lachte bitter . » Zwölf Harnischer krieg ich mit . So nobel reiten oft große Herren nit . Meintwegen ! Ich hol meinen Gaul . « Als er in den Hof hinaustrat , winkte er dem Runotter . In dem engen Stall des Amtmanns standen die fünf Gäule dicht gedrängt an der Krippe des Moorle . Während Malimmes sein beim Hallturm erbeutetes Herrenroß zum Ausritt fertig machte , kam Runotter in den Stall . » Was ist ? « » Die Augen mußt offen haben . « » Weißt du was Sichers ? « Malimmes schüttelte den Kopf . » Was der Herzog spinnt , das kann mir der Hauptmann Grans nit an die Nas hängen . Es kommt mir so für , als möcht uns der Hauptmann fort haben . Aber du magst nit . Gut ! Wenn sich ' s der Mensch so einrichtet , wie ' s ihm taugt , das ist ein Weg zum glückhaften Leben . « » So red ! Was glaubst ? « » Wenn ich ' s nur wüßt ! Ich merk bloß allerlei , was mir nit gefallen will . Krieg ? So eine Katzmauserei ! Und die Maus , mein ' ich , beißt ihren Speck an der Donau . « Malimmes lachte . » Warum sind die Kammerbüchsen und der Troß nit nachgeruckt ? Warum stehen alle Gäul unter Sattel ? Wo rucken die Spießknecht hin , denen man grad davongepfiffen hat ? Mensch , da stinkt was ! Und wenn die zwölf Harnischer , die mich geleiten , nit geheimen Auftrag haben , laß ich mich hängen . Der Hänfene Nummer fünf oder sechse ist mir wohl eh nimmer weit . Mich kitzelt das Zäpfl . « Runotter sagte streng : » Der Herzog wird doch nit ein unschuldigs Ländl ins Elend schmeißen , bloß weil ' s ihm ein Salz auf seiner Suppen ist ? Geh , sei nit so mißträulich ! « » Ja , ja ! Ich bin schon so ein Lumpenkerl . Mein Bruder hat recht . Aber hörst du einen Lärm , so spring mit dem Buben auf die Gaul und reit wie der Teufel auf Plaien zu . Und eh du nit die Kammerbüchsen findest , eh därfst du nit rasten . Mir wär ' s arg , wenn dir und dem Buben was zustoßen tät . « Malimmes führte sein erbeutetes Herrenroß in die Sonne heraus . » Und laß dir was sagen ! Tapferkeit ist ein schönes Ding . Aber aufmucken wider einen Berg , der umfallt ? Gott hat die Menschleut nit erschaffen , daß sie Mus werden . « Er stieg in den Sattel . » Und jetzt soll ' s kommen , wie ' s mag . Ich wehr mich . « Malimmes ritt in den Hausflur , umklammerte die Hand des Jul und sagte mit einem wunderlich klingenden Lachen : » Sonst red ich allweil , was ich selber denk . Jetzt schwätz ich nach , was dir einer in Plaien hat sagen müssen : Geb ' s Gott , daß wir uns morgen die Hand wieder bieten können ! « Ein heißer , sehnsüchtiger Blick . Dann versetzte Malimmes dem Gaul einen Faustschlag und ließ ihn hinausklappern auf die Straße . - Das wurde ein flinker Ritt . Im Tal der Ramsau , vor dem Einfluß des rauschenden Windbaches in die Ache fand Malimmes eine Schanze aufgeworfen , die den Zugang zum eroberten Lande des heiligen Zeno gegen Berchtesgaden sperren sollte . Söldner des Reichenhaller Stiftes und Burghausener Spießknechte hielten Wache und beaufsichtigten die Arbeit . An die dreihundert Leute - Männer , Weiber und halbwüchsige Buben - waren beim Werk , schleppten Felsbrocken und fällten Bäume . Malimmes erkannte unter den Schanzleuten viele Ramsauer . Der lange , magere Fischbauer , den sie hinter dem Seppi Ruechsam zum Albmeister gemacht hatten , stand im Bach