Euch berührten Thema zu thun hat . « » Ich sprach von Damen , welche die Herren verführerisch anlächeln ! Und in letzter Zeit hat sich so manches Lächeln in Mr. Rochesters Augen wiedergespiegelt , daß diese davon überfließen wie zwei Schalen , die bis an den Rand mit edlem Rebensaft gefüllt sind . Haben Sie das niemals bemerkt ? « » Mr. Rochester hat ein Recht , sich an der Gesellschaft seiner Gäste zu erfreuen , sollte ich doch meinen . « » Sein Recht stellt niemand in Frage ! Aber ist es Ihnen denn niemals aufgefallen , daß die meisten und interessantesten und wildesten Heiratsgeschichten , die hier mit so großem Eifer kolportiert werden , stets Mr. Rochester zum Helden haben ? « » Die Neugierde und die gespannte Aufmerksamkeit des Zuhörers spornen die Zunge des Erzählers zu immer größeren Anstrengungen an . « Diese Worte sprach ich mehr zu mir selbst als zu der Zigeunerin , deren seltsame Sprache , Stimme und Art mich nach und nach in einen Traumzustand versetzt hatte . Eine unerwartete Redensart nach der anderen kam von ihren Lippen , bis ich mich in ein förmliches Netz von Mystifikation verwickelt sah . Ich dachte nur noch verwundert darüber nach , welch unsichtbarer Geist seit Wochen an meinem Herzen gesessen haben könne , um sein Fühlen und Zittern und Zweifeln und Zagen auszukundschaften und es getreulich bis in das leiseste Empfinden hinein zu verzeichnen . » Die Neugierde des Zuhörers ! « wiederholte sie , » ja , Mr. Rochester hat stundenlang gesessen und sein Ohr den Worten jener bezaubernden Lippen geliehen , denen das Sprechen eine so unsagbare Wonne bereitete ; und Mr. Rochester war so unendlich dankbar für die Zerstreuung und den Zeitvertreib , welcher ihm auf diese Weise gewährt wurde . Haben Sie es bemerkt ? « » Dankbar ! Ich erinnere mich nicht , den Ausdruck der Dankbarkeit in seinem Gesichte entdeckt zu haben ! « » Entdeckt ! Sie haben also doch versucht , es zu analysieren ! Und was haben Sie sonst entdeckt , wenn es nicht Dankbarkeit war ? « Ich antwortete nicht . » Sie haben Liebe in seinen Zügen gesehen , nicht wahr ? – und in die Zukunft blickend , sahen Sie ihn verheiratet – und seine Gattin war ein glückliches Weib ? « » Hm ! Nicht gerade das ! Eure Hexenkunst irrt sich doch auch manchmal , wie ich sehe ! « » Was zum Teufel sahen Sie denn ? « » Das kümmert Euch nicht . Ich kam hierher um zu fragen , nicht um zu beichten . Ist es allgemein bekannt , daß Mr. Rochester sich verheiraten wird ? « » Ja . Und zwar mit der schönen Miß Ingram . « » Binnen kurzem ? « » Wie es scheint , ist man zu dieser Schlußfolgerung berechtigt ; und ohne Zweifel werden sie ein außergewöhnlich glückliches Paar sein , obgleich Sie mit einer Kühnheit daran zu zweifeln sich erlauben , daß man beinahe versucht wäre , Sie dafür zu strafen . Er muß eine so schöne , vornehme , kluge und hochgebildete Dame doch lieben ! Und höchst wahrscheinlich liebt sie ihn auch ; oder wenn auch nicht seine Person , so doch seinen Geldbeutel . Ich weiß , daß sie das Familiengut der Rochesters für außerordentlich begehrenswert hält ; obgleich ich ihr ( Gott verzeihe mir die Sünde ! ) vor einer Stunde Dinge darüber gesagt habe , die sie seltsam ernst gestimmt haben ; die Winkel ihres schönen Mundes fielen um einen halben