den Sachsengängern nur angeschlossen , um die Geliebte zu bewachen . Eine Vorsicht , die in Anbetracht der außergewöhnlichen Häßlichkeit seines Schatzes beinahe überflüssig erscheinen konnte . Übrigens machte sich dieses Verhältnis sehr wenig bemerkbar . Sie stickte ihm seine Sachen und hob die Hälfte ihrer Lebensmittel für den starken Esser auf . Darauf schienen sich in der Woche die Beziehungen dieses Liebespaares zu beschränken . Am Sonntage führte er sie aus . Aber auch da schien der Verkehr nicht besonders lebhaft . Man sah die beiden , wie sie hintereinander , er voran , dann sie auf seiner Spur , langsam und wortlos durch die Getreidefelder zogen . Sonst schien es weiter keine Liebespaare zu geben . Welke hatte wohl hie und da einen Versuch gemacht , sich ein Herz zu erobern . Aber er war nur ausgelacht worden . Den Mädchen erschien er zu jung ; noch keine Spur von Bart war bei diesem Kieckindiewelt zu entdecken . Der weitaus Beliebteste und Begehrteste bei den Mädchen war Häschke . Aber er ließ sie zappeln , schien keiner seine besondere Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen . Der Aufseher war damit sehr zufrieden . Er kannte Häschken von der Garnison her . Wenn einer Glück bei den Frauenzimmern gehabt , so war es dieser Schwerenöter gewesen . Daß ihm die Rübenmädel nicht gut genug waren , wie es schien , war ein Glück ; man hätte sonst nur Abenteuer erlebt . Übriges schien sich Häschkekarl anderwärts schadlos zu halten . Der Aufseher fand eines Nachts beim Revidieren des Männerschlafsaales Häschkes Bett leer . Er tat , als habe er nichts gesehen . Recht gut , daß dieser glänzende Kater außer dem Hause auf Liebespfaden schweifte ! - Gustav Büttner , der sich für gewöhnlich eines gesunden und festen Schlafes erfreute , lag während einer hellen Mondnacht ausnahmsweise wach im Bette . Der Junge war laut gewesen , und der Vater hatte Paulinen helfen müssen , das Kind zu beruhigen ; darüber hatte er nicht wieder einschlafen können . Während er so dalag , vernahm er an der Hauswand ein Geräusch , das ihn stutzen machte . Er setzte sich im Bette auf und lauschte hinaus . Es klang wie ein Hinabschürfen an der Mauer , dann ein Stapfen auf dem Erdboden ; aber alles nur gedämpft , kaum vernehmbar . Gustav dachte sofort an Häschke . Der Vagabund stieg wohl aus ! Dann war es vielleicht besser , man untersuchte die Sache gar nicht erst , um nicht eingreifen zu müssen . Jetzt neues undeutliches Geräusch ! Leichtes Rütteln , und Knarren ! Aber diesmal kam es von einer anderen Stelle , mehr aus der Richtung , wo die Mädchen schliefen . Die Wohnung des Aufsehers war so gelegen , daß sie die Schlafzimmer der Burschen und Mädchen trennte . Eine Verbindung mit dem übrigen Hause fand für die Mädchen nur durch die Aufseherwohnung statt . Das war alles von dem Erbauer sehr klug erdacht . - Gustav erhob sich , schlich in gebückter Haltung ans Fenster . Draußen lag die Landschaft wie am Tage , im Vollmondlicht . Trotzdem konnte er zunächst nichts Verdächtiges erkennen . Erst als er sich so weit aufgerichtet hatte , daß er durch das Fenster den Streifen Rasen dicht am Hause zu überblicken vermochte , sah er dort eine männliche Gestalt . Der Bursche arbeitete mit gebeugtem Rücken , wuchtete , schien etwas im Boden zu befestigen . Dann erhob er sich plötzlich und blickte am Hause in die Höhe . Jetzt , wo das Mondlicht hell auf seinem Gesichte lag , erkannte