nichts davon weiß ? « » Weil ich durch das Pförtchen da hereinkomme . « Er wies auf eine Seitenwand . » Ich wohne in der anstoßenden Zelle . « » In einer Nonnenzelle ? « rief Sender . » Ja , so nennen sie ' s. Seit zwei Monaten . « » Und was - « Sender stockte . » Und was haben Sie angestellt ? « hatte er fragen wollen . Der Greis erriet es . » Ja , ich bin zur Strafe hier « , sagte er ruhig , ohne eine Spur von Bitterkeit . » Ich habe ein Buch geschrieben , das meinen Oberen in Schlesien nicht gefiel . Und darum bin ich hierher geschickt worden , bis - nun , bis ich mich bessere . « » Sie haben es hier gewiß recht schlecht ? « fragte Sender teilnahmsvoll . Er dachte an die Geißeln , aber davon wagte er doch nicht zu sprechen . » Nicht gut ! « erwiderte der Mönch . » Aber was liegt daran ? Ich bin an siebzig Jahre alt , krank und gebrochen . Ich habe keine Hoffnungen , keine Pläne mehr . Mein Buch aber ist in der Welt und lebt , und keine Gewalttat kann es vernichten , es wird leben , bis ein Größerer und Besserer kommt und es überflüssig macht . Möge er bald kommen ! « Sender blickte ihn bewegt , voll innigsten Mitleids an . Aber gleichzeitig dachte er : » In meiner Weltgeschichte steht , wie sie den Mönch in Rom verbrannt haben . Mir scheint gar , auch ein Dominikaner . Ich hab ' mir immer gedacht : Das wär ' ein feines Trauerspiel . Nun weiß ich auch , wie ich den Mönch machen möcht ' . « Pater Marian fuhr sich über die Stirne . » Und nun wollen wir ein Stück für dich aussuchen . « Aber während er noch in den Bänden blätterte , schlug es Zwei und gleichzeitig wurde der schwere Schritt Fedkos auf dem Korridor hörbar . » Auf Wiedersehen « , flüsterte der Greis , und verschwand in seiner Zelle . Freudigen Herzens ging Sender heim . » Gott ist mit mir « , dachte er . » Gott will , daß ich mein Ziel erreiche . Was hätte ich mir für die Zeit , wo ich noch hier bleibe , besseres wünschen können ? « Zweiundzwanzigstes Kapitel Am Schranken waltete die christliche Magd . Die Mutter war , wie in letzter Zeit so oft , nach dem Städtchen gegangen . In der Wohnstube sah Sender ihren Strickbeutel liegen ; als er mit der Hand darüber hinfuhr , fühlte er ein eckiges Täfelchen . Neugierig zog er es hervor . » Wer ist das ? « murmelte er verblüfft . » Ist die hübsch ! « Es war eine kolorierte Daguerrotypie , wie sie vor vierzig Jahren üblich waren , und stellte ein junges , auffallend schönes Mädchen dar . Goldbraunes Haar umwogte in leichten Wellen ein längliches , schmales , edel geschnittenes Antlitz , in dem große blaue Augen standen . Die feinen Lippen waren etwas abwärts gezogen , dies und der ernste , sinnende Blick gab den Zügen den Ausdruck des Strengen , fast Leidenden . Sich porträtieren zu lassen , ist noch heute in der Sekte der Chassidim nicht Brauch , geschweige denn damals , und der Marschallik machte sich oft genug über seine Kollegen , die Heiratsvermittler in den großen Städten , lustig , die mit einem ganzen Paket solcher Bilder hausieren gingen . Hatte er sich nun dennoch zu der neuen Mode bequemt ? Es war unwahrscheinlich . Auch Frau Rosel war solchen » gottlosen « Neuerungen schwerlich geneigt - und dennoch , was konnte das Bild anderes zu bedeuten haben ? » Mir kann ' s jedenfalls gleichgültig sein « , murmelte Sender , und ließ das Bild ins Beutelchen zurückgleiten . Aber dann holte er es doch wieder hervor . Er hatte sich bisher nicht viel um Frauenschönheit gekümmert , ein hübsches Gesicht war ihm lieber als ein häßliches und wie jedem Juden des Ostens ein wohlgenährtes lieber als ein mageres , aber was er bisher von