eine Medusa , in den Frieden der Gotteswelt hinein . Da ließ sich der Ruf eines Kuckucks auf dem lautlosen Nadelgehölz vernehmen , die lautlosen Einsiedler-Monologe der ruhenden Natur unterbrechend und störend . » Verfluchter Kuckuck ! « rief der finstre Wanderer , indem er seine verschmähte Freierschaft mit der symbolischen Bedeutung des Vogelrufes unwillkürlich in Verbindung setzte . Aber der Kuckuck ließ sich nicht das Wort verbieten ; er schlug fort . Da huschte auf einmal , wie ein plötzlicher Sonnenstrahl , ein schalkhaftes Zucken frisch erwachenden Humors um den ehernen Mund , und während er sich reckend mit dem Arm eine Bewegung machte , als streife er etwas Lästiges ab , kam es plötzlich über seine Lippen : » Hol ' s der Kuckuck , ich bleibe doch der Otto Bismarck ! « Basta . So geschehen anno domini eintausendachthundertneununddreißig . Josefa heirathete einen biedern , katholischen Schreiber , Alois Schmid , in Salzburg . Dort liegt sie begraben . Na , was sagst dazu ? Wär ' s nicht hübsch , wenn ' s so gewesen wär ' ? Als ich die Anecdote niederschrieb , stützte ich mich auf völlig genügende Berechtigung dazu . Denn nicht nur ist die Affaire in dieser Form in ganz Tirol bekannt , nicht nur wird sie in Meran jedem Fremden erzählt , sondern sie ist in alle möglichen Bücher über Meran und Tirol übergegangen . Eine Autorität wie Noë erzählt sie in seinem » Frühling in Meran « als absolut feststehend . Baillie Grohmann , der zuverlässige Kenner Tirols und Autor von » Tyrol and the Tyrolese « hat in seinen » Gaddings with a primitive people « ( 1879 ) die Sache mit äußerster Breite behandelt , sogar in einer Extraanmerkung versichert , er habe alle Details persönlich untersucht und könne sich dafür verbürgen . Es sei nicht die geringste romantische Zuthat dabei . Ich war also vollauf berechtigt , diese Geschichte , deren Entdecker ich ja keineswegs bin , in dieser Form niederzuschreiben , und begehe damit nicht die geringste Indiscretion . Nun muß ich aber zur Steuer der Wahrheit erklären , daß von Eingeborenen , die genau unterrichtet sind , mir seither feierlich versichert wurde , es sei ein andrer Herr von Bismarck gewesen . Obwohl mir dies psychologisch nicht plausibel scheint , indem ich annehme , nur eine geniale Natur sei solcher liebenswürdigen Jugendtollheit fähig , so will ich also hiermit einfach die Frage offen halten . Aber wahrhaftig , es ist doch immer die alte Geschichte : Wo ist die Katz , wo steckt die Frau ! Kennst Du das famose Tagebuch des Nürnberger Scharfrichters aus dem 14. Jahrhundert ? Darin wird erzählt , wie ein Freudenmädchen als ewig rückfällig durch Erregung öffentlichen Aergernisses endlich zum Tode verurtheilt wurde , sintemal sie sich in unanständiger Stellung auf der Straße entblößet und dazu geschrieen habe : Hui , ... , friß den Mann ! ! Friß den Mann ! welche Welt liegt in diesem erotischen Lakonismus . Ja , hui ! Siehst Du sie nicht ordentlich schleckern , dem Mann das Mark aus den Knochen saugen , he ? Ja , an der Schürze hängt , zur Schürze drängt doch alles , o wir Armen ! wie Papa Altmeister so schön irgendwo singt . Na lebwohl ! Das ist der längste Brief , den ich jemals schrieb , sacré nom de dieu ! Ich fühle halt das freundschaftliche Bedürfniß , hier aus meiner olympischen Einsamkeit von den Inseln der Seligen her , als glücklicher Lotosesser Deiner Berliner Nervensaft-Vergeudung ein Maulvoll frischer Bergluft zu schicken . A rivederci ! Dein Knorrer der Keusche . « Dies Schreiben wirkte auf Rother giftig aufregend , wie grünlich schäumender Absynth . Das Grünen und Schäumen einer hoffnungsüppigen Lebenslust schmeckte darin zugleich nach bitterer pessimistischer Hefe . Man mußte den Schreiber des Briefes kennen , um den Inhalt zu würdigen . Knorrer war eine prächtige Repräsentativfigur