verwünschten Klause , in der auch das Unglück ihrer Mutter anfing , war es mir , als stündest du selbst vor mir so wie in deinen jungen Jahren . Und als er kam , als ich ihn sprechen hörte und bei der Arbeit sah - ganz wie du , Werner - da hatte ich keinen Zweifel mehr ! Und in der Ulmenallee , bei dieser unglückseligen Menageriegeschichte , als der Adler nach ihm hackte , da sah ich nur dich in ihm . Und da kam der Mut ! Ich mußte ! Und wär ' es nicht nur ein Adler gewesen , ein Tiger , ich hätt ' ihn gepackt ! « In ihrer Erregung griff sie mit beiden Händen in die Luft und stieß einen Wehruf aus - sie hatte des wunden Armes vergessen . » Gundi ! « » Laß , Werner ! Jetzt haben wir an Wichtigeres zu denken als an mich ! Sag ' mir - « Im Nebenzimmer ging eine Tür , und erschrocken verstummte Gundi Kleesberg . Dann beugte sie das heiße Gesicht gegen Werner und flüsterte : » Liebt sie ihn ? Aber was frag ' ich noch ! Sie muß ihn lieben . Er gleicht ja dir ! Und wenn es in ihr noch schlummern sollte - « Wieder verstummte sie . Die Tür wurde geöffnet , und Kitty stand auf der Schwelle ; während Gundi Kleesberg ihre Sinne mühsam zu sammeln suchte , sah Werner betroffen zu Kitty auf , deren Gesicht keine Spur jener Erregung mehr gewahren ließ , in welcher Werner sie verlassen hatte . Die Wangen waren zart gerötet , ihre Augen leuchteten in stillem Glanz , und den Mund umspielte ein verträumtes Lächeln . » Sie , Herr Professor ? « Staunend zog sie die Brauen auf . » Ich dachte Sie schon auf der Fahrt zum Bahnhof . Aber ich hätt ' es mir denken können , daß die Gundi Kleesberg die schöne Gelegenheit , Ihre Bekanntschaft zu machen , beim Rockzipfel erwischen würde . Hat sie Ihnen eingestanden , wie sehr sie für Ihre Bilder schwärmt ? Hat sie erzählt , daß sie vor Ihrem Spätherbst in der Ausstellung Tränen vergoß ? « » Kitty ! « stotterte Gundi Kleesberg . » Wirkliche Tränen ! Erbsengroß ! « » Das hat sie mir nicht erzählt ! « sagte Werner . » Aber sie hat mir manches gesagt , was mir Freude machte . Einem Künstler widerfährt es selten , sich in seinen geheimsten Gedanken verstanden zu sehen . Diese Freude hab ' ich jetzt erleben dürfen . Bei meinem Schaffen ist viel Bitterkeit nebenhergelaufen . Aber eine Stunde wie diese macht alte Schatten vergessen und läßt mir die Erinnerung an alles Helle wertvoll erscheinen ! « » Ja ! Tante Gundi ist eine rasende Kunstkennerin ! Aber im Hochgenuß , eine solche gefunden zu haben , scheinen Sie nicht mehr an Ihre knappe Zeit zu denken . Verzeihen Sie , lieber Herr Professor , aber - « Kitty zog ihr goldenes Ührchen aus dem Gürtel , ließ den Deckel aufspringen und hielt das Zifferblatt vor Werners Augen . » Zwanzig Minuten über neun ! Um elf geht der Zug . Mein Bruder Tas ist gestern mit dem gleichen Zug gefahren . Wenn Sie den Anschluß nicht versäumen wollen , haben Sie Eile . « Werner schien ein bißchen aus der Fassung gebracht ; verwundert zu Kitty aufblickend , erhob er sich . » Ich danke Ihnen , Komtesse ! « Er griff nach seinem Hut und sagte zu Gundi Kleesberg : » Ich hab ' es gern gehört , daß mein Spätherbst Ihre besondere Teilnahme erweckte . Vielleicht ist Ihnen auch der Vorwurf des Bildes nicht unbekannt : ein landschaftliches Motiv aus Ihrer Heimat , aus Franken . Ich habe dort in meiner Jugend schöne Tage verlebt , an die ich auch heute noch dankbar zurückdenke , obwohl sie ein trübes Ende mit Sturm und Regen nahmen . Ich habe diese Landschaft oft gemalt , sie wird immer wieder lebendig unter meiner Hand . Und dieser Spätherbst ist kein Bild für die Welt , nur für mich selbst geschaffen und für das Auge des Kenners . So gut wie Sie , gnädiges Fräulein , dürfte noch niemand den tiefsten Sinn dieser träumenden Farben verstanden haben ! Darf ich Ihnen das Bildchen schicken ? « Gundi Kleesberg war keines Wortes mächtig ; zitternd blickte sie zu Werner auf . Kitty legte den Arm um ihre Schulter . » Aber Tante Gundi ! So sag ' doch : Ja ! « » Nein , nein , wie darf ich - das ist ein fürstliches Geschenk ! « » Um so besser ! « erklärte Kitty . » Wenn Könige schenken , gibt es keinen Widerspruch , da nimmt man und bedankt sich alleruntertänigst ! Herr , Professor , das Bild soll ins beste Licht kommen ! Und Tante Gundi erhält von mir bei der nächsten unpassenden Gelegenheit einen Betstuhl beschert , als unentbehrliches Requisit für die voraussichtliche Abgötterei , die sie mit dem Spätherbst treiben wird . « Sie wartete nicht , bis Werner die zitternde Hand wieder freigab , die Gundi Kleesberg ihm gereicht hatte , sondern schob ihren Arm unter den seinen und zog ihn zur Tür . » Nun ist es aber höchste Zeit ! Oder Sie versäumen noch wirklich den Zug ! Und grüßen Sie Herrn Forbeck von mir ! Sagen Sie ihm , daß er vollkommen entschuldigt ist . Jetzt weiß ich , weshalb er reisen muß . « Erschrocken sah er in ihr glühendes Gesicht . » Sie wissen - « » Jawohl ! « Sie nickte kurz und entschieden . » Und sagen Sie ihm , daß ich ihm danke dafür ! Adieu , Herr Professor ! Glückliche Reise ! « Wortlos verneigte sich Werner und trat in den Flur hinaus . Kitty drückte hinter ihm die Tür zu und sah wieder auf die Uhr . » Zehn Minuten ins Dorf , eine Stunde zwanzig zur Station - er kommt noch zurecht ! « Sie ging zur Kleesberg , die vor sich hinträumte , verstört und doch mit glücklichem Lächeln , wie ein Kind , das am Weihnachtsmorgen erwacht , im Herzen den Nachklang einer heiligen Freude und dabei die Furcht , es könnte alles nicht wahr gewesen sein . » Gundelchen ? Kannst du dich immer noch nicht erholen ? Sprich doch ! Freude muß man aus sich herausreden . Verschluckt man sie , so kommt sie in dunkle Bedrängnis . Übrigens - Werners Großmut in allen Ehren - aber den wunderbaren Spätherbst hast du doch niemand anderem zu verdanken als Herrn Forbeck ! Er wird seinem Lehrer erzählt haben , wie groß du von ihm denkst , und wie sehr du ihn verehrst . « » Kind ! Liebes Kind ! « In Erregung faßte die Kleesberg Kittys Hand . » Komm ! Setz dich zu mir ! Nimm dir einen Sessel ! « Trotz dieser Aufforderung gab sie Kittys Hand nicht frei , sondern zog sie zu sich nieder auf die Lehne des Fauteuils . » Sag ' mir aber offen und ehrlich - « » Was ? « » Weißt du , weshalb uns Herr Forbeck so plötzlich verläßt ? « » Aber selbstverständlich ! Im ersten Augenblick hat mich die Sache allerdings ein bißchen konfus gemacht . Die reine Gedankenlosigkeit ! Daß ich mich nicht gleich auf das einzig Mögliche besann ! « Kittys Stimme dämpfte sich . » Gestern hat ihm Tas geschrieben . Weißt du , Tas und Forbeck sind Freunde . Und da hat ihn Tas um was gebeten , und deshalb muß er heute nach München . Und ich sage dir , es ist von Herrn Forbeck sehr schön gehandelt , daß er alles im Stiche läßt , um die Bitte meines Bruders zu erfüllen . Ich teile dir das mit , um dich über Forbecks Abreise zu beruhigen . Aber ich bitte dich , frage mich nicht wegen Tas ! Du wirst es noch früh genug erfahren . « Gundi Kleesberg schien keine Spur von Neugier zu empfinden . Sie fragte nur : » Glaubst du , daß er wiederkommen wird ? « » Natürlich ! Er muß doch sein Bild fertigmalen . Dazu braucht er die