denselben grün und jägermäßig gewählt , da dadurch eine größere Einfachheit möglich war für meine geringen Mittel . Doch war er noch erträglich getreu , eine große zimmetfarbene Decke , ohne Beschädigung in einen faltenreichen Mantel umgewandelt , verhüllte die Unvollkommenheiten ; auf dem Rücken trug ich eine Armbrust und auf dem Kopfe einen grauen Filz . Allein da der Mensch immer eine schwache Seite haben muß , so schnallte ich den langen Toledodegen aus der Dachkammer um ; ich hatte alle anderen zu historischer Treue ermahnt , zeitgemäße Waffen in Menge selbst aus dem Zeughause geholt , und doch wählte ich diesen spanischen Bratspieß , ohne daß ich mir heute klarmachen kann , was ich mir dabei dachte ! Der wichtige und ersehnte Tag brach an mit dem allerschönsten Morgen ; der Himmel glänzte wolkenlos , und es war in diesem Hornung schon so warm , daß die Bäume anfingen auszuschlagen und die Wiesen grünten . Mit Sonnenaufgang , als eben der Schimmel an dem funkelnden Flüßchen stand und gewaschen wurde , tönten Alpenhörner und Herdengeläute durch das Dorf herab , und ein Zug von mehr als hundert prächtigen Kühen , bekränzt und mit Glocken versehen , kam heran , begleitet von einer großen Menge junger Bursche und Mädchen , um das Tal hinauf zu ziehen in die anderen Dörfer und so eine Bergfahrt vorzustellen . Die Leute hatten nur ihre altherkömmliche Sonntagstracht anzulegen gebraucht , mit Ausschluß aller eingedrungenen Neuheiten und Hinzufügung einiger Prachtstücke ihrer Eltern oder Großeltern , um ganz festlich und malerisch auszusehen , und der stärkste Anachronismus waren die Tabakspfeifen , welche die Bursche unbekümmert im Munde trugen . Die frischen Hemdärmel der Jünglinge und Mädchen , ihre roten Westen und blumigen Mieder leuchteten weithin in frohem Gewimmel , und als sie vor unserm Hause und der benachbarten Mühle anhielten und unter den Bäumen plötzlich das bunteste Gewühl entstand , von Gesang , Jauchzen und Gelächter begleitet , als sie mit lautem Grüßen einen Frühtrunk verlangten , da fuhren wir vom reichlichen Frühstück , um welches wir , mit Ausnahme Annas , schon angekleidet versammelt waren , lustig auf , und die Freude überraschte uns in ihrer Wirklichkeit viel gewaltiger und feuriger , als wir bei aller Erwartung darauf gefaßt waren . Schnell begaben wir uns mit den bereitgehaltenen Weingefäßen und einer Menge Gläser in das Gewimmel , der Oheim und seine Frau mit großen Körben voll ländlichen Backwerkes . Dieser erste Jubel , weit entfernt , eine frühe Erschöpfung zu bedeuten , war nur der sichere Vorbote eines langen Freudentages und noch größerer Dinge . Die Muhme prüfte und pries das schöne Vieh , streichelte und kraute berühmte Kühe , welche ihr wohlbekannt waren , und machte tausend Späße mit dem jungen Volke ; der Oheim schenkte unaufhörlich ein , seine Töchter boten die Gläser herum und suchten die Mädchen zum Trinken zu überreden , während sie wohl wußten , daß ihr ehrsames Geschlecht am frühen Morgen keinen Wein trinkt . Desto munterer sprachen die Hirtinnen den schmackhaften Kuchen zu und versorgten mit denselben die vielen Kinder , welche nebst ihren Ziegen den Zug vergrößerten In der Mitte des Gedränges stießen wir auf die Müllersleute , welche den Feind von der anderen Seite her angegriffen hatten , angeführt vom jungen Müller , der als geharnischter Reiter schwer einherklirrte und sein verjährtes Eisengewand andächtig verehren und betasten ließ . Auf einmal zeigte sich Anna , schüchtern und verschämt ; doch ihre Zaghaftigkeit ward von der Gewalt der allgemeinen Freude sogleich vernichtet , und sie war in einem Augenblicke wie umgewandelt . Sie lächelte sicher und wohlgemut , ihre Silberkrone blitzte