. Eine leise Wehmut beschlich ihr Herz , als sie in Manfreds Arbeitszimmer über diesem Plan einig wurden . Nun würde also nicht mehr sie , nun würde eine andere - Eva , - hier an diesem Tisch sitzen , der schräg gegenüber von Manfreds Schreibtisch stand ; nun würden die Blicke einer anderen auf seinem Gesichte ruhen . Während sie so dachte , trug Manfred einige Notizen in ein Heft ein , und ihre heimlichen Blicke konnten sich nicht losreißen von dem Glanz seines Haares , der da über der dunklen Platte des Schreibtisches lag . Sie sah sein halbbelichtetes , geneigtes Gesicht , die Augen blieben unter den gesenkten Lidern ; und klopfenden Herzens wartete sie darauf , daß er den Kopf heben und seinen Blick , dessen tiefes Strahlen sie immer wieder erschütterte , ihr zuwenden würde . Eine andere sollte hier sitzen ... war es nicht gut so ? Sie fühlte , daß sie sich nicht ruhig an die Arbeit verlieren konnte , - hier , in seiner Nähe . Als sie Manfreds Arbeitszimmer verließ , ging sie hinüber , in den Salon der alten Frau . Frau Wallentin erwartete sie , wie immer , am Teetisch . Justus war da , und Inge , und auch Stanislaus wartete hier auf eine Unterredung mit Manfred . Es war da noch eine Dame , die sie bisher nicht hier gesehen hatte . Diese Dame wurde als Frau Wallentin vorgestellt . Es war eine große , schlanke Erscheinung mit blassem , ovalem Gesicht , das einen gespannten , matten Ausdruck hatte , der an übernächtliche Ermüdung erinnerte . Ein irritierter , beinahe gekränkter Zug lag um den Mund . Das Gesicht mochte einst reizvoll gewesen sein ; besonders rein war die Profillinie . Sie war schwarz gekleidet , das Kleid zeigte einen streng stilisierten Schnitt , die Ärmel flatterten weit , fast flügelartig . Auf dem Kopfe trug sie eine runde , schwarze Kappe , auf der zwei Rabenflügel , weit auseinandergefaltet , flach auflagen . Während Olga zum Büffett ging , um von da eine Teetasse für sich zu holen , folgte ihr Justus und flüsterte ihr zu : » Lucinda « . Frau Lucinda Wallentin verabschiedete sich bald . Bevor sie ging , lud sie die Geschwister dringend ein , sie zu besuchen . » Jeden Donnerstag Abend « , sagte sie mit ihrer flüsternden Stimme , die sich nie zu voller Kraft erhob . Als sie gegangen war , sagte die alte Frau : » Das ist die Gattin meines Sohnes Manfred ... vielmehr die einstige Gattin , denn sie sind jetzt geschieden . « » Sie müssen wissen , « fügte Justus hinzu , » daß diese Scheidung nichts anderes bedeutet als eine Formalität ; denn die beiden waren schon , bevor Manfred noch auf Reisen ging , auseinander . Lucinda legt aber großen Wert darauf , den Verkehr mit der Familie aufrecht zu erhalten , - sie hat auch eine Anhänglichkeit an meine Mutter , die von ihrer Entfremdung mit Manfred unberührt blieb . « » Arme Frau « , dachte Olga . » Sie hat diesen Mann besessen und hat ihn wieder verloren . « Sie erfuhr an demselben Abend , woran diese Ehe gescheitert war . Als sich Manfred und Lucinda kennen lernten , - im Hörsaal für Philosophie - waren sie so nahe aneinander , als junge Menschen , die ihre wahre Gravitation noch nicht wissen und die eine Neigung zueinander fassen , es sein können . Dann waren sie allmählich gewachsen - und jeder in einer anderen Richtung . Zusammen gedachten sie in ihren Studien weiter zu gehen und rückten nur immer ferner voneinander ab . Beide glaubten an einen sinnvollen Weltplan , nur hieß er für Lucinda » Bestimmung , Fatum , « - für Manfred » Notwendigkeit « ; wo sie Zwecke sah , erkannte er Ursachen . Und in aller Zwecklosigkeit sah er dennoch ein Erhabenes , weil in seinen Folgen Berechenbares . Diese seine Überzeugung von der Zwecklosigkeit , aber strengen Folgerichtigkeit allen Geschehens , von dem Fehlen eines absichtsvollen Weltgeistes , - ließ sie schauern und fliehen . Ihm bedeutete der Naturgeist - Gott , erhaben in seiner Kälte und Absichtslosigkeit , in seiner ehernen Folgerichtigkeit , die denen , die ein Vertrauen zur Logik der Tatsachen gewannen , ein sicheres Welt-und Lebensgefühl übermittelte ; sie konnte nicht bestehen , ohne an Determinationen zu glauben , die apriorisch die Erscheinungen schoben . So erzählte die alte Frau Wallentin von den Kämpfen , die Manfreds und Lucindas Jugend erfüllt hatten . Mehr und mehr hatte sich ihrer beider Wahl als ein Irrtum enthüllt . Dazu kam noch eines : Lucindas Unvermögen zur Produktion der stärksten weiblichen Gefühle . Frauenliebe war ihr fremd . Nur in eine geistige , von den Nerven abgestimmte Beziehung konnte sie überhaupt zu Menschen geraten ; aber Affekte der Leidenschaft , des Gemütes oder der Sinnlichkeit vermochte sie in sich nicht zu erzeugen , - eine Erscheinung , die indirekt auf eine Verbildung des sympathischen Nervensystems zurückgeführt wurde . Dazu kam noch , ihre Vorliebe zu solchen , die gleich ihr , an einem Defekte litten , der sich in einer Verbildung des geistigen und seelischen Lebens kund gab , die ein Manko oder eine Wucherung in ihrem innersten Nerven- und Seelenleben bargen . Als Olga dies hörte , war sie verblüfft : dieser Zustand bedeutete ja eine Reinkultur dessen , was ihr Cousin Diamant - in freier Bildung des Begriffes - als - - lemurisch bezeichnet hatte . Sie müßte Lucindas Einladung annehmen , meinte Justus ; in ihrem Salon würde sie erst sehen , - wie notwendig Manfreds Werk sei , - wie notwendig es ist , die Gesetze festzulegen , die die Entstehung von mehr normalen , tauglich-ganzen Menschen gewährleisten . » Die Überladung der Gesellschaft mit Minderwertigen , Lächerlichen , in ihren vitalsten Instinkten Zerbrochenen , - dort , im Salon Lucinda , finden Sie sie aufs lebendigste veranschaulicht . « So lockte sie Justus . » Freilich ist dort nur eine gewisse Auslese jener Minderwertigen und Verbogenen zu finden , - nämlich die intellektuelle Auslese . Die brutalen , gefährlichen Entartungen , - Verbrecher und Ganznarren - finden Sie natürlich dort nicht ; nur jene , die , in ihrem Instinktleben lädiert , dabei dennoch - zu denen gehören , deren Leben unter dem Zeichen irgendeiner geistigen Strebung steht . Kommen Sie doch am Donnerstag , ich führe Sie dahin , - Sie werden Wunder sehen ! Wir bleiben nicht lange , - ist auch nicht nötig . Ich führe Sie im Flug durch den Salon Lucinda , - erkläre Ihnen alles und alle , denn ich kenne sie ; ich führe Sie , - wie Mephisto den Faust durch die Walpurgisnacht ! « Bis spät nachts dachte Olga über diese Einladung nach . Schon im Bette liegend , wollte ihr das Bild Lucindas und ihres mutmaßlichen Kreises nicht aus dem Sinn ... » Warum nicht hingehen « , dachte sie , - » auf nach Lemuria ! « - - - Es war ein Donnerstag , und sie standen vor dem Eingang eines eleganten Mietshauses am Kurfürstendamm , wo Lucinda wohnte . Sie erwarteten Justus . Stanislaus hatte seine Braut mitgebracht , worum er gleich bei der Einladung gebeten worden . Da kam auch Justus mit Inge , die