ab . Georg blieb noch einen Augenblick auf der Veranda stehen . In dem großen Zimmer , das in Spätnachmittagsdämmer zu versinken begann , an der Wand auf dem Sofa , ganz in sich zusammengesunken , sah er Frau Rosner sitzen . Er entfernte sich , spazierte rund um das Haus herum und begab sich dann über die Holzstiege in seine Mansarde . Er warf sich aufs Bett , schloß die Augen ; nach ein paar Minuten stand er auf , ging im Zimmer hin und her , gab es aber wieder auf , da der Boden krachte . Er trat auf den Balkon . Auf dem Tisch lag die Partitur des » Tristan « aufgeschlagen . Georg blickte in die Noten . Es war das Vorspiel zum dritten Akt . Die Klänge tönten ihm im Ohr . Meereswellen schlugen dumpf an ein Felsenufer , und aus trauriger Ferne klang die wehe Melodie des englischen Horns . Er sah über die Blätter weg in den silberweißen Glanz des Tages . Sonne lag überall , über Dächern , Wegen , Gärten , Hügeln und Wäldern . Dunkelblau breitete der Himmel sich hin , und Ernteduft stieg aus den Tiefen . Wie stand es heute vor einem Jahr mit mir ? dachte Georg . Ich war in Wien , ganz allein . Ich ahnte noch nichts . Ich hatte ihr ein Lied geschickt ... » Deinem Blick mich zu bequemen ... « Aber ich dachte kaum an sie ... Und jetzt liegt sie da unten und stirbt ... Er erschrak heftig . Er hatte denken wollen ... sie liegt in Wehen , und auf die Lippen gleichsam hatte es sich ihm gestohlen : sie stirbt . Aber warum war er denn erschrocken ? Wie kindisch . Als gäb es Ahnungen solcher Art ! Und wenn wirklich Gefahr da wäre und die Ärzte sich entscheiden müßten , so hatten sie natürlich vor allem die Mutter zu retten . Darüber hatte ihn ja Doktor Stauber vor wenigen Tagen erst aufgeklärt . Was ist denn ein Kind , das noch nicht gelebt hat ? Nichts . In irgend einem Augenblicke hatte er es gezeugt , ohne es gewünscht , ohne nur an die Möglichkeit gedacht zu haben , daß er Vater geworden sein könnte . Wußte er denn , ob er es nicht vielleicht auch vor wenigen Wochen geworden war , in jener dunkeln Wonnestunde , hinter geschlossenen Läden ... auch damals Vater , ohne es gewollt , ohne nur an die Möglichkeit gedacht zu haben ; und vielleicht , wenn es geschehen war , ohne es jemals zu erfahren ? Er hörte Stimmen , sah hinunter ; der Kutscher des Professors hatte ein Dienstmädchen am Arm gefaßt , das sich nur wenig sträubte . Auch hier wird vielleicht zu einem neuen Menschenleben der Grund gelegt , dachte Georg und wandte sich angewidert fort . Dann trat er ins Zimmer zurück , füllte sich seine Zigarettentasche sorgfältig aus der Schachtel , die auf dem Tisch stand , und plötzlich kam ihm seine Aufregung unbegründet , ja kindisch vor . Und es fiel ihm ein : Wie Anna jetzt , so lag auch meine Mutter einmal da , eh ich zur Welt kam . Ob mein Vater auch in solcher Angst herumgegangen ist ? Ob er heute hier wäre , wenn er noch lebte ? Ob ich ' s ihm überhaupt gesagt hätte ? Ob all das geschehen wäre , wenn er lebte ? Er dachte an schöne , sorgenlose Sommertage am Veldeser See . Sein behagliches Zimmer in des Vaters Villa schwebte in seiner Erinnerung auf , und in dumpfer , beinahe traumhafter Weise wurde ihm die kahle Mansarde mit dem krachenden Fußboden , in der er sich eben befand , zum Bilde seiner ganzen jetzigen Existenz , gegenüber dem sorgen- und verantwortungslosen Dasein von einst . Er erinnerte sich eines ernsten Zukunftsgesprächs , das er vor ein paar Tagen mit Felician geführt hatte . Gleich darauf kam ihm die Unterredung mit einer Frau vom Land in den Sinn , die sich mit dem Anerbieten gemeldet hatte , das Kind in Pflege zu nehmen . Mit