verweile , ich kann die Kranke nicht verlassen . « » Wie geht es ihr ? « brachte Klaudine über die zitternden Lippen . » Sie klagt heute nicht , sie sagt , es sei ihr leichter und freier auf der Brust « , erwiderte die alte Dame . » Oh , und Sie bemühen sich selbst « , sprach Klaudine zerstreut , aber Frau von Katzenstein ging schon wieder zur Tür hinaus . Klaudine dachte kaum an das Körbchen . In einer halben Stunde sollte sie erfahren , ob er ihren Ring genommen hatte . Man würde ihr doch die Wahrheit sagen ? Sie begann unruhig umherzuwandern , obgleich die Füße sie kaum trugen . Dann trat sie ans Fenster . Die Wache hatte » Heraus ! « gerufen , der Herzog fuhr eben im Jagdschlitten über den Schloßhof . Zwei andere Schlitten folgten , er suchte wohl dem Kummer und der Sorge zu entfliehen ? Auch sie fühlte den Drang in den Park hinunterzulaufen und in der Schneeluft die heiße Stirn zu kühlen , sich müde zu gehen , Schlaf und Vergessen zu finden . Mechanisch war sie vor dem Körbchen stehen geblieben , das die Herzogin ihr schickte . Ein Reisegeschenk vermutlich – die hohe Frau versäumte ja nie , Freude zu bereiten . Sie hob das Papier ein wenig auf . In einigen Minuten mußte sie hinunter , sich zu bedanken , man wollte doch wissen , wofür ? In dem mit hellblauer Seide gefütterten Körbchen lag auf kostbarem , echtem Spitzengewebe ein Zweig blühender Myrte , und dieser Myrtenzweig war durch ihren Verlobungsring gezogen . Das bleiche , heftig atmende Mädchen befand sich plötzlich auf der Treppe . Sie durcheilte die Korridore , und erst im Vorzimmer der Herzogin fühlte sie , daß die Füße sie nicht mehr tragen wollten . Dort stand der Medizinalrat und flüsterte mit Frau von Katzenstein . Die alte Dame deutete mit der Hand auf eines der Nebenzimmer und legte den Finger auf den Mund . » Hoheit schlafen eben ein wenig « , sprach sie leise . Klaudine ging wie im Traume nach dem sogenannten Arbeitszimmer der Herzogin . Es war ein kleines , zu halber Höhe mit kostbarer Holztäfelung versehenes Gemach . Goldbedruckte Ledertapeten bekleideten die Wände , Bücherschränke und ein Schreibtisch aus dunklem Eichenholz , schwere Vorhänge und Teppiche , und die Büsten von Goethe , Shakespeare und Byron bildeten die Einrichtung . Es war fast dunkel hier an diesem grauen Tage . Durch eine der Türen , deren Vorhang halb zurückgenommen war , sah man in den Wintergarten , und dort stand in dem vollen Tageslichte , das durch die Glaswände hereinströmte , Lothar . Er hatte den Rücken hierher gewendet und betrachtete scheinbar mit Interesse einen Strauch blühender gelber Rosen . Unwillkürlich trat Klaudine in den Schatten der hohen Bücherschränke . Sie sah ihn nicht mehr , sie wollte und konnte ihm jetzt nicht begegnen . Mit furchtbarem Herzklopfen lehnte sie in dem schützenden Winkel . Sie wollte auch den Ring nicht , der ihr als eine Gabe des Mitleids erschien , wußte sie doch , daß er ihn zurückgab , weil er sein Wort nicht brechen wollte , und sie durfte , konnte ihn nicht behalten . Plötzlich blickte sie sich um , ob sie nicht entfliehen könne , denn sie vernahm die harte Stimme der Prinzeß Thekla . » Nun , Baron , fragte diese , » also endlich sieht man Sie ? Wissen Sie , daß ich Ihnen ganz böse bin ? Sie sind seit gestern hier