ihn Gustav deutlich : es war Häschke . Er schien mit jemandem im ersten Stock in Unterhandlung zu stehen ; denn er machte Zeichen mit der Hand nach aufwärts . Der Aufseher war im höchsten Grade gespannt , was nun weiter erfolgen werde . Er drückte sein Gesicht ganz an die Scheiben . Jetzt erkannte er , an der Mauer hängend , einen Gegenstand wie einen Strick , dessen unteres Ende Häschke in der Hand hielt . Eine Strickleiter ! Der Halunke wollte einsteigen ! - Dem Aufseher schoß das Blut zu Kopfe . Das waren Streiche , wie man sie wohl im Manöver ausgeführt hatte . Bei Nacht in die Mägdekammer , wenn der Bauer am Abend zuvor den Schlüssel dazu abgezogen hatte . Gustav hatte mal mit Häschke zusammen auf einem Gutshofe gelegen , wo der Inspektor besonders streng war . Wie zu den Mägden kommen ? Da hatte Häschke , der nie um ein Mittel verlegen war , die Kühe im Stall losgebunden , daß mitten in der Nacht alles brüllend im Hofe herumlief . Der Inspektor in seiner Not holte selbst die Mägde herbei zum Anbinden des Viehes . Währenddessen waren Häschke und Gustav in die Kammer gelangt , hatten sich da gut versteckt . Nun waren sie da , wo sie sein wollten . - Während Gustav an diesen wohlgelungenen Streich aus einer vergangenen Zeit zurückdachte , stieg ihm gleichzeitig der Ärger auf , daß Häschke es nun versuchte , ihn zu hintergehen . Das ging doch wirklich zu weit ! Der Aufseher beschloß , dem Burschen einmal gründlich aufs Dach zu steigen . Er wollte nur warten und zusehen , was jener noch weiter angeben werde . Bei der Gelegenheit würde man vielleicht auch herausbekommen , wer die eigentlich sei , der seine Zeichen galten . Da auf einmal erschien in Gustavs Gesichtsfelde eine neue Gestalt . Gegen die helle Hauswand hob sich ein schmaler Schattenriß ab . Erst sah es aus , als schwebe die Gestalt in der Luft , dann erkannte man , daß sie sich vorsichtig an den Stricken zum Boden hinabließ . Der Aufseher wollte seinen Augen nicht trauen . Das war ... ja , wahrhaftiger Gott ! das war seine eigene Schwester ! - Gustav war so bestürzt , daß er zunächst gar nichts tat . Wie festgebannt harrte er auf seinem Platze aus . Ernestine und Häschke ! - War denn das zu glauben ! Ernestine , die er kaum als etwas anderes angesehen als ein Kind . - Und Häschke ! - Er sah sie behende an der Strickleiter hinabklettern . Jetzt schwebte sie frei über dem Boden , ließ los , der Mann fing sie auf in seine ausgebreiteten Arme , trug sie ein paar Schritte fort , ehe er sie frei gab . Gustav konnte deutlich ein Kichern von unten vernehmen . Der Bruder starrte regungslos auf die beiden . Daß er das nicht zeitiger gemerkt hatte ! Merkwürdigerweise bildete das zunächst sein größtes Ärgernis . Höchstwahrscheinlich war es eine alte Geschichte , stammte womöglich schon von Halbenau her . Die beiden trieben es schon lange hinter seinem Rücken . Und er hatte nichts gemerkt ! Das erboste ihn geradezu . - Denen wollte er den Spaß versalzen , und das gehörig ! Und nun mußte er sehen , wie sie sich im Mondschein umarmten und küßten . Ernestine warf dem bärtigen Häschke die Arme um den Nacken und drückte sich an ihn . Das kleine Ding schien sich auf die Kunst zu verstehen ! Wie sie schnäbelten . - Hol ' sie der Teufel ! - Gustavs Gefühle waren äußerst geteilte und verwirrte . So etwas wie Eifersucht regte sich bei ihm . Dann stiegen aus der Ferne Erinnerungen an verbotenes Liebesglück auf . Was die da unten taten , war ja so begreiflich ! Aber auch der Bruder regte sich in Gustav . Hatte er nicht für seine Schwester einzustehen ? - Sie war kaum siebzehn Jahre alt , und Häschke war ein alter Sünder ! Hol ' sie der Teufel alle beide ! Sie hatten ihn schön an der Nase herumgeführt ! Lachten wohl - gar da unten über seine Dummheit und machten ihm lange Nasen womöglich ! Er sah die beiden jetzt Arm in Arm den Weg nach den Feldern einschlagen . Jetzt war es höchste Zeit , etwas zu tun ! Gustav erwachte aus seiner Erstarrung . Er warf sich schnell ein paar Sachen über und fuhr in die Stiefeln . Darüber erwachte Pauline . Sie fragte ihn , wohin er wolle , jetzt mitten in der Nacht ? Gustav antwortete ihr in barschem Tone , daß jemand ausgestiegen sei . Mit erschreckter Miene fragte sie : wer ? Er wollte ihr nicht sagen , daß es Ernestine sei , aus einer Art von Schamgefühl für seine Schwester . Er habe das Mädchen nicht genau erkennen können , sagte er , aber Häschke sei dabei gewesen . Pauline hatte Licht gemacht . Sie stand vor ihm . In ihren Zügen spiegelten sich Bestürzung und Angst . Sie bat ihn zu bleiben , versuchte es sogar , ihn zu halten . Er stieß sie von sich . Es sei seine Pflicht als Aufseher , so etwas nicht durchzulassen , sagte er rauh . Damit ging er . Sie lief ihm nach bis zur Tür . » Tu ock ' n Ernstinel nischt ne ! « das waren die letzten Worte , die er hörte . Er lief die Treppe hinab . Die Haustür war nur angelehnt . Dabei war der Aufseher der einzige , der einen Hausschlüssel führte , und er hatte am Abend abgeschlossen . Aber natürlich , Häschke hatte da mit dem Nachschlüssel gearbeitet ! Alle hintergingen ihn . Seine eigene Frau wußte von der Liebschaft . - Namenlose Wut überkam ihn . Wenn er die beiden jetzt traf ! ... Er stürmte blindlings in der Richtung vorwärts , wo er sie hatte verschwinden sehen . Aber er hatte zuviel Zeit vertrödelt ; sie waren bereits verschwunden . Trotz der tageshellen Beleuchtung konnte er das Paar nirgends entdecken . Er nahm auf gut Glück einen Feldweg an , auf dem er sie vermutete . Er hätte es sehen müssen , längst ! Sogar Pauline wußte ja darum , schien sogar unter einer Decke mit den beiden zu stecken ; das wurmte ihn am meisten . Wer weiß , wer da alles noch eingeweiht war ! Er war der einzige , der nichts gemerkt hatte , er war der Dumme ! - Ein schöner Aufseher war er ! - Wo hatte er denn seine Augen gehabt ? Er stürmte auf dem Feldwege immer weiter . Bei einer Wegekreuzung wurde er zum Stillstehen und Überlegen gezwungen . Er mußte sich sagen , daß er der beiden auf diese Weise schwerlich habhaft werden würde . Wo konnten sie hin sein ? Er sann nach . Wo gab es denn in dieser Gegend ein passendes Versteck ? - Halt , das war ' s : der Schuppen ! - Dort waren sie und nirgends anders ! Daß ihm das nicht gleich eingefallen war ! Der Schuppen war ein alter , baufälliger Kasten , mitten im Felde gelegen . Er diente dazu , allerhand Ackergeräte zu bergen und den Feldarbeitern , wenn sie plötzlich vom Unwetter überrascht wurden , Obdach zu gewähren . Gustav war seiner Sache sicher . Er glaubte bestimmt , die beiden dort anzutreffen und spornte seine Schritte zur größten Eile an . Bald lag der Schuppen vor ihm , hell vom Mondlicht beleuchtet ; ungesehen heranzukommen , war unmöglich . Er war nur noch wenige Schritte von dem Gebäude entfernt , als sich die Tür öffnete . Ein bärtiger Kopf