all das nachzusprechen . Aber was soll ich denn machen ? Ich kann doch nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und nach der Christuskirche hinübersehen . Sonntags , beim Abendgottesdienst , wenn die Fenster erleuchtet sind , sehe ich ja immer hinüber ; aber es hilft mir auch nichts , mir wird dann immer noch schwerer ums Herz . « » Ja , gnädige Frau , dann sollten Sie mal hineingehen . Einmal waren Sie ja schon drüben . « » O schon öfters . Aber ich habe nicht viel davon gehabt . Er predigt ganz gut und ist ein sehr kluger Mann , und ich wäre froh , wenn ich das Hundertste davon wüßte . Aber es ist doch alles bloß , wie wenn ich ein Buch lese ; und wenn er dann so laut spricht und herumficht und seine schwarzen Locken schüttelt , dann bin ich aus meiner Andacht heraus . « » Heraus ? « Effi lachte . » Du meinst , ich war noch gar nicht drin . Und es wird wohl so sein . Aber an wem liegt das ? Das liegt doch nicht an mir . Er spricht immer soviel vom Alten Testament . Und wenn es auch ganz gut ist , es erbaut mich nicht . Überhaupt all das Zuhören ; es ist nicht das Rechte . Sieh , ich müßte so viel zu tun haben , daß ich nicht ein noch aus wüßte . Das wäre was für mich . Da gibt es so Vereine , wo junge Mädchen die Wirtschaft lernen , oder Nähschulen oder Kindergärtnerinnen . Hast du nie davon gehört ? « » Ja , ich habe mal davon gehört . Anniechen sollte mal in einen Kindergarten . « » Nun , siehst du , du weißt es besser als ich . Und in solchen Verein , wo man sich nützlich machen kann , da möchte ich eintreten . Aber daran ist gar nicht zu denken ; die Damen nehmen mich nicht an und können es auch nicht . Und das ist das schrecklichste , daß einem die Welt so zu ist und daß es sich einem sogar verbietet , bei Gutem mit dabeizusein . Ich kann nicht mal armen Kindern eine Nachhülfestunde geben ... « » Das wäre auch nichts für Sie , gnädige Frau ; die Kinder haben immer so fettige Stiefel an , und wenn es nasses Wetter ist - das ist dann solch Dunst und Schmok , das halten die gnädige Frau gar nicht aus . « Effi lächelte . » Du wirst wohl recht haben , Roswitha ; aber es ist schlimm , daß du recht hast , und ich sehe daran , daß ich noch zuviel von dem alten Menschen in mir habe und daß es mir noch zu gut geht . « Davon wollte aber Roswitha nichts wissen . » Wer so gut ist wie gnädige Frau , dem kann es gar nicht zu gut gehen . Und Sie müssen nur nicht immer so was Trauriges spielen , und mitunter denke ich mir , es wird alles noch wieder gut , und es wird sich schon was finden . « Und es fand sich auch was . Effi , trotz der Kantorstochter aus Polzin , deren Künstlerdünkel ihr immer noch als etwas Schreckliches vorschwebte , wollte Malerin werden , und wiewohl sie selber darüber lachte , weil sie sich bewußt war , über eine unterste Stufe des Dilettantismus nie hinauskommen zu können , so griff sie doch mit Passion danach , weil sie nun eine Beschäftigung hatte , noch dazu eine , die , weil still und geräuschlos , ganz nach ihrem Herzen war . Sie meldete sich denn auch bei einem ganz alten Malerprofessor , der in der märkischen Aristokratie sehr bewandert und zugleich so fromm war , daß ihm Effi von Anfang an ans Herz gewachsen erschien . Hier , so gingen wohl seine Gedanken , war eine Seele zu retten , und so kam er ihr , als ob sie seine Tochter gewesen wäre , mit einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit entgegen . Effi war sehr glücklich darüber , und der Tag ihrer ersten Malstunde bezeichnete für sie einen Wendepunkt zum Guten . Ihr armes Leben war nun nicht so arm mehr , und Roswitha triumphierte , daß sie recht gehabt und sich nun doch etwas gefunden habe . Das ging so Jahr und Tag und darüber hinaus . Aber da sie nun wieder eine Berührung mit den Menschen hatte , wie sie ' s beglückte , so ließ es auch wieder den Wunsch in ihr entstehen , daß diese Berührungen sich erneuern und mehren möchten . Sehnsucht nach Hohen-Cremmen erfaßte sie mitunter mit einer wahren Leidenschaft , und noch leidenschaftlicher sehnte sie sich danach , Annie wiederzusehen . Es war doch ihr Kind , und wenn sie dem nachhing und sich dabei gleichzeitig der Trippelli erinnerte , die mal gesagt hatte : » die Welt sei so klein , und in Mittelafrika könne man sicher sein , plötzlich einem alten Bekannten zu begegnen « , so war sie mit Recht verwundert , Annie noch nie getroffen zu haben . Aber auch das sollte sich eines Tages ändern . Sie kam aus der Malstunde , dicht am Zoologischen Garten , und stieg , nahe dem Halteplatz , in einen die lange Kurfürstenstraße passierenden Pferdebahnwagen ein . Es war sehr heiß , und die herabgelassenen Vorhänge , die bei dem starken Luftzuge , der ging , hin und her bauschten , taten ihr wohl . Sie lehnte sich in die dem Vorderperron zugekehrte Ecke und musterte eben mehrere in eine Glasscheibe eingebrannte Sofas , blau , mit Quasten und Puscheln daran , als sie - der Wagen war gerade in einem langsamen Fahren - drei Schulkinder aufspringen sah , die Mappen auf dem Rücken , mit kleinen spitzen Hüten , zwei blond und ausgelassen , die dritte dunkel und ernst . Es war Annie . Effi fuhr heftig zusammen , und eine Begegnung mit dem Kinde zu haben , wonach sie sich doch so lange gesehnt , erfüllte sie jetzt mit einer wahren Todesangst . Was tun ? Rasch entschlossen öffnete sie die Tür zu dem Vorderperron , auf dem niemand stand als der Kutscher , und bat diesen , sie bei der nächsten Haltestelle vorn absteigen zu lassen . » Is verboten , Fräulein « , sagte der Kutscher ; sie gab ihm aber ein Geldstück und sah ihn so bittend an , daß der gutmütige Mensch anderen Sinnes wurde und vor sich hin sagte : » Sind soll es eigentlich nich ; aber es wird ja wohl mal gehn . « Und als der Wagen hielt , nahm er das Gitter aus , und Effi sprang ab . Noch in großer Erregung kam Effi nach Hause . » Denke dir , Roswitha , ich habe Annie gesehen . « Und nun erzählte sie von der Begegnung in dem Pferdebahnwagen . Roswitha war unzufrieden , daß Mutter und Tochter keine Wiedersehensszene gefeiert hatten , und ließ sich nur ungern überzeugen , daß das , in Gegenwart so vieler Menschen , nicht wohl angegangen sei . Dann mußte Effi erzählen , wie Annie ausgesehen habe , und als sie das mit mütterlichem Stolze getan , sagte Roswitha » Ja , sie ist so halb und halb . Das Hübsche und , wenn ich es sagen darf , das Sonderbare , das hat sie von der Mama ; aber das Ernste , das ist ganz der Papa . Und wenn ich mir so alles überlege , ist sie doch wohl mehr wie der gnädige Herr . « » Gott sei Dank ! « sagte Effi . » Na , gnäd ' ge Frau , das ist nu doch auch noch die Frage . Und da wird ja wohl mancher sein , der mehr für die Mama ist . « » Glaubst du , Roswitha ? Ich glaube es nicht . « » Na , na , ich lasse mir nichts vormachen , und ich glaube , die gnädige Frau weiß auch ganz gut , wie ' s eigentlich ist und was die Männer am liebsten haben . « » Ach , sprich nicht davon , Roswitha . « Damit brach das Gespräch ab und wurde auch nicht wieder aufgenommen . Aber Effi , wenn sie ' s auch vermied , grade über Annie mit Roswitha zu sprechen , konnte die Begegnung in ihrem Herzen doch nicht verwinden und litt