der Macht und dem Zauber der Schönheit gelesen , war ihm nie recht verständlich gewesen . Nun kam ihm eine Ahnung davon . » So ein Gesicht hab ' ich noch nicht gesehen « , dachte er . » Sie ist mager , die Arme , und doch sieht man sie gern an , auch klug muß sie sein . Aber warum ist sie so traurig ? Ein so junges Kind ! « Er hatte sein » Lesebuch « herbeigeholt und den Aufsatz » Schillers Leben « aufgeschlagen , um sich für morgen vorzubereiten . Sonst war in dem Augenblick , wo er zu lesen begann , alles andere für ihn versunken . Diesmal aber mußte er immer wieder nach dem Strickbeutel hinschielen und widerstand der Versuchung nicht länger , das Bild zum dritten Male hervorzuziehen . Wer war das Mädchen ? Wie kam seine Mutter zu dem Bilde ? Es konnte ja gar nicht anders sein , der Marschallik hatte es ihr gebracht . Aber war das überhaupt ein jüdisches Mädchen ? Er konnte nicht recht daran glauben . Wenigstens vermochte er nichts von dem Typus in den Zügen zu entdecken . » Wenn sie aber eine Jüdin ist « , dachte er , » dann eine ganz feine , und für die werden ihre Eltern einen anderen suchen , als Sender , den Pojaz . Sie hat etwas im Gesicht - etwas Besonderes - ich weiß nicht recht was . « Es war der geistige Ausdruck Erst als er draußen die Stimme der Mutter hörte , steckte er das Bild hastig ins Beutelchen . Er wollte sie keinesfalls danach fragen ; sollte ihn das Mädchen etwas angehen , so mußte ja sie davon zu reden beginnen . Frau Rosel trat ein , ihre Lider waren gerötet , sie war offenbar in schmerzlicher Erregung . Als sein Auge dem ihren begegnete , blickte sie unsicher zu Boden . » Mutter « , fragte er besorgt , » was ist geschehen ? Du hast geweint ? « Sie wandte sich ab . » Es ist nichts « , murmelte sie . Und als er in sie drang , wiederholte sie : » Wirklich nichts . Eine Kleinigkeit , nicht der Rede wert . « Sie strich die Tischdecke glatt , er wußte , nun fruchtete kein Wort mehr . So schwieg er denn , war aber auch nicht sonderlich beunruhigt . Sie selbst konnte kaum etwas erlebt haben , was ihr um ihretwillen schmerzlich war . Wahrscheinlich war die neue » Partie « , die sie mit Dovidl und dem Marschallik für ihn geschmiedet , gescheitert . Daraus wäre ja ohnehin nichts geworden , selbst wenn es sich um die Schöne , Traurige gehandelt hätte ... Am nächsten Tage begann er unter Pater Marians Leitung die Lektüre der » Räuber « . Nach reiflicher Überlegung hatte der Greis dieses Drama als erstes gewählt . » Das verstehst du am leichtesten « , sagte er ihm , » und da kann ich auch am raschesten erkennen , ob wirklich , wie du glaubst , ein Schauspieler in dir steckt . « » Und was für einen unreifen Menschen Gefährliches darin ist « , fügte er in Gedanken hinzu , » läßt sich durch vernünftige Erläuterung unschädlich machen . « Dann ließ er ihn ohne jede weitere Einleitung beginnen , sogar das Verzeichnis der » Spieler « , auf das Sender neugierig hinschielte , sollte er zunächst überschlagen . Senders Herz klopfte freudig , als er zu lesen begann ; ihm war zu Mut wie einem , der bisher taumelnd auf glatter Bahn dahingegangen und nun plötzlich einen kräftigen Arm fühlt , auf den er sich stützen kann . Freilich , etwas langsam ging es nun , gleich bei dem ersten Wort » Franken « verweilten sie eine Stunde . Sender war der Meinung , daß dies Frankreich bedeute , der Pater belehrte ihn eines Besseren , erzählte ihm eingehend von dem alten und neuen Franken und holte dann einen Atlas herbei , in welchem er ihm die deutschen Landschaften zeigte . Auch Leipzig wurde auf der Karte gezeigt und des breiteren geschildert , » wahrscheinlich ist ' s notwendig « , dachte Sender , » aber so erfahr ' ich in den zwei Monaten nicht , was eigentlich in dem Brief aus Leipzig steht . « Eine freudige Genugtuung jedoch brachte ihm schon dieser erste Tag . Als er die Worte Franzens las : - » wir alle würden noch heute die Haare ausraufen über Eurem Sarge « , fügte er bei : » O du schlechter Kerl ! « » Woraus schließt du das ? « fragte Poczobut . » Er regt ja den armen Alten nur immer mehr auf « , war die Antwort . Worauf der Pater meinte : » Du hast Verstand , Bursche . « Ähnliche Freuden , freilich auch ähnliche Leiden brachten ihm die nächsten Tage . Die Erläuterungen wollten gar kein Ende nehmen , und so notwendig sie sein mochten , kurzweilig waren sie nicht . Darüber freilich kam Sender leicht hinweg , - drückender empfand er eine andere Gefahr , die er im Selbstgespräch in die Worte kleidete : » Jetzt weiß ich , wer Alexander Magnus war , aber warum ärgert es diesen schlechten Kerl , daß sein Bruder so gern von diesem Helden gelesen hat ? « - er befürchtete , vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen . Aber wenngleich der greise Dominikaner nun zum ersten Mal dramatischer Lehrer war , so wußte er doch , worauf es auch hier ankam : er vergaß die Hauptsache nicht , und als sie nun die erste Szene nochmals durchnahmen , glänzten Senders Augen vor Freude . » Nun versteh ' ich alles « , rief er , » als ob das eine Geschichte wär ' , wie ich sie sonst am Sabbat nachmittag zwischen Minche und Marew ( Nachmittags- und Abendgebet ) meinen Freunden vor der Schul ' erzählt hab ' . Auf Ehre , so versteh ' ich ' s. « Pater Marian lächelte , diese Ausdrucksweise hatte für ihn allmählich nichts Befremdendes mehr . » Warum sagst du « , fragte er , » nicht lieber gleich : als ob du selbst die Szene geschrieben hättest und nicht Schiller ? « » Könnt ' ich auch sagen « , erwiderte Sender eifrig . » Aber wenn ich ' s geschrieben hätt ' - « Er stockte . » Verzeihen Sie - es ist ja lächerlich , so was zu sagen - « » Nun ? « » Dann ließ ' ich den Franz ein bissele weniger reden und nicht gar so giftig . Denn wenn der Alte jetzt nicht merkt , daß das ein Hund ist , so ist er schon ganz schwach im Kopf ... Und dann noch etwas : mir scheint , der Franz ist ein gar zu schlechter Mensch . Hat denn schon je so einer gelebt ? « Der Pater lachte laut auf . » Du bist ein scharfer Kritiker ! « Dann suchte er Sender klar zu machen , unter welchen Bedingungen das Werk entstanden sei und wie das jugendliche Genie immer starke Farben wähle . » Ich sag ' auch nicht , daß es schlecht ist « , entschuldigte sich Sender ; » ich sag ' nur , ich hätt ' s anders gemacht . « Er war ein wenig gekränkt , daß auch dies die Heiterkeit des Mönchs weckte . Dann aber dachte er : » Wenn es ihm Spaß macht - er darf mich sogar auslachen . So den ganzen Tag allein sein , der arme Mann ! « Fröhlich , wie in dieser Zeit immer , ging er heim . Wieder einmal wie vor acht Tagen war die Mutter zur Stadt gegangen ; auch ihr Strickbeutel lag da . Aber jenes Mädchenbild war nicht mehr darin . Das enttäuschte ihn nicht mehr , es war schon am nächsten Tag daraus verschwunden gewesen . » Schade « , dachte er , » ich hätt ' mir das Gesicht gern noch einmal angesehen . So was trifft man nicht alle Tage . « Diesmal währte es lange , bis die Mutter heimkam , und als sie eintrat , sah er , daß sie abermals Kränkung erfahren und schlimmere als vor einer Woche . Aber ehe er fragen konnte , begann sie : » Hast du einmal mit dem bösen Menschen , dem Wolczynski , einen Streit gehabt ? « » Einen Streit kann