, keine Pflicht zu verabsäumen . Daniel und Lenore schauten einander verlegen an , bald jedoch verwandelte sich die Verlegenheit in wechselseitiges Entzücken , und sie konnten die Blicke nicht mehr eins vom andern losreißen . In Daniels sinnlicher Anlage war nichts von Verführertum . Dafür war er von seinen Wünschen und Begierden in hohem Grad abhängig , und in seinem leidenschaftlichen Eigensinn wurde er nicht selten rücksichtslos . Doch hatte dann Lenore eine tiefkundige Ruhe , heitere Bestimmtheit an ihrem Ort und Nachgiebigkeit an ihrem Ort . So viel Ansprüche an Geduld und Maß hätten einen politisch gestählten Geist und das erfahrenste Herz müde machen können , sie aber fand sich durch den unbeirrbaren Instinkt ihrer Natur zurecht und war niemals müde . Wogegen er sich am häufigsten aufbäumte , war das , was er die bürgerliche Vorsicht an ihr nannte , die Wahrung des notwendigen Scheins . Er wollte die Stunden seiner Liebe nicht wie ein erstohlenes Gut in Besitz nehmen , nicht über Flur und Stiege schleichen , nicht flüstern , nicht die heimlichste Stunde abwarten , nicht mit Bangen und Zagen kommen und gehen . Es ist nicht erforderlich , diesen Heimlichkeiten nachzulauschen ; wir wollen nicht dem bösen Geist Asmodei ins Handwerk pfuschen , der die Dächer durchsichtig macht und in die Schlafkammern blickt , wir wollen nicht Daniels Spion sein , wenn er in mitternächtiger Stunde die Mansarde verläßt und auf Filzschuhen sich am Geländer heruntertastet , wir wollen nichts von Lenores Qual und Verlangen , von ihrem Harren , von ihrem Flüchten , von ihrer Abwehr , von ihrem Unterliegen erzählen ; über diese Dinge wollen wir hinwegsehen , ein erbarmender Vorhang falle über sie , denn sie sind gar zu menschenhaft und wunderlos . Nur an eine einzige Nacht sei gerührt , wo Daniel in Lenores Kammer trat und zu ihr sagte : » Ich habe dich noch nie gesehen wie ein Liebender seine Geliebte . « Lenore saß auf dem Rand ihres Bettes und begann zu zittern . Darnach blies sie die Kerze aus , Daniel hörte das Rascheln ihrer Gewänder , und nun ging sie zum Ofen , machte das Feuertürchen auf , und weil im Ofen helle Kohlenglut war , stand sie von Purpurdunst beleuchtet da , und der magere , zarte , nackte Leib , eigentümlich figurenhaft , war von der harmonischesten Beseelung erfüllt . Und da nun das Spiel der Glieder , als sie das Licht wußten , plötzlich von Scham gehemmt wurde , bog Lenore den Kopf zur Wand , wo immer noch die Maske der Zingarella hing , die Daniel ihr gelassen hatte . Sie nahm die Maske vom Nagel , hielt sie mit beiden Händen , so daß die Glut auch auf den weißen Gips fiel , dabei senkten sich ihre Augen , und sie lächelte in einer Weise , die Daniel durch und durch erschütterte . Etwas Ewiges langte an sein Herz , Ahnung des Endes , Schicksalsfurcht . Zur gleichen Zeit hatte sich Gertrud in ihrem Bett aufgerichtet und starrte mit Augen , als erblicke sie dorten wen , gegen ihre Stubentür . Nachdem sie lange hingestarrt hatte , erhob sie sich , öffnete die Tür , ging unhörbar in den Flur , kehrte wieder um , ging noch einmal hinaus und begab sich dann , die Tür offen lassend , wieder ins Bett , wo sie aufrecht sitzen blieb und nun auf die Tür draußen überm Flur starrte , hinter welcher sie Daniel und Lenore wußte . Von ihrem Haupt hing links und rechts ein Zopf herab , und inmitten des dunkeln Haars oben und der dunkeln Zöpfe an den Seiten glich ihr Gesicht einer Wachsform in einem