die Gesellschaftsabende des Raßlerschen Ehepaars mit einer Faree , deren Unkosten zunächst die Unschuldigen zu tragen hatten . Nur einer ließ sich von der Schuldlosigkeit der Schuldigen wie der Unschuldigen nach einigem Sträuben überführen : der Herr Kommerzienrat . Wenn später durch irgend eine unvorsichtige Gesprächswendung die Rede auf dieses Fiasko der geselligen Abende stieß , pflegte er zu sagen : » Nun ja , das macht der Liebe kein Kind , es war ein dummer Zufall ; die Leute , mögen sagen , was sie wollen . « Der » dumme Zufall « ließ sich ' s freilich nicht nehmen , in seiner Art weiter zu schalten und für Frau Raßler und Max v. Drillinger an ihre erste Begegnung an jenem Abend das knotenreiche Fädchen intimer Beziehungen anzuspinnen , ein Fädchen , das sich allmählich so verdichtete , daß Frau Raßler den jungen Kandidaten Schlichting in ihrer Herzensnot mit dem Bekenntnisse verblüffen mußte : » Ich kann nicht mehr ohne ihn leben . « » Warum liebst Du mich eigentlich ? « Mit dieser Frage schloß einst Drillinger eine heiße Liebesstunde in Pasing . So ganz leichthin , beim Anzünden der Zigarette . Leopoldine schüttelte traurig den Kopf . » Ich weiß nicht - vielleicht , weil ich muß , um für meine Untreue als Frau durch meine Treue als Deine Geliebte gestraft zu werden . « » Warum hast Du Dich zu jener Narrenehe entschlossen ? « » Warum ? ... « Sie zögerte mit der Antwort . Ein Bein über das andere gelegt , mit dem Zuknöpfen ihres Halbstiefels beschäftigt , ließ sie die Hand müde sinken . » Sonst hast Du mir geholfen , Max ! « Er ließ sich aus ein Knie nieder , stellte ihren Fuß auf seinen Schenkel und zog die letzten Knöpfe zu . » Also warum ? « fragte er wieder , ohne die Zigarette aus dem Munde zu nehmen . » Raßler litt unter seiner Liebe , verstehst Du das ? Er hatte unerzogene Kinder zu Haus , die nach einer Mutter schrieen ... Ich hielt ihn für sehr unglücklich ... Er war der einzige Mensch , den ich nicht leiden sehen konnte . « » Also bloß darum ? « » Weil ich mir selbst nicht mehr traute und keinem Menschen auf der Welt - aus Verzweiflung . « » Aus Verzweiflung ? Vielleicht auch darüber , daß Herr Albrecht selbst ... wie man sagt ... « » Pfui ! Du solltest der Letzte sein , so etwas zu wiederholen . « Pause . Gespenster gingen um . Husch ! Leopoldine fühlte ein leises Schauern . » Ach , Max ... ! « seufzte sie auf . » Und warum bleibst Du in dieser Ehe , nachdem Du mich liebst ? « forschte er kaltblütig weiter , wie ein Vivisektor , der die Herzkammern eines geknebelten und betäubten Versuchstieres bloßlegt , nicht achtend der Qualen , die sein trauriges Experiment schafft . » Weil ich Dir noch nicht traue ... « » Ein merkwürdig sophistischer Grund ! « » Und weil ich an den mutterlosen Kindern aus Raßlers erster Ehe sühnen will durch Pflichterfüllung , was ich an Raßler selbst aus Pflichtverletzung sündige . Jetzt weißt Du ' s. « » Was würdest Du unter solchen Umständen thun , wenn Du - ein Kind von mir hättest ? « » Mich töten - und Dich dazu . « » Du bist wahnsinnig . « » Ich bin nur gerecht und nehme die Konsequenzen , meiner Handlungen auf mich . « Von den vielen heftigen Szenen wilder Eifersuchtskämpfe war Drillinger besonders eine im Gedächtnis geblieben . Sie fing wie gewöhnlich mit scheinbar harmlosen Fragen , nach unaufgeklärten Punkten in Leopoldinens Vergangenheit an . » Warum bist Du nicht beim Theater geblieben , erzähle , Leopoldine ! « » Ich hatte nicht genug