und es hatte jemand aus der Zeitung die Nachricht vorgelesen , daß Benedetti in Böhmen angekommen sei - offenbar mit der Sendung betraut , Friedensvorschläge zu unterbreiten . Nichts fürchtete mein kleiner - er war zwar schon groß , doch hatte ich die Gewohnheit ihn so zu nennen - mein kleiner Bruder so sehr , als daß der Krieg ein frühzeitiges Ende nehme und daß es ihm nicht beschieden wäre , den Feind aus dem Land zu jagen . Es war nämlich aus Wiener-Neustadt die Nachricht erfolgt , daß , falls die Feindseligkeiten wieder aufgenommen würden , dann bei der nächsten , am 18. August folgenden Ausmusterung nicht nur die Zöglinge des letzten , sondern auch mehrere des vorletzten Jahrganges sogleich in aktiven Dienst treten dürften . Diese Aussicht versetzte den jungen Helden in Entzücken . Gleich aus der Akademie in den Krieg - welche Wonne ! Ähnlich freut sich eine Pensionatsschülerin hinaus in die Welt - auf den ersten Ball . Sie hat tanzen gelernt - der Neustadter Schüler lernte schießen und fechten - ; sie sehnt sich , unter einem angezündeten Kronleuchter , in festlicher Toilette , bei Orchesterklang , ihre Kunst zu entfalten , und er sehnt sich nicht minder nach der schmucken Uniform und nach dem großen Kanonenkotillon . Der Vater war über dieses soldatische Feuer seines Lieblings natürlich hoch erfreut : » Sei ruhig , mein tapferer Junge « , erwiderte er auf Ottos Seufzer über den drohenden Frieden , und klopfte ihm beifällig auf die Schulter ; » Du hast ein langes Leben vor Dir . Wenn auch jetzt der Feldzug zu Ende wäre , in den nächsten Jahren muß es doch wieder losgehen . « Ich sagte nichts . Seit meinem letzten Ausfall gegen Tante Marie hatte ich , auf Friedrichs Weisung , den Vorsatz gefaßt und ausgeführt , die leidigen Streitereien über das Thema Krieg möglichst zu vermeiden . Es konnte ja zu nichts führen , als zu Bitterkeiten ; und seitdem ich die Spuren der grausigen Geißel mit eigenen Augen gesehen , hatte sich mein Haß und meine Verachtung des Krieges so vertieft , daß mir jede Verteidigung desselben wie eine persönliche Beleidigung in die Seele schnitt . Mit Friedrich waren wir ja einig : er würde austreten ; und darüber war ich auch im klaren : mein Sohn Rudolf würde in keine militärische Anstalt gethan , wo die ganze Erziehung darauf eingerichtet ist - und folgerichtig eingerichtet sein muß - in den Jünglingen die Sehnsucht nach kriegerischen Thaten zu wecken . Ich forschte meinen Bruder einmal aus , was denn so die Ansichten seien , welche den Schülern in Bezug auf den Krieg beigebracht werden . Aus seinen Antworten ging ungefähr folgendes hervor : Der Krieg wird als ein notwendiges Übel hingestellt ( also doch Übel - ein Zugeständnis dem Geiste der Zeit ) , zugleich aber als der vorzüglichste Erwecker der schönsten menschlichen Tugenden , die da sind : Mut , Entsagungskraft und Opferwilligkeit , als der Spender des größten Ruhmesglanzes , und schließlich als der wichtigste Faktor der Kulturentwickelung . Die gewaltigen Eroberer und Gründer der sogenannten Weltreiche - die Alexander , Cäsar , Napoleon - werden als die erhabensten Beispiele menschlicher Größe angeführt und der Bewunderung empfohlen ; die Erfolge und Vorteile des Krieges werden auf das lebhafteste herausgestrichen , während man die in seinem Gefolge unabweisbar eintretenden Nachteile - Verrohung , Verarmung , moralische und physische Entartung - gänzlich mit Stillschweigen übergeht . - Nun ja ; nach demselben System ward ja auch in meinem - im Mädchenunterricht vorgegangen ; dadurch war