über den Rücken gewendet : » Man will also die gewöhnliche Kost , die Jeder bei seiner Ankunft hier erhält ? « » Man will gar nichts , « sagte ich , indem ich an das Fenster trat . » Also auch kein Licht , denn das ist ebenfalls extra . « Ich antwortete nicht . Ich hörte wie der Alte an den Tisch ging , das Licht nahm , es auf den Präsentirteller stellte und nach der Thür schritt . Dort blieb er stehen , vermuthlich um abzuwarten , ob ich mich nicht noch eines Anderen besinnen würde . Ich regte mich nicht . Der Alte hustete , ich rührte mich nicht . Im nächsten Augenblick war ich im Dunkeln - allein . » So ist ' s recht , « murmelte ich , » geht zum Teufel ihr Alle mit eurer Freundlichkeit und Grobheit ; ich brauche den Einen so wenig wie den andern ; ich will Keinem verpflichtet sein , Keinem ! Keinem ! « Ich lachte laut und dann griff ich wieder in die Eisenstangen des Fenstergitters und rüttelte daran und lief hin und her durch das fast dunkle Gemach wie ein wildes Thier . Mein Blut kochte , meine Pulse schlugen , meine Schläfen hämmerten , ich glaubte , ich müsse wahnsinnig werden . Endlich warf ich mich angekleidet auf das Bett und lag da , den Ellnbogen aufgestemmt , in dumpfer Verzweiflung , brütend über mein Loos , das mir nie so entsetzlich erschienen war ; mich in wilden Haß hineinredend gegen die Menschen , die mir dies angethan hatten : gegen meine Richter , gegen meinen Vertheidiger , gegen meinen Vater , gegen alle Welt , mich in dem Entschluß bestärkend , nicht von meinem Trotz zu lassen , Keinem ein bittendes Wort zu gönnen , Keinem dankbar sein zu wollen und vor Allem mir die Freiheit zu verschaffen , es koste was es wolle . So lag ich da - lange Stunden . Endlich schlief ich ein und träumte von blühenden Wiesen , über welche bunte Schmetterlinge flogen , die ich haschen wollte und nicht haschen konnte , weil , wenn ich sie berührte , sie zu rothen Rosen wurden . Und die rothen Rosen , als ich sie brechen wollte , fingen an zu leuchten und zu klingen und stiegen klingend und leuchtend hinauf in den Himmel , von wo sie als blühende Mädchengesichter auf mich herablächelten . Das war so lieblich und so drollig , daß ich mich in toller Lustigkeit auf der Wiese herumwarf . Aber als ich erwachte , lachte ich nicht . Als ich erwachte , stand Süßmilch vor meinem Bette und sagte : » Man wird nun doch arbeiten müssen . « Dreiundzwanzigstes Capitel . Seit vierzehn Tagen arbeitete ich : die schwerste Arbeit , die es für den Augenblick im Bereiche des Arbeits- , Zucht- und Gefangenhauses gab . Ich hatte das keineswegs nöthig , weder nach dem Buchstaben des Gesetzes , welches nur vorschrieb , daß die Gefangenen ihren Fähigkeiten gemäß zu beschäftigen seien , noch auf Befehl des Directors , der mir im Gegentheil die Art meiner Arbeit vollkommen freigestellt hatte . Ja , noch mehr : er hatte mir angeboten , ob ich gewisse Listen aufstellen und Rechnungen anfertigen wolle , die gerade in dem Bureau der Anstalt verlangt wurden und zu denen ich das Material auf meine Zelle erhalten solle . Zu meiner Erholung würde ich in dem großen Garten der Anstalt , der gerade jetzt erweitert wurde , vollauf Gelegenheit zu angenehmer und gesunder Beschäftigung finden . Ich hatte erwiedert , daß ich - und hier hatte ich allerdings die Wahrheit gesagt - von jeher ein schlechter Rechner gewesen und daß ich von der Gärtnerei nichts verstünde . Ich wünschte , wenn ich doch einmal einen Wunsch äußern