Bewußtlosen , die einzige Begierdelose von so vielen Begehrenden . Dann war es ihr , als müsse sie Wache halten , als habe sie allein die ganze Würde der Menschheit zu wahren , so lange diese im Schlummer sich derselben begeben ; als dürfe sie erst ruhen , wenn jene wieder zum Bewußtsein ihrer selbst erstanden . Das Fieber der Nacht , das Tausende auf ihrem heißen lager mit allen Foltern der Sünde und Sorge quält , es nahte ihr nicht ; wo ein Herz die kühlen Strahlen der Sterne in sich aufgesogen hat , weichen alle irdischen Gespenster , denn im Lichte ist Frieden ; im Anblick der Unendlichkeit offenbart sich uns die Ahnung der Ewigkeit und wesenlos verschwindet davor jedes zeitliche Weh . Aber wenn dann Stern um Stern erlosch , und der Mond längst hinabgeglitten war , — dann küßten die ersten Strahlen des Frührotes eine leichenhafte Stirn , und todesmatt brach sie zusammen ; das heilige Feuer ihrer Seele hatte die kraft des Körpers aufgezehrt und erstarb mit dieser . Still und klaglos sank sie zur Ruhe , — wie die leuchtenden Gestirne der Nacht vor dem nahenden Morgen erbleichen . So auch heute . Mit der weichenden Dunkelheit stieg sie hinunter in ihre Gemächer und suchte in einem kurzen Schlummer so viel Stärkung zu finden als nötig , um ihr mühevolles Tagewerk wieder beginnen zu können . „ Je mehr ich geschlafen , desto weniger habe ich gelebt “ , antwortete sie auf die Vorstellungen der besorgten Dienerin . „ Alles ist so schön auf der Welt , wir dürfen keinen Augenblick versäumen . Ist uns doch nur eine so kurze Spanne zugemessen , um ihre Herrlichkeiten zu genießen . “ „ Genießen ! Du lieber Himmel , was genießen Sie denn ? Sie tun ja nichts als arbeiten ! “ „ Das eben ist mir Genuß , gute Willmers ! Denn meine Arbeit ist nichts Anderes , als ein Anschauen und Erkennen der Schönheiten der Schöpfung . Damit würde ja ein Unsterblicher nicht fertig — und nun vollends solch ein Augenblick wie unser Dasein ! Sollen wir ihn noch verkürzen dadurch , daß wir es verschlafen ? Hat uns die Natur , die uns einige achtzig Jahre Leben lieh , nicht um beinahe die Hälfte betrogen , indem sie uns die Notwendigkeit auferlegte , von je vierundzwanzig Stunden sieben bis neun bewußtlos zu verbringen ? Ich trotze ihr , so lange ich kann , und behaupte mein Recht , das geliehene Gut auszunützen , wie ich , nicht wie sie will ! “ Frau Willmers sah das blasse Antlitz der stolzen Sprecherin mit tiefer Bekümmernis an . Als sie so dalag in ihrem Bette , farblos , wie ihre weißen Kissen , mit herabgesunkenen Augenlidern , die schmalen Hände wie die einer Leiche schlaff auf der Decke hingestreckt , nur schwach und kurz atmend — da schnürte es der treuen Seele die Brust zusammen , denn sie sah , daß die Natur bereits begonnen habe , sich für diesen Trotz zu rächen . Sie umhüllte sie sorglich mit einer weichen Decke . „ Sprechen Sie jetzt nicht mehr , liebes Fräulein . Sie sind zu angegriffen . “ „ Sie sind es auch , Willmers , warum lassen Sie es sich nicht nehmen , aufzustehen , so oft ich zu Bette gehe ? “ „ Weil ich immer denke , ich zwinge Sie dadurch , aus Rücksicht für mich zu tun , was Sie nicht für sich tun wollen , sich früher eine Ruhe zu gönnen , die kein Mensch ungestraft entbehrt , nicht der Stärkste , geschweige denn ein so zartes Wesen wie Sie . “ Ernestine reichte ihr matt die Hand . „ Sie sind gut , wahrhaft selbstlos , aber Sie können mich nicht verstehen , liebe Willmers . Und wenn Sie darauf beharren , mir Ihre Nachtruhe zu opfern , so muß ich Ihnen ein entfernteres Zimmer anweisen , wo Sie mich nicht mehr beobachten können ! Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Sorgfalt . Gute Nacht ! “ „ Gute Nacht “ , sagte die Willmers traurig und zog , ehe sie ging , die Gardinen zu , um die ersten Sonnenstrahlen auszuschließen , die golden auf Ernestinens Decke spielten . _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ In derselben Nacht wälzte sich die Gräfin von allen Furien gepeitscht , auf ihrem Lager . Sie konnte den Tag nicht erwarten , an dem sie ihre Nebenbuhlerin sehen sollte , und dieselbe Morgensonne , die Ernestinens Schlummer mit freundlichen Bildern durchwob , — denn auch das geschlossene Auge empfindet ja das Licht und führt es der ruhenden Seele zu , — dieselbe Morgensonne jagte das gequälte Weib aus dem seidenen Bette auf . Sie kannte keine Müdigkeit . Ihr gewaltiger , durch Abhärtung gestählter Körper widerstand jeder Anwandlung von Schwäche . Ihre Leidenschaften waren Kinder ihrer wilden Kraft , sie zehrten diese nicht auf , sie waren sich einander ebenbürtig . Es gab für sie keine physischen wie keine moralischen Schranken , auch keine geistigen . Sie war begabt , aber sie mochte nicht viel denken ; das Denken war ihrer Ansicht nach eine Fessel , die der Geist der Sinnlichkeit anlegte . Das Wissen hatte auch eine Grenze , die der nicht kannte , der nichts wußte . Sie wollte fessel- und zügellos sein , drum gab sie sich mit nichts ab , was sie in ihrer frivolen Sicherheit erschüttern und beunruhigen konnte — hatte sie doch Geist genug , um zu fühlen , daß das Denken zu Resultaten führt , die einer Lebensphilosophie wie der ihren sehr gefährlich werden konnten . „ Der Mann ist da zum Arbeiten , das Weib zum Genießen ! “ Das war ihr Motto , welches sie unbehindert durchführte . Sie gab der Welt frohlockend das seltene Schauspiel der schönen Gewalt und der gewaltigen Schönheit , die da mit sich fortreißt wie die Windsbraut , was an ihrem Wege liegt , jede Blume entblättert , jeden jungen Stamm entwurzelt und , wenn sie ihn einen Augenblick getragen , zerschmettert hinwirft . Ein erhabenes Schauspiel ! bei dem die Walkyren in den Lüften jauchzen und der kleine Sinn sich bebend kreuzigt . Jede zerstörende Naturkraft – und dieses Weib war eine solche – hat eine schauerliche Poesie für den in Sicherheit geborgenen Zuschauer . Er bewundert , was er fürchtet , er weidet sich an dem Anblick dessen , was er als verderblich kennt . So verhielt sich auch die Einwohnerschaft der kleinen Stadt N * * * gegen die schöne Russin , seit sie mit ihrem kranken Gemahl dort ankam und ihr wildes Wesen trieb . Sie war für die deutschen Kleinstädter eine unerhörte Erscheinung , über die man sich nie beruhigen konnte , über die man beständig die Hände rang . Wenn aber das herrliche Weib auf seinem Renner durch die Straßen galoppierte , oder mit fester Hand seine vier nebeneinander gespannten Rosse lenkte , wie eine Viktoria auf dem Siegeswagen , dann konnte man sich doch nicht enthalten , an die Fenster zu stürzen , um den wundervollen Anblick zu genießen , und wer das einmal gesehen , der vergaß es nicht mehr . Kraft , Gesundheit , Schönheit schienen ihre Monopole und die festen Grundlagen ihres Glücks . „ Wer emanzipiert will sein , muß das Zeug dazu haben “ , pflegte sie zu sagen . „ Da es aber so Wenigen zu Teil ward , gibt es auch so wenige Emanzipierte . Wer es dem Manne nicht gleich tun kann , der soll sich ihm auch nicht gleich stellen