erschien für einen Augenblick und fuhr blitzschnell zurück . Mit einem Satze war der Aufseher an der Tür und wollte sie aufreißen . Er stieß auf Widerstand . Von drinnen wurde zugehalten . Gustav legte sich gegen die Tür . Umsonst ! Er rief : Man solle ihm aufmachen . Drinnen wurde geflüstert , aber eine Antwort kam nicht , und geöffnet wurde auch nicht . Da überkam ihn der Zorn . Er trat einige Schritte zurück , nahm Anlauf , warf sich mit der ganzen Wucht seines Körpers gegen die Tür . Die Haspen sprangen aus dem dünnen Mauerwerk , das morsche Holz barst , die ganze Tür fiel in Stücken zusammen . Der Aufseher war im Schuppen . Die drei Menschen standen einander gegenüber , keuchend , die Männer kampfbereit , jeder den Angriff des anderen erwartend , das Mädchen erschrocken sich an den Geliebten klammernd . Es kam auf eine Kleinigkeit an , und hier wäre Blut geflossen . Gustav befand sich in wilder Erregung . Eine drohende Bewegung des Gegners , ein Wort des Widerspruchs , und er hätte zugeschlagen . Aber Häschke , der die Lage schnell erkannte , hütete sich wohl , den anderen zu reizen . Mit Ernestinens Bruder in Frieden auszukommen , war jedenfalls rätlicher , als es auf einen Kampf ankommen zu lassen . Er ließ Kopf und Arme sinken , stand vor dem Aufseher mit der Miene des ertappten Sünders . Der Schlaukopf hatte richtig gerechnet ; Gustav war durch die nachgiebige Haltung entwaffnet . Aber irgendetwas mußte geschehen , das fühlte Gustav deutlich . Er fing an zu fluchen ; die beiden standen wie unter einem Hagel . Der Geist seines Vaters war über den jungen Menschen gekommen ; er stieß Schimpfreden und Flüche aus , die er als Kind wie oft aus dem Munde des Alten vernommen hatte . Das Mädchen fand zuerst Worte der Erwiderung . Sie wären nicht schlecht , und sie hätten nichts Böses getan ; sie seien » ordentliche Liebesleute « . - Die Worte flossen dem kleinen Dinge auf einmal äußerst beredt , von den Lippen . Häschke brauchte gar nichts zu sagen ; er hörte mit Staunen , wie sie seine eigenen Gründe , die sie noch vor kurzem bestritten , jetzt mit Eifer gegen den Bruder ins Feld führte . Wie schnell diese Frauenzimmer lernten ! - Gustav rief ihr zu , sie sei ein dummes Mädel ! und die Liebesgedanken werde er ihr schon austreiben . Die Schwester lachte ihm ins Gesicht . Kein Mensch könne ihnen verbieten , sich lieb zu haben ; am wenigsten er ; er habe es ihnen ja vorgemacht . Gustav war starr über die Unverfrorenheit des siebzehnjährigen Dinges . Er fühlte , daß er mit solchem Mundwerke schwerlich fertig werden würde . Ohne sich auf eine Widerlegung einzulassen , schrie er sie an : » Jetzt kommst du mit mir ! Marsch ! Ich wer ' dich ... « Damit nahm er sie am Arme und führte sie zur Tür wie eine Gefangene . Häschke folgte . So schlugen sie den Heimweg an . » Laß mich ack gihn , Gustav ! « sagte Ernestine nach einiger Zeit ; der Bruder hielt ihr Handgelenk in seine Faust gepreßt wie in einem Schraubstock . » Ich lof ' der nich dervon . Ich ha ' ja nischt Unrechts nich getan ! « Er ließ ihren Arm fahren . Sie schritten weiter nebeneinander her . Gesprochen wurde lange Zeit nichts zwischen den dreien . Gustavs Zorn war längst verraucht . Die natürliche Gutmütigkeit hatte die Oberhand gewonnen . War es denn wirklich so schlimm , was die beiden getan hatten ? Häschke mochte etwas von der Wandlung ahnen , die in dem Sinne des anderen vor sich gegangen . Er nahm