Pastors : er mag den Staatstalar für die Taufe ruhig aus dem Schranke nehmen . « Aber die Leute tuschelten einander trotzdem weiter zu : » Die Kapelle der Baronin « , und die Katholiken triumphierten , als von dem Muttergottesbilde die Kunde kam , auf das der leere Raum über dem Altar wartete . Norina malte in der Kapelle . An den vier runden Säulen rankten sich phantastisch ihre Blumen empor bis in die blaue Wölbung mit den Goldsternen . Aus den Nischen in den Wänden blickten Madonnen ; Jesuskinder lächelten vom Schoße der heiligen Mütter . In den kleinen , bunten Fenstern leuchtete dunkelrot die rote Rose von Hochseß . Indessen übte unten in der Dorfschule der Kinderchor alte Marienlieder . Und in der Akademie von Florenz saß vor Giottos Demeter-Maria ein junger Maler und suchte das Wunderwerk auf seiner Leinwand zu wiederholen , - Vittorio Tenda . Ohne Norina davon zu sprechen , hatte Konrad ihn , nachdem die eingeholten Auskünfte die besten gewesen waren , mit der Arbeit beauftragt , indem er ihm zugleich im Palazzo Ritorni die Wohnung anwies . Und nun taute der Schnee selbst auf den Höhen ; zum Wildbach wurde die Quelle ; mit Geschrei und Gezwitscher suchten die heimkehrenden Vögel die alten Plätzchen für ihr Nest . Der Frühlingssturm peitschte die Fahne und sang in den Kaminen sein Schlachtlied . Norina legte die Pinsel fort . Sie ging durch den Garten und streichelte leise die kleinen , braunen Knospen an den Sträuchern und bückte sich nach den blassen Schneeglöckchen . Wenn Konrad sie nicht sah , wußte er , wo er sie finden würde : im hellen Zimmer droben vor der weißen Wiege , an deren Decken und Bettchen noch immer irgend etwas zu zupfen und zu nesteln war . Kam er , so schmiegte sie sich stumm in seine Arme . Sie sprach überhaupt kaum mehr . Es gab keine Worte für ihr Empfinden . Nur ihre Augen vermochten ihm noch Ausdruck zu geben . Die Kapelle war fertig . Nur der Platz über dem Altar war noch leer . Der alte Giovanni hatte sich selbst zu ihrem Wächter gesetzt . Er ließ keinen hinein und war immer da ; seine Tiere in der Turmstube vergaß er . Niemand wußte , ob er wohl jemals schlief . An einem der ersten Tage waren die Tanten gekommen , herrisch Einlaß begehrend . Der Herr Pastor wollte wissen , ob es auch mit seinem Glauben vereinbar sein würde , dort zu taufen . Ein krähendes Gelächter antwortete ihnen von innen , als sie den Türgriff niederdrückten . Sie fuhren entsetzt zurück . So oft sie auch wiederkamen , stets stand Giovanni davor , den Eintritt hindernd . Bei einem heftigen Wortwechsel zwischen ihnen kam Konrad dazu . » Mach Platz , Giovanni ! « gebot er , und versuchte , den schwachen , alten Mann beiseite zu schieben . Der aber klammerte sich verzweifelt an die Türpfosten , in seiner Muttersprache laut schreiend : » Laß die bösen Augen nicht herein ! « Als er schließlich überwältigt beiseite taumelte , füllte sein Schluchzen den ganzen Raum . Die Fräuleins aber standen kühl und gerade mitten darin , nur ihre Blicke bewegten sich hin und her , spöttisch , mißbilligend , und die Mundwinkel ihrer farblosen Lippen zogen sich tief herab . Von da an brannten Tag und Nacht geweihte Kerzen in der Kapelle , und Giovanni führte noch erbitterter den Kampf gegen die Neugierde . Sobald er von innen die Fenster öffnete , stellten