sich bei jedem der späteren Briefe , die regelmäßig am Johannistage eintrafen und in Text wie Ton nicht wesentlich anders lauteten . Sie wurden gleich dem ersten von der gesamten Familie , in verteilten Gebieten , ausführlich beantwortet , so daß die Entfernte in ihrer sogenannten Heimat wohl orientiert bleiben durfte . Dezimus , als Auswärtiger , begnügte sich mit dem Referat über seine eigene bescheidene Person und die Zustände seiner Akademie . Vater Blümel , der Versöhner , behandelte den Artikel : Lydia . Das liebe Röschen hatte sich Held Martin als Gegenstand auserkoren und freute sich , schon im nächstjährigen Briefe durch folgende Eröffnung auf einen interessanten Effekt rechnen zu können . » Den alleruntertänigsten Gratulationsknicks zu der Krone , welche meines lieben Fräuleins Sidi verehrlicher Herr Vetter und Freier sich schon in jungen Tagen erworben hat ; wenn es vorderhand auch nur eine Myrtenkrone ist . Binnen weniger Wochen feiert er im Werbenschen Ahnensaale Hochzeit mit einem verwaisten Fräulein , das sich zweiunddreißig reiner Ahnen und des erforderlichen Kommißvermögens - seine , des Helden Bezeichnung , nicht meine ! - zu erfreuen hat . Ein hochnäsiges , blasses Spürrippchen , nach unserem ländlichen Dafürhalten ! Der bravste der Braven gab einem gewissen schwarzlockigen Strudelköpfchen nicht undeutlich zu verstehen , daß er kein weibliches Wesen seinem Ideal so gänzlich entsprechend gefunden haben würde als eben besagtes Strudelköpfchen ; daß er aber , auch abgesehen von dem Kommißvermögen , als ein Hartenstein Rücksichten zu nehmen habe , welche gewöhnliche Leute Vorurteile nennen . Ei nun , Spürrippchen oder Strudelköpfchen , einmal unter dem Pantoffel , ist er der Held , der mit diesem oder jenem in ein Himmelreich kommt . Mein Dezem gehört , wenn auch aus einigermaßen abweichenden Gründen , zu der nämlichen Couleur , mit der wir Mädchen uns eigentlich gar nicht einlassen sollten . Denn wenn ein Mann durch uns nicht unglücklich werden kann , wie soll er denn durch uns glücklich werden , oder wir durch ihn ? Versucht wird es mit dem Dezem aber doch wohl werden müssen . « Jedem dieser Briefe wurde allerseits eine herzliche Einladung in das Pfarrhaus beigefügt . Am dringlichsten von Mutter Hanna , wenn sie es auch ablehnen mußte , die Bürgschaft für eine auf dem Talgute zu errichtende Schweizerei so wiet zu übernehmen , daß durch ihre Erträge einem Freiheitsdichter in der Metropole des Genusses die Adlerfeder mit feinem Golde überzogen werde . Über Papa Mehlborn , ihre briefliche Spezialität , konnte Mutter Hanna von Termin zu Termin lediglich berichten , daß er rüstig weiterwirtschafte und nur sein Augenlicht immer bedrohlicher im Abnehmen sei . Er stände ja aber auch hoch in seinem achten Jahrzehnt . Philipp von Hartensteins Vormund war ein gewissenhafter Herr . Wenn er unter den Hörern seines Kollegs einen gefunden hätte , dessen mathematische Beflissenheit der exegetischen nur annähernd ebenbürtig gewesen wäre , würde er , ohne auf heimische Beziehungen Rücksicht zu nehmen , den Zögling des toleranten Pfarrers von Werben ebenso fern von seinem Zögling gehalten haben , als jener sich schon seit dem zweiten Semester fern von des keineswegs toleranten Herrn Professors Privatissimum hielt . Da außer dem Studiosus Frey solch ein närrischer Kauz , der die Mathesis pura als genußreiches Nebenstudium der Exegese betrieb , nun aber einmal nicht aufzutreiben war , und da der Schematist von Staat nun einmal einen gewissen Grad der Mathesis pura für einen zukünftigen Jünger Doktor Martin Luthers unerläßlich fand , da endlich auf diesem neutralen Gebiet konfessionelle Widersprüche nicht zu befürchten waren , machte er aus der Not eine Tugend und wendete dem armen Hutmannssohne von Werben für wöchentlich vier Pauklektionen wöchentlich acht gute Groschen zu . Denn sotane Lektionen aus landsmannschaftlicher Gefälligkeit gratis anzunehmen , dieses hoffärtige Ansinnen konnte dem armen Hutmannssohne selbstredend nicht zugestanden werden . Nun , wenn auch dafür abgelohnt , machte es Dezimus Freude , seines weißen Fräuleins erziehende Aufgabe , die in bezug auf den Knaben eine schwere war , um ein Bruchteil zu erleichtern , und er nahm es geduldig in den Kauf , daß , bevor das Buch aufgeklappt wurde , regelmäßig ein Sturm leidenschaftlicher Klagen und ein Strom von Tränen , Tränen der Wut , beschwichtigt werden mußten . Philipp hatte sich während des Siechtums seiner leidenschaftlich geliebten Mutter darein ergeben , dem vom Vater erwählten Tutor zu folgen , und es war im Grunde ja auch nur eine häuslich strenge Regel , welche er mit der anderen vertauschte . Aber es ist ein Unterschied , ob das Haus , in welchem solche Regel waltet , in lachender Landschaft gelegen ist oder in einer halbdunklen , rauchigen Stadtgasse ; ob Andachten und Choräle in hohen Sälen erklingen oder in einer engen Gelehrtenstube , ob Benedikte und Gratias an einer völlig besetzten Familientafel gesprochen werden oder vor und nach dem bescheidenen Mahle eines Professors mit dreihundert Talern Gehalt und den Kollegiengeldern eines Privatissimums , das die Zahl der Musen selten erreichte ; ob man in den Freistunden sich auf blühender Gartenterrasse - wenn auch nur in Gesellschaft von ein paar Schwesterchen - austummelt oder sterbensseelenallein in einem mauerumragten Hinterhof ; vor allem aber , ob eine zärtliche Mutter wie Frau Ottilie das weibliche Element der Familie vertritt oder eine ältliche , emsige , kinderlose Schaffnerin wie die Hausfrau des Professors Hildebrand . Hatte schon daheim Magister Klein seine liebe Not mit dem Stillsitzen des lebhaften , nicht unbegabten , aber widerwillig lernenden Knaben gehabt , so war diesem jetzt nun alles und jedes zuwider , sträubte gegen alles und jedes sich sein Hartensteinsches Blut . Unter den Augen seines Zwingherrn saß er mucksmäuschenstill , mit verbissenem Grimm ; in der Klasse verstopfte er sich gleichsam die Ohren , um wegen Ungelehrigkeit und Trotz je eher je lieber von der Schule gejagt zu werden . Vor seinem » lieben guten Dezimus « aber tobte er sich aus wie ein unbändiges Füllen . Er wollte fort aus dem Pfaffenhause , in das Kadettenkorps , in die weite Welt , gleichviel wohin , nur fort , fort ! Er wollte kein Schwarzrock , er wollte Soldat werden wie alle Hartenstein , sogar sein Vater , als er noch jung gewesen . Warum hatte Martin werden dürfen , was ihm gefiel ? Wer gab einer Schwester das Recht , ihren Bruder zu zwingen in ein Verhältnis , das ihm widerstand ? Bei jedem Ferienbesuche brachte er die nämlichen Klagen und Beschwerden auch den Seinigen zu Gehör , wenn auch in abgedämpften Tönen . Denn der Mutter erweckten sie nur unstillbare Seufzer und Tränen , und vor Lydia scheute er sich , da in ihrer Hand ganz allein - das einzusehen war er klug genug - sein Schicksal lag . Wenn er aber niemals eine andere Antwort erhielt als : » Es ist deines seligen Vaters Wille gewesen , harre aus ! « dann stürmte er verzweifelnd in die Pfarre , wo er in Röschen eine offene , in Mutter Hanna eine heimliche Verbündete gegen den Gewaltakt , der an ihm verübt ward , fand , und was Pastor Blümel zur Begütigung dagegen redete , redete er in den Wind . Nicht in den Wind , sondern wie gegen einen ehernen Wall redete Pastor Blümel aber auch zu dem Herzen der väterlich geliebten Lydia , sooft er sich ihr gegenüber