, eine fanatische Sehnsucht in die Ferne hinein . Wenn er sich jetzt in den ersten besten Zug warf und hinausfuhr , war er all ' den dummen , rüden Krempel los , hatte er alle diese abgeschmackten Lügen hinter sich , verschwamm Alles , schlug Alles zusammen hinter ihm . Da war die Thür . Eine Pforte zu auch einer Zukunft . Er schüttelte wehmütig den Kopf . Ach ! Er stak zu tief , zu tief im Schlamme dieses verworrenen Lebens . Nun wollte er nach Hause gehen , endlich nach Hause , auf dem kürzesten Wege . Er bog in eine schmale Gasse ein , die an ihrem Ende breiter wurde . Da links war eine Lücke , wenigstens eine Art von Lücke , eine auffällige Unterbrechung . Ein Haus wurde abgerissen . Einen wüsten Schutthaufen gab ' s , grauschwarz nahm sich ' s in der falben Monddämmerung aus , Balkenköpfe ragten aus dem massiven Wirrwar mit den stumpfen Grenzen ihrer plumpen Formen heraus , verschiedene wie geschundene Mauerreste standen herum , herabfaserndes Rohrwerk lugte aus einer verwinkelten Hausecke . Und da war auch noch eine Tapete sichtbar , eine grünschwarze Tapete . Adam war über die Barrière , in deren Mitte eine trübe , verschlafene Oelfunzel blinzelte , geklettert und versuchte , sich so weit als möglich der Wand zu nähern . Es war ihm ein ungestümes Zucken , ein nervöses Prickeln in den Fingern , es trieb und zwang ihn unwiderstehlich , die Tapete zu betasten . Aber der Schutt war zu hoch und zu rissig , zu klüftig , er mußte umkehren . Und da kam ihm der Gedanke : wie sieht die Tapete in deinem Arbeitszimmer aus - ? Er besann sich , besann sich , er konnte sich der Farbe nicht erinnern . Der Gedanke , die dumme , einfältige Frage hatte ihn gepackt und ließ ihn nicht wieder los . Sie keilte sich fest in seinem Gehirne . Er dachte nichts anderes mehr , er fragte sich nur immer und immer wieder nach der Tapete in seinem Arbeitszimmer ... wie sie aussähe ... wie sie aussähe ... wie sie aussähe - diese Tapete ... diese Tapete ... diese Tapete ... ? So lief er weiter , seiner Wohnung zu , je näher er ihr kam , um so mehr eilte er , die Schwere seiner Glieder war noch gewachsen , sie war fast unerträglich geworden , seinen Kopf fühlte Adam wie eine schwere , amorph verquollene Masse , er glaubte , ein dumpfes , knurrendes Kreisen in seinem Schädel zu verspüren , Alles war in ihm erstorben , todt , wie aufgesogen von dem Einen , das er wie eine materielle Last in seinem Gehirn empfand ... wie aufgesogen von der Frage , die immer wiederkam und ihn ganz ausfüllte - von der Frage nach der Farbe seiner Tapete ... Und er lief weiter in die Nacht hinein und keuchte halblaut vor sich hin : Tapete ... Tapete ... Tapete ... Nun stand er vor dem Hause , in dem er wohnte . Er sah unwillkürlich zu seinen Fenstern hinauf . Oben war Licht . Adam schrak zusammen . Wer war da oben ? Wer war in seinem Zimmer ? Wer erwartete ihn da ? Wer ? Wer ? Wer ? Wer lauerte auf ihn ? Ah ! Das Unglück ! Jawohl , das Unglück , das er schon den ganzen Abend über geahnt hatte ! Oder der Tod ? Oder der Wahnsinn ? Wer saß da hinter diesen blaßerleuchteten Scheiben ... auf einem Fauteuil ... auf dem Sopha ... irgendwo in seinem Zimmer - ? Wer kauerte unter dem Tische , auf dem Teppich ? Wer ? Wer ? Wer - ? Aber es konnte ja nicht sein . Es war eine Täuschung . Er schlich sich über den Fahrdamm , leise , ganz leise , als ob ihn Keiner hören sollte ... auch jener Unbekannte nicht , der da oben hinter den blaßerleuchteten Scheiben saß , auch jener unbekannte Gast nicht ... und schaute noch einmal empor . Aber der matte falbe Lichtschein blieb , er blieb , in derselben discreten Stärke , in derselben