wollen . Wer aber im Eise der Newa getauft ist , wie ich – der kann den ganzen Troß mit seinem Hochmut verlachen . “ In Rußland , wo sie in einer weniger gewissenhaften Gesellschaft eine Rolle spielte , boten ihr die von dem russischen Adel veranstalteten Reiterkaroussels besondere Gelegenheit , ihre Kraft und Gewandtheit in ritterlichen Übungen zu zeigen . Sie erschien dann meistens als Ischerkessin , 54 den stählernen Helm auf dem Kopf , im eng anschließenden , von Silberdraht geflochtenen Panzerhemd , das in der sonnenhell erleuchteten Reitschule sie mit einem strahlenden Glanz umgab . Und wenn sie so , den krummen Ischerkessensäbel an der Seite , die Pistolen im Gürtel , auf ihrem arabischen Hengste mit der flatternden Mähne in die Schranken ritt – da empfing sie ein nicht zu hemmender Beifallssturm . Sie wetteiferte mit den ritterlichsten Söhnen des moskowitischen Adels an Grazie und Leichtigkeit , mit der sie ihren Rappen tummelte , an Sicherheit , mit der sie die aufgestellten Türkenköpfe herabschloß , und an Kühnheit , mit der sie über die Barrièren setzte . – sie kannte keine Schwierigkeit und keine Furcht . Sie hatte die Gestalt und Kraft einer nordischen Gottheit und die wilde Glut einer Orientalin , was Wunder , daß vom Kaiser an bis zum letzten Leibeigenen herunter alles ihr bewundernd zu Füßen lag . Ihr Vater Alexei Fedorowitsch war ein armer , gänzlich roher Edelmann , der sich in den russischen Kämpfen gegen Napoleon durch Tapferkeit ausgezeichnet hatte und , nach einer schweren Verwundung invalid geworden , seine Pension auf dem Lande verzehrte . Eine kränkliche Aristokratin , die sich in Ermangelung von etwas Besserem zu ihm herab gelassen hatte , war die Verzweiflung seines Lebens gewesen . In der Erbitterung über die Plage , welche ihm die Gebrechlichkeit , Empfindsamkeit und Verzärtelung seiner Frau bereitete , tat er , als diese ihm ein Kind gebar , den Schwur , es im strengsten Gegensatze zu ihr zu erziehen . Lieber sollte es nicht leben , als ein Krüppel werden wie seine Mutter . Und den Anfang machte er damit , sein Töchterchen gleich den Kindern der gemeinen Stockrussen an Ostern im Eise der Newa taufen zu lassen . Die kleine Feodorowna hielt die Eisesprobe aus und dem entsprechend war die ganze Erziehung . Ihre Mutter starb wenige Tage nach dieser grausamen Taufe , die Angst um ihr Kind hatte der Kranken den letzten Stoß gegeben . So war der rauhe , ungebildete Vater Feodorownas einziger Lehrmeister und Pfleger . Er liebte sie in seiner Art und machte sie zur Genossin aller seiner männlichen Vergnügungen , wie Reiten , Pferde bändigen , Jagen und dergleichen mehr . Als sie kaum das sechzehnte Jahre erreicht , verheiratete er sie an einen reichen Gutsbesitzer der Gegend , der noch roher und geistloser , als er selbst , und für das Mädchen ein Gegenstand des Abscheus war . Als dessen Frau lebte sie auf einem einsamen Gute wie eine Leibeigene . Der Gatte war grausam , mißtrauisch und machte ihr die Ehe zur Hölle . Ihren wilden Gewohnheiten , an denen ihr junges Herz mehr hing als an irgend etwas in der Welt , mußte sie entsagen . Jede Ausgelassenheit , auch die harmloseste , war seiner mürrischen Gemütsart zuwider . Das lebenslustige Wesen , welches gewöhnt war , auf mutigem Renner über Steppen und Haiden dahinzufliegen , durfte kein Pferd mehr besteigen , mußte mit den Mägden beim trüben Tranlicht sitzen und spinnten oder Pilze putzen , bis der Gatte heimkam , um ihre stets verweigerten