und half bei der Arbeit am hängenden Pfahlrost , mit dem die Ache gesperrt wurde . Und einer , der über dem Wasser drüben zimmerte ? War das nicht der Mareiner vom Taubensee ? Malimmes schrie den Namen des Bruders . Bei dem Lärm des Wassers hörte Mareiner die Stimme nicht gleich . Dann lachte er , kam auf einem Baum , der den Bach überspreizte , flink herübergegaukelt und streckte Malimmes froh die Hand hinauf : » Gottes Gruß , Bruder ! « » So ? Bist wieder im Land ? « » Seit gestern abends . « » Wie geht ' s der Mutter ? « » Nit schlecht . Mein Weib ist doch auch wieder mit heim kommen . « Etwas Helles glänzte in den Augen des Bauern . » Die Meinig ist eine gute Seel . Da hat die Mutter wieder ihr Sach , wie ' s sein muß . Bloß ein lützel unsinnig tut das alte Weibl . Allweil sucht sie vier Goldpfennig , die sie vom Marimpfel haben will . Ich weiß nit , was sie meint . « Malimmes fragte rauh : » Sind die andächtigen Bittgänger gern wieder heim ? Oder ist ihnen der heilig Zeno ein lützel spießig worden ? « » Die meisten hat man treiben müssen . Ich bin gern gegangen . « Mareiner redete ruhig , wie ein verständiger Mensch . » Jetzt ist die Ramsau zenonisch . In eine Ordnung , die neu ist , muß man sich schicken . Herr ist Herr . Schlechter wird ' s auch nit sein . Eher besser . Einen Vortl hab ich schon verschmeckt . « Der Bauer streckte sich stolz . » Jetzt bin ich Erbrechter . « » Was bist ? « fragte Malimmes verblüfft . » Erbrechter ! Vierzig Pfund Pfennig hab ich gegeben . Der heilig Zeno braucht Geld und hat ' s billig gemacht . Und morgen , da krieg ich wieder Küh und Säu . Wohl , Bruder ! Jetzt ist mir mein Haus wie Haut und Mantel . Noch gestern vor Nacht hat der hochwürdige Herr Franzikop meinen Erbrechterbrief gesiegelt . Jetzt bin ich wer . Und kann mitreden . « Ernst sagte Malimmes : » Gott soll dir ' s geben , daß es bleibt ! « Er dämpfte die Stimme . » Sei fürsichtig , Bruder ! « » Es wird schon bleiben ! « nickte Mareiner mit ruhiger Heiterkeit . » Ich hab ein Zeichen . Krieg ist ein schieches Ding . Aber hinter dem Mist wachsen Blumen . Weißt , im reichen Hall drüben , im Geläger , da hat man Zeit gehabt und ist allweil beieinander gewesen . Und viel gebetet hat die Meinig auch . Da hat sich der heilig Zeno gnädig erwiesen . Jetzt weiß ich , warum ich Erbrechter bin . « Mareiner lachte froh . » Ich mein ' das gibt einen Buben . Bei uns im Haus hat ' s allweil Buben gegeben . « Ein Söldner des heiligen Zeno befahl dem Bauer : » Geh schanzen ! Oder du kriegst einen Merk . « » Ich geh schon , Mensch ! « sagte Mareiner freundlich . » Ich bin ein Williger und tu , was Recht ist . « Mit frohen Augen grüßte er den Bruder und gaukelte auf dem schwankenden Baum über den Bach hinüber . Als Malimmes den Gaul wandte , sah er , daß der Fürmann der Harnischreiter leis mit dem Sergeanten der Burghausener Spießknechte schwatzte . Die beiden wurden stumm , als sie merkten , daß sie dem Bauernsöldner auffielen . Im Weiterreiten fragte Malimmes : » Was hast du getuschelt mit dem ? « Der andere lachte . » Blas nit , was dich nit brennt ! « » Recht hast ! « murrte Malimmes . » Viel Feuer ist , von dem ein Stank aufgeht . Blast man hinein , so wird ' s noch ärger . « Er sah über den rauschenden Bach zum