und sah mit wirren Blicken um sich ; unwillkürlich öffneten sich seine Arme , Elisabeth ließ die Hände von den Augen fallen und faßte taumelnd nach der nächsten Stuhllehne . Diesmal klang ihr die harte , abscheuliche Stimme der Baronin süß wie Musik , denn von ihr kam ja die Hilfe ... Und dort stand die hohe , männliche Gestalt , deren Anblick sofort ihre stockenden Pulse lebendig klopfen machte . Sie hätte sich ihm zu Füßen werfen und bitten mögen : » Schütze mich vor jenem dort , den ich fliehe und verabscheue wie die Sünde ! « Aber welch ein Blick fiel auf sie ! ... Kam dieser niederschmetternde Strahl in der That aus jenem Auge , das erst vor wenig Tagen mit so wunderbar süßinnigem Ausdrucke das ihre gesucht hatte ? War jene Erscheinung mit dem streng zurückgeworfenen Kopfe und der todbleichen eisernen Stirn jener Mann , der sich damals über sie geneigt und in unsäglich weichem Klange die Worte gesprochen hatte : » Ihnen möge unterdes mein guter Engel den Namen jenes Wunderreiches zuflüstern ! « ... Er selbst stand dort wie ein böser Engel , der gekommen ist , zu rächen , zu vernichten und ein armes , zuckendes Menschenherz zu zertreten . Helene , die wie angemauert oder leblos auf die Szene in der Tiefe des Zimmers geblickt hatte , zog plötzlich hastig ihren Arm aus dem ihres Bruders und wankte auf Elisabeth zu ; sie war keinen Augenblick im Zweifel , daß Hollfelds Werbung geglückt und der Bund geschlossen sei . » Seien Sie mir tausendmal willkommen , liebe Elisabeth ! « rief sie in heftiger Bewegung , während Thränenströme aus ihren Augen stürzten ; sie nahm die zitternden Hände des jungen Mädchens zwischen die ihren . » Emil führt mir in Ihnen eine liebe Schwester zu ; haben Sie mich lieb als eine solche , ich werde Ihnen lebenslänglich dafür dankbar sein ... Sei nicht so finster , Amalie , « wandte sie sich bittend zurück nach der Baronin , die noch immer wie eine Bildsäule außerhalb des Pavillons stand , » es gilt ja Emils ganzes Lebensglück ... Sieh dir Elisabeth an . Kann sie nicht alle Ansprüche erfüllen , die du mit Recht an diejenige stellst , welche dir in Zukunft so nahe stehen soll ? Jung , von der Natur reich ausgestattet , aus alter Familie mit berühmtem Namen - « Sie hielt erschrocken inne . Es war , als kehre erst jetzt das Leben in Elisabeths erstarrte Glieder zurück , als sei sie erst in diesem Momente fähig , das , was gesprochen wurde , aufzufassen . Mittels einer raschen Bewegung hatte sie Helene beide Hände entzogen und stand plötzlich hoch aufgerichtet neben ihr . » Sie irren , gnädiges Fräulein , « sagte sie in eigentümlich vibrierendem Tone , » ich bin eine Bürgerliche . « » Wie , haben Sie nicht das festbegründete Recht , den Namen von Gnadewitz zu führen ? « » Ja , unzweifelhaft , aber wir lassen dieses Recht fallen . « » Sie würden in Wirklichkeit ein solches Glück mit dem Fuße fortstoßen ? « » Ich kann nicht einsehen , wie das wahre Glück sich an einen Klang , einen Schall knüpfen soll . « Man hörte deutlich , wie sie rang , um ihrer tonlosen Stimme Festigkeit zu geben . Die Baronin war indessen näher getreten . Sie fing an , zu begreifen , was hier vorging . Innerlich war sie wütend , daß ihr Sohn eine Wahl getroffen hatte , ohne auch nur im entferntesten um ihren mütterlichen Rat , ihre Einwilligung zu fragen ; ferner war und blieb der Gegenstand dieser Wahl für sie ein verhaßtes Wesen . Allein sie wußte recht gut , daß ihr Einspruch höchstens ein mitleidiges Achselzucken , eine spöttische Miene ihres Sohnes hervorrufen und ihn erst recht in seinem Vorhaben bestärken würde ; auch fiel