in der Sonne , ihr Haar wehte und flatterte schön im Morgenwind , und sie ging so anmutig und sicher in ihrem aufgeschürzten Reitkleide , das sie mit den ringgeschmückten Händen hielt , als ob sie ihr Leben lang ein solches getragen hätte . Sie mußte überall herumgehen und wurde mit staunender Bewunderung begrüßt . Endlich aber bewegte sich der Zug weiter , und mit seinem Aufbruche teilte sich auch unser Hausstand . Die zwei jüngeren Basen und zwei ihrer Brüder schlossen sich demselben an , die verlobte Schwester und der Schulmeister setzten sich in ein leichtes Fuhrwerk , um als Zuschauer ihren eigenen Weg zu fahren und uns gelegentlich zu treffen , auch um Anna aufzunehmen , im Falle ihr die Sache nicht zusagen würde . Der Oheim und die Frau blieben zu Hause , um andere Herumschwärmer zu bewirten und abwechselnd etwa sich in der Nähe umzusehen . Anna , Rudolf der Harras und ich aber setzten uns nun zu Pferde , eskortiert von dem klirrenden Müller . Dieser hatte für mich unter seinen Pferden einen ehrlichen Braunen ausgesucht und über den Sattel zu mehrerer Sicherheit einen Schafpelz geschnallt . Doch kümmerte ich mich im mindesten nicht um die Reitkunst , und da auch kein Mensch sich um dergleichen bekümmerte , so schwang ich mich ganz unbefangen auf den Braunen und tummelte denselben mit großer Keckheit herum . Auf dem Lande kann jedermann reiten , der von einem dressierten Pferde herunterfallen würde . So ritten wir stattlich das Dorf hinauf und gaben nun selbst ein Schauspiel für die Leute , die zurückblieben , und für eine Menge Kinder , welche uns nachliefen , bis eine andere Gruppe ihre Aufmerksamkeit erregte . Vor dem Dorfe sahen wir es bunt und schimmernd von allen Seiten her sich bewegen , und als wir eine Viertelstunde weit geritten waren , kamen wir an eine Schenke an einer Kreuzstraße , vor welcher die sechs barmherzigen Brüder saßen , die den Geßler wegtragen sollten . Dies waren die lustigsten Bursche der Umgegend ; sie hatten sich unter den Kutten ungeheure Bäuche gemacht und schreckliche Bärte von Werg umgebunden , auch die Nasen rot gefärbt ; sie gedachten den ganzen Tag sich auf eigene Faust herumzutreiben und spielten gegenwärtig Karten mit großem Hallo , wobei sie andere Spielkarten aus den Kapuzen zogen und statt der Heiligen an die Leute verschenkten . Auch führten sie große Proviantsäcke mit sich und schienen schon ziemlich angeglüht , so daß wir für die Feierlichkeit ihrer Verrichtung bei Geßlers Tod etwas besorgt wurden . Im nächsten Dorf sahen wir den Arnold von Melchthal ruhig einem Stadtmetzger einen Ochsen verkaufen , wozu er schon seine alte Tracht trug ; dann kam ein Zug mit Trommel und Pfeife und mit dem Hut auf der Stange , um in der Umgegend das höhnische Gesetz zu verkünden . Denn dies war das Schönste , daß man sich nicht an die theatralische Einschränkung hielt , daß man es nicht auf Überraschung absah , sondern sich frei herumbewegte und wie aus der Wirklichkeit heraus und wie von selbst an den Orten zusammentraf , wo die Handlung vor sich ging . Hundert kleine Schauspiele entstanden dazwischen , und überall gab es was zu sehen und zu lachen , während doch bei den wichtigen Vorgängen die ganze Menge andächtig und gesammelt erschien . Schon war unser Zug ansehnlich gewachsen , um mehrere Berittene und auch durch Fußvolk verstärkt , was alles zu dem Ritterzuge gehörte ; wir kamen an eine neue Brücke , die über den großen Fluß führt ; von der anderen Seite näherte sich ein starker Teil der Bergfahrt , um das Vieh nach Hause zu bringen und nachher wieder als Volk zu erscheinen . Nun war ein knauseriger Zolleinnehmer auf der Brücke , welcher durchaus von Kühen und Pferden den Zoll erheben wollte , gemäß dem Gesetze , weil die Tiere nach seiner Behauptung auf dem Transport begriffen seien ; er hatte den Schlagbaum heruntergelassen und ließ sich durchaus nicht bereden , diesmal von seiner Forderung abzustehen , indem man jetzt nicht eingerichtet und aufgelegt sei , diese Umständlichkeiten zu befolgen . Es entstand ein großes Gedränge , ohne daß man jedoch wagte , mit Gewalt durchzukommen . Vierzehntes Kapitel Der Tell Da erschien unversehens der Tell , welcher mit seinem Knaben einsam seines Weges ging . Es war ein berufener fester Wirt und Schütze , ein angesehener und zuverlässiger Mann von etwa vierzig Jahren , auf welchen die Wahl zum Tell unwillkürlich und einstimmig gefallen war . Er hatte sich in die Tracht gekleidet , in welcher sich das Volk die alten Schweizer ein für allemal vorstellt , rot und weiß mit vielen Puffen und Litzen , rot und weiße Federn auf dem eingekerbten rot und weißen Hütchen . Überdies trug er noch eine seidene Schärpe über der Brust , und wenn dies alles nichts weniger als dem einfachen Weidmann an gemessen war , so zeigte doch der Ernst des Mannes , wie sehr er das Bild des Helden in seinem Sinn durch diesen Pomp ehrte ; denn in diesem Sinne war der Tell nicht nur ein schlichter Jäger , sondern auch ein politischer Schutzpatron und Heiliger , der nur in den Farben des Landes , in Sammet und Seide , mit wallenden Federn denkbar war . Aber in seiner braven Einfalt ahnte unser Tell die Ironie seines prächtigen Anzuges nicht ; er trat mit seinem eigenen Knaben , der wie eine Art Genius aufgeputzt war , besonnen auf die Brücke und fragte nach der Verwirrung . Als man ihm die Gründe angab , setzte er dem Zöllner auseinander , daß er gar kein Recht habe , den Zoll zu erheben , indem sämtliche Tiere nicht aus der Ferne kämen oder dahin gingen , sondern als im gewöhnlichen Verkehr zu betrachten seien . Der Zollmann aber , erpicht auf die vielen Kreuzer , beharrte spitzfindig darauf , daß die Tiere in einem großen Zuge los und ledig auf der Straße getrieben würden und gar nicht vom Felde kämen , also er den Zoll zu fordern berechtigt sei . Hierauf faßte der wackere Tell den Schlagbaum , drückte ihn wie eine leichte Feder in die Höhe und ließ alles durchpassieren , die Verantwortung auf sich nehmend . Die Bauern ermahnte er , sich zeitig wieder einzufinden , um seinen Taten zuzusehen ; uns Rittersleute aber grüßte er kalt und stolz , und er schien uns auf unseren Pferden für wirkliches Tyrannengesindel anzusehen , so sehr war er in seine Würde vertieft . Endlich gelangten wir in den Marktflecken , welcher für heute unser Altorf war . Als wir durch das alte Tor ritten , fanden wir die kleine Stadt , welche nur einen mäßig großen Platz bildete , schon ganz belebt , voll Musik und Fahnen , und Tannenreiser an allen Häusern . Eben ritt Herr Geßler hinaus , um in der Umgegend einige Untaten zu begehen , und nahm den Müller und den Harras mit ; ich stieg mit Anna vor dem Rathause ab , wo die übrigen Herrschaften versammelt waren , und begleitete sie in den Saal , wo sie von dem Ausschusse und den Anwesenden Gemeinderatsfrauen bewunderungsvoll begrüßt wurde . Ich war hier nur wenig bekannt und lebte nur in dem Glanze , welchen Anna auf mich warf . Jetzt kam auch der Schulmeister angefahren mit seiner Begleiterin ; sie gesellten sich zu uns , nachdem das Gefährt notdürftig untergebracht , und erzählten , wie soeben auf der Landschaft dem jungen Melchthal die Ochsen vom Pfluge genommen , er flüchtig geworden und sein Vater gefangen worden sei , wie die Tyrannen überhaupt ihren Spuk trieben und vor dem Stauffacherschen Hause merkwürdige Szenen stattgefunden hätten vor vielen Zuschauern . Diese strömten auch bald