anderen Ufer hinüber , wo der glückliche Mareiner fleißig zimmerte . » Harnischer ? Weißt du , was Glück ist ? « » Was man im Sack hat . « » Nit wahr ist ' s ! Glück ist , was man glauben kann . « Das Wort spann sich weiter in den Gedanken des Malimmes . Immer sah er die frohen Augen des Bruders . Der glaubte ! Sein Erbrecht , sein Weib , sein keimendes Kind . Für den Mareiner gab es was anderes nimmer . Alles Gewesene war versunken für ihn . Keine Frage um die Landsnot , keine Frage nach dem Runotter ! Was ging den glücklichen Mareiner das Elend des Runotter an ? Da droben auf dem grünen Hügel lag das Grab des Jakob ; ein mächtiger Aschenhaufen mit schwarzen Balkenstrünken . Wie finstere Riesenhände mit gespreizten Rußfingern ragten die verkohlten Ulmen in das schöne Blau des Himmels . Kleine Vögel flatterten vergnügt um die schwarzen Äste . Und auf dem Aschenhügel keimte schon wieder das Grün , Unkraut und Gräser , alles durcheinander . Wer hatte den Samen dieses neuen Lebens ausgestreut ? Der Herrgott ? Oder die Raubleut des heiligen Peter ? Ein wirrer Lärm quoll über die Straße her . Der Hof des Leuthauses wimmelte von Bewaffneten , von kreischenden Dirnen und Gaunern . Der dicke Leutgeb mit dem Doppelkinn mußte seinen Wein im Hof unter den Bretterdächern ausschenken , denn in der großen Leutstube amtete Franzikopus Weiß mit zwei Schreibern , um die Pflegschaft des heiligen Zeno in der eroberten Ramsau einzurichten und die neuen Lehensregister , die Holdenbücher und Wehrlisten anzulegen . Scheue , Bauern gingen aus und ein . Boten kamen und rannten davon . Ein feines Staubgewirbel war in der Stubenluft , und scharf begrenzte Sonnenstrahlen fielen durch die kleinen Fenster herein . Der Brief , den Malimmes vom Hauptmann Grans überbrachte , schien den klugen Staatsmann des heiligen Zeno in schlechte Laune zu versetzen . Doch bevor Franzikopus zu Ende gelesen hatte , zeigte er schon wieder das Lächeln des Weisen , der überzeugt ist , daß er es mit einem Dummen zu tun hat . Gnädig ließ er sich in ein langes Gespräch mit Malimmes ein und stellte viele Fragen . Manchmal sagte Malimmes die Wahrheit , und das klang immer sehr unwahrscheinlich . Manchmal log er , und das hatte jedesmal einen Ton , der überzeugte . Franzikopus wollte den Söldner schon entlassen . Da fragte er plötzlich : » Kennst du den Fischbauer vom Hintersee ? « » Wohl , Herr ! « » Kann man glauben , was er sagt ? « Malimmes lachte . » Es kommt drauf an , was er redet . « » Wenn er sagt , eine Truhe mit Rechtsbriefen der Gnotschaft wäre verloren gegangen , er wüßte nicht , wie ? « Mit einer Treuherzigkeit , die schlecht gespielt war , beteuerte Malimmes schnell : » Da lügt er . Ganz sicher , Herr ! « » Du weißt doch , der Fischbauer ist Albmeister ? « » So ? « Malimmes machte verblüffte Augen . » Das ist mir neu . « Lächelnd tippte Franzikopus seinen Zeigefinger gegen den Küraß des Malimmes . » Wie man den Seppi Ruechsam erschlagen und den Fischbauer gewählt hat , bist du doch selber dabeigestanden . Warum lügst du ? « Malimmes wurde sehr verlegen . » In Gottes Namen , Herr , man ist doch ein Kind seiner Heimat , der man nicht schaden mag . « » Merk ich . Du kannst gehen . Die Antwort für den Hauptmann sollst du morgen haben . « Als Malimmes