unter der Vorstellung , vor ihrem eigenen Kinde geflohen zu sein . Es quälte sie bis zur Beschämung , und das Verlangen nach einer Begegnung mit Annie steigerte sich bis zum Krankhaften . An Innstetten schreiben und ihn darum bitten , das war nicht möglich . Ihrer Schuld war sie sich wohl bewußt , ja , sie nährte das Gefühl davon mit einer halb leidenschaftlichen Geflissentlichkeit ; aber inmitten ihres Schuldbewußtseins fühlte sie sich andererseits auch von einer gewissen Auflehnung gegen Innstetten erfüllt . Sie sagte sich : er hatte recht und noch einmal und noch einmal , und zuletzt hatte er doch unrecht . Alles Geschehene lag so weit zurück , ein neues Leben hatte begonnen - er hätte es können verbluten lassen , statt dessen verblutete der arme Crampas . Nein , an Innstetten schreiben , das ging nicht ; aber Annie wollte sie sehen und sprechen und an ihr Herz drücken , und nachdem sie ' s tagelang überlegt hatte , stand ihr fest , wie ' s am besten zu machen sei . Gleich am andern Vormittage kleidete sie sich sorgfältig in ein dezentes Schwarz und ging auf die Linden zu , sich hier bei der Ministerin melden zu lassen . Sie schickte ihre Karte hinein , auf der nur stand : Effi von Innstetten , geb . von Briest . Alles andere war fortgelassen , auch die Baronin . » Exzellenz lassen bitten , « und Effi folgte dem Diener bis in ein Vorzimmer , wo sie sich niederließ und trotz der Erregung , in der sie sich befand , den Bilderschmuck an den Wänden musterte . Da war zunächst Guido Renis » Aurora « , gegenüber aber hingen englische Kupferstiche , Stiche nach Benjamin West , in der bekannten Aquatinta-Manier von viel Licht und Schatten . Eines der Bilder war König Lear im Unwetter auf der Heide . Effi hatte ihre Musterung kaum beendet , als die Tür des angrenzenden Zimmers sich öffnete und eine große , schlanke Dame von einem sofort für sie einnehmenden Ausdruck auf die Bittstellerin zutrat und ihr die Hand reichte : » Meine liebe , gnädigste Frau « , sagte sie , » welche Freude für mich , Sie wiederzusehen ... « Und während sie das sagte , schritt sie auf das Sofa zu und zog Effi , während sie selber Platz nahm , zu sich nieder . Effi war bewegt durch die sich in allem aussprechende Herzensgüte . Keine Spur von Überheblichkeit oder Vorwurf , nur menschlich schöne Teilnahme . » Womit kann ich Ihnen dienen ? « nahm die Ministerin noch einmal das Wort . Um Effis Mund zuckte es . Endlich sagte sie : » Was mich herführt , ist eine Bitte , deren Erfüllung Exzellenz vielleicht möglich machen . Ich habe eine zehnjährige Tochter , die ich seit drei Jahren nicht gesehen habe und gern wiedersehen möchte . « Die Ministerin nahm Effis Hand und sah sie freundlich an . » Wenn ich sage , in drei Jahren nicht gesehen , so ist das nicht ganz richtig . Vor drei Tagen habe ich sie wiedergesehen . « Und nun schilderte Effi mit großer Lebendigkeit die Begegnung , die sie mit Annie gehabt hatte . » Vor meinem eigenen Kinde auf der Flucht . Ich weiß wohl , man liegt , wie man sich bettet , und ich will nichts ändern in meinem Leben . Wie es ist , so ist es recht ; ich habe es nicht anders gewollt . Aber das mit dem Kinde , das ist doch zu hart , und so habe ich denn den Wunsch , es dann und wann sehen zu dürfen , nicht heimlich und verstohlen , sondern mit Wissen und Zustimmung aller Beteiligten . « » Unter Wissen und Zustimmung aller Beteiligten wiederholte die Ministerin Effis Worte . " Das heißt also unter Zustimmung Ihres Herrn Gemahls . Ich sehe , daß seine Erziehung dahin geht , das Kind von der Mutter fernzuhalten , ein Verfahren , über das ich mir kein Urteil erlaube . Vielleicht , daß er recht hat ; verzeihen Sie mir diese Bemerkung , gnädige Frau . « Effi nickte . » Sie finden sich selbst in der Haltung Ihres Herrn Gemahls , zurecht und verlangen nur , daß einem natürlichen Gefühle , wohl dem schönsten unserer Gefühle ( wenigstens wir Frauen werden uns darin finden ) , sein Recht werde . Treff ' ich es darin ? « » In allem . « » Und so soll ich denn die Erlaubnis zu gelegentlichen Begegnungen erwirken , in Ihrem Hause , wo Sie versuchen können , sich das Herz Ihres Kindes zurückzuerobern . « Effi drückte noch einmal ihre Zustimmung aus , während die Ministerin fortfuhr : » Ich werde also tun , meine gnädigste Frau , was ich tun kann . Aber wir werden es nicht eben leicht haben . Ihr Herr Gemahl , verzeihen Sie , daß ich ihn nach wie vor so nenne , ist ein Mann , der nicht nach Stimmungen und Laune , sondern nach Grundsätzen handelt , und diese fallenzulassen oder auch nur momentan aufzugeben wird ihm hart ankommen . Läg es nicht so , so wäre seine Handlungs- und Erziehungsweise längst eine andere gewesen . Das , was hart für Ihr Herz ist , hält er für richtig . « » So meinen Exzellenz vielleicht , es wäre besser , meine Bitte zurückzunehmen ? « » Doch nicht . Ich wollte nur das Tun Ihres Herrn Gemahls erklären , um nicht zu sagen rechtfertigen , und wollte zugleich die Schwierigkeiten andeuten , auf die wir , aller Wahrscheinlichkeit nach , stoßen werden . Aber ich denke , wir zwingen es trotzdem . Denn wir Frauen , wenn wir ' s klug einleiten und den Bogen nicht überspannen , wissen mancherlei durchzusetzen . Zudem gehört Ihr Herr Gemahl zu meinen besonderen Verehrern , und er wird mir eine Bitte , die ich an ihn richte , nicht wohl abschlagen . Wir haben morgen einen kleinen Zirkel , auf dem ich ihn sehe , und übermorgen früh haben Sie ein paar Zeilen von mir , die Ihnen sagen werden , ob ich ' s klug , das heißt glücklich , eingeleitet oder nicht . Ich denke , wir siegen in der Sache , und Sie werden Ihr Kind wiedersehen und sich seiner freuen . Es soll ein sehr schönes Mädchen sein . Nicht zu verwundern . « Dreiunddreißigstes Kapitel Am zweitfolgenden Tage trafen , wie versprochen , einige Zeilen ein , und Effi las : » Es freut mich , liebe gnädige Frau , Ihnen gute Nachricht geben zu können . Alles ging nach Wunsch ; Ihr Herr Gemahl ist zu sehr Mann von Welt , um einer Dame eine von ihr vorgetragene Bitte abschlagen zu können ; zugleich aber - auch das darf ich Ihnen nicht verschweigen - , ich sah deutlich , daß sein Ja nicht dem entsprach , was er für klug und recht hält . Aber kritteln wir nicht , wo wir uns freuen sollen . Ihre Annie , so haben wir es verabredet , wird über Mittag kommen , und ein guter Stern stehe über Ihrem Wiedersehen . « Es war mit der zweiten Post , daß Effi diese Zeilen empfing , und bis zu Annies Erscheinen waren mutmaßlich keine zwei Stunden mehr . Eine kurze Zeit , aber immer noch zu lang , und Effi schritt in Unruhe durch beide Zimmer und dann wieder in die Küche , wo sie mit Roswitha von allem möglichen sprach , von dem Efeu drüben an der Christuskirche , nächstes Jahr würden die Fenster wohl ganz zugewachsen sein , von dem Portier , der den Gashahn wieder so schlecht zugeschraubt habe ( sie würden doch noch nächstens in die Luft fliegen ) , und daß sie das Petroleum doch lieber wieder aus der großen Lampenhandlung Unter den Linden als aus der Anhaltstraße holen solle - von allem möglichen sprach sie , nur von Annie nicht , weil sie die Furcht nicht aufkommen lassen wollte , die trotz der Zeilen