in meinem kindlichen Gemüt die Bewunderung für die Kriegslorbeeren entstanden , die mich einst beseelte . War ich doch selber von Bedauern erfüllt gewesen , daß mir nicht , wie den Knaben , die Möglichkeit winkt , solche Lorbeeren zu pflücken , - konnte ich es nun einem Knaben verargen , daß ihn diese Möglichkeit mit Freude und mit Ungeduld erfüllte ? Und so antwortete ich denn nichts auf Ottos Klageruf , sondern setzte ruhig meine Lektüre fort . Ich las , wie gewöhnlich , eine Zeitung und diese war - auch wie gewöhnlich - mit Berichten vom Kriegsschauplatz gefüllt . » Da ist eine interessante Korrespondenz eines Arztes , der den Rückzug unserer Truppen mitgemacht hat ... soll ich laut lesen ? « fragte ich . » Den Rückzug ? « rief Otto . » Das möchte ich lieber nicht hören . Ja , wenn es die Geschichte vom Rückzug des verfolgten Feindes wäre - « » Es nimmt mich überhaupt Wunder « , bemerkte Friedrich , » daß jemand etwas von einer mitgemachten Flucht erzählt ; das ist eine Kriegsepisode , über welche die Beteiligten zu schweigen pflegen . « » Ein geordneter Rückzug ist noch keine Flucht « , fiel mein Vater ein . » Da hatten wir einmal im Jahre 49 - es war unter Radetzky - « Ich kannte die Geschichte und verhinderte deren Abrollung , indem ich unterbrach : » Dieser Bericht war an eine medizinische Wochenschrift eingesendet , daher nicht für militärische Kreise bestimmt . Hört zu . « Und ohne weiter um Erlaubnis zu fragen , las ich die Stelle vor : » - - Um vier Uhr fingen unsere Truppen zu retirieren an . Wir Ärzte waren noch vollauf beschäftigt mit dem Verbinden der Verwundeten - deren Zahl einige Hundert - welche noch der Abfertigung harrten . Plötzlich sprengte Kavallerie auf uns heran und stürmte neben und hinter uns über Hügel und Felder - gleichzeitig Artillerie- und Fuhrwesenwagen - gegen Königgrätz zu . Viele Kavalleristen stürzten und wurden von den nachstürmenden Pferden völlig zerstampft . Wagen fielen um und zerdrückten die sich dazwischen drängenden Fußgänger . Wir wurden vom Verbandplatze , der plötzlich verschwand , auseinandergeworfen . Man rief uns zu Rettet euch . Inmitten dieses Geschreies hörte man noch den Donner der Kanonen und Granatsplitter fielen in unsere Massen . So wurden wir von der Menge fortgedrückt , ohne zu wissen , wohin . Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen . Meine alte Mutter ... meine heißgeliebte Braut , lebt wohl ! ... - Plötzlich hatten wir Wasser vor uns ; rechts einen Eisenbahndamm , links einen Hohlweg , vollgestopft mit schwerfälligen Requisitions- und Verwundetenwagen , und hinter uns noch eine unabsehbare Reihe von Reitern . Wir wateten durch das Wasser . Jetzt kam Befehl , die Stränge der Pferde abzuschneiden , die Pferde zu retten und die Wagen zurückzulassen . Auch die Wagen mit den Verwundeten ? Ja - auch die . Wir Fußgänger waren der Verzweiflung nahe ; wir wateten wiederholt bis über die Knie im Wasser , in der Angst , jeden Augenblick niedergestoßen zu werden und zu ertrinken . Endlich gelangten wir in einen Bahnhof , der wieder ganz verrammelt war . Viele durchbrachen die Verrammlung , die anderen sprangen darüber hinweg - ich lief mit Tausenden Infanteristen hinterher . Jetzt kamen wir zu einem Fluß - durchwateten ihn ; dann sprangen wir über Palissaden , gingen abermals bis an den Hals über einen zweiten Fluß , kletterten über Anhöhen hinauf , sprangen über gefällte Bäume und langten um 1 Uhr nachts in einem Wäldchen an , wo wir vor Erschöpfung und Fieber niedersanken . Um 3 Uhr marschierten wir - das heißt ein Teil von uns , ein anderer Teil von uns mußte zurückbleiben , da zu sterben - marschierten wir , noch triefend vor Nässe und Kälte , weiter . Die Dörfer alle leer - keine Menschen , keine Lebensmittel , nicht einmal Trinkwasser - die Luft verpestet . Tote auf den zerstampften Getreidefeldern , kohlschwarze Körper , die Augen aus den Höhlen - - - « » Genug , genug ! « schrieen die Mädchen . » Solche Sachen sollte die Censur gar nicht erlauben « , bemerkte mein Vater . » Es könnte einem die Freude an dem Soldatenstand verleiden - « » Und besonders die Freude an dem Krieg , das wäre wirklich schade « , schaltete ich halblaut ein . » Überhaupt « , fuhr er fort , » die Fluchtepisoden sollten diejenigen , welche dabei waren , anständigerweise verschweigen , denn es ist wahrlich keine Ehre , ein allgemeines sauve qui peut mitgemacht zu haben . Der Wicht , der mit dem Rufe Rettet euch das erste Signal zum Reißaus gibt , sollte sofort niedergeschossen werden . Ein Feiger ruft es und tausend Tapfere werden dadurch demoralisiert und müssen mitlaufen . « » Gerade so « , entgegnete Friedrich , » wie wenn ein Tapferer Vorwärts ! ruft , tausend Feige voranstürmen müssen - und dabei auch wirklich von momentaner Tapferkeit durchglüht werden . Es lassen sich die Menschen überhaupt nicht so scharf in mutige und mutlose trennen ; sondern ein jeder hat seine mehr oder minder kouragierten , sowie mehr oder minder feigen Augenblicke . Und besonders , wo es sich um Scharen handelt , hängt jeder einzelne von dem Zustand seiner Gefährten ab . Wir sind Herdengeschöpfe und werden von Herdengefühlen beherrscht . Wo ein Schaf hinüberspringt , springen die anderen nach ; wo einer Hurrah schreiend voransprengt , schreien die anderen nachsprengend mit ; und wo einer die Flinte ins Korn wirft , um zu laufen , laufen die anderen auch . In dem einen Fall wird die tapfere Truppe laut gepriesen , im zweiten wird über ihr Vorgehen - geschwiegen , und es sind doch dieselben Leute . Ja , dieselben Menschen sind es , die je nach der Masseneinwirkung mutig oder mutlos sich gebärden und fühlen . Nicht als anhaftende Eigenschaften sind Tapferkeit und Furcht zu betrachten , vielmehr als Gemütszustände , gerade so wie Fröhlichkeit und Trauer . Ich bin während meines ersten Feldzuges einmal in den Wirbel einer solchen wilden Flucht geraten . In den offiziellen Aufzeichnungen des Generalstabs wurde das Ding zwar als wohlgeordneter Rückzug mit einigen Worten abgethan - es war aber eine richtige Deroute . Das tobte und kollerte und raste fort , in namenloser Verwirrung : die Waffen , die Tornister , die Tschakos und die Mäntel wurden weggeschleudert - kein Kammondowort mehr zu hören - keuchend , schreiend , verzweiflungsgepeitscht , stoben die aufgelösten Bataillone dahin , der nachsprengende und nachfeuernde Feind hinterher ... Das ist unter den vielen grausamen Phasen des Krieges die grausamste : wenn die beiden Gegner nicht als Kämpfer , sondern als Jäger und Wild fungieren . Hier kommt für den Jäger die roheste Mordlust , für das Wild die bitterste Todesfurcht zum Vorschein . Gehetzt und furchtgespornt , geraten die Verfolgten in eine Art Delirium ; all die anerzogenen Gefühle und Gesinnungen , welche den in den Kampf sich Stürzenden beleben - Vaterlandsliebe , Ehrgeiz , Thatendurst - die gingen dem Fliehenden verloren . Ihn erfüllt nur noch ein zu ganzer Gewalt entfesselter Trieb und zwar der heftigste , der ein lebendes Wesen beherrschen kann : der Selbsterhaltungstrieb . Dieser steigert sich - je