der Gegend , denn er wollte aufgebahrt werden im großen Saale , und die Leute sollten hereinkommen , und der Priester sollte sie fragen , was sie urteilten über ihn und seinen Wandel . Dieser Familie Sohn kam als junger Offizier nach Berlin und sah hier die Leichtigkeit des Lebens , und wie keiner einen Willen hatte , sondern alle umgetrieben wurden durch den reißenden Maelstrom , und dabei glaubten sie , es geschehe durch ihre eigne Kraft , daß sie schwammen , und sei ihr Wille so . Da wirkte dieser Strudel so auf ihn , daß er unmerklich wurde wie die andern und ihm das Leben leicht ward , weil er keinen Willen mehr hatte und nicht mehr dachte , was morgen geschehen werde . So geriet er schnell in Schulden , und war ihm das gar nicht wichtig , denn er sah , daß alle andern gleichfalls verschuldet waren . Aber wie er nun wegen der Bezahlung gedrängt wurde und sich an seinen Vater erinnerte , der bei Tische abmaß , wieviel Brot er abschneiden durfte , damit der Laib auch hinreichte , und dann dachte er , daß das gar nicht zu Erzählungen paßte , welche die andern von ihren Eltern machten , da wurde es ihm unmöglich , daß er fernerhin so war wie die andern . Nun fand er indessen aber auch nichts in sich selbst , wie er handeln sollte , und so geschah es , daß er etwas ganz Neues beging , welches in dem gesamten Kreise noch nicht erhört war , er hat nämlich das Geld einem Kameraden gestohlen . Wie er das getan , hatte er keine Ruhe mehr , sondern machte sich heimlich auf und entfloh nach Holland , weil er dort wollte sich anwerben lassen für das Heer , das auf Java unterhalten wird . Es glückte ihm aber nicht gleich , an die rechte Stelle zu kommen , und so hielt er sich eine kurze Zeit in Antwerpen auf , und in dem Wirtshaus , wo er speiste , ward er mit einem ganzen Kreise von Abenteurern bekannt , die alle ähnliche Pläne und Absichten hatten , indem der eine in dieser und der andere in jener Weise gescheitert war . In dieser Gesellschaft kam einmal die Rede darauf , was ein jeder früher getrieben , und so wurde auch dieser Jüngling nach seiner Geschichte gefragt . Da er nach seinem ganzen Aussehen , Manieren und Haltung sich als früherer Offizier erwies , so mochte er nichts Ausgesonnenes angeben , wie viele von den andern getan hatten , sondern erzählte , daß er ein Offizier gewesen sei und wegen eines Ehrenhandels den Dienst verlassen habe ; nur nannte er ein andres Regiment . Wie er den Namen genannt hatte , da stand ein Mann auf , der rechts zur Seite gesessen und ihm immer am wenigsten gefallen von allen ; er war ein großer Mensch von soldatischer Haltung , der einen starken Schnurrbart und gebräuntes Gesicht hatte und über dem einen Auge eine schwarze Binde trug , vielleicht , weil er sich unkenntlich machen wollte . Der stand auf und rief , jetzt erkenne er den Sprecher , denn er habe in demselben Regiment gestanden und sei sein Kamerad gewesen ; damit ging er freundschaftlich auf ihn zu und drückte ihm mit großer Freude die Hand . Der Jüngling bekam einen heftigen Schrecken über diese Anrede , aber der Fremde ließ ihn nicht zu Worte kommen , sondern fragte ihn nach allerhand Namen , Personen und Geschichten und erkundigte sich und beantwortete selbst seine Fragen ; da wurde dem Jüngling klar , daß der Fremde ebensowenig bei dem Regiment gestanden wie er selber , aber er hatte gemerkt , daß seine Rede gelogen gewesen war , und da war er auf die Meinung gekommen , daß er etwas auf dem Gewissen haben müsse , was verborgen bleiben solle , und deshalb dürfe er ihn nicht Lügen strafen , wenn er selber sich auch auf das Regiment und alte Kameradschaft berief und dadurch vor den andern , die ihm mißtrauten , eine Art Beglaubigung beibrachte , daß er wirklich der sei , für den er sich ausgab . Und wie dem Jüngling das plötzlich klar wurde , da sah er des Fremden unverbundenes Auge mit einem ganz schlechten und widerwärtigen Ausdruck auf sich ruhen ; und wie der wieder seine Hand faßte unter allerhand Beteuerungen , da war ihm nicht anders , als wenn ihn jetzt der Satan ganz gefangen habe und ihn nicht loslassen werde ; und so begann der Fremde auch schon mit Vorschlägen , daß sie wollten zusammenziehen und gemeinsame Wirtschaft machen wegen der alten Kameradschaft . Durch diese große Angst wurde die Reue in ihm lebendig , und er ging in sich und sah ein , was er begangen hatte . Darauf bedachte er sich , daß er sein Verbrechen sühnen müsse , denn sonst konnte er sich nicht erretten aus der Hand des Satans . Da wurde ihm klar , daß er allein keinen Ausweg finden konnte , weil er zu geringe Erfahrung hatte und noch ohne Umsicht war , und fuhr deshalb zu seinem Vater , dem alles zu erzählen und um seinen Rat zu bitten , wie er sühnen solle ; er meinte aber , das angemessenste sei , daß er sich den Gerichten anzeige und ins Zuchthaus ging . Sein Vater war ganz alt geworden , sein Haar war weiß geworden , und er sagte ihm , daß er nicht als einzelner auf der Welt dastehe , sondern er sei der letzte eines ruhmreichen Geschlechtes , das immer in Ehren gelebt . Das sei nun schon ein sehr schweres Angehen , daß er nach solcher Tat das Geschlecht nicht fortsetzen dürfe , sondern es müsse mit ihm aussterben , denn wenn ein Dieb Kinder kriege , so werden die noch schlechter wie der Vater , und so müßte der Name ganz in Unehre fallen , wie so vielen alten und vornehmen Namen heute in unsern Tagen geschieht . Deshalb dürfe er aber auch das nicht tun , daß er seine Tat anzeige und vor aller Welt die Buße auf sich nehme , denn wenn die Welt erfahre , daß einer des Namens gestohlen habe , so sei es ganz umsonst , daß die Vorfahren gelebt hätten und hätten Ehre gehabt , denn alsdann ziehe er alle mit sich in seinen Schmutz . Darum solle er eine heimliche Sühne auf sich nehmen , die gab er ihm an , und die war schwerer , wie der Richter sie ihm auferlegte hätte . Denn fünf Jahre lang sollte er in einem Kloster die niedrigsten Arbeiten tun und den andern aufwarten , und dazu mußte er besondere Fasttage halten und hatte ein schlechteres Lager wie die andern , und mußte sich mit einer festgesetzten Zahl von Geißelhieben kasteien . Dieses alles erfüllte der Jüngling genau , wie es ihm vorgeschrieben war , und nach einer Zeit wurde er ruhig in seiner Seele und kriegte eine neue Freudigkeit . So kam das Ende heran , wo er das Kloster verlassen durfte ; aber da hatte er Angst vor der Welt , denn in der Welt hatte er Unrecht gehabt und Mißmutigkeit , und er dachte , er sei zu schwach , um draußen zu leben , deshalb blieb er in dem Kloster und war immer ein zufriedener und heiterer Mensch . Der andre Freund , den Karl gewann , war ein geborener Protestant , ein Engländer . Der stammte von strengen und gläubigen Puritanern ab , die sich alle Lust verboten und nichts haben wollten im Leben wie Arbeit und Tugend , und reich geworden waren durch harte und kalte