Landschaft - und sonst noch allerlei . « » Ja , Kind , er muß wiederkommen ! Und ich sage dir , dieses Bild wird Aufsehen machen ! « » Ach , du Kunstkennerin ! Soviel ersteh ' ich auch ! « » Du hättest nur hören sollen , wie Werner von seinem Talent gesprochen ! Und was seinen Charakter betrifft - « Gundi Kleesberg wurde in ihrer Erregung immer wunderlicher . » Ich will schon gar nicht von seiner äußerlichen Erscheinung sprechen , obwohl auch das - wie soll ich sagen - Beachtung verdient . Ich kenne deinen Geschmack nicht - aber ich finde ihn schön ! « » Schön ? « Kitty studierte . » Nein , Gundi ! Das ist zuviel gesagt . Nur seine Augen - ja , da kannst du recht haben , seine Augen sind schön ! « » Weil der ganze gute , vornehme , tüchtige Mensch aus ihnen herausblickt ! « » Das ist merkwürdig ! « staunte Kitty . » Du warst doch nie berühmt wegen deiner Menschenkenntnis . Und nun plötzlich zeigst du eine Beobachtungsgabe für Charaktere , so scharf und zutreffend - ich bin überrascht ! « Gundi Kleesberg schien über diese Anerkennung in eine Freude zu geraten , für die sie keine Worte fand . Mit glänzenden Augen zu Kitty aufblickend , streichelte sie ihre Hand , als hätte sie nicht ein unerwartetes Kompliment , sondern eine ersehnte Botschaft vernommen . Dieses auffällige Mißverhältnis zwischen Ursache und Wirkung machte Kitty stutzig . » Gundelchen ? Was hast du denn ? « » Ach , Kind ! Das waren doch so schöne Tage ! Ich kann dir gar nicht sagen , wie sehr ich mich auf seine Rückkehr freue . Und weißt du , wenn es wirklich der Fall sein könnte , daß er verhindert wäre - « » Verhindert ? « Es schien , als würde Kitty von Gundis seltsamer Erregung angesteckt . Dann schüttelte sie den Kopf und lächelte . » Ich hab ' eine Ahnung , als sollte ich Herrn Forbeck bald wiedersehen . Sehr bald ! Mir schwant so was von einer Überraschung . Tas wird Augen machen ! « Jetzt war an Gundi Kleesberg die Reihe , stutzig zu werden . » Kitty ? « Aber da wandte sie das Gesicht zum offenen Fenster und lauschte . Von der Parkmauer war ein dumpf klingender Ton durch die Ulmenallee bis zum Schloß gedrungen . Werner hatte das eiserne Torgitter hinter sich zugeworfen und war auf die Straße getreten . Die Augen zu Boden geheftet , im Gesicht das erregte Spiel seiner wirbelnden Gedanken , schritt er dem Dorf entgegen . Als er das Brucknerhaus erreichte , sah er vor dem Zauntor den Einspänner stehen , den er für neun Uhr bestellt hatte . Und Forbeck schien erraten zu haben , welchem Zweck dieser Wagen dienen sollte - der Bock war schon mit den Reisetaschen und den zu einem Bündel geschnürten Malgeräten beladen . Werner eilte in das Haus und über die Treppe hinauf . Die geräumte Giebelstube machte einen öden Eindruck . Auf dem Tisch lag eine große , mit grauem Packpapier umwickelte Rolle - das Bild . Bei Werners Eintritt erhob sich Forbeck mit blassem Gesicht , er trug schon den Überrock und hatte Hut und Schirm in der Hand . » Guten Morgen , Werner ! « Ein müdes Lächeln . » Du siehst , ich bin reisefertig . Als der Wagen kam , glaubte ich zu verstehen - « Seine Stimme bebte . » Du warst in Hubertus ? « » Ja , Hans . Das Schreiben wäre dir eine Qual gewesen , der persönliche Abschied eine Gefahr - für euch beide ! « » Ich danke dir ! Es ist besser so . Nur eines ist mir leid . Es wohnt in Hubertus noch eine Dame , der ich sehr zu Dank verpflichtet bin . « » Fräulein von Kleesberg ? « Werners Stimme bekam einen seltsam befangenen Klang . » Ich habe mit ihr gesprochen . Du kannst ohne Sorge sein , es geht ihr besser . Und sie