die es trugen , dabei auseinandergedrückt . Das zarte Möbel lag kläglich auf dem Boden mit allem , was sich darauf befunden ; aus dem kleinen Porzellangefäße lief ein kümmerliches Bächlein Tinte . In diesem Augenblicke trat auch Myrrha in das Zimmer und stellte sich mit Schrecken und Bedauern ebenfalls vor den Schaden . Wohlwend war plötzlich zur Besonnenheit und Frau Alexandra aus dem Winkel zurückgekehrt , in welchen sie sich geflüchtet hatte . Hiermit blieb das Gespräch für einmal auf sich beruhen . Das , wovon es handelte , schwebte dafür anderwärts an die Luft empor . Salanders Sorgen waren zur Ruhe gekommen , die Wut des allgemeinen Übels hatte nachgelassen , die ärgerlichen Zeitungsnachrichten hörten allmählich auf , und sein besonderer Anteil , die Geschichte der zwei Notare , war in der sühnenden Stille der Strafgefängnisse eingeschlafen , der kurze Scheidungsprozeß der Töchter entschieden und ihr altneues Leben im Elternhause tröstlich geordnet . Sie hatten sich mit einem Teil ihres Gerätes im oberen Stockwerke eingerichtet und gingen der Mutter mit der im einsamen Ehestand angewöhnten häuslichen Tätigkeit zur Hand . Im übrigen lebten sie eingezogen und verhältnismäßig zufrieden , was die Mutter nicht hinderte , im stillen , soviel der Vater merken konnte , auf den Sohn Arnold zu bauen , durch welchen wohl der ein und andere Mann von Tüchtigkeit im Gesichtskreise der Familie auftauchen würde ; denn die Töchter sähen eigentlich erst jetzt nach etwas aus , wie wenn sie an Inhalt gewonnen hätten . Arnold sollte einstweilen in dem Hause wohnen , wo Salanders Geschäftsräume waren . Er hatte die Liegenschaft endlich gekauft , weil die Eigentümer gestorben . Der große Garten sollte neu hergestellt und gepflegt , auch das Haus für alle ausgebaut werden . Nachdem dergestalt eine friedliche Windstille eingetreten und die Zukunft heller und wieder glücksfähiger geworden schien , entlud sich auch Martin Salanders Gemüt seiner Lasten bis auf den dunklen Druck seines verjüngten Liebesbedürfnisses , oder wie man es nennen mochte . Um seine mannigfaltige Tätigkeit für Volk und Staat mit erneuter Kraft aufzunehmen , war ihm , wie er unverwüstlich glaubte , die Herzerneuerung durch die schöne , keusche Neigung notwendig , die sich während des Unwetters geduckt hatte , wie jenes Käuzlein , und nun wieder die Flügel breit machte und die Augen glühen ließ in den dunklen Nächten . Zwar hielt ihn die Anwesenheit der Töchter noch von allen bedenklichen Schritten zurück , so daß er sich nur in unbestimmten Plänen und Hoffnungen des Wiedersehens erging . Da geschah es an einem Winternachmittage , als er einen Marsch ins freie Feld tun wollte , daß er dem Fräulein Myrrha Glawicz begegnete , welches in der Vorstadt einen verlorenen Weg zu suchen schien und , in Samt , Pelz und Schleier gehüllt , vorsichtig und scheu die feinen Füße in den Schnee setzte gleich einem verirrten ziervollen Vogel aus wärmeren Zonen . Erst als sie schon ganz in der Nähe war , erkannte er die Gestalt , die er mit den Augen wohlgefällig verfolgt hatte , und sah , wie sie tief errötete und ihn mit den großen Augen flehentlich ansah , als ob sie um Mitleid bäte , da er sie freudig erschreckt begrüßte . Erfahrend , wohin sie wolle , führte er sie eine Strecke auf den richtigen Weg , den sie zu gehen hatte , und versuchte mit ihr zu sprechen , abermals ohne einen ordentlichen Gang der Wechselreden zu finden . Denn er war bald ebenso verwirrt wie die Dame selber , die sich , vor einem Hause stehenbleibend , plötzlich mit süßem Danke und neuem Erröten losmachte und hineinging . Seinen Weg stundenlang fortsetzend , bis die rötliche Dämmerung die beschneiten Fluren allmählich verhüllte , beschloß er , seiner Gattin anzukündigen , daß er die Wohlwendschen Frauen ins Haus einzuführen wünsche , und ihr dabei offen zu bekennen , wie er des Anblickes der unschuldigen Schönheit Myrrhas bedürfe und daran von den Krankheiten der Zeit zu gesunden und wieder zu erstarken hoffe , und wie das alles keine Bedenken und Gefahren in sich bergen solle . Kurz , er dachte sich eine lange Rede aus , seine Torheit als Weisheit darzustellen ; und selbst die guten Töchter erschienen ihm nicht mehr als Hindernisse , sondern im Gegenteil als jugendliche Mittlerinnen in dem Verjüngungshandel , da sie ja erst recht den wonniglichen Verkehr ermöglichten . Trotzdem schlug ihm das Herz etwas ängstlich , als er sich seinem Hause näherte ; die Angst verwandelte sich aber in Verwunderung , weil alle Fenster von unten bis oben hell erleuchtet waren . Auf dem Hausflur lagen Kisten und Gepäckstücke ; die schöne Laterne , die von oben herunterhing , als ein neuangeschafftes Stück , erhellte die Treppen , auf denen Frau Marie mit dem Schlüsselbund dem Manne begegnete . Sie fiel ihm sofort um den Hals und rief : » Martin , wo bleibst du ? Es ist wieder einmal einer aus Brasilien gekommen ! Arnold ist da ! « » Jetzt schon ? Ich glaubte , auf Ostern gelte es ? « sagte Salander betroffen . » Er wird eben täglich klüger und hat sich früher eingeschifft ! Komm herein , Setti und Netti sind in allen Zuständen , das macht , er hat sich herzig gegen sie benommen , sie brauchten sich gar nicht zu schämen vor dem Herrn Bruder ! Hör nur , wie sie lachen ! « Sie lachten wirklich , obschon Arnold ganz ernsthaft in der Stube stand , als Vater Martin hineinging . Der Sohn trug den jugendlichen Kopf des letztern auf den Schultern ; aber er war um einen Zoll höher gewachsen und dabei schlank wie eine Tanne . Das Herz des Vaters freute sich über den Anblick ; ein feines Ohr hätte mitten in der Herzensfreude einen schwachen Schrei , wie eines erwürgten Kaninchens hören können , da in derselben die pedantische Liebelei Martins ohne weitere Umstände verschied . Denn ohne daß er sich deutlich des Vorganges bewußt wurde , stand der blühende Sohn wie eine lebendige Kritik vor ihm und wirkte augenblicklich auf seine gute Natur . Im übrigen schüttelten sie sich bieder die Hände . » Ich meinte , « sagte Salander , » du kämst im Frühling ? « » So war ich gewillt ! Allein im März muß ich wieder einmal meinen Militärdienst tun , sie wollen mir nicht länger Urlaub geben . Wenn ich meinen jetzigen Grad behalten wolle , heißt es , so müsse ich dienen , weil ich noch jung sei , sie können keine alten Leutnants in den Batterien brauchen ! Vorher muß ich doch ein paar Monate mich hier einleben ! « » Du hast recht ! « erwiderte Martin wehmütig . » Ich wollte meiner Zeit auch noch dienen und wäre wenigstens vielleicht ein brauchbarer Verwaltungsoffizier geworden ; daran hat mich die Wohlwendgeschichte verhindert , als ich Knall und Fall fort mußte ! Nun hab ich doch den Sohn im Feuer , wenn ' s etwas gibt ! « » Apropos Wohlwend « , sagte Arnold Salander , » da bring ich Neuigkeiten mit ! Ich habe die Akten , betreffend deinen Handel mit der