die Tür der Leutstube hinter sich zuzog , sprach er drei leise Worte : » So ein Hornochs ! « Draußen im Hofe sah er den Ältestmann der Gnotschaft stehen . Das Männlein war bleich und zitterte . Malimmes , im Vorübergehen , flüsterte : » Sag dem Fischbauer , er soll hocken bleiben , wo er hockt , der Fuchs ist irr in der Fährt . « Er trat zu einer Zehrbude , goß einen Stutz Wein hinunter und kaufte ein Stück Selchfleisch . Das aß er im Sattel , während er die Straße gegen den Taubensee hinaustrabte . Friedliche Sonnenstille lag um das Erbgut des glücklichen Mareiner . Keine Schweine , keine Schafe , keine Kühe . Nur ein paar Hennen waren seit dem Besuch der Raubleute noch übrig und gackerten vor dem leeren Stall , weil sie den Hahn vermißten . Unter dem leis rauschenden Gezweig einer Ulme saß die alte , weißhaarige Frau in dem grobgezimmerten Holzsessel , das Gewand verwüstet und zerrissen . Ihre Augen glitten ruhelos umher , und die dürren , gichtisch verkrümmten Hände machten fahrige Bewegungen , als möchte die alte Frau sich an der Wade kratzen und fände die richtige Stelle nicht . Weder Freude noch Verwunderung war in ihrem Blick , als sie den Malimmes aus dem Sattel steigen und seinen Gaul an eine Zaunlatte binden sah . Jetzt kam er und strecke die Hände nach der Mutter . Daß er redete , hörte sie nicht . Und als wäre er nur ein bißchen ums Haus herumgegangen , fragte sie » Hast du ihn noch gesehen ? « » Wen , Mutter ? « » Meinen Buben ! « In ihrem Blick war es wie Rausch oder Fieber . » Grad ist er dagewesen . « » Ich hab ihn gesehen , Mutter ! « » Gelt ! Heut ist er nit stehen geblieben beim Zäunl . Lang ist er bei mir gewesen . Und hat mir - « Sie wurde ungeduldig . » So komm doch her , du ! Und tu dich bücken ! Oder bist du auch so dumm wie der Mareiner ? « » Das glaub nit , Mutter ! Ich bin gescheit . « » So bück dich ! Und such ! Da , in den Strumpf mußt du greifen . Da ist sein Goldpfennig drin . Ich spür ihn allweil . Unter der Fers muß er liegen . Und der ander bei der großen Zeh . Hast ihn ? Hast ihn ? « Malimmes hatte sich niederfallen lassen auf die eisengeschienten Knie . Um den Goldpfennig zu finden , brauchte er nicht in den Strumpf der Mutter zu greifen ; er fand ihn im eigenen , Hosensack . » Da ist er , schau ! « Auf der flachen Hand hielt er der Mutter eine gelbe Münze hin . Die verkrüppelten Hände griffen zu , so flink , wie die Klauen eines Habichts greifen . Ein leises , glückliches Lachen . » Wo ist der ander ? Such ! Such ! « » Ist schon da , Mutter ! Schau ! « Die Augen der alten Frau bekamen den Blick eines heiteren Kindes . Immer ließ das lachende Weiblein die beiden blinkenden Münzen von einer Hand in die andere rieseln . » Such ! Es fehlen noch zwei . « Er suchte . Und da fand sich auch der dritte Goldpfennig . Einen vierten hatte Malimmes nimmer . Die alte Frau wurde zornig . » So such doch , du ! « » Mutter , jetzt hat ' s ein End . « Sie sah ihn mißtrauisch an . » Gleich tust ihn hergeben ! Dich kenn ich . Wie du fortgelaufen bist , hat der Vater fünf Heller gemänglet . « » Ja , Mutter ! Die hab ich gestohlen ! « » Bist allweil ein schlechtes Kind gewesen ! Du ! Allweil ! « Und da wußte sie schon nimmer , daß er noch da war . Immer spielte sie mit den Goldmünzen