man ' s eigentlich nicht nennen « , erwiderte er betroffen . » Auch hätte ich nicht gedacht , daß er ' s jemand erzählen würde . Ich habe geschwiegen , freilich nicht aus Schonung , sondern weil ich ' s vergessen habe . « Und er erzählte ihr von jener Zumutung des Edelmanns . » Jetzt erst fällt ' s mir auf « , schloß er , » daß er sich seither in der Kollektur nicht mehr hat blicken lassen . « » Der Schurke « , sagte sie . » Natürlich hast du recht gehabt , es abzulehnen . Aber den Witz mit deinem Anteil an seinem Gewinn hättest du nicht machen sollen . Nun will er sich rächen . « » Wie kann er das ? « fragte er . » Der Regimentsarzt hat ja gesagt , daß ich vor keiner Rekrutierung mehr zu fürchten habe . « » Und wer weiß « , fügte er in Gedanken hinzu , » wo ich bei der nächsten Rekrutierung bin . « » Er hat auch in anderen Dingen seine Hand « , erwiderte sie , » du weißt doch , wie ich vor acht Tagen so bestürzt heimgekommen bin . Damals hab ' ich ' s zuerst erfahren . « Sie war nun seit nahezu einem Vierteljahrhundert Pächterin der Straßenmaut , die Pacht war ihr , da sie den Zins pünktlich entrichtete , auch sonst nie Grund zur Unzufriedenheit gegeben , stets nach Ablauf auf weitere fünf Jahre verliehen worden . Darum hatte sie , da ihr Vertrag im März des nächsten Jahres ablief , auch diesmal im Juni das Gesuch um Verlängerung beim Bezirksamt eingereicht . Ein Bescheid war ihr nicht geworden , wohl aber hatte Jossef Grün , der Vorsteher der Gemeinde , sie vor acht Tagen holen lassen und ihr gesagt : » Der Wolczynski hat mich gefragt , ob ich niemand für Eure Pachtung weiß . Euer Vertrag , sagt er , wird nicht erneuert werden . Er hat das Bezirksamt im Sack , redet mit ihm . « Sie war diesem Rate gefolgt , hatte Wolczynski zweimal zu sprechen versucht , war aber erst heute von ihm empfangen worden . » Es ist richtig « , hatte er ihr gesagt , » ich habe die Herren vom Bezirksamt darauf aufmerksam gemacht , daß der Staat die doppelte Pacht davon haben kann . Warum ich ' s getan habe ? Erstens als guter Staatsbürger und zweitens , weil Ihr Sohn ein frecher Tölpel ist . Die Pachtung wird am 1. November ausgeschrieben . « » Weißt du , was das bedeutet ? « schloß sie händeringend . » Daß wir ihn entweder irgendwie begütigen müssen oder im März unser Brot verlieren . Du kannst dir denken , wie viel diesen Schurken der Staat kümmert ; auch weiß er , daß bei einer Ausschreibung niemand eine höhere Pacht bieten wird , als ich zahle , wahrscheinlich weniger . Denn jeder weiß ja , daß der Adjunkt Strus , ein Pole , ein Freund des Wolczynski , die Sache zu entscheiden hat , da kommt es nicht darauf an , was einer dem Staate , sondern was er diesen beiden bietet , denn dann drehen sie es schon so : Der Mann hat zwar am wenigsten geboten , ist aber am verläßlichsten . Das war einst , wo lauter deutsche Beamte waren , anders - grobe Klötze , aber ehrliche Leute . Ich habe den Zuschlag bekommen , weil ich das meiste geboten habe ... Aber jetzt ! « » Er will Geld « , tröstete Sender . » In Gottes Namen . Ich will ihm was geben . « Sie schüttelte den Kopf . » Ich fürchte , nein ! Ich weiß ja , wie man mit ihm spricht , und habe ihm gesagt : Was ist Ihr Preis ? Aber er : Mit der Mutter dieses Sender mache ich keine Geschäfte . Darauf ich : Wenn mein Sohn Sie beleidigt hat , so soll er Sie um Verzeihung bitten . - Nein , ich ließe ihn mit Hunden von meiner Schwelle hetzen , wenn er käme ! ... Es ist zum Verzweifeln . Auch Dovidl weiß keinen Rat und sagt , so was ist ihm beim Wolczynski noch nicht vorgekommen . Und mit dem Strus , sagt er , läßt