Talent dazu , meine große Figur war für eine Reihe kleinerer Rollen auch nicht günstig . In die Ecke mochte ich mich nicht drücken lassen ... « » Geh , das allein kann der Grund nicht gewesen sein . « » Ich war zu arm und hatte nicht genug Mittel , um anständig vorwärts zu kommen . Ohne Bestechungen geht ' s einmal nicht . « » Du hattest Verehrer - waren keine zahlungsfähigen Leute darunter ? « Leopoldine schwieg . Hatte sie überhört ? Endlich sagte sie abschweifend : » Das Talent bedeutet so wenig beim Theater . Gunst , Gönnerschaft sind viel wichtiger für das Vorwärtskommen . Zunächst liebt man immer erst das Weib , dann erst das Talent , wenn es ein - gefälliges ist . Das Talent allein entscheidet gar nichts . Von den Gemeinheiten dieser Zustände , besonders bei kleinen Theatern , hat man gar keinen Begriff . « » Das ist schließlich überall so . Der Unterschied liegt nur in den Nüancen . Erzähle weiter , wir kommen schon auf den Punkt , wo ich Dich haben will . « » Du tyrannisierst mich , Max . Macht Dir das Vergnügen ? « » Ja . Erzähle weiter ! « » Ich gehorche Dir . Wir werden in vielen Stücken einander nie verstehen . « » Das liegt an Dir . Erzähle ! « » In meinem Rollenfach hatte ich eine Rivalin , damals , weißt Du , in Landshut , eine ganz ungebildete , talentlose Hausmeisterstochter . Interessiert Dich das wirklich ? « » Gewiß . In Deiner Vergangenheit interessiert mich alles . « » Ich forsche doch auch nicht mit diesem peinlichen Argwohn in der Deinigen ! « » Bitte ! « » Also eine urdumme Person , aber sie hatte einen hübschen Puppenkopf , einen zwar ungraziösen , jedoch gewisse Männer lockenden Leib - und war sehr gefällig , beispiellos gefällig ; natürlich hatte sie einen reichen Verehrer , einen abgelebten Kaufmann , der ihr die schönsten Toiletten schenkte , und der wollte dann auch seine kostbaren Geschenke auf der Bühne ausgestellt sehen ... Und die Talentlosigkeit bekam die schönsten Rollen , und spielte sie herunter , wie sie ihr von dem Regisseur eingepaukt wurden , und in der Zeitung bekam sie die schönsten Kritiken und der Direktor that , was er ihr an den Augen absehen konnte und trug sie auf den Händen und ließ sie in allen Fächern herumspielen ... Schließlich beherrschte sie den Direktor , der gar nicht mehr aus dem Unterrock hervorkam , und die Regisseure und die Rezensenten und die ganze Schmiere - und der reiche Verehrer zahlte alles und jedes ... Von grenzenlosem Ekel über diese Kunstwirtschaft erfüllt , brach ich das Engagement und lief davon . « » Mit wem ? Natürlich gleichfalls mit einem sogenannten Verehrer ... « Damit war das Zeichen zu einer fürchterlichen Auseinandersetzung gegeben - - - All ' ihr Elend wägend , sprach Leopoldine für sich selbst : » Das Gräßlichste ist die Vergangenheit . Alles rächt sich . Das Gedächtnis ist die Rache . Ihm braucht wahrlich nicht erst die brutale Eifersucht des Geliebten zu Hilfe zu kommen : es verrichtet sein Henkeramt von selbst . Alles späte Glück ist vergällt , gedenkt man früher Schuld - - « » Ach , laß doch dieses Herumspintisieren . « » Wer rührt alles in mir auf ? Ich fürchte , auch Dein Gewissen foltert Dich noch für all ' die Schrecknisse , womit Du meine große Liebe lohnst . Hast Du etwa eine Sühne in Deiner Reinheit ? Bin ich die Alleinschuldige ? ... « Es war dem Baron mit der laxen Leutnantsmoral in allem , was das Liebesleben und seine Folgen betrifft , durchaus versagt , den Grund und Ernst eines solchen