sie von außen Leitern an , um hineinzuspähen . Ließ er sie geschlossen , so flog über Nacht ein Stein durch die Scheiben , ohne daß der frevelhafte Schleuderer zu entdecken war . Gerade über dem Altar befand sich ein kleines Fenster , aus blauem und rotem Glas kunstvoll zusammengestellt , das aus der oberen Galerie der Halle sein Licht empfing . » Es sollte vergittert werden , « sagte Giovanni zu Norina , als sie ihrer Gewohnheit gemäß in der Frühe in die Kapelle ging . Sie wandte sich lächelnd nach dem Alten um : » Warum gerade dies , das noch niemand zerbrach ? « » Es sollte vergittert werden , « beharrte er hartnäckig . Jeden Morgen nach der stillen Andachtsstunde trat sie ins Freie hinaus und betrachtete sehnsüchtigen Blickes Bäume und Sträucher . Es war ihr erster Frühling im Norden . Und sie , erfüllt von der Erinnerung an seinen raschen Siegeslauf daheim , wo Rosen und Lilien unter jedem seiner Schritte blühen , erkannte ihn nicht . » Wie lange das dauert ! « flüsterte sie vor sich hin , und aller Glanz wich aus ihren Zügen . » Hier kommt er nie , « hörte sie hinter sich sagen und erschrak . An einem Apriltag , als der Westwind Schnee und Regen gegen die Fenster peitschte und die Flammen im Kamin nur mühselig schwelten , saß Norina an der Stätte ihrer Mutterträume . Sie hatte die Läden zugezogen , um das Wetter nicht zu sehen , und im Licht der Lampen Hemdchen und Jäckchen ausgebreitet , um sie Schwester Theresa , der kleinen Nonne mit der großen Flügelhaube , zu zeigen , die seit gestern im Schlosse war und mit immer gleichem Lächeln und gleichem leisen Schritt ordnend und vorbereitend im künftigen Reiche des Kindes hin und her ging . Sie waren beide so vertieft in ihr Tun und so weit ab von allem Lärm des Hofs und der Wirtschaft , daß die fernen Geräusche kaum an ihr Ohr drangen . Mit jenen weichen , zärtlichen Stimmen , die alle Frauen haben , wenn sie dem Wunder neuen Lebens nahe sind , sprachen sie miteinander . » Cosimo soll er heißen , « antwortete Norina auf eine Frage der Schwester . » Cosimo ! « wiederholte sie lächelnd ; » und wenn es ein Mädchen ist ? « » Fiore « - wie ein Seufzer der Sehnsucht kam der Name über Norinas Lippen ; » auf den Hügeln und Feldern um Florenz steht jetzt alles voll bunter Blumen , « fuhr sie langsam fort , die Hände um die Knie gefaltet , und sah ins Weite . Ein aufheulender Windstoß antwortete ihr . Sie schwiegen . Räder rollten schwer über den Hof . Pferdegestampf - Peitschengeknall . Dann Stimmen - die Konrads zuerst - eine fremde dann . Aber Norina war viel zu müde , als daß sie hätte hinausgehen und aus dem Flurfenster blicken mögen . Dann hörte sie noch ein Hämmern - wie von der Kapelle herauf - » Das Bild ? ! « rief sie Konrad voll freudigen Verstehens entgegen , als er nach geraumer Zeit zur Türe hereintrat . Er nickte lächelnd . » Dann - « und ihre Finger schlangen sich wie zum Gebet ineinander , » ist alles bereit für mein Kind ! « In der Kapelle brannten viele gelbe Kerzen , aber es schien , als zöge das Bild auf dem Altar alles Licht an sich , um dann wie durch sich selbst allein zu leuchten . Die wundervolle mütterliche Frau in dem schimmernden weißen Hemd , das die vollen nährenden Brüste ahnen läßt , dem schweren blauen Mantel darüber , der den breiten Schoß , die kraftvollen