dürfte , eine schwere , eine ganz schwere Arbeit . Der Herr Director habe ja selbst schon angedeutet , daß für einen Menschen von meiner Constitution eine derartige Arbeit die passende sei . Ich habe es allerdings im ersten Augenblicke verneint , aber mir die Sache reiflicher überlegt und gefunden , daß der Herr Director vollkommen recht habe . Ja , ich müsse gestehen , daß ich ein unwiderstehliches Verlangen empfinde , Holz zu spalten , Steine zu zerschlagen , große Lasten zu bewältigen . Auch hier hatte ich nicht gelogen . Mein starker Körper litt wirklich schwer unter der erzwungenen Unthätigkeit . Aber es waren noch ganz andere Gründe , die mich bestimmten . Wie , mir selbst kaum bewußt , die Rücksicht auf meinen Vater für mein Thun und Lassen bestimmend war , wie ich aus Trotz gegen ihn von ihm geflohen , wie ich aus Trotz gegen ihn mich selbst dem Gerichte gestellt hatte , so war es wiederum Trotz , was mich jetzt die Unterstützung , die er mir zugesagt , zurückweisen und die gröbste Arbeit wünschenswerth erscheinen ließ . Er sollte nicht nur nicht sagen können , daß ich , selbst im Gefängnisse , ihm zur Last falle ; er sollte erfahren , daß sein Sohn es nicht besser habe als ein Verbrecher , der ich ja doch in seinen Augen war ! Und ebensowenig wollte ich , daß der sanft redende Director sagen könnte : » Ich habe bei dem jungen Menschen , der ja doch guter Leute Kind ist , Gnade für Recht ergehen lassen . « Und schließlich : eine grobe Arbeit , wenn man mir sie gab , und die doch wohl jedenfalls im Freien vorgenommen wurde , mußte mir bessere Chancen zur Ausführung des Planes gewähren , über dem ich jetzt Tag und Nacht brütete , des Planes , mit List oder Gewalt , oder mit List und Gewalt mir meine Freiheit zu verschaffen . Nun wäre freilich die mir angebotene Beschäftigung im Gefängnißgarten vielleicht diesem Zwecke förderlicher gewesen . Es ließ sich annehmen , daß die Aufsicht dort eine ziemlich lässige sein würde , besonders für mich , den der Director aus diesem oder jenem Grunde so augenscheinlich begünstigen zu wollen schien ; aber hier regte sich in mir ein Gefühl , das für Jemanden in meiner Lage allerdings etwas sonderbar erscheinen mag und dessen ich mich vielleicht doch nicht zu schämen hatte . Ich wollte ein Vertrauen , welches man in mich setzte , nicht mißbrauchen . Ich hatte das wissentlich in meinem Leben nicht gethan , ich wollte es jetzt nicht lernen , auch als Gefangener nicht , auch um den Preis der so heiß ersehnten Freiheit nicht . Ließ man mich , wie ich es wünschte , als Zuchthäusler mit den Zuchthäuslern arbeiten , so würde man mich auch wohl jedenfalls wie einen Zuchthäusler behandeln , und that man es nicht , nun , um so schlimmer für sie , die mich nicht für das genommen hatten , als für was ich mich gab ; um so besser für mich , der ich keine Schonung beansprucht hatte und nun auch Niemand und nichts zu schonen brauchte . Diese Gedanken gingen durch meinen Kopf , als ich an dem nächsten Tage wieder vor dem Director stand - diesmal unten in seinem amtlichen Arbeitszimmer - und ihm meine Bitte vortrug . Er blickte mich mit seinen großen milden Augen prüfend an und erwiederte : » Wer immer gezwungen in diese Anstalt kommt , ist ein Unglücklicher , der als solcher von vornherein meines Mitleids gewiß sein kann . Wenn mir Ihr Schicksal noch ganz besonders nahegeht , so ist das so begreiflich , daß es einer Erklärung kaum bedarf . Sie haben die