Gefühls zu erfassen . Er fühlte sich plötzlich angekältet und so unbehaglich in Leopoldinens Nähe , daß er wochenlang die Begegnung mit ihr zu vermeiden suchte . Dann erfaßte ihn wieder ein jähes Fieber , und er glühte und dürstete nach ihren Küssen und Umarmungen . » Das Weib pflegte , deine Lust zu sein und du konntest nie der Liebe genug haben , « spottete er in solchen Zeiten des Gefühlsumschlags seiner selbst , » und nun bist du an eins geraten , das dir aus unfaßlich großer Liebe eitel Unlust schafft - und von dem du doch nicht lassen kannst . « Der Herr Kommerzienrat machte die Beobachtung , daß Frau Leopoldine merklich leichter zu haben sei , seit der Baron im Hause verkehrte . Das that ihm wohl . » Der Baron ist ein Hexenmeister , « sagte er . Und er dankte ihm still für seine Hexerei . » Die Leute sagen ihm Übles in bezug aus die Frauen nach : das macht der Liebe kein Kind - wem sagen sie ' s nicht nach ? Und zumal hier in München , in diesem Krähwinkel-Klatschnest ! Wir kennen ' s ja . Und wir pfeifen drauf . Der Baron gefällt meiner Frau , er gefällt aber auch mir - und das ist die Hauptsache . « Einmal wußte er beide allein im Zimmer , als er heim kam . Hatten sie ihn kommen sehen ? Nicht die Spur . Ahnten sie , daß er vor der Thür stand ? Nicht im Traum . Also konnte er am Schlüsselloch lauschen ; jedes Wort mußte echt sein . Gusti schlich unbemerkt vorüber , mit einem spitzbübischen Lächeln in den Augen . Und er lauschte . Zuerst vernahm er wenig mehr , als konfuses Stimmengeräusch , ein Zwitscherduett im fernen Busch ; aber jetzt hoben sich die Stimmen immer deutlicher und nachdrücklicher , kein Wort ging verloren . » Sie moralisieren ! « schmunzelte er . » Er widerlegt sie , er zahlt ihr odentlich heim . Sie kehrt natürlich die Radikale heraus . Wart ' , Leo ! Ganz ihre Art : Den Künstler zwingen , eine Moral anzunehmen , bloß weil sie - moralisch ist ? Weil sie zum angenommenen Umgangston gehört ? Der rechte Künstler läßt sich nur Künstlerisches aufzwingen ... Und jetzt der Baron . Da bin ich neugierig : - - Das heißt , sie bringen es selbst hervor , und wie sie sich ihre eigene Kunst schaffen , so wollen sie sich auch ihre eigene Moral machen ! Wo kämen wir da hin , gnädige Frau ? Moral ist etwas für sich selbst Bestehendes , alle Menschen ohne Unterschied , das Genie wie den Dummkopf gleichmäßig Verpflichtendes ! Bravo , Herr Baron ! Der deckt dich gehörig zu , mein Leo ! ... Natürlich bleibt sie nicht bei der Stange ; sie springt ab , wie alle rechthaberischen Weiber ... Sie ist erhitzt ... Man hört jetzt allerwärts das Ziel der Moral ungefähr so bestimmen : Erhaltung der tugendhaften Menschheit , Förderung der Wahrheit , Stärkung der sozialen Ordnung . Erhaltung , Förderung , Stärkung , lauter Sand in die Augen . Die Herrschenden und Besitzenden wollen die Moral von den Andern , sofern sie ihnen Vorteil und Vergnügen verschafft - und sie machen sich blutwenig aus der Moral , sofern sie ihnen keinen Vorteil und kein Vergnügen verschafft ... Aber Leo ! Hihihi ... ... Ah , nun fängt er sie mit Nachgiebigkeit . Der Pfiffikus ! ... Gnädige Frau , es hat edle und weise Männer gegeben , welche an die Musik der Sphären geglaubt . Wir glauben nicht mehr daran . Sind jene Gläubigen darum weniger edel und weise ? Wir glauben nicht an Sphärenmusik , aber wir glauben an die soziale Notwendigkeit der Moral , an die Schönheit ihrer sittlichen Wirkungen . Soll man deshalb dereinst