zum Anwalt ihres Bruders aufwarf . Sie fragte ihn , ob er in seinem Pflegesohn die Neigung zu einem diesem angemessen dünkenden Beruf nicht gleichfalls niedergehalten habe ? » Nur die Entscheidung dafür bis zu der Zeit seiner Reife , « antwortete Pastor Blümel . » Mehr fordere auch ich nicht , « versetzte Lydia . » Sollte für einen halbwüchsigen Knaben die Zeit der Reife aber schon gekommen sein ? Und was geht Philipp ab ? Würde er in einem Alumnat , wie Sie es vorschlagen , größere Freiheit haben ? « » Keineswegs , und diese würde auch keineswegs zu wünschen sein . Aber eine jugendlich gesellige Sphäre , in welcher er sich nicht in das Extreme getrieben fühlte . Bei jedem zu bildenden Menschen muß mit seinem Temperament gerechnet werden . « » Er ist als jüngstes Kind durch übergroße Liebe verwöhnt ; strenge Zucht tut ihm not . Das Leben ist kein bequemes Schaukelbett . Er steht unter Obhut der gewissenhaftesten Pfleger , der treuesten Freunde seines Vaters . Er wird eines Tages arm sein . Je einfacher seine Lebensweise geregelt ist , um so leichter wird er künftige Beschränkungen ertragen . Jedes Kind soll erzogen werden gemäß der Lage , welche sein von Gott berufener Hüter für ihn voraus zu berechnen vermag . Mein seliger Vater hat bitterlich gelitten , weil , wie er glaubte , diese Erkenntnis ihm zu spät gekommen ist . « Was sollte Pastor Blümel diesen logischen Folgerungen entgegenhalten ? Er seufzte . Aber der Seufzerhauch machte nicht , wie der Dichter es will , » ihm der Seele Spiegel klar . « Eine deutliche Stimme warnte ihn , daß dieses seltene Mädchen an seiner wichtigsten Aufgabe scheitern werde , indem es sie überspanne , und daß ihr eigener Frieden schwerer als der des anvertrauten , leichtblütigen Knaben bedroht sei . Lydia krankte an ihrem Ideal , und dieses Ideal war der Glaube an vollkommenen Menschenwert . Sie hatte ihre Liebe zu Max als eine Irrung erkannt , aber als eine Irrung , von der sie nicht zu genesen vermochte , und eben darum war sie hart mehr noch gegen sich selbst als gegen den Bruder , in welchem sie einen Bluts-und Geistesverwandten des Geliebten mit nur weit schwächerer Begabung sah . Selbst ihr Vater stand vielleicht nicht mehr ganz so hoch wie einst auf dem Piedestal in ihrer Brust . Indem Pastor Blümel diese sorglichen Erwägungen in des Sohnes Seele ergoß und dessen Bitten um eine angemessenere Behandlung seines jungen Freundes mit ihnen abfertigte , fühlte sich nun aber der Jüngling weit mehr als der Greis der ersten Idealgestalt seines Lebens innerlich entfremdet . Die kindliche Vertraulichkeit hatte mit Maxens Dazwischentreten ja aufgehört ; Dezimus sah Lydia seit Jahren nur noch gleichsam aus der Ferne ; Erinnerung und Phantasie jedoch arbeiteten an dem weißen Fräulein geschäftig weiter , bis allmählich und immer dichter zum Herzen hinan ein kalter Nebelbrodem sich zwischen sie und ihren jugendlichen Bewunderer drängte . Je schattenhafter nun aber das Bild des weißen Fräuleins in seiner Seele verblaßte , um so wesenhafter gestaltete sich die Neigung zu der süßen Rose , deren Duft er nach jeder Trennungspause begehrlicher in sich sog. Er dachte gar nicht mehr daran , nach Ablauf seines Trienniums sich noch einmal zu abstrakten Messungen auf die Schülerbank zu setzen ; er dachte nur so rasch als möglich ein fertiger Mann , ja durch Aneignung des besten Teiles seines Selbst erst recht zum Mann zu werden . Dezimus , Dezimus , hüte dich ! Du bist bisher sonder Hast noch Rast , wie es einem Glücklichen eignet , deine Bahn gewandelt . Hüte dich vor den Dämonen , Jüngling ! Laß es mit deinen Sternen nicht deinen Stern dich kosten ! Peter Kurze war es , der jezeitige Doktorand , welcher , etwas weniger euphemistisch ausgedrückt , diesen Warnungsruf vernehmen ließ . » Stillvergnügter , « sagte er , » das Kandidatenfieber ist bei dir ausgebrochen ! « Aber Dezimus lächelte nur ob dieser Prognose . Die Sache lag nicht entfernt so bedenklich , wie der Medikus in spe erachtete . Keine Spur von Fieber . Peter Kurze war selber verliebt , daher nicht klarsichtig ; in das liebe Röschen verliebt , daher eifersüchtig ; viel stärker verliebt als Dezimus , weil ein paar Jahr älter und obendrein Mediziner , will sagen ein Praktikus des Natürlichen und keine Spur von Idealist . Wächst solch ein Kandidatenparoxismus zwanzig Jahre lang aus der Wiege heraus ? Trägt Dezimus an seinem Finger ein Ringlein , das zu einer künftigen Kette den Anfang bildet ? Hat er dem schwarzen Strudelköpfchen eine einzige Locke geraubt ? Sammelt er Vergißmeinnicht oder Busenschleifen ? Begnügt er sich nicht mit dem Lichtbild in seinem Herzen , statt auf ihm eines zu tragen , wie der fortschreitende Erfindungsgeist seit kurzem sie an Stelle der mühsam mit dem Storchschnabel entworfenen Schattenbilder unserer Väter im Umsehen von der Zauberin Sonne zeichnen läßt ? Von all diesen Liebhabermerkmalen kein einziges ! Nicht ein Wort ist zwischen dem Studenten und seinem Röschen gefallen , das der Kandidat und seine Rose hätten einlösen müssen . Endlich aber die Hauptsache : was hätte es denn verschlagen , wenn das Kandidatenfieber ausgebrochen wäre ? Nur in der Ordnung würde es gewesen sein . Hieß er denn nicht schon seit Monden Herr Kandidat ? Hätte er nicht Predigten halten können , so viel ihm und seinen etwaigen Zuhörern beliebte , ohne daß ein gewogener Professor sein Approbatum darunter setzte ? Und ist dieser Abschnitt nicht lediglich darum unerwähnt geblieben , weil er im Grunde ein Abschnitt nicht war und das Aufhören des Trienniums und Stipendiums in seinem Tageslauf so gar wenig geändert hatte ! Statt gottesgelahrte Kollegia zu hören gibt er etliche Unterrichtsstunden in einer höheren Lehranstalt , sitzt aber nach wie vor zu Füßen seines herrlichen Chaldäers und arbeitet in der Zwischenzeit mit Feuereifer an der Vorbereitung zu dem Examen pro ministerio , nach welchem der Ordination nichts mehr im Wege steht . Bei dem bevorstehenden österlichen Ferienbesuche wird er seinem Vater erklären , daß im Gestritt der Schulen das , was not tue , ihm unverkümmert geblieben und daß er freudig gewillt sei , dem Vater zur Seite zu treten , sobald dieser ihm sagen wird : » Ich bin müde geworden , mein Sohn . Stehe mir bei , die Seelen unter meinen Augen ein wenig höher gen Himmel zu richten . « Warum soll der Kandidat daher nicht so gut wie jeder andere an Hüttenbauen denken ? Ja , er lachte den Doktoranden recht stillvergnügt ob seiner Diagnose aus . Bei alledem aber lachte er noch viel stillvergnügter , als besagter Doktorand und Rival ihm erklärte , daß er der verflixten Promotion halber sich heuer den Appetit auf Mutter Blümels Osterfladen verkneifen müsse , um ohne Gefühlspause über der Pathologie einer Fettleber , seiner schriftlichen Probearbeit , zu büffeln . Es rann in Freund Dezems Adern kein Othelloblut ; absolut ohne Dämonen geht es aber auch in der stillvergnügtesten Brust nicht ab . Die Osterwanderung ohne seinen besten Freund kam ihm noch einmal so vergnüglich vor . Aber noch ein zweites , leider wenig frohstimmendes Anliegen sollte während ihr erledigt werden . Sämtliche Repetitorien , bis auf das seines jungen Landsmannes , waren aufgegeben worden . Jetzt mußte auch dieses wenigstens beschränkt werden . Die Examenansprüche drängten , und ein erster schriftstellerischer Versuch , ein astronomischer Leitfaden , den er unter der Ägide