sie die Augen zu mir auf , belebt und dunkelblau ; sie lächelte zum ersten Male unter meinem Dach - vielleicht zum ersten Male im Leben . » Das Kind friert . Es braucht Wärme ! « sagte ich , und von dem Tage ab wohnte und schlief es in meinem Erkerturm , der gegen die Mittags- und Abendsonne gelegen und allein von der langen , glänzenden Zimmerflucht warm und allenfalls wohnlich eingerichtet war . Nun aß ich mit der Kleinen an einem Tisch , nun sah ich sie morgens und abends in ihrem Bett , nun merkte ich auf die Entwickelung des zarten Keimes . Lange freilich noch nicht mit der bewußten Liebe des Gärtners , der ein Samenkorn zum Pflänzchen auferzieht , aber doch mit einer Art von neugierigem Verlangen : ob es wohl zur Blüte kommen wird ? Sie wurde täglich weißer , runder , gefälliger anzusehen . Manchmal rief ich überrascht : die Dorl ! Aber sie drehte sich nicht wie die Dorl , lachte nicht , schwatzte nicht , spielte nicht wie sie , und der große schwarze Hund war ihr einziger , aber treuergebener Freund . Ich hatte mit dem Prediger einen Unterrichtsversuch verabredet , der nach Neujahr mit dem schwächlichen Geiste angestellt werden sollte . Am Nachmittag des Weihnachtsheiligabends kam er zu mir , die Kleine zur Christbescherung einzuladen , die sein Sohn , als Feriengast , heimlich aufgebaut hatte . Im Schlosse wurde nicht beschert ; das Dienstpersonal erhielt sein ausbedungenes Geldgeschenk und ein stehendes Festgericht . Im übrigen glich der Freudenabend der Christenheit allen anderen Abenden des Jahres . Der junge Herr Ludwig hatte den Vater begleitet und blieb bei dem Kinde , während ich mit jenem in Gemeindeangelegenheiten noch einen Gang durchs Dorf machte . Als wir zurückkehrten , saß der junge Herr im Fenster , durch welches die Sonnenstrahlen schräg in das Zimmer fielen , und das Kind saß auf seinen Knien , die Händchen in den seinen , den Kopf an seine Brust gelehnt , und die Augen leuchtend zu ihm aufgeschlagen ; er hatte eben eine hübsche Legende vom Christkindchen zu Ende gebracht . Mir war es niemals eingefallen , der Kleinen ein Märlein oder Stücklein zu erzählen ; wüßte auch wahrlich nicht , wie mir eins hätte einfallen können . Ich ließ das vorrätige Spiel- und Naschwerk nach der Pfarre tragen und begleitete , obgleich nicht mit eingeladen , das Kind hinunter . Solange ich meine Winter regelmäßig auf Reckenburg verlebt , also seit sechsunddreißig Jahren , hatte ich keine Christbescherung angesehen , und fürwahr , es muß ein Zauber aus dem lichterglänzenden Tannenbaum strahlen , ein Zauber , der eine heilige Familienfreude weckt . Die zäheste alte Jungfer wird zur Mutter , während sie die Christlichter brennen sieht und die Würze der Nadeln , mit der des Wachsstocks , der Früchte und Süßigkeiten gemischt , dies unvergleichliche Weihnachtsgedüft , ihr in die Nase steigt . Und wie feierlich spielte und sang nun Herr Ludwig am Klavier : » Vom Himmel hoch da komm ich her ! « Und wie künstlerisch hatte er seinen Lichterbaum aufgeputzt , wie geheimnisvoll die Bescherung verteilt , wie lieblich das Christkindchen in der Mooskrippe gebettet ! Eine muntere Schar aus dem Schul-oder Forsthause war als Festgenossenschaft eingezogen , und - wißt ihrs noch ? - wie die kleine Hardine weit mit ihr Ringelrund um den Weihnachtstisch tanzte , wie sie spielte , lachte und ihrem Meister nach » O Tannenbaum , o Tannenbaum « zwitscherte , so frisch und fröhlich wie der anderen keins ? Als sie aber spät abends an der großen