Knie deckt , ohne sie zu verhüllen , erfüllte den ganzen Raum in ihrer einfachen , beherrschenden Größe . Konnte sie in anderer Umgebung noch Maria sein , hier war ganz und allein Demeter - das Kindlein auf dem Schoß nichts als ein Symbol ihrer Fruchtbarkeit . Norina sprach kein Wort ; ihre Augen begegneten sich mit der Allmutter stillem , großem Blick . Sie fühlte ihn , wie sie keines Priesters Segen gefühlt haben würde . Dann erst sah sie die Menge der bunten Frühlingsblumen , deren Duft sich mit dem der Kerzen zu süßen Opfergerüchen mischte . Der ganze Altar war bedeckt mit ihnen . » Fiorenze , « flüsterte Norina , ihr Antlitz tief in die blühende Fülle pressend . Tränen hingen ihr in den Wimpern , als sie es wieder hob . » Du weinst ? ! « Konrad schlang besorgt den Arm um sie . Sie lächelte : » Vor Freuden . « » Und du fragst nicht einmal nach dem Künstler , dem wir dies Werk verdanken ? « meinte Konrad lächelnd , als sie die Kapelle verließen . » Die Kopie ist so glänzend , daß sie den Kopisten vergessen macht , « entgegnete sie , » immerhin : wer ist ' s ? « » Vittorio Tenda . « Überrascht blieb Norina stehen . » Vittorio Tenda ? ! « wiederholte sie und fügte mit dem Ton aufrichtigen Bedauerns hinzu : » Also ist er doch kein großer Künstler geworden ! « Fragend sah Konrad sie an . » Wer in einer Kopie mit keinem Strich sich selbst verrät , « erklärte sie , » kann doch ein Eigener nicht sein ! « » Vielleicht hast du recht , « sagte er , » aber ihm selbst mußt du es nicht verraten . « » Ihm selbst ? ! « Es klang wie ein Schrei . » Er bat mich , da er sowieso nach Berlin zu reisen gedachte , das Bild persönlich überbringen zu dürfen . « Sie betraten die Halle ; aus einem der tiefen Lederstühle erhob sich die Gestalt eines Mannes . Norina fuhr zusammen , den Fremden anstarrend wie eine Erscheinung , während sie sich schwer auf Konrads Arm stützte . » Kennst du ihn nicht mehr , Norina ? « sagte dieser , » Vittorio Tenda , der für dich Demeter-Maria malte . « Der Fremde verbeugte sich . Mit einem scheuen , flüchtigen Blick sah sie ihn an und schüttelte kaum merklich den Kopf . » Sie glauben mir nicht , gnädige Frau ? « klang eine Stimme wie der tiefe Alt einer Frau . » Ich danke Ihnen , « sagte sie mit einem leichten Neigen des Hauptes und wandte sich der Pforte zu . Konrad , erstaunt über ihre ablehnende Kühle , hielt sie sanft zurück . » Auch die Blumen , die dich so entzückten , sind von ihm , « erklärte er in zuredend-eindringlichem Tone . » Von Ihnen , wirklich von Ihnen ? « rief sie aus , und ihre Hand , weiß leuchtend im Kerzenlicht , streckte sich ihm entgegen . » Ich bin derselbe , ganz derselbe , der sie Ihnen einst gepflückt , dem Sie erlaubten , sie Ihnen zu schenken , « sagte er mit dem vollen Pathos des Italieners , der jedem Worte durch den Ton erst den Sinn verleiht . Dabei zog er ihre Hand sehr langsam an seine vollen , roten Lippen . Mit der Geste einer Königin ging sie an ihm vorüber , ohne ein weiteres Wort mit ihm zu wechseln . Am Abend bat sie den Gatten , auf ihrem Zimmer speisen zu dürfen . » Ich vertrage fremde Menschen nicht mehr , « sagte sie , beide Arme um seinen Hals legend , mit einem freien Blick in sein Gesicht ; » laß mich diese Tage ganz allein mit dir sein . « » Aber Abschied wird er doch von dir nehmen