sind eben Eichhörnchen . « Einige Minuten später hatten alle die Bank erreicht , von der aus man den besten Blick auf den zugefrorenen See hatte . Das Eis zeigte sich hoch mit Schnee bedeckt , aber in seiner Mitte war doch schon eine gefegte Stelle , zu der vom Ufer her eine schmale , gleichfalls freigeschaufelte Straße hinüberführte . Engelke legte die Decken über die Bank , und die Damen , die von dem halbstündigen und zuletzt etwas ansteigenden Wege müde geworden waren , nahmen alle drei Platz , während sich Rolf Krake und Uncke wie Schildhalter zu beiden Seiten der Bank aufstellten . Dubslav dagegen placierte sich in Front und machte , während er einen landläufigen Führerton anschlug , den Cicerone . » Hab die Ehr , Ihnen hier die große Sehenswürdigkeit von Dorf und Schloß Stechlin zu präsentieren , unsern See , meinen See , wenn Sie mir das Wort gestatten wollen . Alle möglichen berühmten Naturforscher waren hier und haben sich höchst schmeichelhaft über den See geäußert . Immer hieß es : Es stehe wissenschaftlich fest . Und das ist jetzt das Höchste . Früher sagte man : Es steht in den Akten . Ich lasse dabei dahingestellt sein , wovor man sich tiefer verbeugen muß . « » Ja « , sagte Melusine , » das ist nun also der große Moment . Orientiert bin ich . Aber wie das mit allem Großen geht , ich empfinde doch auch etwas von Enttäuschung . « » Das ist , weil wir Winter haben , gnädigste Gräfin . Wenn Sie die offene Seefläche vor sich hätten und in der Vorstellung stünden : jetzt bildet sich der Trichter und jetzt steigt es herauf , so würden Sie mutmaßlich nichts von Enttäuschung empfinden . Aber jetzt ! Das Eis macht still und duckt das Revolutionäre . Da kann selbst unser Uncke nichts notieren . Nicht wahr , Uncke ? « Uncke schmunzelte . » Im übrigen seh ich zu meiner Freude - und das verdanken wir wieder unserm guten Kluckhuhn , der an alles denkt und alles vorsieht - , daß die Schneeschipper auch ein paar ihrer Pickäxte mitgebracht haben . Ich taxiere das Eis auf nicht dicker als zwei Fuß , und wenn sich die Leute dranmachen , so haben wir in zehn Minuten eine große Lune , und der Hahn , wenn er nur sonst Lust hat , kommt aus seiner Tiefe herauf . Befehlen Frau Gräfin ? « » Um Gottes willen , nein . Ich bin sehr für solche Geschichten und bin glücklich , daß die Familie Stechlin diesen See hat . Aber ich bin zugleich auch abergläubisch und mag kein Eingreifen ins Elementare . Die Natur hat jetzt den See überdeckt ; da werd ich mich also hüten , irgendwas ändern zu wollen . Ich würde glauben , eine Hand führe heraus und packte mich . « Adelheid war bei diesen Worten immer gerader und länger geworden und rückte mit Ostentation von Melusine weg , mehr der Banklehne zu , wo , halb wie das gute Gewissen , halb wie die göttliche Weltordnung . Uncke stand und durch seine bloße Gegenwart den Gemütszustand der Domina wieder beschwichtigte . Nur von Zeit zu Zeit sah sie fragend , forschend und vorwurfsvoll auf ihren Bruder . Dieser wußte genau , was in seiner Schwester Seele vorging . Es erheiterte ihn ungemein , aber es beunruhigte ihn doch auch . Wenn diese Gefühle wuchsen , wohin sollte das führen ? Die Möglichkeit einer schrecklichen Szene , die sein Haus mit einer nicht zu tilgenden Blâme behaftet hätte , trat dabei vor seine Seele . Der Himmel hatte aber ein Einsehn . Schon seit einer