hinausgerufen worden sei . Die Schallwellen fluteten unter der hängenden Mauer hinaus in das vordere Bassin , und da hörte ich es von Säule zu Säule durch die Finsternis weiter und weiter klingen : » Keinen Tod - - keinen Tod - - keinen Tod - - keinen Tod - - Tod - - Tod - - Tod ! « » Du bist es , Effendi , du ? « fragte er . » Ja . « » Komm , rette mich ! « » Sogleich ! Wo befindest du dich ? « » Da , wo du mich - - mich - - mich - - ich darf es dir nicht sagen . Das muß von selbst geschehen ! « » Was ? « » Komm herauf ! « wiederholte er , ohne auf dieses mein » Was ? « einzugehen . Ich erreichte den Sockel . Im Wachen war er mir ganz unersteigbar vorgekommen ; jetzt aber , im Traume , gelang es mir fast leicht , mich hinaufzuschwingen . Er hockte auf der einen Seite der Figur ; ich setzte mich auf die andere . » Sei still ! « bat er . » Warum ? « fragte ich doch . » Warte ! Es wird kommen . Wir werden auch noch sehen ! « Ich schwieg also . Wie kam es doch , daß ich nicht fror , obgleich ich mich in dem eiskalten Wasser befunden hatte und nun so still auf dem ebenso kalten Steine saß ? Wohl , weil ich doch nur träumte ! Es herrschte die tiefste Stille um uns her , und nur von weitem war es , als ob es draußen im vordern Bassin ein leises , leises Flüstern gebe , wie Gedanken , welche aus dem Wasser steigen und lebendig zu werden beginnen . Und aber dieses Wasser ! Und die auf ihm liegende , dichte Finsternis ! Wie war es doch mit diesen beiden ? ! Man spricht von Wärme und Kälte . Je größer die Kälte wird , umso deutlicher fühlt man sie als Wärme . Man sagt dann » meine Ohren brennen « . Ist es mit Licht und Finsternis vielleicht so ähnlich ? Kann die Finsternis verdichtet werden , so verdichtet , daß sie die Wirkung des Lichtes bekommt ? Das schien jetzt hier von unserm Sitze aus der Fall zu sein . Das war hier nur so im ganz , ganz Kleinen . Aber so wie hier konnte es , freilich im unendlich Großen , gewesen sein , als sich einst am Anfange das Licht von der Finsternis zu scheiden begann . Das Licht wurde aus seiner Gefangenschaft errettet , aus seiner Latenz befreit , aus seiner Verzauberung erlöst und schwamm zunächst als Phosphoreszenz , so fast wie Wasserleuchten , auf dem Dunkel . Dann zog es Fäden , erst feine , doch immer deutlicher werdende Fäden , die nach und nach Maschen bildeten , in denen es wie von geschliffenen Perlen strahlte . Und in gewisser Höhe darüber erzitterte es von märchenzarten , orangebunten Wölkchen , in denen es von Liliputelektrizitäten beständig wetterleuchtete , bis sich die Luft von aller Finsternis gereinigt hatte und eine Schicht entstanden war , in der man endlich , endlich das , was sich in ihr bewegte , sehen konnte . Und diese Schicht war es , die uns nach einiger Zeit erlaubte , zu bemerken , daß draußen im vorderen Bassin Wellenkreise geworfen wurden , welche unter der schwebenden Mauer hereinkamen und bis zu unserm Postamente fluteten , an dem sie sich leicht kräuselnd brachen . » Es beginnt ! « flüsterte der » Zauberer « . Das klang so ängstlich , und ich hörte , daß er sich wie nach innen schüttelte . War das nur die Folge seines Sturzes ? Oder gab es außerdem noch andere , wohl innerliche Ursachen ? Die erwähnten Wellenlinien wurden enger und bewegter . Es kam Etwas geschwommen . Wer oder was ? Menschen auf keinen Fall ! Gab es Tiere hier , größere Tiere ? Denn nach dem Radius der geworfenen Kreise konnte es kein kleines sein ! Da