, denn er schüttelte den Kopf und sagte : » Im Abendlande ? Der wirkliche Täter ? Ich begreife nicht ! Wer kann es sein ? Und wie soll er heißen ? « » Ein ungeheuer mächtiger Herrscher , dem alle Millionen des Abendlandes gehorchen , nur wenig Kluge und Verständige ausgenommen ! Er ist höchst unduldsamer , kriegerischer Natur , ein Verächter aller Welt , nur nicht seiner selbst . Er hält sich ganz allein für gottbegnadet und für den Allerbesten , den es gibt . Seiner Meinung nach ist er der Weiseste , der Intelligenteste , den man sich denken kann . Er glaubt , daß er berufen sei , das , was er denkt , dem Weltkreis aufzunötigen , und fühlt sich berufen , diesen Zwang mit allen Mitteln durchzuführen , sei es die verschlagenste List oder die roheste Gewalt . Er scheut sich nicht im Geringsten , diese Behauptungen allen Menschen in das Gesicht zu schleudern , und wenn sie es sich nicht gefallen lassen wollen , so ballt er beide Fäuste und schlägt augenblicklich drein ! « » Unmöglich ! Das ist entweder lächerlich oder verrückt , Eins von diesen Beiden ; ein Drittes gibt es nicht ! Der sollte mir kommen ! Wie würde ich ihm heimleuchten lassen ! Und ein Herrscher soll er sein ? Ein ganz gewöhnlicher Rowdy ist er ! Ein Lügner und Aufschneider , ein Prahl- und Flunkerhans , ein Rebell gegen die Menschenrechte , ein Renommist und Windbeutel , ein unverschämter Händelsucher , ein frecher Raufbold , ein anmaßender Patron , dem man das Handwerk legen muß ! Auf welchem kleinen , europäischen Thrönchen sitzt denn dieser blöde Bombardon ? Man möchte seinen Stammbaum kennen lernen , seine Eltern und Erzieher ! Denn daß ihm dieser Unsinn nur von ihnen beigebracht worden sein kann , das versteht sich ganz von selbst ! Man mag ihn uns doch einmal nach Old England schicken , damit wir ihm den Kopf dahin setzen , wohin er gehört ! Besser als wir Andern alle ! Das ist geradezu monströs ! Er mag diese Andern doch nur erst kennen lernen , seine Augen auftun , seine Ohren öffnen , und wenn er - - - « Da hielt der Uncle plötzlich mitten in der Rede inne und sah uns an , Einen nach dem Andern , die wir das Lachen kaum verbeißen konnten . Er hatte seine Menschenwürde für beleidigt gehalten und sich in einen sehr ehrlich gemeinten Zorn hineingeredet , ohne sich vorher Zeit zu nehmen , über die Sache nachzudenken . Als er nun bemerkte , daß wir mit unserer Heiterkeit kämpften , erkannte er , daß er in eine Falle gegangen sei , die ihm gar nicht gestellt worden war . Er ging also seinen eigenen Gedankenweg wieder zurück , nahm die Worte , die ihn so in Harnisch versetzt hatten , noch einmal vor , schlug sich dann an die Stirn und rief , nun über sich selbst in Zorn geratend , aus : » Entsetzlich ! Habe mich ganz verrannt ! Und zwar wohin ! Dachte wirklich , es sei so eine Art von - - hm ! - - gemeint ! Es war aber nur ein Bild . Das habe ich übersehen ! Und statt daß ich mich zu salvieren versuche , gebe ich nicht nur Alles zu , sondern rede mich selbst beinahe um den Kopf und halte nicht eher auf damit , als bis ich Euch alle lachen sehe ! Nun brauche ich nur noch aufrichtig zuzugeben , daß auch ich ein Exemplar dieses entweder lächerlichen oder verrückten Kerls bin , so kann der Vorhang fallen , denn die Posse ist zu Ende ! « » Eine Posse ? Und zu Ende ? « fragte da Raffley , schnell wieder ernst werdend . » Es war das Gegenteil , nämlich eine verschwindend kleine aber sehr deutlich sprechende Szene aus der großen Menschheitstragödie Das Vorurteil . Denn dieses war gemeint , das Vorurteil , unser eigenes Vorurteil gegenüber andern Meinungen und andern Rassen ! Und dieses Trauerspiel ist keinesweges zu Ende . Vielleicht fällt der Vorhang erst mit dem letzten Menschen . Denn so lange es mehrere , und wären es auch nur noch