schon von fern ihnen zulachte . Während sie über die breite Treppe des Vorderhauses hinaufgingen , fragte Justus : » Sie haben gewiß von den Polizeihunden gehört , nicht wahr ? « Und , als man bejahte , fuhr er fort : Natürlich , - die Welt ist jetzt voll von deren Ruhm . Von diesen genialen Züchtungsprodukten biologisch hochwertiger Paarungen habe ich unter der Bezeichnung reden hören : » Hunde von Blut und Passion . « Man war zwei Treppen hoch gestiegen und stand still , um Atem zu schöpfen . » Und diese Bezeichnung trifft den Nagel auf den Kopf . Sie werden gehört haben , wie diese Tiere von Blut und Passion selbst dann , wenn Schüsse und Keulenhiebe sie bedrohen , nicht abzuschrecken sind von den Taten , zu denen ihre genialen Instinkte , ihre hochentwickelten Sinne sie führen . « Man stand oben im Flur der dritten Etage . » Und wissen Sie , warum ich Ihnen das sage ? Weil Sie jetzt das gerade Widerspiel davon sehen werden . Sie werden hier Wesen sehen , - scheinbar ohne Blut , ohne Passion , ohne echten Affekt und erschreckbar selbst durch jeden Alarmschuß , den das Leben abgibt . « Er hatte inzwischen geklingelt , und ein Diener öffnete . Man legte in der Garderobe ab . Trotz der vorgerückten Jahreszeit schien der Jour Lucindas sehr gut besucht , denn die Garderobe war voll von Hüten , Schirmen , Stöcken , leichten , sommerlichen Umhüllen . Sie traten in einen großen Salon , der eine Art von Ateliereinrichtung hatte . Verschiedene antike Stücke waren da zusammengestellt , verschleierte Ampeln beleuchteten die Szenerie . Auf einem Sockel , in der Mitte des Saales , thronte ein indisches Götzenbild , von grotesker Scheußlichkeit , mit glühenden Smaragdaugen . An einer Wand hing , allein für sich , ein riesiges Pentagramm , aus schwarzem Tuch geschnitten . Der Diener ging herum und reichte auf einem Tablett Gläser , die mit einer grünlichen Flüssigkeit , in der ein Strohhalm steckte , gefüllt waren . » Man trinkt hier Absinth « , flüsterte Justus . Lucinda stand in einer fernen Ecke des Salons und nickte den Eintretenden flüchtig zu . » Es darf Sie nicht wundern , wenn sie Ihnen nicht entgegenkommt , das tut man hier nicht . Jeder bleibt sich selbst überlassen , und es ist seine Sache , Anschluß zu finden oder auch nicht ; es bilden sich hier zumeist Kreise , in die Aufnahme zu finden man versuchen kann ; jeder kann das halten , wie er will ; in dieser Beziehung ist man hier gänzlich ungeniert . « Lucinda war diesmal in einem weißen Gewand , von mönchischem Schnitt , das mit einem schwarzen Strick gegürtet war . Das Haar hing in zwei Zöpfen , die seitlich über den Ohren geflochten waren , vorn über die Schultern herunter . Um die Stirn war eine schwarze Binde gelegt und fest um den Kopf gespannt . Ein großer , dunkler Edelstein , von tropfenförmiger Gestalt , - es mochte eine schwarze Granate sein , - war an die Binde genäht und hing auf der Stirn bis zur Nasenwurzel herab . An den ersten Salon schloß sich noch eine Flucht von Zimmern , die alle ähnlich möbliert waren ; nirgends sah man ein modernes Möbelstück . Alte , zum Teil sehr kostbare Stücke aus vergangenen Epochen füllten die Räume . Das letzte Zimmer hatte keine Einrichtung . Die Wände waren mit schwarzem Samt , der Boden mit einem weichen , schwarzen Veloursteppich bespannt . Die Decke schien in Flammen zu stehen : sie war mit einem blutroten , schleierartigen Gewebe verhängt , hinter dem rote Lichter magisch glühten . Einige Gestalten , in wallenden Gewändern , hielten sich da an den Händen und bildeten einen Kreis , in dessen Mitte eine in rote Schleier gehüllte Frau einen phantastischen Tanz vollführte ... Im übrigen saßen und standen die Gäste in Gruppen herum . Seltsam unwirklich schien Olga das Ganze ... es sah dem Lebendigen ähnlich , - aber so , wie etwa die Vorgänge , die sich auf der Leinwand des Kinematographen abspielen ... Die Neuangekommenen gingen zwanglos durch die Zimmer . » Sehen Sie dort unter der großen Palme , umgeben von Freunden , jenen dicken , blassen Herrn mit dem langen , wirren Haar , im Frack ? Es ist - der Dichter des Schreckens und - des guten Tons . « » Wie ist das zu verstehen ? « » Er schildert Visionen , in denen grauenhafte Vorgänge der menschlichen Seele , durch absonderliche Vorkommnisse gespenstiger Art , dargestellt sind ; daneben verherrlicht er in langen , philosophischen Artikeln gewisse Gepflogenheiten des guten Tons , der Konvention . Zum Beispiel hat er neulich ein langes Feuilleton über die Sitten geschrieben , die den Frack und die Schleppe als Gesellschaftstoilette vorschrieben ; - - sein Kreis fußt auf der Überzeugung , daß es vor allem die Reize der verschiedenen Torturen sind , aus welchen die höchsten , menschlichen Offenbarungen kommen . Man bedauert in diesem Kreis die Abschaffung der wirklichen Tortur und macht flagellantische Übungen ; böse Lästerzungen haben dafür einen anderen Namen ... Diese Gesellschaft bildet einen geschlossenen Zirkel , der sich die Gestrengen nennt . Dann gibt es noch eine andere Sekte , deren Mitglieder diesen Salon besuchen . Sie nennen sich die Gläubigen und sitzen dort auf jenem Divan - dicht unter dem Pentagramm . « Eine Schar weiß gekleideter Männer und Frauen lagerte hier auf Schemeln , Matten und Kissen . » Es ist eine Sekte , die sich zur Wiederbelebung mystisch religiöser Ritualien zusammengefunden hat . Wohl gemerkt : es handelt sich nicht etwa um alte religiöse Ideen , - sondern um religiöse Gebräuche , die hier , in geheimnisvollen Sitzungen , geübt werden ; sie machen - bei Musik - gymnastisch-religiöse Übungen ; ihr Programm ist die Wiederbelebung jener Kulte , die von Körperverrenkungen begleitet sind . « Im nächsten Salon saß , in der Mitte des Zimmers , ein junger Herr . Er trug einen Samtrock , eine kostbare Brokatweste und gestreifte Hosen ; ein Backenbart umrahmte sein gerötetes Gesicht . Der Herr hatte drei Tischchen vor und neben sich . Auf dem mittleren lag ein Prachtband , aus dem er Gedichte vorlas . Auf dem Tischchen links stand ein Glas Absinth und ein Armleuchter mit sieben brennenden Wachslichtern ; auf dem Tischchen , das er zur rechten Seite hatte , lagen noch mehr Prachtbände aufgestapelt . » Dieser Herr liest hier seine Gedichte im Manuskript « , erklärte Justus . » Im Manuskript ? - Das sind ja dicke Bände ? « » Ja , diese Gedichte gelangten nicht zum Druck , - die Zeit ist nicht reif dafür . Das Innere der Prachtbände sind weiße Blätter , auf denen die Gedichte eigenhändig vom Verfasser niedergeschrieben sind . « Die Gesellschaft setzte sich in die Nähe des Dichters und hörte dem Vortrag zu . Die alltäglichsten Worte waren da seltsam verbogen . Hatte die eine Zeile eine lange Reihe von Versfüßen , so war die nächste nur von einem Ausruf gebildet . Zwischendurch gab der Dichter Kommentare . » Der Reim ist , wie Sie wissen , eine gemeine - oh , eine gemeine Sache , darum wird der