dürfen ? « meinte Konrad voll zärtlichen Dankes für dies Zeichen ihrer Liebe . » Abschied ? ! « sie atmete wie erleichtert auf . » Er mag kommen ! Ich fürchtete schon , du hieltest ihn länger zurück . « » Wie könnte ich ? ! « Und er küßte sie zärtlich auf die Augen , » wo wir - seiner warten , der uns vollenden soll ! « » Zur Dreieinigkeit , « ergänzte sie leise . Als Vittorio Tenda in ihr Zimmer trat , saß sie am Kamin , die schmalen Füße dicht an der Flamme . » Wie Sie frieren müssen ! « sagte er , lebhaft auf sie zutretend , statt aller Begrüßung . Sie zog die Füße zurück , warf den Pelzkragen von den Schultern und entgegnete hochmütig : » Gar nicht ! « » Ich habe Sie nie vergessen , Norina , « fuhr er fort , den Stuhl näher rückend , während seine Augen die ihren suchten . Sie wich ihnen aus wie ein gejagtes Wild den Hunden , die auf seinen Fersen sind . Dann maß sie ihn von oben bis unten mit einem kühlerstaunten Blick . » Ich wurde an Ihre Existenz erst erinnert , als mein Bruder von Ihnen erzählte ; « - hart fielen die Worte von ihren Lippen . » Sie haben auch hier Klosterzellen für - Verbannte , nicht wahr ? Darf ich kommen , Norina ? « sprach er unbeirrt weiter ; wieder versuchte sein Blick , sie zu bannen . Es war wie ein stummer Kampf . Plötzlich griff sein Auge zu , eine Diebeshand . Sie erblaßte , erhob sich und - mit der Rechten auf der Stuhllehne sich stützend , als fürchte sie zu fallen - sagte sie ruhig : » Es ist spät , Herr Tenda . Es wäre mir peinlich , Sie vor Ihrer Abreise Ihrer Nachtruhe beraubt zu haben . « Noch eine stumme Verbeugung , und er ging . Als aber die Türe sich öffnete , prallte er zurück , und schreckhaft zuckte Norina zusammen : Giovanni richtete sich auf vor ihm , als habe er auf der Schwelle gelegen . In der Nacht darauf gab Norina einem Knaben das Leben . Nicht einen Wehlaut hatte sie nötig gehabt , auszustoßen . Keinen Augenblick lang war der Ausdruck lächelnder Freude von ihrem Antlitz gewichen . Das Kind aber war am Körper ganz weiß , hatte den Kopf voll geringelter , goldener Löckchen und schlug ernst und stumm ein Paar große tiefblaue Augen auf . Während des ganzen folgenden Tages blieben sie offen mit einem großen , fremden Staunen und quälenden Grübeln , als müßte das Seelchen , das sie belebte , in diesen Stunden des Daseins Rätsel lösen . Erst als die Sonne , gelb und feindselig , hinter matten Frühlingsnebeln erlosch , legte sich ein dunkler Schleier über sie . Das Kind war tot . Und die Mutter wollte sterben . Aber das Leben hielt sie unerbittlich in seinen Krallen . Tage- und nächtelang saß Konrad an dem Bett der Fiebernden . Sie erkannte ihn nicht . » Kerkermeister , « flüsterte sie flehend , während er sorgsam die Eisblasen auf ihrem Kopfe wechselte , » nimm mir die Krone vom Haupt . Ich bin keine Madonna . « - » Kerkermeister , « kam es mit rührendem , verhaltenem Jubel von ihren Lippen , während er ihren abgemagerten Körper aus dem Bette hob , » trag ' mich hinaus - hinaus zu meinem Kinde ! « Immer rannen ihr die Tränen über die blassen Wangen wie aus einem unerschöpflichen Born . Einmal schlüpfte Giovanni , den Konrad sorgfältig ferngehalten hatte , weil sein Verstand ganz verwirrt war und er die Kranke hartnäckig Lavinia nannte , unbemerkt in seinem alten fleckigen Pierrotkostüm