Viertelstunde lag ein grauer Ton über der Landschaft , und plötzlich fielen Flocken , erst vereinzelte , dann dicht und reichlich . Den Weg bis Globsow fortzusetzen , daran war unter diesen Umständen gar nicht mehr zu denken , und so brach man denn auf , um ins Schloß zurückzukehren . Auch auf einen Besuch in der Kirche , weil es da zu kalt sei , wurde verzichtet . Neunundzwanzigstes Kapitel Der Heimweg war gemeinschaftlich angetreten worden , aber doch nur bis an die Dorfstraße . Hier teilte man sich in drei Gruppen , eine jede mit verschiedenem Ziel : Dubslav , Tante Adelheid und Armgard gingen auf das Herrenhaus , Uncke und Rolf Krake auf das Schulzenamt , Woldemar und Melusine dagegen auf die Pfarre zu . Woldemar freilich nur bis an den Vorgarten , wo er sich von Melusine verabschiedete . Lorenzen , solang er Woldemar und Melusine sich seiner Pfarre nähern sah , hatte verlegen am Fenster gestanden , kam aber , als das Paar sich draußen trennte , so ziemlich wieder zu sich . Er war nun schon so lange jeder Damenunterhaltung entwöhnt , daß ihm ein Besuch wie der der Gräfin zunächst nur Verlegenheit schaffen konnte , wenn ' s denn aber durchaus sein mußte , so war ihm ein Tête-à-tête mit ihr immer noch lieber als eine Plauderei zu dritt . Er ging ihr denn auch bis in den Flur entgegen , war ihr hier beim Ablegen behilflich und sprach ihr - weil er jede Scheu rasch von sich abfallen fühlte - ganz aufrichtig seine Freude aus , sie in seiner Pfarre begrüßen zu dürfen . » Und nun bitt ich Sie , Frau Gräfin , sich ' s unter meinen Büchern hier nach Möglichkeit bequem machen zu wollen . Ich bin zwar auch Inhaber einer Putzstube , mit einem dezenten Teppich und einem kalten Ofen ; aber ich konnte das gesundheitlich nicht verantworten . Hier haben wir wenigstens eine gute Temperatur . « » Die immer die Hauptsache bleibt . Ach , eine gute Temperatur ! Gesellschaftlich ist sie beinah alles und dabei leider doch so selten . Ich kenne Häuser , wo , wenn Sie den Widersinn verzeihen wollen , der kalte Ofen gar nicht ausgeht . Aber erlassen Sie mir gütigst den Sofaplatz hier ; ich fühle mich dazu noch nicht alte Dame genug und möcht auch gern en vue der beiden Bilder bleiben , trotzdem ich das eine davon schon so gut wie kenne . « » Die Kreuzabnahme ? « » Nein ! das andre . « » Die Lind also ? « » Ja . « » So haben Sie das schöne Bild in der Nationalgalerie gesehn ? « » Auch das . Aber doch freilich erst seit ganz kurzem , während ich von Ihrer Aquarellkopie schon seit ein paar Monaten weiß . Das war auf einer Dampfschiffahrt , die wir nach dem sogenannten Eierhäuschen machten , und der Ausplauderer über das Bild da vor mir war niemand anders als Ihr Zögling Woldemar , auf den Sie stolz sein können . Er freilich würde den Satz umkehren , oder sage ich lieber , er tat es . Denn er sprach mit solcher Liebe von Ihnen , daß ich Sie von jenem Tag an auch herzlich liebe , was Sie sich schon gefallen lassen müssen . Ein Glück nur , daß er sich draußen verabschiedet hat und nicht hören kann , was ich hier sage ... « Lorenzen lächelte . » Sonst hätten sich diese Bekenntnisse verboten . Aber da sie nun mal gemacht sind und man nie weiß , wann und wie man wieder zusammenkommt , so lassen Sie mich darin fortfahren . Woldemar erzählte mir - Pardon für meine Indiskretion - von Ihrer Schwärmerei für die Lind . Und