es für sie und ihre eigenen Interessen schwer ins Gewicht , daß Helene die Sache in die Hand genommen hatte und dieselbe mit einer Art von enthusiastischem Opfermute durchführen zu wollen schien . Wenn auch völlig im unklaren über die Motive dieser höchst merkwürdigen Thatsache , fühlte sie doch instinktmäßig , daß hier kein Nachteil zu befürchten sei , und deshalb entschloß sie sich rasch , obschon mit grollendem Herzen , gute Miene zum bösen Spiele zu machen und die Rolle der verzeihenden und segnenden Mutter zu spielen . Elisabeths Antworten verschlossen ihr jedoch plötzlich wieder den Mund . Die Hoffnung tauchte in ihr auf , daß das Mädchen durch seinen Eigensinn die Sache selbst verderben würde , und dann galt es , Oel ins Feuer zu gießen . » Da stoßen wir auf einen spießbürgerlichen Begriff , meine Liebe « , sagte sie zu Helene , die Elisabeths Erwiderung ganz bestürzt gemacht hatte . » Sie mögen indes jedenfalls Ihre triftigen Gründe haben , das Licht der höheren Regionen zu scheuen , « fuhr die Dame in beißendem Tone zu Elisabeth gewendet fort . » Ich habe durchaus keine Ursache , das Licht zu fliehen , « entgegnete diese , bei weitem ruhiger und beherrschter sprechend , als zuvor , » es müßte mir denn plötzlich unvermutete häßliche Fehler meines Charakters zeigen , wie es die Flecken auf jenem Wappenschild grell beleuchtet ... Aber wir lieben unseren Namen , weil er rein und ehrlich ist , und wollen dies fleckenlose Erbteil nicht vertauschen gegen ein Gut , das sich aus den Thränen und dem Schweiße anderer groß genährt hat ! « » Gott , wie erhaben ! « rief die Baronin höhnisch lachend . » Das kann Ihr Ernst nicht sein , Elisabeth , « sagte Helene . » Vergessen Sie nicht , daß an diesem Ausspruche das Lebensglück zweier Menschen hängt . « Sie warf dem jungen Mädchen einen vielsagenden Blick zu , der aber begreiflicherweise nicht verstanden wurde . » Sie müssen nun einmal in die Sphäre , der Sie von nun an angehören sollen , einen adligen Namen mitbringen ; das wissen Sie so gut wie ich und werden um einer Grille willen nicht Ihre eigenen Hoffnungen und die anderer zerstören wollen . « » Aber ich bin völlig unfähig , Sie zu verstehen ! « rief Elisabeth aufgeregt . » Es fällt mir gar nicht ein , irgend eine Hoffnung mit jenem Namen in Verbindung zu bringen ; am allerwenigsten aber begreife ich , wie die Wünsche oder das Geschick anderer abhängen sollten von dem Entschlusse eines so unbedeutenden armen Mädchens wie ich bin . « » Sie sind nicht arm , liebes Kind , « erwiderte Helene . » Kommen Sie , « fuhr sie tief bewegt fort , » wir sind von heute an treue Schwestern ! ... Nicht wahr , lieber Rudolf , « wandte sie sich nicht ohne Verlegenheit an ihren Bruder , » auch du heißest Emils Braut willkommen in unserer Familie und erlaubst , daß ich schwesterlich mit ihr teile ? « » Ja , « klang es dumpf , aber fest herüber . Elisabeth fuhr mit der Hand nach der Stirn , es klang so unglaublich , was sie eben gehört hatte ... » Emils Braut « hatte Fräulein von Walde gesagt , und das sollte sie , sie sein - es war unmöglich . Hatten diese Menschen sich verschworen ihr einen fürchterlichen Schrecken einzujagen ? ... Und er , der wußte , daß sie Hollfeld verabscheue , er hielt zu jenen ; er stand dort drüben mit untergeschlagenen Armen , ein Bild unerbittlicher Strenge und Zurückweisung . Er hatte die ganze Zeit unbeweglich gestanden und jetzt nur die Lippen geöffnet , um das Ja auszusprechen , das von beinahe zermalmender Wirkung für das junge Mädchen war . Hatte er nicht früher selbst in der rauhesten Weise ein Entgegenkommen