und haben sich im roten Schlößchen noch nicht blicken lassen ! « » Es ist unrecht , Durchlaucht , allerdings ! Ich fand aber hier so vielerlei zu tun , und außerdem macht man doch nicht gerade Besuche an seinem Hochzeitstage . « » Hochzeitstage ? « schrillte lachend die alte Dame . » Ich finde , Sie wählen die Zeit zu Ihren Scherzen recht eigentümlich . Die Herzogin ist todkrank ! Wirklich , Lothar , Sie sind jetzt zuweilen sehr sonderbar . Wissen Sie , daß Ihre Hoheit noch heute sterben kann ? « » Ach , Durchlaucht nehmen an , ich erlaubte mir einen unpassenden Scherz ? Nichts würde mir ferner liegen . Ich selbst bin durch die Nachricht überrascht worden . Indes , die Herzogin wünscht , daß unser Bund noch heute geschlossen wird – wenn meine Braut einwilligt , natürlich . « » Meinen Glückwunsch , Baron ! Weshalb sollte Ihre Braut nicht einwilligen ? « klang es spöttisch , » sie willigte doch so rasch in die Verlobung , und naturgemäß pflegt dieser doch die Hochzeit zu folgen . Sonderbare Laune übrigens von Ihrer Hoheit ! « » Sonderbar ? Ist es so sonderbar , wenn die Herzogin , noch ehe sie stirbt , das Glück zweier Menschen , sozusagen , in den sicheren Hafen flüchten möchte , aus allen Ränken und Schlichen hinaus , denen es preisgegeben ist , solange sie nicht verbunden sind ? Ich gestehe , ich finde es so eigentümlich nicht , ich nehme dankbar diese › sonderbare Laune ‹ an . « » Sie waren doch sonst nicht so schutzbedürftig , Gerold . Seit wann fühlen Sie sich so schwach ? Sie wußten doch meine Einwilligung zu ertrotzen , als ich Ihnen die Hand meiner Tochter verweigerte ? Seit wann überhaupt fürchten Sie das Recht des Stärkeren – sagen wir das Recht des Mächtigeren , oder – « » Ich fürchte keinen ehrlichen Feind , « erwiderte er langsam . » Durchlaucht wissen ohne Zweifel aus der Fabel schon , daß der Löwe immer großmütig ist , ihn fürchte ich nicht als Gegner , ich fürchte die Schlangen , die da unbemerkt heranschleichen und Unschuldige mit ihrem Gifte bespritzen . Ich kann die , welche meine Gattin werden soll , nicht vor boshafter Verleumdung schützen , bevor sie nicht wirklich mein Weib geworden ist , denn ich kämpfe hier mit ungleichen Waffen . Mir ist trotz meines jahrelangen Hoflebens die Intrige ein unbekannter Boden geblieben , und , Durchlaucht , ich fürchte , ich würde es nie lernen , auch nicht durch das hervorragendste Beispiel . « Aber die Prinzessin schien nicht verstanden zu haben . » Oder « , wiederholte sie , unbeirrt in ihrer Rede fortfahrend , » ängstigen Sie sich , daß Sie der Treue Ihrer Braut erst dann sicher werden , wenn Sie dieselbe , sozusagen , hinter dem Riegel des Gelübdes wissen ? « » Durchlaucht haben zum Teil recht « , erwiderte er höflich . » Ich ängstige mich indes nicht um die Treue und Festigkeit meiner Braut , ich ängstige mich , weil ich noch nicht weiß , ob meine Braut mir verziehen hat , daß ich mich mit der Dreistigkeit der Angst an ihrem Wege aufstellte , um ihr das › Ja ! ‹ gleichsam abzuzwingen . « Die alte Prinzeß lachte kurz auf . » Man könnte auf den entsetzlichen Gedanken kommen , lieber Baron , daß , falls Ihr Fräulein Braut nicht verzeiht , Sie sich das Leben nehmen oder sonst etwas schreckliches tun werden . « » Das Leben nehmen ? Nein ! Denn ich habe