von unserer Intelligenz und unserem Charakter geringer denken ? Ich klatsche Beifall mit beiden Händen . « Und die Thür aufreißend : » Herr Baron , lassen Sie sich umarmen , Sie sind mein Mann . « Als sich einmal der Baron wochenlang nicht hatte sehen lassen , begegnete ihm Raßler zufällig in den Isar-Auen . » Aber böser Mensch , was treiben Sie ? Kommen Sie doch wieder einmal zu uns und machen Sie meiner Frau ein wenig die Kur ! Bitte , ja , kommen Sie ! Sie müssen Leapoldine wieder tüchtig moralisieren ; kein Mensch kann ' s so gut wie Sie . Thun Sie ihr und mir den Gefallen ! « Und der Baron that beiden den Gefallen . Und Raßler war über die Maßen vergnügt . Als es aber später Sticheleien hagelte , wo sich die Glatze des Kommerzienrats nur blicken ließ , und anonyme Schmäh- und Drohbriefe ins Haus schneiten , da verging ihm oft der Spaß . » Erbärmlich , « klagte er , » daß man keine Ruhe haben und nicht einmal im eigenen Hause nach seiner Façon selig werden kann ! « Frau Leopoldine selbst war , allen diesen Zwischenfällen zum Trotz , offenbar heiterer und entgegenkommender gegen ihren Gatten geworden , namentlich in jener Zeit , wo die Besuche und Aufmerksamkeiten des Barons ihren Höhenpunkt erreicht hatten . Ein besonders gutes Zeichen sah der Kommerzienrat darin , daß sie öfter als früher seine Geldbörse direkt ansprach zur Gewährung größerer Summen für Unterstützungszwecke . Raßler frohlockte , gewährte sie und begehrte nichts Näheres zu wissen . So ganz selbstlos und aus etwa angeborenem Mildthätigkeitssinn handelte dabei der Kommerzienrat freilich niemals . Er erinnerte gern an seine Gaben , als ob er fürchtete , daß man sie unterschätzen könnte , und war nicht faul , sich eine Quittung in Form von allerlei Extra-Zärtlichkeiten auszubitten . Daß die Empfängerin nicht die Nutznießerin , sondern nur die Vermittlerin seiner Wohlthätigkeit war , kümmerte ihn nicht . Frau Leopoldine machte sehr oft ganz allein längere Besuche und Spaziergänge in den Nachmittag-und Abendstunden und kam meist recht erquickt , ja lustig heim . Es lag dann etwas so tief Befriedigtes und herzhaft Wunschloses in ihrem Wesen wie bei jemand , der einen brennenden Durst gelöscht hat und noch dankbar an den Quell zurückdenkt , der ihm die köstliche Labe gewährte . Ein frohes Lebensgefühl durchdrang sie ; sie spürte ordentlich jeden Pulsschlag , jeden Atemzug wie eine Verheißung immer reicheren Glückes . Wie ein Blütenbaum in lichter Frühlingspracht , so stand sie in Blust und Duft eines verjüngten Lebens . » Schön ist sie wieder und gütig heute , mein Leo ! « lachte Raßler in sich hinein . Erst in den letzten Monaten schienen diese Solo-Ausflüge nicht mehr ganz die alte Wirkung zu haben ; Leopoldine wurde wieder nachdenklicher , grüblerischer , eine gewisse schwermütige Ruhe , ein stundenlanges Hinbrüten wechselte mit plötzlicher nervöser Erregung und Gereiztheit . Verstimmt , wortlos ging sie an ihrem Gatten vorüber . » Der Teufel verstehe sich auf dieses Abrakadabra der Weiberlaunen ! « meinte er , wenn sich Gusti in Tröstungen und Erklärungen erschöpfte . Mit Gusti schien übrigens die Gnädige nicht mehr so vertraut zu stehen . Gusti ließ sich nichts merken und schluckte den Ärger über die Zurücksetzung hinab . » Kommt Zeit , kommt Rat ; man wird mich schon wieder brauchen , « tröstete Gusti sich selbst . Der Baron gefiel ihr immer weniger . Er war ihr auch nicht spendabel genug . Gegen die Kinder blieb Leopoldine