da horchten wir denn auf und beneideten Sie fast . Nichts beneidenswerter als eine Seele , die schwärmen kann . Schwärmen ist fliegen , eine himmlische Bewegung nach oben . « Lorenzen stutzte . Das war doch mehr als eine bloß liebenswürdige Dame aus der Gesellschaft . » Und um es kurz zu machen « , fuhr Melusine fort , » Woldemar sprach bei dieser Gelegenheit wie von Ihrer ersten Liebe « ( und dabei wies sie lächelnd auf das Bildchen der Lind ) » so auch von Ihrer letzten - nein , nein , nicht von Ihrer letzten ; Sie werden immer eine neue finden - , sprach also von Ihrer Begeisterung für den herrlichen Mann da weit unten am Tajo , von Ihrer Begeisterung für den Joao de Deus . Und als er ausgesprochen hatte , da haben wir uns alle , die wir zugegen waren , um den Un Santo geschart und einen geheimen Bund geschlossen . Erst um den Un Santo und zum zweiten um Sie selbst . Und nun frag ich Sie , wollen Sie mittun in diesem unserm Bunde , der ohne Sie gar nicht existierte ? Mir ist manches verquer gegangen . Aber ich bin , denk ich , dem Tage nahe , der mich ahnen läßt , daß unsre Prüfungen auch unsre Segnungen sind und daß mir alles Leid nur kam , um den Stab , der trägt und stützt , fester zu umklammern . Ich darf leider nicht hinzusetzen , daß dieser Stab ( möglich , daß er sich einst dazu auswächst ) das Kreuz sei . Meiner ganzen Natur nach bin ich ungläubig . Aber ich hoffe sagen zu dürfen : ich bin wenigstens demütig . « » Wenigstens demütig « , wiederholte Lorenzen langsam , zugleich halb verlegen vor sich hin blickend , und Melusine , die Zweifel , die sich in der Wiederholung dieser Worte ziemlich deutlich aussprachen , mit scharfem Ohre heraushörend , fuhr in plötzlich verändertem und beinah heiterem Tone fort : » Wie grausam Sie sind . Aber Sie haben recht . Demütig . Und daß ich mich dessen auch noch berühme . Wer ist demütig ? Wir alle sind im letzten doch eigentlich das Gegenteil davon . Aber das darf ich sagen , ich habe den Willen dazu . « » Und schon der gilt , Frau Gräfin . Nur freilich ist Demut nicht genug ; sie schafft nicht , sie fördert nicht nach außen , sie belebt kaum . « » Und ist doch mindestens der Anfang zum Bessern , weil sie mit dem Egoismus aufräumt . Wer die Staffel hinauf will , muß eben von unten an dienen . Und soviel bleibt , es birgt sich in ihr die Lösung jeder Frage , die jetzt die Welt bewegt . Demütig sein heißt christlich sein , christlich in meinem , vielleicht darf ich sagen in unsrem Sinne . Demut erschrickt vor dem zweierlei Maß . Wer demütig ist , der ist duldsam , weil er weiß , wie sehr er selbst der Duldsamkeit bedarf ; wer demütig ist , der sieht die Scheidewände fallen und erblickt den Menschen im Menschen . « » Ich kann Ihnen zustimmen « , lächelte Lorenzen . » Aber wenn ich , Frau Gräfin , in Ihren Mienen richtig lese , so sind diese Bekenntnisse doch nur Einleitung zu was andrem . Sie halten noch das Eigentliche zurück und verbinden mit Ihrer Aussprache , so sonderbar es klingen mag , etwas Spezielles und beinah Praktisches . « » Und ich freue mich , daß Sie das herausgefühlt haben . Es ist so . Wir kommen da eben von Ihrem Stechlin her , von Ihrem See , dem Besten , was Sie hier haben . Ich habe mich dagegen gewehrt , als das Eis aufgeschlagen werden sollte , denn alles Eingreifen oder auch nur Einblicken in das , was sich verbirgt , erschreckt mich . Ich respektiere das Gegebene . Daneben aber freilich auch das Werdende , denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein . Alles Alte , soweit es Anspruch darauf hat , sollen wir lieben , aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben . Und vor allem sollen wir , wie der Stechlin uns lehrt , den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen . Sich abschließen heißt sich einmauern , und sich einmauern ist Tod . Es kommt darauf an , daß wir gerade das beständig gegenwärtig haben . Mein Vertrauen zu meinem Schwager ist unbegrenzt . Er hat einen edeln Charakter , aber ich weiß nicht , ob er auch einen festen Charakter hat . Er ist feinen Sinnes , und wer fein ist , ist oft bestimmbar . Er ist auch nicht geistig bedeutend genug , um sich gegen abweichende Meinungen , gegen Irrtümer und Standesvorurteile wehren zu können . Er bedarf der Stütze . Diese Stütze sind Sie meinem Schwager Woldemar von Jugend auf gewesen . Und um was ich jetzt bitte , das heißt : Seien Sie ' s ferner . « » Daß ich Ihnen sagen könnte , wie freudig ich in Ihren Dienst trete , gnädigste Gräfin . Und ich kann es um so leichter , als Ihre Ideale , wie Sie wissen , auch die meinigen sind . Ich lebe darin und empfind es als eine Gnade , da , wo das Alte versagt , ganz in einem Neuen aufzugehn . Um ein solches Neues handelt es sich . Ob ein solches Neues sein soll ( weil es sein muß ) oder ob es nicht sein soll , um diese Frage dreht sich alles . Es gibt hier um uns her eine große Zahl vorzüglicher Leute , die ganz ernsthaft glauben , das uns Überlieferte - das Kirchliche voran ( leider nicht das Christliche ) - müsse verteidigt werden wie der Salomonische Tempel . In unserer Obersphäre herrscht außerdem eine naive Neigung , alles Preußische für eine höhere Kulturform zu halten . « » Genau wie Sie sagen . Aber ich möchte doch , um der Gerechtigkeit willen , die Frage stellen dürfen , ob dieser naive Glaube nicht eine gewisse Berechtigung hat . « » Er hatte sie mal . Aber das liegt zurück . Und kann nicht anders sein . Der Hauptgegensatz alles Modernen gegen das Alte besteht darin , daß die Menschen nicht mehr durch ihre Geburt auf den von ihnen einzunehmenden Platz gestellt werden . Sie haben jetzt die Freiheit , ihre Fähigkeiten nach allen Seiten hin und auf jedem Gebiete zu betätigen . Früher war man dreihundert Jahre lang ein Schloßherr oder ein Leinenweber ; jetzt kann jeder Leinenweber eines Tages ein Schloßherr sein . « » Und beinah auch umgekehrt « , lachte Melusine . » Doch lassen wir dies heikle Thema . Viel , viel lieber hör ich ein Wort von Ihnen über den Wert unsrer Lebens- und Gesellschaftsformen , über unsre Gesamtanschauungsweise , deren besondere Zulässigkeit Sie , wie mir scheint , so nachdrücklich anzweifeln . « » Nicht absolut . Wenn ich zweifle , so gelten diese Zweifel nicht so sehr den Dingen selbst als dem Hochmaß des Glaubens daran . Daß man all diese Mittelmaßdinge für etwas Besonderes und Überlegenes und deshalb , wenn ' s sein kann , für etwas ewig zu Konservierendes ansieht , das ist das Schlimme . Was mal galt , soll weiter gelten , was mal gut war , soll weiter ein Gutes oder wohl gar ein Bestes sein . Das ist aber unmöglich , auch wenn alles , was keineswegs der Fall ist , einer gewissen Herrlichkeitsvorstellung entspräche ... Wir haben , wenn wir