt hatte – das purpurrote Gesicht auf die Brust gesenkt , stand eines der hübschen Hausmädchen da und knixte – es handelte sich um ein Rendezvous zwischen zwei jungen Leuten , welche die Versetzung des Burschen für längere Zeit getrennt hatte . War es doch , als sei Liane ein Alp von der Brust genommen durch die Gewißheit , daß Menschen in der Nähe seien . Die Thür des indischen Hauses war verschlossen . Hinter den Fenstern hingen die steifen Matten , und die zerbrochenen Glasscheiben der Thür waren einstweilen durch Bretter ersetzt . Auf Lianes leises Klopfen wurde mit vorsichtiger Hand eine der Matten ein wenig seitwärts geschoben . Gleich darauf öffnete sich geräuschlos die Thür . » Wäre der Schwarze gekommen , er hätte nicht herein gedurft , « flüsterte Frau Löhn , indem sie den Riegel wieder vorschob . Ueber die Tote auf dem Rohrbette war ein weißes Leinentuch gebreitet , und in einem Lehnstuhl lag Gabriel erschöpft in tiefem Schlafe . Die Beschließern hatte eine wärmende Decke über ihn gelegt , dessen abgehärmtes Antlitz sich totenhaft von dem dunklen Polster abhob . Unruhig flackerte der Lichtschein darüber hin , den ein vielarmiger , mit Wachskerzen besteckter Silberleuchter verbreitete . » Auch ein Rest aus der alten Zeit , den ich vor dem geizigen alten Manne drüben im Schlosse gerettet habe , « sagte die Beschließerin , auf den prachtvollen Leuchter zeigend ; » das arme Ding da ist mehr als jede andere Schloßfrau gewesen , und da soll sie nun auch die letzten Ehren haben . « Mit sanfter Hand schlug sie das Leinentuch zurück . Das Herz der armen Lotosblume schlug nicht mehr , und doch sah es aus , als höbe sich die schöne frische Seerose auf ihrer Brust noch unter gleichmäßigen Atemzügen . Auch über das Kleid und das Kopfkissen der Toten lagen die weißen Wasserblüten hingestreut . » Gabriel hat sie gebracht , « sagte Frau Löhn ; » es waren ihre liebsten Blumen , und der arme Teufel hat manchen Schlag vom Schloßgärtner gekriegt , wenn sie ihn am Teiche › beim Holen ‹ erwischt haben . « Bei diesen Worten hob sie sanft das Köpfchen vom Kissen , während Liane mit bebenden Händen die Kette darüber streifte ; ebenso leicht ließ sich das kleine silberne Buch aus den erkalteten Fingern lösen ; sie leisteten nicht den geringsten Widerstand mehr ... Die junge Frau legte die Kette um den Nacken und steckte das verhängnisvolle Schmuckstück in den Busen . » Morgen ! « sagte sie mit halb erstickter Stimme zu Frau Löhn und ging hinaus . Eine namenlose Beklemmung , das unerklärliche Gefühl , als habe sie mit dem kältenden Silber auf der Brust ihren eigenen Untergang auf sich genommen , machte ihr den Herzschlag stocken ... Umsonst ließ sie ihre Blicke von der Veranda aus über das von Rosengebüsch begrenzte Terrain hinschweifen ; umsonst lauschte sie mit zurückgehaltenem Atem auf irgend ein Zeichen , daß ein menschliches Wesen in ihrer Nähe sei . Der Jäger und sein Mädchen hatten jedenfalls , durch ihr Erscheinen erschreckt , den Garten verlassen . Sie schauerte in sich zusammen bei dem Versuchte , die Verandastufen hinabzusteigen und weiterzugehen , und dennoch schämte sie sich , die Frau , die hinter ihr die Thür wieder verriegelt hatte , abermals herauszuklopfen und um ihre Begleitung zu bitten . Und zögern durfte sie nicht mehr ; jede Sekunde Zeit , die den unnatürlichen Kampf verlängerte , welchen Mainau um sein Kind kämpfen mußte , hatte sie zu verantworten . Sie flog die Stufen hinab durch das Rosengebüsch – da – da stand das Entsetzliche , dessen Nähe sie gefühlt hatte , wie der Vogel die seines Todfeindes – da stand die schwarze Gestalt mit aschbleichen , verwüsteten Zügen , und der geschorene Fleck inmitten der dunkellockigen Haarmassen dämmerte gespenstig , als die unheimliche Erscheinung feierlich grüßend das Haupt neigte . Im ersten Augenblicke machte der Schrecken der jungen Frau das Blut gerinnen , dann aber wallte ein Gefühl der Erbitterung , des Zürnens in ihr auf , wie sie nie solches vorher empfunden . Und dieses Gefühl siegte ; es machte sie hart , schonungslos ... Ihr Kleid mit einer ausdrucksvollen Gebärde an sich heranziehend , als dürfte nicht einmal sein Saum den ihren Weg kreuzenden Mann streifen , wich sie aus und wollte weitergehen , ohne seinen Gruß zu beachten ; aber er vertrat ihr aufs neue den Weg , er wagte sogar seine Hand auf ihren entblößten Arm zu legen , um sie zurückzuhalten ; sie erbleichte bis in die Lippen bei der Berührung . Die Hand mit einer kraftvollen Bewegung von sich schleudernd , nahm sie stumm den kostbaren Spitzenärmel , der von ihrer Schulter niederhing , und strich mit dem Gewebe wiederholt über die Stelle , die seine Finger berührt hatten . » Erbarmungslose ! « stieß er hervor . » Sie kommen von einer Sterbenden – « » Von einer Toten , Herr Hofprediger , von einer , die im Heidentume gestorben ist , und deshalb , wie wir Christen sagen , gestorben ist an Leib und Seele . Ob Gott wirklich die Menschenseelen nur annimmt aus der Hand der Priester , mag sie auch fälschen und vor nichts zurückschrecken , was die Geister als Schemel unter die Füße der Priestermacht zu werfen vermag ? Sie müssen es ja wissen ... Gehen Sie mir aus dem Wege , Herr ! « gebot sie stolz und heftig . » Den echten Predigern des Christentums unterwerfe ich mich in Ehrfurcht – und , Gott sei Dank , wir haben deren noch ! Sie aber haben mich selbst in Ihre verwerflichen karten sehen lassen ; nicht eine Spur von Weihe liegt auf Ihrer Stirn , und deshalb wundere ich mich auch nicht über Theaterphrasen , wie ich sie eben gehört aus Ihrem geistlichen Munde . Lassen Sie mich vorüber ! « » Wozu diese Eile ? « fragte er hohnvoll , aber doch im Tone heftiger innerer Bewegung . » Sie kommen noch rechtzeitig genug , um zu sehen , wie sich der unheilbare Bruch zwischen Onkel und Neffen vollzieht , wie der interessante Herr von Mainau alle alten Bande und Beziehungen von sich