ein Kind , dem mein Leben gehört , aber ein unglücklicher , einsamer Mann würde ich sein , Durchlaucht , denn ich liebe meine Braut ! « Klaudine war hervorgetreten , sie tat ein paar Schritte nach jener Tür zu , dann blieb sie stehen . Sie sah die Prinzessin dort in dem schwarzen seidenen Pelzmantel , sie sah , wie die Fächerpalme über ihrem Samthute leise schwankte und wie das gelbliche , magere Antlitz von der Röte unliebsamer Überraschung sich färbte . Sie mußte sich an dem geschnitzten Löwenkopf des Bücherschrankes festhalten , denn die Stimme der alten Durchlaucht sagte in unbeschreiblich verächtlichem Tone : » Daß Sie diese Dame lieben , Baron , ist mir noch keine Gewähr für die Charaktereigenschaften derjenigen , welche die Stiefmutter meiner Enkelin werden soll . « » Durchlaucht « , erwiderte er schneidend , » wollen vermutlich noch einmal von mir hören , daß ich für mich ganz allein das Recht beanspruche , Leonies Erziehung zu leiten . Auf welche Weise das geschieht ? Nun , ich übernehme mit Freuden die Verantwortung ! Diejenige , welche Mutter des Kindes sein wird , ist in meinen Augen das edelste , das beste , das selbstloseste Wesen der Erde ! Niemals sind auch nur ihre Gedanken von dem Pfade abgewichen , den Sitten und Ehre dem Weibe vorzeichnen , nie , das weiß ich . Meine Braut mag in ihrer Liebe für die kranke Freundin vergessen haben , daß tausend hämische , neidische Zungen bemüht waren , an ihrem Tun und Lassen zu deuteln und zu drehen . In meinem Herzen steht sie darum nur höher . Vor den Augen der Welt die Ehrbare zu spielen , das ist sehr leicht , Durchlaucht , aber allein , gestützt auf den Mut eines guten Gewissens , der Welt zu trotzen , die uns vernichten möchte , fest zu bleiben in dem , was man für Recht erkannt , und doch zu wissen , man wird falsch beurteilt , fest zu bleiben , indem man unter allen Umständen die Pflicht erfüllt , die man aus ehrlicher Zuneigung übernahm , und wäre es auch nur die von vielen angezweifelte Pflicht der Freundschaft , dazu gehört Seelenreinheit und ein starker Charakter , Eigenschaften , die ich bis jetzt vergeblich in – « » Lothar ! « schrie Klaudine auf . Vor ihren Augen schwankten das Kuppelgewölbe von Glas , es war , als ob der Boden , auf dem sie stand , zu wogen beginne . Dann fühlte sie sich umfaßt , und » Klaudine ! « scholl es in ihr Ohr . » Sei nicht so hart , « flüsterte sie , » sei nicht so hart ! Er ist so schwer , der Gedanke , andere grollend zu wissen , wenn das Glück so allmächtig auf uns hereinbricht ! « Sie waren allein . Sie sah ihn jetzt an mit ihren blauen , in Tränen schimmernden Augen . » Kein Wort « , sagte sie und legte ihm die kleine Hand auf den Mund , » kein Wort , Lothar – jetzt ist es nicht Zeit , glücklich zu sein . Ich weiß genug und – dort drüben sitzt der Tod . « » Aber du wirst dem Wunsche der Sterbenden nicht widersprechen ? « bat er demütig . » Ich werde nicht widersprechen . « » Und wir fahren heim in unser stilles Neuhaus , Klaudine ? « » Nein « , erwiderte sie bestimmt , » o nein ! Ich gehe nicht von ihr , die so schwer um mich gelitten , hat , solange sie am Leben ist . Ich fürchte mich nicht mehr , denn ich weiß jetzt , daß du und ich zusammengehören für immer , daß du mir vertraust und an mich glaubst , immer , ohne Wanken . Und du , du reisest indes . Noch einmal gebe ich dir Urlaub , und dann , wenn du zurückkehrst , wenn mein Herz sich wieder freuen kann , wenn ich glaube , das Recht zu haben , glücklich zu sein , dann komme ich zu dir . « 28. In den Gemächern der Herzogin hatte gegen Abend eine Trauung stattgefunden . Sie wußten es alle im Schloß , von der Leinenschließerin in der netten Mansardenwohnung bis zum Küchenjungen im Erdgeschoß , man wußte , daß der junge Ehemann gleich nach der Trauung abgereist war und daß Frau Klaudine von Gerold ihren Platz am Krankenbett der Herzogin eingenommen hatte . Die hohe Frau befand sich sehr schwach heute abend . Bei der Feier war sie zugegen gewesen , sie selbst hatte mit zitternden Händen den Brautschleier über das schöne , blonde Haupt des Mädchens gelegt . Seine Hoheit , die Herzoginmutter und Frau von Katzenstein waren die anderen Trauzeugen gewesen . Noch im Beisein der Herrschaften hatte das junge Paar Abschied voneinander genommen . Und nun saß neben Klaudine am Fußende des Himmelbettes eine kleine , zierliche Gestalt , und beide hatten verweinte Augen . Die Herzogin war nach der Trauungsfeierlichkeit ohnmächtig geworden , und der Medizinalrat hatte sich zum Herzog begeben und ihn flüsternd auf das Unabweisliche vorbereitet . Da draußen waren die Schneewolken zerrissen , und die Sterne blitzten herab auf die winterliche Erde . In den Zimmern der Prinzen schien die Ampel auf schlummernde , blonde Köpfchen . Sie ahnten nichts . Sonst wachte alles in dieser Nacht . Die Lichter des Schlosses flimmerten hinaus in die Schneelandschaft , und dort unten in den Häusern der Stadt betete man für die allzeit hilfsbereite Herrin , die auf ihrem Sterbebette lag . Im Vorzimmer ging der Herzog auf und ab . Zuweilen warf er einen Blick in das Schlafgemach seiner Gemahlin . Dann hörte er eine leise Stimme : » Adalbert , ist Klaudine fort ? « – Und die junge Frau rückte geräuschlos an die Seite des Bettes . » Du bist noch da ? « fragte die Kranke . » Laß mich bei dir bleiben , Elisabeth , « bat Klaudine , » Gerold hat noch verschiedenes zu ordnen , bevor ich nach Neuhaus kommen kann . « Die Herzogin lächelte schwach . » Du verstehst ja nicht zu lügen , Klaudine , ich weiß , weshalb du bleibst ! Armes Kind , welch traurige Hochzeit ! – Ruf Adalbert ! « stieß sie dann hervor . » Ist Helene da ? « Die Prinzeß kam . Dicht nebeneinander standen Klaudine und sie . » Gebt euch die Hand « , bat die Herzogin . Prinzeß Helene faßte die Hand der jungen Frau . » Vergeben Sie mir ! « sagte sie leise weinend . » Und nun ruft Adalbert ! « forderte die Kranke . Er kam , setzte sich auf den Rand ihres Bettes , und sie drückte ihm stumm die Hände . » Wenn ich leben könnte , dich zu trösten , mein armer Freund ! « flüsterte sie . » Es ist so schwer , entsagen zu müssen , ich weiß es . Aber – sie liebten sich nun einmal , und du , du gehst so leer aus , so leer ! Ach , wenn es in meiner Macht gestanden hätte , wie glücklich solltest du werden ! « » Sprich nicht so « , sagte er . » Ich werde nur unglücklich , mein Liesel , wenn du mich verläßt ! « » Sag noch einmal › mein Liesel ‹ « , bat sie und sah ihn an , und die fast erloschenen Augen flammten noch einmal in dem alten innigen