düstern alten Rahmen . Kein Zucken der Muskeln gab Kunde von den Bildern , die sich in ihrem Geiste drängten . Hinter jener Tür lag für sie die ganze Welt . Ihr schien , sie könne es nicht mehr aushalten , das Wissen darum . Überall schlichen sie über die Gänge der Wohnungen , überall lockte ein Weib , zu jedem Weib gesellte sich ein Mann , und sie umschlangen einander und gruben einander die Zähne ins Fleisch . Es war so lästerlich als unsinnig , ein Elend und ein Grauen . Überall sah sie das verwerflich Entblößte , alle Kleider waren wie aus Glas , sie konnte weder Weib noch Mann anschauen , ohne zu erbleichen . Sie hatte nur eine einzige Zuflucht , an der Wiege des Kindes hinzustürzen und zu beten . Stand sie aber wieder auf , so atmete sie wieder in der vergifteten Luft , und das Verlangen , sich zu reinigen von dem Verbrechen , an dem sie sich schuldig fühlte , ohne daß sie bis jetzt hatte ergründen können , was für ein Verbrechen es eigentlich war , raubte ihr den Schlaf . Ihr war nur zumut , als hänge über ihrem Kopf ein schwerer Stein , der sich langsam löste und jeden Tag schrecklicher mit seinem Sturz drohte . Stunde um Stunde war verronnen , da trat endlich Daniel in den Vorplatz . Er erschrak nicht wenig , als er den Lampenschein und die aufrecht im Bett sitzende Gertrud gewahrte . Er ging in die Kammer , schloß die Tür , ging an die Wiege , schaute auf das schlummernde Kind nieder und trat dann zu Gertrud . Sie heftete einen unendlich aufmerksamen Blick in sein Gesicht , einen Blick , der um ein Urteil zu fragen , um einen Richterspruch zu flehen schien . Zugleich aber streckte sie abwehrend die Arme gegen ihn , und als er betroffen stehen blieb , milderte sich der Ausdruck ihrer Augen , und sie sagte : » Gib mir die Hand . « Sie nahm seine Rechte , streichelte sie und flüsterte : » Die arme Hand , die arme Hand . « Daniel biß die Zähne zusammen . » O , Frau , « sagte er . Er setzte sich an den Rand des Bettes und schwieg . Gertrud sah ihn wieder mit demselben gespannten und flehenden Ausdruck an wie vorhin . Aber er ließ sich neben sie hinsinken , und den Kopf an ihre Brust gelehnt , schlief er ein . Sie hielt noch immer seine Hand . Sie schaute in sein fahles , schmales Gesicht und auf die geeckte Stirn , deren Haut unter den wirr hängenden Haaren bisweilen leise zuckte . Das Öl in der Lampe ging zur Neige , und der Docht fing an zu riechen , aber sie getraute sich nicht , die Lampe auszublasen , aus Furcht , Daniel könnte erwachen . Sie sah still zu , wie das Licht verlosch und an seiner Statt ein rotes Glimmern war , bis auch dieses erlosch und es finster wurde . 12 Seit einiger Zeit bemerkte Lenore , daß der Bäckergeselle , statt des Morgens die Semmeln in das Säckchen zu legen , wie er stets getan , sie achtlos durch das Gatter auf die Erde warf . Der Zeitungsträger grüßte sie nicht mehr , der Postbote lächelte höhnisch , und sogar die Bettler , so schien es ihr , forderten Almosen mit unverschämter Miene . Einmal kam sie durch die Schmausengasse , da lehnte ein Weib am Fenster eines Hauses , rief bei ihrem Anblick etwas in die Stube zurück , und sogleich stürzten ein junger Mensch und drei halbwüchsige Mädchen ans Fenster , tauschten Bemerkungen aus und stierten sie mit Blicken an , die sie erbleichen ließen . Ein andermal brachte ihr Daniel eine Freikarte zu einem Konzert . Sie ging hin , und schon bei ihrem Eintritt fiel ihr das gierige und unanständige Schauen der