sich getäuscht ? Waren diese » Krieger des großen , guten Manitou « Phantasiegestalten , Gebilde seiner eigenen Anima ? Das konnte ich bei seiner beispiellos scharfen Beobachtungsgabe doch wohl kaum annehmen ! Und selbst wenn ich seinen Worten vollen Glauben schenkte , so war damit noch nichts für die Erklärung des heutigen Vorganges , des Schlafsprechens und gar der Wesenszweiheit des Münedschi gethan . Auch während der tiefsinnigen Reden meiner alten , hochehrwürdigen Marah Durimeh124 war manches Wort gefallen , welches über das Diesseits hinüberzeigte , doch aber keines , an welches ich mich jetzt hätte halten können . Ganz selbstverständlich lag mir vor allen Dingen die Frage nahe , welche Stellung ich als gläubiger Christ zu dem , was ich gesehen und gehört hatte , einnehmen sollte . Da konnte ich denn in allem , was der angebliche Ben Nur gesagt hatte oder , anders ausgedrückt , in allen Reden , welche ihm zugeschrieben werden sollten , nichts entdecken , was ich als glaubensfeindlich zu bezeichnen hätte . Es bezog sich alles nur auf die Sterbestunde , nicht auf den Himmel selbst , denn wir hatten uns ja vorzustellen gehabt , daß der Blinde nicht im , sondern am Jenseits stehe . Bedenklich waren mir nicht seine Worte , sondern war mir nur er selbst , und wenn wir es da mit einem Nervenkranken , einem Somnambulen oder Noctambulus zu thun hatten , so war das eine rein ärztliche , aber keine theologische Angelegenheit . Uebrigens hatte er so manche , wenn auch nicht landläufige Idee ausgesprochen , die schon längst die meinige auch war . Freilich war der Eindruck , den die Stunde dort auf dem Felsen auf mich gemacht hatte , kein gewöhnlicher . Das Vorhergeschehene , die Oertlichkeit , die Person des Blinden , seine tief ergreifende Ausdrucksweise , das hatte sich zur Hervorbringung einer Wirkung vereinigt , welche ebenso tief wie nachhaltig war . Was hätte ich nicht für die Berechtigung gegeben , annehmen zu dürfen , daß dieser Ben Nur , dieser » Sohn des Lichtes « kein Phantom sei ! Ich war so in Sinnen und Grübeln versunken , daß ich , um darauf eingehen zu können , mich zusammennehmen mußte , als Halef nach längerer Zeit endlich fragte : » Sihdi , geht es dir auch so wie mir ? Ich will einschlafen und kann doch nicht . Was ich gehört habe , wird zur That ; die Worte verwandeln sich in Gestalten . Ich stehe an der Pforte des Jenseits , inmitten der Todesstunde , und sehe die Schären der Unseligen und Seligen nach El Mizan , der Wage der Gerechtigkeit , an mir vorüberziehen . Wie werde ich von jetzt an flehend beten , dereinst nicht zu denen zu gehören , welche in den Abgrund des Verderbens stürzen ! Und welche Mühe werde ich mir geben , so zu leben , daß einer der Engel , welche an der Wage flehen , meine Hand fasse und mich glücklich über Es Ssiret , die Brücke des Todes , nach dem Thore der Seligkeit bringe ! Wahrlich , ich sage dir , dieser Ben Nur , von dessen Dasein ich bis heut gar nichts wußte , hat einen ganz , ganz andern Menschen aus mir gemacht ! Ich sage nichts , und ich verspreche nichts , aber du wirst es sehen und beobachten ! « Es war eine heilige Begeisterung , welche aus ihm sprach , und mit ganz demselben Enthusiasmus ließ auch der Basch Nazyr seine Worte folgen : » Ja , Effendi , ich stimme Hadschi Halef vollständig bei . Was bin ich doch bisher für ein armer , sündhafter , unnützer Mensch gewesen ! Wie viele , viele Worte Ben Nurs klangen so , als ob sie nur für mich gesprochen worden seien ! Höre , was ich dir sagen werde ! Oder errätst du es vielleicht schon ? « » Nein , « antwortete ich . » Die Liebe , die Liebe , die