Dichter ihm aus Leibeskräften ausweichen ... « Nicht weit von dem Dichter saß eine schöne , junge Frau , die ihm mit großen , hingegebenen Augen lauschte . » Viktoria , « sagte der Dichter und räusperte sich , » ein Glas Tee . « Die schöne , junge Frau stand eilends auf , winkte dem Diener und brachte das Gewünschte . » Das ist seine Frau « , erklärte Justus . » Wie ist es möglich , « sagte Olga , » daß dieses herrliche Geschöpf so - hingegeben lauscht ? « » Das hat einen geheimnisvollen Grund « , sagte Justus . » Wollen Sie uns den nicht anvertrauen ? « Justus neigte sich vor und flüsterte , hinter der verhaltenen Hand : » Sie ist dumm . « In einer andern Gruppe saßen junge Damen mit glatt gescheitelten Haaren , die über den Ohren in riesigen Schnecken lagen , mit weit aufgerissenen , extatisch funkelnden Augen , von dürftigem , fast schwindsüchtigem , körperlichen Habitus . Zwischen ihnen ein junger Mann , der ein Buch vor sich liegen hatte , das er Seite für Seite mit ihnen durchging . Die Damen machten sich Notizen . » Kiebitze der Literatur « , erklärte Justus . » Selbst steril , verfolgen sie , bis in die kleinste Zuckung , das Schaffen der anderen . « Einsam in einer Ecke saß eine lange , hagere , düster drapierte Gestalt . Erst bei näherem Hinblicken merkte man , daß es eine Dame war . Ein riesiger , schwarzer Kater saß auf ihrem Schoß , und sie streichelte ihn , während sie vor sich hinstarrte . » Eine archaistische Malerin « , erklärte Justus . » Sie haust allein in einer Villa , mit allerlei abenteuerlichem Getier , Katern , Uhus , Affen , man spricht sogar von Schlangen . Sie hat einen Kreis von Anhängern , die sich zur Bekämpfung der konstruktiven Perspektive in der Malerei und zur gesellschaftlichen Rehabilitierung der Perversionen zusammengetan haben ... sie stellen eine Sezession aus dem Zirkel der Gestrengen dar . « Man ging weiter , in das nächste Zimmer . » Dort drüben « , Justus deutete in eine Ecke , in der eine Gruppe von Divans stand , auf denen Gestalten lagerten , - » sehen Sie in jener üppigen Blondine im weißen , griechischen Kleid eine Dame , deren Ehrgeiz es ist , - Hetäre zu sein . Sie wird von der jüngeren Literatur adoriert . Sie akzeptiert aber nur Liebhaber , die unter unmißverständlichem Panier ihr nahen . Die Herren , die um sie herumliegen , sind augenblicklich ihre Günstlinge . Es sind dies : ein Anarchist ( jener Herr mit dem wirren Bart , der die Hand , als Faust geballt , in der Hosentasche hält ) , ein Nazarener ( der junge Mann mit den dünnen , braunen Locken und dem verklärten Blick ) , ein Wanderdichter ( jener stattliche , stramme Bursche , der keine Einkünfte hat , weil er nichts tut , als seine Gedichte abzufassen , und der daher als Logierbesuch bei seinen verschiedenen Bekannten lebt , was ihm den Namen Wanderdichter eintrug ) , und schließlich ist da noch ein vierter Freund jener göttlichen Aspasia - « » Und wer ist dieser Herr ? Er gleicht nicht den anderen Freunden der Dame ? « » Aber er ist ihre Voraussetzung : es ist ein wohlsituierter Weinhändler aus dem Osten . « Ein einsamer , junger Mann vergnügte sich in einer Ecke damit , buntfarbige Glaskugeln in die Luft zu werfen . » Dieser Mann hat eine interessante Geschichte « , erzählte Justus . » Hören Sie : Er ist der Sohn eines vielfachen Millionärs , und er ist an einem sonderbaren Leiden erkrankt . Es überkam ihn ein Zustand völliger Wunschlosigkeit - es gab nichts mehr in