Leute auf . Eine geputzte Dame rückte von ihrer Seite weg , einige Herren vor ihr drehten sich beständig um und grinsten sie an . Sie konnte nicht bis zum Ende bleiben und floh . Bewegung in freier Luft hatte ihr schon über manche böse Stunde hinweggeholfen ; sie ging zum Schlittschuhlaufen aufs Eis . Als man sie gewahrte , entstand ein Wispern . Sie kümmerte sich nicht darum , sie lief ihre schönen Bogen und Figuren . Aus einer Gruppe junger Mädchen wurde mit Fingern auf sie gedeutet . Mit stolz blitzenden Augen näherte sie sich der Schar , und alle stoben auseinander . Die ihr früher gehuldigt hatten , mieden sie jetzt . Ihr Gefühl war in Aufruhr und lohte bei der Erfahrung von so viel unerwarteter und zurückweichender Gemeinheit in edlem Trotz empor . An einem Dezembertag schritt sie über den Weinmarkt und wollte durch ein enges Gäßchen zum Hallertor . Vor dem Gäßchen standen einige Männer im Gespräch . Sie erkannte Alfons Diruf unter ihnen . Sie dachte , die Leute würden Platz machen , um sie durchzulassen , aber keiner rührte sich . Sie starrten sie frech an . Nun hätte sie ja weitergehen und einen andern Weg wählen können , doch jener Trotz zwang sie , zu verharren , und unter der Flammenbläue ihrer Augen bequemten sich die Niederträchtigen endlich zu trägem Ausweichen . Sie bildeten ein Spalier , durch welches sie gehen mußte , und ärger als dieses war es , sich von den unzüchtigen Blicken verfolgt zu fühlen , das Lachen vernehmen zu müssen , das sonst bei Nacht aus Wirtshäusern klang , wenn sie beieinander hockten und Zoten erzählten . Manchmal in der Dämmerung und am Abend dünkte es ihr , es gehe jemand hinter ihr her . Einst drehte sie sich um , und wirklich sah sie einen Menschen . Der Mensch trug einen Havelock ; er trat dann hastig in ein Tor . Wenige Tage später ereignete sich das gleiche , aber nun erschrak sie zu tiefst , weil sie Herrn Carovius erkannt zu haben glaubte . Eines Abends verließ sie das Haus , da bemerkte sie dieselbe Gestalt an der Kirche drüben . Und als sie zögerte und überlegte , kam noch eine andere Gestalt hinzu . Es schien ihr , als ob dies Philippine sei . Sie sprachen leise miteinander , aber Lenore konnte sie nicht genau sehen , der Schnee fiel zu dicht , die Laterne war zu weit . Sie wußte nicht , weshalb , aber plötzlich hatte sie Angst um Daniel . Bloß um ihn ; ihm drohte Gefahr , so schien es ihr , wenn sie nicht umkehrte . Und sie stürmte die Treppe hinauf bis zur Dachkammer . Sie pochte an die Tür ; kein Laut . Sie öffnete ; es war finster . Aber sie sah , daß sich sein Körper im finsteren Raum gegen das Schneelicht draußen abhob . Er saß am Klavier , hatte die Arme auf den Deckel und den Kopf zwischen die Hände gestützt . Mit einem süßen Weheton eilte Lenore hin und umschlang ihn . Daniel nahm sie auf seinen Schoß , drückte ihren Kopf an seine Brust und lachte mit offenem Mund und gleißenden Zähnen , aber ohne einen Laut . So lachte er jetzt oft . 