kam es - - unter der Mauer hindurch - - ein Totenkopf - zwei Schlüsselbeine - zwei halb im Wasser verschwindende Schulterblätter - zwei Knochenarme , welche nach beiden Seiten ausgriffen , um zu schwimmen - - - Ich kannte das : Es war das Gerippe von dem Säulensteine am zweiten Seitenkanale . Es kam bis fast an das Postament herangeschwommen , hielt da an , schaute zu uns herauf und sagte : » Nicht bloß Einer - - - sondern Zwei ? ! Ihr armen , armen Menschen ! Den Leib gerettet , wie ich einst den meinen - - - auf einen Stein , der kein Erbarmen kennt - - - ! Doch nur für kurze Zeit , bis Ihr verschmachtet , verfluchend niedersinkt und zum Skelette werdet , so wie ich ! « » Wer bist du ? « fragte ich ihn . » Ich bin der erste Fluch , der hier erschallte . Und du ? « » Ich bin vielleicht , vielleicht der erste Segen . « Da tat das Gerippe mit den entfleischten Armen einen Schlag auf das Wasser , daß es bis an die Lendenwirbel emportauchte , und rief aus : » Verstehe ich dich recht ? Du willst nicht fluchen , sondern segnen , segnen ? « Seine Stimme drang in das vordere Bassin hinaus . » Segnen - - - segnen - - - - segnen - - - - - segnen ! « ertönte es dort von Säule zu Säule , wie ein Befehl für die Toten , zu erwachen . » Das wird sie wecken , « sagte er ; » sie alle , alle , alle . Denn solches Wort ist hier noch nicht erklungen ! « Und sie kamen , Viele , Viele , Viele ! Unhörbar , vollständig unhörbar ! Kopf an Kopf versammelten sie sich hinter ihm ! Kopf an Kopf zog ihre Menge sich unter der Hängemauer in die Unsichtbarkeit hinaus . Wie mich das packte , so ungefähr muß es den letzten Menschen sein , wenn der Hammer aushebt , um die Stunde des Gerichtes zu schlagen . Segen oder Fluch ? Seligkeit oder Verdammnis ! Still war es , still . Keiner der Köpfe regte sich und keines der Wasser bewegte sich mehr . Nur der » Zauberer « hier oben bei mir bebte ; denn alle , all die leeren Augenhöhlen waren starr herauf nach uns gerichtet . Und das Gerippe sprach : » Heut ist der erste Tag des neuen Mondes , der Tag , an dem wir stets aus unserm Schlaf erwachen , um zu vollenden , was wir einst beschlossen . Der Tag der Arbeit an dem Werk der Rache ! « Er gab dem letzten Worte einen solchen Nachdruck , daß der Schall desselben im vordern Becken wie eine Brandung wirkte . » Rache - - Rache - - - Rache - - - - Rache ! « wiederholte dort das Echo brüllend . Es folgte ihm ein lautes Knarren , Knattern , Knirschen , als ob der Fels vor dem Zerbersten stehe , und dann klang jener langgezogne , fauchend scharfe Ton , der warnend übers Eis erklingt , wenn Risse sich erzeugen . » Habt Ihr ' s gehört , wie mächtig schon das Wort an Säulen rüttelt ? « fragte er zu uns empor . » Wie müssen sie dann erst vor unsrer Kraft erzittern ! Wir wuschen seit Jahrtausenden sie aus , zernagten ihre Stärke und kratzten an dem alten Gleichgewicht , bis von ihm nur so viel noch übrig war , daß es verschwinden wird , sobald wir wollen ! Das ist die Hälfte unsers Werkes , die Zerstörung ! « » Zerstörung - - Zerstörung - - - Zerstörung - - - - Zerstörung ! « donnerte draußen der Widerhall , und das gefährliche Fauchen ging von Neuem durch das zerbröckelnde Gestein der Decke . Denn daß sie bröckelte , hörten wir am Klange des Wassers , in welches die Bruchstücke fielen . Das Gerippe lauschte auf diese Geräusche , bis nichts mehr zu hören war , und sprach dann weiter : » Doch wir zerstören nur , um zu erzeugen . Vernichten wir da draußen allen Trug , so fördern wir in diesem Raum die Wahrheit . Sinkt dort der Fels zertrümmert in den Tod , so geben wir ihm hier Gestalt und Leben . Und an demselben Tag , da drüben Alles stürzt , wird hier das Wunder neu geboren werden , daß Steine schreien , wenn man Gott nicht hört ! Ihr wißt es nicht , bei wem Ihr Rettung suchtet . Es ist der Fluch , an dessen Fuß Ihr hockt ! Der Fluch , der Fluch , der hier so oft erklungen , daß er des Steines Seele werden mußte ! Wir wuschen diesen Stein mit unsern Tränen aus . Wir meißelten mit unsern Fingernägeln . Und von dem Blute Derer , die bei dem Sturz zerschmetterten , bekam der Hintergrund die dunkle Farbe . Nun ist es bald vollbracht . Nur noch zwei Mondestage , den heut und dann noch einen , so sinkt der falsche Segen in die Nacht , und unser Fluch , die Wahrheit , tritt zu Tage ! Doch fehlt uns noch das Wort für seinen Sockel , die Zeilen , welche droben sagen sollen , was wir dann nicht mehr selber sagen können , weil wir da draußen mit zerschmettert werden . Und diese Zeilen fordre ich von Euch . « » Von uns ? « fragte ich . » Warum ? « » Es wurde so beschlossen . Der Letzte , der vor der Vollendung kommt , hat auch das Letzte für das Werk zu geben . Das ist die Schrift . Wer ist es von Euch Beiden ? « » Hier mein Gefährte ging voran ; ich folgte hinterher . « » So , also du ! Was du bestimmst , wird auf den Sockel kommen . Doch höchstens nur vier Zeilen , keine mehr ! « » Und wenn Euch nicht gefällt , was ich bestimme ? « » Es hat uns zu gefallen und muß genommen werden . « » Muß ? « » Ja , muß ! Jedoch bedenke Eins : Die Seele dieses Bildes ist der Fluch ; die Unterschrift wird ihm den Geist verleihen . Gibst du ihm einen Geist , der ihm die Seele stört , so wird das Werk ein Bild des Wahnsinns sein und du zwingst uns , von Neuem zu beginnen . Hast du gehört ? Und hast du auch verstanden ? « » Beides . « » So sprich nun du ! « Ich folgte dieser Aufforderung sehr gern , stand auf , lehnte mich , um nicht hinabzuschlüpfen , an die Figur des Beters und begann : » Heut ist der erste Tag des neuen Mondes , der Tag , an dem er aus dem dunkeln Schatten der Erde tritt , um wieder ihr zu leuchten . Und dieser Tag , so hoffe ich , soll auch für Euch das wiederbringen , was Euch der Schatten dieser Erde nahm - - der Sonne goldnes Licht ! « Ich hatte so laut gesprochen wie er , und darum wurde das letzte meiner Worte auch hinausgetragen zu den morschen Säulen , an denen es auch ganz dieselbe Wirkung hervorbrachte , nur daß die glucksenden und klatschenden Geräusche der fallenden Steine dieses Mal viel , viel länger anhielten als vorher . Und hierauf ging statt jenes fauchenden Geklinges ein tiefes Rollen am Gewölbe hin , wie wenn am Horizont ein fernes Donnergrollen das Nahen schwerer Wetter uns verkündet . » Habt Ihr ' s gehört ? « so fragte ich hinunter . » Wenn schon mein Wort um so viel stärker wirkt , um wieviel mehr wird erst die Kraft Euch überlegen sein ! Ihr selbst gestandet ein , daß Euer Wort Euch mit zerschmettern werde . Glaubt an das meinige , so werdet Ihr von ihm hinaus zur Sonne und an das goldne Tageslicht geführt ! « » An die Sonne ? An das Tageslicht ? « fragte das Gerippe . » Niemals , niemals werden wir sie beide wiedersehen ! Auch du nicht ! In keiner Ewigkeit ! « Er hauchte das verzweifelt vor sich hin . » In keiner Ewigkeit - - - in keiner Ewigkeit ! « so seufzte es ihm nach von Kopf