seines getreuen Himmelsführers unternommen hatte , sollte womöglich noch vor jenem Abschluß vollendet werden . Es galt daher , die Zeit gründlich auszukaufen . Und Philipp hätte doch mehr denn je nicht bloß einer fördernden Nachhülfe , sondern auch eines hingebenden Umgangs bedurft . Er war zum zweiten Male nicht nach Prima versetzt worden und bäumte sich mit äußerstem Trotz gegen den aufgedrungenen Schülerberuf . Da ihm , als Strafe für seine Lässigkeit , die österliche Ferienreise untersagt worden war , hatte Dezimus sich vorgesetzt , sein Fürsprecher bei Lydia zu werden , um ihre Zustimmung zu der ersehnten Soldatenlaufbahn zu erwirken . Der brave Hirtensohn ! Eine Ader Don Quixotes spukte doch wahrlich in seinem mathematischen Kopf . Sich zu unterfangen , woran Konstantin Blümel , der Versöhner , gescheitert war ! Am Nachmittag vor der Reise saß er bei dem Artikel » Sternschnuppen « , einem Leibartikel , über seinem Leitfaden , als Philipp in das Stübchen stürmte und sich lautjubelnd ihm in die Arme warf . Die Decke in seines Professors Rauchneste war zusammengestürzt , es mußte ein Umbau und eine Neuordnung der Bibliothek vorgenommen werden ; der unbequeme Hausgenosse wurde daher bis nach den Festtagen zu seiner Mutter entlassen . Dezimus hatte die Eisenbahn , die zwischen der Universitäts- und der Werbenschen Kreisstadt schon seit Jahren fertiggestellt war , noch niemals benutzt ; er schritt mit Lust von Zeit zu Zeit einmal tüchtig aus . Dem jungen Faulpelz war nun als Strafe diktiert worden , die Reise statt wie bisher per Dampf diesmal per pedes mitzumachen . Was doch dieser gelehrte Professor für ein Menschenkenner war ! Die erste Fußreise , eine Wanderung mit seinem lieben guten Dezimus - eine Strafe ! Ach , wenn er doch die ganze Welt mit ihm hätte durchwandern können ! Das große Kind hatte sich bereits probeweise Ränzchen und Botanisiertrommel umgehängt , auch einen gewaltigen Knotenstock zugelegt . Er glich dem Vogel , dem die Käfigtür geöffnet worden ist , er sang und pfiff vor heller Lust , krähte wie ein Hahn und wieherte wie ein Roß . Es war ja ganz unmöglich , daß er je wieder in das grauliche Nest zurückkehrte . Wenn nur sein lieber guter Dezimus ihm tapfer beistände , mußte Schwester Lydias steinhartes Herz ja endlich erweicht werden . Der mütterlichen Zustimmung war er längst gewiß . Zum Winter trug er den bunten Rock . Während dieses wohligen Flügelschlagens erdröhnten die Treppe herauf wuchtige Tritte , die Tür wurde aufgerissen , und in ihrem Rahmen erschien eine Gestalt , die sich bücken mußte , um nicht anzustoßen ; halben Kopfs höher als der Hüne unter den Musensöhnen und mindestens noch einmal so breit , wennschon besagter Hüne sich auch keiner Wespentaille zu rühmen hatte . Ein Prachtstück von Mann mit seinem rötlich gelockten Haar und Bart , dem wetterbraunen Gesicht und den weitgeöffneten meerdunklen Augen . Er kam Dezimus bekannt vor , obgleich er doch wußte , daß er ihn niemals gesehen hatte ; so wie ihn hatte er sich seinen Vater vorgestellt , seinen armen Vater , ehe er bis zur Hutmannshütte herabgesunken war . » Na , wer von euch Jungen ists denn ? « rief der Fremde mit hauserschütterndem Baß ; als aber die » beiden Jungen « verwundert schwiegen , brach er in ein schallendes Gelächter aus und sagte , indem er sich mit der Faust vor die Stirn schlug : » Dummrian ! der winzige Piepmatz kanns doch nicht sein ! « Dabei kriegte er den Großen beim Kopf , schmatzte ihn auf beide Backen , preßte ihm die Hände , daß ihm , der sonst bei einer Kraftäußerung just nicht zimperlich war , ein » Au ! « entfuhr , und erst nach dieser tatsächlichen Begrüßung stellte er sich vor mit den Worten : » Ich