monotonen Gleichmäßigkeit , er blieb und blieb ... und blieb ... und kein Schatten lief dort oben hinter den Scheiben vorbei ... Adam athmete tief auf . Er fürchtete sich wohl noch ? War er denn ein Mann oder ein schlottriger Bube ? Mochte ihn doch dort oben erwarten , wer wollte , wer Lust dazu hatte - ha ! er fürchtete sich nicht , gewiß nicht ... er würde jetzt hinaufgehen und sich mit eigenen Augen überzeugen ... und dem Eindringling entgegentreten ... und sich ihm zum Kampfe stellen , wenn ' s sein mußte - ja ! - wenn ' s sein mußte - Adams Hände zitterten doch stark , als er das Schlüsselloch suchte . Nun ging er die Treppen in die Höhe , langsam , schwer athmend , immer langsamer , er schleppte sich hinauf , es lag eine dumpfe , schwere , unabwälzbare Furcht auf ihm . Die Heimchen zirpten , auf den Stufen winselten blauschwarze , schwindsüchtige Mondscheinschatten . Nun stand er auf dem Corridor , dicht vor seiner Thür . Er horchte . Es war Alles still , Alles todtenstill hinter dieser Thür . Nichts regte sich , bewegte sich . Adam athmete schwer . Ein eingekrallter Druck würgte an seiner Kehle . Ha ! Fürchtete er sich denn immer noch ? Nein ! Nein ! Er brauchte ja bloß diese Thür aufzureißen ... und er wußte , wer ihn erwartete ... er sah Den , der die Hände nach ihm ausstreckte ... Es war zum Todtlachen ! Er fürchtete sich ! Und jetzt plötzlich kam ihm der Gedanke an die Tapete wieder , an die Farbe seiner Tapete . Ha ! Was ging ihn der an , der da hinter dieser Thür saß und ihn erwartete ? Nichts ! Nichts ! Er wollte ja nur wissen , wie die Tapete in seinem Zimmer aussähe - es war das Einzige , was ihn noch auf der weiten , weiten Welt interessirte - Alles andere war ihm so gleichgültig , so furchtbar gleichgültig - - und wenn der Tod ... und wenn der Wahnsinn ... und wenn irgend ein Unglück mit fletschenden Zähnen hinter dieser Thür saß und auf ihn lauerte - was verschlug ' s ? Ha ! War denn das nicht schon der Wahnsinn , diese Wuth , die in ihm brannte und biß und fraß , diese Wuth , die Farbe seiner Tapete , auf die er sich nun einmal nicht besinnen konnte , zu erfassen ? War denn das nicht schon der pure , blanke Wahnsinn ? Also denn los ! Bebend legte Adam die Hand auf die Klinke und riß die Thür auf . Das Zimmer lag in stillem Frieden . Auf dem Tische brannte ruhig die Lampe . Auf dem Sopha saß Emmy . Sie war gegen die Lehne zurückgesunken und schlief . Langsam und ruhig , tief , sicher , gesund ging ihr Athem . Auf dem Tische lag ein aufgeschlagenes Buch . Adam zog die Thür mechanisch hinter sich zu und blieb dicht an der Schwelle stehen . Mit großen , starren Augen schaute er auf die friedliche Idylle hin , die in klaren Linien , in scharfer Plastik vor ihm lag . Ein Fenster war offen , ein warmer Nachthauch säuselte flüsternd herein , leise knisterte das Licht der Lampe . Adam athmete tief auf . Er nahm den Hut ab und fuhr sich mit der linken Hand über Augen und Stirn . Es war ihm , als glitte Etwas von ihm nieder , fiele von ihm ab , er glaubte , eine wirkliche , gegenständliche Erleichterung zu verspüren , er war physisch entlastet , er fühlte sich plötzlich freier und beweglicher , seine Glieder waren flüssiger geworden . Der Spuk , vor dem er sich wie ein unmündiger Knabe gefürchtet , vor dem er gezittert , war zerronnen , er war gerettet . Ein unendlich wohlthuendes Gefühl der Geborgenheit kam über den Gefolterten und Abgehetzten . Adam stand immer noch dicht an der Schwelle . Unwillkürlich scheute er sich , durch das Zimmer zu gehen , er wollte Emmy , die tief und fest zu schlafen schien , nicht aufwecken , er sog sich fest