Tätigkeit . Von Geburt an war er blaß und kränklich gewesen und hatte als Kind solche Augen gehabt , die in den Himmel zu weisen schienen und sich fortsehnten aus den großen und leeren Stuben seiner Eltern in heitere und hohe Räume voller Luft und Licht . Schon frühzeitig hatte er eine besondere Lust zum Zeichnen bewiesen , und nicht nur traf er immer mit großem Geschick die Ähnlichkeit , die er wollte , sondern es war auch ein Reiz von Schönheit und Anmut in seinen kleinen Bildern , der aus den Beziehungen der Linien kam und der Verteilung des Schwarzen und Weißen . Seine Eltern aber verboten ihm diese Übungen , wie sie seine heftige Leidenschaft sahen , und wollten ihn zu einem klugen und gebildeten Kaufmann erziehen , der Gewinn finden konnte , deshalb betrieb er seine Künste im Verborgenen , unter häufigen Gewissensbissen , aber zuzeiten , wenn er es nicht mehr ertragen konnte , daß er sich Vorwürfe um seinen Ungehorsam machte , erzählte er seinem Vater von seiner Verfehlung , und dann wurde er streng bestraft ; dann nach einer Weile konnte er seiner Lust doch nicht weiter widerstehen und verschaffte sich auf eine neue Weise die Möglichkeit , daß er sie befriedigte , und zeichnete , was er mochte , denn die vorige Weise , die er seinem Vater gestanden hatte , war ihm unmöglich gemacht . So wuchs er heran zum beginnenden Jünglingsalter , da veränderte sich plötzlich die Art seines Zeichnens und seiner Vorwürfe . Denn vorher hatte er Menschen , die er kannte , auf dem Papier abgerissen und sie verschönt , so daß sie einen himmlischen Ausdruck bekamen und edler schienen wie im Leben , und am liebsten hatte er ganz reine weibliche Gesichter gezeichnet , auf denen Gedanken zu lesen sein mochten , wie sie ein Engel ihnen in seltenen Augenblicken ins Ohr flüstert . Nun aber wendete sich alles Himmlische ins Teuflische , und in demselben Gesichtsschnitt war statt Reinheit und Klarheit wüste Unreinheit und gemeine Begierde , und nicht auf einfach Sinnliches ging das , sondern auf etwas Schmerzensvolles und wider alle Natur Scheußliches . Er selbst aber beharrte in seinem bisherigen Leben und war fleißig in seiner Arbeit , die ihm aufgezwungen war durch die Eltern , und keine Handlung beging er von unkeuscher oder unreiner Art ; vielmehr war er vor Mädchen und Frauen von seltsamer Befangenheit und Furcht , und oft errötete er im Gespräch mit ihnen und schlug die Augen nieder ; nur , daß er seinem Vater nichts mehr gestand von seinen heimlichen Kunstübungen , und so verborgen trieb er die , gelehrt durch die früheren Jahre und ihre Heimlichkeit , daß der Vater gar keinen Argwohn mehr hatte und ganz fest glaubte , sein Sohn habe das Zeichnen endlich aufgegeben . Daß er aber seinem Vater nichts mehr gestand , war seit dem ersten Bilde in seiner neuen Art. Nun trieb es ihn indessen immer weiter in seiner eingeschlagenen Richtung und dachte sich aus , daß er nackte weibliche Körper zeichnen wolle in wunderlichen Bewegungen , und sollte etwa eine solche Figur Handschuhe tragen oder einen Schnürleib und strengte seine Gedanken ganz stark an , daß er sich ein solches Bild denken konnte , indem er nachts heimlich in seiner Kammer sich nackt auszog und vor dem kleinen Spiegel über dem Nachttisch seinen eigenen Körper betrachtete , der schmal war und ganz unreif , und in einem japanischen Bilderbuch , welches er verborgen aufhob , studierte er die nackten Frauenleiber , und auf der Straße