zwei , Exemplare dieses Wesens gibt , werden sie sich gegen einander überheben . Und der Letzte wird dann höchst wahrscheinlich vor Aerger darüber sterben , daß er Niemand mehr hat , der wertloser ist als er ! Und wenn , wie ich hoffen möchte , das falsch sein sollte , so bin ich doch überzeugt , wenigstens über die Gattung homunculus das Richtige gesagt zu haben ! « » Unser Vorurteil ! « sagte der Governor nachdenklich . » Ja ; ich beginne , zu begreifen ! Ich gab jawohl schon zu , in diesen letzten Tagen mehr gelernt zu haben , als während der ganzen vorherigen Zeit . Dieses Vorurteil wird nicht mit uns geboren , sondern später in uns hineingetragen , und mit uns groß und immer größer gezogen , bis es uns so vollständig ausfüllt , daß in uns nicht das geringste Plätzchen mehr übrig bleibt , an ihm zu zweifeln . Der Vater sagt uns , daß wir Weiße seien , und die Mutter macht uns stolz auf diese Farbe . Dann kommen die Lehrer , einer nach dem andern , und überzeugen uns , gesprochen , geschrieben und gedruckt , daß wir die höchste und begabteste , die beste Menschenrasse seien . Wenn wir dann lesen können , so finden wir diese Offenbarung in jedem Buche , in jeder Zeitung . Und wo es nicht besonders erwähnt wird , hat man es doch als unbestreitbares Kriterium vorausgesetzt . Und fließt hernach das persönliche mit dem allgemeinen Leben zusammen , so treten Handel und Wandel , Kunst und Wissenschaft , besonders aber Geschichte , Politik und Geographie an uns heran , um uns täglich und stündlich wieder und wieder zu versichern , daß nur wir allein die Träger der wahren Gesittung und der von Gott gewollten Erlösung aller Menschen seien . Und wie eifrig sind wir bemüht , dir des anderen , minderwertigen Menschheit mitzuteilen ! Und wie unbedingt verlangen wir , daß sie es glaube und befolge ! Nieder mit Euch , Ihr gelben , Ihr braunen , Ihr roten , Ihr schwarzen Gesichter ! Denn wir sind weiß , und Weiß ist die Lieblingsfarbe des Schöpfers ! Wir sind Euch über in Allem , was es gibt ! Ihr seid nichts gegen uns , gar nichts . Wir aber sind Alles , und wir haben Alles , sogar Tausendpfundnoten ! Diese Noten brauchen wir nicht etwa zum Leben ; nein , o nein ; dazu sind wir zu reich , viel zu reich ! Sondern wir machen mit ihnen pralerische Wetten , um Euch zu zeigen , wie wenig wir von Euch halten . Und wenn wir ja einmal eine solche Wette verlieren und der Chinese zu vornehm ist , das Geld zu nehmen , so werfen wir es dem Malaien hin , der uns die Hände und Füße küssen wird für diese Gottesgabe ! « Er nahm die Note vom Tische , ballte sie zusammen , warf sie wieder hin , nahm sie abermals weg , warf sie noch einmal hin und fuhr , zu dem Priester gewendet , fort : » Ich könnte und möchte dieses Papier vernichten , denn es hat mich blamiert , mich und die ganze , weiße Rasse ; aber das wäre noch kleiner gehandelt als bisher . Ihr habt mir eine Lehre erteilt , eine große , eine schmerzliche , aber heilsame Lehre , die ich nicht vergessen werde . Darum hebe ich die Note auf . Sie soll mich daran erinnern , daß ich niedrig gehandelt habe und dafür von Euch beiden in hoher Weise zurechtgewiesen worden bin ! « Er nahm sie nun endgültig weg , schob sie zusammengeballt in die Tasche und fügte hinzu : » Ihr habt einen Sieg über mich errungen , der größer und nachhaltiger ist , als Ihr wahrscheinlich denkt . So wie ich mich überwunden habe , dieses Geld zurückzunehmen , so nehme ich auch das Vorurteil zurück , welches sich für berechtigt glaubte , Euch mit dem Mammon zu beleidigen . Ich fühlte es nur zu wohl ; Ihr hattet Recht . Nicht der Missionar war der Schuldige , sondern das Vorurteil , welches der Westen in ihm großgezogen hat . Es kam mir nicht so rasch wie den Andern , zu begreifen , was Ihr meintet ; aber nun ich Euch verstanden habe , wird es umso fester sitzen . Leider haben nun nur wir den Nutzen , Ihr aber den Euch zugefügten Schaden . Sagt , fällt auf Waller nicht wenigstens ein kleiner Teil der Schuld ? « » Nein . Ich habe ihn geprüft , « antwortete der Malaie . » Sie kamen grad zur Zeit , als der malajische Herrscher von den Christen verfolgt und gejagt wurde , um ihn gefangen zu nehmen . Diese Jagd ist noch jetzt im Gange . Wir nahmen die beiden Christen trotzdem freundlich auf . Aber wir standen vor unserm großen Feste , welches mir so viel Arbeit machte , daß ich für Anderes keine Zeit übrig hatte . Darum verschwieg ich ihnen meine Kenntnis ihrer Sprache , weil sie mich sonst fortwährend als Dolmetscher in Anspruch genommen hätten . Auch nach dem Brande blieb ich bei diesem Schweigen , welches mir erlaubte , in die Seele der Tochter ganz unbemerkt zu schauen . Ich war sogar dazu still , daß die Träger ihr sagten , ihr Vater sei zum Tode verurteilt , denn ich gönne es ihr , sich später sagen zu können , daß sie ihn von diesem Geschick errettet habe . Als sie den Weg nach Penang angetreten hatte , waren ihre Träger überflüssig geworden . Wir bezahlten ihnen den rückständigen Lohn aus unserer Kasse und schickten sie fort , denn für den Transport des Kranken nach Kota Radscha konnten wir nicht sie sondern nur zuverlässige Leute von uns brauchen . Es sollte einer unserer Häuptlinge mitgehen ; aber ich übernahm dieses Amt lieber selbst , weil die Güte der Shen mir dies gebot . Ich habe während dieser ganzen Reise kein Wörtchen Englisch mit dem Kranken gesprochen , aber umso mehr gehört . Seine Krankheit ist eine mehrfache , nicht nur eine leibliche . Er sprach sehr viel für sich , oft wie im Fieber , oft vielleicht auch anders , meist englisch , zuweilen aber auch in einer Sprache , die ich nicht verstehe ; eine asiatische war es nicht . « Indem er dies sagte , glaubte ich , annehmen zu müssen , daß er die deutsche Sprache meine . » Was ich da hörte , gab mir viel zu denken , « fuhr er fort . » Nicht nur sein Körper , sondern auch sein Inneres rang mit höchst gefährlichen Ansteckungsstoffen . Die leiblichen hatte er während seiner jetzigen Reise aufgenommen , die geistigen aber aus seiner Heimat mitgebracht . Es war , als ob zwei unsichtbare Mächte in ihm wohnten , die immerwährend mit einander kämpften . Er sprach wiederholt von einer Wette . Die eine Macht wollte diese Wette unbedingt gewinnen ; die andere aber bat ihn flehend , sie zu verlieren . Es schien sich um die Bekehrung einer gewissen Anzahl von Chinesen zu handeln . Heidentempel sollten stürzen ! Alle Ungläubigen von der Erde ausgerottet werden ! Die gute Macht , die das nicht wollte , war ein Weib . Wenn er mit dieser sprach , wurde er sanft und lieb und gut . Er weinte zuweilen dazu und nannte sie seine Seele . Meist redete er mit ihr in jener Sprache , die ich nicht verstand . Kam aber die andere , die böse Macht , die ihn gewinnen lassen will , so sprach er stets englisch und begann , mit lauter , befehlshaberischer Stimme zu predigen . Dann zerbrach er alle Säulen und Pfeiler , die es in seinen wüsten Krankheitsbildern gab . Das war kein Weib , sondern etwas Männliches , Tyrannisches und über alle Maßen Rücksichtsloses ! Er hatte es als Kind nicht gehabt , sondern nach und nach von seinem Vater und von seinen Lehrern empfangen . Das hörte ich . Es bestand in der Verachtung aller fremden Menschenrassen und vorzüglich aller Heiden . Er sprach aber auch davon , daß viele Millionen Christen weiter nichts als Heiden seien , ja , noch viel schlimmer als diese , weil sie nicht ganz genau so glauben wollen , wie er für richtig hielt . Er ging also noch viel , viel weiter , als die Christen gewöhnlich gehen . Sein Urteil war