sich direkt auch nichts machen . Er ist ein Heuchler , ein Betbruder , sagt er , und nimmt nur durch den Wolczynski . « Darauf wußte auch Sender nichts mehr zu sagen . » Kommt Zeit , kommt Rat ! « sagte er endlich zaghaft . » Bis zum November sind ' s fast noch drei Monate . « Sie schüttelte finster den Kopf . » So sprichst du in deinem Leichtsinn « , erwiderte sie . » Mir preßt die Sorge das Herz zusammen . Und wenn das wenigstens meine größte wäre ! « » Du hast noch eine größere ? « fragte er bestürzt . » Was ist es denn ? « Sie preßte die Lippen zusammen und wandte sich ab . » So sag ' es mir doch ! « drängte er . » Bin ich nicht dein Sohn ? Hab ' ich nicht ein Recht darauf , mitzutragen ? « Die selbstverständlichen Worte preßten ihr die Tränen aus den Augen . Das war ' s ja eben , daß er nicht ihr Sohn war ! Was Luiser Wonnenblum einst dem Marschallik in Aussicht gestellt : » Gebt Ihr ' s dem Dovidl , so macht er den Froim nicht tot , sondern lebendig ! « schien sich zu erfüllen , freilich war ' s nicht Dovidls , sondern Luisers Schuld . Um den Konkurrenten zu ärgern und sich für den entgangenen Auftrag zu rächen , hauptsächlich aber , weil ja bei Frau Rosel nun , da Sender den Gewinn gemacht , etwas zu holen war , hatte sich Luiser , als » Kurator « Froims , nicht mit den Edikten in den Amtsblättern begnügt , sondern die Hilfe der Rabbiner angerufen : es handelte sich ja um ein frommes Werk , dem Abwesenden durfte nicht unrecht geschehen . Was Dovidl in der Verhandlung , lediglich um den Preis zu steigern , vorgeschützt , daß » an alle Gemeinden « geschrieben werden müsse , hatte Luiser nun bei einigen tatsächlich durchgeführt . Einen Erfolg hatte er nun erreicht : der Rabbi von Wadowice in Westgalizien hatte ihm mitgeteilt , daß Froim Kurländer dort längere Zeit von den Wohltaten der Leute gelebt und vor drei Jahren nach Oberungarn gegangen . Lebte er noch , so fand ihn Luiser sicherlich . Während Sender noch vergeblich in sie drang , trat der Marschallik ein . Er war offenbar besonders gut gelaunt und wurde nun sehr bestürzt , als er die Frau weinend fand . Er trat an sie heran . » Frau Rosel « , flüsterte er vorwurfsvoll , » habt Ihr gegen meinen Rat - « Er deutete mit den Augen auf Sender . » Nein « , erwiderte sie hastig . » Es ist etwas anderes . « Und sie folgte ihm auf den Flur , wo die beiden lange berieten . Als sie wiederkam , schien sie etwas ruhiger . Am nächsten Tage erzählte Sender dem Pater von dem neuen Kummer , der ihn drückte . » Ich weiß « , sagte er , » Sie können mir nicht helfen , aber ist das nicht schlimm ? Wie kann ich fort , eh ' das geordnet ist ? O , ich hab ' dem Schiller unrecht getan , der Wolczynski ist noch schlechter als der Franz . « Der Greis hörte ihn teilnahmsvoll an . » Das wäre was für den da gewesen « , sagte er und wies auf die Hefte des Ämilius . » Er hat ein Buch darüber geschrieben , daß der Mensch gegen den Menschen wie ein Wolf ist . Aber er hat doch unrecht gehabt , sein edles Herz so zu verbittern . Denke , es gibt auch gute Menschen , und von Natur ist keiner schlecht . Wie viel Mühe gibt sich Schiller , um zu begründen , warum Franz ein Ungeheuer geworden ist . « » Natürlich ! « rief Sender . » Wie häßlich ist er ! Wenn ich ihn einmal mache , werden die Leut ' erschrecken . So ! « Er schnitt eine entsetzliche Grimasse . » Aber ich freu ' mich schon , wie es weiter geht . « Damit war es jedoch für heute nichts . » Nun muß ich dir auch an jenem Abschnitt , den du beinahe auswendig kannst , eine bessere Aussprache beibringen « , sagte der Pater . Er selbst sprach das Deutsche