in Norinas Zimmer und tanzte vor ihrem Bett . Da lachte sie hell auf . Von nun an durfte er täglich zu ihr . Er war sehr komisch : er spielte auf der Gitarre lustige Melodien und krähte wilde Liebeslieder dazu , er machte Harlekinsprünge mit seinen dünnen , zitternden Beinen und deklamierte dabei Erklärungen glühender Leidenschaft . - Und Norina lachte . Man würde den Alten gerufen haben , wenn er nicht stets , seiner Stunde wartend , schon vor der Türe gestanden hätte . Konrad hatte verschiedene Autoritäten an das Lager des geliebten Weibes geholt und alle empfohlenen Mittel und Methoden versucht , obwohl einer der Ärzte dem anderen stets widersprach . Dann schrieb er an Warburg . Der Freund ließ ihn nicht lange warten . Als er kam , brach Konrad zum erstenmal zusammen . Bis dahin hatte er sich beherrschen müssen , jetzt endlich , endlich durfte er verzweifeln ! Er sprach rückhaltlos von allem : von seiner Liebe und seiner Enttäuschung , seiner unerlösten Sehnsucht , seinem Hoffen , das nun seines Lebens einziger Inhalt sei . Und mit jener stummen Anteilnahme , die wohltuender ist als Worte , die dem Leidenden immer nach Phrasen klingen und als Fragen , die immer wie Neugierde wehe tun , hörte Warburg zu . Dann sagte er , des Freundes Hand fest in der seinen haltend : » Erinnerst du dich eines Ausspruchs von Pawlowitsch und deiner Antwort darauf ? « - Konrad schüttelte den Kopf . - » Nur ein sinnloser Spieler setzt alles auf eine Karte , sagte er , oder ein Held , antwortetest du . Und ein Held , mein lieber Konrad , wird immer siegen . « » Auch wenn er untergeht , « ergänzte dieser ernst . Warburg untersuchte und beobachtete Norina lange , ehe er ein Urteil abgab . » Ich glaube , sie wird dir erhalten bleiben , « sagte er schließlich . Ein Ausruf des Glücks drängte sich auf Konrads Lippen , aber ein Blick in des Freundes ernste Züge wandelte rasch seine Freude . » Du verheimlichst mir etwas ? « frug er besorgt . » Nein , denn jede Verheimlichung wäre in diesem Augenblick ein Unrecht gegen dich , « entgegnete Warburg ruhig . » Des Fiebers wird ihre starke Natur Herr werden , besonders wenn wir den alten verrückten Seiltänzer entfernen . Aber nach allem , was ich von dir weiß , schließe ich , daß sie , die ganz auf die Erfüllung ihres Muttertraums eingestellt war , sich seelisch schwer erholen und - du siehst , ich bin bis zur Härte offen - dich als eine der Ursachen ihres Unglücks ansehen wird . « » Sage nur ruhig : als die Ursache , « erwiderte Konrad , aber sein Blick blieb hell , fast froh dabei . » Ich werde sie zurückerobern , und wenn ich meine Kräfte verdoppeln sollte . « Warburg sah ihn prüfend an : » All deine Kräfte , deine reichen Kräfte für - ein Weib , « murmelte er mit leisem Tadel . Konrad lächelte wehmütig : » Du hast anderes von mir erwartet , ich weiß . Ich sollte ein Krieger werden , einer , der um Menschheitsgüter kämpft . Gibt es die Güter nicht - oder bin ich kein Krieger , - wer kann es entscheiden ? ! Eins nur weiß ich : daß mir Norina die Verkörperung alles Größten und Schönsten wurde , daß meine Unrast in ihr Ruhe , meine Sehnsucht in ihr Erfüllung findet ; daß vielleicht , und dies mag dir zum Troste dienen , durch sie der Krieger in mir erwacht , und ich mit ihr die Güter finde , um die das Leben einzusetzen