hat es mir angethan , die hat mich so tief ergriffen . Die Milde , die Barmherzigkeit , die Versöhnlichkeit und das Vergeben ! Wer hier nicht vergiebt , dem wird dort auch nicht vergeben werden ! Mir ist himmelangst geworden . Es bangt mir vor El Mizan , der fürchterlichen Wage der Gerechtigkeit ! Wir haben die Mekkaner zur Bastonnade verurteilt ; aber wenn es auf mich ankommt , so werden sie keinen Schlag erhalten , keinen einzigen Schlag . Allah behüte ! Mir soll diese Bastonnade nicht im Jenseits angerechnet werden ! Du wirst einverstanden sein ; aber was sagt Hadschi Halef Omar dazu ? « Jetzt war ich gespannt auf die Antwort meines kleinen Halef . Er , der an seiner Kurbadsch mit so großer Liebe hing und nicht gern eine Gelegenheit , sie in Bewegung zu setzen , vorübergehen ließ , sagte : » Ich stimme bei . Ich haue sie nicht und lasse sie auch nicht hauen . Sie mögen unbestraft weiterziehen , bis nach Mekka und dann hinauf zur Brücke der Gerechtigkeit . Dort oben wird ihnen dann gewißlich werden , was sie verdienen ; ich rühre keine Hand . Ihr habt gehört , was Ben Nur von den Richtern sagte : Sie werden im Jenseits so gerichtet , wie sie hier im Diesseits gerichtet haben . Ich richte nicht ! Habe ich recht , Sihdi ? « » Ja und auch nein . Der Unberufene soll nicht richten . Der Richter aber hat das Gesetz zu vertreten und muß nach den Vorschriften desselben sein Urteil fällen . Jene strenge Wage der Gerechtigkeit verlangt nicht , daß der Missethäter unbestraft bleibe ; aber da wir das Gestohlene wiedererlangt haben und Khutab Agha sowohl Richter als auch Vertreter des Kanz el A ' da ist , so bin auch ich der Meinung , daß wir den Dieben die allerdings verdiente Strafe erlassen , die sie wohl auch ohnedem nicht erhalten hätten , wenigstens nicht in der Weise oder in dem Maße , wie ihr es euch vorgenommen hattet . « » Was ich da höre ! Du hattest also schon wieder deine Humanität im Nacken ? « » Dieses Mal war es weniger sie , als vielmehr die Klugheit . Wir werden sie höchst wahrscheinlich in Mekka wieder treffen , und so meinte ich , daß wir ihre Rache nicht bis auf den höchsten Grad steigern dürften . Darum freut es mich , daß ihr beide auf ihre Bestrafung ganz verzichtet habt . Wenn noch eine gute Ader in ihnen ist , wird diese Güte auf ihre Besserung wirken ; wenn aber nicht , so habt ihr nach dem Willen der ewigen Liebe gehandelt , von welcher Ben Nur gesprochen hat , und die Genugthuung darüber wird euch willig machen , ihr auch fernerhin gehorsam zu sein . « » Das ist wahr ! Ich fühle es , daß diese Kraft schon in mir rege wird . Darum habe ich eine Bitte , von welcher ich hoffe , daß du sie mir erfüllen wirst , Sihdi . « » Welche ? « » Du weißt doch , daß das Wort Kutub zwischen dir und mir verabredet worden ist ? « » Natürlich weiß ich das . « » Ich wünsche , daß noch ein Wort hinzukomme . « » Welches ? « » El Mizan , die Wage . « » Warum ? « » Kutub bezieht sich nur auf das Sprechen ; ich will aber auch in Hinsicht auf das , was ich thue , gewarnt sein . Ich meine , die That wiegt schwerer als das Wort , und da ist die zweite Warnung nötiger als die erste . Du weißt , daß ich die Angst nicht kenne ; ich gehe jedem Feinde , selbst dem Löwen , ja sogar dem schwarzen Panther , ohne Furcht entgegen ; heut aber habe ich noch viel mehr als die Furcht , nämlich das Entsetzen , kennen gelernt . Als eine Schar der Sterbenden nach der andern kam , wohlgemut und mit vorangetragenem Panier , und Ben Nur immer und immer wieder sagte , daß ihnen allen der Abgrund beschieden sei , da packte mich ein Grauen , für welches es keine Worte giebt . Sihdi , mir soll dereinst keine stolze Standarte vorangetragen werden , sondern ich will in Demut nach der Wage wandern ; denn ich habe mir das Wort gemerkt , daß Allah den Demütigen Gnade giebt . Darum bitte ich dich : Wenn mich der Hochmut und der Stolz wieder einmal , was sie doch so oft thun , bei meinem Zorne packen , und wenn ich überhaupt im Begriffe stehe , etwas zu thun , was gegen die uns heute verkündigte Liebe ist , so rufe mir ja schnell El Mizan , die Wage ! zu ; dann wirst du sehen , daß ich sofort in mich gehe , um meinem Zorne die Bastonnade zu geben , welche die Mekkaner nun nicht bekommen werden ! Willst du das thun ? « » Sehr gern ! « » Ich wollte , ich könnte so einen Warner auch stets bei mir haben ! « sagte der Perser . » Ich habe bisher nur mich geliebt , keinen andern Menschen ; von heute an aber soll es anders werden ! Sag ' , Effendi , spricht euer Christentum auch von der Liebe ? « » Nur von ihr ! « antwortete ich . » Nur ? Wirklich ? Ich habe aber bei den Christen , welche ich bisher traf , keine gefunden ! « » So will ich dir jetzt eine Sure unseres heiligen Buches sagen . Höre ! « Ich citierte das dreizehnte Kapitel des ersten Briefes Pauli an die Korinther . Er hörte andächtig zu und rief , als ich zu Ende war , aus : » Das ist ja ganz so , als ob Ben Nur diese Sure auch so auswendig könnte wie du ! Welch ein Wunder ! Er hat immer ganz nach diesen herrlichen Worten gesprochen , und doch hat unser Kuran eine solche Sure nicht ! Darum also , darum dieser Haß , dieser Kampf und Streit bei uns ! Darum der gegenseitige Abscheu zwischen den Schiiten und Sunniten , und bei diesen wieder die ununterbrochene Feindschaft zwischen den Schafe ' iten , den Hanefiten , den Hanbaliten und den Malekiten ! Es fehlt die Liebe , nur allein die Liebe ; Allah bessere es ! Wie herrlich wäre es auf Erden , wenn die Liebe wirklich und allein die Regierung hätte ! Aber , Effendi - - - « Er stockte , überlegend , ob er weitersprechen solle ; dann fuhr er fort : » Habt ihr eine große einige , eine ganze Christenheit ? « » Leider nicht ! « » Ja , ich weiß es ; ich wollte nur hören , ob du es aufrichtig eingestehen werdest . Es giebt bei euch Katulikijihn , Rum , rum Katulikijihn , Ingilijihn , Mawarne , Protestanijihn125 und noch viele andere Spaltungen , deren Namen ich nicht kenne . Ich will dich nicht betrüben ; aber beim Islam ist die Zwietracht kein Wunder , weil der Kuran keine solche Sure der Liebe kennt ; ihr jedoch habt sie in eurem heiligen Buche stehen und kämpft trotzdem in noch mehr Heerlagern gegeneinander als wir ! Ist da diese Sure in eure Herzen oder nur in euer Buch geschrieben ? Seid ihr da nicht noch schärfer anzuklagen und nicht noch viel mehr zu bedauern als wir ? « Ich hätte mich wirklich in größter Verlegenheit befunden , was ich auf diese nur zu wohlbegründeten Vorwürfe antworten sollte , wenn mir nicht , dies ahnend , der wackere Hadschi schnell beigesprungen wäre : » Was fällt dir ein , meinen Effendi so schwer zu beleidigen ! Kann er dafür und trägt etwa er die Schuld daran , daß diese Sure bei so vielen Christen nicht da wohnt , wo sie wohnen soll ? Ich sage dir , er schreibt Bücher , welche gedruckt und dann von vielen Tausenden gelesen werden . Er braucht nur ein einziges Mal die Bitte hineinzubringen , daß sie einig sein und sich einander lieben sollen , so thun sie es sofort und auch von ganzem Herzen gern ! Ich weiß das so gewiß , wie ich überzeugt bin , daß diese Liebe ihn und mich verbindet ! « Er hielt inne , um den Eindruck seiner Verteidigung zu beobachten . Was aber dachte ich ? Ich war still , sehr still ! Lieber