Theilnahme , mit der ich Ihnen entgegengekommen bin , abgelehnt , ohne mich zu beleidigen Nach dem , was ich von Ihnen weiß , nach der Haltung , die Sie während Ihres Prozesses behauptet haben , mußte ich das fast erwarten . Ob Sie recht daran thun , die Unterstützung , die Ihnen Ihr Herr Vater gewähren will , zurückzuweisen , möchte ich bezweifeln , schon deshalb , weil Sie sich demselben dadurch noch mehr entfremden und weil man , selbst im besten Falle seinem Vater so viel schuldig ist , daß man auch eine Demüthigung von ihm und vor ihm auf sich nehmen darf . Doch muß ich dies Ihrem eigenen Gefühle überlassen . Wollen Sie sich nun durchaus in die Lage eines unbemittelten Gefangenen bringen , der für seinen Unterhalt arbeiten muß , so hatte ich Ihnen , wie Sie wissen , eine andere , Ihren Fähigkeiten , Ihren Kenntnissen passendere Beschäftigung zugedacht . Sie sagen , eine schwere , eine ganz schwere Arbeit sei Ihnen Bedürfniß . Es mag sein . Sie sind ein ganz ungewöhnlich kräftiger Mann - ein Herkules im Vergleich mit mir armen Invaliden - und die eingeschlossene Luft eines Gefängnisses ist Gift für Ihre Constitution . Nicht blos für Ihren Körper , auch für Ihre Seele . Sie sind durch die lange Untersuchungshaft , die über alle Gebühr streng gewesen zu sein scheint , auf ' s tiefste verbittert . Sie werden , ich bin es überzeugt , wieder der großherzige , gutmüthige , brave Mensch werden , der Sie von Haus aus waren , der Sie in meinen Augen noch sind , wenn Sie erst einmal die breite Brust in freier Luft haben lüften können und die stockenden Säfte bei schwerer Arbeit wieder munter kreisen . Auch brauchen Sie vielleicht für die Leidenschaften , die in Ihnen wühlen , ein mächtiges Gegengewicht . So bin ich denn , Alles in Allem , gern geneigt , Ihrem Wunsche zu willfahren ; Süßmilch soll Ihnen Ihren Posten anweisen . Ich sage Ihnen aber vorher : es ist Sträflingsarbeit und Sie werden in sehr schlechte Gesellschaft kommen ; um so eher werden Sie sich darauf besinnen , daß Sie ein guter Mensch sind . « Er winkte mir freundlich mit Hand und Augen und ich war entlassen . Mir waren , ich weiß nicht wie , die Thränen in die Augen gekommen , als ich mich von ihm nach der Thür wendete , aber ich zerdrückte sie zwischen den Wimpern und sagte bei mir : das ist Alles sehr schön , aber ich will nicht gut sein - ich will frei sein . In der äußersten Ecke der Ringmauer der Anstalt , auf einem etwas erhöhten Platze wurde ein neues Krankenhaus erbaut . Anschlag , Pläne , Zeichnungen , Alles war von dem Director , der ein vollkommener Baumeister war , selbst gefertigt . Die Arbeit , vor Allem die erste grobe , sollte von den Zuchthäuslern gethan werden . Man war dabei , das Fundament auszuheben . Es war eine sehr schwere Arbeit . Auf dem Platze hatte ehemals ein alter Thurm der Stadtmauer gestanden , dessen durch die Jahrhunderte zu Schutt zerriebene und durch die Verwitterung wieder zu einer compacten Masse zusammengewachsene Trümmer mit der Spitzaxt losgebrochen werden mußten , bis man auf die Grundmauern kam , die man zum Theil noch für das neue Gebäude verwerthen zu können hoffte . Bei dieser Arbeit waren ungefähr zwanzig Leute beschäftigt . Die Oberaufsicht führte der Wachtmeister Süßmilch , der , da ich zur Zeit der einzige Gefangene der Anstalt und jetzt hier auf dem Platze war , nichts Besonderes zu thun hatte ; für die Zuchthäusler waren noch zwei Aufseher vorhanden . Von diesen , welche meist jüngere , jedenfalls kräftige , zu solcher Arbeit taugliche Männer waren , sahen - in meinen ungeübten Augen wenigstens - die Meisten aus , wie andere Leute auch aussehen würden , wenn man sie in einen Drillichanzug steckte , sie unter der Aufsicht von zwei handfesten Wächtern arbeiten ließe und ihnen verböte , zu rauchen , zu pfeifen , zu singen und leise untereinander zu sprechen . Das letztere fiel mir erst auf , als Süßmilch Einem oder dem Anderen , der mit seinem Nachbar eine private und vertrauliche Conversation anzuknüpfen versuchte , in sehr bestimmtem Tone die Weisung gab : » Man hat hier keine Geheimnisse vor einander : man kann hier Alles laut sagen ; man kann es auch für sich behalten . « Besonders an einen der Zuchthäusler erging diese Mahnung wiederholt , mit dem Zusatze , daß er alle Ursache habe , sich in Acht zu nehmen . Es war dies ein Kerl von herkulischem Körperbau , der Einzige , der wirklich das hatte , was man eine Galgen-Physiognomie zu nennen pflegt , und der sein kostbares Leben auch nur dem Umstande verdankte , daß eine Mordthat , deren er dringend verdächtig gewesen , in den Augen seiner gelehrten Richter nicht hinreichend hatte bewiesen werden können . Er hieß Caspar - seinen sonstigen rühmlichen Namen habe ich vergessen - die Gefährten nannten ihn Katzen-Caspar , weil er das Geheimniß verstehen sollte , im Dunkeln zu sehen wie am lichten Tage und trotz seiner gewaltigen Schultern durch Löcher kriechen zu können , durch die sonst nur eine Katze schlüpfen mochte . An diesem , mit so vortrefflichen Gaben ausgestatteten und in so nützlichen Künsten bewanderten Menschen hatte ich vom ersten Tage an eine Eroberung gemacht . Während die Andern mich mit mißtrauischen Blicken von der Seite ansahen , mich sichtlich mieden und nie ein Wort an mich richteten , suchte der Katzen-Caspar , so oft es sich irgend machen ließ , in meine Nähe zu kommen , winkte mir verstohlen mit den Augen , sah dann nach den Aufsehern hinüber und gab mir auf alle Weise zu verstehen , daß er mit mir in intimere Beziehungen zu treten , vor Allem natürlich zu sprechen wünsche . Ich kann nicht anders sagen , als daß ich ein geheimes Grauen vor dem Kerl empfand , den freilich das tief in die niedrige Stirn gewachsene Haar , ein Paar böse , giftige Augen und ein großer thierischer Mund deutlich genug zeichneten und vor dem sich wohl Jeder gehütet haben würde , auch wenn er nicht gewußt hätte , daß schnöde vergossenes Blut an diesen plumpen Händen klebte . Aber ich überwand das Grauen , denn ich sagte mir , daß dieser Mensch die Entschlossenheit zu einem Wagniß habe , und Verschlagenheit und Kraft genug , das Beschlossene auszuführen . So suchte ich denn auch meinerseits wieder in seine Nähe zu kommen , und das war mir - am vierzehnten Tage , seitdem ich auf dem Platze arbeitete - kaum gelungen , als ich die Entdeckung machte , daß der Katzen-Caspar außer den anderen mir bereits durch Hörensagen bekannten Künsten noch eine besaß , die , wie ich mich überzeugt habe und wie sich Jeder , der den Versuch anstellt , überzeugen kann , auch gelernt sein will . Diese Kunst bestand nämlich darin , daß er , mit zum Munde erhobener Hand , die Miene eines Gähnenden täuschend nachahmend , während er den Mund öffnete und schloß , mit Hülfe von Zunge und Zähnen gehauchte Laute zu bilden verstand , die , wenn man genau hinhörte , sich , man wußte selbst kaum wie , zu Worten formten . So hörte