Hardine Hand über die im Mondlicht glitzernde Schneedecke durch das totenstille Dorf in das totenstille Schloß zurückkehrte , da erzählte sie ihr Wort für Wort die Geschichte vom Christkinde , die sie heute zum ersten Male von freundlichen Lippen gehört und im Bilde geschaut hatte , und in dem alten Herzen regte sich zum ersten Male das Ahnen der Gotteserscheinung nicht bloß in dem einen gnadenreichen , aber in jedem hilflosen Menschenkinde . » Die Kleine ist nicht idiot , « sagte ich , als ich vor Schlafengehen sie mit purpurnen Wangen und raschem , kräftigem Atem in ihrem Bettchen liegen sah , » aber sie braucht Erregung und Freude . « Trotz der Sabbatfeier stellte am ersten Festtage ein Lehrmeister auf Schloß Reckenburg sich ein . Nordheim junior , als Substitut für seinen vielbeschäftigten Herrn Papa . Und als der Substitut am Feste Epiphanias seine Würde niederlegte , da wußte das Wunderkind zwölf Märchenstücklein und sämtliche Buchstaben wie auch Grundzahlen am Schnürchen herzusagen . Der Fortschritt erlahmte ein wenig unter der Methode des älteren Professors , regelmäßig aber während der festlichen Ferienzeit rannte er mit Siebenmeilenstiefeln voran , namentlich in der rhetorischen Kunst . Als das verhängnisvolle Königsfest jährig ward , da dachte ich nicht mehr daran , die kleine Anwärterin des Kochlöffels in einer braven Predigerfamilie zu versorgen , sondern dankte Gott , daß ich sie als Schatz des neuen Turmes hüten durfte . Nun aber ward es erstaunlich , welche nie gekannten Bedürfnisse ich dem bescheidenen Kinde Tag für Tag zu befriedigen fand , wie mit jeder Befriedigung der Hunger nach neuen Bedürfnissen wuchs , und wie das nüchterne , einförmige Leben allmählich so bunt und mannigfaltig ward rings um mich her . Das Kind brauchte Behagen und Freiheit , es brauchte Gespielen und Freunde , Blumen und Vögel , Sang und Klang ; es brauchte Almosen für die Armen und Obdach für die Waisen , die es sich nachgelockt hat ; alles in eins gefaßt : das Kind braucht Liebe ! Wenn wir das Leben bedeutender Menschen , wie es die Geschichte oder der Dichter uns vorführt , überschauen , so finden wir in heißen Jugendkämpfen , in Lust und Leid ein aneignendes Streben , ein Drängen mit der eigenen vollen Persönlichkeit in die der anderen hinein , bis denn am Ende , nach mancher Verirrung , befriedigt oder entsagend , das Ich zur Ruhe kommt , die Heldenmäßigen selbstvergessend für eine Gesamtheit wirken , Denker und Dichter beschaulich das Ganze wie das Einzelne an sich vorüberziehen lassen . Aber nicht bloß bei diesen Auserwählten , auch im Alltagslauf zeigt sich wohl eine beschränktere , aber keine abweichende Entwickelungsart : Freude , Wünsche , Sehnsucht , Anschluß in der Jugend , und im Alter Entsagen , Vereinsamen , bescheidenes Zurückziehen in den Beruf , in den Mechanismus der Stunde , und bei den Glücklichsten unter uns in die Religion . Mich hatten Natur und Schicksal den entgegengesetzten Weg geführt . Kaum den Kinderschuhen entwachsen , trat ich ohne Tanz und Spiel , ohne Genossen , ohne Streit , außer dem flüchtigen mit einem Traumgespinst , ohne weitab führende Irrung , in einen männlichen Beruf , in ein Wirken für andere mehr als für mich selbst , und fühlte mich durch dieses Wirken beglückt bis in die Matronenjahre hinein . Erst in dem Alter , wo andere weiße Haare tragen , regte sich der versäumte Jugendsinn , regte sich ein unbestimmtes Bedürfen , das über das Schaffen hinaus mich einem natürlichen