allen Seiten die Versicherung erhielt , daß ein Prozeß noch ganz andere Opfer von ihr fordern dürfte . » Warum soll ich ' s leugnen ? « sagte am Reisemorgen der Rechtsanwalt errötend und lebhaft erregt zu dem Professor , der reisefertig in der Fensternische neben ihm stand und auf seine Begleiterinnen wartete . » Ich gönne dir Felicitas nicht ! ... Ich habe im ersten Augenblick dies seltene Geschöpf erkannt und werde lange Zeit brauchen , um - zu vergessen ... Aber einen Trost habe ich dabei : sie hat dich zu einem anderen Menschen gemacht und den sittlichen Rechten der Menschheit , ihrer unanfechtbaren guten Sache einen neuen Bekenner zugeführt ... Schlagender konnte meine freie und gewiß gesunde Ansicht über unsere sozialen Mißverhältnisse nicht motiviert werden , als durch den Umstand , daß - verzeihe mir die bittere Wahrheit - die stolzen Hellwigs den Angehörigen des verachteten Spielerskindes gegenüber Schwerschuldige waren ... Da stehen die einen und sehen hochmütig auf die anderen herab , und die blinde Welt ahnt nicht , daß es faul ist unter ihren gerühmten Institutionen , und daß der frische Luftzug der Freiheit nötig ist , um sie wegzufegen , die den Hochmut , die Herzlosigkeit und mit ihnen eine ganze Reihe der schlimmsten Verbrechen begünstigen . « » Du hast recht , und ich nehme diese bittere Schlußfolgerung ruhig hin , « sagte der Professor ernst , » denn ich habe in der That schwer geirrt . Aber der Weg , den ich zurückzulegen hatte , war steinig , und deshalb gönne mir den Preis , den ich schwer erringen mußte . « Der Professor hat seine junge Frau in den » exklusiven « Kreis der Professorenfrauen eingeführt , und das ideal schöne Wesen an seiner Hand ist , trotz der boshaften Einflüsterungen der Regierungsrätin , mit Liebe und Bewunderung aufgenommen worden ... Es ist Wahrheit , was er sich einst so hinreißend gedacht hatte : Felicitas schmeichelt ihm die medizinischen Sorgenfalten von der Stirne , und wenn er abends inmitten seiner gemütlichen vier Wände bittet : » Fee , ein Lied ! « da braust sofort die prachtvolle Altstimme auf , die ihn einst hinausgetrieben hat aus dem mütterlichen Hause in die Thüringer Wälder , der er entflohen , weil sie ihn unwiderstehlich hinüberriß nach dem wunderbaren Spielerskinde . Er hat sämtliche Möbel aus der Mansardenwohnung nach Bonn schaffen lassen . Der Flügel und die Büsten samt der üppigen Epheudraperie schmücken jetzt Felicitas ' Zimmer . Im Geheimfache des Glasschrankes bewahrt die junge Hausfrau auch jetzt noch das kostbare altväterische Silberzeug auf ; den kleinen grauen Kasten samt Inhalt aber hat der Professor an demselben Tage verbrannt , wo die Hirschsprungs das ausgleichende Kapital in Empfang genommen haben . Das Schuldbuch ist vernichtet , das Unrecht gesühnt , soweit menschliche Kräfte es vermochten , und Tante Cordulas Geist kann unbeirrt seinen hohen Flug weiter verfolgen , den er schon auf Erden angenommen . Heinrich lebt in Bonn bei dem jungen Paare . Er wird hoch in Ehren gehalten und fühlt sich über die Maßen wohl ; wenn er aber auf der Straße der in Samt und Seide gehüllten , jetzt ungeniert nach der neuesten Mode gekleideten Regierungsrätin begegnet , die stets den Kopf wegwendet , als habe sie das ehrliche Gesicht des alten Mannes nie gesehen , da schmunzelt er vergnüglich in sich hinein : » Das Blümelein Vergißmeinnicht hat doch nichts geholfen , gnädige Frau Regierungsrätin ! « Die schöne Frau kann übrigens ihren tadellos geformten weißen Arm nicht mehr mit dem Armringe schmücken ; ihr Vater hat ihn » gewissenhaft « mit dem Bemerken , daß er durch » Zufall und Irrtum « in seinen Besitz gekommen , an die Hirschsprungschen Erben ausgeliefert . Er lebt auf sehr gespanntem Fuß mit seiner Tochter , weil sie die » grenzenlose Dummheit « begangen hat , seinen Anteil an dem Raube zu bestätigen ... Sie hat längst den Nimbus der Frömmigkeit und sanften Milde eingebüßt , beteiligt sich aber noch immer mit großer Ostentation an frommen Bestrebungen , während ihr Aennchen unter fremder Pflege einem sicheren Tode entgegenwelkt ... Und er , der strenggläubige Verwandte am Rhein ? ... Es ist nicht zu denken , daß ihn die Nemesis auf Erden ereilt , er wird mit frommer Ergebenheit alles , was über ihn kommen mag , Prüfung nennen . Wir übergeben ihn deshalb dem öffentlichen Gerichte ; die empfindlichste Strafe für den Heuchler ist , daß ihm vor aller Augen die Maske vom Gesicht genommen wird ! ... Frau Hellwig sitzt nach wie vor hinter ihrem Asklepiasstocke . Das Unglück ist endlich auch über ihre gefeite Schwelle geschritten ; sie hat zwei Kinder verloren : ihren Sohn Johannes hat sie verstoßen , und eines Tages lief die Nachricht ein , daß Nathanael im Duell geblieben sei . Er hat viele Schulden und einen sehr befleckten Ruf hinterlassen ... Die eisernen Züge der großen Frau sind schlaffer geworden , und manchem will es scheinen , als neige sich der Kopf mit dem einst so starren Gepräge des Hochmutes und der Unfehlbarkeit oft recht müde auf die Brust ... Der Professor hat ihr vor kurzem die Geburt seines erstgeborenen Kindes angezeigt . Seit der Zeit liegt in dem Strickkörbchen , das bis dahin nur derbe blaue und weiße Knäuel mit grobem Faden beherbergt hat , ein zartrosiges Strickzeug , Frau Hellwig arbeitet nur verstohlen und ruckweise daran . Friederike schwört , es sei kein Missionsstrumpf , sondern ein allerliebstes Kinderstrümpfchen . Ob und wann diese zierlichen , rosenroten Dinger die strampelnden Beinchen des jüngsten Hellwigschen Familiengliedes umschließen werden , wir wissen es nicht , aber zur Ehre des Menschengeschlechts soll es gesagt sein : Es ist keine Seele so verhärtet , daß nicht ein weicher Punkt , eine edle Regung , eine süßklingende Saite in ihr schliefen ; sie wird sich freilich oft dieses inneren Schatzes nicht bewußt , wenn die Erweckung von außen fehlt . Aber vielleicht ist die großmütterliche Liebe solch ein ungeahnt warmer Punkt im Herzen der großen Frau , der , plötzlich angefacht , ein mildes Licht ausströmt und das übrige Eis des Innern schmilzt . Hoffen wir , lieber Leser !