altbajuvarischen Kraftadelthums . Seine naturalistisch derben Kneipscenen hatten durch den virtuosen flotten Strich der Vortragsmanier Schule gemacht . Er hatte in Paris unter Courbet und Couture studirt und aus deren Ateliers die markige Frische seiner Palette mitgenommen . Weniger sein eigentliches Kunstvermögen - denn dies verkümmerte ein wenig neben dem agitatorischen Eifer seiner schulemachenden Reformbestrebungen - , als die ganze gesunde Verve seiner künstlerischen Persönlichkeit , gab ihm eine führende Stellung in der naturalistischen Strömung der neudeutschen Malerei , zu der auch Rother sich zählte . Wie es bei den meisten Originalmenschen der Fall zu sein pflegt , wohnten zwei Seelen in seiner Brust . Die eine gehörte einem Denker und Agitator , der mit wahrem sittlichem Eifer dem echten Ideal der Wahrheit anhing und wider conventionelle Verlogenheit einen tapferen Kreuzzug führte . Die andre hingegen gehörte einem Genüßling , dem seine Laune und Leidenschaft stets als oberstes Gesetz gegolten . Hier nun kam ein Umstand hinzu , der ihn erst recht in Zwiespalt mit seinem besseren Selbst brachte . Er galt nämlich mit Recht als einer der schönsten Männer Deutschlands . Und zwar nicht von jener charakterlosen verwaschenen Schönheit des Dandys konnte die Rede sein , die so wohlfeil wie Brombeeren . Sondern sein mächtiger Kopf mit den krausen trotzigen Locken , der breitgewölbten Stirn , dem kühnen Knebelbart zeigte große wuchtige Formen . Allerdings entsprach seinem Stiernacken ein düstrer Stierblick und rücksichtslose Sinnlichkeit lag in seinem kräftigen Ausdruck . Auch seine Gladiator-Gestalt wie sein Gesicht verloren mit den Jahren ( er stand im besten Mannesalter ) durch constante Verfettung an Ebenmaß , wenn er auch immer noch in seiner burschikosen Jovialität eine imponirende Erscheinung blieb . Diesen Vorzug hatte er stets an sich gekannt und geschätzt . Allmählich bildete sich bei ihm der Wahn aus , weil so viele sinnliche Weiber seinem Mannesthum nicht widerstehen konnten , daß überhaupt beim Weibe nichts als die physische Begier der sogenannten Liebe mitspiele . Seine gänzliche Verachtung des schönen Geschlechts verrieth zwar einerseits den Größenwahn des » schönen Mannes « ( diese bekannte Spezialität ) , andrerseits aber seinen verkappten Idealismus . Stolz auf seinen Geist und seine psychische Genialität , auch gleich stark zum geistigen Kampf wie zur Sinnlichkeit hingezogen , verachtete er seine eigene Unwiderstehlichkeit dem Weibe gegenüber , das in ihm nur eine Wollustmaschine suchte , das seine Schenkel und keineswegs sein Gehirn anbetete . Seine Eitelkeit wie sein berechtigter Mannesstolz , der dies durchschaute , fühlten sich tief davon verletzt . In ihm brannte dabei eine seltsame Scham , als ob auch die Jungfräulichkeit seines Innern durch diese Erotik plump in den Koth gezerrt sei . So litt er an einem ewigen seelischen Katzenjammer , den er nicht Wort haben wollte und den Niemand erkannte . Der gefallene Engel , der idealistische Heldenmensch rumorte in ihm , den der Sinnendienst so lange unterjocht hatte , bis ihm zum letzten Aufraffen fast keine Zeit mehr blieb . So erregte er denn ironisches Gelächter , wenn er in trotzigen Kampfreden vor allem die Keuschheit als Grundbedingung des echten Künstlerthums empfahl - ohne daß man erwog , wie er , der von einer Liebelei in die andern taumelte , ja am besten den Werth eines vermißten Gutes ermessen konnte . Allein , auf der andern Seite wollte er wieder sein tiefes seelisches Unglück , seinen bitteren Sündenfall d.h. die Abtrünnigkeit von idealeren Zielen , zu denen er bestimmt schien , nicht Wort haben . Dann strich er geflissentlich die körperliche Tüchtigkeit heraus , verstieg sich zu Albernheiten , wie : Ihm seien Macher wie Meissonier und Sardon