verpufften Bank in Rio , nicht vergebens mitgenommen . Erst ein Vierteljahr vor der Abreise bekam ich durch einen guten Bekannten von dir Wind , daß ein alter ausgeräucherter Kerl von jener Gesellschaft , von der Not getrieben , herangeschlichen sei und krank im Spitale liege . Er sei entdeckt worden ; verschiedene Leute , die einst Schaden erlitten , ließen ihn gerichtlich verhören , und der geschwächte Patron , der nichts mehr zu verlieren habe , krame aus , was er wisse . Natürlich gab ich deine Akten , versehen mit einem zweckdienlichen Auszug und Bericht , auch ein und verlangte die Einvernahme . Siehe da , er bekannte , hinter dem Rücken des schönen Direktoriums mit Schadenmüller-Wohlwend noch einen besondern geheimen Betrugskonto geführt zu haben , zu dessen Gunsten sie einander bei guter Verlegenheit allerlei Hasen in die Küche gejagt ; so habe er auch den Wohlwend von deiner Erzählung und der dafür erhaltenen kolossalen Tratte in Kenntnis gesetzt und ihm bedeutet , was er zu tun nicht unterlassen solle . Allein sie hätten , von den Ereignissen überrascht , den sauberen Konto nie liquidieren können , und so habe Wohlwend für sich behalten , was er erwischt , das heißt , was hier in Münsterburg nicht ausbezahlt worden sei . Das Protokoll in gutem Portugiesisch , gehörig beglaubigt , habe ich bei mir . Der Mensch ist dann gestorben ; was dort weiter geschehen , weiß ich nicht . « Martin hörte staunend zu und sagte zuletzt nur : » Also doch ! « Aber statt sich lange bei der altvermuteten und neubestätigten Sache aufzuhalten , mußte er in verschwiegenen Gedanken nur das gütige Geschick preisen , das im letzten Augenblicke ihn davor bewahrte , in das ihm gestellte Netz zu fallen , seine treue Frau zu kränken und vor dem Sohne als ein törichter alter Mensch dazustehen . Mit dem letzten Seufzer , den er in dieser Sache tat , gelobte er sich Besserung , und schritt darauf an der Spitze der Seinigen in das Speisezimmer , wo Frau Marie und ihre Töchter zu Ehren des Heimgekehrten den Tisch bereitet hatten und die Magdalene mit wahrem Hochmut den schönsten Braten auftrug , den sie seit langem gewendet und begossen . » Ich bin nun froh , daß ich endlich wieder da bin , « sagte Arnold Salander , als der Vater ihm einschenkte , » es ist doch am besten in der Heimat ! « » Du kommst gerade in keinem glücklichen Augenblick , « versetzte Martin , der Vater ; » hast du nicht vernommen , was in diesem Jahre alles über uns gegangen ist von elendem Zeug ? « » Ich habe es wohl verfolgt und zwar in unsern eigenen Zeitungen , « entgegnete Arnold , » es war nicht erbaulich ! doch ist schon manches über unser Land gekrochen , was noch weniger schön gewesen ist ! Nach den glorreichen Burgunderkriegen war das Volk so verwildert , daß man jeden aufhenken mußte , der soviel stahl , als ein Strick kostete . Das steht ja schon in unsern Schulbüchern ! Und doch haben wir die vierhundert Jahre weitergelebt ! « » Es war zuweilen auch danach , « sagte der Vater , » es ist aber doch ein guter Spruch , den du getan hast ! Kommt , Frau und Kinder , und laßt uns mit Arnold anstoßen und uns freuen , daß er es erträglicher findet , als wir gehofft ! « Sie klangen froh , wie lange nicht , mit allen Gläsern zusammen , Magdalene schaute unter der Tür zu und strich mit beiden Zeigefingern die Augen . Frau Marie rief sie heran und bot ihr das eigene Glas , das sie tapfer leerte , worauf sie schämig