Liebesschein . » Mein Liesel ! « flüsterte er mit versagender Stimme . Sie drückte seine Hand . » Nun geh , Adalbert , ich will schlafen , ich bin so müde – küsse die Kinder – geh ! « drängte sie . Und sie schlief . Die junge Frau saß treu wachend an ihrem Lager . Nur einmal war es , als lege sich minutenlang eine zwingende Müdigkeit auf ihre Augen . Kaum eine Minute mochte es gewährt haben , da raffte sie sich auf , von einem Schauer erweckt . Die Herzogin lag so seltsam ruhig da , ein Lächeln auf den Lippen , die Hände gefaltet . Klaudine faßte ihre Hand . » Elisabeth ! « sagte sie angstvoll . Sie hörte es nicht mehr . Auch die Prinzessin trat näher und sank schluchzend vor dem Bette nieder . Der Herzog kam und der Arzt , die alte Hofdame – Es war so still , so beängstigend still in dem hellen , prächtigen Raum . Dann gingen sie alle , nur der Herzog und Kiaudine blieben zurück . Sie saßen am Bette der Toten , und durch die geöffneten Fenster des Nebenzimmers schollen die tiefen Klänge der Kirchenglocken herein , die an diesem kalten , dunklen Wintermorgen dem Lande verkündeten , daß seine Fürstin schlafe , den langen , ewigen Schlaf . So hielten sie Totenwache , die beiden , die ihr die liebsten Menschen gewesen . 29. Im Garten des Eulenhauses blühten Leberblümchen , und gelbe , blaue und weiße Krokusse lugten aus der schwarzen Frühlingserde hervor . Der alte Heinemann schaffte emsig an seinen Rosenstöcken , nahm ihnen die Winterhülle und band sie an die frisch gestrichenen Pfähle . Die Sonne hatte über Mittag schon heiß auf die alten Grabsteine geschienen , und die jungen Blättchen regten und dehnten sich , sie sehnten sich nach Luft und Licht . Hinter den blitzblanken Fensterscheiben tauchte Fräulein Lindenmeyers freundliches Gesicht auf . Zuweilen wandte sie redend den Kopf in das Zimmer zurück , dort stand die kleine , runde Ida und legte Wäsche . Die Ida war wieder hier , auf Verlangen der jungen Frau von Gerold , weil diese doch über kurz oder lang nach Neuhaus übersiedeln wollte . Wann ? Ja , das wußte niemand . Der Herr Baron war noch immer auf Reisen , und seine junge Gattin trug noch tiefe Trauer um die Herzogin . Merkwürdig , was heute die schmalen Frauenfüße für eine Unrast entwickelten . Die gnädige Frau war im ganzen Hause umhergestiegen mit dem klappernden Schlüsselbund , hatte in alle Schränke und Spinde geschaut , des Herrn Wäscheschrank nachgesehen und die Kleider des Kindes , sie hatte das Wirtschaftsbuch nachgerechnet und die kleine Haushaltungskasse . Nun schüttelte sie über sich selbst und ihre Unruhe den Kopf , sie begriff sich heute nicht . Sie hatte weder die nötige Sammlung , zu schreiben , noch konnte sie sich heute entschließen , ihr Feierstündchen am Klavier zu halten , worauf sie sich sonst den ganzen Tag schon freute . Sie meinte endlich , es sei am besten , wenn sie einen Spaziergang mache . Da sie ohnehin seit mehreren Tagen Beate und die Kleine in Neuhaus nicht gesehen hatte , beschloß sie , dorthin zu wandern . Vielleicht wußte Beate auch näheres über Lothars Reisepläne . Seine letzten Nachrichten hatte sie aus Mailand empfangen . Sie hatten sich nicht geschrieben , Klaudine und er , die junge Frau wollte es nicht . » Wir können uns ja mündlich alles erzählen « , hatte sie