läßt dich grüßen . « Er legte seine Hand mit schwerem Druck auf Forbecks Schulter : » Das ist eine seelengute , prächtige Dame ! Der mußt du eine herzliche Erinnerung bewahren ! Jetzt komm ! « Vor dem Haus erwartete sie der Bauer . Auch Mali erschien mit dem Netterl auf dem Arm ; als ihr Forbeck die Hand reichte , fand sie nur ein paar kurze Worte ; wie erleichtert atmete sie auf , als der Wagen davonrollte . » Geh , « sagte der Bauer , » hättst mit dem jungen Herrn doch a bißl freundlicher sein sollen ! Soviel gut is er gwesen mit uns ! Und du hast dich gestellt , als ob d ' froh wärst , daß er endlich draußen is zum Haus ! « » Froh ? « Zwei Tränen rannen über Malis Mund . » Dös Wörtl kenn ich nimmer , Lenzi ! Und was wir zwei mitanander tragen müssen , tragt sich leichter unter uns als vor fremde Augen ! « Sie trat ins Haus . Von der Straße tönte noch das Geholper des Wagens . Als der Einspänner am Zaunerhaus vorüberfuhr , klang aus einem von welkendem Weinlaub umsponnenen Fensterchen des oberen Stockes eine lustige Stimme . Das feine Lieserl hantierte mit ihren Parfümgläsern und sang dazu : » Und ich lieb dich so fest , Wie der Baum seine Äst ! Wie der Himmel seine Stern , Grad so hab ich dich gern ! « Den Jodler summend , hielt sie eines der Gläser gegen die Sonne , dann griff sie nach einem anderen und sang : » Und a bisserl a Lieb , Und a bisserl a Treu , Und a bisserl a Falschheit Is allweil dabei ! « Die beiden Strophen gehörten nicht zueinander , aber sie gingen beim Lieserl nach der gleichen Melodie . 3 Die Nachricht , daß Graf Egge den Hornegger-Franzl davongejagt hätte , machte im Dorf die Runde von Haus zu Haus - Schipper hatte dafür gesorgt , daß die Sache nicht verschwiegen blieb . Und weil man über die Ursache was Näheres nicht erfahren konnte , zerbrach man sich den Kopf mit der Frage , durch welches Verschulden Franzl die harte Strafe über sich heraufbeschworen hätte . Zu gleicher Zeit verbreitete sich auch die Nachricht , daß ein reicher Bauernsohn aus einem über der Grenze liegenden Dorf , der Mühltaler-Sepp von Bernbichl , spurlos verschwunden wäre . Und da brachte man diese beiden Ereignisse miteinander in mysteriösen Zusammenhang . Man wußte , daß der Sepp » gegangen « war . Und schließlich trug es eine Nachbarin der anderen über den Zaun : der Hornegger-Franzl wäre mit dem Mühltaler-Sepp im Einverständnis gewesen , Graf Egge wäre hinter die Geschichte gekommen , und so hätte Franzl sein Bündel schnüren müssen , und der Mühltaler-Sepp wäre entweder verduftet , oder - bei diesem » oder « verstummte man und schielte gegen die Berge hinauf . Das dunkle Gerede gewann noch an Nahrung , als am Vormittag des 1. September ein alter weißhaariger Bauer im Dorf erschien und sich mit auffälliger Scheu nach dem Haus des Hornegger-Franzl erkundigte . Die kummervollen Augen zu Boden gesenkt , wanderte der Alte über die Wiesen . Am Jägerhaus fand er die Tür geschlossen . Erst nach längerem Klopfen öffnete ihm die Horneggerin . Sie hatte verweinte Augen und musterte mißtrauisch den Bauer , den sie nicht kannte . Auch der Alte sah scheu zu ihr auf . » Ich hätt a bißl ebbes z ' reden mit dem Herrn Jager . Is er daheim ? « » Na ! « erwiderte die Horneggerin erregt . » Was wollts denn von ihm ? « Forschend sah der Alte in das Gesicht des Weibes , als möchte er die Wirkung seines Namens beobachten . » Ich bin der Mühltaler aus Bernbichl . « » So ? « » Haben S ' mein ' Nam noch nie net ghört ? « » Na ! « » Und Ihr Sohn hat nie net gredt mit Ihnen vom meinigen ? « » Na ! Nie net ! Und mein Bub