im höchsten Grade streng und ungerecht , das unfreundlichste , das allerunfreundlichste Vorurteil , welches mir jemals zu Ohren gekommen ist ! Und damit habe ich den Namen jener bösen , menschenverderbenden Macht genannt , die ihn beherrschte , wenn die andere , die gute , von ihm gewichen war - - das Vorurteil ! « Er wendete sich dem Governor zu , indem er weitersprach : » Ihr habt dieses Vorurteil vorhin so deutlich beschrieben , als ob Ihr es genau so wie ich bei diesem Kranken beobachtet hättet . Wie Ihr seine leibliche Krankheit nennt , das weiß ich nicht ; aber seine geistige besteht ganz unbedingt in diesem Vorurteile , welches eine Macht über ihn besitzt , der er , sobald sie über ihn kommt , unmöglich widerstehen kann . Er ist dann so schlimmer Worte fähig , daß man auch in Beziehung auf die Tat , die aus solchen Worten wächst , zu vermut - - - - - « Er wurde unterbrochen . Von der Tür her , welche geöffnet worden war , erklang ein lautes , herzbrechendes Schluchzen . In jener Gegend , so nahe am Aequator , wird es Punkt sechs Uhr Nacht . Die Dämmerung ist außerordentlich kurz . Sie war schon da . Es gab im Zimmer bereits jenes alles Aeußerliche verhüllende Duster , welches die scharfen Linien des Tages verschwimmen und das Unkörperliche , das Seelische um so mehr hervortreten läßt . Draußen im Korridore war es noch dunkler als bei uns . Darum konnten wir die Gestalt Derjenigen , welche da stand , schon nicht mehr erkennen . So hatte auf Grund unsers Gesprächsgegenstandes ihr Schluchzen etwas Unirdisches , etwas außerordentlich Ergreifendes , ja Erschütterndes für uns . Es war , als weine nicht ein Mensch , sondern jene unsichtbare , edle , weibliche Macht , welche in dem Missionar so schwer und so unablässig gegen die bösen Geister seines Vorurteiles zu kämpfen hatte . Der liebe , alte Uncle handelte am schnellsten von uns allen . Er eilte nach der Tür , nahm die Schluchzende bei der Hand und brachte sie herein , wobei er ganz vergaß , die Tür hinter ihr zu schließen . Es war Mary Waller . Sie hatte Tsi gesucht , des Vaters wegen , und ihn nicht in seinem Zimmer gefunden . Da sie unser lautes Sprechen hörte , nahm sie an , daß er bei uns sei . Ihr mehrmaliges Klopfen war überhört worden , und so hatte sie geöffnet , um sich bemerklich zu machen . Von unserm Gespräche festgebannt , hatte sie sich still verhalten ; wie lange , das war nicht zu erörtern . » Weint nicht , weint nicht ! « bat der Governor . » Ich kann das nicht vertragen ! Menschentränen tun weher , viel weher als alles Andere ! « Da nahm sie sich zusammen , kämpfte ihre Tränen wacker nieder und antwortete : » Beruhigt Euch , Mylord ! Es war nicht Schmerz , was mich bewegte ; ich weinte Freudentränen . Oder meint Ihr , es gebe keinen Schmerz , dem es nicht erlaubt wäre , sich auch einmal zu freuen ? Auch in mir gibt es zwei Mächte , welche mit einander kämpfen , grad so , wie bei ihm ; nur sind sie anderer Art. Die eine ist eine Teufelin . Sie will mich zwingen , ihn zu verurteilen , ihn für schuldig zu halten . Die andere muß ein Engel sein . Sie versichert mir unablässig , daß er freizusprechen sei . Die Teufelin weiß , daß mich Alles anwidert , was gegen die Nächstenliebe und Menschenachtung spricht , und so oft Vater Derartiges getan hat , dringt sie in mich , ihn zu hassen oder gar ihn zu verachten . Das ist fürchterlich ! Der Engel aber flüstert mir dann immer mahnend zu , daß mein Vater ganz unmöglich in dieser Weise sprechen und in dieser Weise handeln könne . Mein Herz gebietet mir , dieser letzteren Stimme zu glauben ; aber mein angstvoll suchender Verstand fand bisher keine logische Handhabe , das zu tun , was er so unendlich gern täte , nämlich das Herz zu unterstützen . Es war ein stiller , tiefer Jammer , den