gebeten , » es ist das so viel schöner . Ich erfahre ja von Beate , ob du gesund bist und wo du weilst . « Sie band sich den Mantel um , schlug das Spitzentuch über den Kopf und ging hinauf , um sich von Joachim zu verabschieden . » Wo willst du hin ? « fragte er . » Zu Beate , Joachim . « Er war aufgestanden und sah sie liebevoll an . » Wie bald wird die Zeit kommen , wo du ganz fortgehst ! « sagte er . » Ich komme mir bei dem Gedanken , daß ich dich eines Tages verlassen werde , schon ganz treulos vor . « » O mein Liebling , du ahnst nicht , wie froh ich bin , dich glücklich zu wissen ! « Und er begleitete sie hinunter bis zur Gartenpforte . Es senkte sich schon die Dämmerung über die Bäume , die Wolken zogen rasch dort oben am Himmel , aber der Wind , der sie trieb , war lind und weich , und er wehte den Schleier zurück von der weißen Stirn der jungen Frau und beugte die knospenden Äste zueinander , er fuhr über das junge Gras am Wegesrand und erzählte von kommender Herrlichkeit , von Blütenpracht und Sonnenglanz . Mit eiligen Schritten kam sie daher , so schwebend und leicht , als habe sie Flügel . Sie sah bald in die Wellen des Baches , der ihr zur Seite rauschte , das letzte Schneewasser von den Bergen führend , bald in die Wolken hinauf , und Lächeln und Ernst gingen in beständigem Wechsel über ihr Gesicht . Es war ihr so eigen zumute , und einmal sagte sie halblaut : » Wenn er schon da wäre ? « Am Eingang des Neuhäuser Parkes blieb sie stehen . In der Lindenallee rauschte der Wind durch die Äste und das Schloß lag so still und so dunkel . Einen Augenblick wollte mädchenhafte Scheu ihre Füße lähmen , herzklopfend und erglühend lehnte sie an dem Sandsteinpfeiler und wagte nicht , den Fuß in den Garten zu setzen . Wieder kam es wie Ahnung über sie : » Wenn er schon hier wäre ? « Noch hatte niemand sie gesehen , das war gut ! Sie meinte plötzlich , sie müsse umkehren . Dann drückte sie sich ängstlich zur Seite , die Allee entlang kam ein Reiter in raschem Trabe . Sie erkannte ihn trotz der tiefen Dämmerung , sie wußte , wohin er reiten würde , und ein unaussprechliches Glücksgefühl bemächtigte sich ihrer . Aber er durfte sie nicht sehen . Dann schrie sie leicht auf , der Jagdhund , der in tollen Sprüngen das Pferd umkreiste , hatte sie erkannt und stürmte auf sie zu . Im nämlichen Augenblick stand das Pferd , sein Reiter warf sich aus dem Sattel und hielt die junge Frau umfaßt . » Endlich ! « sagte er . » Und du bist hier – hab Dank ! « Sie konnte nicht antworten , sie weinte nur . Und als sie langsam dem Hause zuschritten , da sagte sie endlich : » Ich habe gefühlt , daß du hier bist . Wann kamst du , Lothar ? « » Vor einer Viertelstunde , mein Lieb . « » Wo wolltest du eben hin ? « fragte sie , und ein schelmisches Lächeln , das dem ernsten Antlitz wunderbar gut stand , flog um ihren Mund . » Zu dir , Klaudine « , erwiderte er einfach . Sie lächelte ihm glückselig zu . » Und nun sollst du auch wissen , Lothar , ich habe dich schon immer geliebt . Gott sei Dank , daß er dein Herz mir zuwendete ! « » Dir zuwendete ? « fragte er bewegt . » Ich habe dich geliebt seit dem Tage , wo ich dich so unerwartet im Zimmer der Herzoginmutter traf . Weißt du noch , du sangst das › Veilchen ‹ von Mozart ? « » Und