achtete er auf die Frauen , die ihm begegneten , besonders wenn etwas Wind war und ihr Körper sich durch die Gewänder beim Schreiten abzeichnete , und entkleidete sie in seiner Vorstellung , daß sie nackt dahergingen ; und in alledem war eine schmerzliche Sehnsucht und eine tiefe Lust . Unter diesem Studieren und Arbeiten bekam er eine Sammlung von Heiligengeschichten in die Hand , die las er sehr eifrig , und besonders die Geschichten von den heiligen Frauen , wie der heiligen Katharina von Siena und der heiligen Rosa von Lima . Denen ahmte er nach in den Kasteiungen und beschaffte sich eine Kette , schlang sich die um den Leib , und die Kette rieb ihn blutig und drang ihm ins Fleisch , aber die Schmerzen taten ihm wohl , und damals wäre er glücklich gewesen , wenn es ihn nicht zu gleicher Zeit nach dem andern gedrängt hätte ; so zeichnete er die heilige Rosa , wie sie als ganz junges Mädchen auf einer Wiese steht und von vielen Schmetterlingen umflattert wird , die in ihrer Heimat Peru wunderbare große Flügel und herrliche Farben haben , und ein ganz großer Falter hatte schwarze und weiße Flügel , der setzte sich auf ihre Schulter , und das war eine Berufung für sie , welchem Orden sie angehören sollte . Dieses Bild zeichnete er , aber die heilige Rosa hatte er ganz nackt gemalt , als ein dürftiges weibliches Wesen mit langen Haaren , die in sonderbaren Schlangenlinien gingen , und um ihren Mund spielte es wie eine schmerzliche Wollust und zugleich eine Unfähigkeit zur Lust . Solche Bilder aber mußte er immer zeichnen , und seine seelische Unkeuschheit wurde immer stärker . Am Ende wurde er sehr leidend , und wie ihn die Ärzte untersucht hatten , sagten sie , daß seine Lungen erkrankt seien und er müsse nach dem Süden gebracht werden . Da ließ ihn sein Vater gen Italien reisen , und wie er eine Weile an der Riviera gelebt hatte und gesünder geworden war , erfuhr er , daß sein Vater plötzlich gestorben sei . Da machte er sich gleich auf und ging zu dem Kloster und lebte dort eine Weile , bis er es endlich erlangte , daß er in die Zahl der Mönche aufgenommen wurde . Außer diesen zwei Männern waren in dem Kloster nur Brüder , die keinerlei Geschichte gehabt hatten . Ein ruhiges und fröhliches Leben führten sie unter allerhand sonderbaren Sachen ; da hatten sie ein Schränkchen , das war ganz mit Ruinenmarmor ausgelegt , und eine Sammlung von Stücken aller Holzarten besaßen sie , die geschnitten und behobelt waren wie Bücher , auch ein Stück Zedernholz vom Libanon war darunter ; eine besondere Kostbarkeit schien aber ein Bildnis der Muttergottes , das aus bunten Vogelfedern hergestellt war , und ein Kirschkern , auf dem ein Bruder die ganze Leidensgeschichte geschrieben hatte , daß man sie mit der Lupe lesen mußte , und fehlte kein Buchstabe . Sehr selten geschah es , daß Fremde das Kloster besuchten , die alte Wandbilder aus Giottos Schule betrachten wollten ; dann sprachen die Brüder bei Tische viel darüber , aus welchem Lande die Reisenden wohl stammen mochten und ob sie Protestanten waren oder Katholiken , wunderten sich auch , daß sie so wenig Freude an dem Kirschkern und dem Muttergottesbild zu haben schienen . Zuweilen wurde dann wohl darüber gestritten , ob die Protestanten bald zur Kirche zurückkehren würden oder noch lange in ihrer Verstocktheit beharren . So lebte Karl , und von seiner früheren Welt erfuhr er fast nie mehr etwas , nur einmal kam zu ihm eine