der Ministerin , oder vielleicht auch um dieser Zeilen willen in ihr lebte . Nun war Mittag . Endlich wurde geklingelt , schüchtern , und Roswitha ging , um durch das Guckloch zu sehen . Richtig , es war Annie . Roswitha gab dem Kinde einen Kuß , sprach aber sonst kein Wort , und ganz leise , wie wenn ein Kranker im Hause wäre , führte sie das Kind vom Korridor her erst in die Hinterstube und dann bis an die nach vorn führende Tür . » Da geh hinein , Annie . « Und unter diesen Worten , sie wollte nicht stören , ließ sie das Kind allein und ging wieder auf die Küche zu . Effi stand am andern Ende des Zimmers , den Rücken gegen den Spiegelpfeiler , als das Kind eintrat . » Annie ! « Aber Annie blieb an der nur angelehnten Tür stehen , halb verlegen , aber halb auch mit Vorbedacht , und so eilte denn Effi auf das Kind zu , hob es in die Höhe und küßte es . » Annie , mein süßes Kind , wie freue ich mich . Komm , erzähle mir « , und dabei nahm sie Annie bei der Hand und ging auf das Sofa zu , um sich da zu setzen . Annie stand aufrecht und griff , während sie die Mutter immer noch scheu ansah , mit der Linken nach dem Zipfel der herabhängenden Tischdecke . » Weißt du wohl , Annie , daß ich dich einmal gesehen habe . « » Ja , mir war es auch so . « » Und nun erzähle mir recht viel . Wie groß du geworden bist ! Und das ist die Narbe da ; Roswitha hat mir davon erzählt . Du warst immer so wild und ausgelassen beim Spielen . Das hast du von deiner Mama , die war auch so . Und in der Schule ? ich denke mir , du bist immer die Erste , du siehst mir so aus , als müßtest du eine Musterschülerin sein und immer die besten Zensuren nach Hause bringen . Ich habe auch gehört , daß dich das Fräulein von Wedelstädt so gelobt haben soll . Das ist recht ; Ich war auch so ehrgeizig , aber ich hatte nicht solche gute Schule . Mythologie war immer mein Bestes . Worin bist du denn am besten ? « » Ich weis es nicht . « » Oh , du wirst es schon wissen . Das weiß man . Worin hast du denn die beste Zensur ? « » In der Religion . « » Nun , siehst du , da weiß ich es doch . Ja , das ist sehr schön ; ich war nicht so gut darin , aber es wird wohl auch an dem Unterricht gelegen haben . Wir hatten bloß einen Kandidaten . « » Wir hatten auch einen Kandidaten . « » Und der ist fort ? « Annie nickte . » Warum ist er fort ? « » Ich weiß es nicht . Wir haben nun wieder den Prediger . « » Den ihr alle sehr liebt . « » Ja ; zwei aus der ersten Klasse wollen auch übertreten . « » Ah , ich verstehe ; das ist schön . Und was macht Johanna ? « » Johanna hat mich bis vor das Haus begleitet ... « » Und warum hast du sie nicht mit heraufgebracht ? « » Sie sagte , sie wolle lieber unten bleiben und an der Kirche drüben warten . « » Und da sollst du sie wohl abholen ? « » Ja . « » Nun , sie wird da hoffentlich nicht ungeduldig werden . Es ist ein kleiner Vorgarten da , und die Fenster sind schon halb von Efeu überwachsen , als ob es eine alte Kirche wäre . « » Ich möchte sie aber doch nicht gerne warten lassen . « » Ach , ich sehe , du bist sehr rücksichtsvoll , und darüber werde ich mich wohl freuen müssen . Man muß es nur richtig einteilen ... Und nun sage mir noch , was macht Rollo ? « » Rollo ist sehr gut . Aber Papa sagt , er würde so faul ; er liegt immer in der Sonne . « » Das glaub ich . So war er schon , als du noch ganz klein warst ... Und nun sage mir , Annie - denn heute haben wir uns ja bloß so mal wiedergesehen - , wirst du mich öfter besuchen ? « » O gewiß , wenn ich darf . « » Wir können dann in dem Prinz-Albrechtschen Garten spazierengehen . « » O gewiß , wenn ich darf . « » Oder wir gehen zu Schilling und essen Eis , Ananas- oder Vanilleneis ; das aß ich immer am liebsten . « » O gewiß , wenn ich darf . « Und bei diesem dritten » wenn ich darf « war das Maß voll ; Effi sprang auf , und ein Blick , in dem es wie Empörung aufflammte , traf das Kind . » Ich glaube , es ist die höchste Zeit , Annie ; Johanna wird sonst ungeduldig . « Und sie zog die Klingel . Roswitha , die schon im Nebenzimmer war , trat gleich ein . » Roswitha , gib Annie das Geleit bis drüben zur Kirche . Johanna wartet da . Hoffentlich hat sie sich nicht erkältet . Es sollte mir leid tun . Grüße Johanna . « Und nun gingen beide . Kaum aber , daß Roswitha draußen die Tür ins Schloß gezogen hatte , so riß Effi , weil sie zu ersticken drohte , ihr Kleid auf und verfiel in ein krampfhaftes Lachen . » So also sieht ein Wiedersehen aus « , und dabei stürzte sie nach vorn , öffnete die Fensterflügel und suchte nach etwas , das ihr beistehe . Und sie fand auch was in der Not ihres Herzens . Da neben dem Fenster war ein Bücherbrett , ein paar Bände von Schiller und Körner darauf , und auf den Gedichtbüchern , die alle gleiche Höhe hatten , lag eine Bibel und ein Gesangbuch . Sie griff danach , weil sie was haben mußte , vor dem sie knien und beten konnte , und legte Bibel und Gesangbuch auf den Tischrand , gerade da , wo Annie gestanden hatte , und mit einem heftigen Ruck warf sie sich davor nieder und sprach halblaut vor sich hin : » O du Gott im Himmel , vergib mir , was ich getan ; ich war ein Kind ... Aber nein , nein , ich war kein Kind , ich war alt genug , um zu wissen , was ich tat . Ich hab es auch gewußt , und ich will meine Schuld nicht kleiner machen ... aber das ist zuviel . Denn das hier , mit dem Kind , das bist nicht du , Gott , der mich strafen will , das ist er , bloß er ! Ich habe geglaubt , daß er ein edles Herz habe , und habe mich immer klein neben ihm gefühlt ; aber jetzt weiß ich , daß er es ist , er ist klein . Und weil er klein ist , ist er grausam . Alles , was klein ist , ist grausam . Das hat er dem Kinde beigebracht , ein Schulmeister war er immer , Crampas hat ihn so genannt , spöttisch damals , aber er hat recht gehabt . O gewiß , wenn ich darf . Du brauchst nicht zu dürfen ; ich will euch nicht mehr , ich haß euch , auch mein eigen Kind . Was zuviel ist , ist zuviel . Ein Streber war er , weiter nichts . - Ehre , Ehre , Ehre ... und dann hat er den armen Kerl totgeschossen , den ich nicht einmal liebte und den ich vergessen hatte , weil ich ihn nicht liebte . Dummheit war alles , und nun Blut und Mord . Und ich schuld . Und nun schickt er mir das Kind , weil er einer Ministerin nichts abschlagen kann , und ehe er das Kind schickt , richtet er ' s ab wie einen Papagei und bringt ihm die Phrase bei wenn ich darf . Mich ekelt , was ich getan ; aber was mich noch mehr ekelt , das ist eure Tugend . Weg mit euch . Ich muß leben , aber ewig wird es ja wohl nicht dauern . « Als Roswitha wiederkam , lag Effi am Boden , das Gesicht abgewandt , wie leblos . Vierunddreißigstes Kapitel Rummschüttel , als er gerufen wurde , fand Effis Zustand nicht unbedenklich . Das Hektische , das er seit Jahr und Tag an ihr beobachtete , trat ihm ausgesprochener als früher entgegen , und , was schlimmer war , auch die ersten Zeichen eines Nervenleidens waren da . Seine ruhig freundliche Weise aber , der er einen Beisatz von Laune zu geben wußte , tat Effi wohl , und sie war ruhig , solange Rummschüttel um sie war . Als er schließlich ging , begleitete Roswitha den alten Herrn bis in