freilich auch mit deutlichem oberschlesischen Akzent , aber doch ungleich reiner als Wild , dessen Tirolisch so seltsam in Senders Aussprache nachklang . » Lies ! « Sender begann seufzend . Es war hart , aber es mußte sein . Die beiden übten , daß sich ihre Gesichter rot und röter färbten und die Stimme des alten Mannes ganz heiser klang . Er stand vor Sender und schrie ihm die Worte vor , so laut er konnte . Der aber wiederholte sie in seinem Eifer mit brüllender Stimme . Darüber hörten sie den Schlag der zweiten Stunde nicht und vergaßen , daß Fedko nun eintreten mußte . » Noch einmal « , rief der Pater . » Nicht , O , Karl ! Karl ! wüschtest tu ' , sondern O , Karl ! Karl ! wüßtest du . « » O , Karl , wüschtest - « brüllte Sender , da blieb ihm der Ton in der Kehle haften , seine Augen wurden starr . In der Tür stand Fedko , aber auch er stierte die beiden mit offenem Munde entsetzt , keiner Bewegung fähig , an . Pater Poczobut war gleichfalls bleich geworden , doch faßte er sich zuerst . » Komm ' doch näher « , sagte er zu dem Pförtner . » Beruhige dich , hier geschieht nichts Böses . « Der Alte schlug ein Kreuz ums andere , seine Lippen bewegten sich , aber er rührte sich nicht vom Platze . » Hast du mich nicht verstanden ? « fragte der Pater und trat auf ihn zu . Er sprach das » Wasserpolakisch « des Oberschlesiers , und Fedko war ein Ruthene , aber sie hatten sich doch bisher verständigen können . Der Pförtner wich zurück . » Wohl habe ich verstanden « , murmelte er endlich und schlug abermals ein Kreuz . » Nur zu gut habe ich verstanden , was hier getrieben wird ! ... Saget die Wahrheit « , fuhr er fort und trat einen Schritt vor , » wer ist dieser Karl , den ihr verflucht habt ? « Die beiden mußten trotz ihrer Angst laut lachen . » Wir haben niemand verflucht « , beteuerten sie einstimmig . » Mir macht man nichts vor « , sagte Fedko finster . » Der Herr Prior ist krank , habt ihr vielleicht den gemeint ? Aber er heißt ja nicht Karl , sondern Chrysostomus ! « Nun legte sich Sender ins Mittel . » So sei doch vernünftig « , bat er , » daß vom Prior keine Rede war , hast du selbst gehört . Und was ich hier treibe , hab ' ich dir schon einmal gesagt : ich lerne eine Kommedia und der Herr Pater hilft mir dabei . « Aber Fedko schüttelte den struppigen Kopf . » Gesagt hast du es mir , aber jetzt sehe ich , daß du gelogen hast . Denn warum ? Die christliche Kommedia ist vor und nach Weihnachten , wo die Burschen mit der Krippe umherziehen , die geht dich nichts an , denn du bist ein Jude . Die jüdische Kommedia ist an eurem Fastnachtstag , da kann dir der Hochwürdige nicht helfen , denn er versteht nichts davon . Also ... « » Aber so laß es dir doch erklären « , rief der Pater eifrig , » es gibt noch eine andere Kommedia , die für alle ist , Christen und Juden . Nämlich - « Aber Sender wußte eine probatere Erklärung . » Ich sehe dir an , daß du Durst hast « , sagte er und griff in die Tasche . Diesmal jedoch verfing auch dies Mittel nicht . » Durst habe ich « , sagte Fedko . » Ich bin ja gottlob nicht krank . Ein gesunder Mensch hat immer Durst . Aber ich bin ein Christ , ein Klosterdiener . Ich will nicht von einer Sache , die vielleicht gegen das Christentum geht , Vorteil haben , selbst wenn es Slibowitz ist . « » Aber ich schwöre dir - « rief Sender . » Deinen Schwüren glaub ' ich nicht . Denn warum ? Du weißt , daß du als Jude ohnehin in die Hölle mußt , ob ein bißchen tiefer oder nicht , kann dir schon keinen Unterschied machen . Aber wenn der Hochwürdige schwören wollte . « Er schielte zaghaft nach dem Greise hin . » Zwar