Zärtlichkeiten , wenn nötig sogar mit dem Kantschu , einzufordern . Ein Jahr ertrug sie diese Martern schweigend . Endlich vertraute sie sich einigen der benachbarten Edelleute an und bat um Hilfe in ihrer Not – doch sie fand keine Teilnahme , keinen Beistand . Man nannte sie verblümt eine Närrin , die ihr Glück nicht zu schätzen wisse , nannte den Gedanken an Scheidung ein Verbrechen und gab ihrem Manne vollständig Recht . In dieser Einsamkeit und Verlassenheit trugen Durst nach Liebe , und war es auch nur die ihres alten Vaters , Sehnsucht nach Freiheit und der Haß gegen ihren Peiniger den Sieg davon und sie entfloh , ohne etwas mitzunehmen , als was sie mitgebracht , eine dürftige Bekleidung . Sie wanderte den größten Teil des Weges zu Fuße und kam so elend bei ihrem Vater an , daß dieser sie , von Mitleid überwältigt , bei sich aufnahm und gegen den Gatten , den er ihr aufgedrungen , selbst Partei ergriff . Gänzlich mittellos , aber frei ging sie aus dem nun folgenden Scheidungsprozeß hervor . Als sie jedoch zufällig den alten Minister Grafen Worronsky kennen lernte , als dieser ihr seinen Rang und seine Millionen zu Füßen legte und ihrer Schönheit die Aussicht eröffnete , am Hofe in Petersburg zu glänzen — da widerstand sie der Verlockung nicht . Sie ward seine Frau und vom Umgang mit halb wilden Leibeigenen weg an einen der prächtigsten Höfe der Welt , aus den russischen Wäldern und Steppen auf seidene Kissen , in duft- und lichtgeschwängerte Prunkgemächer versetzt . Anfangs geblendet , verwirrt , verschüchtert , gewann sie sich durch ihre unschuldsvolle Schönheit und Zaghaftigkeit alle Herzen , auch die der Frauen . Endlich aber brach ihre ungezügelte Natur um so mächtiger hervor , je härter der Druck gewesen , der sie so lange niedergehalten hatte , und sie artete unter der Führung des schwachen Gatten , der sie vergötterte , nach allen Richtungen aus . Für Verirrungen , welche die Gesellschaft unter ihren Augen und ihrem Schutze sich allmälig entwickeln sieht , hat sie stets ein nachsichtigeres Auge , als für die , welche sie außerhalb ihrer Sphäre erblickt , weil in den Verhältnissen der meisten Menschen eine Entschuldigung für ihre Fehler liegt , der die Gesellschaft um so bereitwillger Rechnung trägt , je höher Stand und Rang des Gemahls einer solchen Dame sind . Man ignorierte alle Verstöße , die man um der bedeutenden Stellung des alten Ministers willen nicht bestrafen konnte , und so war und blieb die schöne , unermeßlich reiche Gräfin Worronska trotz ihrer Ungebundenheit der Mittelpunkt , wenn auch nicht der besten , doch der glänzendsten Kreise Petersburgs . Das Alles ließ sie seit einem halben Jahr zurück und lebte wie eine Geächtete , von den ängstlichen „ deutschen Philistern “ gemieden , in N * * * , um des Einzigen willen , den sie wahrhaft liebte — und der sie verschmähte . Sie hatte , bevor ihr Gatte starb , stets einen glänzenden Hofstaat von Herren um sich , die aus einem nahe liegenden großen Kurort zu ihr herüberkamen . Bekannte aus Petersburg , vornehme Engländer , Polen , Italiener — kurz der ganze bunte Schwarm von reichen Tagedieben aller Nationen , der sich immer wachsend um eine schöne Frau auf ihren Reisen anschwemmt . Mit diesen rauchte , fuhr und ritt sie , ein Benehmen , das in der großen Welt Petersburgs keinen Anstoß erregte , aber in der kleinen Universitätsstadt ein Wehegeschrei der Damen und eine große Aufregung der Studenten hervorrief , welche nicht verfehlten , sie bei jeder Gelegenheit