zu Kopf . » Was höre ich ? Ihr gebt ja mir schon Licht ! « fuhr ich fort . » Um wieviel mehr kann ich nun Euch es bringen ! « Nur die Verzweiflung war ' s , die Euch zur Rache trieb . Das liegt in Sonnenklarheit hier vor meinen Augen ! Die Hoffnungslosigkeit ließ Euch den Fluch ersinnen ! Du nanntest uns : » Ihr armen , armen Menschen « ; ich aber sag : Ihr armen , armen Geister ! » Ihr kamt zu diesem Berg , mit Schatten Euch zu streiten . Ihr nanntet Wahn , was Ihr vernichten wolltet . Und doch war es ein noch viel größrer Wahn , der es für möglich hielt , daß es auf Erden Strahlung ohne Schatten und Wahrheit ohne Täuschung geben könne ! Ihr hättet alle Wesen töten und jedes Licht im All verlöschen müssen , und damit nur erreicht , daß dieses All in Finsternis versank . Dann freilich gab es keine Schatten mehr ; an ihre Stelle war der eine , einzige , der ewige getreten ! Und nicht bloß Wahn , nein , Wahnsinn ist ' s gewesen , und Wahnsinn ist es noch in diesem Augenblick , daß Ihr den Schemen flucht , anstatt der eignen Torheit ! Wer zwang Euch denn , hinauszutreten in den Schlund , wo jeder Menschengeist den festen Halt verliert ? « » Gab es denn einen andern Weg ins Freie ? « fragte er . » Der Eingang war verschwunden ! « » Auch ich sah ihn nicht mehr . Doch wußte ich , daß er sich dem Gebete zeigen werde , auf welches mich der Warnende verwies . Hat er nicht auch zu Euch davon gesprochen ? « » Er sagte es , doch beteten wir nicht . « » Warum nicht ? « » Ist das Gebet für so erhabne Geister , die wir waren ? « » Für so erhabne Geister ! Ach so ! Entschuldigt mich ! Verzeiht , daß ich , der arme , kleine Mensch , es wage , zu Euch zu sprechen , die Ihr so erhaben seid , daß Ihr nicht einmal mehr mit Gott , dem Höchsten , redet ! Wie sehe ich Euch doch so groß und herrlich hier in den Fluten Eures Irrsinns liegen ! Ihr kamt mit Ueberhebung zu dem Berge , gingt stolz erhobnen Hauptes durch die Schatten und hobt in selbstbewundernder Vermessenheit den Fuß , auch noch die letzte Türe zu durchschreiten . Und nach dem Sturz in dieses Geistesdunkel , was tatet Ihr ? Was habt Ihr unternommen ? Ihr wurdet von dem Warnenden auf das Gebet verwiesen . Es hätte Euch sofort das Licht gebracht . Habt Ihr gebetet ? Nein , geflucht , geflucht ! Und wem habt Ihr geflucht ? Etwa dem eignen Wahnsinn , der Euch stürzte ? Nein , sondern denen , die sich wehren mußten , weil Ihr es ihnen nicht einmal erlaubtet , zu bleiben , was sie waren - - - arme Schatten ! Ist Einer unter Euch , der etwa glaubt , sich gegen mich verteidigen zu können ? « Es blieb eine Weile still ; dann sagte das Gerippe : » Du wirfst uns vor , daß wir nicht beteten , damit der Eingang sich uns wieder öffne . Sag , betetest denn du ? « » Nein . « » Hast also ganz dasselbe unterlassen und darum nicht das Recht , uns anzuklagen ! « » Ich unterließ es nicht ; ich kam nur nicht dazu . Mich führten überhaupt ganz andre Gründe als Euch in dieses drohende Gemäuer . Ich kam nicht , zu verderben , nein , sondern zu erretten ! Auch hatte ich das Ende wohl bedacht und war nicht so verrückt , die Bodenlosigkeit für festen Grund zu halten . Ich habe Alles , was ich sah , studiert , kalt und gemessen , wohlbedacht und ruhig . Und eben als ich damit fertig war , erschien der Zauberer und - - - « » Du erschrakst und sprangst herab zu uns ! « fiel das Gerippe schnell ein . » Nein . Ich blieb stehen , ließ ihn herankommen und sprach mit ihm . « » Du bliebst - - - stehen ? Du sprachst - - - sprachst mit ihm ? Das hat Keiner , Keiner , kein Einziger von uns gewagt ! Hast du denn nicht gewußt , daß dieser Zauberer der Wahnsinn ist ? Auf wen sein fürchterliches Auge fällt , der wird verrückt , verrückt - - - sofort verrückt ! Wir alle , alle flohen , als er von fern erschien , und das Entsetzen trieb uns hier herunter . Und du bliebst stehn ! Hast gar mit ihm gesprochen ! Mensch , solche Kühnheit ward noch nicht gesehen ! « » Da wiederhole ich : Ihr armen , armen Geister ! Wo bleibt da die Erhabenheit , wenn jeder Unsinn sie in Wahnsinn stürzt ! « » Du kamst doch auch herab ! « » Jawohl , ich kam . Doch aber nicht vor Schreck ! Ich sprang aus freiem Willen , ganz ohne Zwang herunter , damit er sehen möge , daß ich nicht ihn und auch den Tod nicht fürchte . « » Selbst - - selbst - - - selbst heruntergesprungen ! « stieß das Gerippe hervor , und das Wasser , in dem es lag , zitterte , als ob an und in dem Skelette Alles in Erschütterung sei . » Selbst - - selbst - - - selbst heruntergesprungen ! « so klang es von Kopf zu Kopf bis weit hinaus ins vordere Gewölbe . » Er fürchtet nicht den Tod ! « sagte das Gerippe . » Nicht den Tod - - nicht den Tod - - - nicht den Tod ! « ertönte es hinter ihm weiter und weiter . » Warte , warte , warte ! Wir kehren bald zurück ! « Diese Worte galten mir . Dann setzte sich die ganze Schar in unerwartet schnelle Bewegung , um aus dem hintern Wasserbecken zu verschwinden . Durch das vordere aber ging ein Flüstern , Raunen , Murmeln und Summen wie von vielen Tausenden , die nicht auf dem Wasser , sondern unten auf dem tiefen Grunde miteinander sprächen . Nach einiger Zeit kehrten sie wieder , genau so , wie sie zuerst gekommen waren . Das Gerippe nahm seine alte Stellung dem Sockel gegenüber ein und sprach : » Heut ist der erste Tag des neuen Mondes , der Tag , an dem er aus dem dunkeln Schatten der Erde tritt , um wieder ihr zu leuchten . Und dieser Tag , so hoff ich , soll auch uns das wiederbringen , was uns die Erde nahm , der Sonne goldnes Licht ! Du hörst , ich spreche schon mit deinen Worten . Vielleicht geschieht es noch , daß wir nach diesen Worten handeln . Kennst du die Sage vom verzauberten Gebete ? « » Nein , « antwortete ich . » Nicht ! So dürfen wir dir um so mehr vertrauen ! Der Letzten einer , welche zu uns kamen , herabgestürzt wie wir , durch eigne Schuld , war vorher drüben in dem Land gewesen , wo seit fast ungezählten , vielen Jahren ein wunderbarer Geist in tiefer Höhle wohnt . Man nennt ihn darum Ruh-y-Kulian , doch , steigt er einmal zu den Menschen nieder , so naht er sich in weiblicher Gestalt , trägt weißes Haar , fast bis zur Erde nieder , und führt den Namen Marah Durimeh . Er traf auf sie in ärmlich kleiner Hütte und sprach mit ihr vom großen Menschheitsweh . Doch war ihm ihre Rede nicht begreiflich , denn was sie sagte , klang so wirr , so falsch , daß er sehr bald sich ärgerlich entfernte , vollständig überzeugt , daß er mit einem alten , verrückten Weib gesprochen habe . Als aber er am nächsten Tag erfuhr , daß ihm das seltne Glück beschieden sei , den Ruh-y-Kulian gesehn zu haben , erschien ihm jedes Wort in andrem Lichte . Er dachte nach , und wie er weiterdachte und das , was sie gesagt , sich wiederholte , stieg in ihm mehr und mehr die Ahnung auf , daß er im Irrtum sei , nicht aber sie . Sie gab ihm , als er ging , die Sage vom verzauberten Gebete auf