hinauslief . Arnold nahm sein Wort nochmals auf . » Ich glaube , « sagte er , » es würde vieles erträglicher werden , wenn man weniger selbstzufrieden wäre bei uns und die Vaterlandsliebe nicht immer mit der Selbstbewunderung verwechselte ! Ich habe , obgleich noch jung , ein ziemliches Stück von der Welt gesehen und das Sprichwort : C ' est partout comme chez nous würdigen gelernt . Wenn wir nun etwa in ein schlechtes Fahrwasser geraten , so müssen wir eben hinauszukommen suchen und uns inzwischen mit der Umkehrung jenes Wortes trösten : Es ist bei uns , wie überall ! « Das war dem alten Martin aus dem Herzen und ganz nach seinem Sinne gesprochen ; nur dünkte es ihn neu , weil er selbst , seit er so rüstig an dem öffentlichen Wohle mitgezimmert und -gebastelt , manches für unvergleichlicher und einziger gehalten hatte , als es war . Noch geraume Zeit saß die wiedervereinigte Familie beisammen und ganz so glücklich , wie an jenem Abend , da Martin gekommen war , die hungernden Kinder samt der Mutter zu speisen . Mit leichtem Mute und wirklich verjüngt ging er zu Bett . Nach einiger Zeit , da Marie wahrnahm , daß er nicht schlief , sondern zufrieden etwas spintisierte , rief sie : » Du , Martin ! Gelt , der Arnold freut dich doch , denn du hast zum ersten Mal deinen Gutenachtseufzer vergessen , mit dem du mich seit länger als einem halben Jahre betrübt hast ! « » Du bist nur halb auf der Spur ! « gab Martin bedächtig stockend zur Antwort ; dann entschloß er sich jedoch , der treuen Frau seine Abirrung zu bekennen , damit kein dunkler Punkt zwischen ihnen sei . Er erzählte ihr also die ganze Geschichte mit der Myrrha Glawicz , die eingebildeten Liebesleiden bei harmlosen Absichten und höheren ethischen Beweggründen , samt der Rede , die er sich für Frau Marie ausgedacht , bis zu dem Augenblick , wo der bloße Anblick des Sohnes das Luftschloß zertrümmerte . » Nun , was sagst du dazu ? « fragte der vergebungsbedürftige Mann hinüber , da die Frau schwieg . Erst nachdem sie sich eine Weile unruhig auf ihrem Lager gedreht , lachte sie plötzlich hellauf und schwieg dann wieder . Dann lachte sie nochmals und sagte : » Ich lache nur aus Freuden darüber , daß diese letzte Gefahr , die uns bedroht , sich so glimpflich verzogen hat ! Dank du dem Himmel , Mann ! daß dein Sohn so zu rechter Zeit , auf die Minute , gekommen ist ! Es wäre ja nicht um mich zu tun gewesen , aber um dich und ihn , und die Töchter ! Wie wären wir vor denen dagestanden ! Aber weißt du , Martin , weil du von der einfachen , unerwarteten Gegenwart unseres Sohnes geheilt wurdest , so soll dir die Verrücktheit vergeben und vergessen sein , die du mir hast antun wollen ! Es ist ein gutes Zeichen , ein goldenes , das ich mir im Gemüt aufbewahren will , solang ich noch lebe ! Und jetzt , schlaf wohl , Mann , deine Geschichte hat doch etwas Einschläferliches an sich ! « So ging Martin Salanders später Liebesfrühling , der die Verjüngung seiner politischen Tatkraft herbeiführen sollte , in Gnaden und ohne weitere Gewitter vorüber . XX Und er schien doch jünger geworden , als er , den Sohn zur Seite , am nächsten Morgen den Weg nach seinem Kontor beschritt . Leicht trugen ihn die Füße ; die Hüften aber wiegten sich leise , fast unmerklich , hin und her , wie einstmals , wenn ein frischer Lebensmut , ein guter Gedanke ihn durchströmten . Im Geschäftshause angekommen , unterhielten sie sich zuerst mit den