Nachricht über seine geschiedene Frau . Johanna hatte nach der Trennung ihren Kreis von alten Freunden beibehalten und auch durch neue vermehrt , und hatte ein Ansehen in ihrer Gesellschaft , daß viele auf ihre Meinung hörten und sie selbst hochhielten als eine Vorkämpferin und Befreierin . Alle in diesem Kreise lobten unsre heutigen Zustände und sagten , daß in unsern Tagen zum ersten Male das Individuum die Möglichkeit gänzlicher Freiheit erhalten habe , denn indem die Gesellschaft nicht mehr die volle Person in Anspruch nehme , sondern nur Betätigungen der Person verlange , so könne sich jeder zu dem entwickeln , was er werden wolle und unterliege keinem äußeren Zwange ; und so dachten sie , daß aus jedem von ihnen ein Eigner und Besondrer werden müsse . Indem Johanna in diesen Anschauungen beharrte , schloß sie einen Liebesbund mit einem jungen Mann aus ihrer Gesellschaft und lebte mit ihm , und nach einiger Zeit sagten die beiden einander , daß ihre Liebe erloschen sei , und daß sie unsittlich handeln würden , wenn sie nun noch länger zusammenlebten , und so gingen sie in Freundschaft voneinander . Dann folgte eine neue Liebe , und in solcher Weise führte sie ihr Leben . Es geschah aber , daß sie sich in diesen Umständen in Hoffnung fühlte , und hatte ein Kind . Da sagte der Vater zu ihr , daß sie nun sich gesetzlich heiraten müßten , weil die heutige Welt , obschon sie im Grunde wohl ganz neu sei , doch noch die alten Formen bewahrt habe , und deshalb sei in ihr kein Ort für eine solche Gruppe wie er , sie und das Kind , wenn sie keine Ehe nach der gebräuchlichen Form bildeten . Sie antwortete ihm jedoch , daß sie ihre Freiheit bewahren wolle und keinem Zwange unterliegen und wolle ihr Kind auch allein aufziehen ; und so tat sie auch , lebte für sich und besorgte das Kind , indem sie allen erzählte , daß sie eine geschiedene Frau sei , und das Kind habe sie von einem Freund ; sie wurde aber sehr stolz und froh , wie sie verspürte , daß sie von vielen deswegen übel angesehen wurde , und meinte , daß alle Erlöser der Menschen beständigen Undank geerntet hätten , bis man später erst ihre Tat richtig erkannt . Dann begann sie und beschrieb ihr Leben von Kindheit an und sagte , daß sie genau alles erzählen wolle , wie es in Wahrheit gewesen sei , und nichts wolle sie verschleiern , und dieses Buch dachte sie dann herauszugeben , damit jeder es lesen könne . Die Komtesse Maria bewohnte ein kleines Stübchen , das auf einen stillen Hof hinausging , mit Möbeln , welche der Vermieterin gehörten , und hatten wohl deren gute Stube geschmückt , als der Mann noch lebte . Das Mahagoni , das die über ein Menschenalter gepflegt , war von einer gewissen Traulichkeit , und die Komtesse hatte durch allerhand kleines Wesen das Behagliche noch erhöht ; so empfing eine gewisse Wärme des Frauenhaften Hansen beim Eintritt und erzeugte in ihm eine freundliche und friedliche Stimmung . Es war einen Augenblick lang , wie sie aus der Kanne in seine Tasse goß ; sie hatte eine nicht allzugroße Figur , und in ihrer Bewegung war etwas Hausmütterliches ; er stand aufrecht da und schien groß und energisch ; einen Augenblick lang hatten sie beide ein Gefühl : wie es wäre , wenn sie einander angehörten als Mann und Weib , und dieses wäre ihr Heim , das die Frau freundlich und friedlich machte , damit der Mann Ruhe fände , und der Mann erhielte es , und die Frau hätte bei ihm Sicherheit . Aber schnell