zum Tore herein ; denn obgleich nicht alle überall sein wollten , so begehrte doch die größere Zahl die ehrwürdigen und bedeutungsvollen Hauptbegebenheiten zu sehen und vor allem den Tellenschuß . Schon sahen wir auch aus dem Fenster des Rathauses die Spießknechte mit der verhaßten Stange ankommen , dieselbe mitten auf dem Platze aufpflanzen und unter Trommelschlag das Gesetz verkünden . Der Platz wurde jetzt geräumt , das sämtliche Volk , mit und ohne Kostüm , an die Seiten verwiesen , und vor allen Fenstern , auf Treppen , Holzgalerien und Dächern wimmelte die Menge . Bei der Stange schritten die beiden Wachen auf und ab ; jetzt kam der Tell mit seinem Knaben über den Platz gegangen , von rauschendem Beifall begrüßt ; er hielt das Gespräch mit dem Kinde nicht , sondern wurde bald in den schlimmen Handel mit den Schergen verwickelt , dem das Volk mit gespannter Aufmerksamkeit zusah , indessen Anna und ich nebst anderm zwingherrlichen Gelichter uns zur Hintertür hinausbegaben und zu Pferde stiegen , da es Zeit war , uns mit dem Geßlerschen Jagdzuge zu vereinigen , der schon vor dem Tore hielt . Wir ritten nun unter Trompetenklang herein und fanden die Handlung in vollem Gange , den Tell in großen Nöten und das Volk in lebhafter Bewegung und nur zu geneigt , den Helden seinen Drängern zu entreißen . Doch als der Landvogt seine Rede begann , wurde es still . Die Rollen wurden nicht theatralisch und mit Gebärdenspiel gesprochen , sondern mehr wie die Reden in einer Volksversammlung , laut , eintönig und etwas singend , da es doch Verse waren ; man konnte sie auf dem ganzen Platze vernehmen , und wenn jemand , eingeschüchtert , nicht verstanden wurde , so rief das Volk : » Lauter , lauter ! « und war höchst zufrieden , die Stelle noch einmal zu hören , ohne sich die Illusion stören zu lassen . So erging es auch mir , als ich einiges zu sprechen hatte ; ich wurde aber glücklicherweise durch einen komischen Vorgang unterbrochen . Es trieben sich nämlich ein Dutzend Vermummte der alten Sorte herum , arme Teufel , welche weiße Hemden über ihre ärmlichen Kleider gezogen hatten , ganz mit bunten Läppchen besetzt ; auf dem Kopfe trugen sie hohe kegelförmige Papiermützen , mit Fratzen bemalt , und vor dem Gesicht ein durchlöchertes Tuch . Dieser Anzug war sonst die allgemeine Vermummung gewesen zur Fastnachtzeit und in derselben allerlei Spaß getrieben worden ; auch liebten die armen Butzen die neueren Spiele nicht , da sie in dieser seltsamen Maskierung sich Gaben zu sammeln gewohnt und daher für deren Erhaltung begeistert waren . Sie stellten gewissermaßen den Rückschritt und die Verkommenheit vor und tanzten jetzt wunderlich genug mit Pritschen und Besen umher . Besonders zwei derselben störten das Schauspiel , als ich eben reden sollte , indem sie einander am Rückteile des Hemdes herumzerrten , welches mit Senf bestrichen war . Jeder hielt eine Wurst in der Hand und rieb sie , eh er einen Biß tat , an dem Hemde des andern , während sie fortwährend sich im Kreise drehten wie zwei Hunde , die einander nach dem Schwanze schnappen . Auf diese Weise tanzten sie zwischen Geßler und Tell vorbei und glaubten wunder was zu tun in ihrer Unwissenheit ; auch erfolgte ein schallendes Gelächter , weil das Volk im ersten Augenblicke seinen alten Nücken nicht widerstehen konnte . Doch alsobald erfolgten auch derbe Püffe und Stöße mit Schwertknäufen und Partisanen ; die erschrockenen Spaßmacher suchten sich unter die Zuschauer zu retten , wurden aber überall mit Gelächter zurückgestoßen , so daß sie längs der fröhlichen Reihen kein Unterkommen fanden und ängstlich umherirrten , mit zerzausten Mützen und furchtsam ihre Verhüllung an das Gesicht drückend , damit