ich zu meiner nicht geringen Ueberraschung aus dem natürlichsten Gähnen von der Welt deutlich heraus : » Der große Stein ! helft mir ! « Was das zu bedeuten hatte , erfuhr ich wenige Minuten später . Es waren gerade in den letzten Tagen Steine zum Fundament angefahren worden ; ein besonders großer war durch die Ungeschicklichkeit der Leute vom Wagen herab in die Fundamentgrube gerollt ; es schien unmöglich , den Coloß ohne besondere Vorrichtungen von dem Platze , auf welchen er keineswegs gehörte , hinauszuschaffen . Wachtmeister Süßmilch fluchte sehr über die verhenkerte Dummheit . Das gäbe nun wieder ein paar Stunden ganz überflüssige , nutzlose Arbeit . Katzen-Caspar , nachdem er mir die geheimnißvollen Worte hatte zukommen lassen , erhob plötzlich sehr laut seine Stimme , die so leise zu sprechen verstand , und sagte : » Was ist denn das Großes , Herr Süßmilch ? den bringe ich ganz allein wieder herauf . « » Wenn es mit dem großen Maule gethan wäre « , brummte Herr Süßmilch . Die Anderen lachten . Katzen-Caspar sagte , sie wären Maulaffen , und es sei eine rechte Kunst , über einen ehrlichen Kerl Witze zu machen und zu lachen , der nicht zeigen dürfe , was er könne . Katzen-Caspar kannte seinen Mann . Des ehrlichen Wachtmeisters Gesicht wurde roth , er strich seinen langen Schnurrbart und rief : » Erstens raisonnire man nicht , und zweitens wird man jetzt zeigen , was man kann . « Katzen-Caspar ließ sich die Erlaubniß nicht zum andern Male geben . Eine mächtige Stange ergreifend , sprang er in den Graben hinab . Der Stein lag an dem mit Brettern bedeckten Wege , auf welchem der unten losgebrochene Schutt heraufgekarrt wurde . Eine Riese hätte ihn also mittelst eines Hebebaumes nach und nach heraufwuchten können ; Katzen-Caspar bewies , daß er wenigstens mehr als gewöhnliche Kraft besaß . Die Stange unter den Stein schiebend , brachte er denselben so weit in Bewegung , daß nur noch wenig zu einem einmaligen Umschwung fehlte . Es war wirklich eine so erstaunliche Leistung , daß die Leute Hurrah schrieen , und selbst das Interesse des Wachtmeisters und der beiden anderen Aufseher höchlichst erregt war . Plötzlich aber schien dem Katzen-Caspar die Kraft auszugehen ; er sah aus , als ob er jeden Augenblick von dem wieder zurückstrebenden Stein gegen die Erdwand gequetscht werden könnte . » Einer muß noch her « , schrie er . Ich dachte nicht daran , daß das Ganze eine Kriegslist des schlauen Menschen war . Einen zweiten Hebebaum ergreifend , und ohne die Erlaubniß des Wachtmeisters abzuwarten , sprang ich mit Einem Satze hinab , schob den Hebebaum unter den Stein , stammte die Schulter mit aller Macht dagegen ; der Stein schlug nach der andern Seite . » Hurrah ! « schrieen die Leute . » Langsam , Kamerad ! « sagte Katzen-Caspar , als ich an seiner Seite mich an dem Steine abmühte , » langsam , sonst sind wir zu bald oben . « Er brauchte jetzt nicht zu gähnen , die Aufregung unter den Leuten und Aufsehern war zu groß , als daß die Arbeitsordnung nicht für die Zeit hätte suspendirt sein sollen ; auch befanden wir uns mindestens zwölf Fuß tiefer ; man sah von oben nur unsere Rücken . Katzen-Caspar wußte diese Gelegenheit trefflich auszubeuten . Während wir Schulter an Schulter den Stein hinaufwuchteten , wechselte er mit denen oben unfeine Witze und zwischendurch sprach er zu mir schnell in abgerissenen Sätzen : » Wollt Ihr mithalten , Kamerad ? so gut kommt es uns nicht wieder - es