verschwand das Gefühl durch Demut und Stolz , denn sie meinten jeder , der andere sei höheren Glückes wert , und er wolle nicht unbescheiden sein . Dann erzählten sie sich . Zuerst war das Gespräch recht zaghaft , denn als Menschen , die viel für sich gelebt , verstanden sie nicht die Kunst der leeren Worte und scheuten sich , formelhafte Reden zu gebrauchen , bei denen sie nichts empfanden ; aber bald wurden sie recht eifrig , denn sie waren auf etwas gestoßen , dafür sie beide Wärme hatten , nämlich auf gelesene Bücher . Da ereignete sich etwas Wunderbares . Sie sprachen von diesem Buch und jenem , und beide hatten dieselben Bücher gelesen und waren auf die gleichen Fragen gekommen und hatten die gleichen Gedanken gehabt . Sie vertieften sich ganz im Zeigen und Wiedererkennen , und vergaßen sich , und im Eifer geschah es Hans , daß er zu der Gräfin sagte » Du « , worüber sie rot wurde , er aber merkte nichts . Und dann wieder kam ihnen das Märchenhafte zum Bewußtsein , daß sie sich gesehen hatten als kleine Kinder vor vielen Jahren , und jetzt waren sie beide erwachsene Menschen , und in der Zwischenzeit hatten sie ihre Köpfe über dieselben Schriften gebeugt , hatten dieselben Lehren ihren Geist erschüttert , dieselben Fragen sie umhergetrieben , und hatte doch keiner vom andern gewußt , als daß sie einmal zusammen gespielt im Heu und im alten kleinen Forsthause im Walde . Und jedem war gewesen lange Jahre hindurch , als sei er allein in der Welt , und die Menschen waren ihm nur Schatten und Geräusche und lebten nicht , und nun zeigte es sich , daß es noch einen Menschen gab , der alle diese Gedanken und Gefühle gehabt hatte ; und plötzlich war es jedem , als sei die Welt nun lebendig geworden aus einem Zauber , und alle Menschen hätten Seelen bekommen . Hans hatte wohl viele Menschen getroffen , die ähnlich sprachen und dachten und ähnliches studiert hatten wie er , aber die waren ihm doch tot gewesen , das wußte er jetzt . Denn was das Lebendige zwischen ihnen schuf , das merkten sie beide nicht in Harmlosigkeit , nämlich , es kam zu den gleichen Meinungen und den gleichen Büchern , daß er ein Jüngling war und sie eine Jungfrau , und daß sie an seiner Brust liegen konnte und er sie umschlungen halten konnte . Das war ein Glück in ihnen , das sie noch nie gespürt . Sie überhasteten sich in ihren Reden , fragten und erwarteten keine Antwort , machten Pläne , nahmen sich Vorsätze vor und lachten , ohne daß sie einen rechten Grund hatten . Noch vor einer Stunde waren sie einander fast fremd gewesen , und nun schien es ihnen , als ob sie zueinander gehörten , so hatten sie ohne Scheu ihre natürlichen Bewegungen , und Maria legte ihre Füße auf einen kleinen Schemel , wie sie gewohnt war , ohne daran zu denken , daß sie einen fremden Herrn zum Besuch hatte , nicht einen Bruder oder Gatten ; plötzlich fiel ihr die Unschicklichkeit auf , und sie errötete . Wie ein kleines Mädchen errötete sie , und so glücklich sah sie aus , wie ein kleines Mädchen in ihrer Schwesterntracht und glattgestrichenem Haare . Durch ihre Bewegung wurde er aufgeschreckt , sah nach seiner Uhr und fand mit großer Bestürzung , daß er ganz unschicklich lange geblieben war , so stand er hastig auf , und mit einer gewissen Befangenheit trennten sich die beiden . Als Hans sie das zweite Mal besuchte , waren sie verlegen und kalt , und in ihre Worte wollte keine Wärme kommen , und was sie sagten , sagten