zu parodieren , bei Ausfahrten und Maskenzügen gleich ihr vier Pferde neben einander zu spannen , diese als Mädchen verkleidet zu lenken , ihre Begleiter nachzuahmen , oder ihre bärtigen Diener betrunken zu machen und dergleichen lustige Streiche mehr . Ein unbeschreibliches Entsetzen aber rief es hervor , daß sie sich nach des Grafen Tod nicht schwarz kleidete . Man erzählte sich schaudernd , sie habe erklärt , „ es sei ihr verächtlich , eine Komödie zu spielen und äußerlich eine Trauer zu heucheln , die sie innerlich nicht empfinde . “ — Wie konnte man so aller Sitte Hohn sprechen und die Untiefen seines Herzens so bloßlegen . Ja , man kam sogar auf den Einfall , sie sei gar nicht verheiratet gewesen , und nannte sie nur noch die „ wilde Gräfin “ , etwa in dem Sinne , wie man eine wilde Kastanie von einer echten unterscheidet . Tat man ihr nun auch darin Unrecht , so verdiente sie doch das Prädikat „ wild “ in jedem andern Sinne , und der Name blieb ihr für immer . Auch Möllner , der für weibliche Verirrungen stets eine großmütige Entschuldigung wußte , fand , sie hätte mehr Pietät gegen den siebzigjährigen Gemahl haben sollen und nannte ihr Benehmen eine Koketterie , eine herzlose Ostentation . Er verzieh einem Weibe Alles , nur keine Gemütlosigkeit.Von diesem Augenblick an interessierte sie ihn nicht mehr , wenn dies überhaupt je der Fall gewesen . Er bemerkte nicht , daß seit Monaten kein Herr mehr bei ihr ein- und ausging , denn es war ihm nicht der Mühe wert , sie zu beobachten . Wem es einmal auffiel , der hielt es für einen Zufall . Der Ruhm ihrer Besserung ging unter in den Fluten ihres schlechten Rufes . Niemand glaubte mehr an sie , am wenigsten der , für den sie alle Opfer brachte . — Jetzt war der Augenblick gekommen , wo sie sich zum ersten Mal ohnmächtig einer höheren Macht gegenüber fühlte , mit der sie nicht kämpfen konnte , und furchtbar war die Wirkung dieses ersten Anpralls an eine unsichtbare Schranke auf das ungestüme Herz der Gräfin . Sie hatte bisher nur die Sitte gekannt und sich siegreich gegen sie aufgelehnt , wo sie ihr lästig war . Die Sitte unterliegt dem Willen des Einzelnen und der Mode . Aber die höhere Gewalt , die über dem Ganzen schwebt und keinem Willen , keinem Wechsel unterworfen ist , unwandelbar streng wie jedes göttliche Gesetz : die Sittlichkeit — diese war es , mit welcher die Gräfin jetzt in Konflikt geriet , deren Vorhandensein sie erst erkannte , als sie an ihr scheiterte . — Aber ein Weib wie sie konnte sich des Kampfes nicht begeben . Er war ihr eine Naturnotwendigkeit . Sie konnte nicht verzichten , wie sollte sie , — sie hatte es ja nie gelernt . Sie mußte sich also für ihre Wünsche wehren . Sie hatte als Mädchen Tage lang Hunger und Kälte ausgehalten und war mit ihrem Vater einem Wild nachgejagt , während zu Hause die warme Suppe dampfte . So war von frühester Kindheit an ihr Wille zu eiserner Festigkeit entwickelt worden und sie sollte jetzt , wo sie wieder die Annehmlichkeiten der Heimat hinter sich gelassen hatte , um einem tausendmal edleren Wild nachzujagen , — jetzt sollte sie von der Verfolgung abstehen , weil das Begehrte einer Andern gehörte ? Nein , das war dieser Frau unmöglich — und da sie diesmal mit Gewalt nichts ausrichten konnte , verfiel sie in die Rolle der gewöhnlichsten Kokette und griff zur List . Herberts Bosheit barg eine Saat , welche der geschäftige Verstand der Gräfin schnell zur Reife brachte , denn sie wußte nur zu gut , wie viel Wahres