gleich gut , gleich aufmerksam . War ' s auch keine tiefinnerliche Zärtlichkeit , sondern sah ' s öfter aus wie selbstübertriebene , fest gewollte Pflichterfüllung mit einem Stich ins Herbe und Peinliche , so that es dem väterlichen Egoismus doch wohl , einen so zuverlässigen Ersah für die wirkliche Mutter gefunden zu haben , die ja zudem nur ein ziemlich reizloses Geschöpf gewesen . Außer dem Kindersegen hatte er wenig genug von ihr gehabt . Von den Freuden der Liebe , die sie ihm bereitet , war ihm nur eine dürftige Erinnerung geblieben . Und seine Erinnerungskraft ist doch gerade in diesem Punkte allezeit eine so ungewöhnliche gewesen ! Ganz natürlich : was sollte sonst seine Gedanken belasten , wenn nicht die wonnigen Genüsse des Lebens ? Die Angelegenheiten seines großen Fabrikgeschäftes ? Die ordneten sich unter der Leitung vorzüglicher Beamten von selbst . Die Verwaltung seiner Kapitalien ? Die Handhabung der Kouponschere macht keine Schwierigkeit . Die Sorge für die Familie ? Kleinigkeiten ! Beteiligung an den Angelegenheiten der Gemeinde und des Staats ? Soweit sie direkten Gewinn bringt , ist sie Sache des Geschäfts und wird , vom Direktor und seinem Stabe von Buchhaltern besorgt ; da genügt sein bloßes Mitwissen . Soweit die Gemeinde- und Staatsangelegenheiten nicht direkt gewinnbringende Geschäftssachen sind , läßt man sie überhaupt nur mit Auswahl an sich herantreten . Bei Wahlen , Ausschüssen für gemeinnützige Unternehmungen , Ehrenämtern u.s.w. läßt man die Andern für sich arbeiten und begnügt sich , seinen Namen , ab und zu auch das Repräsentations-Portemonnaie , zur Verfügung zu stellen . Bei Konsortial-Unternehmungen , wie der geplanten Isarnferbebanung , der Isarthalbahn u.s.w. , wo natürlich die Firma der Raßlerschen Eisengießerei mitparadieren muß , hat der Herr Kommerzienrat an seinem Kollegen und Nachbar Schmerold einen Zuverlässigen Wortführer und Aufklärer . Kurz , alles kann man von andern besorgen lassen und dafür Gewinn und Ehre einheimsen - nur die Genüsse des Lebens muß man selbst durchprobieren ... War sie nicht auch eine Betschwester , diese selige erste Frau , die ihm alle Franziskaner vom Kloster im Lehel auf den Hals hetzte , ihm , dem freisinnigen , heiteren Kunstmäzenas ? Nein , das rechte Weib nach seinem Herzen war sie nicht gewesen . Ihre Einbildungskraft und ihr guter und belehrsamer Wille waren besonders in bezug auf Liebesgenüsse sehr beschränkt . Auch sonst war sie in zeitgemäßer Bildung sehr zurück und gar nicht mit ihrer Nachfolgerin zu vergleichen . In einer unglücklichen Stunde schleuderte ihr Raßler das Wort an den Kopf : » Du bist ein frommes Schaf . « Und als sie bei jeder Entbindung sich geberdete , als ginge die Welt aus den Fugen und mit dem Arzt immer gleich den Pfaffen bestellte , da rief Raßler verzweiflungsvoll : » Nein , ein solches Weib zu haben , das gar nichts kann , nicht einmal ein Kind anständig auf die Welt bringen ! « Es war ein arges Hauskreuz . Wenn er ' s recht bedachte , eine Schinderei . Bei alledem hatte sie in ihrer ferneren Verwandtschaft Namen von angesehenen Talenten aufzuweisen , zum Beispiel den gelehrten Professor Hirneis und den in seiner Weise wohl genialen , aber auch aus der Art geschlagenen Bildhauer Achthuber . Aber mit allen diesen Leuten mochte Raßler nichts mehr zu thun haben . Es war immer sein Grundsatz gewesen , sich die angeheiratete Verwandtschaft , die nähere und fernere , möglichst weit vom