alles im Ritterdienste Hoppenmariekens . Wer hielt je treuer zu seiner Devise : Mon coeur aux dames ! « » Es müssen eben Zwerginnen kommen , um euch zu ritterlichen Taten anzuspornen . Sonst laßt ihr andere eintreten in Taten und Gesang , und wenn es Doktor Faulstich wäre . Im übrigen ist es Zeit , Lewin , daß wir unsere Lektion beginnen . Ich weiß vorläufig nur , daß die erste Strophe mit einem Reim auf Guse abschließt ; Muse , Guse . Ich glaube , die ganze Melpomene-Idee wäre nie geboren worden , wenn dieser Reim nicht existiert hätte . « Nun begann unter Lachen das Rezitieren , und immer , wenn eine neue Strophe bezwungen war , salutierte Lewin , und der Knall seiner Schlittenpeitsche , dann und wann das Echo weckend , hallte über die weite Schneefläche hin . So hatten sie Golzow , bald auch Langsow passiert , und der Guser Kirchturm wurde schon zwischen den Parkbäumen sichtbar , als plötzlich die Ponies , deren schwarze Mähnen von Renneifer wie Kämme standen , ihnen zur Seite waren und der alte Vitzewitz , in seinem Kaleschwagen sich aufrichtend , zu Kathinka hinüberrief : » Gewonnen ! « » Nein , nein ! « Und nun begann ein Wettfahren , in dem als nächstes Objekt die Ottaverime des Doktors und gleich darauf alle Gedanken an Prolog und Melpomene über Bord gingen . Auch über die Braunen , die vor den Schlitten gespannt waren , kam es wie eine ehrgeizige Regung alter Tage , aber der Vorteil ihrer größeren Schritte ging bald unter in dem Nachteil ihrer längeren Dienstjahre , über die nur einen Augenblick lang die jugendlich machenden Schneedecken hatten täuschen können , und um ein paar Pferdelängen voraus donnerte der Kaleschwagen über die Sphinxenbrücke und hielt als erster vor dem Schloß . Berndt hatte das Spritzleder schon zurückgeschlagen , sprang herab und stand rechtzeitig genug zur Seite , um Kathinka die Hand reichen und ihr beim Aussteigen aus dem Schlitten behilflich sein zu können . » Da hast du die gewonnene Wette « , sagte sie , dem Alten einen herzhaften Kuß gebend , während sie zugleich , zu Lewin gewandt , hinzusetzte : » Voilà notre ancien régime . « Dann traten sie in die geheizte Flurhalle , wo Diener ihnen die Mäntel und Pelze abnahmen . In dem blauen Salon der Gräfin war heute der » weitere Zirkel « , dem , außer einigen unmittelbaren Nachbarn von Tempelberg , Quilitz und Friedland her , auch der Landrat und der neue Seelowsche Oberpfarrer angehörten , schon seit einer halben Stunde versammelt und teilte seine Aufmerksamkeiten zwischen der Wirtin und ihrem bevorzugten Gaste , Demoiselle Alceste . Diese , wie sie zugesagt , war bereits einen Tag früher eingetroffen , und in Plaudereien , die sich bis über Mitternacht hinaus ausgedehnt hatten , war der Rheinsberger Tage , der Wreechs , Knesebecks und Tauentziens , vor allem auch der prinzlichen Schauspieler , des genialen Blainville und der schönen Aurora Bursay , mit herzlicher Vorliebe gedacht worden . Über Erwarten hinaus hatte das Wiedersehen , das nach länger als zweiundzwanzig Jahren immerhin ein Wagnis war , beide Damen befriedigt , von denen jede das Verdienst , sofort den rechten Ton getroffen zu haben , für sich in Anspruch nehmen durfte . Am meisten freilich Demoiselle Alceste ; sie vereinigte in sich die Liebenswürdigkeiten ihres Standes und ihrer Nation . Sehr groß , sehr stark und sehr asthmatisch , von fast kupferfarbenem Teint und in eine schwarze Seidenrobe gekleidet , die bis in die Rheinsberger Tage zurückzureichen schien , machte sie doch dies alles vergessen durch den die größte Herzensgüte verratenden Ausdruck