Chadrur vor mir liegen , welcher die Herberge sein soll , in die der barmherzige Samariter seinen Pflegling brachte . Dort habe ich für eine Flasche allerschlechtesten Bieres drei Mark bezahlt . Ein Glas widerlich parfümiertes Wasser kostete einen Frank . Wer aus Sparsamkeit nicht einkehrt , ist des fernern Weges nicht sicher . Die Verhältnisse sind nach zweitausend Jahren noch ganz dieselben . Das ist » das gelobte Land « ! Wie herrlich weit hat man es dort gebracht ! Damals war der Samariter , der verachtete Ketzer , der Barmherzige . Wie ist es jetzt ? Wenn ich mir diese Frage unter dem Sternenhimmel Jericho ' s vorlegte , so stand kein Stern mehr über Bethlehem , und keine Schar der Engel fand sich ein , um ihr » Et in terra pax , hominibus bonae voluntatis « zu singen . Vor christlicher Zeit wurde der Jude von Räubern überfallen , beraubt und fast erschlagen . Jetzt , nach zwanzighundert Jahren , steht es nicht besser um diese und ähnliche , oft intellektuelle und moralische Wegelagerei . Jetzt fallen Christen über Christen her . Besonders wer es wagt , nicht den von jedermann betretenen sondern , seinen eigenen Glaubensweg von oder nach der heiligen Stadt zu gehen , der kann sehr leicht an sich selbst erfahren , was Lucas 10 Vers 30 zu lesen ist . Christus wußte gar wohl , weshalb er grad dem Schrift- und Buchstabenstolz mit seinem Gleichnisse vom barmherzigen Samariter diese ewig unheilbare Wunde schlug . Auch wir Christen haben unser Jerusalem und unser Jericho mit dem » Toten Meere « in der Nähe . An dem Wege zwischen beiden liegt das un- mit dem egogläubigen Strauchrittertum im Hinterhalte . Wo ist die Humanität , die wahre christliche Liebe und Barmherzigkeit ? Soll sie auch noch in der Gegenwart nur dem ketzerischen Samariter überlassen bleiben ? Gehen etwa auch jetzt noch Priester und Leviten an dem Angefallenen vorüber , ohne sich seiner anzunehmen ? Solche Fragen kamen mir in den Sinn , als ich des Nachts unter den staubigen Oleandern von Jericho saß und an die göttliche Lehre von der Nächstenliebe dachte . Dagegen hier im christenfernen Kurdistan ! Welch eine herrliche Auslegung hatte da das Gleichnis des Herrn an uns selbst gefunden . Wer und was waren hier die Barmherzigen ? Etwa Christen ? Priester und Leviten ? Vielleicht auch nur Ketzer , denn ich hatte ja ihre Glaubenssatzungen noch gar nicht kennen gelernt . Es war bisher nur von Chodeh , also von Gott gesprochen worden . Gab es bei ihnen überhaupt Satzungen ? Waren sie mir verschwiegen worden , weil man annahm , daß nur die Liebe , nicht aber die Konfession barmherzig sei . Was für ganz andere , viel tröstlichere Gedanken waren mir gestern abend unter dem hiesigen Sternenhimmel gekommen ! Hier war ich nicht um meines Dogma willen , sondern als Mensch von guten Menschen aufgenommen und mit größter Aufopferung gepflegt worden . Niemand hatte mich gefragt , wo ich getauft und wo ich konfirmiert oder gefirmt worden sei . Giebt das der Liebe einen mindern oder höhern Wert ? » Wer ist mein Nächster ? « - » Der , welcher die Barmherzigkeit an mir that ! « Wenn aber ein Christ mir Haß oder Neid anstatt der Liebe giebt , was ist er dann für mich ? Mein Nächster ? Oder noch schlimmer als nur fremd ? Ist er dann überhaupt ein Christ ? Wie herrlich war der Nachmittag unter