ein Sünder , aber er hat doch die heiligen Weihen . « » Gut , ich schwöre « , sagte Pater Marian . Aber Fedko war nicht eher beruhigt , bis der Greis die Schwurfinger emporreckte . Da erst atmete er erleichtert auf , blieb aber auch nun noch stehen , blickte vom einen zum anderen , dann auf die Bücher und schüttelte den Kopf . » Merkwürdig « , sagte er , » sehr merkwürdig .... Diese Bücher - wer liest sie ? Sünder , wie der selige Ämilian und dieser Hochwürdige da und ein Jude . Den frommen Patres fällt es gar nicht ein . Also können sie doch weder gut noch heilig sein . Aber warum duldet man sie dann im Kloster ? Und wenn sie gut sind , warum lesen sie die frommen Patres nicht ? ... Merkwürdig ! Aber wie Gott will .... Komm ' , Senderko . « Von da ab konnten die beiden ungestört arbeiten . Nur hielt Fedko streng darauf , daß kein Wort mehr gesprochen wurde , wenn er eintrat . » Anhören will ich es nicht « , sagte er . Auch machte es ihn ängstlich , daß der Prior von Tag zu Tag kränker wurde . » Ich weiß ja « , sagte er , » daß der hochwürdige Chrysostomus nun sterben muß - Altersschwäche , dagegen ist kein Kraut gewachsen . Aber vielleicht schaden ihm diese Sachen doch . « Dreiundzwanzigstes Kapitel Einige Tage später - der August neigte dem Ende zu - läuteten die Glocken des Klosters dem alten Prior zu Grabe . Der Unterricht mußte unterbrochen werden ; Pater Marian war zwar nur » zur Besserung « im Kloster , aber der Konvent durfte ihn doch nicht von der Teilnahme am Begräbnis und den Totenmessen ausschließen . Alle Geschäfte ruhten , ganz Barnow war in diesen Tagen auf den Beinen . Erstlich gab es , da der Adel und die Geistlichkeit des ganzen Kreises zusammengeströmt waren , viel zu sehen , und ferner war die bevorstehende Neuwahl ein Ereignis , das alle Bewohner der Stadt lebhaft interessieren mußte ; für die Juden war es sogar eine rechte Lebensfrage . Der meiste Baugrund gehörte dem Kloster , der alte Prior hatte den Juden um keinen Preis auch nur eine Elle Bodens verkauft ; das Ghetto war überfüllt ; handelte der neue Prior ebenso , so mußte ein Teil der Bewohner die Stadt verlassen . Man wußte , daß sich zwei Kandidaten gegenüberstanden , der duldsame Valerian und der finstere Marcellin ; selbst Rabbi Manasse gestattete , daß in der Schul ' ein Bittgottesdienst für die Wahl des Valerian abgehalten werde . Der Raum war überfüllt , auch Sender fehlte nicht und betete sogar sehr eifrig . » Ein Haus brauch ' ich hier nicht « , dachte er , » aber vielleicht hat es dann der arme Marian besser . « Als er aus der Schul ' heimging , am Hause des Vorstehers Jossef Grün vorüber , sah er vor der Tür zwei Frauen stehen , deren eine er wohl kannte . Das rotbäckige , blühende junge Weib war Taube Grün , die Schwiegertochter des Vorstehers , der Sender in der Sadagórer Schänke einst so reichen Kindersegen angedichtet , ein Knäblein hatte sie seither wirklich geboren . Die andere war noch ein Mädchen , sie trug ihr Haar , prächtiges , leichtgewelltes , hellbraunes Haar ; als sie ihm nun ihr Gesicht zuwandte , fuhr er zusammen und wurde rot - das war die » Schöne , Traurige « ! Mit Mühe faßte er sich so weit , um Taube unbefangen zu begrüßen ; sie gab ihm den Gruß lächelnd , und wie er zu bemerken glaubte , sogar etwas spöttisch zurück . Das war wohl nur ein Irrtum gewesen , und so wagte er nach einer Weile zurückzublicken . Aber er hatte sich nicht getäuscht ; nun deutete Taube lächelnd nach ihm , das Mädchen hörte mit fast finsterer Miene zu und wandte sich dann , als sein Blick sie traf , wie zürnend ab . Betreten ging er weiter