den Weg . Doch er , der sich für klug und weise hielt , warf sie von sich , als lächerliches Märchen . Erst hier , im allertiefsten Erdenweh , stieg diese Sage wieder in ihm auf , und als wir einst hier an dem Bilde schafften , erzählte er von jenem andern Bilde und von der Greisin Marah Durimeh . Das war für uns der erste Mondestag , nach welchem wir , still hoffend , schlafen gingen . Was wir bisher für ganz undenkbar hielten , das war nach dieser Sage Möglichkeit ! Doch schwer , unendlich schwer , weil nicht an eine , nein , an soviel Bedingungen geknüpft , daß sie ein Mensch fast nicht erfüllen konnte . Denn merke wohl , ein Mensch war vorgeschrieben , ein Einziger , der aber Alles tat ! Und ohne Ahnung hatte er zu handeln , genau wie du , der nichts von Allem weiß ! « Wie sonderbar ! Das klang ja wie ein Märchen ! » Hab ich denn schon bereits Etwas getan , was in der Sage vorgeschrieben ist ? « fragte ich . » Du kamst nicht , um die Schatten zu vernichten . Du hieltest jenem Zauberer fest Stand . Du schenktest dem Gebete vollen Glauben . Du hattest vor dem Tode keine Angst . Du sprangst aus freier Absicht in die Tiefe . Das Uebrige muß noch verschwiegen bleiben , weil du ja ohne Wissen handeln mußt . Doch sag uns jetzt das Eine , furchtbar Eine , vor dem wir beben , sei es ja , seis nein ! Wer stürzte diesen Andern zu uns nieder , der noch kein Wort bisher gesprochen hat ? « » Ich . Er wollte mich hinaus ins Dunkle stoßen . Ich wich ihm aus und gab ihm einen Hieb , daß er es war , der zu Euch niederflog . « » Und dann ? « » Dann warf ich ihm den Stumpf der Fackel nach und folgte hinterher . « » Warum , warum , warum sodann auch du ? « fragte er schnell und dringend . » Um ihn vielleicht zu retten . « » Zu retten ! Ihn - - ihn - - - ihn ! « Er warf den Knochenarm als Zeichen der Verwunderung empor und fragte dann fast schreiend : » Wer ist er aber denn ? Sag , wer , wer , wer ! « » Wer , wer , wer ! « rief jeder Kopf , und » Wer - - wer - - - wer - - - wer ! « scholl es hinaus , daß alle Säulen dröhnten . » Der Zauberer ! « antwortete ich . » Der Zauberer ! « wiederholte das Skelett , und mit versinkender Stimme fügte er hinzu : » Also doch er , er er ! « » Er - - - er - - - er - - - er - - - « verklang es hier im Bassin . Draußen aber war es still , unheimlich still ! Jetzt drehte sich das Skelett den Köpfen zu . Es ging ein hier oben bei mir unverstehbares Wispeln und Lispeln herüber und hinüber . Dann wendete es sich mir wieder zu und sagte : » Ich weiß , du hattest uns noch viel zu sagen , um uns zu überzeugen , was wir waren , und daß wir durch Jahrtausende hindurch nur unserm Wahn und Hirngespinste dienten . Du hättest uns wohl niemals überführt ; da kam die Sage Marah Durimehs und zeigte uns , was wir vorher nicht sahen . Nun muß ich dir gestehn : Du hast gesiegt , gesiegt , noch ehe du zu Ende bist ! Soll ich es dir beweisen ? « » Nein . Ich kenne den Beweis . « » Mensch ! Du bist unheimlich ! « » Das glaube ich ! Erhabenen Geistern wird es stets beklommen , wenn auch der Mensch einmal zu denken wagt , und können sie nicht auf Gedanken kommen , so wird dann gütigst er um Rat gefragt ! Euer Beweis ist der Zauberer . Wenn er in andrer Weise unter Euch geraten wäre , so würdet Ihr statt Geister Teufel sein . So aber steht er unter Menschenschutz und ist darum selbst hier am Bild des Fluches der Menschlichkeit , der früheren , empfohlen ! « » Du sprichst so spitz , wie