näher die Gefahr - bis zum höchsten Paroxysmus der Qual . Auch wer solches niemals durchgemacht , kann - wenn anders er die Extasen der Liebeswonnen kennt - sich einen Begriff von jener Schmerzenswut machen . Was für den auf das äußerste aufgestachelten Gattungstrieb der Augenblick der Wollust ist , das ist für den Erhaltungstrieb - gleichgradig , nur auf dem anderen Ende der Skala - der Augenblick , da das erschöpfte Wild unter den Fängen der Meute zusammenbricht . « » Aber Tilling ! « kam es nun wieder in vorwurfsvollem Tone von Tante Marie - » Vor den Mädchen ! Worte wie Wol- « » Und vor einem Jüngling « , fügte mein Vater ebenso vorwurfsvoll hinzu , » vor einem angehenden Soldaten , Worte wie Todesfurcht - « Friedrich zuckte die Achseln : » Ich würde raten « , entgegnete er , » aus dem Lexikon vor allem das Wort Natur zu streichen . « Friedrichs Genesung machte sichere Fortschritte . Auch die fiebernde Welt draußen schien ihrer Gesundung näher zu kommen : immer öfter und immer lauter ward das Wort Friede gesprochen . Der Vormarsch der Preußen , welche auf ihrem Wege keinen Widerstand mehr fanden und welche über Brünn - dessen Schlüssel der Bürgermeister dem König Wilhelm überreicht hatte - ruhig gegen Wien zogen , dieser Vormarsch glich eher einem militärischen Spaziergang , als einem Kriegszug - und am 26 Juli wurde denn auch richtig zu Nikolsburg ein Waffenstillstand mit Friedenspräliminarien abgeschlossen . Eine große Freude erlebte mein Vater an der eingelaufenen Nachricht von Admiral Tegethoffs Sieg bei Lissa . Italienische Schiffe in die Luft gesprengt - der » Affundatore « zerstört : welche Genugthuung ! Ich konnte mich an dem Entzücken nicht so recht beteiligen . Überhaupt konnte ich nicht recht verstehen , warum - da Venetien doch schon abgetreten war - warum diese Seeschlachten überhaupt noch geliefert wurden . Aber so viel ist gewiß , über das Ereignis brach - nicht nur bei meinem Vater - sondern in allen Wiener Blättern , der hellste Jubel aus . Der Ruhm eines kriegerischen Sieges ist etwas durch Jahrtausende lange Tradition zu solcher Größe Aufgebauschtes , daß auf die Kunde eines solchen für das ganze Volk ein Stolzanteil entfällt . Wenn irgendwo ein vaterländischer General einen fremden General geschlagen hat , so wird jedem einzelnen Angehörigen des betreffenden Staates gratuliert , und da jeder hört , daß sich alle anderen freuen - was allerdings erfreulich ist - so freut sich schließlich in der That ein jeder . » Heerdengefühle « würde das Friedrich genannt haben . Ein anderes politisches Ereignis jener Tage war , daß sich Österreich nunmehr dem Genfer Vertrage anschloß : » Nun - bist Du jetzt zufrieden ? « fragte mein Vater , als er diese Nachricht gelesen ; - » siehst Du ein , daß der Krieg , den Du immer eine Barbarei nennst , mit der fortschreitenden Civilisation immer humaner wird ? Ich bin ja auch für das menschliche Kriegführen : den Verwundeten gebührt die sorgfältigste Pflege und alle mögliche Erleichterung ... Schon aus strategischen Gründen , welche schließlich in Kriegssachen doch das Wichtigste sind ; durch eine gehörige Behandlung der Kranken können sehr viele in kurzer Zeit wieder kampffähig und in die Reihen zurück versetzt werden . « » Du hast recht , Papa : wieder brauchbares Material - das ist die Hauptsache ... Aber nach den Dingen , die ich gesehen , kann kein rotes Kreuz ausreichen - und hätte es zehnmal mehr Leute und Mittel , - um das Elend abzuwehren , welches eine Schlacht im Gefolge hat - « » Abwehren freilich nicht , aber