ein Ekel , schon weil diese persönlich kleine mickrige schwächliche Menschen sein , während ein Kerl wie Zola ihm schon durch seine Metzger-Figur imponire . Und dergleichen Dinge mehr , die eine feine sensitive Natur wie Rother mit staunender Verwunderung anhörte , ohne sich in seiner schwächlichen Anschmiegsamkeit zur Geringschätzung solcher Unreife erheben zu können . Auf ihn übte aber alles das einen verderblichen Einfluß aus . Wenn man einem Menschen unaufhörlich die Sinnlichkeit der Erotik als Höchstes preist und selbst , indem man darüber schimpft , diese Episode des Manneslebens als das eigentliche Epos und das einzig Lebenswerthe feiert , so muß das endlich auch dessen eigene Weltanschauung beeinflussen . War es daher zu verwundern , daß Rother , nachdem er das saftige geistfunkelnde Schreiben Knorrers gründlich verdaut hatte , einen Anfall von Liebessehnsucht erhielt , der einen totalen Rückfall des Reconvalescenten in seine alte Krankheit bedeutete ? Die Erzählung von der angeblichen Bismarck ' schen Liebesaventüre umnebelte vollends seine geblendeten Augen . Ah , also selbst die großen Männer der That beugten sich der allmächtigen Venus . Um wieviel mehr also die Künstlernaturen . Rother ' s Größenwahn erwachte wieder : Sein besonderes Liebessiechthum schien ihm gleichsam ein besonderes Zeichen seines Ingeniums . Die aufreizenden erotischen Phrasen Knorrers fielen so auf fruchtbaren Boden und bald wucherte das Unkraut empor , daß es Rother über den Kopf stieg . Grade Kathi ' s anständiger Brief und die Andeutungen , die ihm Frau Lämmers gemacht , entfachten aufs neue in ihm die alte Liebe . Sollte er das herrliche Geschöpf nun also wirklich den Klauen eines solchen verlebten Kohlkopfs überlassen ? So sollte das enden ? Der alte Irrwahn betäubte ihn aufs neue . Trotz seiner bitteren Erfahrungen damit , construirte er sich Kathi wiederum als eine edle ungewöhnliche Natur zurecht . War es nicht gradezu seine Ritterpflicht , das arme unglückliche Wesen zu retten ? Zudem , war er selbst nicht , mitschuldig an allem ? Hätte er damals nicht nach Hamburg so unzarte Beleidigungsbriefe geschrieben , so wäre gewiß der ganze Krach und Skandal mit all seinen Consequenzen verhütet worden . Als sich Rother bis zu diesem Punkt hineingeredet hatte , hielt es ihn nicht länger und er suchte unverzüglich nach seinem Koffer . Was hatte er denn eigentlich auch zu versäumen und was interessirte ihn sonst auf der Welt ? Er war ja als Künstler frei und ungebunden genug , um nicht an die Scholle gefesselt zu bleiben . Direkten Geldmangel kannte er nicht . Sein angefangenes Bild konnte er ruhig auf der Staffelei trocknen lassen . Eine Studienreise nach dem Norden ( falls die Vermuthung von Frau Lämmers richtig ) konnte ihm nur gut thun . So mochte er das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden . Die Hauptsache war vorerst , in Hamburg das entflohene Wild aufzuspüren . Mit der trotzigen Afterstärke weichlicher Naturen setzte er mit aller Hast seinen Vorsatz ins Werk . Für Krastinik hatte er gethan , was in seinen Kräften stand . Dieser fand also richtig in dem jungen Verleger , der sein väterliches Erbtheil standesgemäß zu verputzen wünschte , den bekannten Dummen , der ihn druckte , zumal die Gedichtproben Krastiniks im » Bunten Allerlei « von dem großen Wurmb mit feierlicher Leutseligkeit in einer Randglosse angepriesen waren . Wurmb that sich nicht wenig darauf zu Gute , » dieses vielversprechende Talent in seiner Schule heranzuziehn und ihm stets die Spalten des Bunten Allerlei offen zu halten . « Als nun gar Graf Krastinik mit dem jungen Gentleman-Verleger mehrmals Skat spielte und einmal mit demselben spazieren ritt , auch die sehr kostspielige Maitresse desselben mit Kennerblicken lobte - verschwor sich der junge Mann , seinen