seines Vetters ihr gegenüber zu verhindern gesucht ? ... Wie ein leuchtender Blitz fuhr es plötzlich bei diesem Gedanken durch ihre Seele . Sie war jetzt von Adel , das erklärte alles . Hollfelds Stammbaum wurde nicht mehr verunehrt durch die bürgerlich Geborene ; daher die Bereitwilligkeit der Verwandten ihn in seiner Werbung zu unterstützen ; daher Helenes Betroffenheit bei ihrer Erklärung , daß sie den ihr zugefallenen Namen verschmähe ... Wie es aber zusammenhing , daß alle bereits ein völliges Einvernehmen zwischen ihr und dem Verhaßten voraussetzten , das zu ergründen war ihr im Augenblicke unmöglich ; denn ihre Gedanken wirbelten in einem unaussprechlichen Aufruhre durcheinander . Nur eines war ihr klar : daß sie augenblicklich ohne Rückhalt jenes Ansinnen zurückweisen müsse . » Ich sehe mich einem Mißverständnisse gegenüber , dessen Entstehen ich mir nicht enträtseln kann , « nahm sie das Wort in fliegender Hast . » Es wäre wohl Herrn von Hollfelds Pflicht , hier Aufklärung zu geben ; da er es jedoch vorzieht , zu schweigen , so sehe ich mich genötigt , auszusprechen , daß er nie und nimmer irgend welches Versprechen von mir erhalten hat ! « » Aber , liebes Kind , « sagte Helene zögernd und verlegen , » haben wir nicht vorhin bei unserem Eintritte mit eigenen Augen gesehen , daß - « sie brach ab . Wie ein Donnerschlag trafen Elisabeth diese Worte . In ihrer reinen , unschuldigen Seele war auch nicht einen Moment die Furcht aufgetaucht , daß jener Augenblick des Schreckens und der Hilflosigkeit mißverstanden werden könne , und nun mußte sie zu ihrem höchsten Schmerze erfahren , daß er ein abscheuliches Licht auf sie geworfen hatte ... Sie wandte sich noch einmal rasch um nach Hollfeld ; doch schon der eine Blick auf ihn belehrte sie , daß sie von dieser Seite keine Genugthuung , keine Ehrenrettung zu hoffen habe . Er lehnte , den anderen Anwesenden den Rücken halb zuwendend , wie ein ertappter Schulknabe am Fenster . Wären die Damen allein gewesen , so hätte er sich ohne Zweifel durch ein freches Lügengewebe zu helfen gesucht ; allein Herrn von Waldes Anwesenheit lähmte ihn vollständig . Er begnügte sich , in einem zweifelhaften Schweigen zu verharren , welches die verschiedenartigsten Deutungen zuließ . » Gott im Himmel , wie schrecklich ! « rief das junge Mädchen außer sich und rang die Hände . » Sie haben gesehen , « fuhr sie , das Gesicht schamhaft senkend , nach einem tiefen Atemholen fort , » wie ein wehrloses Mädchen vergebens gestrebt hat , die Zudringlichkeiten eines Ehrlosen zurückzuweisen ... Die Versicherung meiner tiefsten Verachtung , meiner völligen Abneigung vermochten nicht , ihn zu verscheuchen . Ich habe Herrn von Hollfeld diese Gesinnungen stets unverhohlen gezeigt , trotzdem - « Ein starkes Geräusch hinter ihr ließ sie plötzlich verstummen . Helene war in das Sofa zurückgesunken , ihre Rechte klammerte sich krampfhaft an die Tischecke und zitterte so heftig , daß das auf der Platte stehende Porzellangeschirr aneinanderklirrte . Das Gesicht der jungen Dame war aschfarben ; ihr erlöschender Blick irrte hinüber zu Hollfeld ... Vergebens bemühte sie sich , ihrer tödlichen Bestürzung Herr zu werden , das Licht , das plötzlich auf ein Netz häßlicher Intriguen fiel , war zu grell ; sein Strahl hatte etwas von der vernichtenden Gewalt des Blitzes für das bis dahin arglos vertrauende Gemüt Helenes . Obgleich selbst in höchster Aufregung und im Begriffe , ihrer Entrüstung noch weiteren Ausdruck zu geben , fühlte Elisabeth doch sofort ihr Herz in innigem Mitleiden schmelzen bei dem Anblicke der