den Platanen , in deren Schatten man für mich die Kissen zum Sitzen ausgerichtet hatte . Die Sonne brannte , doch konnten die Strahlen nicht durch die dichten Wipfel dringen . Die Rosen dufteten ; jede Pflanze schien Wohlgeruch auszuatmen . Ich befand mich nicht weit genug vom Hause entfernt , um es und seine Lage ganz überschauen zu können . Es stand auf kompaktem Felsengrund , dessen Spalten durch festes Mauerwerk ausgefüllt worden waren . Sein hinterer Teil nahm die natürlichen Höhlungen des Gesteines ein . Der vordere Teil ragte frei empor , mehrere Stockwerke hoch und war von ansehnlicher Breite . Das Dach war glatt , vorn mit einer assyrischen Mauerkrönung ; wie man sie in Dur-Sargon zu sehen bekommt . Doch habe ich ganz ähnliche Krönungen auch in alten Orten des obern Niles getroffen . Ueber dem Dache gab es in dem Felsen offene Höhlungen , zu denen schmale Stege emporführten . Das erinnerte mich lebhaft an den » Stabl Antar « bei Siut , der ganz ebenso zu ersteigen ist . In einer dieser Höhlen sah ich die beiden Glocken hängen . Sie war halbkugelförmig ausgebaucht . Die Tonschwingungen konnten nur nach der einen , offenen Seite fließen , was ihnen eine erhöhte Stärke und beträchtlich erweiterte Hörbarkeit verlieh . Glocken hier im persischen Kurdistan ? So wird wohl mancher fragen . Ich habe freilich viele , viele Menschen kennen gelernt , welche der falschen Ansicht sind , daß nur das Christentum Glocken besitze und daß es in früherer Zeit noch keine gegeben habe . Wenn sogar im Konversationslexikon von Pierer zu lesen ist , daß die Glocken eine Erfindung der christlichen Kirche seien , so darf man sich nur wundern . Kleinerer Glöcklein bediente man sich schon im frühesten Altertume ; aber schon im alten China gab es größere und sogar große . Die zu Peking ist über zwölfhundert Zentner schwer und fast fünf Meter hoch . In Aegypten wurden die Osirisfeste durch Glockenspiele eingeläutet . Man hat kleine Bronzeglocken in Assyrien ausgegraben . Im alten Indien wurden die Buddhisten durch große , metallene Glocken zum Gottesdienste zusammengerufen . Bei den Griechen bedienten die Priester der Kybele und der Persephone ihre Glocken , und Kaiser Augustus ließ eine Glocke vor dem Tempel des Jupiter aufhängen . Glocken indischer oder assyrischer Form kamen nach Persien . Die griechische Kirche liebte und verbreitete besonders das Glockenspiel . Im Quellenlande des Euphrat und des Tigris , wo es heut noch Christen uralten Bekenntnisses giebt , besaßen wohlhabende Gemeinden schon zu frühen Zeiten ihre Glocken . Der Islam verhielt sich ablehnend , doch geduldete Christen durften ihre Glocken behalten . So war es also gar kein Wunder , daß auch die Dschamikun zwei besaßen , zu denen sie , wie ich später erfuhr , durch den Ustad auf ganz eigentümliche Weise gekommen waren . Es führte eine bequeme Treppe zu ihnen hinauf , so daß man also auch des Nachts ohne Besorgnis emporsteigen konnte . Von da aus , wo ich saß , konnte man den Eingang zu dem freien Platze sehen . Man verschloß ihn durch ein großes Thor , welches jetzt offen stand . Von diesem Platze aus stieg man die Stufen zu der Halle empor . Links führte ein Weg nach einer breiten , hohen Thür , deren starke Steinpfosten gewiß schon seit Jahrtausenden standen . Rechts ging man nach