gräflichen Freund zu » machen « . Demgemäß druckte er dessen sämmtliche Gedichte und drei Dramen-Fragmente dazu in unmäßig opulenter Ausstattung mit Schwabacher Lettern auf Velinpapier mit gothischen Initialen und ließ ganz besondere Einbanddecken zeichnen . Sodann inserirte er in allen Berliner Blättern diese herrlichen Einbände , im Reklame-Stil der » Goldnen hundertzehn « . Das Inserat fing an : » Ein neuer großer Dichter erstand unstreitig in Xaver Graf Krastinik . « Man empfahl darin diese Dichtungen dem Busen sämmtlicher deutschen Jungfrauen . Das zündete . Dreizehn Familienblätter ( - zuerst von allen die » Gartenlaube « , durch den Tod unsrer unvergeßlichen Marlitt noch in herbe Wittwentrauer versunken - ) meldeten sich dem » hochgeborenen Herrn Grafen « . Dieser aber setzte sich hin und begründete in einem langen Schreiben an die Kommandantur seiner Kavalleriedivision , sowie in einem Brief an den ihm befreundeten Chef seines Regiments , sein Gesuch : fürs erste auf ein bis zwei Jahre zur Disposition gestellt zu werden . Er müsse sich seiner angegriffenen Gesundheit und gewissen litterarischen Arbeiten widmen . Das Gesuch konnte ihm nicht abgeschlagen werden . Uebrigens empfing er die Erfüllung seines Wunsches schon mehrere Wochen hernach . Rother hatte also jetzt keinerlei Verpflichtung mehr gegen den Freund , den er auf so seltsame Weise erworben und dem er mit auf die Füße geholfen . Dieser war auf dem besten Wege , ein gemachter Mann zu werden , insofern es sich um Befriedigung seines litterarischen Ehrgeizes handelte . Rother hinterließ daher nur einen kurzen Brief an Krastinik , worin er um Verzeihung bat , daß eine Geschäftssache ihn zu plötzlicher Abreise zwinge . Er werde bald wieder zurückkehren . Da Krastinik nicht das geringste Interesse an Kathi ' s Wohl und Wehe bekundete , sondern nur Neugierde , wie sich Rother aus der Affaire wickeln werde , so theilte dieser ihm nur ganz allgemein mit , daß die Sache sich in Wohlgefallen aufgelöst habe . » Aha , ich wußt ' es ja ! Wer droht , thut nie ' was ! « Damit hatte sich der gute Freund beruhigt . Auch war Rother viel zu vorsichtig , ihm etwa nähere Details z.B. die Wohnung der Frau Lämmers mitzutheilen . Derlei heimliche Liebesaffairen bilden einen Hang zum Versteckenspielen und steten Argwohn aus . - Zum zweiten Mal binnen so kurzer Frist landete Rother ' s lecker Kahn an der Elbemündung . Siebentes Buch . Krastinik dichtete nun frisch drauf los . Als höchstes Ideal schwebte ihm die schöne Form , das virtuose Schönreden , vor . Hier waltete ein psychologisches Gesetz ob . Denn , obschon durch innere Stürme hin-und hergerüttelt , verleugnete der Graf natürlich nie den früheren Offizier und die hocharistokratische Erbschaft des östreichischen Feudalgeistes . Der Aristokrat pflegt wie im Leben , so auch in der Kunst die Form . Seinen Standesgenossen , den Pseudo-Dichter Graf Platen bewunderte der edle Lord über Alles . So drechselte er denn an seiner markigen und bilderreichen Sprache , die wie Alles bei ihm auf den Effekt berechnet war , meist so lange herum , bis sie schwulstig und gequält wirkte . Es gehört zum guten Ton eines Mannes der guten Gesellschaft , daß er Jedermann möglichst viel Verbindliches sage . Man muß sich beliebt zu machen wissen . Krastinik bewährte auch hierin den besten Ton . Er machte jedem Litteraten den Hof und sprach über Jeden gut - aus Klugheit , wobei er natürlich Jedem verschwieg , daß er hinter seinen Rücken ebenso intim mit dessen Todfeinden verkehre . Seine angeborenen Gentleman Manieren fielen unter den Litteratenplebejern wohlthätig auf . Er übervornehmte noch die » vornehmsten « Frack-Geister , den schönen Ernst Kabel und den noch schöneren Emil Buttermann ( den Leib-Romanzier der » Berliner Tagesstimme « als Protegé der Frau