is net daheim . Pfüet Ihnen Gott ! « Die Horneggerin wollte die Tür schließen , doch der Alte setzte den Fuß über die Schwelle . » Frau ! Lassen S ' reden mit Ihnen . Schauen S ' mich an in meiner Kümmernis ! « Tränen kugelten ihm über die furchigen Backen . » Mar ' und Josef , Mensch , was haben S ' denn ? « fragte die Horneggerin erschrocken und zog den Alten in den Flur . Kopfschüttelnd verschloß sie die Haustür , warf einen Sorgenblick über die Treppe hinauf und ging dem Mühltaler voran in die Stube . Hier saßen sie fast eine Stunde lang . Und als der Bauer das Haus verließ , begleitete ihn die Horneggerin bis zum Zaun . Ihre Hände zitterten , ihr Gesicht war weiß . Der Mühltaler sah sie an und seufzte . » Jetzt hab ich Ihnen Verdruß gmacht , gelt ? Aber wie mir zutragen worden is , was d ' Leut im Seedorf reden , hab ich mir halt denkt : Machst den Weg , vielleicht hörst ebbes über dein ' Buben . Müssen S ' mir net harb sein ! « Die Horneggerin schüttelte den Kopf . » Ihnen kann ich nix verübeln . Aber d ' Leut ! Zwanzg Jahr lang haben s ' mit angsehen , wie mein Franzl is . Und jetzt , jetzt springen s ' auf ihm rum mit die gnagelten Schuh und trauen ihm die Schlechtigkeit zu , er könnt Kameradschaft halten mit - « Sie verstummte . Der Mühltaler ließ den Kopf sinken . » Halten S ' Ihnen net zruck ! Ich kann ' net leugnen , mein Bub is keiner von die Brävern gwesen . Allweil hab ich schelten müssen . Aber gern ghabt hab ich ihn doch . Is mein einziger gwesen ! So ebbes is hart , Frau Förstnerin ! Aber nix für ungut ! Such ich halt weiter ! « Als die Horneggerin in das Haus zurückkehrte , klang es über die Treppe herunter : » Mutter ? « Auf der obersten Stufe stand Franzl , in Hemdärmeln und ohne Schuhe . » Wer war denn da ? « » Einer von die Nachbarsleut . « » Hat er ebbes gredt ? Von mir ? « » Net an einzigs Wörtl . Hab doch a bißl Verstand ! D ' Leut schauen die Sach net so gfahrlich an wie du ! Und kommt der Brief vom Grafen Tassilo , so is doch eh wieder alles in Ordnung . « Die Horneggerin ging in die Küche , um für Mittag zu kochen . Aber es ließ ihr bei der Arbeit keine Ruhe , sie mußte hinauf zu ihrem Buben . Eine kleine , weiß getünchte Stube ; die Dielen gescheuert und mit einem Leinwandläufer belegt ; ein Kruzifix , ein paar Heiligenbilder , vier Farbendrucke , welche Jagdszenen darstellten , ein Zapfenbrett mit der Ausrüstung des Jägers und ein Dutzend Geweihe . Am Fenster stand ein Werktisch mit einem Schraubstock , vor welchem Franzl saß ; er feilte an einem Gewehrhahn , um ihn der zu Schaden gekommenen Büchse anzupassen , und war anzusehen wie nach schwerer Krankheit , die Wangen eingefallen , die Augen von bläulichen Ringen umzogen . Seufzend öffnete er den Schraubstock und drückte den Hahn über den Zapfen der Büchse . » Jetzt paßt er ! ' s Büchsl wär wieder in Ordnung ! Aber ich ? « Die Mutter zog seinen Kopf an ihre Brust , streichelte ihm das Haar und kramte allen Trost wieder aus , den sie ihm schon zu dutzend Malen vorgeredet hatte . Er hörte sie schweigend an und nickte ein paarmal vor sich hin . Vorsichtig begann die Horneggerin von Bernbichl zu reden , von einem Bauernsohn . » Mühltaler heißt er . Kennst ihn vielleicht ? « Als Franzl gleichgültig den Kopf schüttelte , atmete sie erleichtert auf , war aber noch immer nicht ganz beruhigt . » Bub ? Sag mir ' s ehrlich : hast mir nix verschwiegen ? « » Ich ? Verschwiegen ? « stotterte Franzl , während es ihm heiß über die hageren Wangen fuhr . Die alte Frau erschrak . » Schau , Bub , ich kenn dich doch ! Der Pfarr liest