an dem Bilde , das sein Auge schaute , sog sich fest mit der heißen , intimen , ungestümen Dankesinbrunst des Geretteten . Er fürchtete , durch einen lauten , zu lauten Schritt die holde Phantasie zu verscheuchen - und dann , das wußte er , war er ja wieder ihr verfallen , der zerschnürenden Furcht - und ihm , dem zerwühlenden Wahnsinn . Nun wurde Emmy unruhig . Das in ihre Umgebung neu eingetretene Moment lockerte wohl die Decke ihres Schlafes . Ihr Kopf rutschte einige Male , wie suchend , wie in der Absicht , sich zu entwirren und sich einem anderen , dem wirklichen Leben wieder anzupassen , hin und her , der Mund , der vorher ein klein Wenig geöffnet gewesen , schloß sich , nun schlug sie die Augen auf , noch einmal fielen die Lider nieder , jetzt wurden sie abermals mit jähem Rucke emporgezogen , die weit geöffneten Augen starrten Adam wie eine fremde , unheimliche Erscheinung an . Das Weib schnellte empor , sank wieder zurück - : » Adam ! - Mein Gott ! Ich habe wohl geschlafen - ? Aber Du bist lange geblieben - ! - Wo bin ich denn nur - ? - « » Bei mir , Emmy - und ich danke Dir , daß Du hier bist - « Das hatte Adam in fast feierlichem Tone gesprochen . Er war mit steifen , correcten Schritten durch das Zimmer geschritten , als wäre er zum Automaten eingedrillt . Emmys Blicke waren erstaunt seiner Curve gefolgt . Es lag ein stummer Schrecken , der sich nur noch nicht ordentlich hervorwagte , in ihren Augen . » Ich habe lange auf Dich gewartet - « begann sie leise , zaghaft - » sei mir nicht böse , Adam - nachher bin ich wohl eingeschlafen - ich hatte erst gelesen - aber ich hatte keine Ruhe mehr - Du hättest doch ' mal zu mir kommen können , Du Böser - « Adam stieß ein rauhes , gezacktes , blechernes Lachen aus : » Ah ! zur Mätresse dieses - dieses - na ! wie heißt denn der Bengel - ? - also na ja ! - Was ? hä ! das wäre famos gewesen ! ... Da mußt Du Dir aber andere Liebhaber aussuchen , Zerlinchen ! ... Ich bin zu gut für so ' ne verfluchte Hurenbagage , wie Ihr alle zusammen - - « » Adam ! Mein Gott ! was ist Dir denn- ? Ist Dir was passirt - ? Und was starrst Du denn die Tapete so an ? Mein Gott ! Das ist ja furchtbar - Du bist ja - - Adam - ! « Emmy war aufgesprungen und stand jetzt zwischen der einen Sophalehne und dem Tische . Sie war blaß geworden , zitterte und mußte sich rechts und links mit den Händen festhalten . Aus der Tiefe des Zimmers schlich Adam auf den Zehen der Wand zu . Der Leib war vornübergebeugt , der Kopf zwischen die Schultern gezogen , die ganze Gestalt trug die krampfhafte Gespanntheit eines Irrsinnigen . Zufällig war sein Blick vorhin auf die Tapete über dem Sopha gefallen , war einen Moment dort haften geblieben . Und da war die Erinnerung aufgezuckt und hatte ihm den Gedanken zurückgebracht , der ihn auf seiner Irrfahrt so müde gehetzt . Ha ! das war ' s ja ! Das hatte er ja wissen wollen - alles Andere - die Furcht vor dem dunklen Etwas , das da oben auf ihn lauerte , war ja nichts gewesen - nichts - nichts - gar nichts - gegenüber dieser fürchterlichen Neugier auf die Farbe seiner Tapete ... Und nun hatte er die Tapete vor sich . Ha ! Die Bestie konnte ihm nun nicht mehr entschlüpfen , er würde sie schon kriegen - ha ! jetzt mußte sie Farbe bekennen - jetzt war sie geliefert ! - Nichts half ihr mehr - nichts - ! - Emmy wollte sich Adam entgegen werfen . Er schleuderte sie auf die Seite und stürzte sich auf die Wand . Mit geballten Fäusten trommelte er wie ein Verrückter auf der Tapete herum , daß es verschlucktdumpf von der Steinmauer widertönte , er krallte die Fingernägel ein und kratzte gerippte Fetzen herunter . Seine Hände schmerzten ihm nicht , seine Augen waren weit aufgerissen und brannten in unstäter Flamme . » Ha ! Also diese dummen , lehmgelben Fratzen hast du , Bestie - und drunter ein so blödes , schauderhaftes Grau - ha ! wie diese schönen gelben Blätter und Ranken - und - und die kleinen niedlichen Figürchen - - na ja ! - na ja ! - - hahaha - ach ! - diese Mätzchen - hähähä - diese Mätzchen - und - und ... d- d- d- da - b ... b ... bildet sich - bildet sich ... hähähä ... es ist zum Todtschreien - Todtschreien - Todtschreien - Todtschreien - zum Todtschreien ! - na ja ! na ja ! - denke du - du Weib ! - Weib ! - Weib ! nun denke ' mal : da bilden - bilden sich diese bezechten Ara - arab ... b ... b ... b ... besten noch was druf in - zu dumm ! - zu dumm ! - und das ist also das Ganze - ach ! ach - mir ist grenzenlos elend ums Herz - das ... das Denken hat sie mir verbrannt - die verfluchte Bestie - und nun ist ' s wieder ' mal nischt - nischt - gar nischt - - - ab - so - lut nischt ! Ach ! Ist das langweilig - - « Adam sickerte sich aus , verstummte nun , schob stöhnend die Arme über einander , preßte sie taumelnd gegen die Wand und legte den Kopf darauf , als wäre er müde , todtmüde , als wollte er von all dem elenden , verwirrenden Lebenskram nichts mehr hören und sehen - Emmy hatte sich gefaßt . Zuerst war sie von einer lähmenden Furcht befallen worden . Die Worte waren ihr im Munde stecken geblieben , sie hatte diese Scene eines unzweifelhaften Irrsinns nicht unterbrechen können . Nun raffte sie sich auf - wie gut war es doch , daß sie hier war , daß sie ihrem Drange , Adam zu sehen und zu sprechen , ob er sie gestern auch impertinent genug behandelt hatte , doch noch nachgegeben ! Sie zuckte zusammen bei dem Gedanken , wie furchtbar es gewesen wäre , würde Adam heute allein , sich selbst überlassen geblieben sein . Leise trat sie zu ihm hin : » - Komm , Adam ! Sei wieder gut ! Du bist krank - Du hast Fieber - was geht Dich die dumme Tapete an ! Komm ! Setz ' Dich hierher aufs Sopha - komm ! - neben mich ... Du bist so heiß - soll ich Dir kalte Umschläge machen - ? Du wirst sehen : es wird bald besser werden , wenn Du Dich nur ruhig hältst ... Und siehst Du : ich bleibe bei Dir - ja - ? Willst Du - ? « Sie hatte den Kranken sanft bei den Armen gefaßt und aufs Sopha gezogen . Müde , ganz entkräftet und haltlos lehnte Adam das Haupt zurück . Er schloß die Augen . Er fühlte sich unsäglich elend , er hätte weinen mögen , nun schluchzte er leise auf . Und doch war es ihm ein liebes , stilles Trostgefühl , daß Emmy in seiner Nähe war . Die hatte das Fenster geschlossen und die Vorhänge zusammengezogen . Nun ging sie nach dem Schlafzimmer hinüber und suchte nach Leinen für die kalten Umschläge . Sie kam mit dem Waschbecken zurück , rückte einen Stuhl neben das Sopha und begann ihr Liebeswerk . Die » Sünderin « war zur Samariterin geworden . Allmählich wurde Adam ruhiger , das unendlich wohlthuende Gefühl der Geborgenheit kam wieder über ihn . Er träumte leise vor sich hin , schlief wohl öfter auch einmal eine kleine Weile , dann sickerte er wieder zum Leben , zum annähernden Begreifen seiner momentanen Lage zurück . Einmal flüsterte er » Leni « vor sich hin . Emmy hatte sich neben ihn gesetzt , sie sah ihn mit ihren großen , dunklen Augen traurig an , manchmal strich sie leise , liebkosend mit ihrer kleinen , glatten , kühlen Hand über seine Stirn oder ließ diese kleine , feste , kühle Hand seiner Hand , die immer wieder nach ihr suchte ... Die liebe Trösterin hatte das Buch wieder vorgenommen und las ab und zu ein paar Zeilen . Oefter blinzelte sie Adam