Dr. Bergmann , Chef-Redactrice dieses Weltblattes ) . So führte Krastinik ordentlich die bisher dort unbekannte Gattung des Offiziers und Junkers typisch in die Dichtergilde ein , ohne indeß mit systematischem Ernst diese Theil-Aufgabe zu verfolgen , die ihm vielleicht eine feste Stellung in der Litteratur gesichert hätte . Eine besondere Zuneigung bewies dem hochgeborenen Herrn Grafen kein Geringerer , als Heinrich Edelmann . Diesen Messias der Poesie , welcher alle drei Jahre ein lyrisches Gedichtchen als epochemachende Missethat verübte , verehrte Alldeutschland als Leiter eines umfangreichen Pump-Systems . Auch die Mildthätigkeit edler Freundinnen hinter den Coulissen wirkte in wohlthätigem Halbdunkel . Seine berühmteste Leistung bildete das lyrisch-melodramatisch-symphonische Opus » Paris « , worin die Belagerung von Paris und die Kaiserproklamation mit gegenseitig auftretenden Massen-Chören in zwölftausend griechischen Tetrametern besungen wurden . Sein Aeußeres schien unheilverkündend : Er glich einem verhungerten Aasgeier . Seine Raubvogelnase , seine blutlosen schmalen Lippen , sein mangelndes Kinn , sein lauernder Blick bildeten für den Physiognomiker ein anmuthiges Ensemble , welches durch seine sauber elegante Kleidung , sowie sein liebenswürdiges und doch reservirtes Wesen , in welchem er den sinnenden Idealisten herauszubeißen strebte , nicht verdeckt werden konnte . Seine Lieblingsstellung , in welcher boshafte Aufpasser wie Schmoller und Leonhart ihn häufig mimisch abkonterfeiten , entpuppte unbewußten Selbst-Verrath . Er saß dann nämlich fromm und vornehm als Jesuitenpater am Tisch , nur hier und da ein salbungsvolles Wörtlein mit seiner stillen sanften Stimme lispelnd , und blickte die Redenden mit verklärtem Schief-Blick an , während sein Denkerhaupt halb zur Seite hing und seine Hand unterm Tisch seinen gold-umränderten Kneifer putzte . Man mußte bei dieser unterm Tisch hantirenden Hand unwillkürlich an » Mogeln « beim Kartenspiel denken . Eigentlich war er nur ein halber Mann , eine Hälfte , wie ein Siamesischer Zwilling , der mit einem andern Wesen verwachsen . Seine schönere Hälfte stellte nämlich ein Herr Rafael Haubitz vor , mit welchem zusammen er eine Serie kritischer Broschüren plante , unter dem Titel : » Die idealen Waffenbrüder . « Darin wurde ein süddeutscher Graf , der außer mehreren Millionen auch ein didaktisches Talent besaß , als Genie gepriesen ; andere Leute hingegen , deren Hand zu fest am Federhalter klebte , um » offen « zu sein , mit gebührender Verachtung bestraft . Man hätte diese Waffenbrüder sozusagen zu Fechtmeistern promoviren können , wegen unerschöpflichen Reichthums an allerlei Finten . So » fochten « sie denn rüstig weiter als wackre Handwerksburschen der parnassischen Heerstraße und erwarben sich den ehrlich verdienten Beinamen : » Die ungeschundenen Raubritter . « Wie gesagt , begrüßte Edelmann einen neuen Priester des Idealismus mit wahrer Inbrunst und bedurfte nach dem Titel » Graf « keines Beweises mehr für die Bedeutendheit desselben . Er sah ' s ihm gleichsam an der Tasche an . Da Krastinik den Wunsch aussprach , auch den Musagetes Rafael kennen zu lernen , so wurde verabredet , daß ihn Edelmann in den berühmten Verein » Drauf « führen solle , wo als Vorsitzender und Vice-Vorsitzender die beiden idealen Waffenbrüder fungirten . So sah denn der Neophyt der litterarischen Mysterien den Messias der Zukunftspoesie dort leibhaftig . Dieser Gott erkor als sterbliche Hülle die Gestalt eines bleichen Jünglings mit langwallender schwarzer Mähne , Spitzbärtchen und Kneifer . Er litt an permanentem Stockschnupfen und stotterte ein wenig ; dabei lag im Tonfall seiner Stimme eine undefinirbare Arroganz . Sein Roman » Die neuen Riesen « in sechs Bänden befand sich seit beiläufig sechs