und kicherte vor sich hin . Malimmes saß auf seinen Waden , ließ die gepanzerten Arme schlaff herunterhängen und sah die Mutter an , als wäre das alte , fröhliche Weiblein eine unbegreifliche Sache . Jetzt begann er müde zu lachen . Und plötzlich mußte er aufschauen . Er hatte was gehört , vom Haus herüber , die Mareinerin , mit einem Wasserzuber , hatte aus der Tür treten wollen und war beim Anblick des Kriegsmannes in das Dunkel des Flurs zurückgewichen . Sich stützend , als wären ihm alle Gelenke zerbrochen , stand Malimmes auf und ging zum Haus hinüber . Auf der Schwelle blieb er stehen und sah das stumme , mißtrauische Weib an . » Mußt dich nit fürchten ! Bloß ich bin ' s. Gelt , du hast halt noch allweil den Schreck im Blut ? « Die Bäuerin sagte zornig : » Ich versteh nit , was du meinst . « » Freilich ! Was man schreien hat hören selbigsmal in der Nacht , das sind die Säu gewesen , die euch die Raubleut totgestochen haben . « » Bist narrisch , du ? « Sie stellte den Zuber hin und stemmte die Fäuste an den Schürzenbund . » Ich weiß nit , was du meinst ! Selbigsmal in der Elendsnacht , da bin ich versprungen . Flinker als der Meinig . Das weiß er selber . Und bis der Meinig hinübergekommen ist über den Berg , da bin ich lang schon drüben gewesen im Haller Geläger . Wohl ! Und bin vor Angst um den Meinigen schier verstorben . Wohl ! Das können hundert bezeugen . Und der Meinig auch . « Ernst nickte Malimmes . » So ist ' s ! Recht hast du und dein Glück . Von denen , die anders sagen könnten , ist die Hälft schon totgeschlagen . Und mit der anderen Halbscheid dauert ' s nimmer lang . Mußt nit Angst haben . « Sie wollte sprechen und brachte kein Wort heraus . Sein seltsamer Ernst machte sie schweigen . » Ich tu dir Glück wünschen ! « Er redete ruhig vor sich hin . » Soll ' s sein , wie ' s mag - Mutter ist Mutter - noch allweil mein ich , es ist das Beste . Tu dich freuen , Schwägerin ! Mich brauchst nit fürchten . Ein Glück rührt man nit an . Oder man müßt ein Lauskerl sein . Ich geh gleich , weißt ! Möcht bloß ein Zeitl bei der Mutter bleiben . Und rasten ein lützel . Nachher reit ich wieder . Ist das letztemal gewesen , daß ich kommen bin . Behüt dich , Schwägerin ! Tu mir den Bruder grüßen ! « Langsam , in seinem klirrenden Eisen , ging er zu der alten weißhaarigen Frau hinüber , die nicht merkte , daß er kam . Schweigend ließ er sich nieder ins Gras und lehnte den Kopf gegen den Schoß der Mutter . Immer spielte sie mit den drei Goldpfennigen . Und nun war es wie Schmerz in ihrem Gesicht . Heftig schob sie die verkrümmte Faust gegen den Kopf des Malimmes hin und sagte klagend : » Du tust mich drucken . « Er nickte . » Gelt , ja ? « Und stieß einen Laut vor sich hin wie ein Räuspern . Dann sprang er auf , daß seine Wehrstücke rasselten . Ein tiefer Atemzug . Schweigend streifte er die Hand über den weißen Scheitel der alten Frau . Und rasch sich wendend , ging er auf den Gaul zu , riß den Zügel von der Zaunlatte los und sprang in den Sattel . Keuchend jagte das Roß gegen die Straße hin . Malimmes ritt über das Wiesengehänge zu den Schwarzecker Höfen hinauf und gegen den Totenmann . Auf der Schneide des Waldberges hielt er an . Von dieser Höhe hatte er freien Ausblick . Er koppelte den Gaul an