von seiner verdämmerten Sophaecke aus an und genoß mit leisem Behagen die hellen , klaren Linien ihres schönen Profils . Da sie ihn alle verlassen hatten , war ihm die » Sünderin « treu geblieben . Nun tickte es ihn aber doch nieder , verhalten war ihm der arge Gedanke gekommen , er konnte ihn nicht unterdrücken , nicht hinunterschlucken , mit einem matten , ironischen Lächeln begann er : » Du bist wohl eigentlich gekommen , Emmy - - Du hast wohl gedacht - - ja ! siehst Du - dazu bin ich heute nun doch zu schwach - haha - ich - ich - na ! warte nur - wir holen ' s nach , mein Liebchen - « » Aber Adam - ! Was fällt Dir ein - ! « » Nu ja ! Gestern habe ich Dich doch so quasi ' rausgeschmissen - und heute kommst Du - aber es ist doch brav von Dir , Du armes , verrathenes Kind - brav - na warte ! - morgen - morgen - - « » Sei still , Adam ! Thu ' mir den Gefallen ! Wir reden morgen davon ... Aber willst Du nicht lieber zu Bett gehen - ? Hier kannst Du doch nicht bleiben ... Ja ? - Komm ! Ich führe Dich hinüber ... Nachher rücke ich mir ' n Sessel neben Dein Bett und wache bei Dir ... Das ist das Beste - komm ! « Adam gab nach . Es war ihm auch so gleichgültig , was mit ihm geschah . Emmy brachte ihn zu Bett . Sie war um ihn herum , wie eine Mutter , die ihr krankes Kind wartet und pflegt und besorgt in sichere Hut birgt . Mit feiner Discretion , mit tactvollster Gewandtheit brachte sie den Erschöpften auf sein Lager zur Ruhe . Dann zog sie einen Fauteuil neben sein Bett und setzte sich zu ihm . Leise küßte sie ihn auf die Stirn und gab seinen heißen , schweißigen , teigigen Fingern ihre kleine , glatte , kühle , feste Hand zurück . » Nun schlaf ' süß , Geliebter , und träume von mir - « flüsterte sie ihm leise zu und fühlte , wie sie erröthete . Wie gut war es , daß er sie nicht sah und nicht dieses Erröthen bemerkte ! Adam lächelte matt . Schon zogen die letzten verworrenen Tagesgedanken von ihm . Bald war er eingeschlafen . Leise entzog sie ihm ihre Hand und lehnte sich zurück . Allerlei buntes Zeug schwirrte und flog noch durch ihren Kopf , sie starrte noch eine Weile vor sich hin in die dämmrige Nacht . Dann fielen auch ihr die Augen zu . - Draußen huschten die ersten , scheuen Frühlichter über den Horizont . - XIX. Als Adam erwachte , lag die Sonne in breiten Licht-und Wärmemassen im Zimmer . Die Luft war schwül , schweißdurchdünstet . Adam hob den Kopf aus den Kissen und sah sich um . Allmählich kehrte ihm die Erinnerung zurück , er entsann sich , wie es gekommen war , daß Emmy da im Sessel , kaum einen Schritt von ihm entfernt , saß und schlief . Ach ja ! Das war gestern ein böser Tag gewesen und ein wüster Abend . Aber nun war der Spuk verflogen , das kleine Weib da hatte seine letzten schwarzen Schatten zu verscheuchen gewußt . Adam fühlte sich heute wohler , im Ganzen gestärkt und gekräftigt , wenn er auch noch eine träge Schwere und Mattigkeit in den Gliedern verspürte und einen heftigen Schmerz im Hinterkopf . Auch das Genick war steif geworden , jede Bewegung zuckte stechend in den Schläfen nach . Adam beschloß , leise aufzustehen . Die Zeit lief auf Neun , es war also schon spät genug . Aber Emmy konnte noch ruhig weiter schlafen . Ihr Athem ging tief und langsam . Der Kopf ruhte in halber Wendung nach links zwanglos an der Lehne , auf der Stirn standen ein paar kleine Schweißtropfen . Die Decke war ihr von den Knieen auf den Teppich hinabgeglitten , die obersten Knöpfe des Kleides waren ihren Oeffnungen entschlüpft , discret schimmerte das Weiß vom Spitzenbesatze des Hemdes durch den schmalen Spalt . Adam erhob sich , kleidete sich nothdürftig