mildern . Was sich nicht verhüten läßt , muß man eben zu mildern trachten . « » Die Erfahrung lehrt , daß eine ausreichende Milderung nicht möglich ist . Ich wollte daher , der Satz würde umgekehrt : Was sich nicht mildern läßt , soll man verhüten ! « Es fing bei mir an , eine fixe Idee zu werden : Die Kriege müssen aufhören . Und jeder Mensch muß beitragen , was er nur immer kann , auf daß die Menschheit diesem Ziele - sei ' s auch nur 1 / 1000 Linie - näher rücke . Die Bilder wurde ich nicht mehr los , die ich da oben in Böhmen geschaut . Besonders des Nachts , wenn ich aus festem Schlafe auffuhr , fühlte ich jenes wunde Weh im Herzen , und zugleich im Gewissen eine Pflichtmahnung - als erteilte mir jemand den Befehl : » Verhindere , verhüte , duld ' es nicht ! « Erst wenn ich vollends wach geworden und mich besann , was ich war , kam mir die Einsicht meiner Ohnmacht : Was soll denn ich verhindern und verhüten können ? Da könnte mir einer ebensogut angesichts des flut- und sturmdrohenden Meeres befehlen : Duld ' es nicht ! Schöpfe es aus ! - Und mein nächster Gedanke war - besonders wenn ich seine Atemzüge hörte - war ein tiefglückliches : » Friedrich hab ' ich wieder « , und ich versenkte mich in diese Vorstellung , so lebhaft als nur möglich ; da legte ich den Arm um den neben mir Liegenden , auch auf die Gefahr , ihn aufzuwecken , und küßte ihn auf den Mund . Mein Sohn Rudolf hatte eigentlich recht , auf seinen Stiefvater eifersüchtig zu sein - dieses Gefühl war nämlich seit letzter Zeit im Herzen des Kleinen erwacht . Daß ich von Grumitz abgereist war , ohne ihm adieu zu sagen , daß ich bei meiner Rückkunft nicht zuerst ihn zu umarmen verlangt ; - daß ich überhaupt fast den ganzen Tag nicht von des Gatten Seite wich - das alles zusammengenommen hatte das arme Bürschchen veranlaßt , mir eines schönen Morgens weinend an den Hals zu sinken und zu schluchzen : » Mama , Mama , Du hast mich gar nicht mehr lieb ! « » Was sprichst Du für Unsinn , Kind ? « » Ja ... nur ... nur Pa-pa ... Ich ... ich will gar nicht ... groß werden , wenn Du mich ... nicht mehr magst ... « » Nicht mehr mögen ? Dich , mein Kleinod ! « - Ich küßte und herzte das weinende Kind . - » Dich , mein einziger Sohn , mein Stolz , meine Zukunftsfreude ! Ich habe Dich ja so , ich habe Dich ja über - nein , nicht über alles , aber so unendlich lieb . « Nach diesem kleinen Auftritt war mir die Liebe zu meinem Buben wieder lebhafter zum Bewußtsein gekommen . In der letzten Zeit war ich in der That von der Angst um Friedrich so sehr eingenommen gewesen , daß der arme Rudolf ein wenig in den Hintergrund gedrängt worden . Die Pläne , welche wir miteinander , Friedrich und ich , für die Zukunft schmiedeten , waren folgende : nach Beendigung des Krieges Austritt aus dem Militärdienst und Zurückziehung nach einem kleinen , billigen Ort , wo Friedrichs Obersten-Pension und meine Zulage genügen konnten , unseren kleinen Haushalt zu bestreiten . Wir freuten uns auf dieses einsame , selbstständige Beisammensein , wie ein Paar junge Verliebte . Durch die zuletzt durchgemachten Ereignisse hatten wir wieder so recht gelernt , daß wir uns gegenseitig die Welt bedeuteten . Der kleine Rudolf war übrigens aus dieser Gemeinschaft nicht ausgeschlossen . Seine Erziehung sollte als eine Hauptaufgabe unsere geplante Existenz ausfüllen . Nicht müßig und zwecklos wollten wir die Tage dahinleben ; da hatten wir unter Anderem eine ganze Liste von Studien aufgestellt , die wir gemeinschaftlich pflegen wollten . Unter den Wissenschaften