Zusammenhang verbände . Und dieses späte , kaum verstandene Bedürfen , es wird gestillt wie durch ein Wunder . Aus der gesamten reichen Welt , die mir die Auswahl bietet , ist es die verlassenste , die armseligste Kreatur , ein Stein des Anstoßes auf meinen Weg geschleudert , die sich mir an das Herz schleicht , es umspinnt , es weckt , es füllt bis auf die letzte Falte ; die alle Ansprüche verdrängt , alle Wünsche überbietet , die , ohne es zu ahnen , die alte Umgebung verwandelt , die verlebte Gewohnheit umbildet , die breite Fülle der Gegenwart , junge Geschlechter , natürliche Freuden und das Walten der Liebe an die Stelle der erstarrenden Regel setzt . Meine liebe Hardine , wer ist dem andern mehr schuldig geworden , die hilflose Waise , die in dem Hause der reichen alten Frau eine Kindesstelle fand , oder ist es die reiche alte Frau , die durch das Bettlerkind Jugend , Liebe und Freude hat kennen lernen , die durch dieses Kind eine beglückte Mutter und erst ein Weib geworden ist ? In einem einsamen Born , kühl und durchsichtig wie ein Kristall , da ist einmal ein Staubkorn gefallen , das Samenkorn einer Blüte , die niemand blühen sah . Lange , lange Jahre hat es auf dem Grunde geruht und plötzlich treibt es verwandelt empor , und es trübt sich der klare Spiegel . Aber des Himmels Lichter brechen sich farbig in der verdunkelten Fläche ; ein erster grüner Keim drängt über sie hinaus , bald ragt ein Blatt in die Höhe , bald eine blaue Blume von anlockendem Duft ; es lebt und webt in dem einsamen Born , es ist Frühling in ihm und über ihm geworden , ringsumher Farbe und Würze , Vogelsang und wärmender Sonnenstrahl . Es klingt wie ein Märchen , was dem alten Born geschah . Und darum , meine Kinder , nicht weil ein fremdes Schicksal der Entschleierung harrte , - darum habe ich meine Geschichte ein Geheimnis genannt , und habe » die Logik der Natur « verehrt als eine Hilfe der Gnade . Der kleinen Welt , welcher unsere Reckenburg ein gewohnter Zielpunkt geworden war , konnte deren allmähliche Neuerung nicht entgehen , und männiglich hat man in dem Fremdling , der sie unbewußt hervorlockte , die Erbin nicht nur des über kurz oder lang herrenlosen Besitzes , sondern auch des erlöschenden Namens der Reckenburg vorausgesetzt . Es ist mir aber niemals in den Sinn gekommen , dem alten Baume , der nach Gottes Willen absterben sollte , dieses neue Reis aufzupfropfen . Ich habe einen alten Adel als einen zuverlässigen Stützpunkt geehrt ; ich achte einen neuen Adel gleich einer Seifenblase . Junge Geschlechter mögen nach haltbareren Basen trachten . Nun und nimmer aber würde ich mit dem Klange eines Namens eine Täuschung verewigt haben , welche durch eine vorlaute Hoffnung geweckt , durch ein halb pflichtmäßiges , halb trotziges Schweigen genährt worden war . Die letzte Reckenburgerin will auch nicht mit dem Scheine einer Unehrlichkeit in die Grube steigen . Ebensowenig aber dachte ich daran , die Last eines großen Besitztums so schwachen Schultern wie den Deinen aufzubürden . Ich war durchaus nicht gewillt , mein Werk als eine Quelle des Behagens auch dem geliebtesten Menschen zufließen zu lassen . Es war ein Amt , ein Treugut , das ich übertrug , und Du bist ein Weib , Hardine , dessen Kraft erwächst aus der Kraft des Herzens , dem es sich zu eigen gibt . » Das Kind braucht Liebe , « sagte ich . Liebe es denn frei aus seinem Gemüte heraus , ohne bindende Pflichten als die , welche diesem Gemüte entkeimen . Es geschah daher nicht