gehören aber mindestens zwei Kerle dazu , so wie Ihr und ich - es sind noch ihrer zehn - aber zwei müssen anfangen - Keiner hat außer mir den Muth - und nun hoffentlich Ihr - morgen ist der letzte Tag - durch die Pforte über die Brücke , über den Wall an den Außenhafen , an den Strand - folgt mir nur - will Euch schon durchbringen - wer uns in den Weg tritt , den schlagen wir todt - den schuftigen Süßmilch zu allererst . - Wenn Ihr uns verrathet - « » Man arbeite und schwatze nicht ! « rief der Wachtmeister . » Ich kann nicht mehr ! « sagte der Katzen-Caspar , den Hebebaum zur Erde werfend . Er hatte seinen Zweck erreicht ; es lag ihm nichts daran , seine Kraft zu vergeuden . » Man komme herauf ! « commandirte der Wachtmeister , sehr zufrieden , daß er schließlich doch Recht und doppelt Recht behalten hatte , da die zwei stärksten Männer der Brigade nicht hatten vollbringen können , was der Katzen-Caspar sich allein vermessen . Die Ordnung war wieder hergestellt , die Arbeit nahm ihren geregelten Fortgang . Ich arbeitete für zwei , die Aufregung zu verbergen , in welche mich die Mittheilung des Raubmörders versetzt hatte . Sein Plan war mir von vornherein ziemlich einleuchtend gewesen und wurde mir vollends klar , als ich eine Gelegenheit benutzte , mich auf dem höchsten Punkte des Bauplatzes , von wo man über die Mauer sehen konnte , umzublicken . Unmittelbar an dem Bauplatze war ein Thor in der Mauer , das während des Baues wiederholt benutzt worden war , und zu welchem der Wachtmeister den Schlüssel in der Tasche trug . Von dem Thore führte eine kurze Brücke , die wiederum auf der Mitte eine mit spanischen Reitern verwahrte Pforte trug , über einen breiten Graben , der ehemals der Wallgraben der Stadt gewesen war , wie unsere Gefängnißmauer an dieser Stelle nur ein Theil der alten Stadtmauer . Jenseit des Grabens war eine hohe Bastion , an deren Fuße sich die mit Wallnußbäumen besetzte Wallpromenade hinzog und auf der oben ein paar Kanonen standen , ohne daß ich jemals eine Schildwache dort bemerkt hätte . Rechts von der Bastion lag ein bedeutend niedrigerer Wall , über den man von meinem Standpunkte aus bequem wegsehen konnte . Jenseit des Walles sah ich die Wimpel von Schiffen , es mußte dies der Außenhafen sein , von welchem der Katzen-Caspar gesprochen . Zwischen den Wimpeln schimmerte ein Stück blaues Meer ; ja ich hatte einen flüchtigen Blick auf die Insel , deren niedrige Kreide-Ufer in der Abendsonne erglänzten . Ich hatte genug gesehen und beeilte mich , herabzusteigen , um keinen Verdacht zu erregen . Gleich darauf ertönte die Abendglocke . Die Arbeit war zu Ende ; ich trat in Begleitung des Wachtmeisters den mir nun wohlbekannten Weg an den Gärten entlang über den Wirthschaftshof nach meiner Zelle an . Diese Nacht kam kein Schlaf in meine Augen . Ich überlegte fortwährend in meiner Seele die Möglichkeiten der Flucht . Daß des Katzen-Caspar ' s Plan Hand und Fuß habe , davon war ich jetzt überzeugt , und nicht weniger , daß ein so schlauer , kühner Geselle ganz der geeignete Mann sei , das Beschlossene durchzuführen . Das Local konnte nicht günstiger sein : ein hoher Wall , ein Außenhafen mit Booten , Fahrzeugen aller Art , ein weiter menschenleerer Strand , und drüben die Insel , die ich schlimmstenfalls schwimmend zu erreichen sicher sein konnte . Und war ich erst drüben - ich wußte jetzt , wie man von dort wieder fortkam , wie leicht es war , fortzukommen . Noch