einem Garten , in welchem zwischen Obstbäumen Blumen und Gemüse gepflegt wurden . Dorthin beschloß ich , meinen ersten Spaziergang zu machen . Ich griff zum Stocke und stand auf . Die Beine zitterten zunächst ein wenig , und die Füße wollten lieber auf dem Kissen liegen bleiben . Aber sie mußten gehorchen , und als sie sahen , daß ich bei meinem Willen blieb , fügten sie sich in das Unvermeidliche . Ich kam über den ganzen Platz hinüber bis zur Garteneinzäunung , an der ich aber halten blieb , um auszuruhen . Nachdem ich dies gethan hatte , ging es weiter , in den Garten hinein . Er war sehr groß . Es gab da eine ganze Menge Beete , von deren Erträgnissen ein großer Haushalt bestritten werden konnte . Zwischen ihnen standen viele Bäume , welche Früchte trugen . In leidlicher Entfernung sah ich ein Weichselgebüsch , an welchem eine Bank stand . Dort wollte ich mich niedersetzen . Ich ging also hin . Hierbei kam ich an zwei nahe beieinander stehenden , persischen Erikan97 vorüber , welche so voller Früchte hingen , daß ihrer fast mehr als Blätter waren . Es war eine frühe , eigroße , köstlich blaurot gefärbte Pflaume ! Ja , köstlich ! ! ! Wenn ich hier erst ein und dann sogar drei Ausrufezeichen mache , so hat das seinen guten Grund . Obst geht mir über jede andere Speise . Ich esse da gewiß so viel , wie sogar meine vier Ausrufezeichen schwerlich vermuten lassen . Und Pflaumen ? Gar von dieser geradezu zum Stehlen einladenden Sorte ? Man würde staunen , wenn ich sagen wollte , wieviel ich da essen und aber auch vertragen kann . Ich sage es also lieber nicht . Das alles gilt aber nur vom Obste . In Beziehung auf andere Speisen sind die sogenannten Tafelfreuden für mich nichts als Tafelarbeiten . Ich weiß , und ich schmecke , was gut ist oder nicht ; ich kann sogar auch tadeln ; aber ich esse nicht , um zu essen , sondern weil ich leben bleiben will . Gekünsteltes oder Komplicirtes schiebe ich zurück . Ich will einfach essen , womöglich nur eine einzige Speise , aber gut . Das Zusammengesetzte ist keineswegs so zuträglich wie man denkt . Ich habe das an mir und tausend Andern erfahren . Wenn die Menschen doch wüßten , was die Art und Zubereitung der Nahrung für einen Einfluß , für eine Wirkung hat ! Doch , hierüber könnte man Bücher schreiben , und es würde doch vergeblich sein . Aber , daß ich jetzt als Sechzigjähriger mich körperlich und geistig noch genau so jung und arbeitsfreudig wie ein Zwanzigjähriger fühle , das habe ich wohl vorzugsweise dem Umstande zu verdanken , daß ich so einfach und so wenig wie nur möglich esse . Obst aber , so viel ich immer kann , das ganze Jahr hindurch . Nach dem Preise soll man da nicht fragen . Und Pflaumen ! Solche , wie grad hier - - - ! Da stand ich unter den Bäumen und schaute sehnsüchtig hinauf . Wem gehörten sie ? Wer war der Glückliche , der da pflücken oder gar schütteln konnte , ohne erst jemand fragen zu müssen ? Der Ustad ? Der Pedehr ? Weder der eine noch der andere war da . Es gab überhaupt im ganzen Garten keinen Menschen , an den ich eine Bitte hätte richten können . Was nun thun ? Soll ich ? Oder soll ich nicht ? Darf ich überhaupt ? Adam und Eva im Paradiese wußten wenigstens , daß sie nicht durften ; ich aber wußte nicht einmal das ! Doch wozu diese übermäßige Zartheit des Gewissens ! Bei solcher Art von Pflaumen ! Ich war ja Gast ! Und der Garten gehörte einem Orientalen , nicht einem abendländischen Besitzer , bei dem das Bäumeschütteln nicht mit zu den unveräußerlichen Rechten des bei ihm Aufgenommenen gerechnet wird ! Ich legte also beide Hände an den einen Stamm und - - - schüttelte . Hei ! Was gab das für einen Erfolg ! Es regnete förmlich Pflaumen auf mich nieder ! Das freilich hatte ich nicht gewollt ! Es hatten nur einige fallen sollen ; aber sie waren beinahe überreif , und in Anbetracht meiner jetzt noch so geschwächten Kräfte hatte ich mich zu energisch in das Zeug gelegt : Weit über die Hälfte der Früchte lagen nun jetzt unten . Ich stand da mit wohl demselben Gefühle wie jener Reiter , der sich links so kräftig auf das Pferd geschwungen hat , daß er rechts , auf der andern Seite wieder hinuntergefahren ist . Jedes Zuviel ist eben schädlich ! Aber da ich die herabgefallenen Pflaumen doch unmöglich wieder oben anheften konnte , so füllte ich mir die Taschen , ließ die andern liegen und ging dann nach der erwähnten Bank , um dort zu thun , was nun das beste war , nämlich meinen Raub genießen . Ich saß nun so , daß ich die beiden Pflaumenbäume nicht mehr sehen konnte . Das minderte die Kraft der Vorwürfe , welche ich mir zu machen hatte . Ich aß ! Aber , es ist nichts so fein gesponnen , El Aradsch bringt es an die Sonnen . Wer ist El Aradsch ? Das wird man sogleich sehen und sogar auch hören . El Aradsch heißt : der Lahme . » Auch Frenk maidanosu mit , zur Abendsuppe ! « rief hinter mir eine eigentümlich fette Stimme . Frenk maidanosu ist ein türkisches Wort und heißt zu deutsch Kerbel . Also für heute abend stand eine Potage von Kerbel in Aussicht . Das war zwar gut und auch leicht verdaulich , aber für mich sollte das in meiner gegenwärtigen Eigenschaft als Pflaumendieb außerordentlich verhängnisvoll werden . Zunächst noch ganz ahnungslos , drehte ich mich um , zu sehen , wer gesprochen hatte und wem die Worte galten . Ich mußte mit der Hand das Weichselgezweig auseinander schieben , um nach dem Hause hinschauen zu können . Ich erblickte zunächst eine unendlich lange , männliche Gestalt , welche bis über die Kniee hinauf barfuß war . Von dieser Gegend an war ein blaues , sackähnliches Hemd zu sehen , welches mit Mühe und Not den Hals erreichte . Dann kam ein unverhältnismäßig kleiner Kopf mit einem Gesicht , welches mir ein Lächeln abnötigte . Dieser Mann war ganz gewiß nicht unter vierzig Jahre alt , hatte aber so junge , kindlich weiche Züge , daß der Kontrast zwischen Gesicht und Gestalt allerdings zum Staunen nötigte . Dazu kam , daß er eine kurdische Ledermütze trug , deren Streifen ihm hinten bis in das Genick und vorn über die Nase herabhingen . Man denke sich einen aus Leder geschnittenen Stern , dessen Mitte auf dem Scheitel liegt , während die Strahlen wie die Beine eines präparierten , monströsen Spinnentieres nach allen Seiten herunterflattern ! Seine Arme schienen noch länger zu sein als seine Beine , von denen das eine kürzer als das andere war ; er hinkte . Er trug einen leeren Korb in der Hand und ging grad nach der Gegend hin , wo die beiden Pflaumenbäume standen , der eine noch als Zeuge meiner Ehrlichkeit , der andere aber als Beweis der Missethat , die ich begangen hatte . Das war