seine Augen blickten . Du triffst so tief , wie wir ihn treffen wollten . Wir haben es verdient . Vergib uns unsre Schuld ! « » Vergib uns unsre Schuld - - - vergib uns unsre Schuld ! « klang es von Kopf zu Kopf und auch hinaus ins vordere Bassin . Da bog ich mich in großer , großer Freude so weit wie möglich vor und sprach : » Was habe ich gehört ? Das war ja ein Gebet ! Die Seele naht , die Seele Eures Bildes . Der Fluch kann niemals , niemals Seele sein . Und soll der Stein an Gottes Stelle reden , der nichts und nichts und nichts als segnen kann , so gebt ihm Hände , welche benedeien ! « » Und du , gib ihm die Worte für den Sockel ! « » Wann ? « » Jetzt , sogleich ! « » So hört ! « Sie drängten sich zusammen und kamen näher herbei . Dadurch wurde Platz für noch viele von denen , welche draußen waren . Sie kamen herein . Ich sagte , nicht überlaut , doch langsam und vernehmlich : » Gesegnet sei , wer nach der Wahrheit suchte Und ihr zu Füßen auch den Irrtum fand . Drum leg ich ihn , den ich bisher verfluchte , Mein Gott und Herr , in deine Gnadenhand ! « Nach diesen Worten gab es da unten im Wasser eine so tiefe Stille , daß ich den befreiten , seligen Atemzug hörte , der mir von drüben , wo der » Zauberer « saß , zugeweht wurde , und hierauf die leise , leise Wiederholung : » Mein Gott und Herr - - - in deine Gnadenhand - - - ! Den Irrtum - - - also mich - - mich - - mich ! Nun nur noch Eins , noch Eins ! « Da regte sich das Gerippe , und es klang wie schluchzend zu mir herauf : » Er flucht dem Irrtum und der Täuschung nicht ! Aber er segnet sie auch nicht , sondern er gibt sie in Gottes Hand ! So , genau so will es auch die Sage ! Diese Worte müssen unbedingt , unbedingt eingegraben werden ! Noch haben wir zwei Mondestage Zeit , des Bildes Rachefaust verzeihend zu gestalten . Es soll die Seele haben , die du ihm geben willst ! « Da stand der Zauberer von seinem Platze auf , hielt sich am Alabaster fest und machte eine Bewegung , als ob er sprechen wolle . Ich aber kam ihm zuvor und fragte hinab : » So ist also der Rache nun entsagt , und Ihr verzichtet auf den Fluchgedanken ? « » Ja , « antwortete das Gerippe , und » ja , ja - - ja ! « ertönte es im ganzen Chore nach . » So habe ich mein letztes Wort zu sagen . « Ich bog mich hinüber , griff nach des Zauberers Hand und sprach : » Hier halt ich ihn , den unbedacht Verfluchten . Was er an Andern tat , ist nicht von mir zu richten . Daß er auch mich bedrohte , verzeihe ich ihm gern . Denn ich will ihn aus seiner Finsternis hinaus zum Lichte leiten ! Er sei von dieser Schuld erlöst , sei von ihr - - - frei ! « » Das , das das war es , das Eine , Eine noch ! « hörte ich ihn leise sagen . » Aber was werden nun diese , diese tun da unten ? ! « Da schob sich das Gerippe noch einmal weiter vor und richtete seine Worte nicht an uns , sondern an seine Wahngefährten : » Auch was er uns getan , verzeihen wir ihm gern . Er sei erlöst von seiner Schuld , sei von ihr - - - frei ! « » Er sei erlöst von seiner Schuld , sei von ihr - - - frei ! « riefen alle , alle Köpfe . Kein einziger war , der schwieg . » Frei - - frei - - - frei - - - - frei ! « erschallte das Echo draußen von Wand zu Wand , von Säule zu Säule . Und nun erhob auch der Zauberer seine Stimme . Sie klang nicht etwa gedrückt , beklemmt oder gar unterwürfig , sondern hell , rein , klar und selbstbewußt , als ob er es sei , der zu verzeihen habe : » Ihr gebt mich frei , sagt