an und schlich nach seinem Arbeitszimmer hinüber . Er öffnete das Fenster , unten auf der Straße trieb rüstig das Leben . Da drüben auf der anderen Seite hatte er gestern Abend ... hatte er heute Nacht gestanden , und nach hier hinaufgestarrt . Und jetzt lag der helle Tag da unten , und allerlei buntes Menschenvolk zog an der Stätte vorüber , da er noch vor ein paar Stunden - denn länger war ' s doch nicht her - gestanden , mutterseelenallein gestanden , mutterseelenallein in der schweigenden Nacht . Und doch dünkte es ihn , es wäre das schon lange , lange her , viele , viele Jahre . Er war heute ein so ganz Anderer , wohl war kaum das Bewußtsein intimer Fülle in ihm , aber doch durchzitterte es ihn wie eine Ahnung , daß es in ein anderes Geleise eingelenkt . Dies und das kam noch zu ihm in seiner stillen Morgenschau an losen Erinnerungen , die Erlebnisse der jüngsten Tage mitbrachten . Hui ! Er war ja auch Bräutigam , glücklicher Bräutigam ... und das war jedenfalls das Curioseste von Allem , worauf er sich in dieser Stunde besinnen mußte . Nun bestellte er sich seinen Kaffee und machte Toilette . So viel Zeit war gar nicht mehr übrig . Um elf Uhr fuhr der Zug , mit dem Lydia abreisen wollte - und - nein ! ... es ging wohl doch nicht an , daß er die Abschiedsscene versäumte . Er mußte sich schon bei Zeiten an den obligaten Biß in den bewußten saueren Apfel gewöhnen . Da schlug die Glocke der elektrischen Klingel heftig an . Adam horchte erstaunt auf . Das mußte etwas Besonderes zu bedeuten haben . Im nächsten Augenblick wurde auch schon die Thür seines Zimmers aufgerissen und Hedwig stürzte herein . Adam war nicht im Stande , ein Wort hervorzubringen . Er starrte das Weib an , das todtenblaß , keuchend , mit fliegenden Gliedern , verstörten Mienen , unstet umherirrenden Augen vor ihm stand . Er sprang nicht hinzu , als Hedwig jetzt schwankte , zusammenbrechen zu müssen schien und sich nur noch im letzten Augenblick am nächsten Thürpfosten festklammerte . » Adam - ! « stieß sie aufstöhnend heraus - » mein Gott - ! ich kann nicht mehr - daß ist zu viel - mein Vater - o Gott ! - mein armer Vater ist - ist - todt ... oh - - « Das Aufkreischen der Stimme bei dem Worte » todt « riß Adam aus seiner Erstarrung . Zuerst wußte er nicht , was dieser kurze , schneidende Laut ihm sagen sollte , jetzt wurde ihm sein Inhalt plötzlich klar - nein ! das war ja nicht möglich - nicht möglich - » Hedwig - ! Besinne Dich - ! O Gott ! Das kann ja nicht sein - kann ja nicht sein - « » Todt - ! « wiederholte das Weib nur , leise , dumpf , der Kopf war haltlos auf die Brust herabgesunken , die groß aufgerissenen Augen stierten vor sich hin - Adam war zu Hedwig hingetreten - » komm - ! « sagte er leise - » besinne Dich , Hedwig - ! Das ist ja nicht möglich - komm zu Dir - hier setz ' Dich nieder - soll ich Dir ' n Schluck Wasser bringen - es ist nur so warm - oder etwas Rum - ich habe auch Portwein - warte - « » Nein - ! nein - ! Laß doch , Adam , laß doch - ! « wehrte Hedwig mit merkwürdig hastiger , eindringlicher , im Ton ganz veränderter Stimme ab - Adam rollte den Sessel in ihre Nähe . Dabei bemerkte er , daß Emmy ' s Hut auf dem Plüschsitze lag . Das war doch recht fatal . Aber schon hatte er den Hut , ohne daß er es eigentlich gewollt hätte , ergriffen und auf den Tisch gelegt . Hedwig war mechanisch seinen Bewegungen gefolgt . » Was hast Du da - ? « fragte sie mit rauher , zerrissener Stimme . In diesem Augenblick schlug Emmy die Portière auseinander und trat ein . Adam sah sich halb unwillig , halb erfreut nach ihr um . » Ah ! Auch das noch - ? « schrie Hedwig auf und