Leibe zu halten . Summa : so viel er auch bei Leopoldine mit in den Kauf nehmen mußte , was ihm oft über die Hutschnur ging , die war doch aus ganz anderem Teig ! Zweierlei Kinder sind zwar oft auch eine eigene Sache : aber Leo noch als wirkliche Mutter zu sehen - - Ein Traum ! Die Augen gingen ihm über , wenn er sich das ausmalte . Warum sie wohl so lange unfruchtbar blieb ? Sollte sie ... sollte er ... ? Er half sich über diese Fragen mit dem Gedanken hinweg , daß die Natur oft gar geheimnisvolle Wege gehe , daß man Beispiele habe von fünf- , zehn- , ja fünfzehnjähriger Sterilität , bis dann plötzlich aus später Nachblüte noch Früchte reisten . Und wer weiß - Leo war jetzt in so üppiger Pracht , daß er sie sich gar nicht schöner wünschen konnte - ob die Mutterschaft nicht ihre stolze Erscheinung schädigen , oder den Ernst ihrer Stimmung nicht noch höher treiben könnte ? Komisch : er vermochte sich dieses hohe , stattliche Weib gar nicht in der entstellenden Fülle der Schwangerschaft vorzustellen . Noch komischer : neulich hat er von ihren gesegneten Umständen trotzdem geträumt . Wie eine Kugel stand sie vor ihm , mit winzigen Extremitäten . Und die Kugel wurde immer größer , eine ganze Welt , während er immer mehr zusammenschrumpfte und schwand und schwand . - Er wußte plötzlich vom Traumbild und von sich selbst nichts mehr , es war wie eine Ohnmacht , wie ein Sterben im wonnigen Schlafe . - - - - Und jetzt wieder , bei halb offenen Augen und klarem Kopfe schlich sich dieses Traumbild betäubend in sein Bewußtsein . » Meine schwangere Frau , sie erdrückt mich , sie erdrückt mich ! « schrie er und fuhr aus dem Nachschlummer auf . » Es ist gut , daß mich dieser dumme Traum aufgejagt hat . - Ich habe heute zu lange geduselt . Am hellen , lichten Nachmittag träumen ... Und hier ein ganzer Stoß Postsachen ... Leo ist in der Kinderstube ; sie hat nichts gemerkt . Ich müßte mich ja schämen ... « 3. Der Kommerzienrat irrte sich : Leo hatte wohl etwas von seiner langen Duselei gemerkt . Zweiwal war sie auf der Schwelle erschienen , sich nach ihm umzusehen . Sie war so voll Unruhe heute , noch mehr als gestern , wenn sie sich auch abquälte , es nicht merken zu lassen . » Erzählen Sie mir noch einmal , Herr Schlichting , wie es beim Preßbanditen gegangen ... Nein , ich weiß ja ... Es ist schon gut . Gehen Sie nur wieder zu den Kindern . Ich lasse jetzt allem seinen Lauf . « Nach einem unstäten Blick nach der Thür , als müsse der Ersehnte plötzlich hereintreten : » Ja , allem seinen Lauf . « Aber zu den Worten des Mundes fügte das Herz seinen Nachsatz : . » Er muß wiederkehren , es kann nicht anders sein . « Und dennoch widersprach aufs neue der Mund : » Mag werden , was da will ! Ich danke Ihnen , Herr Schlichting . Auch bei Dr. Trostberg , bitte , keine weitere Bemühung ... « Die Kleidermacherin Frau Schmid wurde gemeldet ; sie sei auf heute bestellt wegen des neuen Frühjahrskostüms für Frau Kommerzienrat . Sie wurde abgewiesen . Morgen oder übermorgen könne sie wieder nachfragen , die gnädige Frau befinde sich heute nicht wohl . Frau Schmid zog grollend ab . » So rücksichtslos sind die reichen Leute ; ihrer Launen wegen darf man sich die Beine aus dem Leibe laufen und schließlich finden sie jede Rechnung zu hoch , überall wollen sie abzwacken , die reine Lauserei . « Raßler war einigemal im Salon auf- und abgegangen . Dann klingelte er und befahl , in einer Stunde den Wagen bereit zu halten - » Der