das Wort , erklärte , daß er Ernestinens Bräutigam sei , und daß sie sich heiraten wollten . Gustav meinte darauf nur : Das kenne er schon ! Wer weiß , wie vielen Mädeln Häschke bereits die Ehe versprochen habe . Er müsse doch verrückt sein , wenn er seine Schwester einem solchen Vagabunden zum Weibe gebe . Man war inzwischen in die Nähe der Kaserne gekommen . Möglichst geräuschlos stiegen sie die Treppe hinauf . Häschke schlich sich in die Männerkammer . Gustav nahm die Schwester mit sich in die Aufseherwohnung . Dort wartete ihrer Pauline mit besorgter Miene . Der Aufseher war unwirsch , er gab seiner Frau keine Antwort auf ihre Fragen . Die beiden Frauen wechselten einen Blick des Einverständnisses , den der Mann nicht bemerkte . * * * Die Verstimmung dauerte ein paar Tage ; Gustav sprach nicht mit Häschke , die Schwester behandelte er wie die schlechteste seiner Arbeiterinnen . Des Nachts stand er zwei- , dreimal auf , untersuchte den Männerschlafsaal , horchte an der Tür der Mädchen . Am meisten hatte Pauline unter seiner Laune zu leiden . Sie sei mit den beiden im Bunde , behauptete er . Von irgendwelchen Erklärungen und Entschuldigungen wollte er nichts wissen . Wenn man ihm sagte , Häschke meine es ehrlich und werde Ernestinen heiraten , bekam er einen roten Kopf und schrie die Leute an : Er kenne Häschkekarln , er habe drei Jahre mit ihm gedient ; auf weiteres ließ er sich nicht ein . Mitten in diese Erregung fiel ein Brief aus der Heimat von Frau Katschner an Pauline . Die Witwe schrieb : » Liebe Tochter ! Ich ergreife die Feder , um Dir zu schreiben . Hier ist es jetzt sehr einsam ohne Euch und gehen allerhand Dinge vor sich . Die gnädige Herrschaft aus Berlin sind wieder auf dem Schlosse mit den gnädigen Kontessen und Fräulein Bumille habe ich auch besucht und läßt Dich schön grüßen . Kontesse Wanda ist nun richtig versprochen mit ihrem Bräutigam neulich ist er auch schon in Saland gewesen bei ihr . Er ist ein kleiner Mann der Bräutigam , die Wanda ist nicht hübsch mit ihm , sagt Fräulein Bumille , wir freuen uns aber sehr daß es ein Prinz ist . Die Hochzeit soll allerdings großartig und sehr fein werden , sagt Fräulein Bumille , mit Essen und Trinken natürlich da soll nichts abgehen und Herrschaften aus Berlin und die hohen prinzlichen Verwandten und Freundschaft . Wir werden da etwas zu sehen bekommen und das ganze Dorf wartet schon darauf im Herbst soll es sein . Nun muß ich Dir noch etwas anderes sagen , nämlich dem Traugott Büttner haben sie doch den Hof weggenommen und das ganze Gut , was die Gläubiger sind . Und die alten Leute sind nun ganz alleine , weil daß doch die Toni weg is , nach Berlin sagen sie , aber kein Mensch weiß was von der Toni schreiben thut se nich . Die Leute reden alles Mögliche ! Ihren kleinen Jungen hat sie zur Therese gegeben was auch nich schön is die Leute haben sich alle gewundert . Karl und Therese sind nämlich jetzt in Wörmsbach , die haben ' s doch auch nicht dazu . Den alten Leuten natürlich geht es gar nich gut Traugott Büttner is so stille und simeliert in einer Dur die Leute sagen es wäre nicht richtig mit ihm , sprechen sie . Allerdings hat er viel Kummer und Herzeleid erlebt und ärgern hat er sich auch sehr müssen . Die Bäuerin ist sehr geringe geworden , so geringe , wie die Frau is ! Ich sagte über Buschlobeln am Sonntag sagte ich : Die löscht aus wie ein Licht , habe ich gesagt . Sie hat schon