net besser im Meßbuch als ich in deine Augen . Ich merk dir ' s an : es druckt dich noch ebbes . « Ein dumpfes Pochen . Die Horneggerin hörte nicht . » So red doch , Bub , ich vergeh ja vor lauter Sorg ! « Es pochte wieder , und Franzl erhob sich . » An der Haustür klopft einer . « » Ich geh net , eh mir net gsagt hast - « » No ja , wenn ' s dich beruhigen kann ! Heut am Abend verzähl ich dir alles . Täuscht hab ich mich halt - in einer , auf die ich gschworen hätt ! « » O du grundgütiger Heiland ! « jammerte die Horneggerin . » Zu allem Unglück noch a Binkel traurige Liebsgschichten ! Dös is uns grad noch abgangen ! « Drunten an der Haustür wurde wieder geklopft . » Ja , ja , ich komm schon ! Dem pressiert ' s aber ! « Sie strich mit der Schürze über die Augen und verließ die Stube . Als sie die Haustür öffnete und Patscheider vor ihr stand , war sie noch zu sehr mit ihrem Buben beschäftigt , um die flackernde Unruhe zu gewahren , die in den Augen des Jägers brannte . » Grüß Gott ! « sagte sie und ging ihm voran in die Stube . Patscheider legte das Gewehr auf die Wandbank . » Was macht er denn ? « Die Horneggerin schüttete ihr bekümmertes Herz aus . Der Jäger saß mit bleichem Gesicht , und als die Försterin auf das üble Leutgerede zu sprechen kam , ballten sich Patscheiders Hände zu zitternden Fäusten . » Hab schon ghört davon , « sagte er heiser , » und grad hat im Wirtshaus einer von die Schiffknecht a Wörtl fallen lassen . Den hab ich hindruckt an d ' Wand . Der wird ' s Maul halten jetzt ! Aber weil wir schon reden davon - d ' Leut sagen , daß der alte Mühltaler grad bei enk da gwesen is ? « Die Försterin nickte . Im Gesicht des Jägers verschärfte sich jeder Zug . » Was hat er denn wollen ? « » Sein ' Buben sucht er . Und völlig erbarmt hat er mich ! Grad auf deim Platz , da is er gsessen . « Der Jäger rückte rasch auf die Seite und guckte das Brett mit scheuen Augen an . » Es is sein einziger gwesen . So ebbes is hart , Patscheider ! « » Ja , Försterin , hart ! « Schweißtropfen standen auf der Stirn des Jägers . » Meint der Bauer , man hätt ihm sein ' Buben erschossen ? Ghört hab ich nix , daß bei uns in der Gegend a Malör passiert wär . Aber gwildert hat er - wie d ' Leut sagen . Freilich , der Vater ! « Patscheiders Stimme schwankte . » Da muß man sich halt in d ' Haut vom Jager einidenken ! Kann sein , er hat Weib und Kind . Und da muß er halt sagen : der ander oder ich . Dös hat keine von unsere Weiber gern , wenn man ihr den Mann auf ' m Schragen in d ' Stuben bringt - weil der ander der Gschwinder war ! « Seufzend drückte die Horneggerin die zitternden Hände an die Schläfen und sah die Tür an , durch die man ihr vor Jahren den Mann hereingetragen hatte mit der Kugel des Wildschützen im Herzen . » Und hat der Jager ' s Glück , daß er davonkommt - da is er net z ' neiden ! Hundertmal in der Nacht kann er sich sagen : Dienst und Pflicht ! Ja freilich ! Es frißt ihm halt doch an der Seel und druckt ihn am Hals , daß ihm der Schnaufer schier vergeht ! « Patscheider sprang auf . » Lassen wir ' s gut sein ! Reden wir lieber vom Franzl ! Er soll sich kein ' Kummer net machen , weil er fortkommt von uns ! Mit ' m Grafen is net gut hausen . Ich mit mei ' m Haufen Kinder , ich bin anbunden und muß mir alles gfallen lassen . Aber der Franzl hat ledige Füß . Einer wie der Franzl macht überall sein ' Weg . Der Herr Graf wird schon merken , was er verliert an ihm . Es reut ihn heut schon , daß er so hitzig war . An Hamur hat er die ganzen Tag her , schauderhaft ! Die jungen Herrn Grafen haben