darin lag , wenn er eine Freundschaft mit ihr als für ein junges Mädchen entehrend bezeichnete . Es war ihr ein furchtbarer Gedanke , daß sie keine Waffe mehr hatte , eine Nebenbuhlerin zu verdrängen , als indem sie diese gleichsam mit ihrem Hauch vergiftete wie eine Pestkranke und sie so dem Geliebten zum Ekel machte . Konnte sie dabei auch nichts gewinnen , so konnte sie sich wenigstens rächen . Sie durchblätterte Ernestinens Schriften . Diese waren ihr zu gelehrt , sie verstand nichts weiter davon , als daß sie für die Emanzipation der Frauen kämpften — das war ihr genung . Auch sie war eine Emanzipierte , das gab einen hinreichenden Anknüpfungspunkt zwischen ihnen Beiden . Vielleicht erwuchs auch aus diesem Verhältnis noch der direkte Vorteil , Möllner bei ihr zu treffen . Der Entschluß stand fest in ihr , Herberts boshaften Wink zu benutzen , es war sein letztes Vermächntnis , denn der zum Tod beleidigte Mann hatte sie nicht mehr aufgesucht , und mit dieser Hinterlassenschaft wollte sie nun wuchern . — Sie studierte noch schnell einige Schriften über Frauenemanzipation , die sie sich in der Eile verschafft , um vor der gelehrten „ grundsätzlich “ Emanzipierten wie Herbert gesagt , mit Ehren bestehen zu können . Heute war der Tag , wo sie ihr Opfer sehen wollte . Sie hatte dazu einen Mittwoch gewählt , weil ihr Herbert erzählte , daß Möllner an dem vorhergehenden Mittwoch bei Ernestinen war . Vielleicht wiederholte er heute seinen Besuch ! Sie tat , nachdem sie aufgestanden war , einen gellenden Pfiff auf einer kleinen silbernen Pfeife . Augenblicklich erschien — kein Hund — sondern eine Kammerfrau mit einem großen Gefäß voll frischen Brunnenwassers , womit sie in einem Badezelt ihre schöne Herrin von Kopf bis Fuß üebergießen mußte . Dann entfernte sie sich stumm und brachte Kaffee und Zeitungen . Die Gräfin , in ein reiches seidenes Morgengewand gehüllt , zündete ihre Zigarre an und warf während des Trinkens flüchtige Blicke in die Journale . Dann ging sie in ihr Toilettenzimmer und rief der dort wartenden Kammerjungfer zu : „ Reitkleid ! “ Nach kurzer Zeit erschien diese mit dem Verlangten . „ Ali ! “ sagte die Grafin , was so viel heißen sollte , als : „ gehe und sage dem Stallmeister , er soll meinen Ali satteln . “ Der kurze Befehl wurde verstanden und mit Windesschnelle ausgeführt . Wie ein Schatten glitt das stumme Wesen aus dem Zimmer , wie ein Schatten stand es wieder vor der gefürchteten Herrin . Die Dienerin dieser Frau durfte keinen Kopf , keine Seele , kein Herz haben ; nur Ohren , um ihre Befehle zu hören , und Hände und Füße , um sie auszuführen . Das bemitleidenswerte Geschöpf gab sich die erdenklichste Mühe , um diese Bedingungen so viel als möglich zu erfüllen . Sie war nur Ohr , nur Hände und Füße . Sie atmete kaum , denn es war , als sauge die gewaltige Lunge ihrer Gebieterin alle Luft in ihrem Gemache auf einmal ein , so daß für keinen Andern mehr genug zum Atmen übrig blieb . Sie stellte sich hinter die Gräfin , die rauchend vor dem Spiegel saß , und begann ihr so behutsam als möglich das lange Haar zu kämmen . Die schöne Frau betrachtete sich heute mit besonders prüfendem Blick . Eine Einzelheit ihres sonst tadellosen Gesichts , die ganz leise an den russischen Typus erinnerte , brachte sie in die übelste Laune , sie fand ihre Backenknocken etwas zu stark vortretend . In dem Augenblick zerrte sie das Mädchen beim Entwirren der Haare . Das war zu viel auf einmal für ihre Geduld . „ Maschinka ! “ schrie sie auffahrend und riß der Unglücklichen den Kamm aus der Hand . Ein Blitz , ein Schlag — stumm bückte sich das Mädchen , um die Stücke des zersprungenen Kammes aufzuheben . Auf ihrer blassen Wange brannten alle Zähne desselben , aber kein Wort , kein Schmerzenslaut entschlüpfte ihren Lippen , nur ihre Augen röteten sich ein wenig . „ Nimm einen andern ! “ befahl die Gebieterin , als wäre nichts gewesen und setzte sich wieder . Maschinka gehorchte und beendete ohne weiteren Unfall Frisur und Anzug . Dann brachte sie Gerte , Hut und Handschuhe und die Gräfin stieg die Teppich belegte Treppe hinunter . Plötzlich blieb sie stehen und rief : „ Maschinka ! “ „ Gnädigste Gräfin ! “ „ Tut Dir Deine Backe weh ? “ „ O nein ! “ flüsterte das Mädchen . „ Freilich — lüge nicht ! Nun , nimm Coldcream aus der silbernen Büchse auf meiner Toilette und reibe Dich damit ein — und die Büchse , die magst Du dazu behalten , ich schenke sie Dir . “ Ohne Maschinkas Dank anzuhören , schritt sie weiter . In dem Hofe wurde der prachtvolle Araber schäumend und schnaubend umhergeführt . Sie winkte dem stämmigen Bartrussen , der das bäumende Roß kaum bändigen konnte . Er führte es vor . Ein anderer Diener in seiner Livree brachte Zucker auf einem silbernen Teller . Sie fütterte das edle Tier , das sich sogleich beruhigte , küßte es auf die glatte feine Nase , klopfte seinen Hals und bestieg den schwanken Sitz seines schlanken , gebogenen Rückens . „ Wie viel Uhr ? “ fragte sie , indem der Kammerdiener ihr die Gerte reichte und sie sich noch einmal im Bügel hob , um die Falten des Kleides zurecht zu streichen . „ Fünf Uhr vorüber “ , antwortete der Gefragte , nachdem er seine Uhr gezogen hatte . „ Um acht Uhr kehre ich wieder zurück . Um zwölf muß der Wagen angespannt sein . Maschinka soll Besuchstoilette rüsten . “ „ Zu Befehl “ , erwiderte der Kammerdiener . „ Auf ! “ rief die Gräfin , und ein dritter Jokey , der dieses Zeichen erwartet hatte , riß die beiden Torflügel auf , daß die goldene Morgensonne in hellen Strahlen hereinlachte . Ali stieg mit seiner schönen Last hoch empor , als wolle er sie in die Wolken tragen , — ein scharfer Hieb mit der Peitsche jedoch kühlte dieses Pegasus-Feuer etwas ab und erschrocken setzte er in toller Flucht fast über den Kammerdiener weg , der nicht rechtzeitig zur Seite gesprungen , und jagte ins Freie hinaus . Auf der Straße aber brachte ihn ein kräftiger Ruck der Gräfin noch einmal zum Stehen . „ Die Hunde ! “ rief sie hinein . Alle Bedienten eilten in den Hof und gleich darauf entwickelte sich ein Höllenlärm . Eine kläffende , vor Freude heulende , rasende Meute stürzte , sich überspringend , aus dem Stalle hervor auf die Herrin zu und umtanzte sie in tollem Wirbel . Jetzt begann die wilde Jagd . Seinen Schaum weit umherspritzend , griff der Araber vor den Hunden aus . Scheu warf er den Kopf zurück , blähte die Nüstern , spitzte die Ohren und flog mehr , als er galopierte , um den lästigen Schwarm hinter sich zu lassen ; die schönen großen Tiere folgten in langen Sätzen . Die Diener standen unter der Tür und schauten der wütenden Hetze kopfschüttelnd nach . „ Aha “ , sagte der Kammerdiener zu sich selbst , „ sie biegt in die Bergstraße ein . Da müssen die Hunde den Professor Möllner wieder aus dem Schlafe und an das Fenster bellen . “ Der ältere Bartrusse aber bemerkte kummervoll : „ Sie bricht doch noch einmal den Hals . “ Ruhig und traumversunken lag die kleine friedliche Stadt im Morgenlicht da . Die