bin Bruder Klaus ! « Da gab es denn viel lautes und stilles Vergnügen , dann aber gewaltige Neugier und gewaltigen Durst . Den letzteren von seiten des Steuermanns , die erstere nur von seiten der beiden Jungen . Denn Bruder Klaus wuße ja aus zweilangen Schreibebriefen , wie es dem Zehnten des Hutmannshauses gegangen war , und hätte er es noch nicht gewußt , würde er es ihm an den Augen angesehen haben : nämlich gut , und weiter brauchte Bruder Klaus nichts zu wissen ; denn Jahr aus Jahr ein zwischen Wind und Wellen , gewöhnt einer sich das Fragen ab . Dahingegen liebte er es , wenn er einmal auf dem Trockenen saß , seinen Lungen durch Erzählen Motion zu machen ; und so tat er denn seinen Mund auf und nicht eher wieder zu , bis die Punschterrine , welche die Haushälterin des alten Sternenprofessors gefällig besorgt hatte , bis auf den letzten Tropfen geleert und das , was das Herz anfüllte , für heute wenigstens genügend ausgeschüttet war . Der erste große Schreibebrief , dessen Eintreffen der Inselpastor mit der Bemerkung , daß der Steuermann Frey auf einer Indienfahrt begriffen sei , angezeigt hatte , war Jahr und Tag vor des Adressaten Heimkehr angelangt ; die erbetene Antwort aber aus guten Gründen unterblieben . Mit dem Buchstabenmalen hatte Bruder Klaus es schon unter Kantor Beyfußens Fuchtel nicht gar zu weit gebracht , und während der zwanzig Jahre , daß er kreuz und quer die Wasserwelt durchsteuerte , war es ihm » rattenkahl « abhanden gekommen . Auch seine Frau , Stina hieß sie , verstand sich auf diese Fingerkunst nur schwach ; kontrarie der Inselpastor , der sich sogar bis zum Bücherschreiben auf sie verstand , würde die Sache doch nicht so ausgedrückt haben , wie es der Klaus mit leibhaftigen Worten getan . » Besser , « hatte er zu seiner Stina gesagt , » besser , ich mache bei gelegener Zeit einmal hinein . « » Denn , nicht wahr , « so fragte er lachend , » bei euch zulande wird immer noch wie sonst allerwegens gemacht , wo bei uns Strandleuten hingesegelt wird ? « Weil Bruder Klaus nun aber erst noch verschiedentliche große und kleine Touren abzusteuern hatte , war er erst gestern dazu gekommen , zum Dank auch noch für den zweiten Schreibebrief , den der neubackene Kandidat in sein Inselhaus geschickt , sich in Hamburg zum ersten Male im Leben auf eine Eisenbahn zu setzen ; mußte auch binnen fünf Tagen schon wieder in seinem Hafen sein , um eine Kaffeeladung aus Brasilien zu holen . Dann aber hatte er sich eine Landpause vorgenommen und gedachte , wenn er es nämlich so lange aushielt , den Winter über bei Frau Stinen und dem kleinen pausbäckigen Matrosen zu bleiben , der während jener vom Pastor gemeldeten Indienfahrt in dem Inselhause eingesprungen war . Neckischerweise dieser erste Bube an einem Tage mit dem erwähnten Bruderbrief , dem ersten Schreibebrief in Mutter Stinas Ehestande . Der Inselpastor hatte ihn ihr im Wochenbette vorgelesen , dann hatte sie ihn selber durchstudiert , und zwar so oft , bis sie ihn auswendig konnte von A bis Z. Der Inselpastor aber hatte beim Kirchgange der Wöchnerin eine Predigt über den Bruderbrief gehalten und das Gleichnis vom Säemann , das just an der Reihe war , so erbaulich ausgelegt , wie noch keinmal zuvor . Denn das Korn , das der Säemann ausstreute , hatte er für gewöhnlich Gottes Wort genannt , heute aber nannte er es Menschenkind . Und von zehn Körnern , die aus einer Mutterähre gefallen , wären sieben auf die sandige Düne und die dürre Geest geweht und von den Vögeln gepickt worden und nur zwei , die , als der Schnitter mit der Sense kam , bereits weitab zwischen Dornen und Steinbrocken Wurzel geschlagen hatten , wären schlecht und recht fortgekommen . Das