Jahren unter der Presse und tauchte regelmäßig als mystischer Lockvogel auf , wenn ein neuer bedeutsamer Pump der beiden Waffenbrüder inscenirt werden sollte . Sie versandten dann neben den Privatbriefen , welche das Erscheinen dieses Meisterwerks nebst dem Dantesken Epos » Lied der Völkermuse « ( » Mölkerfusel « hieß dies ungeborene Riesenwerk im Privatjargon der litterarischen Kreise ) ankündigten , noch ein Plakat : » Demnächst erscheint : Kritische Schneidemühle . Herausgegeben von Heinrich Edelmann und Rafael Haubitz . « Zugleich erbaten sie dabei Einsendung sämmtlicher Werke des Autors » behufs eingehender Würdigung « sowie von Manuscripten aus der » geschätzten Feder « des erkorenen Opfers . Besonders das Manuscript-Anhäufen gehörte in das System der Waffenbrüder als eine Art Strebepfeiler des Ganzen . Sie wußten , daß der Autor um sein Manuscript bangt , wie eine Henne um ihr Küchlein , und gerne ein Darlehn sendet , um wenigstens sein » verlegtes « Manuscript zurückzukaufen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Rafael empfing den Grafen sehr gnädig und beehrte ihn mit huldvollem Handdruck , als Heinrich ihm mit verschwimmenden Augen , indem er gerührt seinen Kneifer putzte , einen neuen edeln Kämpen des Idealismus vorstellte . » Jaja , bewahren wir uns den I-I-Idealismus ! « geruhte er zu stottern » darin liegt Alles . Die Phi-Philister haben den idealen Sinn schmählich ver-ä-loren . Nicht aber wir , die deutsche Ju-Jugend . - Sehen Sie , lieber Krastinik - Sie nennen mich doch einfach Haubitz ? ich bitte darum - sehn Sie unsern Verein Drauf ! Kommen Sie häufig her ! Aus ihm wird dereinst der große Dichter der Zeit hervorgehn . Wir beginnen damit , unsre Begriffe zu läutern , ehe das Schaffen anhebt . « Das sei sehr löblich , bekräftigte Krastinik trocken . Mittlerweile sah er sich die Garde du Corps an , die , um die beiden Reform-Messiasse gepaart , daselbst tagte . » Drauf « ! Wahrhaftig , das schienen ordentliche Draufgänger , unter Umständen auch Durchgänger . Manche sahen so pfiffig aus , daß man ihnen den geriebensten Pump-Idealismus schon zutrauen mochte . Andre wieder bewahrten noch ein kindliches Wesen und schienen vom Rasirmesser der Erfahrung noch verschont , obschon sie krampfhaft ihr keimendes Bärtchen zupften . Man hatte da auch einen gewissen Victor Hugo , oder Carlyle redivivus , einen Sagus des Nordens mit völlig verwildertem Urwald-Bart und titanischem Haarwuchs . Sein breiter Turner-Hemdkragen war noch unübertüncht von Europens Höflichkeit und schien bei der letzten Sintfluth zum letzten Mal in der Wäsche gewesen . Übrigens trug er bei der größten Kälte einen Turneranzug aus Drillich ; darunter freilich Jägersches Woll-Regime , so daß es ihm nichts schaden konnte . Doch brauchte das ja Niemand zu wissen : die wunderbare Abhärtung des Sagus bildete einen Grundpfeiler seines Ansehens bei den Gläubigen » Jungdeutschlands « . Diese Litteraturstudenten verehrten diesen würdigen Meergreis , Ambrosius Sagusch ( man leitet hieraus einfach » Sagus « ab ) , wie einen heiligen Vater . Wenn er so mit Pfingstapostelzungen zu säuren anhob , verehrte man ehrfürchtig eine neue Apokalypse , eine Offenbarung Johanni in ihm . » Im Anfang war das Wort und das Wort ward Fleisch « - was Wunder also , daß er während seiner Wortspendung mit würdevollem Bedacht diverse Fleischgerichte zu sich nehmen mußte , deren Werth in irdischem Mammon nachher auf gemeinschaftliche Kosten seiner Verehrer festgestellt wurde . Kurz , Ambrosius Sagusch blieb eine naive kindliche Seele und schnorrte grundsätzlich gleich beim ersten Mal . Hierin war er Doctor Heinrich Edelmann überlegen und wich von dessen Spinnen-System beträchtlich ab , welches langsam , aber sicher seine Fliegen umgarnte . Obschon daher Jeder von Beiden über den