das Wasser in den Beinen und zu beißen und zu brechen haben sie allerdings mich nichts auf dem Bauerngute , weil ihnen doch Herr Harrassowitz alles weggepfändt hat . Überhaupt die Ochsen hat der auch weggenommen , das kannst Du Gustaven sagen . Die Not ist groß wenn nicht gute Menschen helfen , wissen wir nicht was der liebe Gott noch verhängen mag über die armen Menschenkinder . Die Büttners was die alten Leute sind waren doch immer so fleißige und ordentliche Leute , das sagt ein jeds und nu sowas zu erleben ! Die Leute sagen auch hier im Dorfe , daß sich Kaschelernst schämen müßte denn der soll doch bloß den Bauern reingebracht haben und kein anderer . Ich schließe hiermit und wünsche daß es Euch immerdar gut gehen möge und alle gesund bleiben wie es mir auch geht Deine liebe Mutter Clementine Katschner . « Der Brief machte Eindruck auf alle , die ihn lasen . Die Nachrichten aus der Heimat waren spärlich geflossen . Der Büttnerbauer nahm die Feder ungern zur Hand , zu allerletzt gewiß zu einem Briefe . So hatte man denn von den wichtigen Ereignissen der letzten Zeit höchstens von weitem etwas vernommen durch Briefe , die an andere Sachsengänger aus der gemeinsamen Heimat kamen . Gustav hatte sich viel mit geheimen Sorgen um den Vater und seine Angelegenheiten getragen . Die letzten Ereignisse waren von ihm ja vorausgesehen worden . Aber nun kam die schwere Erkrankung der Mutter noch zu allem Jammer hinzu . Der Vater um Haus und Hof gebracht ! Die alten Leute gänzlich allein in ihrer Not ! - Es war ein Elend , wie es größer nicht sein konnte ! Frau Katschners beredter Brief machte die Runde bei den Familienmitgliedern . Man sprach über die Vorgänge in der Heimat und beriet , was geschehen solle . So wurden die Zwistigkeiten , die eben noch geherrscht hatten , in den Hintergrund gerückt . Man kam zu dem Schlusse , daß es das beste sei , den Eltern eine Summe Geldes zu schicken . Sie legten zusammen von ihren Ersparnissen . Auch Häschkekarl bat , beisteuern zu dürfen . Sein Geldstück wurde nicht abgewiesen . Gustav erlebte noch eine besondere Genugtuung : Als unter den Mädchen bekannt geworden war , wie schlecht es den Eltern ihres Aufsehers gehe , sammelten auch sie , ganz im stillen , unter sich und brachten ihm eines Tages ein ganz stattliches Sümmchen , das er mit nach Halbenau an die alten Leute schicken möge . Eine Versöhnung fand nicht statt zwischen Gustav und Häschke . Aber mit der Zeit sprach der Aufseher doch wieder mit dem Geliebten seiner Schwester . V. Die Büttnerbäuerin war gestorben . In den letzten Tagen hatte sie über unerträglichen Frost geklagt ; der Bauer mußte des Nachts bei ihr liegen , um die Erkaltende zu wärmen . Eines Mittags , als der Bauer vom Felde zurückkehrte , fand er sie auf dem Gesichte liegend , mit ausgebreiteten Armen . Er faßte sie an ; sie war kalt . Mehrere Stunden mochte sie wohl schon so gelegen haben . Keine Spur von Lebenswärme war mehr an dem steifen Körper zu entdecken . Die eine Gesichtsseite hatte sich bläulich verfärbt . Der alte Mann stand wie erstarrt vor der Leiche seiner Lebensgefährtin . Er warf sich nicht über die Tote , liebkoste nicht die leblose Hülle . Und doch hatte er sie geliebt mit echter , starker Liebe . Wie im Leben , hielt sie auch dem Tode gegenüber sein Gefühl fern von Überschwang . Es hatte Tage gegeben , wo die Gatten kaum ein Wort miteinander gewechselt . Wochen und Monde waren