ihrer kleinen schwarzen Augen und vor allem durch ihre Geneigtheit , auf alles Heitere und Schelmische und , wenn mit Esprit vorgetragen , auch auf alles Zweideutige einzugehen . Was ihr anziehendes Wesen noch erhöhte , waren die Anfälle von Künstlerwürde , denen sie ausgesetzt war , Anfälle , die - wenn sie nicht an und für sich schon einen Anflug von Komik hatten - jedenfalls in dem als Rückschlag eintretenden Moment der Selbstpersiflierung zu herzlichster Erheiterung führten . Ihre geistige Regsamkeit , auch ihr Embonpoint , das keine Falten gestattete , ließen sie jünger erscheinen , als sie war , so daß sie sich , obgleich sie beim Regierungsantritt Ludwigs XVI. die Phädra gespielt hatte , in weniger als einer halben Stunde der Eroberung erst Drosselsteins und dann Bammes rühmen durfte . Von diesen Eroberungen mußte ihr , ihrem ganzen Naturell nach , die zweite die wichtigere sein . Drosselsteins hatte sie viele gesehen , Bammes keinen , und den Tagen der Liebesabenteuer auf immer entrückt , hatte sie sich längst daran gewöhnt , den Wert ihrer Eroberungen nur noch nach dem Unterhaltungsreiz , den ihr dieselben gewährten , zu bemessen . Sie war darin der Gräfin verwandt , nur mit dem Unterschiede , daß diese das Aparte überhaupt liebte , während alles , was ihr gefallen sollte , durchaus den Stempel des Heitern tragen mußte . Dabei war ihr überraschenderweise auf der Bühne das Komische nie geglückt , und nur in Rollen , die sich auf Inzest oder Gattenmord aufbauten , hatte sie wirkliche Triumphe gefeiert . Es wurde schon der Kaffee gereicht , als die Hohen-Vietzer eintraten und auf Tante Amelie zuschritten . Diese , nach herzlicher Begrüßung , erhob sich von ihrem Sofaplatz , um ihren Liebling Kathinka - die kaum Zeit gefunden hatte , von Renatens Unwohlsein und der momentan in Gefahr geratenen Melpomenerolle zu sprechen - mit ihrem französischen Gaste bekannt zu machen . Demoiselle Alceste brach ihr Gespräch mit Bamme ab und trat den beiden Damen entgegen . » Je suis charmée de vous voir « , begann sie mit Lebhaftigkeit , » Madame la Comtesse , votre chère tante , m ' a beaueoup parlé de vous . Vous êtes polonaise . Ah , j ' aime beaucoup les Polonais . Ils sont tout-à-fait les Français du Nord . Vous savez sans doute que le Prince Henri était sur le point d ' accepter la couronne de Pologne . « Kathinka hatte nie davon gehört , hielt aber mit diesem Geständnis klüglich zurück , während Demoiselle Alceste das immer politischer werdende Gespräch in Ausdrücken fortsetzte , die , was Bewunderung für den Prinzen und Abneigung gegen den königlichen Bruder anging , selbst Tante Amelie kaum gewagt haben würde . Das Thema von der polnischen Krone bot die beste Gelegenheit dazu . » Dem grand Frédéric « , fuhr sie mit spöttischer Betonung seines Namens fort , » sei der Gedanke , seinen Bruder als König eines mächtigen Reiches zur Seite zu haben , einfach unerträglich gewesen . Es habe freilich , wie das immer geschehe , nicht an Versuchen gefehlt , die eigentlichen Motive mit Gründen , hoher Politik zu verdecken ; sie aber wisse das besser , und der Neid allein habe den Ausschlag gegeben . « Kathinka , die von dem Prinzen nichts wußte als seinen Weiberhaß , nahm aus diesem krankhaften Zuge , der ihn ihr unmöglich empfehlen konnte , eine momentane Veranlassung zu Loyalität und Verteidigung des großen Königs her , bis sie sich endlich lächelnd mit den Worten unterbrach : » Mais quelle bêtise ; je suis polonaise de tout mon coeur et me voilà prête à travailler pour le roi de Prusse . « Damit brach der politische