13 So lachte er über die Ränke , die die Sängerin Varini , seine erbittertste Feindin , gegen ihn spann und die zur Folge hatten , daß er beim Theater überall auf Widerstand und Mißtrauen stieß . So lachte er über die anonymen Schmähbriefe , mit denen ihn seine Mitbürger bedachten , und die er in naiver Wißbegier las , weil er erfahren wollte , bis wohin sich Unflätigkeit und hündisch-feiger Haß verirrten . So lachte er , als die Absage der Freifrau von Auffenberg kam . Sie schrieb ihm , daß ihre Konstitution geschwächt sei und daß sie infolgedessen den Winter auf ihrem Landgut bei Hersbruck verbringen werde . Aber Daniel erfuhr , daß sie häufig in der Stadt war und die Einrichtung regelmäßiger musikalischer Abende getroffen hatte , was sie unter seiner Herrschaft nie zu tun gewagt . Andreas Döderlein war nun ihr Beirat ; da konnte sie schwelgen und schwärmen und in Stickluft und künstlichem Aroma ihre kraftlose Seele bis zum Überdruß betäuben . Und so lachte er über die wöchentlich wiederkehrenden Angriffe des » Fränkischen Herold « , die ihm ins Haus geschickt wurden ; es waren schlaue und bissige Sticheleien , erschnüffelte Heimlichkeiten , breitgewalktes Hörensagen , perfide Verdächtigungen des Künstlers , des Menschen . In den Artikeln war stets vom Gänsemännchen die Rede . Daniel fragte sich verwundert , worauf der Name zielen mochte . Das Gänsemännchen wurde zu einer Art von humoristischem Original erhoben . Was gibt es denn Neues vom Gänsemännchen ? lautete etwa der Titel , oder man stieß auf folgende kurze Notiz : Das Gänsemännchen lenkt schon wieder die Aufmerksamkeit der Musikfreunde auf sich ; es versteift sich darauf , die Oper Stradella durch Einfügung eines Trauermarsches eigenen Fabrikats genießbarer zu machen , und die ergebenen Hausvögel , die es unter den Armen trägt , haben es für dieses Vornehmen mit lieblichem Dankesgeschnatter belohnt . Die Geburtsstätte dieser ausgezeichneten Leistungen auf dem Gebiet journalistischen Witzes war der Stammtisch im Krokodil . Wenn je in der Welt ehrliche Mannestränen gelacht wurden , so geschah es bei Abfassung solcher Nachrichten über das Leben und Treiben des Gänsemännchens . Der Redakteur Weibezahl war der Protokollführer dieser geistigen Wettkämpfe , bei denen sich am meisten Herr Carovius hervortat . Herr Carovius schöpfte aus sicheren Quellen , wie es im Zeitungsdeutsch hieß , und jeden Abend überraschte er die Tafelrunde mit neuen Köstlichkeiten für Weibezahls Aktentasche . Davon wußte Daniel nichts , aber das Gänsemännchen , als Wort wie als Gestalt , verwob sich in sein Denken und gewann irgendwo und -wie im Zeitverlauf eine verwandelte Wesenheit . 14 Eines Tages schrieb die Hofrätin Kirschner an Daniel und ließ ihn wissen , daß sie nichts mehr mit ihm zu schaffen haben wolle . Zugleich forderte sie das Geld zurück , das sie ihm geliehen hatte , und er konnte es nicht aufbringen . Im Theater stand er bereits in Vorschuß ; einen Freund besaß er nicht ; Monsieur Rivière , der einzige , der vielleicht hätte helfen können , war nach Frankreich abgereist . Die Sache lief den üblichen Weg ; ein Advokat stellte eine Frist ; als die verstrichen war , wurde der gerichtliche Zahlungsbefehl ausgefertigt , dann kam der Gerichtsvollzieher , und in Ermangelung anderer Gegenstände von Wert pfändete er den Flügel . Der Einspruch Daniels hatte keine aufhaltende Rechtskraft . Noch ein paar Tage , und das Klavier mußte versteigert werden . Es war ein trüber Januarmorgen , da trat Philippine in seine Kammer . » Du , Daniel , « begann sie , » willst Geld von mir haben ? « Daniel drehte langsam den Kopf und musterte sie erstaunt . » Hab Geld genug , « fuhr sie mit heiserer Stimme fort , und ihre Augen glitzerten gläsern unter den Simpelfransen , » hab ' s pfennigweis zusammengescharrt von kleinauf , Jahr um Jahr ; kann dir geben , was d ' für die Hofrätin brauchst . Schmeiß es ihr hin , der alten Hadltruth . Sag zu mir : bitt dich , Philippine , gib mir das Geld , und es liegt auf ' m Tisch . « » Du bist wohl närrisch ? « erwiderte Daniel , dem das Mädchen auf einmal unheimlich wurde , » mach , daß du hinauskommst . « Da packte Philippine , außer sich vor Wut , seine Hand , und ehe er es hindern konnte , biß sie ihn unterhalb des kleinen Fingers ziemlich tief ins Fleisch . Mit einem dumpfen Schrei schüttelte Daniel sie ab und stieß sie zurück . Sie sah ihn frohlockend an , doch ihr Gesicht war gelb geworden . » Geh zu , Daniel , « sagte sie bettelnd , » sei nit so garstig mit mir . Alleweil so garstig , alleweil so neidisch , geh zu . « Dies infame Lächeln , und die Haare über den Augen , und die roten , plumpen Hände , und die Schneeflocken auf dem zu kurzen Mantel , und unten der Saum des knallroten Kleids , und auf dem Hut das giftgrüne Band ; Daniel verspürte ein Grausen wie beim Anblick des häßlichsten und verderblichsten Bildes , das ihm aus der Menschenwelt entgegentreten konnte . Aber indem er die Augen abwandte , kam Mitleid über ihn , als ahne er plötzlich , daß dieses Wesen an ihn gekettet war durch Bande , die erst in allen Finsternissen unterirdischer Labyrinthe liefen , bevor sie zu ihm gelangten . Was sie getan , hatte ihn in Bestürzung versetzt , doch als Offenbarung einer Natur überraschte es ihn zugleich und gab ihm zu denken . Er ging zum Waschtisch , um die blutende Hand ins Wasser zu tauchen . Philippine nahm ein frisches Schnupftuch aus der Kommode und reichte es ihm zum Verbinden . Er sah sie durchdringend an und sagte : » Was bist denn du für eine ? Was steckt denn für ein Teufel in dir ? Nimm dich in acht , du Jasonphilippstochter , nimm dich in acht . « Da aus diesen Worten ein Ton von Güte klang , vibrierte es seltsam in Philippines Gesicht . Ihre Züge waren wie zum Grinsen verzerrt ; aber es war dennoch kein Grinsen . Nach einer kurzen Weile zog sie eine lederne Börse aus ihrer Manteltasche und brachte zwei in ein Papier gewickelte Hundertmarkscheine sowie ein Goldstück hervor . Sie entfaltete die Scheine und das Papier , legte erstere samt dem Goldstück auf den Tisch und reichte Daniel das beschriebene Blatt . Er las : Ich unterzeichneter Daniel Nothafft bin der Philippine Schimmelweis zweihundertundzwanzig Mark schuldig und werde ihr das Geld vom heutigen Tage an mit fünf Prozent verzinsen . » Damit zahlst den Gerichtsvollzieher und bist aus der Schlemassel , « redete Philippine eigentümlich dringend auf ihn ein . » Kannst doch nit auf ' m Nudelholz Klavier spielen , ist ja dein Handwerkszeug , der Klapperkasten . Unterschreib und du hast Ruh . « » Woher ist das Geld ? « fragte Daniel . » Wie kommst du zu so viel Geld ? Sprich die Wahrheit ! « Und er hörte auf einmal Thereses Stimme : das viele schöne Geld , das viele schöne Geld ... Philippine biß an ihren Nägeln . » Das geht dich nix an , « erwiderte sie grob , » g ' stohlen is es nit . Übrigens kann ich dir ' s ja sagen , « fuhr sie eilig fort , als sie sein Mißtrauen bedrohlich werden fühlte , » die Mutter hat mir ' s zugesteckt . Damit ich nit ganz armselig dasteh , wenn was passiert . Denn der Vater , der möcht mich am liebsten verrecken lassen . Heimlich hat sie ' s beiseite geschafft , und ich hab ihr beim Kruzifix schwören müssen , daß niemand was erfährt . « Diese Schauergeschichte veranlaßte Daniel zu bedenklichem Kopfschütteln . Er spürte die Lüge , aber von Philippines Blick und Wort ging eine sonderbare Gewalt aus . Er war unschlüssig , er überlegte . Seine Arbeit stand auf dem Spiel . Wochen konnten verfließen , Monate , ehe er wieder zu einem Instrument gelangte . Philippines Dienstwilligkeit war ihm rätselhaft , alles was sie sagte , war abstoßend und gemein , aber sie brachte Hilfe , und dem gegenüber mußte er die warnenden Stimmen ersticken . Ist ja nur Geld , dachte er verächtlich und setzte sich hin , um seinen Namen auf den Zettel zu schreiben . Philippine zog die Schultern hoch hinauf und wagte nicht zu atmen , bis er ihr den Zettel wortlos überreichte . Dann blickte sie ihn flehend an und sagte : » So Daniel , jetzt darfst mich aber nimmer wie eine räudige Katz behandeln . « 15 Man versprach sich heuer sehr viel vom Fastnachtszug , und am Karnevalsdienstag war nachmittags die ganze Stadt auf den Beinen . Daniel war gerade auf dem Nachhauseweg , als er an der Ecke der Theresiengasse in den Tumult geriet . In lässiger Neugier blieb er stehen , und bald zeigten sich die ersten Gruppen des Zuges : drei Herolde in prächtigen , mittelalterlichen Gewändern , und hinter ihnen berittene Ratsherren . Hernach kam auf einem Schubkarren eine zum Tod verurteilte Hexe ; ihr Gesicht war scheußlich bemalt , und in der Hand schwang sie eine gewaltige Schnapsflasche . Darauf folgte eine Schar bezopfter Chinesen , denen wieder eine Gesellschaft tanzender Kameruner . Dann kam ein Riese , der siebenundzwanzig Maßkrüge trug ; dann eine Damenkapelle , aus lauter alten Weibern bestehend ; dann ein Bauerngemeindewagen mit der Aufschrift : die Steueranbeter ; dann ein Rauchklub mit dem schwedischen Zündholzhändler ; dann ein Wagen mit dem aus Bierfässern gebauten Spittlertor ; dann die sogenannte Funkengarde ; ferner eine Amme mit einem erwachsenen Wickelkind , welches Husarenstiefel trug ; die sieben Schwaben dann , die auf Velozipeden fuhren ; eine Chaise mit einer lustig herausgeputzten englischen Familie ; ein Fuhrwerk , auf welchem Schriftgelehrte saßen und das eine Tafel zeigte : die Undsoweiterer , auch Etceteristen geheißen . Zuletzt kam ein Wagen , auf dem sich eine aus Brettern , Reifen , Ton , alten Lappen und altem Eisen geschickt verfertigte Nachahmung des Gänsemännchen-Brunnens befand . Das Männchen selbst war mit einem zerschlissenen Sammetröckchen bekleidet , aus dessen Taschen überall gerollte Notenblätter hervorschauten . Statt des Hütchens hatte es eine verrostete Pfanne auf dem Kopf , und an den Füßen staken ein paar alte Lackschuhe . Unter jedem Arm trug es eine Gans . Die Gänse waren aus Brotteig hergestellt und hatten nicht Gänseköpfe , sondern die Köpfe von Frauen , künstlich bemalt und mit sogenannten Schussern in den Augenhöhlen . Das Gesicht zur Linken sah melancholisch , das zur Rechten vergnügt aus . Um diesen Wagen herrschte das größte Gedränge , und ein unbändiges Hallo erhob sich jedesmal , wenn er neuen Zuschauergruppen in Sicht kam , auch dort , wo die Leute das Beziehentliche der Darstellung nicht verstanden . Pulzinells hieben mit ihren Pritschen in die Luft , Indianerhäuptlinge umtanzten ihn schreiend , ein Mephistopheles machte Purzelbäume , auf Steckenpferden reitende Ritter salutierten , und Kinder mit Wachsmasken vor den Gesichtern schrien ohrenbetäubend . Mit ziemlich teilnahmlosen Blicken hatte Daniel den vorhergehenden Schabernack betrachtet , der ihm nur als eine Ausgeburt spießbürgerlichen Behagens erschien . Da kam der Wagen mit dem falschen Gänsemännchen . Oben stand der Bildhauer Schwalbe , toll und voll betrunken , neben ihm , trotz der Kälte in Hemdärmeln , der Maler Krapotkin . Ein ungeheuer dicker Jüngling , seines Zeichens Schulamtskandidat , hatte den Einfall , den Titeldruck von einem Exemplar des » Fränkischen Herold « an das Hütchen des Gänsemännchens zu heften und erntete damit bei den Wissenden großen Jubel . Der Maler Krapotkin erkannte Daniel . Er rief ihn an , warf Kußhände hinunter , ließ sich eine Pritsche reichen und ahmte damit die Gesten eines Musikdirigenten nach , der Schulamtskandidat schleuderte eine Handvoll Bretzeln gegen den Platz , wo Daniel stand , eine Posaune begann zu schmettern , der Engländer streckte erst den Kopf aus der Chaise und hopste dann mit einer Stange , auf welcher weibliche Gewänder und ein Federhut mit einem Schleier hingen , auf Daniel zu , auf dem Gambrinuswagen wurde ein frisches Bierfaß angezapft , und an den Fenstern der Häuser drängten sich lachende Menschen . » Ihr habt ja das Gitter vergessen ! « rief Daniel mit lauter Stimme denen auf dem Gänsemännchen-Wagen zu . » Was hat er gesagt ? « fragten sie und sahen einander verblüfft an . In der Zuschauermenge trat ein neugieriges Schweigen ein , und viele blickten verwundert auf Daniel . » Ihr habt das Gitter vergessen ! « wiederholte er mit blitzenden Augen , » das geschmiedete Gitter . Ohne seinen Schutz ist das arme Gänsemännchen freilich euer Hanswurst . « Er lachte still , mit offenem Munde und gleißenden Zähnen und entzog sich eilig den zahllosen Gaffern . Und in einem einsamen Gäßchen angelangt , fing er mit frenetischem Gesichtsausdruck an zu singen : » Den du nicht verlässest , Genius , wirst ihn heben mit den Feuerflügeln ; wandeln wird er wie mit Blumenfüßen über Deukalions Flutschlamm , Python tötend , leicht , groß , Pythius Apollo ! « 16 Einige Wochen darnach ereignete es sich , daß eine wirkliche Sängerin zu Daniel kam , und daß er von ihr , in wunderbarer Vollendung des Gesangs , mehrere von den Liedern hörte , die er komponiert und die er schon gänzlich von der Welt vergessen geglaubt . Es war dies ein sehr geheimnisvoller Besuch . Eines Nachmittags , bei schrecklichem Schneetreiben , hatte es an der Wohnung unten geläutet , und als Gertrud öffnete , sah sie eine schwarzverschleierte Dame vor sich stehen , die den Kapellmeister Nothafft zu sprechen verlangte . Gertrud führte sie zu Daniel hinauf ; die Fremde sagte ihm , sie habe sich seit langem gewünscht , seine Bekanntschaft zu machen , und da sie , auf der Durchreise nach Italien begriffen , durch die Erkrankung einer nahen Angehörigen genötigt , hier habe Aufenthalt nehmen müssen , sei ihr dies wie ein Wink des Schicksals erschienen , und sie komme nun , ihn zu begrüßen , vor allem aber , ihm für die Lieder zu danken , die ihr einstmals , in einer schweren Stunde ihres Lebens , ein Freund geschenkt habe . Sie sprach mit einem Akzent , der nordisch klang , dabei leicht , fließend und wie jemand aus der großen Welt . Daniel fragte , mit wem er das Vergnügen habe , da lächelte sie und bat um die Erlaubnis , ihm ihren Namen vorenthalten zu dürfen ; es sei ja nichts daran gelegen , wie sie heiße ; vielleicht denke er späterhin lieber an eine Unbekannte , die ihm nur ihre Verehrung und Dankbarkeit habe beweisen wollen , als an ein Fräulein Soundso ; als Namenlose hoffe sie besser in seinem Gedächtnis zu bleiben wie als eine , von der man nur wisse , was alle von ihr wüßten . Die Mischung von Scherz und Ernst , von Geist und Empfindung in den Worten der Fremden behagte Daniel wohl . Er antwortete zwar knapp und kühl , es war jedoch zu bemerken , daß er sich mit der Besucherin freute , brachte sie ihm doch zum Bewußtsein , daß sein Geschaffenes nicht in einen echolosen Abgrund gesunken war . Nach einer Weile kam das Gespräch neuerdings auf die Lieder , und da sagte die Fremde , sie möchte ihm gern das eine oder das andere Lied vorsingen . Daniel war gleich damit einverstanden , er holte die Noten hervor , setzte sich aus Klavier , und die rätselhafte Frau fing an zu singen . Schon bei den ersten Tönen horchte Daniel hoch auf , eine solche Stimme hatte er noch nie vernommen ; so weich , so rein , so seelenvoll , so über alle Schule und Konvention hinaus . Nach dem ersten Lied sah er befangen an der Sängerin empor und murmelte : » Wer sind Sie denn ? Wer sind Sie ? « » Keine Recherchen , bitte , « erwiderte die Sängerin lachend und über das mittelbare Lob , das ihr sein Benehmen spendete , froh errötend , » das nächste noch , das Eichendorffsche . « Gertrud , die sich in ihrem vernachlässigten Anzug nicht länger als nötig war hatte zeigen wollen , war wieder in ihre Küche hinuntergegangen ; jetzt trat , nach schüchternem Pochen , Lenore ein . Als sie die Stimme gehört , war sie überrascht in den Flur geeilt , und dann hatte sie nicht widerstehen können , sie wollte die Sängerin sehen . Daniel nickte ihr mit strahlenden Augen zu , die Fremde grüßte gelassen und heiter , hierauf begann sie das nächste Lied , dann das dritte , und so alle sechs . Hinter der Tür aber stand der alte Jordan , hatte die Hände vor das Gesicht gedrückt und lauschte erschüttert . » So , nun muß ich aber fort , « sagte die Fremde , als sie das letzte Lied geendet hatte . Sie reichte Daniel die Hand und fügte hinzu : » Es war eine schöne Stunde . « » Es war eine der schönsten , die ich erlebt habe , « antwortete Daniel . » Leben Sie wohl . « » Leben Sie wohl . « Und die fremde Dame ging und hinterließ nichts als die Erinnerung an ein Glück , das je märchenhafter wurde , je weiter es die stürmische Zeit entrückte . Daniel sah sie nie wieder , hörte nie wieder von ihr . 17 Während des Gesanges war auch Gertrud unten im Flur gestanden und hatte gelauscht . Sie kannte jeden Ton eines jeden Liedes ; jede melodische Figur in der Begleitung war ihr wie ein altvertrautes Bild , und sie hatte auch sogleich begriffen , daß da eine begnadete Künstlerin sang . Aber wie eigen es doch war : sie spürte nichts dabei . Es regte sich nichts in ihr . Ihr war , als sei ein lebendiger Strom in ihrer Brust versiegt und hätte nur Sand und Steine übrig gelassen . Dieses Nichtfühlen äußerte sich wie eine bohrende Gewissensqual . » Mein Gott , mein Gott , « stöhnte sie , » was ist mit mir geschehen ! « Sie schlug die Hände zusammen . Am Abend ging sie in die Frauenkirche und betete lange . Das Gebet beruhigte sie jedoch nicht und verstörter als sie ausgegangen war , kehrte sie wieder heim . Die Wohnzimmertür war offen ; Daniel und Lenore saßen unter der Lampe und lasen gemeinsam in einem Buch . Der Säugling in der Wiege regte sich eben ; Lenore hatte deshalb die Türe offen gelassen , damit sie das Kind hören konnte , wenn es aufwachte . Gertrud nahm das Kind in die Arme , beschwichtigte es und trat mit ihm auf die Schwelle des Wohnzimmers . Die beiden wandten ihr den Rücken zu und waren in ihrer Lektüre so vertieft , daß sie von Gertruds Anwesenheit