rückblicken , drei große Epochen gehabt . Dessen sollen wir eingedenk sein . Die vielleicht größte , zugleich die erste , war die unter dem Soldatenkönig . Das war ein nicht genug zu preisender Mann , seiner Zeit wunderbar angepaßt und ihr zugleich voraus . Er hat nicht bloß das Königtum stabiliert , er hat auch , was viel wichtiger , die Fundamente für eine neue Zeit geschaffen und an die Stelle von Zerfahrenheit , selbstischer Vielherrschaft und Willkür Ordnung und Gerechtigkeit gesetzt . Gerechtigkeit , das war sein bester rocher de bronce . « » Und dann ? « » Und dann kam Epoche zwei . Die ließ , nach jener ersten , nicht lange mehr auf sich warten , und das seiner Natur und seiner Geschichte nach gleich ungeniale Land sah sich mit einem Male von Genie durchblitzt . « » Muß das ein Staunen gewesen sein . « » Ja . Aber doch mehr draußen in der Welt als daheim . Anstaunen ist auch eine Kunst . Es gehört etwas dazu , Großes als groß zu begreifen ... Und dann kam die dritte Zeit . Nicht groß und doch auch wieder ganz groß . Da war das arme , elende , halb dem Untergange verfallene Land nicht von Genie , wohl aber von Begeisterung durchleuchtet , von dem Glauben an die höhere Macht des Geistigen , des Wissens und der Freiheit . « » Gut , Lorenzen . Aber weiter . « » Und all das , was ich da so hergezählt , umfaßte zeitlich ein Jahrhundert . Da waren wir den andern voraus , mitunter geistig und moralisch gewiß . Aber der Non-soli-cedo-Adler mit seinem Blitzbündel in den Fängen , er blitzt nicht mehr , und die Begeisterung ist tot . Eine rückläufige Bewegung ist da , längst Abgestorbenes , ich muß es wiederholen , soll neu erblühn . Es tut es nicht . In gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal wieder , aber bei dieser Wiederkehr werden Jahrtausende übersprungen ; wir können die römischen Kaiserzeiten , Gutes und Schlechtes , wiederhaben , aber nicht das spanische Rohr aus dem Tabakskollegium und nicht einmal den Krückstock von Sanssouci . Damit ist es vorbei . Und gut , daß es so ist . Was einmal Fortschritt war , ist längst Rückschritt geworden . Aus der modernen Geschichte , der eigentlichen , der lesenswerten , verschwinden die Bataillen und die Bataillone ( trotzdem sie sich beständig vermehren ) , und wenn sie nicht selbst verschwinden , so schwindet doch das Interesse daran . Und mit dem Interesse das Prestige . An ihre Stelle treten Erfinder und Entdecker , und James Watt und Siemens bedeuten uns mehr als du Guesclin und Bayard . Das Heldische hat nicht direkt abgewirtschaftet und wird noch lange nicht abgewirtschaftet haben , aber sein Kurs hat nun mal seine besondere Höhe verloren , und anstatt sich in diese Tatsache zu finden , versucht es unser Regime , dem Niedersteigenden eine künstliche Hausse zu geben . « » Es ist , wie Sie sagen . Aber gegen wen richtet sich ' s ? Sie sprachen von Regime . Wer ist dies Regime ? Mensch oder Ding ? Ist es die von alter Zeit her übernommene Maschine , deren Räderwerk tot weiterklappert , oder ist es der , der an der Maschine steht ? Oder , endlich , ist es eine bestimmte abgegrenzte Vielheit , die die Hand des Mannes an der Maschine zu bestimmen , zu richten trachtet ? In allem , was Sie sagen , klingt eine sich auflehnende Stimme . Sind Sie gegen den Adel ? Stehen Sie gegen die alten Familien ? « » Zunächst : nein . Ich liebe , hab auch Ursach dazu , die alten Familien und möchte beinah glauben , jeder liebt sie . Die alten Familien sind immer noch populär , auch heute noch . Aber sie vertun und verschütten diese Sympathien , die doch jeder braucht , jeder Mensch und jeder Stand . Unsre alten Familien kranken durchgängig an der Vorstellung , daß es ohne sie nicht gehe , was aber weit gefehlt ist , denn es geht sicher auch ohne sie ; - sie sind nicht mehr die Säule , die das Ganze trägt , sie sind das alte Stein- und Moosdach , das wohl noch lastet und drückt , aber gegen Unwetter nicht mehr schützen kann . Wohl möglich , daß aristokratische Tage mal wiederkehren , vorläufig , wohin wir sehen , stehen wir im Zeichen einer demokratischen Weltanschauung . Eine neue Zeit bricht an . Ich glaube , eine bessere und eine glücklichere . Aber wenn auch nicht eine glücklichere , so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft , eine Zeit , in der wir besser atmen können . Und je freier man atmet , je mehr lebt man . Was aber Woldemar angeht , meiner sind Sie sicher , Frau Gräfin . Bleibt freilich , als Hauptfaktor , noch die Comtesse . Für die müssen Sie die Bürgschaft übernehmen . Die Frauen bestimmen schließlich doch alles . « » So heißt es immer . Und wir sind eitel genug , es zu glauben . Aber das führt uns auf ganz neue Gebiete . Vorläufig Ihre Hand zur Besieglung . Und nun erlauben Sie mir , nach diesem unserm revolutionären Diskurse , zu den Hütten friedlicher Menschen zurückzukehren . Ich habe mich bei dem alten Herrn nur auf eine halbe Stunde beurlaubt und rechne darauf , daß Sie mich , wenn nicht bis ins Museum selbst ( das dem Programm nach besucht werden sollte ) , so doch wenigstens bis auf die Schloßrampe begleiten . « Dreißigstes Kapitel Lorenzen tat , wie gewünscht , und auf dem Wege zum Schloß plauderten beide weiter , wenn auch über sehr andere Dinge . » Was ist es eigentlich mit diesem Museum ? « fragte Melusine ; » kann ich mir doch kaum was Rechtes darunter vorstellen . Eine alte Papptafel mit Inschrift hängt da schräg über der Saaltür , alles dicht neben meinem Schlafzimmer , und ich habe mich etwas davor geängstigt . « » Sehr mit Unrecht , gnädigste Gräfin . Die primitive Papptafel , die freilich verwunderlich genug aussieht , sollte wohl nur andeuten , daß es sich bei der ganzen Sache mehr um einen Scherz als um etwas Ernsthaftes handelt . Etwa wie bei Sammlung von Meerschaumpfeifen und Tabaksdosen . Und Sie werden auch vorwiegend solchen Seltsamkeiten begegnen . Anderseits aber ist es auch wieder ein richtiges historisches Museum , trotzdem es nur halb das geworden ist , worauf Herr von Stechlin anfänglich aus war . « » Und das war ? « » Das war mehr etwas Groteskes . Es mögen nun wohl schon zwanzig Jahre sein , da las er eines Tages in der Zeitung von einem Engländer , der historische Türen sammle und neuerdings sogar für eine enorme Summe , ich glaube , es waren tausend Pfund , die Gefängnistür erstanden habe , durch die Ludwig XVI. und dann später Danton und Robespierre zur Guillotinierung abgeführt worden seien . Und diese Notiz machte solchen Eindruck auf unsern liebenswürdigen Stechliner Schloßherrn , daß er auch solche historische Türensammlung anzulegen beschloß . Er ist aber nicht weit damit gekommen und hat sich mit dem Küstriner Schloßfenster begnügen müssen , an dem Kronprinz