sie nicht erkannt würden . Anna empfand Mitleiden mit ihnen und beauftragte Rudolf den Harras und mich , den mißhandelten Fratzen einen Ausweg zu verschaffen , und so wurde ich meiner Rede enthoben . Dies störte übrigens nicht , da man gar nicht die Worte zählte und manchmal sogar die Schillerschen Jamben mit eigenen Kraftausdrücken verzierte , so wie es die Bewegung eben mit sich brachte . Doch machte sich der Volkshumor im Schoße des Schauspieles selbst geltend , als es zum Schusse kam . Hier war seit undenklichen Zeiten , wenn bei Aufzügen die Tat des Tell auf alte Weise vorgeführt wurde , der Scherz üblich gewesen , daß der Knabe während des Hin- und Herredens den Apfel vom Kopfe nahm und zum großen Jubel des Volkes gemütlich verspeiste . Dies Vergnügen war auch hier wieder eingeschmuggelt worden , und als Geßler den Jungen grimmig anfuhr , was das zu bedeuten hätte , erwiderte dieser keck : » Herr ! Mein Vater ist ein so guter Schütz , daß er sich schämen würde , auf einen so großen Apfel zu schießen ! Legt mir einen auf , der nicht größer ist als Euere Barmherzigkeit , und der Vater wird ihn um so besser treffen ! « Als der Tell schoß , schien es ihm fast leid zu tun , daß er nicht seine Kugelbüchse zur Hand hatte und nur einen blinden Theaterschuß absenden konnte . Doch zitterte er wirklich und unwillkürlich , indem er anlegte , so sehr war er von der Ehre durchdrungen , diese geheiligte Handlung darstellen zu dürfen . Und als er dem Tyrannen den zweiten Pfeil drohend unter die Augen hielt , während alles Volk in atemloser Beklemmung zusah , da zitterte seine Hand wieder mit dem Pfeile , er durchbohrte den Geßler mit den Augen , und seine Stimme erhob sich einen Augenblick lang mit solcher Gewalt der Leidenschaft , daß Geßler erblaßte und ein Schrecken über den ganzen Markt fuhr . Dann verbreitete sich ein frohes Gemurmel , tief tönend , man schüttelte sich die Hände und sagte , der Wirt wäre ein ganzer Mann , und solange wir solche hätten , tue es nicht not ! Doch wurde der wackere Mann einstweilen gefänglich abgeführt , und die Menge strömte aus dem Tore nach verschiedenen Seiten , um anderen Auftritten beizuwohnen oder sich sonst nach Belieben umherzutreiben . Viele blieben auch im Orte , um dem Klange der Geigen nachzugehen , welche da und dort sich hören ließen . Auf die Mittagsstunde machte sich aber alles bereit , auf dem Rütli einzutreffen , wo der Bund beschworen wurde , mit Weglassung der Schillerschen Stellen , die sich auf die Nacht bezogen . Eine schöne Wiese an dem breiten Fluß , von ansteigendem Gehölz umschlossen , war dazu bestimmt , wie der Fluß auch überhaupt den See ersetzen mußte und den Fischern und Schiffleuten zum Schauplatz diente . Anna setzte sich zu ihrem Vater in das Gefährt , ich ritt nebenher , und so begaben wir uns gemächlich auf den Weg dahin , um als Zuschauer auszuruhen und ausruhend zu genießen . Auf dem Rütli ging es sehr ernst und feierlich her ; während das bunte Volk auf den Abhängen unter den Bäumen umhersaß , tagten die Eidgenossen in der Tiefe . Man sah dort die eigentlichen wehrbaren Männer mit den großen Schwertern und Bärten , kräftige Jünglinge mit Morgensternen und die drei Führer in der Mitte . Alles begab sich auf das beste und mit vielem Bewußtsein , der Fluß wogte breit glänzend und zufrieden vorüber ; nur tadelte der Schulmeister , daß die Jungen und die Alten bei der feierlichen Handlung kaum die Pfeifen aus dem Munde täten und der Pfarrer Rösselmann unaufhörlich schnupfte . Als der Schweizerbund unter donnerndem Zuruf des lebendigen Berges umher beschworen war , setzte sich die ganze Menge , Zuschauer und Spieler untereinandergemischt , in Bewegung ; der größte Teil