Teil ihrer Unterhaltung ab und glitt zu dem friedlichen Thema der nahe bevorstehenden Theatervorstellung über . Aber auch hier kam es zu keinen vollen Einigungen . Immer wieder vergeblich wurde von seiten Kathinkas geltend gemacht , daß sie als Prolog sprechende Melpomene ein natürliches Anrecht habe , in die Geheimnisse Doktor Faulstichs und seiner künstlerischen Hauptkraft : Demoiselle Alceste , eingeweiht zu werden . Diese blieb dabei , daß es zu dem Anmutigsten des Theaterlebens gehöre , die Akteurs und Aktricen sich wieder untereinander überraschen zu sehen . Und solch heiteres Spiel dürfe nicht mutwillig gestört werden . Während dieses Gespräch in der großen Fensternische geführt wurde , die den Blick in den Park und die untergehende Sonne hatte - nur ein Streifen Abendrot lag noch am Himmel - , hatten sich Tubal und Lewin zur Seite der Tante niedergelassen , um über die jüngsten Hohen-Vietzer Ereignisse zu berichten . Der Kreis wurde bald größer . Erst Krach und Medewitz , dann der Lebuser Landrat samt dem Seelowschen Oberprediger , zuletzt auch Baron Pehlemann , der , einen Rest von Podagra mißachtend , in oft erprobter Gesellschaftstreue sich eingefunden hatte , alle rückten näher , um sich von dem Einbruch der Diebe , von dem Auffinden der beiden Landstreicher auf dem Rohrwerder und endlich von der Haussuchung bei Hoppenmarieken erzählen zu lassen . Niemand folgte gespannter als Tante Amelie selbst , die , neben einer natürlichen Vorliebe für Einbruchsgeschichten , eine herzliche Genugtuung empfand , die von ihrem Bruder vermuteten französischen Marodeurs sich einfach in Muschwitz und Rosentreter verwandeln zu sehen . Der überlegene Charakter Berndts war ihr zu oft unbequem , als daß ihr der Anflug von Komischem , der dadurch auf seine Pläne fiel , nicht hätte willkommen sein sollen . Und doch waren es gerade wieder diese Pläne , die , während die Schwester im stillen triumphierte , den Bruder auf das lebhafteste beschäftigten . In demselben Augenblicke beinah , wo die Vorstellung Kathinkas das zwischen Demoiselle Alceste und Bamme geführte Gespräch unterbrochen hatte , hatte sich Berndt des alten Generals zu bemächtigen gewußt , und ihn beiseite nehmend , war er nicht säumig gewesen , ihm seine bis dahin nur flüchtig angedeuteten Gedanken über Insurrektion des Landes zwischen Oder und Elbe zu entwickeln . Der Hauptpunkt blieb immer die Volksbewaffnung à tout prix , also mit dem Könige , wenn möglich , ohne den König , wenn nötig . In betreff dieses Punktes aber war Berndt gerade dem alten General gegenüber nicht ohne Sorge . Bamme gehörte nämlich jener unter dem Absolutismus großgezogenen militärischen Adelsgruppe an , die auf eine Cabinetsordre hin all und jedes getan hätte und unter einem Lettre-de-Cachet-König so recht eigentlich erst an ihrem Platze gewesen sein würde . So kannte Berndt den General . Er übersah aber doch zweierlei : einmal seine stark ausgeprägte Heimatsliebe , die , wenn verletzt , sich jeden Augenblick bis zu dem unserem Adel ohnehin geläufigen Satze : » Wir waren vor den Hohenzollern da hinaufschrauben konnte , dann seinen Hang zu Wagnis und Abenteuer überhaupt , der so groß war , daß ihm jede Konspiration angenehm und einschmeichelnd und ein nach oben hin gerichteter Absetzungsversuch , weil seltener und aparter , vielleicht noch anlockender als ein von oben her angeordneter Unterdrückungsversuch erschien . Ohne Grundsätze und Ideale , war sein hervorstechendster Zug das Spielerbedürfnis ; er lebte von Aufregungen . « Berndt , als er ihm alles entwickelt hatte , setzte