der Welt , was diesem jungen Mann noch wünschenswert schien . Darüber verfiel er in schwere Melancholie . Zeitweise hat er die Vorstellung , als wäre er in einen luftleeren Raum gebannt und muß dann eine Heilstätte aufsuchen ; nach einigen Wochen wird er dann immer wieder , auf seinen Wunsch , entlassen , da er ja nicht gemeingefährlich ist . - Das Spiel mit gläsernen Kugeln , - diese Illusion des Farbigen und Glänzenden , - - ist das einzige , was ihm blieb . « In diesem Augenblick rauschte eine hohe Frauengestalt durch den Saal , in schwarzen , schleppenden Gewändern . Olga erschrak , das war , - das war ja die Baronin ... » Diese Dame ist zum Kabarett zurückgekehrt , - ihr Gatte , ein ältlicher Aristokrat , wurde kürzlich im Duell erschossen . Seitdem tritt sie , wie früher , als Diseuse im Kabarett die Unterwelt auf ... « Bei einem Kreise , in dem es laut und gesprächig zuging , saß , etwas abseits , ein jüngerer Herr , der eine große Schale mit Nüssen vor sich hatte , die er schweigend knackte und verzehrte . Ein großer Stoß von Nußschalen häufte sich vor ihm auf einem Tisch . » Dieser Herr wird der tiefe Schweiger genannt . Er mischt sich fleißig in Gesellschaft , gibt aber nirgends seine Meinung ab . Das hat ihm den Ruf großer Weisheit eingetragen . Im übrigen geht von ihm die Märe , daß er ein kolossales Werk - zwar nicht schreibt , aber - denkt : die Metaphysik der Ellipse ; die letzten Lebensrätsel sollen in dem , was er darüber - denkt , gelöst sein ... Im Gegensatz zu ihm sehen Sie dort diesen jungen Mann , der begeistert von seiner Arbeit erzählt . Er hat kürzlich ein dickes Buch veröffentlicht , in dem er ein durchaus neues , philosophisches System darstellt . Das Buch ist mit den merkwürdigsten Zeichnungen , die der Laie überhaupt nicht versteht , ausgestattet . « » Und was ist das für ein System ? « » Dieser Mann hat eine merkwürdige Dreiheit im Weltall beobachtet , die sich schon in der Gestalt des Menschen ausdrückt . Er sieht drei Symbole am Körper des Menschen : Antlitz , Herz und Hinterteil . Im Gesichte sieht er die Reflexionsfläche , im Herzen die große Leitungszentrale und in jenem anderen Körperteil die magische Sammelstelle der Schwerkraft . Von überall her strömen ihm Beweise , die diese Offenbarung bestätigen . Er hat dieses System durchaus komplett aufgebaut . Nachdem er nun das philosophische Werk veröffentlicht hat , schreibt er noch an einem dreiteiligen Roman , in dem diese Idee in menschlichen Schicksalen symbolisiert werden soll . « - - - Man ging weiter . » Sehen Sie dort jenes hagere Paar , « fuhr Justus fort , - » Mann und Weib ? Diese beiden Leute haben sich in einem Sanatorium für Magenkranke kennen gelernt . Sie sind philosophische Prediger , und sie predigen : Brechung des Willens , - Befreiung vom Triebleben ... « » Wo haben sie sich kennen gelernt ? « fragte Stanislaus , der nicht genau verstanden hatte . » In einem Sanatorium für Magenkranke . Sie leiden beide an schweren Verdauungsstörungen . « Man ging weiter . » Diese zwei langen , schlanken Burschen da drüben sind Zwillinge , ein Malerpaar ; gänzlich arme Jungens . Sie konnten ihre Studien nur fortsetzen und Maler werden , weil sie in bürgerlichen Kreisen eine ganz seltene Gastfreundschaft genossen ; eine ganze Schar von Leuten sorgte für sie und hielt sie über Wasser . « » Wieso erfreuten sie sich solcher Beliebtheit ? « Diese beiden Brüder sind Mystiker . Will man sich auf billige