wogte wie eine Völkerwanderung nach dem Städtchen , wo ein einfaches Mahl bereitet und fast jedes Haus in eine Herberge umgewandelt war , sei es für Freunde und Bekannte , sei es für Fremde gegen einen billigen Zehrpfennig ; denn so unbefangen , wie wir die Aufzüge des Stückes durcheinandergeworfen , hielten wir auch für gut , sie durch eine Erholungsstunde zu unterbrechen , um nachher die gewaltsamen Schlußereignisse mit desto frischerm Mute herbeizuführen . Die Wirte hatten in Betracht des ungewöhnlich warmen Wetters rasch den innern Raum des Städtchens in einen Speisesaal umgeschaffen ; lange Tischreihen waren errichtet und gedeckt für diejenigen der » Verkleideten « und sonstigen Ehrenpersonen , die das gemeinsame Essen teilen wollten ; die übrigen besetzten die Häuser und viele einzelne vor diese gestellten Tische . So gewann das Städtchen doch wieder das Ansehen einer einzigen Familie ; aus allen Fenstern blickten die abgesonderten Gesellschaften auf die große Haupttafel , und diejenigen vor den Häusern sahen bald wie deren Verzweigungen aus . Den Stoff zu den lauten Gesprächen lieh die allgemeine Theaterkritik , die sich über alle Tische verbreitete und deren mündliche Artikel die Künstler selbst verfaßten . Diese Kritik befaßte sich weniger mit dem Inhalte des Dramas und der Darstellung desselben als mit dem romantischen Aussehen der Helden und der Vergleichung mit ihrem gewöhnlichen Behaben . Daraus entstanden hundert scherzhafte Beziehungen und Anspielungen , von denen kaum der Tell allein freigehalten wurde ; denn dieser schien unangreifbar . Aber der Tyrann Geßler geriet in ein solches Kreuzfeuer , daß er in der Hitze des Gefechtes einen kleinen Rausch trank und seinen blinden Ingrimm bald auf sehr natürliche Weise darzustellen imstande war . Aber dies alles belustigte mich nicht sehr , da ich mich genug um Anna zu kümmern hatte . Sie saß am Ehrenplatze zwischen ihrem Vater und dem Regierungsstatthalter , gegenüber dem Tell und seiner wirklichen anwesenden Ehefrau . Nachdem sie schon ihrer reizenden und vornehmen Erscheinung wegen die allgemeine Aufmerksamkeit erregt , machte sich nun auch der ehrbare Ruf ihres Vaters , ihre feine Erziehung und im Hintergrunde ihr artiges Erbe geltend ; ich mußte zu meiner großen Bekümmernis sehen , wie der Platz , wo sie saß , von allerhand hoffnungsvollen Gesellen belagert wurde , ja wie fast alle vier Fakultäten sich bestrebten , dem gravitätischen Schulmeister zu Gefallen zu leben , da ein junger Landarzt , ein Gerichtsschreiber , ein Pfarrvikar und ein studierter Landwirt sich herbeigemacht hatten und schließlich alle der Anna ihre Visitenkarten schenkten , die sie beim Abgang von der Schule hatten stechen lassen . Alle waren stattliche blühende Bursche mit einer behaglichen Zukunft , während ich einen Beruf gewählt hatte , der nach allgemeinen Begriffen mit ewiger Armut verbunden sein sollte . Ich entdeckte daher zum ersten Mal mit Schrecken , welch einer geschlossenen Macht ich gegenüberstand , und ich geriet , hinter Annas Sitz stehend , in eine trübe Verfinsterung und wollte mich wegwenden . Auf einmal kehrte sich Anna um und bat mich , ihr die Karten aufzubewahren ; sie bemerkte lächelnd , ich möchte ja recht Sorge dazu tragen , und als ich sie einsteckte , war mir , als ob ich alle vier Helden in der Tasche trüge . Fünfzehntes Kapitel Tischgespräche Während man nun von allen Seiten aufbrach , hatte sich in unserer Nähe , wo der Statthalter , Wilhelm Tell , der Wirt , und andere Männer von Gewicht saßen , eine bedächtige Unterhaltung entsponnen . Es handelte sich um die Richtung einer neuen Landstraße , welche von der Hauptstadt her durch diese Gegend an die Grenze geführt werden