geflissentlich , daß ich die Zweifel über Dein zukünftiges Verhältnis zur Reckenburg unterhielt ; nein , ich hegte diese Zweifel selbst . Du warst geartet und erzogen , um Dich jedem Zusammenhange der gebildeten Stände einzufügen , und man durfte voraussetzen , daß meiner Pflegetochter zu einer sicheren Bewegung in diesem Zusammenhange die materielle Ausstattung nicht gemangelt haben würde . Einen reichen Mann oder einen armen - einen alten Namen oder einen neuen - einen beschaulichen Charakter oder einen tätigen : das Herz hatte freie Wahl , das Erbe der Reckenburg war unabhängig von derselben . Es soll indessen nicht verhehlt sein , daß ein Zusammentreffen der beiden Abschlußakte meines Lebens , daß namentlich eine Verbindung mit dem gräflichen Hause mir als Wunsch vor der Seele stand , und bleibe es dahingestellt , ob der alte Namensklang nicht einen heimlichen Zauber übte . Es hält gar schwer , mit eingelebten geistigen Gewöhnungen , Vorurteile genannt , tabula rasa zu machen , und es ist auch gar nicht nötig , so mit Schaufel und Harke sein Stückchen Lebensboden zu planieren ; wenn nur in der entscheidenden Stunde das Urteil stirnhoch über dem Vorurteil und das Herz auf dem rechten Flecke steht . Heimlich also , es ist möglich , lockte der alte Namensklang , unter dem der neue verschwinden sollte ; laut aber , das ist gewiß , sprach das Verlangen , eine getäuschte Erwartung nachträglich in Erfüllung zu bringen . Ich schätzte den Grafen mehr als jemals in seinem erweiterten staatsmännischen Wirkungskreise ; ich kannte ihn als den einzigen in meiner Umgebung , der , so rücksichtslos er sich gegen einen bösen Schein gebärdet , nicht einen Augenblick an mir gezweifelt hatte . Ich sah das Wohlgefallen des stattlichen jungen Kavaliers an meiner Hardine , und wenn ihr Herz sich dem seinigen zuneigte , warum sollten die Vorteile , welche die Eltern erstrebt hatten , am Ende nicht durch die Kinder zu erreichen sein ? Meine arglose Hardine , Du hast meine Wünsche und Bestrebungen in dieser Richtung nicht bemerkt , und heute danke ich Gott , daß Du sie nicht bemerktest . Denn als es mir klar wurde , wie des Grafen Standessinn vielleicht schwach genug war , um sich vor dem verbrieften Reckenburgschen Erbe in meines Kindes Hand zu beugen , aber zu stark , um sonder Erröten dieses Kind in ein Vaterhaus zu führen ; als ich den jungen Herrn nur in seinen Schwächen als den Sohn seines Vaters kennen lernte ; endlich aber , als ich sah , wie Hardines Lippen bei der unerwarteten Fahnenflucht lächelten , und wie sie gleich darauf den Blick vor eines anderen Blick senkte , da fiel die letzte Binde vor meinen Augen , und mindestens die eine Hälfte meines Abschlußaktes war im stillen festgesetzt . Ludwig Nordheim , mein Heimatskind , war der Enkel meines milden Freundes und der Sohn meines kräftigen Mitarbeiters ; ich hatte mit Vertrauen beider Grundlagen sich schon im Knaben zu einer heiteren Harmonie vereinigen sehen und gar wohl den Reiz eines ersten Märchenerzählers auch in einem anderen Herzen gespürt . Aber sie waren Kinder dazumal , Jahre der Entfernung , der Entfremdung vielleicht , darüber hingegangen , und als er in die Heimat zurückkehrte , war es , um Abschied zu nehmen von dem Grabe seines Vaters und , auf sich selbst gestellt , sich einen Weg durchs Leben zu schlagen . Eine tüchtige Kraft , einen frohen Willen , die treue Liebe zu der heimatlichen Flur , und - jenes Erröten meines Kindes , was brauchte ich mehr , um ihn zu fragen , ob er der alternden Frau ein Gehilfe in ihrem Tagewerke werden wolle ? Und was braucht er mehr , um ja zu sagen und manchen frischen Trieb in das sich verjüngende Gehege einzupflanzen ? Nun aber erst , in dem freudigen Zusammenspiel der Herzen , wurde es um mich her so warm und lebendig , so bunt und neu . Die Gegenwart erschien mir so lieblich ; ich mochte an die Veränderungen der Zukunft gar nicht denken . » Es hat noch Zeit , « sagte ich , zögerte von Tag zu Tage mit einem abschließenden Plan , und Gott weiß , wie lange ich noch gezögert haben würde , wenn nicht ein Strahl von außen - oder nenne ichs von oben ? - das behagliche Selbstvergessen durchbrochen hätte . Erinnerst Du Dich noch , Ludwig , des Nachmittags , es ist etwa sechs Wochen , daß Du zu mir tratest mit den Worten : » Da bringt die Zeitung den Nekrolog des berühmten Doktor Faber . Ich wußte nicht , daß er Ihr Landsmann gewesen ist , auch Ihr Zeitgenosse könnte er noch gewesen sein . Haben Sie ihn gekannt , Fräulein von Reckenburg ? « Du wurdest im nämlichen Augenblick zu einem Geschäft abgerufen , und das ersparte mir eine Antwort , für welche mir der Atem gestockt haben würde . Der erste und noch der einzige Jugendgenosse war vor mir dahingegangen ! Ich nahm das Blatt zur Hand und überlas den Artikel . Er war gestorben nach rascher Krankheit den dritten August . Der dritte August ! Ihr wißt , was dieser Tag mir bedeutete . Darf man solche Schicksalsdaten glauben ? Soll man sie als ein verwirrendes Spiel des Zufalls von sich weisen ? Entscheidets nach Eurem Gemüt aber - die Glocke schlägt eins - seltsam ! - , es ist der zwanzigste September , der Tag von Valmy , an dem ich diese Aufzeichnungen zu Ende bringe . Und weiter las ich : Der Mann , wie zwölf Jahre früher seine Gattin , war geschieden ohne Erben , ohne verwandtschaftlichen oder nahe befreundeten Zusammenhang . Kein ehrfürchtiges Gefühl wurde demnach verletzt , wenn ich Dir , Hardine , und dem , welchen Du liebtest , jetzt sagte : » Die Gattin dieses Mannes war Deines Vaters Mutter . « So hatte denn der Zauberer Tod die alten Gestalten noch einmal vor mir wachgerüttelt , und die ernsthafte vergangene Zeit drängte sich in meine heitere Gegenwart hinein . Wunderbar aber , wie sich so Bild nach Bild im Zusammenhange entrollte , da erschien mir auch das Deine , Hardine , plötzlich in einem neuen Licht . Wohl war ich durch Deinen Anblick so manches Mal an die reizende Dorothee erinnert worden . Ich sah ihren lockigen Goldscheitel auf Deinem Haupt , manchen ihrer Züge , die fragenden Kinderaugen . Aber Deine Augen fragten nach etwas anderem als die ihren , Deine Gestalt war größer , die Farbe matter und der stille Ernst der Bewegung machte das ähnelnde Bild zu einer besonderen Erscheinung . Nein , es war nicht die Enkelin Dorothees , es war einfach das Kind , das sich in das sehnende Herz genistet hatte . An jenem Abende nun sah ich in meinem Kinde - zwar auch nicht die Enkelin Dorothees - aber zum ersten Male die Enkelin des Mannes , zu dessen Erbe die alte Reckenburgerin den Stammsitz ihrer Väter neu geschaffen hatte , des Mannes , der , hätte er gelebt , der geliebten Mutter seines Sohnes in diesem Erbe eine Heimat bereitet haben würde . Mir war zu Sinn , als ob ich nur ein Treugut für die rechtmäßige Besitzerin verwaltet habe . Unter diesen alten Erinnerungen und neuen Vorstellungen schlief ich endlich ein und - träumte . Ich bin in meinem Leben , weder wachend noch schlummernd , viel von