eine lange Schnur und ließ ihn grasen . Dann setzte er sich auf die Erde hin , nahm den Kopf zwischen die Fäuste und spähte gegen Berchtesgaden hinaus . In der Sonne des reinen Tages war ein blauer und grüner Traum von Schönheit um ihn her . Aber Malimmes sah nur den kleinen , bunten , wirren Häuserfleck da draußen im Tal . Ein glühender Abend sank . Den Gaul führend , stieg Malimmes in die Ramsau hinunter . Es wurde finster , bis er das Leuthaus erreichte . Einige Zecher saßen noch beim Kienlicht in den Bretterbuden . Überall hörte man den Schritt von Wachen . Die Zelttücher pluderten im Nachtwind , und schlafende Spießknechte , in ihre Mäntel gewickelt , lagen um die halb erloschenen Feuer her . Im Garten standen die Pferde der zwölf Harnischer unter Sattel . Malimmes koppelte seinen Gaul an einen Baum , nahm den Mantel und legte sich ins Gras . Er fand keine Ruhe . Wieder und wieder hob er den Kopf und lauschte in die Nacht hinaus . Erst gegen Morgen , als bei spätem Mondlicht die Sterne zu verblassen begannen , zerbrach ihm die Müdigkeit den Willen und drückte ihm einen bleiernen Schlummer auf die Augen . Im Grau des jungen Tages weckte ihn plötzlich ein wirrer Lärm . Den Hof des Leuthauses füllte ein aufgeregtes Gewühl von Menschen und Pferden , irgendwo kreischte die weibische Stimme des hochwürdigen Herrn Franzikopus , der zu befehlen schien , was niemand befolgte - und aus weiter Ferne dröhnte der dumpfe Donner eines schweren Geschützes . » Holla ! Die Supp ist gar ! « Mit diesem Schrei sprang Malimmes zu seinem Gaul hinüber . Ein Ruck an den Gurten , dann saß er im Sattel , mit dem Bidenhänder vor der Brust , in der Hand das blanke Kurzeisen . So jagte er durch den Hof des Leuthauses . Er sah noch , wie Herr Franzikopus sehr aufgeregt mit den Armen winkte . Und einen der zwölf Hämischer , die gerade davontrabten , hörte er auf der Straße schreien : » Höi ! Mit uns ! Befehl des Hauptmanns : durch das Schwarzenbachtal nach Plaien ! « Malimmes brüllte : » Reitet dem Teufel zu ! « Und riß den Gaul herum , gegen die neue Schanze beim Windbach . Er wußte , daß er eine nutzlose Dummheit machte , die ihn Freiheit und Leben kosten konnte . Aber machen mußte er sie , mußte sich wehren gegen einen fallenden Berg , mußte mit dieser sinnlosen Tapferkeit lächerlich werden vor sich selbst . Auch bei der Windbacher Schanze war Aufruhr und Streit , die Spießknechte des Herzogs wollten nach Plaien abmarschieren , die Söldner des heiligen Zeno wollten es hindern . Malimmes ritt in den Schwärm hinein und schrie : » Das Schanzentor auf ! Ich muß nach Kundschaft reiten . Herr Franzikopus hat ' s geboten . Gotts Teufel , das Tor auf ! « Man hob die Sperrbalken , und Malimmes jagte über die freie Straße hinaus . So lange der Wald dauerte , mußte der Gaul rasen , als hätte er Feuer unter dem Schweif . Bei den freien Wiesen der Strub waren die Kräfte des Tieres erschöpft . » In Gottsnamen , so verschnauf ! Ist doch eh ein Unsinn ! « Bei dieser klugen Einsicht brannten dem Malimmes die Augen vor Sorge . Immer lauschte er und spähte . Nichts war zu hören , nichts zu sehen , was seine Sorge hätte mehren können . Diese kühle Helle kam wie schöner Friede . Nur über den steilen Wiesen droben , wo die Straße zum Hallturm