sollte . Zwei verschiedene Pläne standen sich in bezug auf unser engeres Gebiet entgegen , welche mit gleichwiegenden Vorteilen und Schwierigkeiten verbunden waren ; die eine Richtung ging über eine gedehnte Anhöhe , fast zusammenfallend mit einer älteren Straße zweiten Ranges , mußte aber im Zickzack geführt werden und stellte bedeutende Kosten in Aussicht ; die andere ging mehr gerad und eben über den Fluß , allein hier war das anzukaufende Land teurer und überdies ein Brückenbau notwendig , so daß die Kosten sich also gleichkamen , während die Verkehrsverhältnisse sich ebenfalls ziemlich gleichstellten . Aber an der älteren Straße auf der Anhöhe lag das Gasthaus des Tell , weit hinschauend und viel besucht von Geschäftsmännern und Fuhrleuten ; durch die große Straße in der Niederung würde sich der Verkehr dort hingezogen haben und das alte berühmte Haus vereinsamt worden sein ; daher sprach sich der wackere Tell , an der Spitze eines Anhanges anderer Bewohner der Anhöhe , energisch für die Notwendigkeit aus , daß die neue Straße über dieselbe gezogen werde . In der Tiefe hingegen hatte ein reicher Holzhändler , die Schiffahrt abwärts benutzend , seine weitläufigen Räume angelegt , dem nun die Straße zum Transport aufwärts unentbehrlich schien . Er war seit einer Reihe von Jahren Mitglied des Großen Rates und einer jener Männer , die weniger ideellen Stoff in eine gesetzgebende Behörde bringen , als durch geschäftliche Sach- und Lokalkenntnis ebenso schlichte als unentbehrliche und darum stehende Erscheinungen in denselben und allen Parteien gleichmäßig von Nutzen sind . Er war radikal und stimmte in den politischen Fragen im Sinne des Fortschrittes , aber ohne viel Umstände , indem er mehr durch sein Beispiel als durch Reden wirkte . Nur wenn eine Frage in den Geldbeutel eingriff , pflegte er die Debatte mit genauen Erörterungen und Bedenklichkeiten aufzuhalten ; denn auch der Freisinn war ihm ein Geschäft und er der Meinung , mit den Ersparnissen , die man an den Kosten von sechs Unternehmungen erzielt , könne man eine siebente obendrein ermöglichen . Er wollte die Sache der Freiheit und Aufklärung nach der Weise eines klugen Fabrikanten betrieben wissen , welcher nicht darauf ausgeht , mit ungeheuren Kosten auf einmal ein kolossales Prachtgebäude herzustellen , in welchem er die Arbeiter zur Not beschäftigen könnte , sondern der es vorzieht , unscheinbare räucherige Gebäude , Werkstatt an Werkstatt , Schuppen an Schuppen zu reihen , wie es Bedürfnis und Gewinn erlauben , bald provisorisch , bald solid , nach und nach , aber immer rascher mit der Zeit , daß es raucht und dampft , pocht und hämmert an allen Ecken , während jeder Beschäftigte in dem lustigen Wirrsal seinen Griff und Tritt kennt . Deswegen eiferte er immer gegen die schönen großen Schulhäuser , gegen die erhöhten Besoldungen der Lehrer und dergleichen , weil ein Land , welches mit einer Menge bescheidener , mit wenigen guten Mitteln versehener Schulstuben gespickt sei , in bequemer Nähe überall , wo ein paar Kinder wohnen , und wo an allen Ecken und Enden tapfer und emsig gelernt würde in aller Unscheinbarkeit , erst die wahre Kultur aufzeige . Der prahlerische Aufwand , behauptete der Holzhändler , behindere nur die tüchtige Bewegung ; nicht ein goldenes Schwert tue not , dessen mit Edelsteinen besetzter Griff die Hand drücke , sondern eine scharfe leichte Axt , deren hölzerner Stiel , vom rüstigen Gebrauche geglättet , der Hand vollkommen gerecht sei zur Verteidigung wie zur Arbeit , und die ehrwürdige Politur an einem solchen Axtstiele sei ein viel schönerer Glanz , als Gold und Steine jenes Schwertgriffes darböten . Ein Volk , welches Paläste baue , bestelle