ruhig hinzu : » Da haben Sie meinen Plan , Bamme . Seine Loyalität kann bestritten werden . Wir stehen ein für das Land ; Gott ist mein Zeuge , auch für den König . Aber wenn wir die Waffen wider seinen Willen nehmen , so kann es uns auf Hochverrat gedeutet werden . Ich bin mir dessen bewußt , und ich spreche es aus . « Bamme hatte während dieser letzten Worte lächelnd an seinem weißen Schnurrbart gedreht : » Es ist , wie Sie sagen , Vitzewitz . Aber was tut ' s ! Wir müssen eben unsere Haut zu Markte tragen ; das ist hierlandes so der Brauch . Ich weiß genau , wie sie es da oben machen , oder sagen wir lieber , wie sie es machen müssen ; denn ich glaube , sie haben keine Wahl . Es wird damit beginnen , daß man uns verleugnet , immer wieder und wieder , immer ernsthafter , immer bedrohlicher . Aber mittlerweile wird man abwarten und unser Spiel mit Aufmerksamkeit und frommen Wünschen verfolgen . Glückt es , so wird man den Gewinn : ein Land und eine Krone , ohne weiteres akzeptieren und uns dadurch danken , daß man uns verzeiht ; mißglückt es , so wird man uns über die Klinge springen lassen , um sich selber zu retten . Es kann uns den Kopf kosten ; aber ich für mein Teil finde den Einsatz nicht zu hoch . Ich bin der Ihre , Vitzewitz . « Während so an verschiedenen Punkten des Salons über die verschiedensten Themata , über die polnische Krone , Hoppenmarieken und den Volksaufstand zwischen Oder und Elbe gesprochen wurde , lag die ganze Schwere des Dienstes , zugleich die ganze Verantwortlichkeit für Gelingen oder Mißlingen dieses Abends auf den Schultern Doktor Faulstichs . Die Gräfin , nur eine alleroberste Leitung , ein letztes Ja oder Nein sich vorbehaltend , hatte alles andere mit einem leicht hingeworfenen : » Vous ferez tout cela « auf den Kirch-Göritzer Doktor abgewälzt . » Was dem Ziebinger Grafen recht ist , ist der Guser Gräfin billig . « Er hatte gehorchen müssen und auch gern gehorcht , aber doch in Bangen . Und dieses Bangen war nur allzu gerechtfertigt , übersah er die Situation , so war er eigentlich nur seiner selbst sicher , und auch das kaum . Hundert Fragen drängten auf ihn ein . Wie würde , um nur eine der nächstliegenden und wichtigsten zu nennen , das Streichinstrument- und Flötenquintett bestehen , das , die musikalischen Kräfte von Seelow und Kirch-Göritz zusammenfassend , der Leitung des jungen Guser Kantors , eines nach Tante Amelies Meinung verkannten musikalischen Genies , anvertraut worden war ? Würde Kathinka , wirklicher Deklamation zu geschweigen , die Prolog-Ottaverime auch nur fehlerfrei und ohne Anstoß sprechen können ? Würde Alceste die ganze Vorstellung nicht zu sehr als Bagatelle behandeln ? War Verlaß auf die Dienerschaften , Männlein wie Weiblein , die mit Dekorationswechsel , Bereithaltung einiger Requisiten , endlich auch mit dem Zurückziehen und Wiederfallenlassen der Gardine betraut worden waren ? Denn das Guser Theater hatte noch statt eines rouleauartigen Vorhanges den von links und rechts her zusammenfallenden Teppich . Mehr als einmal schoß dem Doktor das Blut zu Kopf und weckte die Lust in ihm , in dieser zwölften Stunde noch mit einem Demissionsgesuch vor die Gräfin zu treten ; aber im selben Augenblicke die Unmöglichkeit solchen Schrittes einsehend , richtete er sich an dem Satze auf , der in ähnlichen Lagen schon so oft geholfen hat : » Nur erst anfangen . « Übrigens erwuchs ihm , als die Not am größten war , eine wesentliche Hilfe aus dem plötzlichen Erscheinen der kleinen Eve . Diese hatte sich ihm kaum zur Verfügung gestellt , als auch schon ein