zehnte Korn aber sei auf guten Marschenboden gefallen , sei darin angewachsen und werde , so Gott wolle , Frucht tragen für die verlorenen sieben mit . Denn die Ordnung der Natur sei es wohl , daß eine Kreatur die andere verdränge , um sich das eigene Leben zu fristen ; die Ordnung des Geistes aber und unseres ewigen Heilands Gebot sei es , daß ein Menschenbruder für den anderen einstehe und einbringe , was der andere ledig gelassen habe . Und diese Ordnung im Gottesreiche nenne man die Liebe . Um dieser erbaulichen Auslegung willen hatte die Steuermannsfrau den unbekannten Schwager im Binnenlande als Paten ihres Erstgeborenen in das Kirchenbuch eintragen lassen und darauf bestanden , daß der Bube auf den Namen Dezimus getauft werde ; sie rechnete aber stark auf die nachfolgenden Neune , von denen jeder einen so schönen Schreibebrief zustande bringen lernen sollte , daß sein Pastor eine Predigt darüber halten konnte , wie die von dem zehnten Korn . Und was die Steuermannsfrau sich einmal in den Kopf gesetzt , das setzte sie auch durch . Bis jetzt waren es der Buben drei . Der allerinständigste Wunsch , den der Buben Mutter seit der Zeit aber im Herzen hegte , war der , daß der schöne Briefsteller , Schwager und Gevatter sie einmal in ihrem Hause , das das allersauberste der Insel war , besuche , und darum hatte sie ihrem Steuermann keine Ruhe gelassen , bis er sich auf die Eisenbahn gesetzt , die Einladung anzubringen . Dezimus schlug in die mächtige Bruderhand mit dem Versprechen , gestattete es Gott , nach zurückgelegter Prüfung seinen ersten weiteren Ausflug in das saubere Haus seiner Inselschwägerin zu nehmen , und gestattete es deren Herr Pastor , seine erste Predigt in der Kirche zu halten , wo der Erstling aus dem zweiten Geschlecht , das dem armen Hutmannshause entstammte , auf den Namen und in der Hoffnung des zehnten Kornes getauft worden war . Weniger froh stimmend als das Inselidyll lautete der Bericht , welchen Bruder Klaus zu geben hatte über das zweite Korn , das just oberflächlich Wurzel geschlagen , als der Schnitter die Mutterähre mähete . Bruder Friede hatte sich von amerikanischen Agenten zur Auswanderung anwerben und das , was man Zufall nennt , ihn später mit seinem Ältesten in einem brasilianischen Hafen zusammenstoßen lassen . Aber Bruder Friede trug ein Lumpenkleid . » Er hätte im Heimlande bleiben und auf den Unteroffizier dienen sollen , « meinte der Steuermann . » Er war von jeher von einer Gemütsartigkeit , die man bei euch zulande demide oder feige nennt . Der blöde Friede hat er schon auf Kantor Beifußens Schulbank geheißen . Unter den Soldaten aber heißt es parieren , was zu der Feigigkeit paßt ; drüben in Amerika kontrarie heißt es sich rühren und riskieren , was zu der Demidigkeit ganz und gar nicht paßt . Von wegen des Parierens hätte er nun allenfalls auch zum Matrosen getaugt ; aber da war nun wiederum der Umstand mit der Seekrankheit , die dem armen Kerl ganz heidenmäßig mitgespielt und vor der er einen Respekt ärger als vor dem gelben Fieber hatte . « Einmal wird der blöde Friede es aber doch noch mit dem spaßigen Würgengel auf der Salzflut riskieren müssen . Bruder Klaus weiß ihn zu finden , wenn er nämlich noch am Leben ist , und wird ihn auf der Retour von seiner nächsten Spritzfahrt nolens volens in das Schlepptau nehmen , ihn in sein Inselhaus transportieren und während seines faulen Winters sich nach einem Schlenderposten für den armen Burschen umtun . Also hat Mutter Stina , in Erinnerung an das zehnte Korn , es dekretiert . Und mit Mutter Stina ist nicht zu spaßen ; denn ein Ehemann , der durchschnittlich von zwölf Monaten elf das Schiffssteuer führt , hat natürlicherweise