die Person , welcher die Anweisung zur Kerbelsuppe gegolten hatte . Wer aber hatte sie gegeben ? Ich sah eine jetzt geöffnete Thür , welche ich vorher nicht beachtet hatte . Da stand ein weibliches Wesen , so strahlend weiß wie eine abendländische Festjungfrau gekleidet . Festjungfräulich waren auch die langen Zöpfe , in welche sie ihr herabhängendes Haar geflochten hatte . Festlich auch die beiden Rosen , die rechts und links auf die Ohren niederschauten . Und das Gesicht ? Könnte ich es doch beschreiben ! Dieses Gesicht war zwar etwas Ganzes , sogar etwas seltsam Harmonisches , und aber doch schien es , als ob jeder einzelne seiner Teile sich bestrebe , herauszutreten und für sich selbst zu bestehen . Jede Wange bildete ein blühend rotes , nach ganz besonderem Ansehen trachtendes Halbkügelein . Das Kinn that sich weiter unten fast noch mehr hervor ; es schien auf sein mehr als neckisches Grübchen ganz besonders stolz zu sein . Das Näschen begann erst da , wo andere Nasen fast schon zu Ende sind , und schaute zwischen den beiden Wangen so frohsinnig heraus und in die Welt hinein , als ob seinesgleichen nirgends mehr zu finden sei . Auch die glatte , faltenlose Stirn trat heiter vor . Und die Aeuglein unter ihr ! Ja , diese Aeuglein ! Wer kann überhaupt Augen beschreiben ? Und nun gar so liebe , kleine , gute , außerordentlich lebendige ! Und wie das Gewand , so war auch dies Gesicht ein Abglanz allergrößter Sauberkeit . Man darf ja nicht denken , daß es häßlich gewesen sei . O nein ! Es war zwar nicht schön , nicht hübsch , nicht lieblich , nicht - - ja , was noch nicht ? Es war überhaupt alles nicht , aber es war gut , ja wirklich gut ! Aber wie alt ? Zwanzig ? Dreißig ? Vierzig ? Wer das nur sagen könnte ! Ich wollte genauer hinsehen , da aber drehte sie sich um und verschwand nach innen . Wenn diese personifizierte Reinlichkeit etwa die Gebieterin der Küche war , so konnte man von ihr alles , ganz gleich , ob mit oder ohne Kerbel , mit Vergnügen essen ! » Maschallah - Wunder Gottes ! « hörte ich jetzt von seitwärts her einen Ruf . Ich wendete mich zurück und machte nach dorthin eine Lücke ins Gezweige . Da stand der Lahme vor den Pflaumen , so lang , wie er war , vollständig starr und steif vor Schreck . Hierauf kam einige Bewegung in ihn , aber nicht viel ; er schüttelte den Kopf . » Ahija - o wehe ! « klagte er . Hierauf sah man , daß er eine Anstrengung machte , nachzudenken . Es gelang . » Ja charami - o , du Spitzbube ! « rief er aus , indem er sich nach allen Seiten umschaute . Es ging ihm also eine Ahnung auf , daß die Pflaumen nicht von selbst heruntergefallen seien . » Jil ' an Daknak - verflucht sei dein Bart ! « schimpfte er , und als er den Thäter nicht erblickte , fügte er noch viel zorniger hinzu : » Allah jelbisak borneta - Allah setze dir einen Hut auf ! « Mit diesem Wunsche leistete er sich die allergrößte Schande für den Dieb . Wer einen europäischen Hut , vielleicht gar einen hohen Zylinder , occidentalisch » Angströhre « genannt , aufgewünscht bekommt , mit dessen Ehre ist es nach streng orientalischen Begriffen ganz gewiß für immer aus ! Nun griff der lange Mensch unter die Mütze und rieb sich die Stirn . Er that dies einigemal . Wahrscheinlich wollte er die Antwort auf die Frage , wer der Spitzbube wohl sein