besserer Geist in die Dienerschaften fuhr , die guten Grund hatten , es mit dem erklärten Liebling der Gräfin nicht zu verderben . So kam neun Uhr ; schon eine Stunde vorher waren Mademoiselle Alceste und Kathinka aus dem Salon abgerufen worden . Jetzt trat Eve an ihre Herrin heran , um ihr zuzuflüstern , daß alles bereit sei . Die Gräfin erhob sich sofort , reichte Drosselstein den Arm und schritt durch das Eßzimmer in den dahintergelegenen Theatersaal , der sich , ziemlich genau halbiert , in eine Bühne und einen Zuschauerraum teilte . In letzterem herrschte eine nur mäßige Helle , um die Gestalten auf der Bühne in desto schärferer Beleuchtung erscheinen zu lassen . Etwa zwanzig Sessel waren in zwei Reihen gestellt , in Front derselben fünf hochlehnige Stühle für die Musik , in deren Mitte , den Blick auf den Vorhang gerichtet und eine Notenrolle in der Hand , der als Kapellmeister funktionierende Guser Kantor stand , Herr Nippler mit Namen . Auf den Polstersesseln lagen Theaterzettel , die auf Veranlassung Faulstichs bei dem Buchbinder und Fibelverleger P. Nottebohm in Kirch-Göritz gedruckt worden waren und jetzt , nachdem alles Platz genommen hatte , sofort einem eifrigen Studium unterzogen wurden . Der Zettel lautete : Théâtre du Château de Guse Jeudi le 31 Décembre 1812 La représentation commencera à 9 heures . 1. Ouverture exécutée sous la direction de M. Nippler , chantre de Guse , par 3 violons , 1 flûte et 1 basse . 2. Prologue . ( Melpomène . ) 3. Début de Mademoiselle Alceste Bonnivant . Scènes diverses , prises de Guillaume Tell . Tragédie en cinq actes par Lemierre . a. Cléofé , épouse de Tell , s ' adressant à son mari : Pourquoi donc affecter avec moi ce mystère , Et te cacher de moi comme d ' une étrangère ? b. Cléofé , s ' adressant à la Garde de Gesler : Je veux voir mon époux , vous m ' arrêtez en vain etc. c. Cléofé , s ' adressant à Gesler : Quoi , Gesler ! quand j ' amène un fils en ta présence etc. d. Cléofé , s ' adressant à Walther Fürst : C ' etait-là le moment de soulever la Suisse . Tu l ' as perdu ! 4. Finale composé pour 2 violons et 1 flûte par M. Nippler . Le Sous-Directeur Dr. Faulstich Imprimé par P. Nottebohm , relieur , libraire et éditeur à Kirch-Goeritz Die Mehrzahl der Anwesenden war mit dem Studium des Zettels noch nicht bis zur Hälfte gediehen , als das Zeichen mit der Klingel gegeben wurde . Nippler klopfte mit der steifen Papierrolle auf das Podium , und sofort begannen die Violinen ihr Werk ; jetzt fiel die Flöte ein , während von Zeit zu Zeit des » Basses Grundgewalt « dazwischen brummte . Nun war es zu Ende , Nippler trocknete sich die Stirn , und die Gardine öffnete sich . Melpomene stand da . Ein » Ah ! « ging durch die ganze Versammlung , so von Herzen , daß auch einer zaghafteren Natur als der Kathinkas der Mut des Sprechens hätte kommen müssen . Ehe sie begann , fragte Rutze leise den neben ihm sitzenden Baron Pehlemann : » Was stellt sie vor ? « » Melpomene . « » Aber hier steht ja Prolog . « » Das ist ein und dasselbe . « » Ah , ich verstehe « , flüsterte Rutze mit einem Gesichtsausdruck , der über die Wahrheit seiner Versicherung die gegründetsten Zweifel erlaubte . Kathinka trat einen Schritt vor . Sie trug ein weißes Gewand , an dem sich die Drapierungskunst Demoiselle Alcestens glänzend bewährt hatte , und stemmte ein hohes , grüneingebundenes Notenbuch - auf dessen beide Deckel eine Abschrift der zu sprechenden Strophen aufgeklebt worden war - mit ihrer Linken gegen die Hüfte . Die Rechte führte den Griffel . So sah sie einer Klio ähnlicher als einer