liegen mußte , dampfte ein graues Gewoge . War ' s Morgennebel ? Oder die Staubwolke eines Reitertrupps ? Dem Malimmes kam wohl der weise Gedanke , den Gaul über das Gehänge hinaufzuführen und die nach Plaien laufende Straße zu suchen . Da wäre er seines Lebens sicher gewesen . Das wußte er . Und dennoch begann er wieder den erschöpften Gaul zu treiben und hetzte über die Straße hin , die nach Berchtesgaden und zum Haus des leidenden Amtmanns führte . Er kam an niedergebrannten Höfen vorüber , an einer Staude , bei der zwei übelriechende Schläfer lagen , erschlagene Bauern , von deren Leibern beim Nahen des Reiters ein Krähenschwarm davonflatterte . An solche Bilder war Malimmes gewöhnt . Sie hielten ihn nicht auf . Und er hatte zu denken . Immer mußte er sich fragen , wie die herrische Katzmauserei dieses Morgens zusammenhinge ? Und warum er , seit er aus dem Windbacher Wald herausgeritten , das Gebrüll jenes fernen Geschützes nimmer hörte ? Alles meinte er zu verstehen . Dieses ganze Grausen der letzten Tage war nur eine landshutische Fopperei wider den Ingolstädter . Der hat jetzt aufgemuckt , und sein Bundeskamerad , der Salzburger , hat für den heiligen Peter das Eisen aus dem Leder getan . Und der Seipelstorfer und der Grans , die sind beim ersten Gepummer einer Salzburger Hauptbüchse auf die Gaul gesprungen . Und hinter den gescheiten Hauptleuten ist der liebe Bub mit den Seinen schon lang davongejagt , gegen den Hallturm hinaus , dorthin , wo die vorsichtigen Kammerbüchsen geblieben . So war ' s ! Aber es konnte auch anders sein . Und drum wußte Malimmes , daß sein dummes Herz keine Ruhe finden würde , bevor seine Augen nicht das Haus der Frau Marianne gesehen hatten . Nun plötzlich hörte er beim Rauschen des Baches einen wunderlichen Lärm . Wie ein wildes Gelächter von tausend Menschen war ' s. Und das mußte irgendwo da droben gewesen sein , beim Stift da droben . Und war schon wieder erloschen . Oder war es nur untergegangen im Hall der Glocken , die zu läuten begannen ? Etwas Hastiges war in diesem Geläut . Es klang nicht so , wie Glocken klingen , die zum Frieden läuten . Malimmes hetzte den keuchenden Gaul . Jetzt kam die Wende der Straße . Und im gleichen Augenblick - von der anderen Seite her , auf dem Karrenweg , den Herr Konrad Otmar Scherchofer bei der Heimkehr von der Salzburger Provinzialsynode vorsichtig gewählt hatte - erschien in Wirrenden Trab ein großer Reitertrupp : Gadnische Hofleute mit vielen Harnischern in den Salzburger Farben . Hinter der Vorhut ritt Herr Peter Pienzenauer , schwer gepanzert , zwischen dem Salzburger Stadthauptmann Hochenecher und einem schlanken Ritter in flämischer Rüstung , mit zwei Fasanenflügeln auf dem schimmernden Helm . Die Vorhut stutzte , als sie den Malimmes gewahrte , der sich im Sattel vorbeugte . Er peitschte das röchelnde Tier hinauf über die steigende Straße , die neben der Mauer des Hirschgrabens zum Marktplatz von Berchtesgaden führte . Mit Geschrei und Gerassel , unter dem klingenden Geläut der Glocken , jagten gleich an die Zwanzig hinter ihm her . Gebückt , mit hauenden Sporen , das Eisen zum Schlag bereit , sah Malimmes über die Schulter . » Höia ! Jetzt wird die Supp gefressen ! Ich Rindvieh ! « Doch sein erschöpfter Gaul war unter