ich in mir trug und der umso mehr an mir zehrte , als ich ihn niemals , niemals emporkommen lassen durfte . Da trieb mich jetzt die Angst vom Vater fort . Er war erwacht und doch nicht bei Sinnen . Er wollte auf vom Lager , fort , nur fort . Er behauptete , die Heiden warteten auf ihn ; er müsse eilen , ihre Götzen zu vernichten . Ich rang mit ihm . Das Fieber gab ihm Kraft , als sei er ein Gesunder , und nur mit größter Anstrengung gelang es mir , sie zu besiegen . Für eine Wiederholung aber fühlte ich mich zu schwach . Darum ging ich , um nach Doktor Tsi zu suchen , und kam , da ich ihn nicht fand , an Eure Tür . Ich öffnete nach öfterem , vergeblichem Klopfen . Ihr saht mich nicht ; was aber hörte ich ! War es der Engel meines Vaters , oder war es der meinige , der in Gestalt des Heidenpriesters hier mir so ganz unerwartet Alles , Alles gab , was mein Verstand bisher vergeblich suchte ? Rechtfertigung des Vaters ! Freisprechung von seiner Schuld ! Logisch klarer und deutlicher Hinweis auf den eigentlichen , wirklichen Täter ! Ich fühlte mich erlöst , erlöst von aller meiner Qual . Sie stieg in mir empor , weil sie das nun doch endlich , endlich durfte . Sie floß aus mir heraus , zu Tränen sich gestaltend - - Freudentränen ! « Warum waren wir still , als sie jetzt schwieg , um sich die Augen zu trocknen ? War es nur Rührung ? Oder war es noch mehr als das ? Selbst Tsi , der doch sonst so außerordentlich Umsichtige , fühlte sich derart angegriffen , daß er in diesem Augenblicke nur an die Tochter , nicht aber an den Vater dachte , zu dem sie ihn hatte holen wollen , damit er eine Wiederholung des Paroxysmus verhindere ! Der Priester stand in ihrer Nähe , fast ganz an der Fenstertür . Sein langes , weißes Haar floß ihm wie verwandelter Mondesschimmer von Haupt und Schultern nieder ; sein Gesicht aber lag im Dunkel . Und aus diesem Dunkel heraus erklang es jetzt , als ob er beten wolle : » Ich hörte hier von Engeln sprechen . So ist also der Himmel eingekehrt in diesem Raume . Denn Boten kennt der Himmel nicht ; er naht sich uns stets selbst ! Wenn wir ihn bei uns fühlen , doch ohne ihn zu sehen , so reden wir von Engeln . Dem Auge sichtbar aber wird er uns , wenn gute Menschen seinen Willen tun und darum sich an uns als Engel erweisen . Mein Kind , mein liebes Kind , ich bin weder der Engel deines Vaters , noch der deinige . Aber ich wünsche , daß mir und Euch und der ganzen Erde der Himmel sichtbar werde : Wir Menschen wollen ihm dienen ! Ich fühle es in diesem Augenblicke , daß Höheres herniedersteigt und Heiliges hier waltet . Es geht durch mich ein liebevoller Drang , die Hände auszubreiten . Ich fühle , daß sich diese Hände füllen und daß sie schwerer werden , wie von jenem Segen , der aus der Menschenliebe strömt und darum liebend weitergegeben werden soll von Hand zu Hand . Was nützt aber mir und was nützt der Menschheit alle diese meine Liebe ! Ich bin ja ein Heidenpriester und darf also nur Heiden segnen , nur Heiden , keine Andern ! « » Nein , nicht diese allein , sondern auch mich ! « rief sie in tiefer Aufwallung aus und ließ sich vor ihm nieder . Da legte er ihr die Hände auf das Haupt und sprach , indem seine Stimme bebte : » Ich danke dir , du gutes Kind des fernen Abendlandes ! Indem du vor mir kniest , hebst du mich auf zu dir und hebst dich doch nur selbst ! Auch deine Heimat sollte dir jetzt danken ! Sie trägt die Schuld an deines Vaters Tat , die zwar von unserer Shen verziehen wurde , doch nicht von jener andern , großen Shen , die Alles in sich faßt , was menschlich ist und nicht bloß , was menschlich heißt . Du aber sühnst , was die Verachtung tat , indem du mich , den Greis , den Menschen achtest . So sei also die Schuld für ewig ausgestrichen , denn du hast sie getilgt ! « Er sprach so ernst so feierlich , und doch so mild , so tief eindringlich liebevoll . Unsere Aufmerksamkeit war ausschließlich auf ihn gerichtet , daß wir das Geräusch kaum hörten und noch viel weniger beachteten , welches sich jetzt an der noch immer offenstehenden Tür vernehmen ließ . Wir nahmen an , daß es von einem vorübergehenden Diener verursacht worden sei . Der Malaie fuhr fort : » So segne ich dich denn als das , was ich dir bin , nicht als der Priester , sondern als der Mensch . Und wenn es ein Heil gibt , welches aus eines Menschen Hand und Leben auf eines andern Menschen Haupt und Leben überzufließen vermag , so sei hiermit Alles , Alles dein , was ich an Menschengüte und Erdenglück besitze ! Der Himmel hört , daß ich es dir verleihe , nicht mein Himmel allein , sondern auch der deine , denn beide sind Eins ! « Er beugte sich zu ihr nieder und küßte die Stelle , auf welcher seine Hände gelegen hatten . Da gellte von der Tür her ein lauter zeternder Ruf : » Der Heide - - der Heide ! Mein Kind , mein armes , armes Kind ! Verloren , verloren - - - ! Verdammt und verloren für alle Ewigkeit ! Für alle Ewigkeit ! « Wir wendeten uns erschrocken um . Es war vollständig dunkel dort ; aber wir hörten , daß Jemand niederstürzte . Der Stimme und den Worten nach konnte es nur Waller sein . Mary sprang mit einem Schrei empor und zu ihm hin . Raffley machte schnell Licht . Ja , es war der Missionar . Er lag draußen vor der Tür , lang ausgestreckt , mit weit aufgerissenen , entsetzten Augen . Seine Lippen bewegten sich ; er wollte sprechen , brachte aber keinen Laut mehr hervor . Raffley griff sofort zu , ich auch , ihn nach seinem Zimmer zu tragen . Wir hörten kaum noch die Worte , welche hinter uns der Malaie zu dem Uncle sprach : » Ich habe gesegnet , aber nicht verdammt , und dabei wird es bleiben ! Denn der Himmel ist dem Kinde gnädiger , als dieser Vater glaubt ! « - - - Viertes Kapitel Wahnsinn Am nächsten Morgen war , als ich erwachte , mein erster Gedanke natürlich Waller . Den Andern erging es ebenso . Ich meine den Governor , Raffley und den Priester . Sie saßen , als ich zu John hinüberkam , schon längere Zeit bei ihm , um auf mich zu warten , weil ausgemacht worden war , das Frühstück gemeinschaftlich einzunehmen . Sejjid Omar wurde beauftragt , es uns zu bringen . Er war sehr stolz darauf , zeigen zu können , daß er nicht nur ausschließlich zu meiner Bedienung ausreiche , sondern auch noch eine ganze Menge anderer Personen mit einem Male zu speisen und zu tränken vermöge . Und er tat dies in einer so fürsorglichen und tief eingehenden Weise , daß wir ihn bitten mußten , doch auch uns etwas dabei tun zu lassen , sonst hätte er uns in seinem Uebereifer den Honig auf den Schinken gestrichen und den hier gebräuchlichen Arrak in die Milch gegossen . Er war also genötigt , sich zurückzuziehen , warf uns aber dabei einen so bedauernden Blick zu , als ob er überzeugt sei , daß nun unsererseits von einem wahren Genusse keine Rede sein könne . Selbstverständlich machte es uns die Anwesenheit des Malaien unmöglich , über das gestrige Ereignis in der Weise zu sprechen , wie wir es ohne ihn getan hätten . Er selbst erwähnte kein Wort davon , und so konnte auch das , was wir sagten , nur in kurzen , meist einsilbigen Aeußerungen bestehen , durch welche wir zwar unsere Gefühle , aber nicht unsere weiterfragenden Gedanken dokumentierten . Er mußte heut schon wieder fort und sagte uns , daß er gleich nach dem Frühstücke zu dem holländischen Mijnheer gehen werde , um sich für die genossene Gastfreundschaft zu bedanken . Wir waren noch nicht fertig , so erschien zu unserer Genugtuung Tsi . Er hatte noch nichts genossen , erklärte aber , höchstens ein kleines Brötchen nehmen zu können , weil es