könne , herausreiben . Es gelang ihm aber leider nicht . » Allah ja ' lam el gheb - Allah kennt das Verborgene ! « seufzte er endlich erleichtert . Das war das einzige und , wie es schien , ihn sehr beruhigende Resultat , welches er sich aus der Stirn frottiert hatte . Dann kniete er nieder , um die Pflaumen in den Korb zu lesen . Dabei betrachtete er jede einzelne mit einem Blicke , als ob er sie sich ganz besonders vorgemerkt habe . Aber plötzlich fuhr er halb empor . Er hatte etwas Wichtiges gesehen . Das waren die Fußstapfen , welche ich in dem weichen Boden zurückgelassen hatte . » Men schabar nahl - wer Ausdauer hat , dem gelingt es ! « rief er aus . Er glaubte wohl , auch jetzt noch immer gerieben und nachgedacht zu haben . Nun erhob er sich und hinkte den Spuren langsam nach . Sie führten ihn natürlich her zu mir . Als er um die Ecke des Gebüsches trat , steckte ich soeben eine Pflaume in den Mund . Zunächst blieb er wie eine Salzsäule vor mir stehen . Er bewegte kein Glied . Nicht einmal seine Wimper zuckte . » Wer bist du ? « fragte ich . » Du - - du - - du hast die Pflaumen - - - meines Ustad gestoh - - - « Weiter kam er nicht . Die Stimme versagte ihm . Also diese Früchte waren für den Ustad reserviert ! Da konnte ich ruhig sein ; der gönnte sie mir gewiß . Aber dieser meiner Ruhe stand ein ebenso schnelles wie gewaltsames Ende bevor , denn der Lahme bekam plötzlich seine ganze Bewegungsfähigkeit , sogar zehnfach gesteigert , wieder , und ehe ich nur den Gedanken hätte fassen können , daß so etwas möglich sei , warf er sich mit aller Macht über mich her , schlang die überlangen Arme anderthalbmal um mich herum und begann , aus Leibeskräften um Hilfe zu schreien . Nach den Ausdrücken , die aus seinem Munde flossen , war eigentlich zu schließen , daß er eine ganze Bande von Dieben , Räubern und Mördern ergriffen habe . Er war ein außerordentlich kräftiger Mann , mich aber hatte die Krankheit so geschwächt , daß ich vergeblich versuchte , von ihm loszukommen . Glücklicherweise dauerte es nur ganz kurze Zeit , bis mir die von ihm herbeigerufene Hilfe kam . Wahrscheinlich sah er sie , denn er hörte auf mit Schreien ; statt seiner aber hörte ich die fette Stimme der sich eiligst nähernden » Festjungfrau « . » Wo sind denn die Räuber , die Mörder ? « fragte sie . » Hier , hier ! Komm , komm ! « antwortete er . » Wen haben sie ermordet ? « » Die Pflaumen , die Pflaumen des Ustad , die Früchte meines lieben , hohen Herrn ! « » Unsinn ! Pflaumen werden doch nicht ermordet ! « » Komm nur ; komm , und sieh ihn an ! « Sie kam ; sie stand schon da . » Zeig , Tifli ! « gebot sie ihm . Tifli heißt » mein Kind « , sogar » mein kleines Kind « . Er ließ mich los . Ich hatte im Gefühle meiner Ohnmacht mich ganz passiv verhalten und konnte nun gar nicht anders , ich mußte ihm lachend in das grimmige Kindergesicht sehen . Wenn dieser Mann ein » kleines Kind « war , welche Länge mußten da die großen Kinder wohl hier zu Lande haben ! Die » Festjungfrau « war zunächst auch ganz ohne Worte . Sie schien nicht recht zu wissen , aus wem von uns dreien sie klug zu werden habe . » Das ist er ! « sagte er , indem er beide Zeigefinger schnurstracks auf mich richtete . » Wer ? « fragte sie . » Der Dieb . « » Was hat er gestohlen ? « » Die Pflaumen ! Dort liegen