Andern offiziell urtheilt , derselbe sei » ein vornehmer idealer Geist « , herrschte doch eine verkniffene Animosität zwischen dem Sagus und den verbrüderten Weihepriestern , welche von kleinlichen Seelen vielleicht als Geschäftsneid ausgelegt werden konnte . » Ah , lieber Graf , bist Du da ? ! « rief Sagusch , indem er den Grafen zärtlich umarmte , der darüber etwas betroffen schien . » Ich habe schon viel von Dir gehört . Deutschen Gruß und Handschlag ! Warum sind wir alle so kalt ? Warum fliegst Du nicht in meine Arme ? « » Ich danke Ihnen , werther Herr ... « stammelte der Graf erstaunt . Aber da grollte ein gewisser Unmuth in des Sagus Seherstimme , als er , die Jupiterlocken schüttelnd , losknurrte : » Neune mich doch Du ! « Krastinik verbeugte sich verlegen , wurde aber eiligst von einigen Litteraturstudenten über die ihm zu Theil gewordene Ehre belehrt . Der Sagus , welcher die Wurzeln alles Übels zugleich auszurotten wußte , verpönte nämlich das neumodische » Sie « . Dafür sagte er zu Frauen » Ihr , « zu jungen Leuten » Er « und zu auserkorenen Schlachtopfern » Du « . Man fand das riesig originell , wie es einem Riesengeiste geziemt , dessen Roman-Ungethüm » Die Strohmer « an die schönsten Dunkelheiten des seligen Mystikers Hamann gemahnte . Der löbliche Verein » Drauf « schien vollzählig versammelt und die Versammlung konnte nun losgehn . » Wer ist denn das da ? « fragte Krastinik plötzlich , » Der da am andern Ende mit dem düstern Blick und der ausgearbeiteten Stirn , der so lebhaft plaudert ? « » Ach , das - ist Leonhart ! « machte Edelmann gedehnt . » Wie der sich nur heut herverirrt hat ! Er war doch noch niemals hier . « » Ja , er hat einen jungen Frischling mitgebracht , der hier eingeführt sein wollte . Wieder mal Einer von seinen Protegés . Wie lange wird ' s dauern ! Sie müssen wissen , lieber Freund , « wandte sich Haubitz an den Grafen , » dieser Leonhart - ein Bramarbas und Aufspieler ohne alle und jede Begabung - hängt in seiner trostlosen Unreife eben stets von den Anregungen ab , die ihm von Andern zugetragen werden . Was er heut feierlich in den Himmel hebt , erklärt er morgen für den ungeheuerlichsten Unsinn . Heut entdeckt er ein Genie , morgen ist ' s ein dummer Junge . « » Ja , so ist ' s ! « versicherte Edelmann mit einem wohlwollenden Mitleidsseufzer » Der arme Leonhart ! Da hat er jüngst ein Drama geschrieben Nemesis - da hat ihn aber die Nemesis gehörig ereilt . Ein trauriges Opus à la Grabbe . Er ist ... « » Ah , meine theuren Herrn Waffenbrüder ! « unterbrach ihn eine tiefe Stimme von eigenthümlich vibrirendem Wohlklang . » Ich erlaube mir hier , Ihnen einen Collegen vorzustellen , der Ihre Bekanntschaft zu cultiviren wünscht : Herr von Lämmerschreyer . « Leonhart war . herangetreten und präsentirte dabei einen jungen Menschen , der sich das Air eines Offiziers in Civil gab und sehr elegante Verbeugungen cultivirte . Aus seiner Uhrkette baumelten eine Reihe Medaillons und sein hellgrauer Anzug wurde durch einen weißen Hut vorteilhaft gekrönt . Ein glänzender Wirbelscheitel legitimirte ihn als Inhaber eines wandelnden Bürstenladens . Seine griechische Nase und seine niedrige Stirn liefen ineinander über , seilt kleiner lüsterner Mund athmete brutale Geilheit , seine Schlangenäuglein zwinkerten verschmitzt frech , halb von dem breiten Augenlid bedeckt wie Schweinsaugen . Seine aufgedunsenen Backen und sein stattlicher Leibesumfang befähigten ihn zum Hamletschmerz , obschon er grade keinen Vater zu rächen hatte . Doch » fett und kurz von Athem sein « ist ja das erste Erforderniß zum melancholischen Dänenprinzen - das Uebrige findet sich . » Ah , Ihre Oden am Strome der Zeit empfing ich ! « Der immer herablassende Heinrich schüttelte dem neuen Bruder in Apollo innig die Hand . » Werde mich demnächst