jungen Dame . Sie hatte , indem sie ihre Ehre vertrat , der Unglücklichen die Binde von den Augen gerissen ; das that ihr schmerzlich leid um Helenes willen , wenn sie auch wußte , daß diese Enttäuschung doch früher oder später hätte erfolgen müssen . Rasch trat sie zu ihr und nahm die eiskalten Hände , die langsam vom Tische niederglitten , zwischen die ihrigen . » Vergeben Sie mir , wenn ich Sie durch meine heftigen Worte erschreckt habe , « sagte sie bittend , aber fest . Es wird Ihnen nicht schwer werden , sich in meine Lage zu versetzen ... Einige erklärende Worte des Herrn von Hollfeld würden genügt haben , den unwürdigen Verdacht von mir zu nehmen . Ich würde dann nicht gezwungen gewesen sein , meine Ansicht über seinen Charakter und seine Handlungsweise so unumwunden auszusprechen ... Ich bedauere , daß es geschehen mußte , aber ich kann kein Jota davon zurücknehmen . « Sie küßte Helenes Hände und verließ schweigend den Pavillon . Es war ihr , als strecke Herr von Walde hastig die Hand nach ihr aus , als sie an ihm vorüberschritt , aber sie sah nicht auf . Draußen verfolgte sie den schmalen , gewundenen Pfad , der durch ein kleines Gehölz nach dem Teiche mündete ; sie schritt über den großen Kiesplatz am Schlosse vorüber und betrat den engen Waldweg , der nach dem Nonnenturme führte , ohne zu wissen , wo sie sich befand , ohne daran zu denken , daß sie sich immer weiter vom Heimwege entferne . Sie war in einer unaussprechlichen Gemütsaufregung . Wie ein Sturm brauste es durch ihr Gehirn ... Hollfelds Heiratsantrag , seine maßlose Leidenschaft , Berthas plötzliche Erscheinung am Pavillonfenster , die unbegreifliche Thatsache , daß Helene sie freudig als die Braut dessen begrüßt hatte , den sie selbst leidenschaftlich liebte , dies alles flog immer und immer wieder an ihr vorüber , und dazwischen klang schneidend das » Ja « des Herrn von Walde ... Er hätte sie also willkommen geheißen als Hollfelds Braut ... es würde ihn nicht die geringste Ueberwindung gekostet haben , sie an der Seite seines Vetters zu sehen ! ... Diese Heirat war ohne Zweifel im Familienrate beschlossen worden . Herr von Walde hatte mit kalt prüfendem Verstande das Für und Wider erwogen und war schließlich mit seiner Schwester darin übereingekommen , daß Emils Auserwählte jetzt die Geschlechtstafel derer von Hollfeld nicht mehr verunehre ; man wolle sie in Gnaden annehmen und einem Mangel der Braut , ihrer Armut , großmütig aus eigenen Mitteln abhelfen . Bei diesem Gedanken biß Elisabeth die Zähne heftig aufeinander , wie bei einem starken körperlichen Schmerze . Eine unaussprechliche Bitterkeit erfüllte ihr Gemüt , dessen tiefsinnige Neigung unverstanden zertreten worden war von jenem kalt berechnenden , eingefleischten Aristokraten ... Wie hatte sie nur hoffen können , daß er je Sympathie fühlen könne für ein warmpulsierendes weibliches Herz , für eine junge Seele , die , nach Freiheit ringend , keinen Raum gab jenen engherzigen , oft so lächerlichen Satzungen der Menschen ? ... er , der nur in Moder und Schutt alter Geschlechter den Nimbus und die Vorzüge der Frau suchte ? Sie blieb manchmal in Gedanken versunken stehen ; dann schritt sie wieder hastig , wie von ihrem Gedankenstrome getrieben , weiter , ohne zu bemerken , daß sie denselben Weg verfolgte , den sie vor wenigen Tagen an seiner Seite voll Scheu und Angst betreten hatte . Die vorstehenden Zweige der Büsche schlugen an ihre Stirn ; sie dachte nicht daran , daß er sie neulich vorsorglich weggebogen hatte , wenn sie ihr Gesicht bedrohten ... Noch war das Buschwerk eingeknickt , und