Angestellten , die Arnold freundschaftlich grüßte , und besprachen im allgemeinen dies und jenes , was der Tag brachte oder in letzter Zeit ausgeführt worden . Dann begaben sich Vater und Sohn in Martins besonderes Zimmer , um in ausführlicher Unterredung Stand und Zukunft des Hauses gründlicher zu erörtern , als es in Briefen geschehen konnte . Neues trat hiebei nicht viel zutage , wenn es nicht etwa die Schlußfrage war , ob nicht die Geschäfte , die Unternehmungen bei so befriedigendem Gange auszudehnen und ein gewisser Aufschwung zu wagen sei ? Es war Martin , der die Frage aufgeworfen und den Sohn aufmerksam und mit vollem Vertrauen ansah . Arnold bedachte sich oder hielt vielmehr mit der Antwort zurück , welche er nicht zu suchen brauchte . Er spielte indessen mit dem Muster einer neuen Goldwage , die man auf des Vaters Tisch gestellt hatte . » Es hängt von dir ab , lieber Vater ! « sagte er endlich , » ich arbeite gern mit unter deiner Leitung ! « » Nein , von dir hängt es ab ! « erwiderte Martin , » du bist der Sohn und Erbe , dessen die Zukunft ist ! « » Der Nachdruck der Frage liegt in den Worte wagen , das du gebraucht hast : ob eine Ausdehnung zu wagen sei ! « fuhr Arnold fort , » wir stehen hart an der Grenze , wo dies ganz richtig gesagt ist , d.h. wo man , um Mehreres zu tun , ein Teil des Gewonnenen , vielleicht schließlich alles aufs Spiel setzen muß . Für meine Person , muß ich gestehen , habe ich drüben , jenseits des Wassers , in stillen Augenblicken mehr als einmal nachgedacht , wieweit wir eigentlich gedeihen wollen in unserm Erwerb ? Wollen wir in der Tat kleine Nabobs werden , die entweder ihr Leben ändern oder den weit über ihre Bedürfnisse reichenden Mammon ängstlich vergraben müssen und in beiden Fällen vor sich selbst lächerlich sind ? Zudem bist du ja Politiker und Volksmann , ich bin meines Zeichens Geschichtsfreund und Jurist ; es steht also uns beiden besser an , wenn wir in schlicht bürgerlichen Verhältnissen und Gewohnheiten bleiben , wie du es bis jetzt so musterhaft getan hast . Vergib , das ist mein Gefühl ! Ich empfinde auch einiges Heimweh nach meinen Büchern und müßte bei allfällig rapidem Anwachsen des Geschäfts mehr Zeit mit dem Kurszettel in der Hand und auf der Börse zubringen , als mir lieb wäre ! « » Du sprichst nur Gedanken aus , die ich selbst schon gehegt ! Was mich aber auf die Frage gebracht hat , ist die Zukunft unsers Landes . Ich fürchte , die Zeit ist nicht mehr fern , in welcher die Gesetzgebung die Hand kräftiger auf das Vermögen legen wird ; da dürfte es , dacht ich , gut sein , wenn man tüchtiger einzuschießen hat , ohne gerade zu verarmen . « Arnold lachte . » Das wäre , « sagte er , » nicht mein Standpunkt , ich möchte nicht Geldmacher für zukünftige Dinge sein , die ich nicht billigen kann . Ich werde vielmehr die Willkür bestreiten , solang ich es vermag ; siegt sie , wohl und gut , so füge ich mich gelassen ; dann ist es mir aber auch gleichgültig , ob sie uns zwei oder zehn Millionen nehmen . « » Ei , wer spricht denn gleich so von nehmen , « rief der Vater leicht gereizt , » es geht alles mit rechten Dingen zu ! Glaub aber nur , die Postulate der Notwendigkeit werden so dicht regnen , daß wir noch froh sind , gute Schuhe zu haben ! « » So laß regnen , es wird auch wieder aufhören ! Erinnere dich , Vater , an den Anfang unsers Jahrhunderts , als nach der durchgerungenen Helvetik das Vaterland auf den