sich lohnt . « Aber trotz des Freundes Zuversicht wurde Warburg die Sorge nicht los und beschloß , zunächst in seiner Nähe zu bleiben . Seiner kühlen Ruhe gelang , woran Konrad immer wieder scheiterte , weil er Norina keine Freude zu rauben vermochte : Giovanni nicht mehr zu ihr zu lassen . Wohl tobte der Alte und drohte mit Gewalt . » Hundert Jahre dien ' ich um Monna Lavinia , « schrie er , » nun will ich meinen Lohn : ihre schwarzen Haare und ihre weißen Füße . Der Tod dem , der ihn mir raubt ! « - Aber Warburg nahm ihn mit einem einzigen festen Griff beim Arm und führte ihn in sein Turmzimmer , ihn in den alten wurmstichigen Lehnstuhl niederdrückend . Aus dem staubigsten Winkel des völlig verwahrlosten Raums kroch eine große Schildkröte mit verrunzeltem Greisengesicht unter des Seiltänzers Füße , und ein kläglich miauender Kater , der graue Haare hatte , rieb den krummen Buckel an seinem Arm . Mit den beiden unterhielt sich Giovanni von da an unablässig . Denn sie antworteten ihm , obwohl es niemand hörte . Konrad besuchte ihn oftmals am Tage , um sich zu versichern , daß er noch da war . Der Alte lachte ihn stets lustig an und erzählte , was er von den Tieren erfahren haben wollte . » Signor Tenda , « flüsterte er einmal geheimnisvoll , während ein gelbes Funkeln sich in seinen kleinen Augen entzündete , » geht des Nachts durch den Park auf leisen Sohlen , und seine Seufzer schweben wie große , schwarze Nachtschmetterlinge durch Monna Lavinias Fenster - « » Signor Tenda ? ! « wiederholte Konrad überrascht , » du irrst , Giovanni , er ist längst in Berlin . « Der Alte kicherte : » Willst du klüger sein , Bambino mio , als der Kater ? ! Der schlich auf der Terrasse den vielen Wühlmäusen nach , die das Haus unterhöhlen , und sah den Fremden leibhaftig . « Giovanni rutschte vom Sessel auf die Knie und hob flehend die dürren Greisenhände zu seinem Herrn . » Laß den alten Seiltänzer frei , « bettelte er , » daß er dir Monna Lavinia hütet . « Mit einem peinlichen Gefühl , das er nicht zu bannen vermochte , verließ ihn Konrad . Er forschte nach dem Maler . Vergebens . Und erleichtert atmete er auf . Norina erholte sich zusehends . Als das Fieber gewichen war und die wirren Phantasien verstummten , begann sie langsam , mit scheuer , fremder Kühle , an dem Geschehen um sie her wieder Anteil zu nehmen . » Du wirst viel Geduld haben müssen , « sagte Warburg zu Konrad . Der nickte : » Meinst du , ich wüßte das nicht ? ! « Mit zarter Sorgfalt , jede leidenschaftliche Aufwallung , die sie verletzen könnte , unterdrückend , umgab er Norina . Und sie war wie ein ungeschicktes , verlegenes Kind im stillen Dank , den sie äußerte . Aber wenn er nur ihre Hand berührte , wurden ihre schmalen Wangen fahl . Und wenn er sie sanft mit einer brüderlichen Gebärde auf die Stirn küßte , preßten sich ihre Lippen krampfhaft zusammen . Sie verlangte nach Giovanni ; » er spricht toskanisch , « meinte sie schüchtern , als müsse sie sich um ihrer Bitte willen entschuldigen . Von da an schenkte der Alte wieder wie einst den Wein in die Gläser . Und jeden Mittag prangte ein Strauß frischer fremder Blumen vor ihrem Teller , die er irgendwo in einem sonnigen Winkel heimlich gezogen hatte . Er strahlte , wenn er sie sah , zitterte , wenn sie ihm dankte , und mit tiefem , unheimlichen Feuer verfolgten sie seine Augen , wo sie ging und stand . » Fürchtest du ihn nicht ? « frug Warburg sorgenvoll , als sie eines Abends , nachdem Norina sich wie gewöhnlich früh zurückgezogen hatte , zusammensaßen . Konrad lachte : » Der arme Narr ! Er würde sich eher vierteilen lassen , als daß er uns etwas zuleide täte . « Sie kamen auf die verschiedenen Formen menschlicher Liebesleidenschaften zu sprechen , und ihre Unterhaltung wurde allmählich intimer . » Je differenzierter wir werden , um so seltener scheint die eine große Liebe zu sein , die uns ganz ausfüllt , Seele , Geist und Körper in gleicher Weise ergreift , « sagte Warburg . » Ich glaube , du bist ein lebendiger Widerspruch deiner Theorie , « antwortete Konrad , zum erstenmal seit ihrem Zusammensein eine Anspielung auf Walters nie erloschene , gleichmäßig tiefe Neigung wagend . » Du irrst , lieber Freund , « antwortete der , » denn ich bin nicht differenziert , bin vielmehr eine einfache Natur - ein Alltagsmensch , sozusagen . Darum liebt sie mich auch nicht , sie , deren Wesen so gar nichts vom Alltag weiß . « » Wie aber konnte sie jemals einen Gerhard Fink liebgewinnen ! « rief Konrad aus . » Ich gebe mich als der ich bin ; in ihn , der seine Beschränktheit als einen Theatermantel um sich zu drapieren verstand , konnte sie alles mögliche hineingeheimnissen . « » Sie konnte , sagst du ? - Ist ihre Ehe wieder getrennt ? « frug Konrad überrascht . » Sie wurde niemals geschlossen . « » Wie ? ! « Warburg lachte bitter . » Die Eltern Finks nahmen Anstoß an der Jüdin und an dem schlechten Ruf , den sie haben soll ! Er aber - zu allem kraftlos , sowohl zum Widerstand den Eltern wie zum Bruch Frau Sara gegenüber - fügte sich . « » So ist es eine freie Ehe ? « » Ich - weiß es nicht , « entgegnete Warburg zögernd . » Ich weiß nur , daß sie leidet - sehr leidet . Aus allen Enttäuschungen des Herzens und Geistes flüchtete sie in diese Liebe . Vielleicht - « und er schloß die Augen mit einem wehen Lächeln - » flüchtet sie noch einmal , Schutz vor sich selber suchend , zu mir . « Erstaunt , fast verletzt , sah Konrad ihn an : » Und ein solches Geschenk könntest du nehmen ? ! « Warburg erhob sich und legte die Hand auf die Schulter des ihn weit überragenden Freundes , während ein müder , gespannter Zug sich um seine Mundwinkel grub . » Wir werden uns alle bescheiden müssen , « sagte er , » keine unserer Jugendhoffnungen hat sich erfüllt . Unsere Ideale sind schal geworden . « Dann nickte er versonnen und ging durch das große Zimmer , das die verlöschende Glut im Kamin nur noch mit leise flackernden blauen Flammen spärlich erhellte , hinaus , wo der dunkle Flur ihn verschlang . Konrad starrte ihm nach . » Unsere Ideale sind schal geworden , « wiederholte er sehr langsam . Jedes der fünf Worte bohrte sich ihm wie ein Pfeil ins Herz . Da öffnete sich die Türe wieder . » Bambino , « zischte es , » er ist wieder da - er - der Maler ! « Konrad fuhr auf und ging dem Voranschleichenden nach . Wahrhaftig : Draußen auf der Terrasse , auf die Norinas Fenster still und dunkel herabsahen , drückte sich Vittorio Tendas Gestalt in den Schatten der Lorbeerbäume . Mit einem festen Schritt stand Konrad vor ihm und bohrte seinen funkelnden Blick in das erblassende Antlitz des Italieners . » Was