beleuchteten Tiefe weit bis an den Streifen Himmelsbläue hinzog , welcher zwischen den beiden Felsenköpfen herunterhing , hatte sich viel zu erzählen . Geheimnisvoll rauschten und flüsterten die rötlich schimmernden Buchen und die ernsten Tannen , wenn wieder ein Sturm ob ihren Wipfeln dahinfuhr , daß man sogar das Tosen der blauen , tausend Silberstreifen über die von den Bergen gestürzten Steine werfenden Ach nicht mehr hörte . Endlich in der geschützten Schlucht der Brunnenstube angelangt , wo nicht mehr Äste , sondern bloß noch die welken Blätter sich regten , empfand Dorothee , wie wahr die Wirtin das Gefühl schilderte , von dem man hier erfaßt und gehoben wurde . Noch nie hatte sie wie jetzt die Bewegung des Gehens und den Gebrauch jedes ihrer Sinne als Wohltat empfunden . Lange war sie zu nichts fähig als zum Sehen , Hören und Bewundern der herrlichen Gotteswelt , deren Anblick und Genuß ihr eben wieder geschenkt worden war . Selbst in der Kirche , wo zuweilen manches noch an die Not und Plage des Alltagslebens erinnerte , war ihr noch selten so leicht und frei gewesen wie hier . Nie hätte sie geglaubt , daß sie bei der wunderbar lieblichen Musik der Ursprünge mit solcher Andacht ihrem Opfer ein Grab graben würde , denn noch nie sonst war ihr eine Quelle fast wie etwas Lebendiges erschienen . Jetzt aber lauschte sie dem Geplauder der Tropfen so aufmerksam , daß sie das ihr aufgegebene Vaterunser für den seligen Wirt beinahe vergaß . Erst als die Arbeit fertig , fiel es ihr ein . Als sie nun auf einem ganz mit Moos bedeckten Stein kniete , laut und langsam betend , war ' s ihr gerade , wie wenn der Geist des Verstorbenen sie umschwebte . Von den zitternden , rauschenden Buchen ringsum rieselten Blätter herab auf die Beterin und das Opfergrab , welches sie mit Moos bedeckt hatte . Sie begann unwillkürlich ein zweites Vaterunser zu beten . Da fiel der erste Mondstrahl hell und voll auf ihr fast wie verklärt leuchtendes Gesicht . Einen Augenblick später war der ganze Platz erhellt . - Dorothee stieß einen lauten Schrei aus und wankte einige Schritte zurück . Nicht weit vor ihr erblickte sie , an einen Buchenstamm gelehnt , eine männliche Gestalt . Nur das Gesicht wurde noch vom Schatten eines Astes bedeckt . » Wer ist da ? « fragte das Mädchen , alle Kraft zusammennehmend und schon auf dem Sprung zur Flucht . » Niemand als ich . « Diese Antwort war sehr unbestimmt . Dorothee jedoch hatte schon an der Stimme genug . Diese Stimme würde sie überall und unter allen Umständen sogleich erkannt haben . » Ach Gott , es ist Jos ! « jammerte sie und langte nach ihrer Schaufel , als ob sie so schnell als möglich zu gehen entschlossen sei . » Was tust du da ? « fragte Jos , indem er langsam dem Mädchen näher trat , welches noch immer zwischen Gehen und Bleiben schwankte . Endlich lehnte sie die Schaufel an einen Buchenstamm und sagte : » Ich hab ' die Brunnenstube speisen müssen . « » Ich kann nicht begreifen « , begann Jos nach einer Weile , » wie eine sonst verständige Frau noch solche Dummheiten treiben läßt . « Diese Rede tat Dorotheen weh . Jetzt dachte sie nicht mehr ans Gehen . Erst sollte Jos eine bessere Meinung von der Wirtin bekommen . Sie setzte sich neben den Burschen auf einen Stein und erzählte , was jene hier als Mädchen einst erlebt habe . Aufmerksam hörte Jos zu ; auch als Dorothee geendet hatte , blieb er eine Weile ganz still . Endlich aber sagte er : » Der Platz ist ganz dazu gemacht , einmal frei auszusprechen , was man sonst in sich vergraben mußte - da drunten , wo jetzt der Sturm zieht . Auch ich hab ' dich heute zu mir hergewünscht , Gott hat mich erhört , und aus dem schöpf ich die Hoffnung , daß nun alles noch gut werde . Viel , viel hab ' ich zu sagen und zu fragen , ich