Augen der Häuser , die Fenster , waren geschlossen wie die der Bewohner ; als aber die wilde Jagd der Gräfin vorüer tobte , da tat sich eins nach dem andern auf und ein Vorhang nach dem andern hob sich , um ein verschlafenes , neugieriges Gesicht herausschauen zu lassen . Die Gräfin lachte über die vielfältige Nachtmützen-Vegetation , welche ihr Spazierritt an den Fenstern so plötzlich ersprießen ließ . Der heißblütige Araber schauerte unter ihr in der taufrischen Morgenluft und sie selbst fühlte ihre Wangen sich röten von dem kräftigen Hauch . „ Elendes Geschlecht , das solche Stunden in den Federn verbringt . Es ist ihm erst wohl , wenn der Rauch der Schlote und der Qualm des Schweißes so vieler tausend Arbeitenden die Luft verdickt hat . Das ist die Atmosphäre für diese zarten Lungen . Den reinen kalten Atem der Frühe fürchten sie ! “ Sie kam an Herberts Wohnung vorbei und ließ die Hunde mittelst einiger Peitschenhiebe ein lautes Geheul anstimmen . Was wußte sie davon , daß da oben eine kranke Frau lag , die nach einer endlosen , in Schmerzen durchwachten Nacht soeben erst der Wohltat des Schlummers genoß und nun abermals zu einem qualvollen Dasein erweckt wurde ? Wieder verschob sich ein Vorhängchen und herab schielte Elsas traumumwobenes Antlitz . „ Das ist die Meerkatze , seine Schwester “ , dachte die Gräfin und nickte im Übermut hinauf . Erschrocken verschwand das Gesicht . Herbert zeigte sich nicht . Und weiter trabte sie die stillen Straßen entlang . Es war ein langweiliges Reiten auf dem hoperigen Pflaster vor dem verschlafenen Publikum und den wenigen Dienst- und Bauerleuten , die Brot holten , Milch brachten und der stolzen Reiterin mit offenem Munde nachstarrten . Dann und wann schoß ein Student in Hemdärmeln mit Bürste oder Schwamm an das Fenster , ein Anderer goß aus Versehen seine Waschschüssel auf ihre Hunde hinab worüber diese ergrimmt einen harmlosen Hausköter anfielen , der seinen Morgenspaziergang machen wollte . Das war die ganze Abwechselung und schneller und immer schneller ging es der Bergstraße zu , wie der Kammerdiener vorausgesagt hatte . Da endlich dehnte sich diese vor ihr hin und gab den weiten herrlichen Blick auf das Gebirge frei . Das schlechte Pflaster hatte ein Ende , denn hier begannen die städtischen Anlagen und alle Wege waren mit dem feinsten Kies bestreut . Jetzt lüftete sie dem Araber die Zügel und dahin schnellte langgestreckt , ventre à terre , 55 das feurige Tier und die dadurch aufgeregten Hunde erhoben von Neuem ein wildes Freudengebell . Alle Häuser standen hier inmitten reizender Gärten . Jetzt kam eines , auf das die Blicke der Gräfin schon längst mit Spannung geheftet waren . Sieh da , ein offenes Fenster und darunter schon ganz angekleidet Möllner , das Auge ruhig und heiter auf das Gebirge gerichtet . Erst als die Gräfin ganz nahe war , gewahrte er sie und verneigte sich ehrerbietig , als sie ihm einen grüßenden Blick heraufwarf . Wohlgefällig schaute er ihr nach , wie die kräftige Gestalt sich bei dem rasenden Ritt so leicht und anmutig im Sattel hob und senkte , so sicher und kühn , als wäre sie eins mit ihrem edeln Tiere . Da wandte die Gräfin den Kopf . Sie sah , daß er ihr nachblickte und ließ im Jubel darüber ihren Ali sich senkrecht aufbäumen und ein paar gewagte Sätze machen . Dann sprengte sie weiter und schnell hatte Johannes sie aus dem Gesicht verloren . Sie hatte den Fuß des Gebirges erreicht und ließ jetzt das schnaubende Roß langsam eine kleine Anhöhe