Zoll . Ich würde ihrem dunkeläugigen Anbeter doch raten , tüchtig auf seiner Hut zu sein . Wenn ein anderer kommt , der ein größeres und gesicherteres Einkommen hat , so läßt sie ihn einfach laufen – – « » Aber , Mutter , Ihr wißt doch , daß ich nicht hierher gekommen bin , um Euch über Mr. Rochesters Zukunft zu befragen ! Ich wollte von der meinen hören – und Ihr habt mir noch nicht eine Silbe darüber gesagt . « » Ihre Zukunft ist noch zweifelhaft ! Als ich Ihr Antlitz prüfte , widersprach ein Zug dem andern . Das Geschick hat auch für Sie ein gewisses Maß von Glück bestimmt – so viel weiß ich . Ich wußte es bereits , ehe ich heute Abend hierher kam . Es ist sorgsam für Sie auf die Seite gelegt worden . Ich selbst sah das Schicksal es thun . Es hängt von Ihnen ab , ob Sie die Hand ausstrecken und es nehmen wollen . Aber gerade ob Sie wollen , ist das Problem , welches ich zu lösen suche . Knieen Sie noch einmal dort auf jenem Teppich ! « » Aber Mutter , laßt mich nicht lange knieen , Die Flammen versengen mich fast . « Ich kniete nieder . Sie beugte sich nicht mehr zu mir herab , sondern blickte mich nur unverwandt an , indem sie sich in den Stuhl zurücklehnte . Dann begann sie zu murmeln : » Die Flamme zittert in dem Auge ; das Auge erglänzt wie Thautropfen ; es ist weich und sanft und voll Gefühl ; es lächelt über mein Geschwätz ; es ist empfänglich ; ein Eindruck jagt den andern durch jene klare Sphäre ; wenn es zu lächeln aufhört , wird es traurig ; eine unbewußte Müdigkeit lagert schwer auf den Lidern : das bedeutet Traurigkeit , welche aus der Einsamkeit entspringt . Es wendet sich von mir ab ; es will die genaue Prüfung nicht länger über sich ergehen lassen ; sein spöttischer Blick scheint die Wahrheit der Entdeckungen , welche ich gemacht habe , leugnen zu wollen – es will die Anklage auf Empfindlichkeit entkräften – und doch bestärken sein Stolz und seine Zurückhaltung mich nur in meiner Meinung . Das Auge verspricht Gutes . » Was den Mund betrifft , so hat er zuweilen Freude am Lachen ; er hat die Gewohnheit , alles auszusprechen , was das Hirn denkt , obgleich ich überzeugt bin , daß er über alles , was das Herz empfindet , schweigt . Schmiegsam und beweglich , ist er gewiß nicht dazu bestimmt in die ewige Schweigsamkeit des Alleinseins hineingezwängt zu werden ; es ist ein Mund , der viel sprechen und oft lächeln sollte und eine warme Zuneigung für denjenigen hegen müßte , mit dem er spricht , dem er zulächelt . Jener Zug Ihres Gesichts ist ebenfalls günstig . » Gegen einen glücklichen Ausgang sehe ich nur einen einzigen Feind , und das ist die Stirn . Sie scheint zu sagen : » Ich vermag allein zu leben , wenn Selbstachtung und die Umstände von mir verlangen , daß es so sei . Ich brauche meine Seele nicht zu verkaufen , um Glück zu erkaufen . Ich besitze einen Schatz in meinem Innern , einen Schatz , der mit mir geboren wurde , der mich am Leben erhalten wird , wenn jedes fremde Glück mir fern bleiben sollte oder mir nur um einen Preis geboten wird , den ich nicht zu zahlen vermag . « Die Stirn erklärt weiter : » Meine Vernunft sitzt fest und hält die Zügel und sie wird nicht gestatten , daß die Gefühle sie fortreißen und in einen Abgrund stürzen . Die Leidenschaften mögen wild toben , Heiden wie sie sind ; und die Wünsche mögen allerlei eitle Dinge herbeisehnen – aber dennoch soll die Vernunft in jeder Streitfrage das letzte Wort behalten und die entscheidende Stimme bei jeder Beschlußfassung , Stürme – Erdbeben und Feuersbrunst mögen hereinbrechen , – ich werde dennoch mich stets der Führung jener leisen , schwachen Stimme anvertrauen , welche die Eingebungen des Gewissens zu deuten sucht . « » Gut gesprochen , Stirn ; deine Erklärung soll geachtet werden . Ich habe meine Pläne gemacht – ich glaube , daß es ehrliche und gerechte Pläne sind – und bei ihrer Ausarbeitung habe ich auf die Stimme des Gewissens , die Ratschläge der Vernunft gehorcht . Ich weiß , wie bald die Jugend schwindet und die Schönheit schwindet , wenn in dem Kelche , welchen das Glück uns bietet , auch nur ein Tröpfchen von Schande , ein Hauch von Gewissensqualen geträufelt ist ; und ich will keine Opfer , keinen Kummer , keine Zerstörung – das ist nicht nach meinem Geschmack , Ich will wohlthun , ich will erhalten – aber nicht vernichten – ich will Dankbarkeit ernten – nicht blutige Thränen auspressen , nicht einmal salzige . Ich will Lächeln , Liebkosungen , süße Worte ernten . – Nun ist ' s genug ! Ich glaube , ich tobe in einem köstlichen Delirium , Ich möchte diesen Augenblick bis in die Ewigkeit verlängern , aber ich wage es nicht . Bis zu diesem Moment ist es mir gelungen , mich zu beherrschen . Ich habe gehandelt , wie ich mir innerlich geschworen hatte , handeln zu wollen – was aber jetzt kommt , geht über meine Kräfte . Stehen Sie auf Miß Eyre , stehen Sie auf ! Verlassen Sie mich ! Das Spiel ist zu Ende gespielt ! « Wo war ich ? Wachte ich oder träumte ich ? Hatte ich das alles nur im Schlafe gehört ? Träumte ich noch immer ? Die Stimme der alten Frau war plötzlich verändert . Ich kannte ihre Sprache und ihre Bewegungen ebenso gut , wie ich mein eigenes Gesicht im Spiegel wieder erkannte – wie die Sprache meiner eigenen Lippen , Ich erhob mich , aber ich ging nicht . Ich sah sie an , dann rührte ich in den Kohlen , und nun blickte ich sie wieder an . Aber sie zog den Hut und die Binde noch tiefer ins Gesicht und gab mir wiederum das Zeichen , mich zu entfernen . Die Flammen des Kamins warfen ihren Schein auf die ausgestreckte Hand ; auf meiner Hut wie ich war , und fortwährend darauf bedacht , Entdeckungen zu machen , bemerkte ich augenblicklich diese Hand . Es war ebensowenig das welke Glied einer alten Frau wie meine eigene Hand es war : sondern eine runde , weiche , schön und kräftig geformte Hand ; ein kostbarer Ring blitzte an dem kleinen Finger , und indem ich mich verbeugte und den Edelstein betrachtete , erblickte ich ein Juwel , das ich schon hundertmal bemerkt hatte . Wiederum sah ich zu dem Gesicht empor , das nicht mehr von mir abgewandt war – im Gegenteil , der Hut war fortgeschleudert , die Binde zurückgeschoben – der Kopf neigte sich mir zu . » Nun , Jane , kennen Sie mich ? « fragte die teure , mir so wohlbekannte Stimme . » Nehmen Sie nur den roten Mantel ab , Sir , dann werde ich wohl – – « » Das Band hat sich zu einem festen Knoten verschürzt – helfen Sie mir . « » Zerreißen Sie es nur , Sir . « » Wohlan denn – fort mit dem Mummenschanz ! « Und Mr. Rochester warf seine