will gleich anfangen , so treibt mich die Ungeduld , und zudem weiß ich nie , wann dein Bruder kommt und uns stört . « » Hansjörg ? « fragte das Mädchen erschrocken . Es hatte dem Bruder oft einen ordentlichen Freund gewünscht , und besonders den Umgang mit dem fleißigen Jos hatte es ihm recht von Herzen gegönnt , weil der ihn wohl so leicht als einer wieder auf den rechten Weg bringen konnte . Als nun aber allem nach die beiden hier sich treffen wollten , wußte sie nicht mehr , welchen sie für den Leiter und Führer des anderen halten sollte . Jos fühlte sich durch den Ton der Frage verletzt . » Dein Bruder « , antwortete er , » scheint dich lieber zu haben als du ihn . « » Der Schein trügt . « » Ich bin froh , wenn es das ist « , sagte Jos mit Wärme , » Hansjörg braucht jetzt Liebe . Nur seinen Tadlern und Aufpassern zulieb ' wird er nicht viel tun und nicht viel unterlassen . « » Das glaub ' ich auch « , versetzte Dorothee näher rückend . » Gerade du vermöchtest viel über ihn und könntest ihn weit bringen . « » Wir schaffen auch wirklich zusammen jetzt . « » Gott Lob und Dank im hohen Himmel ! « jubelte das Mädchen , dem seine Freude recht ordentlich anzusehen war , obwohl es im Schatten eines noch nicht entblätterten Astes saß . » Aber « , sagte es dann , sich besinnend , » mich nimmt ' s doch wunder , daß ich noch nichts davon gehört habe . « » Das kommt nicht an den Wirtstisch , und es wäre schlimm , wenn jeder davon zu erzählen wüßte « , lachte Jos , fuhr dann aber , das Erschrecken des Mädchens bemerkend , in ganz anderem Tone fort : » Davon jedoch können wir auch neben dem Hansjörg noch reden . Jetzt sag ' mir lieber , wie es dir auf der Wirtschaft gefällt ? Du glaubst nicht , wie viel ich mich schon darum sorgte . « » O du guter Jos , mir geht ja ganz wohl ! « » Nein , Dorothee , das sagt man nicht in dem Ton ; so redet man , wenn man krank oder ganz unglücklich ist . Hast du denn kein Vertrauen mehr wie früher , wo du mir alles sagtest ? « » Was aber soll ich dir sagen ? Ich bin kaum zwei Wochen im Haus . Die Wirtin hält mich wie eine Mutter , und sonst tat ich nur wünschen , daß die anderen Hausgenossen mit mir so zufrieden wären , als ich es mit ihnen bin . « » Dann ist ' s noch schlimmer « , klagte Jos . » Warum noch schlimmer ? « fragte das Mädchen mit einer Hast , welche wohl seine Streitlust verraten sollte . » Weil dann dein wunderliches Benehmen einen noch tieferen , schmerzlicheren Grund hat . Du glaubst gar nicht , wie gut ich deine Stimme kenne . Sie ist mir wie ein Lieblingslied , welches man ganz in sich aufgenommen hat , so daß man gleich jeden falschen Ton darin merkt . Wie mancher bei der Arbeit sein Liedchen summt , so hör ' ich dich stundenlang reden in mir , aber nicht so wie heute . Dann bist du ganz das , was immer mich anlächelt , wenn ich auch nur den Namen Dorothee von einem Gassenbuben höre , der dabei vielleicht an ein Butterbrotbäschen denkt . Heut ' kommst du mir fremd vor , aber doch nicht so fremd , als du dich stellen willst . Ein tiefes Leid klagt aus jedem deiner Worte . Gewiß , ich hätt ' es dir gegönnt , wenn bloß die Kronenwirtin dran schuld gewesen wäre . Das wär ' nur ein Dorn am Strauch , dem wieder zu entrinnen sein würde . Gefährlicher sind die Dornen , die man schon im Leib hat ; die schmerzen sehr und machen krank . « Nun konnte Dorothee nicht mehr trotzig und kühl antworten . Es fehlte dem armen Mädchen alles , was dazu gehört hätte . Seine Stimme klang weich und etwas unsicher , als es fragte : » Gibt es nicht auch Dornhecken , zu denen wir gebannt sind und von denen wir uns immer wieder weh tun lassen müssen ? « Kein Dornstich hätte das Jösle schmerzlicher treffen können als diese Frage , die alles wieder umzuwerfen schien , was aus