Art mit dem Sirius in Verbindung setzen , - so verhelfen sie einem dazu . Das Bürgertum , das es liebt , ab und zu in höhere Sphären gehoben zu werden , ohne doch zu aufreizenden Konflikten oder zu schwerem Kopfzerbrechen genötigt zu sein , - schätzt die Richtung , in der sich diese beiden bewegen , über alles . » Jene hübsche , junge Dame dort « , er deutete weiter , » hat erst kürzlich ein schweres Unglück zu verwinden gehabt - und sucht hier Trost . « » Was ist ihr zugestoßen ? « » Ihr Geliebter hat sie verlassen . « » Und warum das ? « » Er entdeckte bei ihr einen Pickel auf der linken Lende ; es war im Frühling . « » Dieser Pickel war wohl das Anzeichen einer bösen Krankheit ? « » I bewahre , ein ganz harmloser Pickel , wie man sie im Frühling dutzendweise hat , aber ihr Geliebter war eine so feinfühlige Natur , daß er über diesen Pickel nicht hinweg kam ; er verließ sie . « Sie waren beim Tanzsaal angelangt . Einsam drehte sich darin ein Fräulein , das aussah , wie die Verkörperung des letzten Erschöpfungsseufzers einer zum Ende ihrer Kraft gelangten Epoche . Ein junger Mann mit finsterem Gesichtsausdruck sah ihr zu . » Sind Sie zufrieden , Gregers ? « flötete die tanzende Dame . » Nicht intensiv genug « , antwortete der Finstere , der , in vernachlässigter Kleidung , mit langen Haaren und wirrem Bart dastand . » Er nennt sich Gregers , obwohl er Grünemann heißt . Sein Ehrgeiz aber ist - ein anderer Gregers Werle zu sein und überall auseinander zu sprengen , was Menschen verbunden hält . Der Dreizehnte bei Tisch zu sein , das befrachtet er als seine Mission ; Situationen , in denen es nichts zu sprengen gibt , erscheinen ihm höchst banal . « Eine Dame trat an den Flügel . Sie sang mit voller , tiefer , gut geschulter Stimme ; aber es war schauerlich , sie anzusehen ; denn ihr Kopf glich einem Totenschädel , über den nur die Haut gespannt war . Herrlich war ihr Gesang , - aber ihr weit geöffneter Mund , aus dem die Töne drangen , bot einen erschreckenden Anblick . » Was bedeutet das alles ? « fragte Olga . » Wir haben heute den dreizehnten Mai , « erklärte Justus , mit einer Stimme , die plötzlich prophetisch erhoben klang , - » das ist jener Tag , den die Römer feierten , um die Seelen jener wesenlosen Geister , die als Gespenster umherirrten und die Lebenden beunruhigten , - zu beschwören ... es ist heute das Fest der Lemuren ... « Olga war es , als sei jede Kraft in ihr vernichtet , als wäre jede Energie verzehrt , - als hätte diese Atmosphäre sie in sich aufgesogen ... Der Angstschweiß stand ihr auf der Stirn . » Was bedeutet das ? « fragte sie nochmals . Wieder erhob sich die Stimme des Justus zur Deutung , aber die Sängerin mit dem Totenkopf sang immer lauter , immer stär-ker - - - bis Olga erwachte . Sie rieb sich die Augen , sprang aus ihrem Bett ; eilig zog sie die Jalousien hoch . Draußen strahlte die Maiensonne , und ihr Gold floß in breiten Strömen in den jungen Morgen ... Zehntes Kapitel Prüfungen » Sinke nicht - und wenn der ganze Orkus auf dich drückte . « Kleist . Olga hatte sich beeilt , Eva die gute Mitteilung zu machen . Sie schrieb ihr von der Stellung , die sich ganz ohne Mühe für sie gefunden hatte . Eva brach sogleich ihren Aufenthalt in Genf ab und eilte , mit kurzem Aufenthalt in Stuttgart , ihrer Vaterstadt , nach Berlin . In Stuttgart brachte sie bei nahen Verwandten vorläufig ihre kleine Tochter unter , die sie holen wollte , wenn sie in Berlin