Melpomene . Ruhig , als ob die Bretter ihre Heimat wären , das Auge abwechselnd auf die Versammlung und dann wieder auf das aushelfende Notenbuch gerichtet , sprach sie : » Ihr kennt mich ! Einst ein Götterkind der Griechen , Irr ich vertrieben jetzt von Land zu Land , Und Unkraut nur und Moos und Efeu kriechen Hin über Trümmer , wo mein Tempel stand ; Ach oft in Sehnsucht droh ich hinzusiechen Nach einem dauernd-heimatlichen Strand - Raststätten nur noch hat die flücht ' ge Muse , Der liebsten eine hier , hier in Schloß Guse . Und fragt ihr nach dem Lose meiner Schwestern ? Die meisten bangen um ihr täglich Brot , Thalia spielt in Schenken und in Nestern , Und gar Terpsichore , sie tanzt sich tot : So schritt ich einsam , als sich mir seit gestern In meinem Liebling der Gefährte bot , Ihr kennt ihn , und herzu zu diesem Feste Bring ich das beste , was ich hab : Alceste . « Hier unterbrach sie sich einen Augenblick , wandte mit vieler Unbefangenheit das Notenbuch um , so daß der Rückdeckel , auf dem die Schloßstrophe stand , nach oben kam , und fuhr dann fort : » Sie wünscht euch zu gefallen . Ob ' s gelinget , Entscheidet ihr ; die Huld macht stark und schwach ; Und wenn ihr Wort euch fremd im Ohre klinget , Dem Fremden eben gönnt ein gastlich Dach . Empfanget sie , als ob ihr mich empfinget , Ihr Vitzewitze , Drosselstein und Krach , Mein Sendling ist sie , wollt ihm Beifall spenden , Ich habe keinen zweiten zu versenden . « Die Gardine fiel . Lebhafter Beifall wurde laut , am lautesten von seiten Rutzes , der einmal über das andere versicherte , daß er nun völlig klarsehe und Faulstich bewundere , der dies wieder so fein eingefädelt habe . Der einzige , der bei dem kleinen Triumphe Kathinkas in Schweigen verharrte , war Lewin . Die Sicherheit , mit der sie die nur flüchtig gelernten Strophen vorgetragen hatte , hatte ihn inmitten seiner Bewunderung auch wieder bedrückt . » Sie kann alles , was sie will « , sagte er zu sich selbst ; » wird sie immer wollen , was sie soll ? « In dem Reichbeanlagten ihrer Natur , in dem Übermut , der ihr daraus erwuchs , empfand er in schmerzlicher Vorausahnung , was sie früher oder später voneinander scheiden würde . Die Pause war um , die Violinen intonierten leise , nur um anzudeuten , daß die nächste Nummer im Anzuge sei . Aller Blicke richteten sich auf den Zettel : » Scènes prises de Guillaume Tell . Erste Szene : Cléofé , épouse de Tell , s ' adressant à son mari . « Im selben Augenblicke öffnete sich die Gardine . Eine Hintergrundsdekoration , die Berg und See darstellte , hatte sich jetzt vor den griechischen Tempel geschoben , das Kuhhorn erklang , und dazwischen läuteten die Glocken einer Herde . So verändert war die Szene ; aber veränderter war das Bild , das innerhalb derselben erschien . An die Stelle der jugendlichen Gestalt in Weiß trat eine alte Dame in Schwarz : Mademoiselle Alceste , die die Kostümfrage mit äußerster Geringschätzung behandelt und , das schwarze Seidenkleid ( ihr eines und alles ) ! beibehaltend , sich damit begnügt hatte , durch einen langen Hirtenstab und einen den Guseschen Gewächshäusern entnommenen Rhododendronstrauß das Schweizerisch-Nationale , durch ein Barett mit blinkender Agraffe aber den Stil der großen Tragödie herzustellen . Das » Ah ! « der Bewunderung , das Kathinka empfangen hatte , blieb ihr gegenüber aus , aber sie achtete dessen nicht , aus langer Erfahrung wissend , daß der Ausgang entscheide , und dieses Ausgangs war sie sicher . Sie sprach nun , jedes falsche Echauffement vermeidend , erst die den Gatten um Mitteilung