ihrem Mann besaß sie ein kleines Gütchen nahe der Bahn , nur eine Stunde weit von Wien , und im vorigen Jahr war ihr das eigene Töchterl gestorben . Das Kleine sollte es gut bei ihr haben , hatte sie versprochen , so gut , als wenn es gar nicht bei fremden Leuten wäre . Und wie Georg daran dachte , war ihm plötzlich , als stände ihm das Herz still . Eh es dunkel ist , wird es da sein ... das Kind . Sein Kind , auf das schon irgend eine Fremde wartete , um es mit sich zu nehmen . Er war so müde von den Aufregungen der letzten Tage , daß ihn die Knie schmerzten . Er erinnerte sich ähnlicher körperlicher Empfindungen aus früherer Zeit , vom Abend nach der Maturitätsprüfung und von der Stunde in der er Labinskis Selbstmord erfahren hatte . Vor drei Tagen , als die Wehen anfingen , wie anders , wie freudig und erwartungsvoll war ihm da zumut gewesen ! Jetzt spürte er nichts , als ein Abgeschlagensein ohnegleichen , und immer unangenehmer empfand er den muffigen Geruch der Mansarde . Er zündete sich eine Zigarette an und trat wieder auf den Balkon hinaus . Die warme , stille Luft tat ihm wohl . Auf dem Sommerhaidenweg lag noch die Sonne , und vom Friedhof her , über die Mauer , schimmerte ein vergoldetes Kreuz . Er hörte unter sich ein Geräusch . Schritte ? Ja , Schritte und auch Stimmen . Er verließ den Balkon , das Zimmer , lief über die knarrende Holztreppe hinab . Eine Tür ging , eilige Schritte waren im Flur . Im nächsten Moment stand er auf der untersten Stufe , Frau Golowski gegenüber . Sein Herz stand ihm stille . Er öffnete den Mund ohne zu fragen . » Ja « , nickte sie , » ein Bub « . Er faßte ihre beiden Hände , spürte , wie er über das ganze Gesicht lachte , ein Strom von Glück , wie er so mächtig und heiß ihn niemals erwartet , rann durch seine Seele . Plötzlich merkte er , daß die Augen der Frau Golowski nicht so hell leuchteten , wie sie wohl hätten tun müssen . Der Strom des Glücks in ihm staute zurück . Irgendetwas schnürte ihm die Kehle zusammen . » Nun ? « fragte er . Und drohend beinah : » Lebt ' s ? « » Es hat einen Atemzug getan ... der Professor hofft ... « Georg schob die Frau beiseite , war mit drei Schritten im großen Mittelzimmer , und wie gebannt blieb er stehen . Der Professor , im langen , weißen Leinenkittel , hielt ein kleines Wesen in den Armen und wiegte es hastig hin und her . Georg blieb starr . Der Professor nickte ihm zu und ließ sich nicht stören . Mit durchdringenden Augen betrachtete er das kleine Wesen auf seinen Armen . Er legte es auf den Tisch hin , über den ein weißes Linnen gebreitet war , nahm mit den Gliedmaßen des Kindes heftige Bewegungen vor , rieb ihm die Brust und Antlitz , dann hob er es in die Höhe , einigemale hintereinander , und immer wieder sah Georg , wie der Kopf des Kindes schwer auf die Brust niedersank . Dann legte der Arzt das Kind auf das Linnen hin , horchte an der Brust , erhob sich , ließ die eine Hand auf dem kleinen Körper liegen und winkte mit der andern Georg sanft zu sich heran . Georg , unwillkürlich den Atem anhaltend , trat ganz nahe hin . Er sah zuerst den Doktor an und dann das kleine Wesen , das auf dem weißen Linnen lag . Das hatte die Augen ganz offen , sonderbar große , blaue Augen , wie die von Anna waren . Das Gesicht sah anders aus , als Georg erwartet hatte , nicht verrunzelt und häßlich wie das eines alten Zwerges , nein ; es war wirklich ein Menschenantlitz , ein schönes , stilles Kindergesicht ; und Georg wußte , daß diese Züge das Ebenbild seiner eigenen waren . Der Professor sagte leise : » Schon seit einer Stunde hab ich die Herztöne nicht mehr gehört . « Georg nickte . Dann fragte er heiser : » Wie geht ' s ihr ? « » Ganz gut . Aber Sie dürfen jetzt nicht hinein , Herr Baron . « » Nein « , erwiderte Georg und schüttelte den Kopf . Er starrte den bläulich schimmernden , regungslosen , kleinen Körper an und wußte , daß er vor der Leiche seines Kindes stand . Trotzdem sah er wieder den Arzt an und fragte : » Nichts mehr zu machen ? « Der zuckte die Achseln . Georg atmete tief auf und wies nach der geschlossenen Schlafzimmertür . » Weiß sie schon ? « fragte er den Arzt . » Noch nicht . Seien wir vorläufig zufrieden , daß es vorbei ist . Sie hat viel zu leiden gehabt , die Arme . Ich bedaure nur , daß es schließlich für nichts gewesen ist . « » Sie haben es erwartet , Herr Professor ? « » Ich hab es gefürchtet seit heute Morgen . « » Und wieso ... wieso ? « Leise und mild erwiderte der Arzt : » Ein sehr seltener Fall , wie ich Ihnen vorher schon sagte . « » Sie sagten mir ... ? « » Ja . Ich versuchte Ihnen zu erklären , daß diese Möglichkeit Es ist nämlich vom Nabelstrang erwürgt worden . Kaum ein bis zwei Prozent aller Geburten haben diesen Ausgang . « Er schwieg . Georg starrte das Kind an . Ganz recht , der Professor hatte ihn schon vorbereitet ; er hatte es nur nicht ernst genommen . Frau Rosner stand neben ihm mit hilflosen Augen . Georg reichte ihr die Hand , und sie sahen einander an , wie Schwergeprüfte , die das Unglück zu Gefährten macht . Dann ließ sich Frau Rosner auf einen Sessel an der Wand nieder . Der Professor sagte zu Georg : » Ich will jetzt noch einmal nach der Mutter sehen . « » Mutter « , wiederholte Georg und sah ihn an . Der Arzt schaute weg . » Sie wollen ' s ihr sagen ? « fragte Georg . » Nein , nicht gleich . Sie wird übrigens darauf gefaßt sein . Sie hat im Lauf des Tages einigemal gefragt , ob es noch lebt . Es wird auch nicht so furchtbar auf sie wirken , wie Sie fürchten , Herr Baron ... gerade in den ersten Stunden und Tagen nicht . Sie dürfen nicht vergessen , was sie durchgemacht hat . « Er drückte Georgs schlaff herabhängende Hand und ging . Georg stand regungslos da , starrte immerfort das kleine Wesen an , und es erschien ihm wie ein Gebilde von ungeahnter Schönheit . Er berührte Wangen , Schultern , Arme , Hände , Finger . Wie rätselhaft vollendet dies alles war . Und da lag es nun , gestorben , ohne gelebt zu haben , bestimmt , von einer Dunkelheit durch ein sinnloses Nichts hindurch in eine andre einzugehen . Da lag dieser süße , kleine Leib , der fürs Dasein fertig war und sich doch nicht regen konnte . Da schimmerten große , blaue Augen , wie in Sehnsucht das Licht des Himmels in sich einzutrinken und todesblind , eh sie einen Strahl gesehen . Da öffnete sich wie durstig ein kleiner , runder Mund , der doch nie an den Brüsten einer Mutter trinken durfte . Da starrte dieses bleiche Kindergesicht , mit den fertigen Menschenzügen , das nie den Kuß einer Mutter , eines Vaters empfangen und spüren sollte . Wie liebte er dieses Kind ! Wie liebte er es jetzt , da es zu spät war . Eine schnürende Verzweiflung stieg in seine Kehle . Er konnte nicht weinen . Er sah um sich . Niemand war im Zimmer , und daneben war es ganz still . Er hatte keine Sehnsucht in jenes andre Zimmer zu gehen und keine Angst davor ; er fühlte nur , daß es etwas Unsinniges gewesen wäre . Sein Auge kehrte auf das tote Kind zurück , und plötzlich durchzuckte ihn die bebende Frage , ob es denn auch wahr sein müßte ? Ob nicht alle sich irren konnten ? Der Arzt so gut , wie der Unerfahrene . Er hielt seine flache Hand vor die geöffneten Lippen des Kindes und ihm war , als hauchte etwas