war es namentlich ein Zweig der Rechtswissenschaft , nämlich das Völkerrecht , dem sich Friedrich ganz besonders zu widmen vornahm . Er beabsichtigte , fern von allen utopistischen und sentimalen Theorien , die praktische , die reale Seite des Völkerfriedens zu untersuchen . Durch die Lektüre Buckles - zu welcher ich ihm den Anstoß gegeben - durch die Bekanntmachung mit den neuesten naturwissenschaftlichen Errungenschaften , welche ihm durch die Bücher Darwins , Büchners und Anderer geoffenbart worden , hatte sich ihm die Überzeugung erschlossen , daß die Welt einer neuen Erkenntnisphase entgegen geht ; und diese Erkenntnis in möglichster Fülle sich anzueignen , das schien , ihm nunmehr - neben den Freuden der Häuslichkeit - Lebensinhalt genug . Mein Vater , der von unseren Absichten vorläufig nichts wußte , machte ganz andere Zukunftspläne für uns : » Du wirst jetzt ein junger Oberst sein , Tilling , und in zehn Jahren bist Du sicher General . Bis dahin wird schon wieder ein Krieg ausbrechen und Du kannst das Kommando eines ganzen Armeekorps - oder , wer weiß ? die Würde eines Generalissimus erlangen , und es wird Dir vielleicht das große Glück beschieden , Österreichs Waffen wieder zu ihrem vollen - momentan verdunkelten - Glanz zu verhelfen . Wenn wir einmal das Zündnadelgewehr , oder vielleicht noch ein wirksameres System eingeführt haben , dann werden wir die Herren Preußen schon drunter kriegen . « » Wer weiß , « meinte ich , » vielleicht wird die Feindschaft mit Preußen aufhören , vielleicht schließen wir einst mit ihnen ein Bündnis - « Mein Vater zuckte die Achseln : » Wenn nur Frauen nicht über Politik reden wollten ! « sagte er verächtlich . » Nach dem Vorgefallenen müssen wir die Übermütigen züchtigen , wir müssen den anektierten ( so nennen sie ' s - ich sage » geraubten « ) Staaten wieder zu ihrem zertretenen Recht verhelfen , das erfordert unsere Ehre und das Interesse unserer europäischen Machtstellung . Freundschaft - Allianz mit diesen Frevlern ? Nimmermehr . Außer sie kämen demütig gekrochen . « » In diesem Fall , « bemerkte Friedrich , » würde man wohl den Fuß auf ihren Nacken setzen ; Bündnisse sucht und schließt man nur mit Jenen , die einem imponieren , oder die gegen einen gemeinschaftlichen Feind Schutz leisten können . In der Staatskunst ist Egoismus das oberste Prinzip . « » Nun ja , « gab mein Vater zurück , » wenn das ego Vaterland heißt , so ist solchem Egoismus doch alles Andere unterzuordnen , so ist doch Alles erlaubt und geboten , was dem Interesse dieses Ichs dienlich erscheint . « » Es ist nur zu wünschen , « entgegnete Friedrich , » daß im Verkehr der Gemeinwesen dieselbe erhöhte Gesittung erlangt werde , welche im Verkehr der Einzelnen den rohen , faustrechtlichen Ich-Kultus verdrängt hat , und die Einsicht immer mehr Platz greife , daß die eigenen Interessen auch ohne Schädigung der fremden , vielmehr im Verein mit diesen , am wirksamsten zu fördern sind . « » Was ? « fragte mein Vater , die Hand ans Ohr legend . Natürlich mochte Friedrich seinen langen Satz nicht wiederholen und erläutern - und die Diskussion war zu Ende . » Ich komme morgen 1 Uhr nach Grumitz , Konrad . « Den Jubel kann man sich vorstellen , den diese Depesche bei Lilli hervorrief . So entzückt und freudig wird wohl kein anderer Ankömmling empfangen , wie einer , der aus dem Kriege heimkehrt . Freilich war es in diesem Falle nicht auch , wie es in den betreffenden Balladen und Kupferstichen am liebsten dargestellt wird : » die Heimkehr des Siegers « ; aber