erst seßhaft war . Sie war dieselbe . Die Grazie ihres Wesens strahlte unverändert aus jeder ihrer Gesten , - die heitere Freiheit ihres Gemütes aus all ihren Worten . Von ihrer Ehe und deren jähem Abschluß sprach sie mit der überzeugten Beruhigung eines Menschen , der eine lösende Katastrophe erwartet hat , ohne sie zu beschleunigen , und der erleichtert aufatmet , als sie endlich eintrifft . » Wissen Sie noch , wie wir davon sprachen , daß man bei solchen entscheidenden Lösungen etwas - wie eine unzweideutige Erlaubnis abwarten müsse , bevor man sie unternähme ? « fragte sie und wandte ihr ruhig heiteres Antlitz der Freundin zu . » Zu groß wären sonst die Selbstvorwürfe . Nur , was man tun muß - darf man tun ... Da haben Sie wieder meine große Weisheit . « Und sie erhob sich , und die schlanken zierlichen Glieder schienen sich zu strecken , - wie erlöst . Es war der Tag , an dem die erste Sitzung der redaktionellen Kommission stattfand . Man sollte im reservierten Klubzimmer eines Cafés zusammenkommen . Olga ging nicht mit Eva zusammen , - denn sie hatte eine Karte erhalten , auf welcher Dr. Wallentin sie bat , eine Stunde vor Beginn der Sitzung ihn in jenem Café zu treffen , nicht im reservierten Klublokal , sondern vorn , im allgemeinen Saal des Cafés . Sie ging also früher fort , und Eva , die vorläufig bei ihr wohnte , sollte zur Stunde der Sitzung nachkommen und auf diese Art gleich in ihr neues Amt eingeführt werden . Diese Karte war schon am Morgen gekommen und hatte ein brausendes Frohgefühl in die Seele des Mädchens ergossen . Ihr war , als ob ihr Blut mit wunderbarer Leichtigkeit durch ihre Adern perlte ... Länger als sonst dauerte es , bevor sie sich nachmittags zum Ausgehen fertig machte . Sie hatte sich für die Zeit der Trauer zwei schwarze Kleider machen lassen , und nun zog sie das schönere bedächtig an . Die weiche Seide , von mattem , glanzlosen Schwarz schmiegte sich , in fließenden Falten , die schleppend zur Erde fielen , an ihren Leib . Aus dem viereckigen Ausschnitt hob sich der schlanke , sehnige , edel geschwungene Hals , vom leuchtenden Weiß der Rothaarigen . Das Gesicht war in letzter Zeit voller geworden , die scharf geschwungene Nase war nun entsprechend umrahmt , und der Kopf schien , gerade durch sie , von unverkennbarer Bedeutung . Die schwarzen Augen glänzten , als wäre frischer Tau auf sie gefallen . Das Haar trug sie schon längere Zeit nicht mehr schlicht geknotet , sondern in breiten Flechten , unter denen hervor sich schimmernde Wellen um das Gesicht drängten . Wenn ihr dieses Spiegelbild jetzt zulachte , so konnte es an jenes andere ihrer frühen Jugend nur gemahnen , wie an eine dürftige Skizze ihres eigenen Wesens , die nun endlich Bildnis geworden , reif in Form und Farbe , durchleuchtet vom Glanze frauenhafter Blüte . Sie kam noch vor der festgesetzten Zeit . Aber das schadete nichts , sie konnte ja warten . Sie setzte sich in eine Ecke des kleinen Saales , nahm Zeitungen zur Hand und behielt dabei die Tür fest im Auge . Warum , warum hatte er sie hierher gebeten ? Sie allein , bevor man sich mit den anderen traf ? Durch jene Tür würde er nun gleich eintreten . Ihre Nerven spannten sich in Erwartung , ihre geschärften Blicke würden seinen Schatten erkannt haben , wenn er an den hellen Gardinen , die die Spiegelscheiben verhüllten , vorübergeeilt wäre . Das Rondell drehte sich fast unaufhörlich , Leute traten ein , - Leute ... Nie war es ihr