Vermutungen auf das in letzter Zeit Beobachtete gebaut werden konnte . Wer anders war wohl mit diesem Vergleich gemeint als Hans , den sie noch nicht aus dem Herzen brachte , an den sie noch gebannt war , wie weh er ihr auch immer getan hatte ? » Hast du noch das Heimweh auf den Stighof ? « fragte das arme Bürschchen mit bebender Stimme . » Nein , Jos « , antwortete Dorothee fest , und es ward ihr dabei so leicht , ob sie nun erst die Lossprechung des Kaplans verdient hätte . Auch dem Jos war wieder leicht ums Herz ; leichter selbst , als da er hörte , daß nun Dorothee vom Stighof auf die Kronenwirtschaft gekommen sei . Und auch das schon tat ihm wunderbar wohl , und sein Fuß besserte von dem Tag an so schnell , daß auch der Doktor darüber staunen mußte . Doro-theens eigenes Nein aber war noch viel mehr wert als alles , was aus einem vielleicht nur zufälligen Zusammentreffen von Umständen sich herausrechnen ließ . Jos dachte nicht mehr an den immer schmerzenden Dorn , von welchem Dorothee gesagt hatte . Wenigstens jetzt einmal atmete er frei auf und sagte fröhlich : » Auch ich hab ' mich nie mehr auf den Stighof gewünscht , wohl aber zu dir . Ich passe nicht zum Bauern , das hab ' ich im Sommer nur zu gut empfunden , aber auch , daß mir neben dir und für dich alles , gar alles möglich wär ' . Anders hab ' ich mir nach der Kirchweih niemals erklären können , daß ich es nur so lang auszuhalten vermochte . « » Mir kommt es vor , ob du dem Hans jenen Abend noch immer nicht vergessen habest . « » Es ist nicht mehr viel davon in mir , aber jetzt muß auch das Versteckteste heraus « , antwortete Jos . Dann , des Mädchens zitternde Hand erfassend , fuhr er fort : » Du glaubst gar nicht , wie wohl es mir tut , hier unter Gottes freiem Himmel , ganz in der Stille gar alles aus mir herauszureden , was drückt und quält . « » Tu das nur , wenn du es kannst « , sagte das Mädchen traurig . » Ich kann und muß es , aber auch du solltest es können wie früher . Du tust ja , wie wenn sich etwas zwischen uns gestellt hätte . Was ist ' s denn , wenn du kein Heimweh auf den Stighof hast ? « » Das plagt mich nie « , sagte das Mädchen , und Jos glaubte dabei einen leisen Druck ihrer Hand zu empfinden , die ihm aber so schnell entzogen ward , als die seinige denselben erwidern wollte . » Ich will dich nun in Gottes Namen mit Fragen gehen lassen « , sagte Jos etwas verlegen . » Sag ' mir nur noch , ob ich dir etwas helfen , etwas tun kann , wodurch dir vielleicht denn doch etwas abgenommen würde . « » Ja , das kannst du . « » Und was ? « fragte Jos , indem er den Kopf wieder aufrichtete und dem trüben Blick des Mädchens ein fröhliches Gesicht sehen ließ . Dorothee rückte näher zu ihm und flüsterte : » Tu für den Hansjörg , was du kannst ! Benutze deine Macht über ihn zu seinem und deinem Heil . Er traut dir , und du hast ihn auf dem Gewissen . « » Weißt du das so gewiß ? « fragte Jos etwas verlegen . » Von dir kann er lernen , wie man mit blutsaurer Arbeit alles Mißtrauen , alle Hindernisse überwindet . Ich weiß aus Erfahrung , wie leicht man sich auf einen schweren Weg macht , wenn ein Mutiger voran ist . Ich fühle , wie hoch du über ihm stehst , wenn du willst , ich - « Das Mädchen stockte . » Nun , wir tun jetzt auch mitsammen . Bin ich doch da , um auf ihn zu warten . « » Aber der Führer ist er . Du hilfst ihm etwas tun gegen das Gesetz , dem wir folgen müssen . « » Aber nichts Sündhaftes . « » Was gegen das Gesetz geht , ist nicht recht . Wie es uns schützt in unseren Rechten , so schützt es auch andere . Es sieht weiter als wir , drum sollen wir es auch achten , wo wir es nicht verstehen . « » Ich hätt ' auch lieber einen großen Hof geerbt « , sagte Jos etwas unmutig , » als armer Teufel aber muß ich mich wehren , wie