Fuchs ist hoffentlich wieder gut zu Fuß ? « » Zu dienen , Herr Kommerzienrat ! « » Also nach Haidhausen in die Fabrik wird gefahren . « » Zu dienen , Herr Kommerzienrat . « » Es wäre vielleicht doch besser , den Fuchs noch zu schonen . Das feurige Roß übernimmt sich leicht . « » Zu dienen , Herr Kommerzienrat . Also lassen wir den Rappen einspannen . « Der Diener empfahl sich mit einem Bückling . » Alter Schöps , « dachte er , » dir wär ' das Laufen auch gesünder , dich trifft doch der Schlag noch , da kannst Gift drauf nehmen . Daß sich deine Rösser nicht überfressen wie du , dafür lass ' nur mich mit dem Jean sorgen - uns bekommt der Hafer auch nicht schlecht . « Im Vorzimmer stieß er auf die Gusti . Flink versetzte er ihr einen zärtlichen Klaps auf den Hintern . » Gehen wäre nützlicher , aber es ist zu mühsam in dieser erschlaffenden Frühlingsluft . « Nachdem er laut gegähnt , nahm er den Pack Briefe vom Serviertischchen und ließ sich nahe dem Fenster auf die Ottomane kugeln . Zunächst entfaltete er einige auswärtige Blätter , Berliner und Frankfurter Zeitungen , den Fränkischen Kurier und die Augsburger Abendzeitung , dann Flugschriften und Preislisten unter Streifband . Die Briefe ließ er noch unberührt ; das Lesen von Handschriften ist so anstrengend . Für die geschäftlichen Korrespondenzen hat er sich deshalb die Erleichterung geschaffen , sie erst von einem besonderen Kontorbeamten lesen und mit recht deutlicher und großer Schrift auf einem beigelegten Blatt auszugsweise erklären zu lassen . Der Biswanger war ja der treueste Mensch , der sich denken läßt ; noch einer von der alten Generation . Er hat von der Pike auf im Raßlerschen Geschäfte gedient , jahrelang um einen Hungerlohn , aber jetzt stellte er sich ganz gut . Seit einigen Jahren klagte er wenigstens nicht mehr . Seine Kinder sind ihm weggestorben , und mit dem Alter ist er immer bedürfnisloser geworden . Für ihn und sein taubes Weibchen , das zudem viel älter , als er , langt ' s , und da ihm eine ruhige Stellung , in der er sich in einem langen , arbeitsamen Leben eingelebt , über alles geht , so erhebt er keine Ansprüche mehr . Die jungen Leute sehen ihn freilich oft mit Ingrimm an , daß er sich um ein solches Spottgeld an das reiche Geschäft verkauft und mit einer wahren Hundetreue aushält und dazu noch allen die Zähne zeigt , die nicht mit gleicher Gewissenhaftigkeit ihren Schweiß opfern wollen . Biswanger hat es dem Kommerzienrat selbst vorgeschlagen , ihm die wichtigsten Postsachen regelmäßig in die Privatwohnung zu schicken , damit er sie bequem nach Tisch durchsehen könne . » Ach ja , es ist eine schöne Sache um ein geordnetes , bequemes Leben ; der Biswanger ist ein braver Kerl , « dachte Raßler heute wieder ; » ich muß ihm nächstens doch das Vergnügen einer kleinen Gehaltserhöhung machen , oder die Überraschung einer Gratifikation - vielleicht schenke ich ihm ein Jahresabonnement auf die Pferdebahn - die Aktien gehen ja ganz brillant in die Höhe ; hätte , ich nur mehr davon genommen . Biswanger hätte mir mehr zureden sollen . Aber für solche ganz moderne Dinge hat der gute Alte nicht immer den rechten Blick . Eigentlich ist er doch nicht ganz frei von Weißwurstphilisterei . Ich will ihn in seinen alten Tagen nicht , mehr verwöhnen . Er ist noch so rüstig und läuft gern . Die Freikarte wäre wirklich ein Luxus . Lassen wir ' s lieber . Die Generosität hat auch andere Unzukömmlichkeiten im Gefolge . Jede