den Vorflur und sagte : » Gott , Herr Geheimrat , mir ist so bange ; wenn es nu mal wiederkommt , und es kann doch ; Gott - da hab ich ja keine ruhige Stunde mehr . Es war aber doch auch zuviel , das mit dem Kind . Die arme gnädige Frau . Und noch so jung , wo manche erst anfangen . « » Lassen Sie nur , Roswitha . Kann noch alles wieder werden . Aber fort muß sie . Wir wollen schon sehen . Andere Luft , andere Menschen . « Den zweiten Tag danach traf ein Brief in Hohen-Cremmen ein , der lautete : » Gnädigste Frau ! Meine alten freundschaftlichen Beziehungen zu den Häusern Briest und Belling und nicht zum wenigsten die herzliche Liebe , die ich zu Ihrer Frau Tochter hege , werden diese Zeilen rechtfertigen . Es geht so nicht weiter . Ihre Frau Tochter , wenn nicht etwas geschieht , das sie der Einsamkeit und dem Schmerzlichen ihres nun seit Jahren geführten Lebens entreißt , wird schnell hinsiechen . Eine Disposition zu Phthisis war immer da , weshalb ich schon vor Jahren Ems verordnete ; zu diesem alten Übel hat sich nun ein neues gesellt : ihre Nerven zehren sich auf . Dem Einhalt zu tun , ist ein Luftwechsel nötig . Aber wohin ? Es würde nicht schwer sein , in den schlesischen Bädern eine Auswahl zu treffen , Salzbrunn gut und Reinerz , wegen der Nervenkomplikation , noch besser . Aber es darf nur Hohen-Cremmen sein . Denn , meine gnädigste Frau , was Ihrer Frau Tochter Genesung bringen kann , ist nicht Luft allein ; sie siecht hin , weil sie nichts hat als Roswitha . Dienertreue ist schön , aber Elternliebe ist besser . Verzeihen Sie einem alten Manne dies Sicheinmischen in Dinge , die jenseits seines ärztlichen Berufes liegen . Und doch auch wieder nicht , denn es ist schließlich auch der Arzt , der hier spricht und seiner Pflicht nach , verzeihen Sie dies Wort , Forderungen stellt ... Ich habe soviel vom Leben gesehen ... aber nichts mehr in diesem Sinne . Mit der Bitte , mich Ihrem Herrn Gemahl empfehlen zu wollen , in vorzüglicher Ergebenheit Dr. Rummschüttel . « Frau von Briest hatte den Brief ihrem Manne vorgelesen ; beide saßen auf dem schattigen Steinfliesengange , den Gartensaal im Rücken , das Rondell mit der Sonnenuhr vor sich . Der um die Fenster sich rankende wilde Wein bewegte sich leis in dem Luftzuge , der ging , und über dem Wasser standen ein paar Libellen im hellen Sonnenschein . Briest schwieg und trommelte mit dem Finger auf dem Teebrett . » Bitte , trommle nicht ; sprich lieber . « » Ach , Luise , was soll ich sagen . Daß ich trommle , sagt gerade genug . Du weißt seit Jahr und Tag , wie ich darüber denke . Damals , als Innstettens Brief kam , ein Blitz aus heiterem Himmel , damals war ich deiner Meinung . Aber das ist nun schon wieder eine halbe Ewigkeit her ; soll ich hier bis an mein Lebensende den Großinquisitor spielen ? Ich kann dir sagen , ich hab es seit lange satt ... « » Mache mir keine Vorwürfe , Briest ; ich liebe sie so wie du , vielleicht noch mehr ; jeder hat seine Art. Aber man lebt doch nicht bloß in der Welt , um schwach und zärtlich zu sein und alles mit Nachsicht zu behandeln , was gegen Gesetz und Gebot ist und was die Menschen verurteilen und , vorläufig wenigstens , auch noch - mit Recht verurteilen . « » Ach was . Eins geht vor . « » Natürlich , eins geht vor ; aber was ist das eine ? « » Liebe der Eltern zu ihren Kindern . Und wenn man gar bloß eines hat ... « » Dann ist es vorbei mit Katechismus und Moral und mit dem Anspruch der Gesellschaft . « » Ach , Luise , komme mir mit Katechismus , soviel du willst ; aber komme mir nicht mit Gesellschaft . « » Es ist