schlechte Zeiten in der Hütten droben . Und der Schipper ! Der Herr Schipper ! Der kann ihm gleich gar nix mehr recht machen ! Den ganzen Tag schimpft der Herr Graf - « Patscheider verstummte und sah nach der Tür . Der Postbote trat in die Stube . » An eingschriebnen Brief hätt ich , Frau Horneggerin ! « Der Försterin fuhr die Aufregung in alle Glieder . Und Patscheider rannte in den Flur und schrie über die Treppe hinauf : » Franzl ! Franzl ! Gschwind , komm ! Der Brief is da ! « Als Franzl auf der Treppe erschien , sprang ihm der Jäger über die Hälfte der Stufen entgegen . » Der Brief is da ! Der Brief is da ! « » Grüß Gott , Patscheider ! Und Vergelts Gott , daß d ' soviel Anteil nimmst ! « In der Stube kam ihnen die Horneggerin mit dem Brief entgegen . Während ihn Franzl mit zitternden Händen öffnete und zu lesen begann , hingen die beiden gespannt an seinem Gesicht . Franzls hagere Wangen waren heiß , als er der Mutter den Brief reichte . » Da , lies ! A guter Herr , der Graf Tassilo ! So ein ' gibt ' s bald nimmer . « Mit beiden Händen griff die Horneggerin zu , und Patscheider fragte erregt : » Hat er an Platz für dich ? « Franzl nickte . » An guten ? « » Es wär kein schlechter . « » Gott sei Dank ! « » Aber die Sach hat an Haken ! « Die Horneggerin brach vor Freude in Tränen aus . » So a Glück ! Was sagst , Patscheider ! Den besten Posten hat er ! Zweihundert Mark mehr im Jahr ! Und bleiben können wir und müssen d ' Heimat net aufgeben und ' s Haus net verkaufen . Alles bleibt , wie ' s war . Bloß a paar Stündl hat der Franzl weiter ins Revier . « Patscheider stutzte . » Was ? Kommt er zu dem reichen Fabrikherrn , der mit seiner Jagd an die unser grenzt ? « » Ja ! An andern Herrn kriegt er halt , sonst bleibt alles beim alten . « » So , Mutter ? Alles ? « Franzls Stimme war rauh . » Hast net gsehen , wie der Patscheider erschrocken is ? Es wird ihm halt eingfallen sein , wie der Herr Graf auf den Jagdherrn z ' sprechen is , der ihm die schöne Grenzjagd vor der Nasen wegpacht hat . Die ganze Zeit her war der Verdruß an der Grenz , allweil hat ' s Streit geben zwischen unserm Personal und dem von drüben . Und jetzt soll ich mit denen da drüben Freund und Bruder sein ? Und gegen meine alten Kameraden und gegen unseren Herrn Grafen soll ich mich auf d ' Füß stellen ? Na , Mutter ! Den Posten kann ich net annehmen . Lieber ' s Haus verkaufen und fort ! In Gotts Namen ! « Patscheider riß Mund und Augen auf , während die Horneggerin wie eine Salzsäule stand . Erst nach einer Weile fand sie die Sprache und stotterte : » Jesus , Jesus , was wird der Graf Tassilo sagen ! Jetzt hat er sich bemüht . Und du - « » Der junge Graf hat sich nie um unsere Jagdgeschichten kümmert . Wann ich ihm alles erzählen tät , müßt er selber sagen : Na , Franzl , dös geht net ! - Wann ich den Posten annimm , dös müßt ja rein ausschauen , als ob ich unserem Herrn Grafen im Zorn an Possen spielen möcht ! « » Aaah , du Narr , du Narr ! « platzte Patscheider los . » Ich glaub , der Graf hat sich bei dir kei Rücksicht net verdient ! « Er ging auf Franzl zu und rüttelte ihn an der Schulter . » Greif zu , Franzl ! Überall is ' s besser als bei uns ! « Seine Lippen verzerrten sich . » Sei froh , daß dein ' Laufpaß hast ! Wer weiß , was er dir erspart hat mit dem Fußtritt , den er dir geben hat ! « Ein heiseres Lachen . » Lieber davongjagt als aufbessert im Ghalt ! Unserem Grafen seine Gnaden sind hart zum tragen . Greif zu , sag ich dir ! Greif zu ! « Franzl schien nicht zu hören . Sein Gesicht hatte sich verfärbt , als er