Kühles ihm entgegen . Dann hielt er beide Hände über die Brust des Kindes , hin und wieder war ihm , als spielte leicht bewegte Luft um den kleinen Leib . Aber er fühlte da wie dort : Nicht Hauch des Lebens hatte ihn angeweht . Nun beugte er sich nieder , und seine Lippen berührten die kühle Stirn des Kindes . Etwas Seltsames , nie Gefühltes rieselte ihm durch den Körper bis in die Zehenspitzen . Er wußte es nun : Das Spiel dort oben war für ihn verloren , sein Kind war tot . Da erhob er langsam das Haupt und wandte sich fort . Die Gartenhelle lockte ihn ins Freie . Er trat auf die Veranda , sah auf der Bank an die Wand gelehnt Doktor Stauber und Frau Rosner sitzen . Beide stumm . Sie sahen ihn an . Er wandte sich weg , als kennte er sie nicht , und trat in den Garten . Der Schatten des Hauses fiel schräg über den Rasen hin ; weiter oben lag noch Sonne , doch stumpf und wie ohne Kraft die Luft zu durchleuchten . Woran wollte ihn dies Licht nur erinnern , das Sonne war und doch nicht glänzte , dieses Blau in der Höhe , das Himmel war und ihn doch nicht segnete ? Woran die Stummheit dieses Gartens , die ihm vertraut und tröstlich sein sollte und die ihn heute wie etwas Fremdes und Ungastliches empfing ? Allmählich fiel ihm ein , daß ihn vor kurzem in einem Traum solch ein schwerer , früher nie geahnter Dämmerschein umgeben und seine Seele mit unverständlicher Traurigkeit erfüllt hatte . Was nun ? sagte er vor sich hin , suchte nach keiner Antwort und wußte nur , daß irgend etwas Unvorhergesehenes und Unabänderliches geschehen war , das ihm für alle Zeiten das Bild der Welt verändern mußte . Er dachte des Tages , an dem sein Vater gestorben war . Ein wilder Schmerz hatte ihn damals überfallen ; doch er hatte weinen können , und die Erde war nicht mit einemmal dunkel und leer geworden . Sein Vater hatte doch gelebt , war einmal jung gewesen , hatte gearbeitet , geliebt , Kinder gehabt , Freuden und Schmerzen erfahren . Und die Mutter , die ihn geboren , hatte nicht umsonst gelitten . Und wenn er selbst heute hätte sterben müssen , so früh es gewesen wäre , er hatte doch ein Dasein hinter sich , erfüllt von Licht und Tönen , Glück und Leiden , Hoffnung und Angst , durchflutet von allem Inhalt der Welt . Und wenn Anna heute dahingegangen wäre , in der Stunde , da sie einem neuen Wesen das Leben gab , sie hätte gleichsam ihr Los erfüllt und ihr Ende hätte seinen grauenvollen , aber tiefen Sinn gehabt . Doch das , was seinem Kind geschehen war , war sinnlos , widerwärtig , ein Hohn von irgendwoher , wohin man keine Frage und keine Antwort senden konnte . Wozu , wozu das alles ? Was hatten nun diese vorhergegangenen Monate zu bedeuten gehabt , mit all ihren Träumen , Sorgen und Hoffnungen ? Denn er wußte mit einem Male , daß die Erwartung der wunderbaren Stunde , in der sein Kind geboren werden sollte , immer , Tag für Tag , auch am nüchternsten , leersten und leichtfertigsten , in der Tiefe seiner Seele gewesen war ; und er fühlte sich beschämt , verarmt , elend . Er stand oben am Gartengitter und sah zum Waldesrande auf , zu seiner Bank , auf der er oft geruht hatte , und ihm war , als wäre auch Wald und Wiese und Bank früher sein Besitz gewesen und er müsse nun auch das hergeben , wie so vieles andere . Im Winkel des Gartens stand ein dunkelgraues , vernachlässigtes Lusthäuschen mit drei kleinen Fensterhöhlen und einer schmalen Türöffnung . Er hatte es nie leiden mögen und nur einmal auf ein paar Augenblicke betreten . Heute zog es ihn hinein . Er setzte sich auf die rissige Bank hin und kam sich plötzlich geborgen und beruhigt vor , als wäre