seines Geheimnisses beschwörenden Worte : » Pourquoi donc affecter avec moi ce mystère ? « , dann in rascher Reihenfolge die nur kurzen Sentenzen , die sich abwechselnd an die Geßlerschen Knechte und zuletzt an Geßler selbst richteten . In jedem Worte verriet sich die gute Schule , und bei Schluß dieser dritten Szene durfte sie sich ohne Eitelkeit gestehen , daß sie » ihr Publikum in der Hand habe « . Aber die vierte Szene : » Cléofé s ' adressant à Walther Fürst « , stand noch aus . Tante Amelie , die das Stück in allen seinen Einzelheiten kannte , versprach sich gerade von diesen Zornesalexandrinern einen allerhöchsten Effekt und äußerte sich eben in diesem Sinne gegen Drosselstein , als die Regisseurklingel hinter dem Vorhang den Fortgang des Spieles anzeigte . Aber wer beschreibt das Staunen aller , zumeist der Gräfin selbst , als jetzt , bei dem Sichwiederöffnen der Gardine , statt Cléofés ein verwandtes und doch wiederum wesentlich verändertes Bild auf sie niederblickte . Was bedeutete diese neue Gestalt ? Nur einen Augenblick schwebte die Frage . Der Hirtenstab , der Rhododendronstrauß , das Barett mit der Agraffe waren abgetan , und ein kurzer Rock mit grünem Kragen , der wenigstens die obere Hälfte des schwarzen Seidenkleides verdeckte , ließ keinen Zweifel darüber , daß die trotzig auf dem Felsen stehende Jägergestalt niemand Geringeres sein sollte als Wilhelm Tell selbst . Mit der Spitze seiner Armbrust wies er auf den eben getroffenen Geßler . Und in deutscher Sprache , verwunderlich , aber nicht störend akzentuiert , sprach Alceste , die dieser von Faulstich geplanten Überraschung mit großer Bereitwilligkeit zugestimmt hatte , die Schlußworte des Dramas , die , hier und dort über das Schweizerische hinausgehend , als ein allgemeiner Hymnus auf die Befreiung der Völker gedeutet werden konnten : » Tot der Tyrann ! Er schändet uns nicht mehr , Bedrückte Brüder , Freunde , tretet her , Von seinem Schlosse , das in Flammen steht , Der Feuerschein wie eine Fahne weht , Verkündigend : es fiel die Tyrannei , Geßler ist tot , und unser Land ist frei . « Bei diesen Worten stieg Demoiselle Alceste die Felsenstufen hinunter , und dicht an den Rand des Podiums tretend , fuhr sie mit gehobener Stimme fort : » Und denkt der Feind an einen Rachezug , Ihn zu vernichten sind wir stark genug ; Er komme nur , Soldaten sind wir all , Es schirmt uns unsrer Berge hoher Wall , Und dringt er doch in unsre tiefste Schlucht , Die keinen Ausgang kennt und keine Flucht , Dann über ihn mit Fels und Block und Stein , In der Verwirrung wir dann hinterdrein , Mit Sens ' und Sichel und mit Schwert und Speer : Ergib dich , Feind , du rettest dich nicht mehr ! So fällt sein Helmbusch , seines Stolzes Zier , Denn stärker war die Freiheit , waren wir . « Ein Beifallssturm , der alle Triumphe Kathinkas verschwinden machte , brach jetzt los , und : » Demoiselle Alceste « klang es , erst gemurmelt , dann immer lauter . Nach Innehaltung der den Applaus steigernden Pause erschien die Gerufene , sich würdevoll verneigend , und da weder für Kränze noch Bouquets gesorgt worden war , trat Tante Amelie selbst an das Podium und reichte ihr zum Zeichen ihres Dankes auf die Bühne hinauf ihre Hand . Gleich darauf intonierte Nippler ein kurzes , von ihm selbst gesetztes Finale , unter dessen Klängen die Gäste sich erhoben , um in den Fronträumen das Souper zu nehmen . Hier war inzwischen an kleinen Tischen gedeckt worden , an denen nun , nach dem baldigen Erscheinen derer , die die Mühen des Tages recht eigentlich bestritten hatten , wie