waren meine Kleider bei der alten Frau im Stranddorf und meine Flinte war da und meine Jagdtasche . Und Hans war da , der gute , edle Hans , dessen treue Hülfe ich diesmal nicht verschmähen würde ! Dann lebe wohl Untersuchungshaft und Gefängniß , lebe wohl preisliches Richter-Collegium und Vertheidigung , Zuchthaus-Director und Scherge ! Ich war ein freier Mann und konnte eurer spotten ; und eurer , ihr guten Bewohner meiner Vaterstadt , die ihr mir ein so schlechtes Zeugniß ausgestellt ! Und der Vater - nun ja , der Vater mochte sehen , wie er sich mit seinem Gewissen abfand gegen den Sohn , den er durch seine Härte von sich gestoßen , den er - und er allein - zum Verbrecher gemacht hatte . Ich war es bis jetzt nicht gewesen ; ich wußte , ich würde es jetzt werden ; ja ich fühlte mich schon als solcher . Oder machte die Gemeinschaft , die bloße Berührung eines Menschen , wie dieser Katzen-Caspar , nicht schon zum Verbrecher ? Und das war ja klar , daß es ohne ein wirkliches , eigentliches Verbrechen , daß es ohne Mord und Todtschlag nicht abging . Der Wachtmeister hatte die Schlüssel zu dem Thore und zu der Brückenpforte in der Tasche ; der Wachtmeister sah wahrlich nicht aus wie Einer , der gutwillig nachgiebt und hergiebt , noch dazu in einem solchen Falle . Dann waren noch die beiden anderen Aufseher da , die ebenfalls keine Hasenherzen zu sein schienen . Die Drei würden sich widersetzen , so lange sie sich regen könnten . Sie mußten zu Boden , und im ersten Anlauf , und womöglich so , daß sie nicht wieder aufstanden ; denn zur Verwirrung mußte sich der Schrecken gesellen , wenn die Flucht gelingen sollte ! Ich richtete mich von meinem Lager auf , das Herz schlug mir wild gegen die Rippen . Auf mich rechnete der Katzen-Caspar in erster Linie ; er hatte vollkommen recht : nur wenn Zwei zu gleicher Zeit losbrachen , war eine Möglichkeit des Erfolges ; ein Einzelner würde ganz gewiß keine Nachfolger finden , so mußte also einer der Aufseher , vielleicht der Wachtmeister selbst , durch meine Hand fallen . Durch meine Hand ! Wie leicht war das gedacht , gesagt ; aber würde mir in dem Augenblicke der That der Muth nicht fehlen ? Es ist wahr , ich hatte auf den Zollwächter geschossen , aber damals galt es nicht blos meine , es galt vor Allem meines Beschützers , meines Wohlthäters , meines Freundes Freiheit , und wie hatte ich dem Himmel aus der Tiefe meines Herzens gedankt , daß meine Kugel ihr Ziel verfehlt . Jetzt war nicht der bewunderte , ja ich möchte sagen , angebetete Mann mein Genosse , sondern der Katzen-Caspar ; jetzt handelte es sich nicht darum , in einem Momente der Ueberraschung auf eine dunkle Gestalt , die sich plötzlich drohend in den Weg stellt , eine Pistole abzudrücken ; es war ein wohlüberlegter Mord auszuführen , es war ein relativ Wehrloser zu erschlagen mit einem Spaten , einer Spitzaxt , einem Hebebaum , dem ersten besten gemeinen Werkzeug , das dem Mörder in die Hand kam ! Und schließlich , ich hatte mir alle Mühe gegeben , meinen Schließer zu hassen , ich hatte es nicht vermocht . Durch all ' seine Grobheit klang so viel echte Güte hindurch , daß mir schon manchmal vorgekommen war , als habe er sich nur , weil er wußte , wie weich er war , in dieses stachelige Kleid gehüllt . Und wenn ich nicht auf dem besten Fuße mit ihm stand , an wem lag es , als an mir , der ich sein Entgegenkommen so schnöde zurückgewiesen ? Er hatte es mich nicht entgelten lassen ; er hatte sein rauhes , gewiß ehrlich gemeintes Wohlwollen keinen Augenblick verleugnet ; er hatte mich , wenn ich von seiner sonderbaren Ausdrucksweise absah , stets behandelt nicht wie ein Wächter seinen Gefangenen , sondern , ich möchte sagen , wie ein alter treuer Diener , der sich Manches herausnimmt und herausnehmen darf , seinen ihm anvertrauten jungen Herrn , der nicht gut gethan hat und den er auf gute Manier zur Raison bringen soll . Und manchmal während der Arbeit ruhten seine hellen blauen Augen mit einem so sonderbaren Ausdruck auf mir , als sage er immerfort vor sich hin : Armer Junge , armer Junge ! und als hätte er am liebsten seinen Zollstock aus der Hand gelegt und statt dessen meine Spitzaxt ergriffen und für mich die Arbeit gethan . Ja , schon ein paar Mal hatte er , wenn wir zusammen zurückgingen , zu mir gesagt : » Nun , hat man es noch nicht bald satt ? « und dann wieder : » Man sollte nicht über Gebühr eigensinnig sein und dem Herrn Rittmeister « - der Wachtmeister nannte seinen ehemaligen Officier nur im äußersten Nothfalle Director - » und sich selbst das liebe Leben sauer machen . « - » Wie so dem Herrn Rittmeister ? « hatte ich gefragt . - » Man will es nicht verstehen « , hatte der Alte geantwortet und hatte dabei ganz melancholisch ausgesehen . Ich wollte es nicht verstehen ! das war nur zu richtig . Aber , weil man sich die Mühe giebt , etwas nicht verstehen zu wollen , versteht man es darum weniger ? Welches immer der Grund oder die Gründe sein mochten , aus denen die Theilnahme des Directors an mir und meinem Schicksale hervorgingen - konnte ich mich dagegen verschließen , daß diese Theilnahme vorhanden , daß sie in der herzlichsten , gewinnendsten Weise an den Tag gelegt wurde ? Noch klangen seine Worte , noch klang der Ton , in welchem er sie gesprochen , in meinem Ohr , und dieser Ton hatte mich so lebhaft an den Klang der Stimme des Mannes erinnert , der nun einmal mein Held gewesen und noch war . Ja , je öfter ich den Director sah - und ich sah ihn jetzt fast täglich - um so mehr fiel mir die Aehnlichkeit auf , die er mit seinem unglücklichen Bruder hatte . Es war dieselbe hohe Gestalt , nur daß Krankheit und angestrengteste Arbeit , vielleicht Kummer und Sorgen die stolze Kraft gebrochen ; es war dasselbe Gesicht , nur viel edler , viel milder ; dieselben großen dunklen Augen , nur daß sie so viel ernster , schmerzensreicher blickten . Und diese Augen hatten mich , wenn der Mund auch seitdem geschwiegen , jedesmal so freundlich gegrüßt - und diese Augen blickten mich an in dieser schrecklichen Nacht , in welcher ich mit dem Versucher rang ; sie blickten mich an sanft und traurig und fragten : Das könntest Du thun ? Das auszudenken hättest Du das Herz ? Das auszuführen die Hand ? Aber ich will frei sein , ich muß frei sein , schrie es in mir . Was kümmert mich der Wahnsinn eurer Gesetze ! Habt ihr mich zur Verzweiflung gebracht , nun wohl , so könnt ihr von mir auch nur die Thaten eines Verzweifelten erwarten . Aus der Schule hierher - aus einem Gefängnisse in das andere ! Ich habe die eine Tyrannei abgeschüttelt , weil sie mir unerträglich war ; soll ich mir diese gefallen lassen , die so viel schwerer auf mir lastet ? Und ich sollte der Gewalt nicht mit Gewalt begegnen dürfen ? Was würde der wilde Zehren thun , wenn er noch lebte und seinen Liebling - denn das war ich - im Kerker wüßte ? Er würde mich zu befreien suchen , und sollte er das