Friedrich stand , als Katte zur Enthauptung vorübergeführt wurde . Doch auch das ist unsicher , ja , die meisten wollen nichts davon wissen . Nur Krippenstapel hält noch daran fest . « » Krippenstapel ? « » Ja . Der Name frappiert Sie . Das ist nämlich unser Lehrer hier , Liebling des alten Herrn und sein Berater in derlei Dingen . Der hat ihm denn auch das gegenwärtige Museum , das man als Abschlagszahlung auf die historischen Türen ansehen kann , zusammengestellt . Außer dem angezweifelten Fenster werden Frau Gräfin noch ein paar phantastische Regentraufen finden und vor allem viele Wetterhähne , die von alten märkischen Kirchtürmen herabgenommen wurden . Einige sollen ganz interessant sein . Ich habe keinen Sinn dafür . Aber Krippenstapel hat einen Katalog angefertigt . « Unter diesen Worten waren beide bis an die Rampe gekommen , auf der Engelke schon stand und auf die Gräfin wartete . Lorenzen empfahl sich . Aber auch Melusine wollte nicht gleich ins Museum hinauf , zog es vielmehr vor , erst unten in das große Gesellschaftszimmer einzutreten und sich da zu wärmen . Engelke machte sich auch sofort am Kamin zu schaffen , was der Gräfin gut paßte , weil sie noch manches fragen wollte . » Das ist recht , Engelke , daß Sie Kohlen aufschütten und auch Kienäpfel . Ich freue mich immer , wenn es so lustig brennt . Und oben im Museum wird es wohl noch kalt sein . « » Ja , kalt ist es , Frau Gräfin . Aber mit der Kälte , na , das ging ' am Ende noch , und der viele Staub , der oben liegt , das ginge vielleicht auch noch ; Staub wärmt . Und die Dachtraufen und Wetterhähne tun auch keinem Menschen was ... « » Aber was ist denn sonst noch ? « » Ach , ich meine bloß die verdammten Dinger , die Spinnen ... « » Um Gottes willen , Spinnen ? « erschrak Melusine . » Ja , Spinnen , Frau Gräfin . Aber so ganz schlimme sind nich dabei . Solche mit ' m Kreuz oben hab ich bei uns noch nicht gesehn . Bloß solche , die Schneider heißen . « » Ach , das sind die , die die langen Beine haben . « » Ja , lange Beine haben sie . Aber sie tun einem nichts . Und eigentlich sind es sehr ängstliche Tiere und verkriechen sich , wenn sie hören , daß aufgeschlossen wird , und bloß wenn Krippenstapel kommt , dann kommen sie alle raus un kucken sich um . Krippenstapeln , den kennen sie ganz gut , und ich hab auch mal gesehn , daß er ihnen Fliegen mitbringt , und machen sich dann gleich drüber her . « » Aber das ist ja grausam . Ist es denn ein guter Mensch ? « » Oh , sehr gut , Frau Gräfin . Und als ich ihm mal so was sagte , sagte er : Ja , Engelke , das is nu mal so ; einer frißt den andern auf . « Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort ; dann sagte Melusine : » Nun , Engelke , ist es aber wohl die höchste Zeit für das Museum , sonst komm ich zu spät und seh und höre gar nichts mehr . Ich bin nun auch wieder warm geworden . « Dabei erhob sie sich und stieg die Doppeltreppe hinauf und klopfte . Sie wollte nicht gleich eintreten . Auf ihr Klopfen wurde sehr bald von innen her geöffnet , und Krippenstapel , mit der Hornbrille , stand vor ihr . Er verbeugte sich und trat zurück , um den Platz freizugeben . Aber Melusine , deren Angst vor ihm wiederkehrte , zauderte , was eine momentane Verlegenheit schuf . Inzwischen war aber auch Dubslav herangekommen . » Ich fürchtete schon , daß Lorenzen Sie nicht