sie nicht aus Liebe und Überfluß , sondern um ein schleppendes Gespräch zu erhalten ; und weil alles , was vorher so rosig erschien , jetzt grau war , so prüften sie nach bei sich und fanden , daß sie eine eigentliche Belehrung doch das vorige Mal nicht voneinander empfangen hatten , und daß sie ein jeder das schon gewußt , was besprochen war ; aber weder er noch sie warfen die Schuld davon auf den andern , sondern meinten jeder , der Grund liege bei ihnen selbst ; so trennten sie sich sehr früh . Nachher machten sie sich schwere Gedanken , wußten sich nicht zu erklären , woher die Kälte und Verlegenheit gekommen , und meinten jeder , er selbst sei schuld daran , indem er das erste Mal aufdringlich gewesen sei . Denn schon hatte in der Zwischenzeit die Liebe ihre seltsame Arbeit in ihren Seelen ausgeübt , nämlich den Geliebten verschönt und erhöht und so geschmückt , daß er ein ganz andres Wesen wurde , aus einem kleinen Menschenkinde mit seiner Angst und Verlegenheit ein zürnender Engel , der unnahbar ist durch seinen Glanz und Größe . Und so sagte Hans bei sich , daß er von niederem Herkommen war und später selten vornehme Leute getroffen , denn die meisten Bekannten und Gleichstrebenden waren ähnlicher Abkunft wie er , deshalb wußte er manches nicht , was schicklich war , etwa ob man die Beine übereinanderschlagen durfte , denn in einem Buche über den seinen Anstand , das er durchstudiert , war das verboten , und vielleicht habe er die Komtesse durch solche Nachlässigkeit beleidigt , und sie denke etwa nicht , wie man sie erklären müsse bei ihm , sondern meine , weil sie Krankenpflegerin geworden sei und ihren Stand verlassen habe , so glaube er , daß man in solchen Dingen ihr gegenüber nicht so sorgfältig zu sein brauche , und solche Ansicht müsse sie natürlich kränken . Und Maria dachte , daß Hans schnell alles spürte , was unsittlich oder unschicklich sein mochte , denn sie kannte auch seinen Vater gut und sah ihn in ihrem Geiste neben ihrem Vater hergehen ; da schien ihr , daß sie nicht weiblich gewesen sei , und er könne meinen , sie sei nicht zurückhaltend , und sie fürchtete , er halte sie für schamlos . Zu diesen Sorgen kamen noch kleine Mißverständnisse und allerhand solche Vorfälle , die bei Liebenden eintreffen ; so lebten beide recht unglücklich , wie es ja gewöhnlich ist , auch bei klugen und guten Menschen , in den ersten Liebeszeiten ; denn alles ist da noch trübe , unbekannt und unausgesprochen , und erst wenn das klar und geordnet ist und eine ebene Straße sich unter den Füßen hinzieht , kann ruhiges Glück hereinfließen . Aber je selbständiger zwei Menschen sind , desto schwerer ist offenbar ein solches Ziel zu erreichen . Unter solchen allgemeinen Umständen hatten sie an einem Frühlingstage einen Ausflug gemacht an einen abseits von der begangenen Straße gelegenen Ort , wo ein See lag inmitten des eintönigen Kiefernwaldes , der aus dem dürftigen Boden mit Anstrengung hervorwächst , und in dem ruhigen Wasser spiegeln sich die Kiefern wider und der blasse Frühlingshimmel mit weißen Wölkchen . Unter einer Birke saßen sie , die am Waldrande allein stand und sich an den hängenden Zweigen mit ihren jungen Blättchen schmückte , und wie sich Maria neigte , da wuchsen Leberblümchen , wie zu Hause in dem hohen Buchenwalde , da pflückte sie drei Blümchen ab , und Heimweh ergriff ihr Herz , und um ihr Gefühl zu verbergen , tat sie behutsam die Blumen an ihre