schlug die Hände vor die Augen . Sie schwankte . Adam und Emmy stürzten hinzu , hielten sie auf und legten sie langsam , behutsam in den Sessel . Das arme Weib schluchzte einmal tief auf , dann sank es zusammen . » Schnell Eau de Cologne her - ! « rief Emmy und rieb der Ohnmächtigen Schläfen und Stirn ein , als Adam das Wasser gebracht hatte . Nach einer Weile kam Hedwig wieder zu sich und schlug die Augen auf . Mit jähem Schrecken erkannte sie ihre Umgebung , erkannte sie Emmy neben sich - sie wollte sich emporraffen , sie hastete mit den Händen an den Lehnen hin und her - » gehen Sie - ! lassen Sie mich - ! « stöhnte sie - » rühren Sie mich nicht an - « » Na ! hab ' Dich nur nicht so - ! « fuhr es Adam barsch heraus , dem die ganze Scene schon sehr unbequem geworden war . Er drehte sich ein Wenig ab und setzte das Glas Portwein , das er in der Hand gehalten , unwillig auf den Tisch . Emmy war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten . Sie sah Adam traurig-fragend an , sie wußte nicht , ob sie bleiben oder gehen , ob sie die beiden allein lassen sollte , oder - oder - ? - sie war ganz rathlos . Das arme , gefolterte Weib da vor ihr im Sessel that ihr sehr leid , sie erkannte es aus der Engler ' schen Weinkneipe wieder , sie fühlte sich zu ihm hingezogen , sie sagte sich , daß Adam Beziehungen , jedenfalls sehr intime Beziehungen zu ihm hätte - und wie ein Gefühl von Haß ... von Haß - wie ein heißes , wüthendes Erpichtsein auf Rache und Vergeltung an dem Herzlosen schoß es ihr brennend auf in der Brust . Wieder versuchte Hedwig aufzustehen , sie stützte sich krampfhaft auf die niedrigen Seitenwände des Fauteuils , aber sie war zu schwach , sie sank wieder zurück . » Beruhigen Sie sich doch , liebes Fräulein - « bat Emmy leise , zaghaft - » mein armer Vater - « stöhnte Hedwig - Adam stand daneben , es war ihm sehr unbehaglich zu Muthe , er mußte es wohl doch glauben , daß Irmer nicht mehr lebte , aber er konnte das hülflose Wesen da doch jetzt unmöglich ersuchen , ihm nähere Auskunft zu geben - und er schrak auch davor zurück , jetzt Einzelheiten zu erfahren , er fühlte , daß sie ihn quälen , aufregen würden ... und er hatte nicht den Muth , er war zu feige , um sich die Kraft zuzutrauen , die engeren Umstände von Irmers Tode einigermaßen ruhig hinzunehmen . Aber Etwas mußte doch geschehen , die Situation stockte peinlich , er mußte doch auch ein Wort zu finden wissen , auszusprechen wissen , er mußte doch Hedwig zeigen , daß er mit ihr litte , daß ihr Schmerz auch der seine wäre , daß sie auf sein vollstes Verständniß zu rechnen hätte ... Und da erinnerte er sich , daß er ihr gestern die tausend Mark geschickt , sie hatte sie wohl noch nicht erhalten , aber es mußte doch beruhigend auf sie wirken , wenn sie die Thatsache erführe , damit war doch wenigstens eine Sorge ihr von der Seele genommen . Und doch zögerte er , es nahm sich so auffällig aus , jetzt mit dem Gelde zu kommen , aber die Frage glitt ihm schon wider Willen über die Lippen : » Hast Du das Geld bekommen , Hedwig - ? « Die Gefragte schlug langsam die Augen zu ihm auf , starrte ihn erst eine Weile verständnißlos an , dann fragte sie mechanisch , mit dumpfer , verschleierter Stimme , als wüßte sie nicht , was sie sich unter seiner Frage denken sollte : » - Geld - ? - was für Geld - ? « » Nun , die tausend Mark , von denen Du mir schriebst - ich habe sie gestern an Dich abgehen lassen - « erwiderte Adam , einen gewissen Ton des Stolzes und der Befriedigung in der Stimme . Auch Emmy mußte er damit imponiren . Hedwig starrte immer noch zu ihm in die Höhe , sie wußte nicht , was er