Verkleidung von sich . » Aber Sir , welche seltsame Idee von Ihnen ! « » Indessen gut durchgeführt , nicht wahr ? Stimmen Sie mir nicht bei ? « » Mit den Damen ist Ihnen das Spiel gut gelungen . « » Mit Ihnen nicht ? « » Mir gegenüber hielten Sie den Charakter der Zigeunerin nicht inne . « » Welchen Charakter denn sonst ? Meinen eigenen ? « » Nein ; irgend einen , der mir unverständlich . Kurz und gut , ich glaube , daß Sie versucht haben , mich anzulocken oder vielmehr etwas aus mir heraus zu locken . Sie redeten Unsinn , um mich ebenfalls gedankenloses Zeug sprechen zu lassen . Das war nicht schön von Ihnen , Sir . « » Können Sie mir vergeben , Jane ? « » Das weiß ich nicht , bevor ich nicht über die ganze Sache nachgedacht habe . Wenn ich nach reiflicher Überlegung eingesehen , daß ich keine zu große Albernheit begangen habe , so werde ich versuchen , Ihnen zu vergeben ; aber es war dennoch nicht recht von Ihnen , Sir . « » O , Sie haben ganz korrekt gehandelt – Sie waren sehr vorsichtig , sehr vernünftig . « Ich sann nach , ich überlegte und fand , daß dies wirklich der Fall gewesen . Das war wenigstens ein Trost ; und ich war in der That seit Beginn der Unterredung auf meiner Hut gewesen . Ich hatte gleich anfangs eine Verkleidung vermutet . Ich wußte , daß Wahrsagerinnen und Zigeunerinnen sich nicht auszudrücken pflegen , wie diese anscheinend alte Frau es gethan ; außerdem war mir ihre verstellte Stimme aufgefallen , ich hatte bemerkt , welche Mühe sie sich gab , ihre Züge zu verbergen . Aber ich hatte an Grace Poole gedacht – an jenes lebende Rätsel , jenes Geheimnis aller Geheimnisse , wie sie mir stets erschien , Mr. Rochester war mir allerdings nicht in den Sinn gekommen . » Nun , « sagte er , » an was denken Sie ? Was bedeutet jenes melancholische Lächeln ? « » Verwunderung und Selbstbeglückwünschung , Sir ! Aber jetzt werden Sie mir hoffentlich erlauben , daß ich mich endlich zurückziehe ? « » Nein , verweilen Sie noch einen Augenblick , um mir zu erzählen , was meine Gäste im Salon treiben . « » Vermutlich unterhalten sie sich noch über die Zigeunerin . « » Setzen Sie sich ! – Lassen Sie mich hören , was jene über mich sprachen . « » Es ist ratsam , daß ich nicht lange verweile , Sir , es muß bald elf Uhr sein . O , wissen Sie denn , Mr. Rochester , daß während Ihrer Abwesenheit ein Fremder hier eingetroffen ist ? « » Ein Fremder ! – nein ; wer mag es sein ? Ich erwartete niemanden . Ist er wieder fort ? « » Nein . Er sagte , daß er Sie seit langen Jahren kenne und sich daher die Freiheit nehmen dürfe , sich bis zu Ihrer Rückkehr häuslich niederzulassen . « » Zum Teufel mit ihm ! – Hat er seinen Namen genannt ? « » Sein Name ist Mason , Sir , und er kommt aus Westindien ; aus Spanish Town auf Jamaika , wenn ich nicht irre . « Mr. Rochester stand neben mir ; er hatte meine Hand gefaßt , wie um mich zu einem Sessel zu führen . Als ich die letzten Worte sprach , packte er mein Gelenk mit einem konvulsivischen Griffe ; das Lächeln auf seinen Lippen erstarrte ; es war , als hätte ein Krampf ihn erfaßt . » Mason ! – – Westindien ! « sagte er , und die Worte entrangen sich einzeln seinen Lippen , ungefähr so , wie ein redender Automat sie gesprochen haben würde . » Mason ! – Westindien ! « wiederholte