herausgeben würde . Seine Gelegenheiten , hier in Stechlin ein Gespräch zu führen , sind nicht groß , und nun gar ein Gespräch mit Gräfin Melusine ! Nun , er hat es gnädig gemacht . Jetzt aber , Gräfin , halten Sie gefälligst Umschau ; vielleicht daß Lorenzen schon geplaudert hat oder gar Engelke . « » So ganz im dunkeln bin ich nicht mehr ; ein Küstriner Schloßfenster , ein paar Kirchendachreliquien und dazu Wetterhähne - lauter Gegenstände ( denn ich bin auch ein bißchen fürs Aparte ) , zu deren Auswahl ich Ihnen gratuliere . « » Wofür ich der Frau Gräfin dankbar bin , ohne sonderlich überrascht zu sein . Ich wußte , Damen wie Gräfin Ghiberti haben Sinn für derlei Dinge . Darf ich Ihnen übrigens zunächst hier diesen Lebuser Bischof zeigen und hier weiter einen Heiligen oder vielleicht Anachoreten ? Beide , Bischof und Anachoret , sind sehr unähnlich untereinander , schon in bezug auf Leibesumfang - der richtige Gegensatz von Refektorium und Wüste . Wenn ich den Heiligen hier so sehe , taxier ich ihn höchstens auf eine Dattel täglich . Und nun denk ich , wir fahren in unsrer Besichtigung fort . Krippenstapel war nämlich eben dabei , der Comtesse Armgard unsern Derfflingerschen Dragoner mit der kleinen Standarte und der Jahreszahl 1675 zu zeigen . Bitte , Gräfin Melusine , bemerken Sie hier die Zahl , dicht unter dem brandenburgischen Adler . Es wirkt , wie wenn er die Nachricht vom Siege bei Fehrbellin überbringen wolle . Daß es ein Dragoner ist , ist klar ; der Filzhut mit der breiten Krempe hebt jeden Zweifel , und ich hab es für mein gutes Recht gehalten , ihn auch speziell als Derfflingerschen Dragoner festzusetzen . Aber mein Freund Krippenstapel will davon nichts wissen , und wir liegen darüber seit Jahr und Tag in einer ernsten Fehde . Glücklicherweise unsre einzige . Nicht wahr , Krippenstapel ? « Dieser lächelte und verbeugte sich . » Die beiden Damen « , fuhr Dubslav fort . » mögen aber nicht etwa glauben , daß ich mich für berechtigt halte , die freie Wissenschaft hier in meinem Museum in Banden zu schlagen . Grad umgekehrt . Ich kann also nur wiederholen : Krippenstapel , Sie haben das Wort . Und nun , bitte , setzen Sie den Damen Ihrerseits auseinander , warum es nach ganz bestimmten Begleiterscheinungen ein Derfflingerscher nicht sein kann . Bilderbücher aus der Zeit her hat man nicht , und die großen Gobelins lassen einen im Stich und beweisen gar nichts . « Unter diesen Worten hatte Krippenstapel die den Gegenstand des Streits bildende Wetterfahne wieder in die Hand genommen , und als er sah , daß die Gräfin - die , wie das in ihrer Natur lag , den vor zehn Minuten noch so gefürchteten Fliegentöter längst in ihr Herz geschlossen hatte - ihm freundlich zunickte , ließ er auf Geltendmachung seines Standpunkts auch nicht lange mehr warten und sagte : » Ja , Frau Gräfin , der Streit schwebt nun schon so lange , wie wir den Dragoner überhaupt haben , und Herr von Stechlin wäre wohl schon längst in das gegnerische Lager , in dem ich und Oberlehrer Tucheband stehn , übergegangen , wenn er nicht an meiner wissenschaftlichen Ereiferung seine beständige Freude hätte . Tucheband , einer unsrer Besten und ein Mann , der nicht leicht vorbeischießt , hat auch in dieser Frage gleich das Richtige getroffen . Er hat nämlich den Ort in Erwägung gezogen , von wo diese Wetterfahne stammt . Sie