nun alles , was geschehen , weniger wahr oder in irgendeiner unbegreiflichen Weise rückgängig zu machen . Doch schwand dieser Wahn bald wieder dahin , er verließ den unwirtlichen Raum und trat ins Freie . Ich muß jetzt wohl ins Haus zurück , dachte er müde und faßte es doch nicht ganz , daß in dem dunkeln Zimmer , das er von hier aus hinter der Veranda , wie eine unergründliche Finsternis liegen sah , der Leichnam seines Kindes ruhen sollte . Langsam ging er hinab . Auf der Veranda stand Annas Mutter mit einem Herrn . Georg erkannte den alten Rosner . Im Überzieher stand er da , den Hut hatte er auf den Tisch vor sich hingelegt , fuhr sich mit einem Taschentuch über die Stirn , und es zuckte um seine rotgeränderten Augen . Er ging Georg entgegen und drückte ihm die Hand . » Das ist ja leider anders gekommen « , sagte er , » als wir alle erwartet und gehofft hatten . « Georg nickte . Dann erinnerte er sich , daß der alte Herr in den letzten Wochen mit dem Herzen nicht ganz in Ordnung gewesen war , und erkundigte sich nach seinem Befinden . » Ich danke der Nachfrage , Herr Baron , es geht mir etwas besser , nur das Stiegensteigen macht einige Beschwerden . « Georg merkte , daß die Glastüre zum Mittelzimmer geschlossen war . » Entschuldigen Sie « , sagte er zu dem alten Rosner , schritt geradenwegs auf die Türe los , öffnete sie und schloß sie rasch wieder hinter sich zu . Frau Golowski und Doktor Stauber standen in der Nähe des Tisches und sprachen miteinander . Er trat zu ihnen , sie schwiegen plötzlich . » Nun ? « fragte er dann . Doktor Stauber sagte : » Wir haben über ... die Formalitäten gesprochen . Frau Golowski wird so gut sein und all das zu besorgen . « » Ich danke « , erwiderte Georg und reichte Frau Golowski die Hand . » All das « , dachte er . Ein Sarg , ein Begräbnis , Meldung beim Gemeindeamt : geboren ein Sohn der ledigen Anna Rosner , gestorben am gleichen Tage . Nichts vom Vater natürlich . Ja , seine Rolle war erledigt . Heut erst ? War sie ' s nicht von der Sekunde an gewesen , da er zufällig Vater geworden war ? Er sah auf den Tisch hin . Das Linnen lag über die kleine Leiche hingebreitet . O wie rasch , dachte er bitter . Soll ich ' s niemals wiedersehen dürfen ? Einmal wird ' s wohl noch erlaubt sein . Er zog das Tuch von der Leiche ein wenig fort und hielt es in die Höhe gefaßt . Er sah ein blasses Kindergesicht , das ihm längst bekannt war , nur daß die Augen seither von irgendwem zugedrückt worden waren . Die alte Standuhr in der Ecke tickte . Sechs Uhr . Es war noch keine Stunde vergangen , seit sein Kind geboren und gestorben war ; und schon stand diese Tatsache so unwidersprechlich fest , als hätte es gar nicht anders sein können . Er fühlte sich leicht an der Schulter berührt . » Sie hat es mit Ruhe aufgenommen « , sagte Doktor Stauber , der hinter ihm stand . Georg ließ das Linnen über das Antlitz des Kindes sinken und wandte den Kopf nach der Seite . » Sie weiß also schon ... ? « Doktor Stauber nickte . Frau Golowski hatte sich abgewandt . » Wer hat ' s ihr gesagt ? « fragte Georg . » Man hat es ihr gar nicht zu sagen brauchen « , erwiderte Doktor Stauber . » Nicht wahr ? « wandte er sich an Frau Golowski . Diese berichtete : » Wie ich zu ihr hineingegangen bin , hat sie mich nur angeschaut , und da hab ich gleich gesehen , daß sie es schon weiß . « » Und was hat sie gesagt ? « » Nichts . Gar nichts . Sie hat ihre Augen zum Fenster hin gewandt und ist ganz still gewesen . Wo Sie hingegangen sind , Herr Baron , hat sie mich gefragt , und was Sie machen . « Georg atmete tief auf . Die Türe von Annas Zimmer öffnete