er noch einmal ; dreimal wiederholte er mechanisch die Worte und wurde dabei bleich wie ein Toter . Er schien kaum noch zu wissen , was er that , was um ihn her vorging . » Fühlen Sie sich krank , Sir ? « fragte ich . » Jane , ich habe einen Schlag erlitten ; – einen furchtbaren Schlag , Jane ! « stammelte er , » O , Sir ! stützen Sie sich auf mich . « » Jane , Sie haben mir schon einmal Ihren Arm als Stütze geboten ; – geben Sie ihn mir jetzt , « » Ja , Sir , ja ! « Er setzte sich und ich mußte mich ihm zur Seite setzen . Er streichelte meine Hand , die er in der seinen hielt . Dann heftete er einen traurigen , müden Blick auf mich , der aber dennoch liebevoll war , » Meine kleine Freundin ! « sagte er ; » ich wollte , ich wäre allein mit Ihnen auf einer stillen , einsamen Insel , wo die trüben Erinnerungen , wo Angst und Kummer und Aerger mir fern bleiben müßten . « » Kann ich Ihnen helfen , Sir ? Ich würde willig mein Leben hingeben , wenn ich Ihnen damit nutzen könnte . « » Jane , wenn ich Hilfe brauche , werde ich sie bei Ihnen suchen ; das kann ich Ihnen selbst in diesem Augenblick schon versprechen , « » Ich danke Ihnen , Sir ; sagen Sie mir , was ich thun soll , – ich werde wenigstens versuchen , es zu thun . « » Gut , Jane ; holen Sie mir ein Glas Wein aus dem Speisesaal ; sie werden jetzt alle beim Souper sein ; und sagen Sie mir dann , ob auch Mason unter ihnen ist und was er in diesem Augenblick thut . « Ich ging . Wie Mr. Rochtster vorhergesagt , fand ich die ganze Gesellschaft im Speisezimmer beim Abendessen ; sie saßen nicht an der Tafel – das Souper war auf der Kredenz aufgestellt ; jeder hatte genommen , was ihm gefiel , und mit den Tellern und Gläsern in der Hand standen die Gäste in Gruppen umher . Alle schienen in bester Laune zu sein . Laut klangen das Gelächter und die allgemeine Unterhaltung mir entgegen . Mr. Mason stand am Kamin und sprach mit Oberst Dent und seiner Gemahlin ; er schien der fröhlichste unter allen . Ich ging und füllte ein Weinglas mit dem feurigsten Wein an , ( Miß Ingram beobachtete mich stirnrunzelnd , während ich es that ; wahrscheinlich war sie der Ansicht , daß ich mir eine große Freiheit erlaubte ) und kehrte dann in das Bibliothekszimmer zurück . Mr. Rochesters außergewöhnliche , unheimliche Blässe war geschwunden , und er schien die alte Ruhe und Festigkeit wieder erlangt zu haben . Er nahm mir das Glas aus der Hand . » Dies auf dein Wohl , hilfreicher Geist ! « sagte er , trank den Inhalt auf einen Zug aus und gab mir das Glas zurück . » Was thun sie da drüben , Jane ? « » Sie lachen und sprechen , Sir . « » Sehen sie nicht ernst und geheimnisvoll aus , als hätten sie soeben eine seltsame Geschichte vernommen ? « » Durchaus nicht : – sie scherzen und lachen und unterhalten sich auf das lebhafteste . « » Und Mason ? « » Er lachte auch . « » Jane , was würden Sie thun , wenn all jene Leute hier einträten und mich anspieen ? « » Sie alle zum Zimmer hinaustreiben , wenn ich dürfte , Sir . « Er lächelte . Ein trübes , müdes Lächeln . » Wenn ich nun aber hinüber ginge , und sie kalte Blicke auf mich hefteten und einander spöttische Dinge zuflüsterten , und dann einer nach dem andern dies Haus verließen – Was dann ? Würden auch Sie mit ihnen gehen ? « » Ich glaube nicht , Sir ; ich würde glücklich sein , wenn ich allein bei Ihnen bleiben dürfte . « » Um mich zu trösten ? « » Ja , Sir , um Sie zu trösten , so gut ich es eben vermöchte , « » Und wenn man Sie in die Acht erklärte , weil Sie treu zu mir hielten ? « » Wahrscheinlich würde ich von dieser Achterklärung nichts erfahren ; und selbst , wenn dies der Fall wäre , würde ich mich wenig darum kümmern . « » Sie würden es also um meinetwillen wagen , der öffentlichen Meinung zu trotzen ? « » Ich würde es um jedes Freundes willen thun , den ich meiner Anhänglichkeit wert hielte . Das würden auch Sie thun , Sir , dessen bin ich sicher . « » Gehen Sie in das Gesellschaftszimmer zurück ; gehen Sie still und unbemerkt zu Mason und flüstern Sie ihm ins Ohr , daß Mr. Rochester zurückgekehrt sei und mit ihm zu sprechen wünsche . Führen Sie ihn zu mir herein und verlassen Sie uns alsdann wieder . « » Ja , Sir . « Ich that wie er mir befohlen . Die ganze Gesellschaft starrte mich an , als ich mitten durch sie hindurch schritt . Ich suchte Mr. Mason , richtete ihm jene Botschaft aus und ging dann ihm voran zum Zimmer hinaus . Vor der Thür der Bibliothek angekommen , öffnete ich dieselbe und ging auf mein Zimmer . Sehr spät in der Nacht , als ich schon längst mein Lager aufgesucht hatte , hörte ich , wie die Gäste sich auf ihre Zimmer begaben . Ich unterschied Mr. Rochesters Stimme und hörte ihn sagen : » Hierher , Mason , dies ist Ihr Zimmer . « Er sprach fröhlich . Die klaren Laute beruhigten mein Herz . Bald schlief ich ein . Zwanzigstes Kapitel Ich hatte vergessen , die Vorhaenge herabzulassen ; das war ganz gegen meine sonstige Gewohnheit ; und ebenso wenig hatte ich die Fensterläden geschlossen . Die Folge davon war , daß der strahlende Vollmond – es war eine herrliche , klare Nacht – mich mit seinem weißen Glanz weckte , als er auf seiner stillen Fahrt durch den Himmelsraum an jene Stelle gelangte , die meinem Fenster gegenüberlag . Als ich mitten in der Nacht erwachte , fielen meine Blicke auf die silberweiße , krystallklare Scheibe . Es war schön , aber zu feierlich . Ich erhob mich im Bette , um die Vorhänge , die es schützten , zusammenzuziehen . Allbarmherziger Gott ! Welch ein Schrei ! – Die Nacht – die Stille – die Ruhe wurden zerrissen durch einen wilden , scharfen , gellenden Schrei , welcher das Herrenhaus von Thornfield-Hall von einem Ende bis zum andern durchdrang . Meine Pulse hörten auf zu schlagen – mein Herz stand still ; mein ausgestreckter Arm war gelähmt . Der Schrei starb hin ; ihm folgte kein zweiter . Und in der That , welches Wesen diesen furchtbaren Schrei ausgestoßen haben mochte – es konnte ihn nicht so bald wiederholen ; selbst der stolzeste , mächtigste Kondor der Anden hätte nicht vermocht , zweimal einen solch gellenden Schrei aus jener Wolke herabzusenden , die seinen Horst einhüllt . Das Geschöpf , welches solchen Laut ausgestoßen , mußte ruhen , bevor es dieselbe Anstrengung noch einmal machen konnte . Er kam aus dem dritten Stockwerk , denn er zog über meinen Kopf fort . Und über mir – ja , gerade in dem Zimmer über dem meinen – hörte ich ein Ringen ; nach dem Lärm zu urteilen , schien es ein tödlicher Kampf zu sein ; und eine halberstickte Stimme schrie : » Hilfe ! Hilfe ! Hilfe ! « dreimal hinter einander . » Kommt mir denn niemand zu Hilfe ? « rief es wieder . Und als dann das Ringen und Stampfen und Schreien oben fortgesetzt wurde , hörte ich deutlich durch das Gebälk der Zimmerdecke : » Rochester ! Rochester ! Um Gottes willen ! Komm mir zu Hilfe ! Komm ! « Eine Thür wurde geöffnet : jemand stürzte lautlos aber schnell wie von Furien gepeitscht durch die Galerie . Ein anderer Fuß stampfte über meinem Kopfe . Dann ein fürchterlicher , schwerer Fall . Und jetzt war alles still . Ich hatte schnell einige Kleidungsstücke übergeworfen , obgleich ich vor Entsetzen an allen Gliedern bebte . Jetzt trat ich aus meinem Zimmer heraus . Alle Schläfer waren aufgewacht : Ausrufe , erschrecktes Gemurmel tönten aus allen Zimmern ; eine Thür nach der andern wurde aufgerissen ; ein Gesicht kam zum Vorschein , dann ein zweiter , bald ein dritter Kopf . Die Galerie war bald voller Gestalten , die sich ängstlich aneinander drängten . Sowohl Herren wie Damen hatten ihre Betten verlassen , und von allen Seiten hörte man ein wirres Stimmengemisch : » O , was bedeutet das ? « – » Was ist geschehen ? « – » Wer ist verletzt ? « – » Holt ein Licht ! « – » Ist Feuer ausgebrochen ? « » Haben sich Diebe und Mörder eingeschlichen ? « – » Wohin soll man eilen ? « – » Wem Hilfe leisten ? « – » Wohin uns retten ? « – Hätte nicht der Mond seine Strahlen in die Galerie geworfen , so hätten wir alle uns in der tiefsten Dunkelheit befunden . Alles lief hin und her . Sie drängten sich aneinander . Einige schluchzten , andere stolperten und fielen . Die Verwirrung war unbeschreiblich und schien unauflösbar . » Wo zum Teufel ist Rochester ? « rief Oberst Dent . » In seinem Bette ist er nicht mehr . « » Hier , hier ! « rief eine andere Stimme in Erwiderung . » Beruhigen Sie sich alle ! Ich komme sofort . « Und dann wurde die Thür am Ende der Galerie aufgerissen , Mr. Rochester erschien in derselben , in der Hand trug er eine brennende Kerze . Er kam gradeswegs aus dem oberen Stockwerk herab . Eine der Damen lief direkt auf ihn zu ; sie packte ihn am Arm . Es war Miß Ingram . » Welch entsetzliches Ereignis hat sich zugetragen ? « sagte sie . » Sprechen Sie ! Lassen Sie uns lieber gleich das Fürchterlichste erfahren . « » Aber reißen Sie mich nicht zu Boden , und erwürgen Sie mich nicht , « erwiderte er , denn jetzt hatten auch die beiden Miß Eshtons sich an ihn gehängt ; und die beiden verwitweten Damen segelten majestätisch wie Dreimaster bei vollem Winde auf ihn zu . » Alles in Ordnung ! – alles in Ordnung ! « rief er . » Es ist nur eine Generalprobe von » Viel Lärm um nichts . « Meine Damen , entfernen Sie sich – oder ich werde gefährlich . « Und gefährlich sah er aus ; seine schwarzen Augen sprühten Funken . Dann machte er eine Gewaltanstrengung , um sich zu beruhigen und fügte hinzu : « Eine Dienerin war vom Alpdrücken befallen ; das ist alles . Sie ist eine leicht erregbare , nervöse Person . Ohne Zweifel hielt sie ihren Traum für eine Erscheinung oder irgend etwas Ähnliches und bekam vor Schrecken Krämpfe . Nun , meine Herrschaften , muß ich Sorge tragen , daß Sie alle sicher in Ihre Zimmer zurückgelangen ; denn bevor die Bewohner des Hauses sich nicht beruhigt haben , kann für die