noch welche ! « Er deutete nach den Bäumen . Sie schaute hin , sah die Früchte unten liegen , schlug die dicken Händchen patschend zusammen und jammerte : » Die besten , grad die allerbesten ! « » Aufgehoben haben wir sie für unsern Herrn ! « klagte er mit . » Bis zur Stunde der höchsten Reife ! « fuhr sie fort . » Dann erst ißt er sie , seine Lieblinge ! « fügte er hinzu . » Er hat wohl noch genug ! « tröstete ich . Da sahen beide mich so erstaunt an , als ob ich etwas ganz Unbegreifliches gesagt habe . Dann fuhr mich der Lange zornig an : » Sie sind alle sein , alle , alle ! Wer bist du denn ? « » Ja , wer bist du ? Das wollen wir wissen ! « erklärte mir die Besitzerin des frohsinnigen Näschens . » Das wißt ihr nicht ? « antwortete ich . » Nein , « sagte sie . » Ihr habt mich noch nicht gesehen ? « » Noch nie ! Doch , wer du auch seiest , wie darfst du es wagen , hier Früchte zu stehlen ! Kein einziger Dschamiki stiehlt . Du mußt ein Fremder sein ! « » Aus der Fremde kam ich allerdings , doch gehöre ich zum Hause . Ich bin des Ustad Gast . « » Gast ? Seit heut ? « » Seit Wochen schon . « » Seit Wo - - Wo - - - Wochen - - Wo - - - ! « Das runde , kleine Mündchen blieb ihr offen stehen , so offen , daß man die kerngesunden , perlengleichen Zähne sehen konnte . Die Wänglein verloren die Farben ; das Kinn zeigte sich ängstlich gespannt ; das Näschen wollte verschwinden , und die Aeuglein schlossen sich , zwar langsam aber ganz . Hatte sie etwa einmal von einer Europäerin gesehen , welche Ritterdienste in solchen Fällen von einer kleinen Ohnmacht zu erwarten sind ? Nein ! Die Aeuglein öffneten sich wieder . Sie wurden sogar noch größer , als sie vorher gewesen waren . » Heut - heut - verläßt der - - der fremde Effendi - - zum erstenmal - - das Haus - - - « stotterte sie . » Du hast ihn wirklich noch nicht gesehen ? « fragte ich . » Nein . Niemand von uns - - durfte die Halle betreten . Bist du - - du etwa der - - - der Effendi ? « » Ja , ich bin ' s. « Da fuhr sie vor Entsetzen zwei Schritte zurück . Ihr liebes Gesicht verlor nun alle , alle Farbe . Der Lange aber schoß in seinem Schreck noch höher empor , als er eigentlich gewachsen war . Wahrscheinlich wollte er mit der gedankenreichen Stirn so hoch hinaus , daß ihr meine Rache unmöglich etwas anhaben konnte . Diese Bewegung brachte ihn auf eine rettende Idee : » Ich hole Kerbel ! « rief er aus . Mit drei Sätzen seiner langen Beine war er bei den beiden Bäumen , raffte den Korb auf , schüttete die hineingelesenen Pflaumen wieder heraus und rannte fort , um die fernste Ecke des Gartens zu erreichen . Ich sah ihm lachend nach und hatte dabei nicht acht auf meine » Festjungfrau « . Da erklang es neben mir : » Und ich muß in die Küche ! « Da drehte ich mich um . Sie war schon weg . Ich schob die Zweige auseinander , um ihr nachzusehen . Sie schoß in größter Eile auf einige Hausbedienstete zu , welche auch von den Hilferufen angelockt worden waren , aber nicht gewagt hatten , näher zu kommen . » Fort ! Weg mit euch ! « rief sie , indem sie an ihnen vorüberkam . » Das Kind hat wieder eine Dummheit gemacht . Stört dort den Effendi nicht ! « Hierauf verschwand sie in ihrem wohlthätigen Reiche . Vor mir lag eine ihrer beiden Rosen , die ihr entfallen war . Ich hob sie auf und steckte sie zu