vergangen ohne Kuß und Umarmung . Harte Worte von seiten des Mannes , Tränen auf seiten der Frau waren nichts Seltenes gewesen . Und doch hatte innige Treue die beiden Menschen verbunden wie ein unsichtbares Band . Unter rauhen Formen wurde diese Liebe gewahrt , als etwas Stilles und Keusches , von dem man nicht viel Aufhebens macht , weil es so selbstverständlich war . Der Bauer blieb sich treu in seiner schlichten Gesinnung für die Lebensgefährtin bis zum letzten . Keine Klage , kein Haarausraufen , als er jetzt vor ihrer Leiche stand . Ein tiefer Seufzer und ein paar Tränen , die ihm über die Wangen liefen , ohne daß er es recht wußte ; das war alles . Dann machte er sich daran , für die Entschlafene zu tun , was noch für sie getan werden konnte . Er drückte ihr die Augenlider herab , hob den schweren Körper aus dem Bette , reinigte die Leiche und kleidete sie in ein frisches Hemd . Alles , ohne eine Spur von Grauen vor der greifbaren Nähe des Todes zu empfinden . Dann ging er ins Dorf , meldete den Tod beim Standesbeamten an , bestellte den Sarg und besprach im Pfarrhaus den Tag der Beerdigung mit dem Geistlichen . Der Leichenzug fiel über Erwarten stattlich aus , jung und alt beteiligte sich , Kränze waren gespendet worden , aus freien Stücken trug ein Gesangverein eine Arie am offenen Grabe vor . Es zeigte sich , daß die Büttnersche Familie doch noch manchen Freund besaß in Halbenau . Es kam in dieser auffälligen Teilnahme etwas wie Demonstration zum Ausdruck . Das Schicksal des Büttnerschen Bauerngutes hatte Aufsehen erregt und manchen , der auf überschuldeten Grund und Boden saß , mit Bangen erfüllt , daß es ihm früher oder später auch so ergehen möge . Am Bieten hatte man sich zwar eifrig beteiligt , als das Bauerngut zerkleinert wurde ; aber es gab doch nur wenig Leute in Halbenau , die nicht in ihrem Herzen für den bankerotten Bauern gewesen wären , gegen seine Ausbeuter . Dieses Gefühl , das sich offen nicht hervorwagte , machte sich in Ehrenerweisungen für die verstorbene Bäuerin Luft . Man war gespannt , ob Kaschelernst zur Beerdigung erscheinen werde . Aber der schlaue Kretschamwirt mochte etwas von der Stimmung , welche im Dorfe herrschte , gewittert haben ; er kam nicht . Er hatte Ottilie entsendet , die einen Kranz auf den Sarg legen mußte . Hinter dem Sarge schritt der Witwer , neben ihm Therese und Karl . Das war alles , was von der ehemals zahlreichen und angesehenen Büttnerschen Familie jetzt noch in dieser Gegend übrig war . Der Pfarrer ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen , die Herzen zu rühren . Er war ein alter Praktikus , und wußte , daß außergewöhnliche Unglücksfälle nahezu die einzige Gelegenheit sind , wo man den harten Bauerngemütern beikommen kann . Karl Büttner schluchzte wie ein kleines Kind . Bei dem alten Manne schien der Tränenquell versiegt zu sein . Der Geistliche sprach von ihm als von einem , mit dem Gott der Herr besondere Dinge vorhaben müsse , da er ihm so harte Prüfung auferlege , wie einstmals dem Hiob . Wenn er aber dem unerforschlichen Ratschlusse des Herrn stille halte , werde er auch wieder zu Ehren gebracht werden wie dieser Knecht Gottes . - Die letzten Tage der Bäuerin waren nicht ohne jeden Sonnenblick gewesen ; von den Kindern aus der Fremde war Geld gekommen und Briefe . Fast zur nämlichen Zeit hatte auch Toni , die bisher wie verschollen gewesen , wieder einmal geschrieben und