Halef ! Und wenn ich auch mit Engelszungen redete und meine Bücher mit einer Engelsfeder schriebe , meine Worte würden doch erfolglos verklingen , bis die Zeit kommt , welche kommen wird und kommen muß , weil sie die Zeit der Verheißung ist . Es wird dann nur ein Hirte und eine Herde sein ! Aber wann ? Sollen wir die Hände wartend in den Schoß legen und Gott allein walten lassen ? Können wir denn nichts , gar nichts thun , diese Einigung herbeizuführen ? ! - Der Perser antwortete nichts . Er sah wohl ein , daß sein Vorwurf mich persönlich hatte treffen müssen , obwohl das nicht von ihm beabsichtigt gewesen war , darum fuhr der Hadschi in zwar milderem aber doch nachdrücklichem Tone fort : » Was verstehst du überhaupt vom Christentum ? Kennst du das Kitab el mukaddas 126 der Christen ? « » Nein , « gestand der Oberaufseher . » Hast du es gelesen und studiert ? « » Wenn ich das hätte , würde ich es doch kennen ! « » So kannst du also auch nicht über die Christen sprechen . Den Kuran kennst du ; also ist es dir erlaubt , von der gegenseitigen Feindschaft seiner Bekenner zu reden , und die ist so groß , daß du dich gar nicht um die Christen zu bekümmern brauchst ! « Da klang es hinter den Vorhängen des Tachtirwan hervor : » El Mizan , el Mizan , die Wage der Gerechtigkeit ! « Hanneh schlief also auch noch nicht . Sie hatte alles gehört und rief ihrem » Gebieter « jetzt das Mahnwort zu . » Was ist ' s mit El Mizan ? « fragte er . » Hast du den Effendi nicht gebeten , dich mit diesem Worte zu warnen , wenn du zornig wirst ? « » Ja , das habe ich allerdings . « » Darum habe ich es dir zugerufen , denn du bist jetzt gegen Khutab Agha , den Basch Nazyr von Meschhed Ali , unwillig gewesen ! « Da antwortete er in seinem freundlichsten Tone : » O , Hanneh , du anmutigste der schönsten Lieblichkeiten , nimm meinen Dank für die Aufmerksamkeit , welche du deinem Halef erweisest ! Doch bitte ich dich um die Erlaubnis , dir mitzuteilen , daß du nicht der Effendi bist . Er allein ist ' s , der mich warnen soll ; das ist ein Recht für ihn , welches du ihm nicht nehmen darfst . Wenn zwei Personen an meinem Zorne rütteln , so wird er größer anstatt kleiner . Und außerdem war es gar kein Zorn , sondern die Liebe und Freundschaft , welche mir gebieten , mich dessen anzunehmen , dem in Gemeinschaft mit dir und unserm Sohne mein ganzes Herz gehört . Und nun versuch ' , zu schlafen , du Liebling meiner Seele ! Das ist für dich und mich ja stets das Beste , was du thun kannst , wenn du mich für zornig hältst , Leletak mubaraka - es sei deine Nacht gesegnet . Amin - amen ! « Sie entgegnete nichts , sondern antwortete nur mit einem kurzen , lustigen Lachen , welches er so gerne von ihr hörte . Dann sagte er leise zu uns : » Horcht ! Sie lacht ! Wie hübsch und gut das klingt , wenn eine brave , liebende Frau fröhlich ist ! Es giebt Weiber , welche stets die Gesichter des sauern Essigs machen . Genau so wie ihr Aeußeres ist bei ihnen auch ihr Inneres , das einem verfinsterten Zelte gleicht , in welchem man nicht findet , was man sucht ; sie verwandeln den Tag ihres Lebens für sich und andere in Nacht . Das Gemüt einer heitern Frau aber ist der Quell des lichten , warmen Sonnenscheins für ihren Mann , für ihre Kinder und auch für alle , mit denen sie in Berührung kommt . So einen Quell des Frohsinns und des Glückes habe ich in meinem Frauenzelte . Allah segne Hanneh , deren Herz der Ursprung ist , aus welchem er fließt ! Sie wird nun schlafen . Wollen wir das nicht auch thun , Sihdi ? Die Nacht ist kurz , und wer weiß , welche Anstrengungen uns der morgende Tag bringt ! « Er