abgestreifte Blätter lagen welkend am Boden , da , wo Fräulein von Quittelsdorf und Hollfeld sich Bahn gebrochen hatten zu den zwei einsam Wandelnden . Das war auch die Stelle , wo der halbvollendete Glückwunsch souffliert worden war ; Elisabeth glitt achtlos vorüber , und das war gut , denn ihr heißes Auge hatte keine Thränen , und hier war der Ort , wo sie sicher ihr ganzes Herz hätte ausweinen mögen . Endlich sah sie sich erstaunt um . Sie stand vor dem Nonnenturme . Sie war vielleicht das erste menschliche Wesen , das den Festplatz wieder betrat , seit ihn die letzten Gäste oder die müde Schloßdienerschaft neulich nachts verlassen hatte . Es sah wüst und unordentlich aus auf dem kleinen Plane , der auch nicht ein aufrechtstehendes Grashälmchen mehr zeigte ; alles war niedergetreten worden beim Tanze , der sonach kein Elfenreigen gewesen sein mochte . Die zwei Tannen , die das Marketenderzelt getragen hatten , lagen hingestreckt am Boden , auf einem Gemische von Flaschenscherben und den Ueberresten eines in der Nähe abgebrannten Feuerwerkes , und droben hingen noch die zusammengeschrumpften Guirlanden zwischen Turm und Eichen , ein leiser Luftzug strich flüsternd über die dürren Blumenhäupter , die , fest aneinander gepreßt und hoch in der Luft schwebend , über einem Zusammenflusse von Genüssen hatten verschmachten müssen . Eine leichte Dämmerung webte bereits unter den Eichen , wenn auch noch ein goldiger Schein auf ihren Wipfeln und über der grauen Zinne des Turmes gaukelte . Elisabeth fühlte plötzlich , leicht zusammenschauernd , ihr Alleinsein mitten im Herzen des todstillen , dunkelnden Waldes ; trotzdem zog es sie noch einmal unwiderstehlich nach jener Stelle , wo Herr von Walde von ihr Abschied genommen hatte . Sie schritt über den zerstampften Rasenplatz , blieb aber einen Augenblick wie festgewurzelt stehen ; denn der Abendwind trug einzelne , abgebrochene Töne einer menschlichen Stimme zu ihr herüber . Anfänglich klang es wie ein ferner , vereinzelter Hilferuf , aber allmählich reihten sich die Töne aneinander , sie kamen rasch näher . Es war eine schneidend scharfe , gellende , weibliche Stimme , die ein geistliches Lied mehr schrie als sang . Elisabeth hörte deutlich , daß das Wesen während des Singens schnell vorwärts lief . Plötzlich zerriß die Melodie und an ihre Stelle trat ein entsetzliches Gelächter , oder vielmehr ein Geschrei , das eine Skala von Hohn , Triumph und bitteren Qualen bildete . Eine schlimme Ahnung stieg in Elisabeth auf . Ihr Blick tauchte erschreckt in das Baumdunkel nach der Richtung hin , wo der Lärm sich näherte . Er verstummte in diesem Augenblicke jedoch wieder , und die Stimme begann das Lied von neuem ... jetzt aber kam sie wie im Sturmschritte heran . Elisabeth trat in die offene Thür des Turmes , denn sie mochte der wandernden Sängerin , die offenbar ein unheimliches Wesen sein mußte , nicht in den Weg kommen ; allein kaum hatte sie die Schwelle überschritten , als das Gelächter abermals und zwar sehr nahe erscholl . Jenseits des Rasenplatzes stürzte Bertha aus dem Walddickicht hervor , ihr zur Seite lief Wolf , der grimmige Hofhund des Oberförsters . » Wolf , faß an ! « kreischte sie , beide Hände nach Elisabeth ausstreckend . Das Tier jagte heulend über den Platz . Elisabeth warf die Thür ins Schloß und lief die Treppe hinauf . Sie gewann einen Vorsprung , aber noch ehe sie die Zinne des Turmes erreicht hatte , wurde drunten die Thür aufgestoßen . Der keuchende Hund stürzte herauf , ihm nach die Wahnsinnige , indem sie unausgesetzt ihren hetzenden Zuruf wiederholte . Atemlos erreichte die Verfolgte die letzte Stufe , sie hörte das Schnauben des ungebärdigen Tieres hinter sich - es war ihren Fersen nahe - , warf mit der letzten Kraftaufwendung die eichene Thür zu , die auf das Plateau führte , und stemmte sich dagegen . Einen Augenblick darauf rüttelte Bertha drinnen am Thürschlosse , es wich nicht . Sie tobte und warf sich wütend mit der ganzen Schwere ihres Körpers gegen die eichenen Bohlen , während Wolf abwechselnd heulend und knurrend an der Schwelle kratzte . » Bernsteinhexe da draußen ! « schrie sie . » Ich drehe dir den Hals um ... Ich werde dich bei deinen gelben Haaren nehmen und dich durch den Wald schleifen ! ... Du hast mir sein Herz gestohlen , du Mondscheingesicht , du Tugendspiegel , Scheinheilige ! Wolf , faß an , faß an ! « Der Hund winselte und schlug mit den Tatzen gegen die Thür . » Zerreiße sie in Stücke , Wolf , schlage deine Zähne in ihre weißen Finger , die ihn behext haben mit der Musik , die vom Teufel kommt ! ... Wehe , wehe ! Verdammt seist du da draußen , verdammt seien die Töne , die deine Finger hervorbringen ; sie sollen zu giftigen Mordspitzen werden , die sich gegen dein eigenes Herz wenden und es zerfleischen ! « Abermals warf sie sich gegen die Thür . Das alte Brettergefüge erzitterte und ächzte , aber es wich nicht unter den Stößen des kleinen ohnmächtigen Fußes . Elisabeth lehnte währenddem mit festgeschlossenen Lippen und bleichem Gesichte draußen . Sie hatte ein Stück Holz , das zu ihren Füßen lag , ergriffen , um sich nötigenfalls gegen den Hund zu verteidigen . Bei den Flüchen und Verwünschungen , die Bertha ausstieß , erbebte ihr ganzer Körper , doch sie richtete sich um so entschlossener und trotziger auf . Hätte sie einen prüfenden Blick auf das Thürschloß geworfen , so würde sie gemerkt haben , daß das Anstemmen ihrer zarten Gestalt ganz unnötig sei , denn ein mächtiger Riegel war vorgesprungen , gegen den die schwache Kraft der Wahnsinnigen nichts auszurichten vermochte . » Wirst du wohl aufmachen ? « tobte sie wieder drinnen . » Du durchsichtiges , zerbrechliches Ding ! ... Ha , ha , ha ! Goldelse nennt sie der alte Brummbär den ich hasse , wie das Gift ; der Alte will durchaus nicht fromm werden , er mag zur Hölle fahren , aber ich werde selig sein , selig ! ... Goldelse nennt er sie , weil sie bernsteingelbes Haar hat ! Pfui , wie bist du häßlich , du Füchsin .... Mein Haar ist schwarz , wie ein Rabenflügel . Ich bin schön , tausendmal schöner , als du ! Hörst du das , du Affengesicht da draußen ? « Sie schwieg erschöpft , auch Wolf unterbrach sein Zerstörungswerk an der Schwelle . In demselben Augenblick zog fernes Glockengeläute durch die abendstillen Wipfel des Waldes . Elisabeth wußte , was es bedeutete . Aus den Ruinen der alten Burg Gnadeck bewegte sich eben ein Leichenzug den Berg herab . Lilas sterbliche Ueberreste verließen das Haus , gegen dessen Mauern einst das schöne Zigeunerkind verzweifelnd die Stirn geschlagen hatte . Sie wurde durch den grünen Wald getragen , um deswillen vor zwei Jahrhunderten ihr Herz gebrochen war . Auch Bertha schien den Glockentönen zu lauschen . Sie regte sich nicht . » Sie läuten ! « schrie sie plötzlich . » Komm , Wolf , wir wollen in die Kirche gehen ... Sie muß droben bleiben bei den Wolken , die werden des Nachts über sie herstürzen , der Sturm reißt an ihren Haaren , und die Raben werden kommen und nach ihren Augen hacken , denn sie ist verflucht , verflucht ! « Gleich darauf begann sie das Lied wieder . Ihre schreckliche Stimme schlug grauenhaft gegen die engen Wände des Treppenhauses . Polternd lief sie hinab und trat unten aus der Thür . Sie sprang singend über den Plan , nach derselben Richtung , woher sie gekommen war , der Hund trabte nebenher . Nicht ein einziges Mal drehte sie sich um nach dem Turme ; nun sie ihn im Rücken hatte , schien sie bereits nicht mehr zu wissen , daß da droben hinter dem grauen Steingeländer der Gegenstand ihres Hasses stehe . Noch einmal tauchte ihr hochroter Rock aus dem dunkelnden Gebüsch auf , dann verschwand die Gestalt samt ihrem schrecklichen Begleiter . Allmählich verhallte auch ihr Gesang und bald trug die weiche Luft nur noch das Geläute zu der Einsamen auf der Turmzinne . Sie verließ aufatmend ihren Verteidigungsposten , den sie mechanisch noch inne behalten hatte , und griff nach dem Thürschlosse , aber der alte , eingerostete Knauf blieb so unbeweglich , wie unter Berthas Händen . Mit Schrecken entdeckte sie den vorgesprungenen Riegel , er hatte sie freilich wacker geschützt und verteidigt , indes hielt er sie auch gefangen . Er rührte sich nicht von der Stelle bei allen Versuchen und Anstrengungen ; ermattet und mutlos ließ das junge Mädchen endlich die Hände sinken . Was nun anfangen ? Angstvoll dachte sie an ihre Eltern , die gewiß schon in diesem Augenblicke sich um ihr Ausbleiben beunruhigten , denn sie hatte ja selbstverständlich der Beisetzung beiwohnen wollen . Um sie her scharten sich die gewaltigen Häupter des Waldes , hier und da noch rosig betupft von einem verblassenden , letzten Sonnenstrahle . Weit , weit da drüben schloß sich erst ein lichter Streifen an die dunkeln Massen , dort lag L. mit seinem stolzen , hochgelegenen Schlosse , dessen lange Fensterreihe eben noch einmal feurig aufblitzte und dann erlosch ... Und dort türmte sich der Berg mit den Gnadecker Ruinen , aber der Wald verbarg die traute Heimat ; nicht einmal die weithin sichtbare Fahnenstange war von hier aus zu entdecken . Die Hoffnung , gesehen zu werden , gab Elisabeth sofort auf , und ihr schwacher Hilferuf , das sagte sie sich ebenfalls , mußte ungehört verhallen , denn der Turm lag ja so tief versteckt im Forste , keine belebte Fahrstraße führte in der Nähe vorüber , und wer betrat wohl bei hereinbrechendem Abende noch die stillen Wege , die kein anderes Ziel hatten , als den Nonnenturm ? Trotzdem machte sie einen Versuch und schickte einen Ruf hinaus in die Lüfte . Wie schwach klang er ! Es kam ihr vor , als hätten ihn die nächsten Baumkronen eingesogen ; er hatte nur einige Raben in der Nähe aufgeschreckt , die nun krächzend über dem Haupte des jungen Mädchens wegflogen , dann war es wieder still , schaurig still . Die Lindhofer Kirchenglocken waren verstummt . Im Westen glimmte ein schwaches Rot , einige kleine Wölkchen zart besäumend , der Wald aber lag bereits im tiefen Abendschatten . Ratlos schritt Elisabeth auf dem Plateau des Nonnenturmes hin und her . Manchmal blieb sie an einer Ecke stehen , in deren Richtung das Lindhofer Schloß liegen mußte - denn das war dem Nonnenturm noch am nächsten - und erhob ihre Stimme zu erfolglosen Hilferufen . Endlich gab sie die Bemühung auf und setzte sich auf die Bank , welche , in die äußere Mauer des Treppenhauses eingefügt , von dem überstehenden Schieferdache desselben so ziemlich gegen Wind und Wetter geschützt wurde . Sie fürchtete nicht , die Nacht hier oben zubringen zu müssen , denn es lag wohl auf der Hand , daß man sie im Walde suchen würde . Bis man sie in ihrer Haft entdeckte , welche Stunden qualvoller Ungewißheit und Befürchtungen mußten die Ihrigen durchleben ! Dieser Gedanke ängstigte sie unbeschreiblich und