das häusliche Steuer auch im zwölften Monat seiner Ehefrau zu überlassen . Im Haupte des Bruders Kandidaten war dieser Schlenderposten bereits entdeckt . Das Hutmannshaus , jetzt keine elende Herberge mehr , stand wieder einmal ohne Anwärter , da für eingeborene Ärmlinge in der Grabesstraße überflüssig gesorgt war und eine Gemeinde , die wie die Werbener auf sich hält , sich wohl hüten wird , auswärtige Ärmlinge an ihren Benefizien teilnehmen zu lassen . Bruder Friede mag in dem Hause sich nach Belieben die Zeit vertreiben , bis über kurz oder lang - Schäfer Kunz hat seine Siebenzig auf dem Rücken - der Hutmannsposten erledigt wird . Wie aber wird die gute Mutter Hanne sich freuen , wenn sie eines Tages aus hohem Himmelsfenster herniederschauend den einen ihrer Zehne die Weideherde und den anderen die Seelenherde in ihrem Dorfe führen sieht ! Nichts hätte dem Steuermann willkommener sein können als der Wanderplan der beiden Jungen . Natürlich trabte er mit in das alte Nest . Bevor der Hahn gekräht hatte , waren sie seelenvergnügt auf dem Wege , und der Kandidat ließ sich auch die Laune nicht verderben , als wider die Abrede vor dem Tore sein guter Freund und Nebenbuhler aus dem dreiblätterigen Klee ein Vierblatt machte . Das geistliche Blut hatte sich zu guter Letzt in dem Doktoranden geregt und das Gewissen ihm geschlagen , die heilige Osterzeit durch die Vertiefung in eine Fettleber zu entweihen . Da überdies ein mäßiger Grad persönlicher Kurzatmigkeit und ein hoher Grad kaum stillbaren Durstes von jener am unrechten Orte abgelagerten rechtmäßigen Substanz hergeleitet werden durften , mußte es dem Doktoranden nicht nur gesundheitlich , sondern auch ärztlich von Wichtigkeit sein , wenn er den abmindernden Einfluß einer energischen Muskelbewegung auf sotane Substanz an seiner persönlichen Leber ausprobierte . Beide Motive leuchteten ein . Munter ging es nunmehr die pappelgesäumte Straße entlang , welche vor vierzehn Jahren der Held des Glücks als Abenteurer auf dem Bocke und dann zu Füßen der weiland Harfenkönigin mit einem Viergespann dahingerollt war . Bruder Steuermann führte das Wort ; der Doktorand wurde übertönt und versenkte sich in die stille Erwägung , ob sein Weizen ihm nicht etwa als Schiffsarzt blühen könne , oder etwa die Pathologie des gelben Fiebers in dessen endemischer Zone zu studieren sei ? Philipp hatte sich an des Matrosen nervigen Arm gehenkelt , und seine Hartensteinschen frohen Augen hafteten leuchtend an dem wetterbraunen Mannsgesicht . Die Kinderstube auf dem Schlosse von Werben war eine von den wohl seltenen , in welcher Campes Robinson nicht gelesen worden ; nun war dem Achtzehnjährigen zumute wie einem Achtjährigen , wenn ihm dieser unersetzliche Liebling der Kinderwelt zum ersten Male unter die Augen gerät . Alles war der jungen Landratte neu : Seeleben und Strandleben , Schiffe und Fische , Wogen und Winde , die gesamte weite , freie Gotteswelt , die jenseit seines grauen , buchgefüllten Kerkers lag . Seine Brust schwellte sich von wollüstigem Sehnen . Aber auch Dezimus erntete sein Teil von Robinsonfreude , und auch seine Brust schwellte sich von wollüstigem Sehnen . Denn die unstete Woge zu seinen Füßen beherrschen , ist es ja nicht allein , was der Segler auf hohem Meere lernt ; auch der Ozean zu seinen Häupten muß ihm ein Vertrauter werden ; er muß das Steuer nach den ewigen Gestirnen lenken lernen . Und wie der Freund dieser ewigen Gestirne nun zum ersten Male aus eines Zeugen Munde den Eindruck schildern hörte , den der Weltumschiffer empfängt , wenn er in der Nacht , wo er die Zone überschritten hat , plötzlich eine andere Himmelswelt im Strahlenfeuer der Tropen leuchten sieht und