nachher : › Willst du dein Herz mir schenken ‹ . Oh , ob ich es weiß ! Aber , Lothar , wenn du mich damals schon liebtest – « » Frage nicht , Klaudine « , wehrte er , » es liegen so schwere , düstere Zeiten dazwischen , Jahre , in denen ich mehr gelitten habe , als ich sagen kann . « Sie schwieg , sah wieder zu den Wolken empor und drückte sich fester an seinen Arm . Ihr zur anderen Seite ging der Hund , hinter ihnen folgte das Pferd , dessen Zügel Lothar um den Arm geschlungen hatte . » Nur noch eines « , flüsterte sie zaghaft und sah ihm bittend in das bewegte Antlitz . » Lothar , wenn du mich liebtest , warum hast du mit schneidenden Worten mir weh getan , wo du konntest , mich vor mir selbst erniedrigt , daß ich fast verzweifeln wollte ? « Er blickte sie lächelnd an . » O du Törin , weil ich von Angst und Eifersucht gehetzt war , weil mein Herz krank war vor Sehnsucht nach dir , und weil ich sah , was kommen mußte , weil ich die Welt kannte und ihre Schlechtigkeit und wußte , daß du zu Boden geschmettert sein würdest , wenn sie hereinbrächen über dich , die Verleumdung , die Gemeinheit , weil du , trotziges Kind , es mir so namenlos schwer machtest , über dich zu wachen , endlich , weil du mich nicht verstehen wolltest . – Laß , Klaudine ! Die Zeiten liegen hinter uns . Ich habe dich und darf dein Wegweiser sein auf allen Pfaden von dieser Stunde an . Gottlob ! « » Gottlob ! « sprach sie ihm leise nach . Das Pferd ging allein mit gesenktem Kopf zu den Stallungen hinüber . Die beiden stiegen die Freitreppe empor , Baron Gerold öffnete die Tür . » Tritt ein in dein Haus , Klaudine « , sagte er bewegt , » es soll unsere Heimat bleiben , nicht die Welt da draußen , wenn du es willst ! « Sie lachte unter Tränen : » Ob ich will ? Vertraust du mir noch immer nicht ? Nichts will ich weiter auf der ganzen Welt ! « 30. Drei Jahre sind vergangen . Im Arbeitszimmer Joachim von Gerolds sitzt Frau Beate in der Dämmerung eines Winterabends und plaudert mit ihrem Gatten . » Wo ist Elisabeth ? « fragt er . » Aber , Schatz , du wirst immer zerstreuter ! Wo soll sie wohl sein ? In Neuhaus natürlich . Sie kann doch nicht leben ohne ihre Tante Klaudine , sie bettelte so lange , bis ich sie mit Heinemann hinunterschickte . Es sei so schön in der Neuhäuser Kinderstube , und so etwas süßes wie Klaudines Kindchen gebe es nicht wieder . Sie muß übrigens bald zurückkommen . « » Hast du die Zeitung heute gelesen ? « fragte sie dann . » Nein ? Nun , da hast du viel versäumt . Höre zu , Joachim , ich will dir erzählen : also , erstlich steht da , daß das Gerücht von der Verlobung unseres Herzogs mit Prinzeß Helene immer mehr Glaubwürdigkeit gewinne . Ich fände es übrigens ganz passend , Joachim , denn in der Kleinen steckt neben aller Launenhaftigkeit ein guter Kern . Sie hat damals in Cannes so rührend die Herzogin gepflegt , und gegen Klaudine ist sie seitdem doch wahrhaft erfinderisch in Freundlichkeiten . Sie möchte alles gutmachen . Ich bin überzeugt , daß es keine Neigungsheirat sein würde , denn ich vermute , sie hat Lothar noch nicht vergessen , sie heiratet aber den Herzog , weil sie glaubt , eine Pflicht zu erfüllen . « » Ich will es auch Seiner Hoheit wünschen « , sagte Joachim behaglich . » Es ist furchtbar öde , ein Leben