gleichfalls Geld geschickt . Was Toni schrieb , war zum Teil nicht recht verständlich ; die Schreibkunst war nie dieses Mädchens starke Seite gewesen . Sie wäre nicht mehr Amme , teilte sie mit . Welcher Art ihre Lebensstellung sei , war nicht gesagt . Aber sie mußte doch wohl ihr Auskommen haben , sonst würde sie nicht haben so viel abgeben können . Für ihr Kind , das bei Theresen untergebracht war , schickte sie auch etwas mit . Nachdem das Begräbnis vorüber war , kehrte alles schnell in die alten Gleise zurück . Äußerlich merkte man kaum , daß eine Lücke entstanden war . Der Bauer ging Tag für Tag seiner gewohnten Arbeit nach . Er mußte alles in allem sein ; zur Feldbestellung kam jetzt auch noch die häusliche Arbeit . Der Ersparnisse halber machte er nur noch einmal am Tage Feuer . Er nährte sich schlechter als das Vieh , lebte von altem Brot , das er trocken verzehrte , und kalten Kartoffeln . Fast nie kam ein herzhafter Bissen auf seinen Tisch . Dabei arbeitete der alte Mann angestrengter denn je . Es war , als ob er irgendetwas in sich betäuben wolle durch die Anstrengung . Mitten in der Nacht stand er manchmal auf , wenn man kaum die Hand vor den Augen sehen konnte , zog sich an , nahm Hacke , Sense oder ein anderes Werkzeug auf die Schulter und ging damit aufs Feld hinaus . Es litt ihn nicht daheim ; ohne Menschen war das Haus wie eine Totenkammer . Er war gewiß nicht furchtsam von Natur , hatte sich niemals vor Gespenstern gefürchtet ; aber jetzt überkam es ihn manchmal wie Grauen . Die Erinnerung an vergangene bessere Zeiten sprach aus jedem Winkel . Die Gedanken an das , was gewesen , was nie wiederkehren konnte , waren die Gespenster , die hier umgingen . Vor dem , was sein eigenes Hirn ausbrütete : den Vorwürfen , den betrogenen Hoffnungen , den Selbstanklagen , floh der alte Mann . Er rannte hinaus auf den Acker wie ein Besessener , hackte , wühlte dort , als wolle er etwas einscharren , etwas , das er verbergen mußte vor den eigenen Augen . Bei solchem Hundeleben verfiel der Körper des Greises mehr und mehr ; er war nur noch ein Skelett . Das Haar stand ihm in langen , grauen Strähnen um den Kopf . Sich den Bart abzunehmen , lohnte nicht mehr . Die nächste Folge davon war , daß er Sonntags nicht mehr in die Kirche kam . Denn unrasiert sich in der Kirchfahrt blicken lassen , war für einen Halbenauer undenkbar . Bald führte er ein vollständiges Einsiedlerleben . Die einzigen lebenden Wesen , mit denen er noch etwas zu tun hatte , waren die beiden Kühe , die Harrassowitz auf dem Hofe gelassen hatte . Menschliche Gesichter wollte er so wenig wie möglich sehen . Er hatte wohl das dumpfe Gefühl , hervorgewachsen aus der eigensten Erfahrung , daß die größte Unbill , das schwerste Unrecht dem Menschen nur vom Menschen zugefügt wird . - Er haßte seinesgleichen und hielt sich von jeder Berührung mit dem feindlichen Geschlechte fern . Bot ihm jemand einen Gruß , dann stellte er sich taub . Und wer ihn etwa anredete , konnte erleben , daß er , statt Antwort zu erhalten , den Rücken des Alten zu sehen bekam . Was eigentlich in der Seele dieses Mannes vorgehe , wußte niemand . Der Pastor machte ihm einige Zeit nach dem Begräbnis der Bäuerin seinen Besuch , an einem Sonntagnachmittag . Er fand den Bauern im Werkeltagskleide im Hofe mit einer Arbeit beschäftigt . Das wäre in früheren Zeiten auch nicht passiert ! - - Der Pfarrer drückte ein Auge zu über die