Brust . Dabei hatten sie ein Gespräch über etwas andres , aber auch ihm war das Heimweh gekommen , und hinter ihren gleichgültigen Worten teilte sich die Herzensbewegung des einen dem andern mit . Hierüber entstand eine Pause voll Befangenheit , die süß und sehnsuchtsvoll war , und wie sie so schwiegen , kam ein ganz kleiner Schmetterling , der den Winter überlebt hatte , denn er hatte recht abgenützte Flügel , und jetzt hatte ihn die liebe Sonne gelockt aus seinem Versteck , der suchte nach Blumen , und es fror ihn ; und in ungeschicktem Fluge kam er zu Marias Brust , setzte sich auf ein Blümchen und schlug freudig und zufrieden seine Flügel zusammen , wie er früher getan hatte in dem warmen Sommer des vorigen Jahres . Sie sah mit glücklichem Gesicht auf das Tierlein nieder und hielt sich ganz still , und durch einen Blick , wie ihn ein Kind haben mag , rief sie ihm , daß er auch sehen solle . Er neigte sich zu ihr , über die Blümchen mit dem Schmetterling , und sein Gesicht kam vor das ihre , und beide verspürten eine Scheu und ein Klopfen des Herzens , da faßte Hans sich Mut und sah zur Seite und sah , daß ihre Wangen rot waren und in ihren Augen Tränen standen , und hierüber geschah ihm , daß er handelte , ohne sich zu besinnen oder zu überlegen , er legte seinen Arm um sie und küßte sie , und zwar verfehlte er ihren Mund , aber er verspürte doch , wie sie den Kuß erwiderte , und sah , wie ihre Augen sich schlossen . Da tat sich ihm weit , weit das Herz auf , und ihm schossen die Tränen in die Augen , und er warf das Gesicht in ihren Schoß und weinte , weinte ; der Schmetterling war davongeflogen , und Maria strich ihm sein Haar , leise , mit ihren weichen Händen , und einmal sagte sie » Du Lieber « , mit Anstrengung sagte sie das . Und wie sein Haupt in ihrem Schoße lag und seine Augen weinten , und sie streichelte ihm das Haar , das hell war und starr , und eine kleine Meise hüpfte über ihnen in dem durchsichtigen Geäst der frühlingsgeschmückten Birke , da kehrte ein in ihnen Zuversicht und Sicherheit , und sie wußten , daß sie neu geboren waren wie in einem Stübchen bei ihren Eltern , und daß es nicht mehr Not , Sorgen und quälende Gedanken gab , und alles war einfach und selbstverständlich , und ihre Gedanken waren , als gehörten sie schon lange zusammen , seit vielen , vielen Jahren , und vor undenklichen Zeiten sei etwas Unruhiges und Einsames gewesen , und alles war eins bei ihnen , wie es natürlich ist bei einem alten Ehepaar . Lange verharrten sie so ; und es war , als ob alles Glück , nach dem sie sich vergeblich gesehnt , so lange Jahre , jedes allein für sich , als ob das aufgesammelt gewesen sei und nun auf sie herniederregnete in diesen Minuten unter dem durchsichtigen Birkengeäst ; und alles war ihnen gleichgültig , ja sie dachten an nichts und hatten nicht gewußt , ob es Minuten waren oder Stunden , als ihm die Tränen des Glückes aus den Augen flossen , unaufhaltsam , aus der Tiefe seines Herzens , in dem das Glück saß , und sie streichelte sein Haar , das sie lieb hatte , und vielleicht waren es sogar nur Sekunden gewesen , daß sie so gesessen . Sie besannen sich auch , sahen sich ins Gesicht und lachten , ganz ohne Grund lachten sie , Hansens Backen waren noch naß von Tränen . Plötzlich errötete sie , ein ganz neuer , lieblicher Ausdruck zog sich über ihr Gesicht , und sie errötete bis an die Haarwurzeln und an den Seiten bis zum Ohransatz und legte