hatte recht , obgleich er ebenso wenig wie wir ahnte , daß dieser Tag ein viel , viel bewegterer für uns werden sollte , als wir jetzt dachten . Wir versuchten , die durch Ben Nur in uns erweckten , lebhaften Vorstellungen zur Ruhe zu bringen , was uns schließlich auch gelang ; wir schliefen ein . Aber die Sorge weckte mich schon wieder auf , als der Morgen sich im Osten durch seinen immer heller werdenden Schein verkündete . Halef , Hanneh , Kara , der Münedschi und der Perser schliefen noch . Ich weckte sie nicht , stand auf und entfernte mich mit leisen Schritten , um zunächst die Kette unserer Posten abzugehen . Da erfuhr ich , daß die Nacht ohne jedwede Störung vergangen war ; es hatte sich kein Ben Khalid sehen oder hören lassen . Hierauf ging ich nach dem Brunnenplatze und erfuhr zu meiner Genugthuung , daß unsere Kamele und Pferde alle getränkt worden waren . Das Wasser war nicht schlecht , wie ja schon der Name des Brunnens sagte - Bir Hilu bedeutet » süßer Brunnen « - und so konnten wir ihnen heut einen ausgiebigen Ritt zumuten . Der Scheik der Beni Khalid und die Mekkaner hatten nicht geschlafen , was allerdings auch ganz erklärlich war . Die letzteren verhielten sich still , doch war ihnen der Grimm über ihre Lage sehr deutlich anzusehen , und aus den Augen El Ghanis blickte mir ein Haß entgegen , welcher mich sofort getötet hätte , wenn es wirkliche und nicht bloß seelische Blitze gewesen wären . Tawil Ben Schahid aber war dieser Schweigsamkeit nicht fähig . Kaum sah er mich herantreten , so herrschte er mich an : » Binde mich augenblicklich los ! Ich hoffe , du hast während der Nacht eingesehen , daß euer gewaltthätiges Verhalten die schlimmsten Folgen für euch nach sich ziehen muß ! « » Nein , das habe ich nicht eingesehen , « antwortete ich . » So hat Allah , um euch zu verderben , dich so geblendet , daß du die Folgen nicht zu erkennen vermagst ! Sagst du dir denn nicht , daß meine Krieger nun kommen werden ? « » Das werden sie allerdings , « lächelte ich . » Sie werden sehen , daß ich gefangen bin ! « » Ja , vielleicht ! « » Sie werden , sie müssen es ja sehen ! « » Wenn wir ihnen erlauben , hierherzukommen , ja . « » Wenn ihr es ihnen nicht erlaubt , werden sie es erzwingen . Dann befreien sie mich und fallen über euch her ! « » So ? Wirklich ? Mir scheint , nicht mich , sondern dich hat Allah geblendet . Wenn nur ein einziger deiner Krieger es wagen sollte , sich feindlich gegen uns zu verhalten , so wird er an dir zum Mörder , denn ich jage dir in diesem Falle eine Kugel in den Kopf ! « » Das wagst du nicht , ganz gewiß nicht , denn mein Tod könnte euch nicht retten , sondern er würde das über euch hereinbrechende Verderben nur beschleunigen ! « » Das wollen wir ruhig abwarten . Zunächst scheinen sie noch zu schlafen , was leider kein Beweis dafür ist , daß sie mit so großer Treue an dir hangen , wie du mich glauben machen willst . Wenn sie dich wirklich liebten und nur eine Spur des gewöhnlichsten Scharfsinnes besäßen , hätten sie sich schon längst sagen müssen , daß es hier nicht ganz sicher um dich steht . Sie mögen also kommen ; wir fürchten uns nicht vor ihnen ! « Er hatte in seinem Zorne so überlaut gesprochen , daß seine Stimme über den Platz hinübertönte und Halef aufweckte . Er sah mich hier bei den Gefangenen stehen , stand auf und kam herüber . Dadurch wurden die Blicke der Gefangenen auf ihn und nach der Stelle gezogen , wo wir gelegen hatten , und da es inzwischen hell genug dazu geworden war , so sahen sie den Blinden , welcher in seiner sitzenden Stellung mit dem Oberkörper noch schlafend an dem Felsen lehnte . Ich