mir . - Warum erzähle ich dies eigentlich nichts weniger als bedeutende Ereignis hier ? Weil im Menschenleben oft das , was gleichgültig erscheint , später größere Wichtigkeit gewinnt , als man vorher vermuten konnte . Nach einiger Zeit kam » das Kind « aus seiner Gartenecke zurück , hütete sich aber wohl , an mir vorbeizugehen . Es machte vielmehr einen Bogen hinterwärts , um wieder in die Küche zu gelangen . Hierauf verließ auch ich den Garten , versäumte aber nicht , mir die Taschen noch einmal mit Pflaumen zu füllen . Noch hatte ich mich nicht lange niedergesetzt , da kam der Pedehr . Er war in der Küche gewesen und die Köchin hatte ihm erzählt , was geschehen war . Er fragte mich , ob mir » das Kind « sehr wehe gethan habe . Ich beruhigte ihn mit Vergnügen . » Er wird von uns nur Kind genannt , « sagte er . » Andere pflegen ihn El Aradsch , den Lahmen zu nennen . Es hat mit ihm eine eigene Bewandtnis , welche du später auch noch kennen lernen wirst . Du liebst das Obst ? « » Ja . Ich esse es sehr gern , und zwar ungewöhnlich viel . « » Thue das , so lange du lebst ! Die reine , keusche Lebenskraft ist nicht im Fleische des ausgewachsenen Tieres vorhanden . Genießt man welches , so soll es nur ganz junges sein . Das reife Tier giebt auch dem Menschen , der es genießt , tierische Reife . In der Frucht des Baumes aber ist das reinste Leben aufgespeichert , weil Wurzeln , Stamm und Zweige das Unreine zurückbehalten haben . Nun weißt du , warum der Ustad uns gelehrt hat , nicht nur Felder , sondern auch Gärten anzulegen . « Hatte der Pedehr Recht ? Ich habe mich später an seine Weisung gehalten und befinde mich sehr wohl dabei ! Hanneh und Kara kamen abwechselnd zu mir auf den Vorplatz heraus . Ich erfuhr von ihnen , daß Halef still und ruhig schlafe . Später hatte ich das Vergnügen , die Köchin und » das Kind « wiederzusehen . Sie wollten miteinander hinunter in das Dorf und mußten da an mir vorübergehen . Das Kind hatte jetzt ein längeres Gewand angelegt , welches fast bis an die Knöchel reichte . Die Gebieterin der Küche hatte sich mit einem langen , weiten , weißen , schleierähnlichen Stoff geschmückt , welcher , ihr Gesicht freilassend , von dem Kopfe aus hinten niederfiel und , nach vorn zusammengerafft , die ganze Gestalt einhüllte . Es war an ihr überhaupt , jetzt und auch später , nichts als nur Weiß zu sehen . Man sah Beiden an , daß sie sich meinetwegen in Verlegenheit befanden . Sie näherten sich nur zögernd . Sie sagte ihm etwas und schob ihn dann mit der Hand , voranzugehen . Da ermannte er sich , that einige schnelle , lange Schritte bis zu mir her , verbeugte sich und sagte : » Effendi , ich bin Tifl . « Das war ganz genau dasselbe , als wenn er in deutscher Sprache gesagt hätte : » Effendi , ich bin ein kleines Kind . « Ich mußte lächeln und nickte ihm zu . » Aber ich bin nicht klein ! « fuhr er fort . Ich nickte wieder . » Ich bin ein Mann ! « versicherte er . Ich nickte abermals . » Ich habe Mut , sehr viel Mut ! Ich fürchte mich niemals , vor keinem einzigen Menschen ! « » Das hast du an mir bewiesen , « bestätigte ich . » Ja , an dir ! Sogar an dich habe ich mich gewagt ! Man hat mich dafür sehr gescholten ; aber ich behaupte , daß ich richtig gehandelt habe . Sage du es selbst : Hattest du die Pflaumen meines Herrn