Wahl oder- Zufall es fügten , Platz genommen wurde . Auch Nippler war geladen worden . Bamme , der eine Vorliebe für Ausnahmegestalten hatte , nahm ihn in besondere Affektion , ihm einmal über das andere versichernd : » Das sei doch einmal eine Musik gewesen . Besonders die Flöte . « Der Haupttisch , auf dem sechs Couverts gelegt waren , stand in dem Spiegelzimmer . Hier saßen unmittelbar neben der Gräfin Mademoiselle Alceste und Kathinka , den Damen gegenüber aber Drosselstein , Berndt und Baron Pehlemann , der auf dem Gebiete französischer Literatur nicht ganz ohne Ansprüche war und die » Henriade « in Übersetzung , den » Charles Douze « sogar im Original gelesen hatte . Tubal und Lewin , als Anverwandte des Hauses , machten die Honneurs in dem blauen Salon ; einige der Herren hatten sich in das Billardzimmer zurückgezogen , unter ihnen Medewitz , dessen etwas fistulierende Stimme von Zeit zu Zeit an dem Tische der Gräfin hörbar wurde . Es war dies derselbe auf vier runden Säulen ruhende Marmortisch , an dem bei Gelegenheit des Weihnachtsdiners der Kaffee genommen und schließlich in Veranlassung der alten Streitfrage » Roi Frédéric oder Prince Henri « eine ziemlich pikierte Debatte zwischen dem alten Vitzewitz und seiner Schwester , der Gräfin , geführt worden war . Auch heute sollte diesem Tisch eine geschwisterliche Fehde nicht fehlen . Aber diese Fehde stand noch in weiter Ferne und war nur der Abschluß einer sich lang ausspinnenden Konversation , die zunächst nur das » vollendete Spiel « Mademoiselle Alcestes und erst nach Erschöpfung aller erdenkbaren Verbindlichkeiten auch das Stück selbst zum Gegenstand hatte . Die Gräfin , die mit vieler Geschicklichkeit diesen Übergang machte , wußte dabei wohl , was sie tat . Sie war die einzige , die die Tragödie gelesen , zugleich auch mit Hilfe einer vorgedruckten Biographie sich über die Lebensumstände Lemierres unterrichtet hatte , so daß sie sich in der angenehmen Lage sah , den in Sachen französischer Literatur mit ihr rivalisierenden Drosselstein in die zweite Stelle herabdrücken und überhaupt nach allen Seiten hin brillieren zu können . Am meisten vor Demoiselle Alceste selbst , die , als echtes Bühnenkind , sich mit dem Auswendiglernen ihrer Rolle begnügt und nicht die geringste Veranlassung gefühlt hatte , sich in Vor- und Nachwort oder gar in Anmerkungen und literarhistorische Notizen zu vertiefen . Es war ein anmutiges Lebensbild , das die Gräfin , indem sie Fragen von links und rechts her hervorzulocken wußte , nach und nach vor ihren Zuhörern entrollte , unter denen selbst Berndt , weil es menschlich schöne Züge waren , die zu ihm sprachen , ein ungeheucheltes Interesse zeigte . Lemierre , nach Poetenart , war immer ein halbes Kind geblieben . Anspruchslos , hatte sein Leben nur drei Dingen angehört : der Dichtung , der Entbehrung und der Pietät . Er war schon sechzig , als er zu Ruhm kam , aber auch dieser Ruhm ließ ihn ohne Mittel und Vermögen . Es waren kleine Summen , die die Aufführungen seiner Stücke ihm eintrugen ; empfing er sie , so machte er sich auf den Weg nach Villiers le Bel , wo seine beinahe achtzigjährige Mutter lebte . Er teilte mit ihr , plauderte ihr seine Hoffnungen vor und kehrte dann , wie er den Hinweg zu Fuß gemacht hatte , so auch zu Fuß in die Hauptstadt und an seine Arbeit zurück . Wie so viele Tragödienschreiber war er heiteren Gemütes , und seine Scherze , seine Anekdoten , seine Gelegenheitsverse belebten die Gesellschaft . So arm er war , so gütig war er ; selbst neidlos , weckte er keinen Neid . Ein Nervenleiden