bemerkte dies und war gespannt darauf , wie sie sich nun verhalten würden . Der » Liebling des Großscherifs « riß seine Augen so weit wie möglich auf und rief mit dem Ausdrucke der größten Ueberraschung : » Wer - - wer - - - wer ist das ? ! Wer liegt dort an der Felsenwand ? « Sein Sohn war ebenso betroffen . Förmlich aufschreiend , antwortete er : » Maschallah ! Welch ein Wunder ist geschehen ! Das ist ja der Münedschi , der gestorben ist ! « » Nicht nur gestorben ist er , sondern sogar auch begraben worden ! « fügte der Vater hinzu . » Diese - - diese Hunde der Haddedihn haben sein Grab geschändet und ihn herausgenommen ! « Halef hatte mich inzwischen erreicht . Als er das Wort Hunde hörte , wendete er sich schnell um ; er wollte wieder fort . » Wohin , Halef ? « fragte ich . » Wieder hinüber , « antwortete er . » Ich habe meine Kurbadsch da drüben liegen lassen . Dieser Kerl hat uns Hunde genannt ! « » El Mizan , el Mizan , Halef ! Denke an die Wage der Gerechtigkeit ! « Da drehte er sich mir wieder zu und sprach in gelassenem Tone : » Ganz richtig , Sihdi ! Ich dachte nicht daran . Der Schlaf hat mich um den Zusammenhang mit der gestrigen Stunde des Todes gebracht ; du aber weckst in mir die Erinnerung an meine Vorsätze . « Hierauf wendete er sich an El Ghani und sagte in ironischer Weise : » Ja , wir haben ihn ausgegraben und seine Leiche mit uns geschleppt ! Diese ist dann gestern abend von dort drüben zu euch herübergelaufen und hat nicht nur die Arme und die Beine bewegt , sondern sogar zu euch und uns gesprochen ! Ihr seid ja außerordentlich kluge Menschen ! « Da sah der Mekkaner seine Gedankenlosigkeit ein und rief , mit allerdings nicht weniger Erstaunen : » So ist er gar nicht gestorben , gar nicht tot gewesen ! Allah , Allah , Allah ! « » Ja ! Aber ihr seid so dumm , so hirnverbrannt gewesen , ihn lebendig zu begraben . Ihr habt über einen Lebenden die heiligen Gebete des Todes gesprochen ! « » Dafür konnten wir nicht ! Er war starr ; wir mußten ihn für tot halten ! « » Warum haben aber wir diesen Fehler nicht gemacht ? Wir bemerkten sofort , daß er noch lebte ! « » Weil er wahrscheinlich grad an dem Augenblicke , als ihr zu ihm kamt , wieder erwachte ; du hast mit deinen Vorwürfen zu schweigen ! « » Du willst mir verbieten , zu sagen , was mir beliebt ? Mache dich doch nicht lächerlich ! Ihr wußtet , daß seine Seele ihn zuweilen verläßt , und hättet also auf ihre Rückkehr warten sollen . Wir wußten das nicht und haben ihn dennoch aus dem Grabe genommen . Ihr habt euch als seine Mörder zu betrachten , obgleich wir ihm das Leben gerettet haben ! « Da richtete El Ghani einen besorgt forschenden Blick auf Halef und fragte : » Hat er mit euch gesprochen ? « » Ja . « » Gleich am Grabe ? « » Ja . « » Dann später auch ? « » Auch . « » War er dabei wach oder abwesend ? « » Beides . « » Hat er von mir gesprochen ? « » Sehr viel . « » Was hat er gesagt ? « » Das hat er zu uns gesagt und nicht zu dir . Wir behalten es also für uns . « » Ich will und muß es aber wissen ! « » Und wir müssen , wollen und werden aber darüber schweigen ! « » Ich werde euch zwingen , zu reden , wenn die Beni Khalid gekommen sind ! « » Versuche das ; ich habe nichts dagegen . Da ich aber grad guter Laune bin , will ich dir folgendes sagen : Viel Gutes kann kein Mensch von dir berichten , er also auch nicht ! « » So hat er euch angelogen . Er gehört zu uns . Bringt ihn zu uns herüber ! « » Das wollen wir uns doch erst überlegen . So viel wir wissen , ist er nicht dein Sklave , sondern sein eigener Herr , der thun kann , was er will . « » So weckt ihn auf , und sagt ihm , daß ich ihn hier bei mir haben will ! « » Mensch , denke ja nicht , daß du nur zu befehlen brauchest , so müsse es geschehen ! Er verdankt uns das Leben und gehört nun also zu uns , aber nicht zu euch ! « Die Besorgnis des Mekkaners schien zu wachsen . Es klang , als stehe er im Begriffe , ganz außer sich zu geraten , so aufgeregt rief er aus : » Zu mir , zu mir gehört er ! Ich habe ihm tausendfältige Wohlthaten erwiesen , für die er mir die größte Dankbarkeit und Anhänglichkeit schuldet . Ich kann nicht dulden , daß er bei fremden Leuten ist . Er muß unbedingt herüber ! « » Wirklich unbedingt ? « » Ja , unbedingt und augenblicklich ! Er darf keine Minute mehr bei euch sein ! « » Keine Minute ? So ! Du hast wahrscheinlich sehr große Angst vor uns ? « » Angst ? Warum ? Wieso ? « » Weil das , was wir von ihm hören können , vielleicht gefährlich für dich ist . « » Gefährlich ? « lachte er höhnisch auf , doch klang dieses Lachen sehr gezwungen . » Jawohl , gefährlich ! « nickte Halef . » Dein Gewissen ist jedenfalls nicht rein ! « » Bekümmere dich um die Reinheit des deinigen ! Schickst du ihn herüber ? « » Nein . « » So wirst du gleich sehen , was ich thue . Ich wecke ihn . Da kommt er jedenfalls ! « Er schrie mit aller Stärke seiner Stimme den Namen des Blinden über den Platz hinüber . Der Gerufene wachte auf und richtete sich horchend empor . » Schweig augenblicklich ! Kein Wort weiter ! « befahl da Halef , indem er sein Messer zog und es gegen den Ghani zückte . » Rufst du noch ein einziges Mal , so schweigt dein Mund für immer ! « Diese Drohung klang so energisch und überzeugend , daß sie ihren Zweck erreichte ; der Mekkaner sank in sich zurück und war nun still . Halef gab so , daß dieser es hörte , den strengen Befehl , ihn augenblicklich zu erstechen , wenn er wieder rufe . Dann wendete er sich zu mir : » Hanneh ist wach geworden . Sie wird uns den Kaffee bereiten . Komm ! « Auch ich sah , daß die » schönste Besitzerin der Frauenzelte « ihre Sänfte verlassen hatte und sich mit dem Kochgeschirr beschäftigte . Einige kaffeedürstende Haddedihn waren schnell bereit , ihr Brennmaterial zu bringen und ein Feuer anzuzünden . Indem wir langsam zu ihr hinübergingen und uns also niemand hörte , fragte der kleine Hadschi : » Habe ich das jetzt recht gemacht , Sihdi ? « » Hm ! « machte ich . » Brumme nicht , sondern sprich deutlich ! Bist du etwa im Zweifel ? « » Ja . « » Warum ? « » Du hältst es wohl gar nicht für möglich , daß der Münedschi wieder zu seinen Gefährten will ? Ich schließe das nämlich aus deinem Verhalten . « » Aus meinem Verhalten ? Das verstehe ich nicht . Wie meinst du das ? « » Du hast den Ghani glauben lassen , daß der Münedschi uns von ihm Mitteilungen gemacht habe , die er nicht hätte machen sollen . « » Was schadet das ? Ich wollte ihn ärgern , und das ist mir gelungen . « » Das ist ein Erfolg , dessen du dich gar nicht rühmen solltest , Halef ! « » Nicht ? Aus welchem Grunde ? « » Erstens ist es nicht edel , Menschen zu ärgern . Und zweitens hast du damit unserm Schützlinge , dem Münedschi , keinen guten Dienst erwiesen . Das Mißtrauen , welches du zwischen ihm und dem Ghani gestreut hast , kann diesem armen Blinden schlimme Früchte bringen , wenn er darauf besteht , sich seinen früheren Gefährten wieder zuzugesellen . Ich meine , daß du das nicht hättest thun sollen ! « » Hm - - hm - - ! Du hörst , daß jetzt ich es bin , der brummt , und zwar brumme ich nicht über dich , sondern über mich , denn ich sehe ein , daß ich dir diesen deinen Vorwurf nicht widerlegen kann . Ich bin nicht nur unedel , sondern auch unvorsichtig gewesen .