Kopf gestellt war und in der Knechtschaft des ersten Konsuls von Frankreich seufzte . Damals berichteten die Pfarrer , daß in ihren Gemeinden viele Leute lebensmüd seien und sich nach dem Tode sehnten ! Jetzt nach achtzig Jahren sitzen wir , geringe Leute vom Lande , frei wie Lerchen in der Luft , wenn auch nicht frei von Leidenschaft vielleicht : wir sitzen hier in einem der Häuser der untergegangenen Aristokratie und pflegen Rats , ob wir noch reicher werden wollen oder nicht ! Ich fürchte mich aber weder mit dem vielen Gelde noch ohne dasselbe ! « Der alte Salander blickte den jungen mit glänzenden Augen an und ergriff dessen Hand . » So laß uns , « sprach er gerührt , mit leiserer Stimme , wie ein Verschwörer , » laß uns zu dieser Stunde geloben , daß wir das Land und Volk nie verlassen wollen , es mag beschließen , was es will . « » Das kann ich wohl geloben ! « antwortete der Sohn , den Handschlag des Vaters erwidernd . » Höhere Gewalt immerhin vorbehalten ! « » Was meinst du damit ? « » In diesem Fall zum Beispiel eine völlige Entartung ! « » Das kann ja die schönste reservatio mentalis werden ! « » Nun , also ohne Vorbehalt ! Es würde doch chez nous comme partout sein ! « » Also es gilt ! « schloß Martin Salander und gab Arnolds Hand frei . » Und was das Geschäft betrifft , « fügte er bei , » so lassen wir es einstweilen beim alten ! « Nach dieser seltsamen Verhandlung , in welcher die zwei Männer sich so grundverschieden und doch wieder so grundähnlich erwiesen , kamen sie auf den Louis Wohlwend zu sprechen und berieten , was mit dem von Arnold aufgebrachten Protokoll zu beginnen sei . Sie fanden , daß sie schon wegen der Verjährung keinen Nutzen mehr für das Haus darin suchen , dagegen unter der Hand sich erkundigen wollten , ob etwa Pflichten gegen dritte eine Anzeige erheischen könnten . Vorläufig beschlossen sie , eine deutsche Übersetzung anzufertigen , um mittels derselben nötigenfalls den Wohlwend zu jeder Stunde durch bloßen Vorhalt aus dem Lande treiben zu können . Inzwischen sollte der Verkehr mit ihm gänzlich abgebrochen werden . Arnold empfand nicht übel Lust , die Verjagung ohne weiteres vorzunehmen ; der Vater hingegen war für das Abwarten , da er mit den Frauen , die er für unschuldige Opfer hielt , Erbarmen hatte . Sogar Wohlwend selber zu schonen , fühlte er ein geheimes Bedürfnis ; denn wenn der Sünder für die Strafe auch nicht mehr erreichbar war , so mußte ihn das Bekanntwerden jenes Aktenstückes dennoch in die Reihen der offenkundigen Verbrecher endgültig hinabstoßen . Und er blieb doch immer Salanders ältester Jugendgenosse und gewesener guter Freund . Kaum waren auch diese Dinge abgetan und die Männer im Begriff , jeder an eine Beschäftigung zu gehen , so klopfte es und der unglückliche Wohlwend trat herein , die schöne Myrrha am Arme führend . » Verzeih , alter Freund , « rief er , » daß wir dich so unvorgesehen überfallen ! Da mache ich mit meiner Schwägerin einen Gang durch die Stadt und vernehme plötzlich , daß der Herr Sohn heimgekehrt sei . Und wie wir hier an das Haus kommen , sag ich , wir wollen einen Sprung hinauftun , du kannst immer mitkommen , und den Herrn in frischer Tat begrüßen ! Seien Sie auch uns bestens willkommen , Herr Arnold , so heißen Sie doch ? « Vater und Sohn waren wie vom Blitz getroffen . Keiner ergriff die dargebotene Hand , aber keiner wußte ein Wort zu sagen , noch weniger brachten sie es über