dem Schmerz der Sporen noch schneller als die Gäule der Reiter , die hinter dem Fliehenden herjagten . Beim schönen Klang der Glocken ein kreischender Lärm . Der ganze Marktplatz war angefüllt mit Salzburgischen Spießknechten . In diesen Häuf von Fleisch und Eisen prellte der gehetzte Gaul des Malimmes hinein . Schon wollte sich unter dem Geschrei der Zurückweichenden eine Gasse öffnen . Da klangen die Stimmen der nachhetzenden Reiter : » Nieder den Lump ! Nieder ! Nieder ! « Ein wirres Gemenge , ein Hauen und Stechen . Einer stieß dem taumelnden Gaul den Langspieß in die Brust . Im Stürzen riß Malimmes den Bidenhänder vom Küraß weg . Er stand . Ein Blitz in der Sonne . Die mächtige Klinge warf einen Spießknecht über den Hals des Gaules hin , warf einen anderen zurück in den kreischenden Häuf - ein Gewühl von Rossen - eine Klinge funkelte über einem schimmernden Helm mit zwei Fasanenflügeln - und plötzlich sah Malimmes unter der Nasenstange dieses Helmes ein Gesicht , das er kannte - das er gesehen hatte , als der bucklige Tod vom Hängmoos zum Ramsauer Leuthaus geritten kam . Und da wurden dem Malimmes die Arme schwach . Er konnte nicht schlagen , parierte nur den Hieb , der auf ihn niedersauste , ließ den Bidenhänder fallen , hob die entwaffneten Arme und keuchte : » Herr Someiner ! Euch geb ich mich auf Gnad ! « Von der Seite und vom Rücken droschen noch ein paar Hiebe auf den Panzer des Wehrlosen her , sein Eisenhut klapperte davon , ein Büschel Haare flog ihm vor den Augen vorbei - und dann war ein geschienter Arm über ihm und eine heisere Jünglingsstimme schrie : » Der Mann ist mein ! « Grobe Fäuste faßten den Gefangenen und zerrten ihn unter Geschrei und Flüchen gegen das Tor des Stiftes . Im Taumel der Erschöpfung hörte Malimmes die kriegerischen Reden nicht . Er spürte kaum , daß man ihm die Waffenstücke und das Wams vom Leibe riß - spürte nur etwas Warmes und Nasses in seinem Haar , und eine rote Traufe ging ihm über die Augen herunter . Das hinderte ihn ein bißchen in der Betrachtung der Dinge . So viel aber sah er immer noch , daß am Haus des kranken Amtmanns eine weiße Frauenhaube sich aus dem Erker herausstreckte und daß jener schimmernde Helm mit den zwei Fasanenflügeln im Tor verschwand . Dieser Anblick hätte die törichte Sorge des Malimmes beruhigen können . Trotzdem geriet er in eine sehr verdrießliche Stimmung ; denn ehe die schreienden Kriegsknechte den Gefangenen , der nur noch das Hemd und die Reithosen hatte , in das Stiftstor hineinstießen , gewahrte er den hohen Galgen , den Herr Seipelstorfer neben dem Marktbrunnen hatte errichten lassen . Der Querbalken hatte schwer zu tragen . Die drei Berchtesgadnischen Faustschützen von jenem schönen Abend hatten an diesem klaren Morgen bereits erkleckliche Gesellschaft bekommen . Der Sergeant von Plaien war dabei . Wie im Krankenflur des Stiftes , so hielten Freund und Feind auch hier in friedlicher Eintracht zusammen . Malimmes zählte vierundzwanzig schwebende Beine . Obwohl er erleichtert aufatmete ; weil ihm der Plaien ' sche Sergeant unter diesen erhöhten Schläfern der einzige Bekannte war , murrte er doch sehr nachdenklich vor sich hin : » Guck ! Da komm ich als Dreizehnter ! « Nun stand er , während die Glocken noch immer läuteten