ohne ein Paar freundliche Augen und eine weiche Frauenhand . « Und er griff nach Beates Rechten und küßte sie . Frau Beate lacht , es ist das frische , silberne Lachen , das ihn einst betörte . Er begreift überhaupt gar nicht mehr , wie er sie mit ihrem kinderguten Herzen jemals als » barbarisch « bezeichnen konnte . Er hat es ihr aber einmal gestanden , und da hat sie erst recht gelacht und gesagt : » Ich fühle mich zu weiter nichts gut als zur Wirtschaft , und du sahst so geisteshochmütig auf mich herunter . Ich hatte dich damals schon lieb , dich und deine Gedichte , hatte damals schon Durst nach allem herrlichen , was das trockene Leben verschönt . Aber keiner wollte es mir glauben . Da ward ich ein richtiger Wirtschaftsteufel , rechthaberisch und allzu strenge . « Ein Weilchen blickte sie wie träumend vor sich hin . » Gottlob , das ist vorüber . Aber nun höre weiter ! « Und sie fuhr fort in ihren Neuigkeiten . » Dann steht auch noch darin , Joachim , daß Lothar Altenstein zurückgekauft hat . Der scharfsinnige Zeitungsschreiber sagt : › Vermutlich wünscht Baron Gerold das alte Stammgut der Familie seinem zweiten , ihm vor einigen Monaten geborenen Sohne dereinst zu übergeben . Wie wir hören , wird vorderhand Baron Joachim von Gerold das einst ihm zugehörige Schloß bewohnen . ‹ – Wie klug die Leute sind ! Wir werden uns doch hüten , Joachim – mich bringst du nicht heraus aus dem Eulenhause , ich bin zu glücklich hier geworden . « » Ja , ja ! « sagte er rasch , » wir bleiben hier , Beate , wir haben ja völlig Platz , seit angebaut worden ist . Und es ist so still und friedlich . Hoffentlich denken die Neuhäuser nicht daran , das von uns zu verlangen . « » O behüte , Joachim ! Die denken an nichts als an sich selbst « , lächelte Beate . » Aber das soll kein Vorwurf sein , wir machen es ja auch nicht besser . Weißt du auch , Schatz , daß heute unser Verlobungstag ist ? « plauderte sie . » Siehst du , wie du alles vergißt ? Ja , heute sind es zwei Jahre , da saßen wir am Bettchen Elisabeths und wußten , das schwerkranke Kind ist gerettet , es schläft den Schlummer der Genesung . Und da sprachen wir flüsternd vom Tode , vom Seelenleben und von der Unsterblichkeit . Du lasest mir das Gedicht vor , das du auf den Tod deiner Gattin gedichtet , und klagtest , wie einsam du seist , nun auch Klaudine gegangen , und wie verlassen das Kind , und – « » Und dann fragte ich dich , Beate – « » Und ich sagte › ja ‹ . « » Und da kam es dann auch zur Sprache , wer mir damals heimlich meine Bibliothek zurückkaufte . « » Freilich ! « lachte sie , » ich hatte eben von jeher ein gefährliches Mitleid mit dem Träumer , dem unpraktischsten , hilfsbedürftigsten Menschen auf Gottes weiter Welt . « Und sie küßt ihn und nimmt ihr Schlüsselkörbchen . » Ich muß noch die alte Lindenmeyer besuchen « , entschuldigte sie ihr Fortgehen . » Sie hat nach mir verlangt , und sie sitzt da so geduldig in ihrem Lehnstuhl , die gute Alte , und strickt Kinderstrümpfchen für Klaudine . Sie muß wahrhaftig schon einen ganzen Scheffel voll haben . « Und während sie hinuntergeht , fliegt die Haustür auf , und ein Kind , ein Mädchen , kommt an des alten Heinemann Hand über die Schwelle , um sich im nächsten Augenblick von ihm loszureißen und jubelnd der