sich , den Mann in Gegenwart des so rührend schönen Frauenzimmers schroff abzuweisen . Endlich ermannte sich Martin Salander , indem er den alten Freund sachte beiseite zog und leise zu ihm sagte : » Sie entschuldigen , Herr Wohlwend , daß wir Sie jetzt nicht sprechen können ! Wir sind , wie Sie leicht begreifen , dringend beschäftigt ! « » Sie ? « murmelte Wohlwend stutzend und trat sogleich weiter zur Seite , » was soll das heißen ? « » O nicht eben viel ! « versetzte Martin verlegen und doch sonderbar gereizt , daß der böse Geist die gefährliche Person vor die Augen des Sohnes brachte . » Die Verhältnisse ändern sich zuweilen ; ein geeigneter Aufschluß wird sich wohl finden lassen ; für heute , wie gesagt , müssen wir Entschuldigung verlangen , wir sind wirklich sehr beschäftigt ! « Er hätte kein härteres Wort über die Lippen gebracht , weil Myrrha , nach welcher er einmal hinschielte , ein inniges Mitleid von neuem erweckte . In seiner Verlegenheit schritt er neben Wohlwend an der Wand auf und nieder , während er seine abgebrochenen Worte sprach , und Wohlwend schritt beharrlich neben ihm her , schweigend , böse Blicke schießend , auch nach den jungen Leuten spähend und den Aufbruch nicht wagend , weil er nicht wußte , wie der sich gestalten würde . Indessen war Myrrha verlassen im Zimmer gestanden , ratlos blickend und zuletzt zitternd , als Arnold sie überrascht betrachtete . Nun bat er sie gefälligst , sich zu setzen , und nahm selbst einen Stuhl . » Sie sind aus Ungarn , mein Fräulein ? « fragte er sie mit unwillkürlicher Teilnahme , um etwas zu sagen . Wiederum zitternd schaute sie ihn an und erwiderte mit erwachendem Vertrauen : » Ja wahrlich aus Ungarn , Königreich ! Aber Schwager Volvend-Glavicz hat nicht wahr gesagt , nicht jetzt auf der Straßen , schon gestern abend hat gewußt , daß gnädiges Herr angekommen sind ! Aber entschuldigen Sie , er hat nur vergessen ! « » Und wie lange leben Sie schon hier ? « » Glaub ich , zwei Jahr , oder eines , bitt ich um Vergebung , ich weiß es nicht sicher ! « » Und wie gefällt es Ihnen denn in der Schweiz ? « fuhr er etwas verblüfft fort und sah sie genauer an . Das empfand sie wohl . Sie flüsterte mit fallenden Tränen : » Mir gefällt es nirgendwo ! Bin ich nur schön , aber nicht ganz gescheit , sagte mein Vater seliger , und Herr Volvend-Glavicz sagt , bin ich auf den Kopf gefallen , aber Heiraten macht gesund ! Versteh ich nicht , aber auch glaub ich nicht , bis ich das sehe ! « Das alles sagte sie trotz der Bedrängnis mit trauten Worten , von Jugend zu Jugend , wie wenn sie da vor die rechte Schmiede gekommen wäre in einer verworrenen und höchst bedenklichen Angelegenheit . Immer mehr erstaunt sah Arnold das zierliche Geschöpf forschend an und entdeckte erst jetzt , wie ein irres Licht durch den feuchten Schleier der Tränen flackerte . In diesem Augenblicke blinzelte Wohlwend herüber , der noch immer in der Unbehaglichkeit neben dem alten Salander herlief , und sah die scheinbar schnelle Vertrautheit der jungen Leutchen . Offenbar hielt er die ausgeworfene Angel für festsitzend , mochte aber für geraten halten , die Schnur für einmal abzureißen , um die Angel für einen günstigeren Zeitpunkt wirken zu lassen . Plötzlich ließ er den Vater Salander stehen , trat mit zwei Schritten hinter Myrrhas Stuhl und legte die Hand auf ihre Achsel . » Nun dürfen wir die Herren aber wirklich nicht länger stören , « rief er , » komm , Schwägerin Myrrha , wir wollen uns empfehlen ! « Zugleich nahm er sie , die sich erschrocken erhob , an den Arm und verschwand , laute Abschiedsworte in das Zimmer zurückrufend und eine stattliche Pelzmütze schwingend , mit dem schönen Scheingebilde ebenso rasch durch die Tür , wie er gekommen war . Vater und Sohn standen und schauten sich an . Arnold tat endlich einen starken Atemzug , gleich einem , der sich von jähem Schreck erholt . » Wie schad um das schöne Frauenzimmer ! « sagte er . » Wieso schade ? « fragte der Alte entgegen , der schon zu fürchten begann , der Sohn möchte sich bereits verliebt haben . » Nun , « meinte Arnold hinwieder , » weil der arme Tropf ja blödsinnig ist , wo nicht gar verrückt ! « » Blödsinnig ? « » Aber weiß man denn das nicht ? Hast du nie mit ihr gesprochen ? « » Mehrmals ! Allerdings wollte nie ein ordentliches Gespräch zustande kommen ! « » Jedenfalls ist das Mädchen in hohem Grade einfältig , was wohl aufs gleiche herauskommt ! Hör nur , mit was die Ärmste mich unterhalten hat . « Arnold erzählte den Inhalt ihrer wenigen Reden und schilderte ihr Benehmen , den Ausdruck ihres Gesichtes . Der Vater wurde feuerrot bis unter die angesilberten Locken über der Stirne , ratlos , was er dazu sagen solle . Es war ein allzu bitterer Nachklang , der ihn auf dem Nachhauseweg , den sie angetreten , wiederholt den Kopf schütteln ließ . Arnold nahm diese innere Erregung nicht wahr . Der Sohn hatte das kleine Ereignis auch schon vergessen , als es ihm bei Tisch unversehens einfiel und er davon zu reden begann . Nachdem er den Hergang geschildert , hob er hervor , wie gut sich natürliche Anmut mit Blödsinnigkeit zu vertragen scheine . Es sei aber ein unheimliches Schauspiel , und er würde sich doch dafür bedanken . Frau Marie war sofort leicht rot geworden , als er des unerwarteten Besuches erwähnte . Als sie aber einen Blick auf ihren Mann warf und in seinen stummen Zügen den schwer verhehlten Kampf mit der Beschämung , in der er vor ihr saß , bemerkte , verzog sich die Röte wie ein zarter Rosenschleier , und in den Augen , um die Lippen regte es sich leise wie das feinste Lustspiel , das je in einem Frauengesichte aufgeführt wurde . Nur Martin Salander , der die Gattin mißtrauisch anblickte , sah und verstand es ; er fühlte sich leidlich besser , nickte ihr dankbar und etwas dummlich zu , indem er sie um ein Glas Wasser bat . Aber schon hatte sich das Spiel auf Maries Gesicht in ernste Zufriedenheit verwandelt , als sie hörte , mit welch kalter Ruhe Arnold seine Offenbarungen schloß . Erst jetzt wagte Salander , der Vater , dem Sohne zu bemerken : » Du hast aber doch den Kopf etwas nah mit ihr zusammengesteckt , wie ich flüchtig sehen konnte ! « » Nicht ich , « entgegnete Arnold , » sie war es , die mir in ihrer Unschuld näher rückte , und das störte mich sogar ein bißchen , weil sie jedenfalls kurz vorher Wurst gegessen hat , wie ich an ihrem Hauche spürte . Wäre etwas Senf dagewesen , so hätte ich ihn dazu genossen ! « » Mit dir ist auch nicht gut Kirschen essen ! « rief eine der Schwestern , die bislang kleinlaut zuhörten , da das Kapitel ihnen nicht gefiel , und der Vater sagte : » Ja , er ist ein kritischer Gesell ! « Die Mutter sagte kein Wort ; aber ihr Auge ruhte wohlgefällig auf dem Sohne . Das wahre Geheimnis war und blieb den Kindern verborgen . XXI Das neue Leben der wieder vollzähligen Familie floß nun klar und ruhig