die menschlichen Gefühle der liebenden Braut ließen sich von den patriotischen nicht beeinträchtigen , und hätte Vetter Konrad die Stadt Berlin » genommen « - ich glaube , es hätte dies die Herzlichkeit von Lillis Empfang nicht zu steigern vermocht . Ihm natürlich wäre es lieber gewesen , wenn er mit siegenden Truppen heimgekehrt wäre ; wenn er dazu beigetragen hätte , seinem Kaiser die Provinz Schlesien zu erobern . Indessen : überhaupt sich geschlagen zu haben ist ja für den Soldaten schon eine Ehre , auch wenn er der Geschlagene - ja sogar der Gefallene ist ; Letzteres ist ganz besonders rühmlich . So erzählte Otto , daß in der Wien-Neustädter Akademie auf einer Ehrentafel die Namen aller jener Zöglinge eingetragen sind , welchen der Vorzug zu teil wurde , vor dem Feinde zu bleiben . » Tué à l ' ennemi « , sagt man in Frankreich , und es ist dies dort zu Lande - wie überall - eine , besonders bei den Ahnen , sehr geschätzte Eigenschaft . Je mehr man in seiner Familie Vorfahren aufweisen kann , die in Schlachten - gleichviel ob gewonnenen oder verlorenen - ihr Leben gelassen haben , desto stolzer ist der Enkel darauf , desto mehr Wert kann er auf seinen Namen , desto weniger Wert darf er auf sein Leben legen . Um sich getöteter Ahnen würdig zu zeigen , muß man an der Töterei - an der aktiven und passiven - seine helle Freude haben . Nun , desto besser , daß , so lange es Kriege gibt , doch auch Leute vorkommen , welche darin Erhebung , Begeisterung , ja sogar Genuß finden . Die Zahl solcher Leute wird jedoch täglich geringer , während die Zahl der Soldaten täglich größer wird ... wohin muß das endlich führen ? Zur Unerträglichkeit . Und wohin führt diese ? So weit dachte Konrad nicht . Seine Auffassung stimmte noch vortrefflich zu der bekannten Lieutenantsarie aus der weißen Dame : » Ha , welche Lust , Soldat zu sein , ha , welche Lust ... « Wenn man ihn reden hörte , konnte man ihn förmlich um die Expedition beneiden , welche er eben mitgemacht . Mein Bruder Otto war auch von solchem Neide ganz erfüllt . Dieser aus der Blut- und Feuertaufe zurückgekehrte Krieger , der in seiner Husarenuniform von jeher schon so ritterlich ausgesehen und jetzt auch noch mit einer ehrenvollen Schramme über das Kinn geziert war , der mitten im Kugelregen dringewesen , der vielleicht so manchem Feind den Garaus gegeben - der erschien ihm jetzt von einem heldenhaften Nimbus umstrahlt . » Es war keine glückliche Campagne , das muß ich zugeben , « sprach Konrad , » dennoch habe ich ein paar herrliche Erinnerungen davon mitgebracht . « » Erzähle , erzähle , « drängten Lilli und Otto . » Ich kann da nicht viel Einzelheiten erzählen - das Ganze liegt hinter mir wie ein Taumel ... das Pulver steigt einem ganz sonderbar zu Kopfe . Eigentlich beginnt der Rausch oder das Fieber - das kriegerische Feuer mit einem Wort - schon beim Abmarsch . Zwar ist der Abschied vom Liebchen schwer gefallen - es war das eine Stunde , welche das Herz mit weichem Weh erfüllte - aber wenn man einmal draußen ist , mit den Kameraden , dann heißt es : jetzt wird an die höchste Aufgabe gegangen , welche das Leben an den Mann stellen kann , nämlich das geliebte Vaterland verteidigen ... Als dann die Spielleute den Radetzky-Marsch intonierten und die seidenen Falten der Fahnen im Winde flatterten : ich muß gestehen , in diesem Augenblick hätt ' ich nicht umkehren mögen - auch in den Arm der Liebe nicht ... Da fühlte ich , daß ich dieser Liebe nur dann würdig wäre , wenn ich da draußen an der Seite der Brüder meine Pflicht