sich . Der Professor , im schwarzen Rock , trat heraus . » Sie ist ganz ruhig « , sagte er zu Georg . » Sie können zu ihr hinein . « » Hat sie mit Ihnen darüber gesprochen ? « fragte Georg . Der Professor schüttelte den Kopf . Dann sagte er : » Ich muß jetzt leider in die Stadt . Sie entschuldigen , nicht wahr ? Ich hoffe , es wird weiter gut gehen . Morgen früh bin ich jedenfalls wieder da . Leben Sie wohl , lieber Herr Baron . « Er drückte ihm teilnahmsvoll die Hand . » Sie fahren mit mir hinein , Doktor Stauber , nicht wahr ? « » Ja « , sagte Doktor Stauber . » Ich will nur Anna noch Adieu sagen . « Er ging . Georg wandte sich an den Professor . » Darf ich Sie etwas fragen ? « » Bitte . « » Ich möchte nämlich gern wissen , Herr Professor , ob das vielleicht nur eine Einbildung ist . Mir kommt nämlich vor « und er hob das Tuch wieder von der kleinen Leiche auf » als wenn dieses Kind gar nicht so aussähe wie ein Neugeborenes . Schöner gewissermaßen . Mir ist , als wenn die Gesichter von Neugeborenen eigentlich faltiger , greisenhafter sein müßten . Ich weiß nicht mehr , hab ich einmal selbst eins gesehen oder hab ich nur davon gelesen . « » Sie haben nicht unrecht « , erwiderte der Professor , » gerade in Fällen dieser Art , auch bei glücklicherem Ausgang , sind die Züge der Kinder nicht entstellt , ja manchmal geradezu schön . « Er betrachtete das kleine Antlitz mit fachlicher Teilnahme , nickte ein paarmal » schade , schade ... « ließ das Tuch wieder fallen , und Georg wußte , daß er das Antlitz seines Kindes zum letztenmal gesehen hatte . Wie hätte es nur heißen sollen ? Felician ... Leb wohl , kleiner Felician . Doktor Stauber trat aus dem Nebenzimmer und schloß leise die Türe . » Anna erwartet Sie « , sagte er zu Georg . Dieser gab ihm die Hand , reichte sie auch dem Professor noch einmal , nickte Frau Golowski zu und trat ins Nebenzimmer . Die Wärterin erhob sich von Annas Seite und verschwand aus dem Zimmer . Der Tür gegenüber hing ein Spiegel in dem Georg einen jungen , eleganten Herrn erblickte , der blaß war und lächelte . Anna lag in ihrem Bett , das frei in der Mitte stand , mit großen , klaren Augen , die Georg entgegensahen . Wie steh ich vor ihr da , dachte er . Er rückte mit einiger Umständlichkeit den Sessel nah an ihr Bett , setzte sich , ergriff ihre Hand , führte sie an seine Stirn und küßte dann lang , beinahe inbrünstig ihre Finger . Anna sprach zuerst . » Du warst im Garten ? « fragte sie . » Ja , ich war im Garten . « » Ich habe dich von oben herunterkommen gesehen vor einiger Zeit . « » Du sollst lieber gar nichts reden , Anna . Strengt es dich nicht an ? « » Die paar Worte , o nein . Aber du kannst mir ja was erzählen ... « Er hielt ihre Hand immer in der seinen und betrachtete ihre Finger . Dann sagte er : » Weißt du eigentlich , daß da oben am Ende des Gartens ein kleines Lusthäuschen steht ? Ja , natürlich weißt du ... ich meine nur , wir haben es nie so recht bemerkt . « » In den ersten Tagen war ich einigemale drin « , sagte Anna . » Schön ist es nicht . « » Nein , wahrhaftig . « » Hast du heut vormittag was gearbeitet ? « fragte sie dann . » Was fällt dir ein , Anna . « Sie schüttelte ganz leicht den Kopf . » Und gerade in der letzten Zeit ist es dir so gut damit gegangen . « » Ja , wirklich wahr , Anna , du hast dich sehr rücksichtslos benommen . « Er lächelte , sie blieb ernst . » Du warst gestern in der Stadt ? « fragte sie . » Du weißt ja . « » Hast du Briefe vorgefunden ? Ich meine , wichtige ? « » Du sollst gewiß nicht so viel reden , Anna , ich erzähl dir schon alles . Also : Ich hab keine Briefe