es geht Unser mehrere haben sich zusammengetan , um die Sache in Gang bringen zu können . « » Wenn ' s nur etwas anderes wär ' « , klagte Dorothee . » Ich hab ' auch schon gedacht , die Armen sollten so zusammenhalten wie die Reichen , aber zu etwas Ordentlichem . Ihr da kommt mir fast vor wie die Bauern , welche sich vereinbarten , um auf der letzten Versteigerung beim Kronenwirt einen Wald recht wohlfeil an sich zu bringen . Beide Teile handeln gegen das Gesetz . Jene schadeten einem , ihr dem Staate . « Diese Rede Dorotheens bewies , wieviel sie sich in Gedanken mit dem Schleichhandel beschäftigt und daß sie auch andere , die mehr davon verstanden als sie selbst , gelegenheitlich darüber befragt hatte . Jos jedoch war über diesen Beweis , daß das Mädchen auch jetzt noch an ihn denke und für ihn sorge , nichts weniger als erfreut . Schüchtern begann er der lieben Predigerin auseinanderzusetzen , daß er immer an sie denke und nur ihretwegen soviel wage . Vor den Menschen nehme man sich in acht , und Gott werde seine gute Absicht sehen und ihm verzeihen . Dorotheen wurde heißer und heißer . Sie merkte , auf was alles der gute Bursche noch kommen werde . Und schon fühlte sie nicht mehr die Kraft in sich , ihm in seinen Auseinandersetzungen zu widersprechen und vielleicht mit einem Worte alle seine Hoffnungen zu zerstören . Hoffnungen auf eine Zukunft , die , ach , auch ihr so lieblich erschien , daß sie hätte weinen , laut aufschreien mögen bei dem Gedanken , daß niemals etwas daraus werden könne ! Ja , sie mußte fort , das war ihr furchtbar klar . Nicht mehr länger durfte sie zuhören und den guten Burschen reden lassen . Auf einmal , ohne sich zu erklären , wollte sie wegspringen und heimeilen ... auf einmal - jetzt , nur noch einen Augenblick , eine halbe Minute neben ihm , und dann scheiden fürs ganze Leben . - Ja , scheiden ! ... Sie erfaßte krampfhaft die Hand des Burschen , ihre Blicke begegneten sich innig und inniger , und mit einem Seufzer , in dem der ganze Schmerz und die ganze Wonne eines Menschenlebens lag , sank sie an seine Brust . Da nun ruhte sie und weinte . Er legte den zitternden Arm um den weißen Hals , welchen der Schatten der Buchenäste gar nicht zu treffen schien . In der Brunnenstube rauschte es ganz wunderbar , das Fallen der einzelnen Tropfen klang wie Saitenspiel , das Flüstern der Wipfel da droben wie Gesang . Dorotheen war ' s , als ob sie nun alles , alles herausweinen könnte , was bisher sie erdrücken und ersticken wollte , während Jos vergebens nach Worten für seine Empfindungen suchte . Vergessen war die böse , böse Welt und alles , womit sie diese beiden Herzen schon belastet hatte , vergessen alle Verhältnisse und Verbindungen , selbst Vater und Mutter - wenigstens eine Zeitlang und viel länger , als die Glücklichen glaubten , die jedes Zeitmaß verloren . Dann durchzuckte es das Mädchen wie ein furchtbarer Schmerz . Es stieß einen leisen Schrei aus und schien dann etwas sagen zu wollen , aber wieder wurde seine Stimme von einem Strome noch heißerer Tränen erstickt . Wenn der Schutzgeist der Ursprünge noch in der nun folgenden Viertelstunde bei seinen Opfergaben weilte , so segnete er gewiß das Paar , welches wie angebannt unter den Buchen saß und sich schweigend umschlungen hielt . Wurde doch selbst Hansjörgen , der unbemerkt nahe genug kam , um beide zu erkennen , so wunderbar zumute , daß er , da er sie nicht stören , nicht auf einmal aus ihrem Himmel bringen wollte auf die böse Welt , wieder zurückschlich und in der Ferne nur leise , doch so laut , daß die beiden es hören mußten , ein Soldatenliedchen zu summen begann . Das tat Hansjörg , der sonst so fest rechnete , die Schwester einmal als Bäuerin auf dem Stighof , auch zu seinem Vorteil , walten zu sehen . Seit Hans Dorotheens oder ihrer Verwandtschaft sich so schämte , daß er sie gleich aus dem Dienste ließ , hätte Hansjörg ihm so ein Mädchen wie seine Schwester gar nicht mehr gegönnt . Des Vaters schonungslose Selbstsucht war jetzt seinem Wesen fremd , und die Mitteilung desselben , Dorothee habe den Jos abschwören müssen , war ' ihm gewiß recht schwer auf dem Herzen gelegen , wenn er die Sache so ernsthaft wie Dorothee genommen hätte . Doch er wähnte , dem Vater sei der Jos nur zu arm . Wenn das einmal etwas anders und der Vater überzeugt sei , daß man den dicken Hans nicht mehr fangen könne , werde das im Zorn gesprochene Wort von Herzen gern zurückgenommen werden . Auch den Jos brachte er zu dieser Ansicht und machte ihn so fest , daß den guten Burschen die Zurücksetzung Dorotheens zuweilen ordentlich ärgern konnte , wie manche Sorge dadurch ihm auch abgenommen wurde . Hansjörg war noch begieriger , den Jos in seinen für einen Schneider so vorteilhaften Schleichhandel zu ziehen , seit er damit auch für seine Schwester zu sorgen meinte . Der Krämer konnte doch nicht verlangen , daß man einzig für ihn über die Berge gehen werde . Jos hatte den Gewinn viel nötiger , der z.B. von billigen Seidenstoffen zu machen war . Er war schwer zu bereden . Endlich aber , als auch andere Handwerker ihn drängten und ihm ihre Sparpfennige vorzustrecken versprachen gegen die Zusage , daß er ihnen , wenn sie etwas kauften , keinen Profit berechne , hatten sich die beiden geeinigt , und heute kam Jos , um den ersten Warenballen abzuholen . Nur Dorotheens Predigt brachte ihn um den Mut , ihr das offen zu sagen . Jetzt freilich hätte er ihr alles sagen , hätte nötigenfalls ihr in allem nachgeben mögen . Aber dazu blieb keine Zeit mehr , als Hansjörgs leiser Gesang das Mädchen aufschreckte . » Ach Jesus , wer kommt ? « » Gewiß niemand als Hansjörg « , beruhigte Jos . » Aber was will der ? « » Sei ohne Sorgen , der sagt dem Vater gewiß nichts . « Dorothee schien zuerst erschrocken über diese Erinnerung an den Vater und das ihm gegebene Wort . Gleich jedoch richtete sie sich stolz auf und rief : » Was geht ihn auch diese Stunde an ? Gott hat sie mir gelassen , und ich fühle , wie ganz sie hineingehört in mein Leben , wie der Frühling ins Jahr . Aber weißt du denn auch schon , was ich habe versprechen müssen ? « » Hansjörg hat es vom Vater selbst , aber er nimmt ' s nicht besonders ernsthaft . Der Vater wär ' wohl zurückzubringen , wenn ich nur etwas mehr Vermögen hätte . Das , Dorothee , nur das ist der Grund , daß ich auch den Schleichhandel betreibe . « » Ach Jos , warum doch mußt du mir diese Stunde noch so verderben ! « » Ich tu das gewiß nicht . Ich will nur machen , daß wir noch viele solche Stunden erleben können und dürfen . « » Mir wird nie mehr wohl sein , wenn ich an dich denke . « » Sei nur unbesorgt . Unser gefährlichster Feind ist der Krämer , aber Hansjörg dient auch ihm und mir nur so nebenbei . Wenn der später etwas von unserem Zwischenhandel merkt , wird er doch nicht mit mir auch sich selbst in Verlegenheit bringen wollen . « » Wir tragen am gleichen Unglück , wir sollten es gemeinsam und demütig tragen , bis Gott hilft . Es ist nicht mehr in Ordnung , wenn man sich nur auf den Eigennutz anderer und auf List und Frechheit verlassen muß . Ich hab ' keinen gekannt , der dabei noch ein guter Mensch geblieben ist . Ich möchte dich lieber arm sehen als wie den Krämer , und ich weiß , was arm sein heißt und was ich dabei leiden werde . Du solltest Hansjörgs guter Engel werden , und nun verführt er dich ! Komm , laß ihm seinen Plunder und geh mit mir ! « bat das Mädchen und erfaßte seine Hand . » Das kann ich doch unmöglich ; denk ' , er ist auch dein Bruder , und ich darf ihn nicht verlassen . « » Und