Person nichts geschehen . Meine Herren , haben Sie die Güte , den Damen mit gutem Beispiel voran zu gehen . Miß Ingram , ich bin fest überzeugt , daß Sie nicht unterlassen werden , sich als erhaben über solch eitlen Schrecken zu zeigen . Amy und Louisa , Ihr süßen Täubchen , kehrt in euer Nest zurück . Meine Damen – zu den beiden Witwen gewendet – Sie würden sich ohne Zweifel erkälten , wenn Sie auch nur noch eine Minute länger in dieser feuchtkalten Galerie verweilen . « Und während er in dieser Weise abwechselnd befahl und schmeichelnd überredete , gelang es ihm , sie alle wieder in ihre verschiedenen Schlafgemächer hineinzubringen . Ich wartete nicht darauf , daß er mir befahl , das meinige wieder aufzusuchen , sondern zog mich unbemerkt zurück , wie ich es auch unbemerkt verlassen hatte . Aber nicht um mich wieder schlafen zu legen , im Gegenteil , ich begann mich sorgfältig anzukleiden . Das Geräusch , welches ich unmittelbar nach jenem gräßlichen Angstschrei vernommen und die Worte , welche an mein Ohr gedrungen , hatte wahrscheinlich außer mir niemand gehört , denn sie kamen aus dem Zimmer , welches sich über dem meinen befand ; aber sie überzeugten mich auch , daß es nicht der Traum einer Dienerin gewesen , welcher einen solchen Schrecken über das ganze Haus verbreitet . Ich wußte ebenfalls , daß die Erklärung , welche Mr. Rochester gegeben , nur eine Erfindung war , deren er sich bedient , um die erregten Gemüter seiner Gäste zu beruhigen . Ich kleidete mich also an , um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein . Als ich damit fertig war , setzte ich mich ans Fenster , blickte lange , lange auf den stillen Park und die vom silbernen Mondlicht beschienenen Felder hinaus und wartete auf – ich weiß nicht was . Mir war , als müsse noch eine Begebenheit auf jenen seltsamen Schrei , den Kampf und den Angstruf folgen . Nein . Überall herrschte Ruhe und Frieden . Nach und nach verstummte jedes Geräusch , alles Murmeln , und nach Verlauf einer Stunde lag Thornfield-Hall wieder so öde und lautlos da wie die Wüste . Es schien als herrschten die Nacht und Schlaf wieder ungestört in ihrem Reich . Jetzt war der Mond seinem Untergange nahe – dann ging er unter . Ich wollte nicht länger in der Kälte und der Dunkelheit dasitzen und beschloß mich in meinen Kleidern auf mein Bett zu legen . Ich verließ den Sitz am Fenster und ging so geräuschlos und vorsichtig wie möglich über den Teppich ; als ich mich niederbeugte , um meine Schuhe abzustreifen , klopfte es mit leiser Hand an die Thür . » Will jemand mit mir sprechen ? « fragte ich . » Sind Sie wach ? « fragte die Stimme , welche ich zu hören erwartet hatte , nämlich diejenige meines Herrn . » Ja , Sir . « » Und angekleidet ? « » Ja . « » Dann kommen Sie heraus , aber leise . « Ich gehorchte , Mr. Rochester stand in der Galerie ; in der Hand hielt er eine brennende Kerze . » Ich bedarf Ihrer , « sagte er , » kommen Sie mit mir , aber lassen Sie sich Zeit und machen Sie keinen Lärm . « Meine Schuhe waren dünn und leicht . Ich schlich über die mit Teppichen belegten Dielen so leise wie eine Katze , Er ging durch die Galerie , die Treppe hinauf und hielt in dem niedrigen , düsteren Korridor des verhängnisvollen dritten Stockwerks inne . Ich war