steigerte ihre nervöse Aufregung . Alle heute empfangenen Eindrücke waren ja so schrecklicher Art gewesen , und sie mußte alles allein , ohne jedwede Stütze , als die ihrer eigenen moralischen Kraft , durchkämpfen ... Noch zitterten ihre Kniee infolge des letzten Angstmomentes ... Was mochte Berthas plötzlichen Wahnsinn zum Ausbruche gebracht haben ? Sie hatte von einem Herzen gesprochen , das Elisabeth ihr geraubt habe ; war wirklich , wie die Mutter in der letzten Zeit öfters die Vermutung ausgesprochen hatte , Hollfeld in die dunkle Geschichte verwebt ? Bei dem Gedanken an ihn tauchten alle die schmerzlichen Empfindungen wieder auf , die ihr Inneres heute durchstürmt hatten . Jetzt aber , wo sie still und unbeweglich an die Mauer gedrückt dasaß , dem dunkelnden Himmel näher gerückt , kein Zeichen des Lebens um sich fühlend , als das Wehen der feuchten Nachtluft , die schmeichelnd über ihr heißes Gesicht strich , jetzt brach der finstere Trotz , mit welchem ihr zertretenes Herz sich zu waffnen gesucht hatte , und ihre Augen wurden feucht ... Es war nun alles , alles vorüber ; sie hatte heute mit den Bewohnern von Lindhof gebrochen für alle Zeiten ! Helene hatte sie ihr Ideal geraubt , und Herrn von Walde , der gewähnt hatte , sie mit seiner in Gnaden gewährten Einwilligung zu beglücken , ihm hatte sie diese Gabe vor die Füße geworfen ... sie hatte ohne Zweifel seinen Stolz tief verwundet . Wahrscheinlicherweise sah sie ihn nie wieder ; er reiste fort und war froh , draußen den unangenehmen Eindruck los zu werden , welchen ihm das undankbare Benehmen der armen Klavierspielerin gemacht hatte . Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen , und die Thränen drangen zwischen den schmalen , weißen Fingern hervor . Inzwischen dämmerte die Nacht herein ; es wurde jedoch nicht völlig dunkel . Die schmale Mondsichel stand am Himmel , und die anderen leuchtenden Wanderer traten hervor und wandelten ihre Bahn , nicht ahnend , daß der mit ihnen im All kreisende Planet , die Erde , Millionen kleiner Welten in sich schließt , deren jede ihre Höhen und Tiefen , ihre brausenden Meereswogen mit Ebbe und Flut , ihre gewaltigen Stürme , selten aber die heilige Stille des Friedens hat . Im Turme wurde es lebendig . Aengstliches Stöhnen und leise Klagelaute drangen heraus . Es polterte schwerfällig auf der Treppe , schlug klatschend gegen die inneren Wände und klopfte an die Thür : die Eulen und Fledermäuse wollten ihre Abendbesuche machen und suchten vergebens den gewohnten Ausweg . Auch drunten im Walde knisterte und rauschte es ; das Wild brach aus dem Dickicht und schritt in vollkommener Sicherheit über die Lichtung ... Aus weiter Ferne , von Osten her , da , wo der Wald fast noch in unberührter Urwüchsigkeit und Wildheit in tiefe Thäler hinabstieg und an den jenseitigen Bergen ungebändigt wieder hinaufkletterte , klang bisweilen ein schwacher Knall herüber . Elisabeth schmiegte sich dann jedesmal leise erbebend fester an die Mauer , unter das schützende Vordach , als könne irgend ein unheimliches Augenpaar von dort herüber bis zu ihr dringen ; die dort jagten , hatten gebrochen mit dem Gesetze . Noch kam keine Hilfe . Ihre Sorge , daß sich die Eltern ängstigen könnten , war sonach ganz unbegründet gewesen . Auf alle Fälle vermuteten sie die Tochter noch im Schlosse , waren vielleicht sehr ungehalten über ihr Ausbleiben und warteten möglicherweise bis um zehn Uhr auf ihre Heimkehr . So konnte Mitternacht herankommen , bis man sie erlöste . Es wurde empfindlich kühl . Fröstelnd zog sie die leichte Mantille über die Brust zusammen