ich kann dich nicht als Schwärzer denken « , sagte das Mädchen ; sein Händedruck aber , mit dem es schied , schien dem Jos doch wieder zu verzeihen . Jos stand zitternd , zweifelnd , ratlos , bald vier Schritte vorwärts , bald zwei zurück gehend . » Sie ist gut « , rief er , » viel zu gut für diese Welt , und wenn man es da zu was bringen will , darf man ihr nicht folgen . Ich handle gegen ihren Willen , aber doch für sie , nur für sie . « Jetzt stand Hansjörg neben ihm . Etwa zehn Minuten später eilte Jos mit der Last , welche er Dorotheens Bruder abgenommen hatte , so schnell als möglich ins Dorf zurück . Hansjörg , der durch nichts andeutete , was er sah , und auch die heimeilende Schwester nicht zu bemerken schien , machte sich wieder über die Berge , um noch vor dem Grauen des Morgens auch den Krämer zu bedienen , von dem er in der vorletzten Nacht schon über die Grenze geschickt worden war . Dreiundzwanzigstes Kapitel Dorothee kommt abermals in ein Gerede » Ach , Jos , warum doch mußt du mir noch diese Stunde verderben ? « jammerte Dorothee , als der Geliebte ihr mitteilte , auf was für eine Art er für sie beide wirken werde . Aber so eine Stunde läßt sich nicht so leicht wieder verderben , und besonders schon gar nicht dadurch , daß man hernach für den mutigen , opferwilligen Mitgenossen derselben zittern muß . Wäre die Liebe die große , mächtige Weltbeherrscherin , wenn sie sich nur aus wohlgeordneten Verhältnissen wie das Resultat oder die Probe einer Berechnung ergäbe und wenn sie so den Weg schon geebnet finden müßte ? Dann segnete sie nie des Armen baufällige Hütte , dann wäre sie die Qual des größten Teils der sorgenbeladenen Menschheit , die sie nur noch tiefer unter ihre Lasten begrübe . Die wahre Liebe aber erhebt über die Kleinlichkeiten des Lebens . Sie überwindet die Selbstsucht und alle anderen Suchten , deren Jammergestalten die , welche sie ihres Segens unwert hält und strafen will , als ihr Bild verehren , zu spät erst den Abweg erkennend , auf welchen ihr Götzendienst sie geführt hat . Eine ganz unglückliche , ganz hoffnungslose Liebe gibt es eigentlich gar nicht ; denn die Liebe findet Hoffnung und Glück immer und überall wieder in sich selbst . Der Liebende , der im Kampfe mit entgegenstrebenden Verhältnissen erläge , gliche nur erst dem gefangenen Weisen , welcher doch noch besser daran ist als sein roher Überwinder , der noch immer den Lichtstrahl der Wahrheit fürchtet , welchen er nicht einzusperren vermag . Die Neigung hat einen strengen Wertmesser bei sich , für den es fast jeden Tag etwas zu tun gibt ; hat aber einmal die Liebe gesprochen und ihren Schatz in ein Herz ausgeleert , dann wird alles aufgewogen , was auch die ärgsten Plaggeister der Menschen in die andere Waagschale werfen mögen , und die Macht der Verhältnisse ist wenigstens innerlich überwunden . Die Liebe nährt sich nicht mehr bloß von dem Werte ihres Gegenstandes , sondern durch sich selbst glaubt sie , hofft sie und ist glücklich . Auch das ärmlich gekleidete Dorfkind , der einfachsten Erziehung entwachsen , kann so leicht und wohl noch leichter etwas von diesem Segen der Liebe empfinden als die fleißigste Romanleserin , wenn es darüber auch nicht so gut wie diese jeden Augenblick ein langes und breites zu machen weiß . Eine schöne Strecke des Lebensweges legt man gern in der Erinnerung wieder zurück , wenn man auch für einzelne Stellen leichter eine Farbe , ein Bild als eine sprach gerechte Bezeichnung findet . Der Gewinn für sich selbst kann gewiß in beiden Fällen der gleiche sein . Dorothee sann Tage , Wochen über das , was Jos und was sie mit ihm seit einem Jahr erlebt hatte . So entstand ihr ein Zug nach dem anderen , bis das Bild eines Mannes , den sie zitternd bewundern mußte , lebendig