mit Kraft und Nachdruck darüber äußern ! « Sobald er diese Lieblingsphrase losließ , wußten Eingeweihte , daß er keine Zeile unter zwanzig Mark Pump-Gebühren schreiben werde - nie ohne dieses . » Jaja , er bezeugt darin sich und seinen näheren Freunden seine und ihre Erhabenheit , wuchtig aufstampfend in Pindarischen Metren ! « lachte Leonhart . » Wie heißt doch gleich die Eingangs-Widmung ? Laß mich hochauftönend im Odenschwung Rufen Heil uns Söhnen der Gottheit , Heil ! Nieder mit Pfaffen , Tyrannen und Prosa ! Hoch Verskunst und Tugend ! Fahren Sie so fort , lieber Odensänger ! - Apropos , « wandte er sich an den biedern Heinrich » ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt für Ihren schönen Brief über mein Drama Nemesis . Sie werden ' s also wirklich nächstens ausführlich besprechen ? Ach , ich kann Ihnen nicht sagen , wie es mich erfreut , daß grade Sie sich so günstig darüber aussprachen . « Hier räusperte sich Ambrosius Sagusch doch etwas bedenklich , Krastinik sah betreten aus und über Heinrichs bleiche Wange flog ein flüchtiges Roth . Eine boshafte Freude blitzte in Leonharts Auge und er fuhr unverdrossen fort : » Sehen Sie , das hat mich ergriffen , dieser ungekünstelte collegiale Zuruf : Ihr Drama hat einen gewaltigen Odem . Es ist in seiner Art , ich möchte sagen , vollkommen . Und Sie , lieber Haubitz , Sie machen ja Ausstellungen , aber Sie schließen doch ernst und ehrlich : Jedenfalls besitzen Sie eine elementare Dichterkraft . Das war mein Urtheil stets und ist es noch heute ! Dank , Dank ! - Aber da klingelt ja unser Präsident zur Tagesordnung .. auf Wiedersehn ! « Nachdem er diesen parthischen Pfeil abgeschossen , setzte sich Leonhart mit seinem eingeführten Gast behaglich nieder und bestellte eine Flasche gefälschten Rheinweins , da Edelmann in aller Eile aus seinen Vorsitzenden-Platz geeilt war , um der unheildrohenden Festnagelung des bösartigen Realisten zu entrinnen . Krastinik verlor jedoch den seltsamen Menschen nicht aus den Augen , an den ihn alsbald ein unerklärliches Interesse fesselte . Nach den Warnungen , die ihm zu Theil geworden , hatte er vermieden , ihn anzureden , was ihm freilich durch den kalten Gruß des hochmüthigen Dichters erleichtert wurde . Es wurde nun ein Vortrag des abwesenden Ehrenmitglieds Paulus Hartung , genannt » der Knüppelreformer « , verlesen . Derselbe war datirt : » Geschrieben am Jahrestag meines letzten Selbstmordversuches « und brach in der Mitte ab , » da der Autor plötzlich von einer Gemüthskrankheit ergriffen wurde « - eine traurige Mittheilung , welche jedoch die Anwesenden mit stoischer Ruhe entgegen nahmen , da ja Jeder von ihnen aus eigener Erfahrung den Rummel kannte . Paulus Hartung war augenscheinlich in Spanien reichbegütert und stolz will man den Spanier . Daher entwickelte er als Baumeister voll Lustschlössern eine Sicherheit , als sei er zum Oberhofbaurath der hochlöblichen Vorsehung bestallt . Kommen , hören , sehen und staunen ! Das Theater müsse vorerst durch Niederreißung sämmtlicher Kunstbuden gereinigt werden . Sodann sei Abschaffung der Coulissen nöthig und ein Orchester voll Posaunenbläsern habe als Chor im antiken Sinne mit nägelbeschlagenen Kothurnsocken zu beiden Seiten des Podiums aufzumarschiren . Ferner verlangte der Knüppelreformer ein neues klassisches Reportoir , dessen eisernen Bestand die Komödien von Lenz und Klinger sowie » Die Kindsmörderin « voll Leopold Wagner zu bilden hätten . Nur so , der lästigen Concurrenz fremder Götzen wie des Engländers Shakespeare entledigt , werde das » Jüngste Deutschland « seine hohen Ziele einer Theaterreform im Sinne einer wahren Volksbühne erreichen und vor allem seine eignen Stücke zur Aufführung bringen , wobei er besonders auf das allbekannte herrliche Blutschande-Trauerspiel unseres Rafael