gethan ... Daß wir zum Siege marschierten , bezweifelten wir nicht . Was wußten wir von den abscheulichen Spitzkugeln ? Die allein waren an den Niederlagen schuld - ich sag ' euch , die schlugen in unsere Reihen ein wie Hagel ... Und auch schlechte Führung hatten wir - der Benedek , ihr werdet sehen , wird noch vor ein Kriegsgericht gestellt ... Attakieren hätten wir sollen ... Wenn ich jemals Feldherr würde - meine Taktik wäre : angreifen , immer angreifen , » das Präveniere spielen « , ins feindliche Land einfallen ... Das ist ja auch nur eine Art , und zwar die schwerere , der Verteidigung : Muß es sein - komm zuvor , komm zuvor , Im rücksichtslosen Angriff liegt der Sieg . « sagt der Dichter . - Doch das gehört nicht hierher : mir hatte der Kaiser den Oberbefehl nicht übergeben , also bin ich auch an den taktischen Mißerfolgen unschuldig - - die Generäle sollen sehen , wie sie sich mit ihrem obersten Kriegsherrn und wie mit ihrem eigenen Gewissen abfinden - wir Offiziere und Truppen haben unsere Pflicht gethan ; es hieß sich schlagen , und wir haben uns geschlagen . Und das ist ein eigenes Hochgefühl ... Schon die Erwartung , schon diese Spannung , wenn man auf den Feind stößt und wenn es heißt : jetzt geht es los ... Dieses Bewußtsein , daß in dem Augenblicke ein Stück Weltgeschichte sich abspielt - und dann der Stolz , die Freude am eigenen Mut - rechts und links der Tod , der große , geheimnisvolle , dem man männlich trotzt - « » Ganz wie der arme Gottfried Tessow « , murmelte Friedrich für sich ... » nun ja - es ist ja dieselbe Schule - « Konrad fuhr mit Eifer fort : » Das Herz schlägt höher , die Pulse fliegen , es erwacht - und das ist die eigentliche Verzückung - es erwacht die Kampflust , es lodert die Wut - der Feindeshaß - zugleich die brennendste Liebe für das bedrohte Vaterland , und das Voranstürmen , das Dreinhauen wird zur Wonne . Man fühlt sich in eine andere Welt versetzt , als die , in der man aufgewachsen , eine Welt , in der alle die gewohnten Gefühle und Anschauungen in ihr Gegenteil verwandelt worden sind : das Leben wird zum Plunder , Töten wird zur Pflicht . Die Ehre , das Heldentum , die großartigste Selbstaufopferung sind allein noch übrig , alle anderen Begriffe sind in dem Gewirre untergegangen . Dazu der Pulverdampf , das Kampfgeschrei ... ich sage euch , es ist ein Zustand , der sich mit nichts Anderem vergleichen läßt . Höchstens kann einem dieses selbe Feuer auf der Tiger- oder Löwenjagd durchlodern , wenn man der wildgewordenen Bestie gegenübersteht und - « » Ja « , unterbrach Friedrich , » der Kampf mit dem toddräuenden Feind , der heiße , sehnende und stolze Wunsch , ihn zu überwinden , erfüllt mit einer eigenen Wollust - pardon , Tante Marie - wie ja alles , was das Leben erhält oder weitergibt , von der Natur durch Freudenlohn gesichert wird . So lange der Mensch von wilden - vier- und zweibeinigen - Angreifern bedroht war und sich nur durch Erlegung derselben das Leben fristen konnte , ward ihm der Kampf zur Wonne . Wenn uns Kulturmenschen im Kriege mitunter noch dieselbe Lust durchrieselt , so ist dies eine angeerbte Reminiscenz . Und damit jetzt , wo es in Europa weder Wilde noch Raubtiere gibt , uns jene Wonne nicht ganz entgehe , haben wir uns künstliche Angreifer geschaffen . Da heißt es : Paßt auf : ihr habt blaue Röcke und die dort drüben haben rote Röcke ; sobald dreimal in die Hände geklatscht wird , verwandeln sich für euch die Rotröcke in Tiger , während für jene ihr Blauröcke zu wilden Bestien werdet . Also Achtung :