Traumgesichtern behelligt oder beseligt worden , und ich brauche Euch nicht zu versichern , meine Kinder , daß ich mich für nichts weniger als eine Visionärin halte . Ich war an jenem Abend bewegt wohl , doch ohne Aufregung , kerngesund eingeschlafen , und kerngesund , wie noch in gegenwärtiger Stunde , wachte ich am anderen Morgen auf , aber mit dem deutlichen Bewußtsein eines Traumes . Welches Traumes ? Mich deucht , ich hätte ihn malen können , könnte ihn heute noch malen , und doch war es etwas Unbeschreibliches , Unendliches , das man nur fühlt , nicht sieht . Soll ich sagen : ein wogendes Meer ? oder eine blendende Wolke , die von einem Throne niederwallte und wie mit einem durchsichtigen Schleier vier Gestalten überwob , die Hand in Hand auf ihren Knien lagen und ihre Blicke in die Höhe richteten ? Diese Gestalten aber , ich sah sie so deutlich , wie ich sie je im Leben gesehen hatte , es waren Siegmund Faber , Dorothee , ihr Sohn und ihres Sohnes Vater . Und eine fünfte trat zu ihnen , um zwischen dem letzten und ersten die Kette zu schließen , diese fünfte aber war ich selbst . Der leuchtende Schleier überwallte auch mich , und es flüsterte unter seiner Hülle wie Luftgesäusel : » Denn welche der Geist Gottes treibt , die werden Gottes Kinder heißen « . Unter diesem Geflüster erwachte ich , und es währte eine Weile , bis ich mich besann , daß nur die Fontäne in der Morgenstille plätscherte , und daß das leuchtende Meer , das mich umwogte , die aufsteigende Sonne sei , welche die Nebel der Aue übergoldete . Rasch erhob ich mich nun . Mein Puls schlug ruhig und kräftig wie alle Tage , wie diese Stunde noch . Aber es war etwas in mir lebendig geworden , das mich unaufhaltsam vorwärtstrieb . Hatte ich bis heute gesagt : » Es hat Zeit ! « heute sagte ich : » Es ist Zeit ! « Und ich wußte ohne Besinnen , für was es Zeit geworden war . An jenem Morgen , Ludwig , nahm ich das längst geahnte Wort von Deinen Lippen , und am Abend begann ich diese Aufzeichnungen . An dem Tage aber , an welchem ich das Kind meines Herzens für Zeit und Ewigkeit Deiner Mannestreue übergeben hatte , an diesem Tage schrieb ich mein Testament . Es wird dasselbe Euch eröffnet werden , sei es in Wochen , sei es in Jahren , an dem Morgen , nachdem Ihr diese Blätter gelesen habt , und Ihr werdet nur die wenigen Worte darin finden : » Die Erbin meiner gesamten Hinterlassenschaft ist meine Pflegetochter Hardine Nordheim , geborene Müller « . Ich lege das Erbe der Reckenburg in die Hand der Enkelin , wie meine Vorfahrin es in die Hand des Ahnen gelegt haben würde . Ich lege es in die Hand der Gattin meines bewährten Mitarbeiters . Ich lege es aber auch in die Hand des Kindes , das in dem einsamen Weibe das Herz einer Mutter erweckte , und ich lege es vor allem in die Hand der Waise , mit welcher der Geist der Liebe seinen Einzug in meine Flur gehalten hat . Ich tue es ohne bedingende Klausel , denn ich bin der Herzen meiner Kinder in ihrem Amte gewiß . So sei denn dieses Vermächtnis die Krone über dem Werke des abgestorbenen Geschlechts . Sein Wahrspruch walte in dem jungen Stamm unter den umwandelnden Strömungen der Zeit , und der Geist der Gottesgemeinschaft wirke und wachse zum Segen von Kind auf Kindeskind . Mitternacht war vorüber , als dieses Schlußwort verhallte . Mit erhobenen Händen knieten Ludwig und Hardine vor dem Bilde der letzten Reckenburgerin zu einem erneuerten heiligen Verspruch . Und bis heute sind sie ihrem Gelöbnis treu geblieben .