vor ihrer Seele stand . Vieles freilich war in seinem Wesen , was ihr Sorge machte , aber auch das webte nur wieder den Teuern tiefer in ihre Gedanken und Träume , selbst in ihre Gebete hinein . Er mußte so sein , wie er war , sonst wär ' er nicht mehr er gewesen ; und so wie er war , war er ihr auch recht , obwohl sie sich ' s niemals gestand . So , beständig nun auf ihn blickend , für ihn sorgend und betend , übersah sie stets die Kluft , welche sie wohl für immer von ihm trennte . Wenn sie aber einmal daran dachte , so sagte sie sich , daß diese Welt eben kein Himmel sei und jeder Mensch seinen Teil zu tragen habe . Hierüber waren ihr erst in der Gaststube der Kronenwirtin die Augen aufgegangen . Da erst erfuhr sie recht , was alles im Leben sich zwischen die Menschen und ihr mit Aufopferung aller Kraft verfolgtes Ziel stellen kann und welch verzweifelte Anstrengung zur Beseitigung solcher Hindernisse gemacht werden . Von solchem Kämpfen und Treiben hatte sie auf dem friedlichen , stillen Stighofe neben dem behaglichen Hans keine Ahnung bekommen . Seit sie vernahm , wie man ' s da und dort getrieben hatte , war es ihr leichter , den Vater zu entschuldigen und somit auch das ihm gegebene Versprechen etwas weniger wichtig zu nehmen . Je länger sie die Leute beobachtete , desto mehr kam sie dazu , alles nur der Gunst oder Ungunst der Verhältnisse zuzuschreiben . Menschliche Leidenschaften und Schwächen wurden selten so milde beurteilt wie von ihr , die bald fast in jedem Gesunkenen bloß noch einen Niedergedrückten sah , der endlich seiner Last erlegen war wie ihr Vater , und in jedem Waghals einen Helden , der auf gewöhnlichem Wege seine Pläne so wenig ausführen konnte als Jos und daher ohne Rücksicht auf das Urteil der Menschen alle Schranken überspringe . Jeden von diesen begleiteten auf seinen gefahrvollen Wegen ihre Glückwünsche , seit sie stets für den Jos und ihren Bruder zittern mußte . Derlei Gedanken und Sorgen waren für sie große Wohltaten . Womit sonst hätte sie sich beschäftigen , wie sich wieder ganz herausbringen sollen aus der engen , düsteren Wohnung ihrer armen Eigenen , wenn sie nicht hätte zur Brunnenstube fliehen können in Gedanken oder ins Durcheinander des Lebens , wie man es in der Gaststube beobachten und innerlich mitleben konnte . Wie ihr in ihrer jetzigen Stimmung Dezembersturm und Schneegestöber lieber war als ein stiller , warmer , nebliger Tag , so freuten sie auch recht lebhafte , mitunter fast gar zu laute Gäste weit mehr als diejenigen , welche sich still hinsetzten und mit einer Amtsmiene ihr Geldlein zu verzehren begannen . Unter allen , die sie mit der öffentlichen Meinung und mit dem Hergebrachten im Kriege sah , war nur einer ihr lange Zeit recht von Herzen zuwider , nämlich der Andreas , Angelikas Gatte , dem sie gar keine menschlich schöne , liebsame Seite abgewinnen zu können meinte . Zuerst hielt sie ihn für einen verzogenen reichen Bauern , der , immer am Gängelbande geführt , sich selbst nie habe weisen und leiten lernen , für einen Spielball jeder Laune der Menschen und des Zufalls . Auf diese Weise nun erklärte sie sich auch seine Verbindung mit der guten Angelika , die doch unmöglich aus dem Herzen der beiden herausgewachsen sein konnte . Ein Beweis für ihre Vermutung lag schon in dem , was sie damals auf dem Stighof sah und hörte , wie heimlich auch die Stigerin ihre Kämpfe mit Hansen gekämpft hatte . Bald aber kam sie zu der Überzeugung , daß eigentlich nur Angelika das Opfer elender Berechnungen geworden sei ; dieser Andreas mit dem harten , abgewetterten Gesicht und der gewaltigen Stimme , neben der nichts anderes mehr zu hören war , schien sich nie von etwas anderem als von seiner Leidenschaftlichkeit beherrschen zu lassen . Sagte doch der