von Bedeutung vorgefunden . Auch aus Detmold ist keiner gekommen . Dieser Tage geh ich übrigens wieder zu Professor Viebiger . Aber wir können wirklich ein andermal über diese Dinge reden , glaubst du nicht ? Und was das Arbeiten anbelangt ... in den Tristan hab ich heute morgens noch ein wenig hineingesehen . Den kenn ich aber wirklich bis ins kleinste . Ich würde mich getrauen , ihn heut zu dirigieren , wenn ' s drauf ankäme . « Sie schwieg und sah ihn an . Er erinnerte sich des Abends , an dem er mit ihr in der Münchener Oper gesessen hatte , wie eingehüllt in einen durchsichtigen Schleier von geliebten Klängen . Aber er sprach nichts davon . Es dämmerte . Die Züge Annas begannen ihm zu verschwimmen . » Fährst du heute noch in die Stadt ? « fragte sie . Er hatte gar nicht daran gedacht . Jetzt aber war ihm , als winkte damit eine Art von Erlösung . Ja , er wollte hinein . Was konnte er auch hier heraußen noch tun ? Aber er antwortete nicht gleich . Anna begann wieder : » Ich denke , du wirst vielleicht deinen Bruder sprechen wollen . « » Ja , das möcht ich recht gern . Und du wirst wohl bald schlafen ? « » Ich hoffe . « » Wie müd mußt du sein « , sagte er , indem er ihre Hand streichelte . » Nein , es ist etwas anderes . Ich bin so wach ... ich kann dir gar nicht sagen , wie wach ich bin . Mir ist , als wär ich in meinem ganzen Leben nicht so wach gewesen . Und weiß zugleich , daß ich so tief schlafen werde , wie noch nie ... wenn ich nur erst die Augen geschlossen habe . « » Ja gewiß wirst du das . Aber nun darf ich doch wohl noch eine Weile bei dir bleiben ? Am liebsten möcht ich so lange hier sitzen , bis du eingeschlafen bist . « » Nein , Georg , wenn du da bist , kann ich ja doch nicht einschlafen . Aber bleib nur noch ein bißchen . Das ist schon gut . « Er hielt immer ihre Hand und blickte zum Garten hinaus , der nun ganz im Abendschatten lag . » Du warst nicht sehr viel im Auhof oben dieses Jahr ? « fragte Anna gleichgültig , als gälte es nur irgend etwas zu reden . » O ja , täglich beinahe . Hab ich dir ' s denn nicht gesagt ? Ich denke , Else wird James Wyner heiraten und mit ihm nach England gehen . « Er wußte , daß sie nicht an Else dachte , sondern an eine ganz andere . Und er fragte sich : meint sie etwa , das sei schuld ? Ein lauer Hauch kam von draußen geweht . Kinderstimmen klangen herein . Georg blickte hinaus . Er sah die weiße Bank unter dem Birnbaum schimmern und dachte daran , wie Anna ihn dort oben erwartet hatte , im wallenden Kleid , die fruchtschweren Äste über sich , umflossen vom sanften Wunder ihrer Mütterlichkeit . Und er fragte sich : war es schon damals bestimmt , daß es so enden müßte ? Oder war es am Ende schon in dem Augenblick bestimmt , da wir einander zum erstenmal umarmt haben ? Die Bemerkung des Professors fuhr ihm durch den Sinn , daß ein bis zwei Prozent aller Geburten so enden . Also seit Menschen geboren wurden , war es so , daß unter hundert einer oder zwei in so sinnloser Weise dahin müssen im selben Augenblick , da sie zum Licht emporgebracht werden ! Und so und so viele müssen im ersten Jahre sterben , und so viel in der Blüte ihrer Jugend , und so viel als Männer , und wieder eine bestimmte Anzahl macht ihrem Leben selbst ein Ende , wie Labinski , und bei so und so vielen muß es mißlingen , wie bei Oskar Ehrenberg . Wozu nach Gründen suchen ? Irgendein Gesetz ist wirksam , unbegreiflich und unerbittlich , an dem wir Menschen nicht rütteln können . Wer darf klagen , warum gerade mir das ? Widerfährt es nicht ihm , so widerfährt es eben einem andern ... unschuldig oder schuldig wie er .