Bevorzugung erregt nur bei den Anderen neue Unzufriedenheit . Die jungen Leute haben ohnehin den sozialdemokratischen Teufel im Leib . Biswanger ist ja so auch glücklich . Er braucht wirklich nichts , der brave Kerl . Ja , um zwanzig Jahre wenn ich ihn jünger machen könnte , wäre uns beiden geholfen . Der wird einst schwer zu ersetzen sein ... « Frau Leopoldine spähte wieder durch die Portiere . Sollte sie ihn lieber doch nicht darauf vorbereiten , daß der Preßbandit einen Gaunerstreich gegen ihn plant ? Unschlüssig stand sie eine Weile . » Nein , ich mag ihm nicht wieder mit Drillinger kommen . Er hat doch nur eine rohe Rede für mich ... Ich lasse den Ereignissen den Lauf . « Im Umwenden begegnete sie dem lauernden Blicke der Gusti , die sich heute auffällig in ihrer Nähe zu schaffen machte . » Na , was denn , Gusti ? « » O , ich meinte nur , gnädige Frau , man könnte sich manche Sorge vom Halse schaffen . Die Männer kann man doch um den Finger wickeln , wenn man ' s richtig anfaßt . Es giebt nichts Dümmeres auf der Welt , als die Männer , besonders die verliebten . Verzeihung , gnädige Frau , ich spreche nur aus meiner Erfahrung ... « Die Frau Kommerzienrat schnitt ihr jede weitere Äußerung mit dem Wort ab : » Ich kaufe keine fremden Erfahrungen . Jeder muß schließlich mit sich selbst fertig werden . « Gusti dachte : » So werde durch eigenen Schaden klug ; du kommst doch noch zu mir , « und entfernte sich schweigend , als wäre nichts geschehen . Ob es wohl nicht klüger gewesen wäre , den Schlichting nicht zum Vertrauten zu machen ? Die Aufdringlichkeit Gustis brachte jetzt erst Frau Leopoldine auf diesen Gedanken . Ein zwar guter , aber doch so unreifer Mensch ! Und sein jämmerlicher Mißerfolg bei dem Preßbanditen , wird er nicht die Situation verschlimmern ? O dieser unselige Rätselmensch , Max v. Drillinger , in welche Lage hatte er sie gebracht ! Was war aus ihrem Verstande , aus ihrer Selbstbeherrschung geworden , seit diese rasende Leidenschaft für den Undankbaren von ihrem Wesen Besitz genommen ! Und ihre Seele schreit nach ihm , ihr Leib brennt nach ihm - - und ihn kümmert ' s nicht ... Welcher Dämon war in ihn gefahren , daß er ihr so namenloses Leid bereiten konnte ? Was hatte sie ihm gethan , was einen solchen plötzlichen Bruch zu rechtfertigen vermöchte ? Denn daß sein jetziges Verhalten einen Bruch bedeute , oder wenigstens die Absicht eines Bruches , daran durfte sie hinfort nicht mehr zweifeln . Schon auf ihrer letzten nächtlichen Spazierfahrt nach dem Gärtnertheater hatte sie unter seinem frivolen Kaltsinn zu leiden . In welch ' beleidigender Form stellte er so ganz summarisch die Treue der liebenden Frauen in Frage und sein brutales » Vielleicht auch Du ! « ging ihr wie ein Schwert durch die Seele . Und wie stürmisch hatte er um sie geworben - er , der einzige Mann , dem zu widerstehen ihr die schrecklichste Pein schuf , bis sie endlich seiner Leidenschaft und dem unbesiegbaren Zuge ihres Herzens alles opferte , alles , alles ... Wo war ein Traum , in den sie nicht ihn hineingeträumt , wo eine Empfindung , in deren Mittelpunkt sie nicht ihn erhoben , wo eine Freude , eine Hoffnung , eine Erhebung der Seele , die sie im Geiste nicht mit ihm geteilt ? Er ihr Abgott , ihr Alles - wie konnte er sich von ihr wenden ? ... Sie breitete ihre Arme aus , ihn zu umfassen , an die Brust zu drücken - und sie griff ins Leere . Und wenn sich ' s bestätigt , was sie seit vier Wochen halb mit