sich nur zierliche Grabsteine , und der Wandelbarkeit könne noch am besten widerstanden werden , wenn man sich unter ihrem Panier schlau durch die Zeit bugsiere , leicht und behende ; erst ein Volk , das dies begriffen , immer bewaffnet und marschfertig , ohne unnützes Gepäck , aber mit gefüllter Kriegskasse versehen , dessen Tempel , Palast , Festung und Wohnhaus in einem Stück das leichte , luftige und doch unzerstörbare Wanderzelt seiner geistigen Erfahrung und Grundsätze sei , überall mitzuführen und aufzuschlagen , könne sich Hoffnung auf wahre Dauer machen , und selbst seinen geographischen Wohnsitz vermöge ein solches länger zu behaupten . Besonders von den Schweizern wäre es ein Unsinn , wenn sie ihre Berge mit schönen Gebäuden bekleben wollten ; höchstens am Eingange wären allenfalls ein paar ansehnliche Städte zu dulden , sonst aber müßten wir es ganz der Natur überlassen , die Honneurs zu machen ; dies sei nicht nur das billigste , sondern auch das klügste . Von den Künsten ließ er einzig Beredsamkeit und Gesang gelten , weil sie seinem » Wanderzelte « entsprachen , nichts kosten und keinen Platz einnehmen . Sein eigenes Besitztum sah ganz nach seinen Grundsätzen aus Brenn- und Bauholz , Kohlen , Eisen und Steine bildeten in mächtigen Vorräten eine große Lagerstatt ; dazwischen grünten kleine und große Gärten , denn wenn ein Platz für einen Sommer frei war , so wurde schnell Gemüse darauf gepflanzt ; hie und da beschatteten große Tannen , die er noch hatte stehenlassen , eine Sägemühle oder Schmiede . Sein Wohnhaus lag mehr wie eine Arbeiterhütte als wie ein Herrenhaus dazwischen hingeworfen , und seine Frauensleute mußten für ein bescheidenes Ziergärtchen einen fortwährenden Krieg führen und mit demselben stets um das Haus herum flüchten ; bald wurde es an diese , bald an jene Ecke geschoben , von Hecken oder Geländern war auf dem ganzen Grundstück nichts zu sehen . Es lag ein großer Reichtum darin , aber dieser änderte täglich seine äußere Gestalt ; selbst die Dächer von den Gebäuden verkaufte der Mann manchmal , wenn sich günstige Gelegenheit bot , und doch saß er seit langer Zeit auf diesem Besitze , und die fragliche Straße schien demselben die Krone aufzusetzen ; denn eine gute Straße dünkte ihn das beste Ding von der Welt , nur müsse sie ohne kostspielige Meilenzeiger und ohne Akazienbäumchen und derlei Firlefanz sein . Auch war er fast immer auf der Straße in einem leichten , einfachen , aber vortrefflichen Fuhrwerke , dessen Remise ebenfalls auf steter Wanderung begriffen war und lediglich aus losen Bauhölzern bestand . Der Holzhändler meinte nun , der Wirt müsse oben seine Hütte zuschließen und einen Gasthof unten an die neue Straße und Brücke bauen , wo ein bedeutenderer Verkehr zu erwarten wäre , da hier noch die Schiffleute hinzukämen . Allein der Wirt war der entgegengesetzten Gesinnung . Er saß in dem Hause seiner Väter , welches seit alten Zeiten immer ein Gasthaus gewesen ; von seiner sonnigen Höhe pflegte er weit über das Land hinzublicken , und das Haus hatte er mit schönen Schweizergeschichten bemalen lassen . Von der Verteidigung mit einer schlechten Axt wollte er nichts hören , dieselbe sei höchstens zum gelegentlichen Erschlagen eines Wolfenschießen gut ; sonst bedurfte er einer trefflichen und fein gearbeiteten Büchse , ihre Handhabung war ihm der edelste Zeitvertreib . Er war auch der Meinung , ein freier Bürger müsse arbeiten und sorgen , sich ein unabhängiges Auskommen zu schaffen und zu erhalten , aber nicht mehr , als nötig sei ; und wenn die Sache in sicherm Gange , so zieme dem Mann eine anständige Ruhe , ein vernünftiges Wort beim Glase Wein , eine erbauliche Betrachtung der Vergangenheit des