ihm ganz unmöglich sei , jetzt an sich selbst zu denken . Er war nur gekommen , um uns in Beziehung auf Waller so viel , wie die Umstände erlaubten , zu beruhigen . » Er lebt , « sagte er . » Das heißt , der Körper ist nicht tot . Puls und Atmung sind vorhanden , wenn auch nur sehr schwach . Er liegt noch genau so , wie wir ihn gestern abend hingelegt haben . Sein Inneres aber , also das , was Ihr als Geist und Seele bezeichnet , hat sich noch nicht wieder geregt . Hier liegt der Fragepunkt , wenn nicht für jetzt , so doch für später . Denn die gestrige Katastrophe war keine leibliche , sondern eine geistige . Nicht sein Körper brach unter ihr zusammen , denn diesem gebrach es schon vorher an aller Kraft , sondern etwas ganz Anderes , was , wie ich hoffe , sich niemals wieder erheben wird . Dennoch habe ich es zunächst nur mit dem äußeren Leben zu tun . Es ihm zu erhalten , muß für heut und die nächsten Tage mein ganz ausschließliches Bestreben sein . Ich darf ihn nicht verlassen , und es macht mir ein böses Gewissen , daß ich ihn schon drei Minuten aus dem Auge gelassen habe , indem ich hier bei Euch sitze . Miß Mary ist gefaßt . Sie bereut ihre gestrige Regung keinesfalls . Sie würde auch heut und allezeit und genau wieder so um den Segen bitten , selbst wenn ihr Vater in voller Rüstigkeit dabeistände . Das hat sie mir gesagt , um mich und Euch , wahrscheinlich auch sich selbst zu beruhigen . Sie beauftragte mich , ihr Eure Verzeihung zu bringen , daß sie von ihrer Pflicht verhindert wird , Euch heut persönlich zu sehen , und ich schließe mich auch in Beziehung auf mich diesem Wunsche an , weil meine ärztliche Pflicht jedenfalls nicht geringer als diejenige der Tochter ist ! « » Aerztliche Pflicht und Kindespflicht ! « meinte da der Governor . » Ich meine , es gibt noch eine dritte , die sich wohl auch mit beizugesellen hat , nämlich die Menschenpflicht , oder , nennen wir sie hier in diesem Falle die Freundespflicht ! Wir können zwar weder mit dem Arzte medizinieren , noch dem Patienten die liebevolle Aufmerksamkeit der Tochter ersetzen . Aber Ihr erlaubt es uns vielleicht , mit zu wachen , abwechselnd für die Nacht . Und außerdem versteht es sich ganz von selbst , daß wir Euch drei Leuten auch in jeder anderen Hinsicht zur Verfügung stehen und zur Verfügung bleiben . Ich verspreche Euch , daß wir Kota Radscha nicht eher verlassen werden , als bis wir Waller mitnehmen können , hoffentlich nicht tot , sondern geheilt ! « » Versprecht noch nichts , Mylord ! « antwortete der Chinese . » Es ist nämlich möglich , daß ich Euch sogar bitte , diesen Ort ohne ihn zu verlassen , wenn auch nur für einige Zeit . Es handelt sich zunächst nur um Leben oder Tod im allgemeinen . Dabei könnt Ihr alle gar nichts tun , als höchstens ruhig warten . Bleibt ihm das Leben erhalten , so vermute ich , daß ein wochenlanges , körperliches Stillliegen folgt , während dessen seine Psyche sich wieder einzustellen und zu entwickeln hat . Dann könntet ihr Euch wohl beteiligen , an seinem Lager zu wachen . Für die vorhergehende Zeit aber muß ich ein solches Opfer als überflüssig erklären , wahrscheinlich sogar als bedrückend für die Tochter , wie ich Euch in aller Aufrichtigkeit sage . Der Gedanke , Euch ihret- oder ihres Vaters wegen so ganz untätig hier in Kota Radscha zu wissen , müßte sie beunruhigen , ihr peinlich werden . Darum bitte ich , zu überlegen , ob es nicht vielleicht einen Ausweg gibt , dies zu vermeiden ! « Da drückte ihm der Uncle die Hand und sagte : » Da habt Ihr zwar sehr aufrichtig , aber auch sehr vernünftig gesprochen , junger Mann ! Wir werden also überlegen . Vielleicht machen wir einen Ausflug nach irgendwo in der Nähe von Sumatra , denn in dem Lande selbst herumsteigen , das halte ich nicht für