suchen Sie hier bei Nacht und Nebel wie ein Einbrecher ? ! « Er dämpfte die Stimme um Norinas willen , wo er sie am liebsten zum Brüllen gesteigert hätte . Tenda rührte sich nicht . Ebenso leise , die haßerfüllten Augen auf den anderen gerichtet , sagte er : » Nichts . « Noch näher trat Konrad dem Ertappten , so daß er seinen heißen Atem zu spüren glaubte , während Giovanni geduckt , beide Hände gespreizt , zum Zuspringen bereit , sich dicht neben ihm hielt . » Durch ihre nächtlichen Spaziergänge kompromittieren Sie meine Frau . « Tenda warf den Kopf in den Nacken : » Ich bin zu jeder Genugtuung bereit . « Mit einem Blick eisigen Hochmuts maß ihn Konrad von oben bis unten : » Damit durch das romantische Ereignis Dienstbotenklatsch zum Skandal der ganzen Gegend wird und Sie sich in Ihrem Heldentum sonnen ? ! « » Soll ich ihn würgen , Bambino mio ? ! « schrie in diesem Augenblick Giovannis Stimme grell dazwischen . » Still ! « zischte Konrad . Der Alte prallte zurück . Sie horchten sekundenlang alle drei zu den Fenstern hinauf . Nichts rührte sich . » Sie kommt zuweilen und schluchzt in die Nacht hinaus , « murmelte Tenda vor sich hin , » mich bemerkte sie nie . « » Das weiß ich , « sagte Konrad laut und hart , » sie hätte Sie sonst davongejagt . « Dann nahm seine Stimme wieder den Ton beherrschter Ruhe an : » Sie sind von morgen ab auf dem Eckartshof mein Gast . Ich werde Sie , um jedes Gerede im Keime zu ersticken , ein paar Tage lang an meinem Tische dulden und dann - « er machte eine verächtliche Gebärde , die nicht mißzuverstehen war . Tenda zuckte zusammen und ballte die Fäuste . Ohne einen Gruß , erhobenen Hauptes , wandte sich Konrad dem Hause zu . Norina empfing die Nachricht von dem Gast mit steinerner Ruhe . » Ich werde auf meinem Zimmer essen , « sagte sie . » Ich wünsche das nicht , « entgegnete Konrad kurz und fest . Sie neigte den Kopf tief auf die Brust . Erschüttert von dieser Bewegung eines Gehorsams , der nichts als Gehorsam war , versuchte er sie behutsam an sich zu ziehen . » Es war nur eine Bitte , Geliebte , « flüsterte er . Sie entzog sich ihm nicht , aber sie blickte ihn an , groß und fremd , als sähe sie ihn zum erstenmal . Als der Gast gekommen war und sie ins Zimmer trat , blieb sie sekundenlang in der Türe stehen ; ihr weißes Gesicht leuchtete wie der blasse Mond in dunklen Herbstnächten aus dem Schwarz ihrer Haare , ihrer Gewänder . Tenda starrte sie an , selbstvergessen , mit einem Ausdruck so schmerzreicher Liebe , daß Konrads Zorn vor diesem Anblick langsam zu weichen begann . Was konnte der Arme dafür , daß er sie liebte , hoffnungslos liebte - fast wie er ? ! Und er versuchte , etwas wie ein Gespräch in Gang zu bringen . Es fiel ihm nicht schwer , denn Tenda übernahm alle Kosten der Unterhaltung . Er erzählte . Von Paris zuerst . Aber nicht von seinem Glanz und seinen Freuden , sondern von der stillen Schönheit seiner Gärten mit ihren grauen Bildsäulen und gelbroten Pflanzenkübeln , von dem melancholischen Reiz des linken Seineufers mit den verstaubten alten Büchern und Bildern auf den verwitterten Ufermauern , vom Park von St. Cloud mit seinen geraden Kastanienalleen , die sich im Himmel verlieren , und dem Blick auf die ferne ruhende Stadt , die die silberne zitternde Luft zärtlich umhüllt . Er sprach