, und da Herbert seiner Freude an dem Schönen und Lieblichen in der Natur , wo er diesem begegnen mochte , nachgab , so blieb er stehen und betrachtete , wie die weichen Binsen und das Schilf sich nickend in dem Wasser spiegelten , daß es zu Zeiten aussah , als hingen die goldenen Sonnenreflexe wie strahlende Blumen an den schwankenden grünen Halmen . Er pflückte eine kleine breitblättrige Farre , die in dem Moose auf der Brücke gewachsen war , steckte sie an seinen Hut und folgte dann dem Andern , der ihn drüben am Ufer erwartete . Als Herbert sich wieder an des Amtmanns Seite befand , der offenbar mit der Frage seines Begleiters beschäftigt geblieben war , sagte Jener : Eine Ursache und einen Anfang muß freilich Alles haben , aber die Dinge haben meist mehr als Eine Ursache , und hier die Veränderung unter den Leuten hat deren viele . Und wieder brach er zögernd ab , bis der Baumeister ihn mit erneuter Frage zum Weitersprechen nöthigte . Sehen Sie , Herr Baumeister ! fing nun der Amtmann an , als sei er nun zu dem Entschlusse gekommen , herauszusagen , was er eigentlich dachte : sehen Sie , unser Herr Baron ist ein guter Reiter , und wer ein guter Reiter ist und es weiß , daß kein Pferd ruhig bleibt , wenn man ' s heute gehen läßt , wie ' s eben mag , und morgen scharf zusammennimmt , ohne daß es was verfehlt hat , wer ' s aus Erfahrung weiß , daß man das beste , frommste Thier im Handumdrehen verreiten und stöckisch machen kann , der , meine ich , sollte das auch auf den Menschen appliciren . Es ist schwer auskommen mit dem Herrn Baron ! Mein Vater hat ' s schon immer gesagt , es war besser unter dem seligen Herrn ! Herbert bemerkte , daß der Freiherr ihm weder streng noch hart erscheine , daß er im Gegentheil nur wohlwollende und menschenfreundliche Aeußerungen von ihm vernommen habe . Der Amtmann machte eine zustimmende Bewegung mit dem Kopfe . Das ist ' s eben ! meinte er . Streng und hart ist gar nicht das Schlimmste , dabei kann Alles gehen , denn der Mensch gewöhnt sich allmählich an das , was gleichmäßig geschieht , und besonders denkt der Bauer in solchem Falle : es könne denn eben nicht anders sein . Wäre der Herr Baron nur immer streng , und machte er es wie sein Vater und sein Großvater , die sich um gar nichts kümmerten , als um ' s Verzehren und Genießen , so ständen wir Alle uns besser . Aber er ist leider Gottes menschenfreundlich und hat ein weiches Gemüth , und dazu mag er im Grunde seines Herzens selbst zuweilen denken , daß es wohl nicht immer so auf der Welt bleiben werde , wie bisher . Da kommt ' s denn , daß er heute nachgiebt , was er morgen verweigert , daß er dem Einen erlaubt , was er dem Andern verbietet . Das macht böses Blut . Die Einen denken , wenn er das zugesteht , kann er auch mehr zugestehen ; die Andern sind ihm aufsässig , weil sie ihre Forderung nicht durchgesetzt haben , und zuletzt bade ich es aus , denn zuletzt muß ich vor den Riß treten , und mit mir macht er ' s dann auch nicht besser . Man weiß nicht , wie man mit ihm daran ist . Seit er geheirathet und die Pauline sich ertränkt hat , ist das Alles schlimmer geworden , und seit wir nun gar den - verzeihen Sie , daß ich es einmal sage - verwünschten Kirchenbau hier haben , ist vollends der Teufel los ! Der Amtmann sagte das offenbar mit fester Ueberzeugung . Indeß obschon dies Herbert nahe genug anging und ihn lebhaft beschäftigte , so erregte doch die Erwähnung eines Frauenzimmers , das sich ertränkt haben sollte und das offenbar in einem nahen Zusammenhange mit dem Freiherrn gestanden haben mußte , um der Baronin willen vor allem Andern seine Neugier . Er fragte nach den näheren Umständen , erfuhr den ganzen Hergang der Sache und alle ihre Einzelheiten , wie man sie eben in der Umgebung und Dienerschaft des freiherrlichen Paares kannte und betrachtete . Herbert war sehr von dieser Kunde betroffen und ergriffen , denn jetzt glaubte er plötzlich den Schlüssel für alles dasjenige zu haben , was ihm gestern überhaupt in dem Wesen und in dem Verhalten der Baronin auffallend erschienen war . Das arme , arme Weib ! rief er unwillkürlich aus , als der Amtmann geendet hatte . Der Amtmann stimmte ihm bei , denn er glaubte , Herbert spreche von Pauline , und er rühmte deren Schönheit und gute Eigenschaften . Herbert aber dachte nur an die Baronin . Er bedauerte , daß er dies Alles nicht schon gestern gewußt habe , er fürchtete , der Baronin nicht verständnißvoll genug begegnet zu sein , und machte sich Vorwürfe darüber , daß er durch seine Aeußerung ihr wundes Herz getroffen , oder daß sie gar in derselben eine unberechtigte Andeutung auf ihr schweres Schicksal gefunden haben könne . Während er mit dem Amtmann den Bruchstein besah und Farbe und Gehalt desselben prüfte , während man mit dem Aufseher und dem Meister überlegte , welcher Art von Bearbeitung und Polirung der Stein fähig sei und in wie viel Zeit man die geforderten Quadern und Säulen herstellen und beschaffen könne , blieb das Bild der Baronin ihm immer gegenwärtig , und die Vorstellung , daß er mit seinem Baue ihrem innersten Herzensbedürfnisse genüge , daß er ihr dazu helfe , ein Gelübde zu erfüllen , eine Buße zu üben , von der sie sich eine Befreiung ihrer Seele versprach , wurde ihm ganz besonders werth . Es fiel dem Amtmann auf , daß Herbert während der Verhandlungen so dringend wurde , daß er die Termine , welche er am Anfange der Unterredung und der Besichtigung leichthin als die früheste Ablieferungszeit bezeichnet hatte , bald als die letzte angesehen haben wollte , und er erinnerte ihn also daran , daß er ja selbst sechs Jahre für den Bau beansprucht , daß man also noch eine geraume Zeit vor sich habe . Auch der Baron habe , wie der Amtmann bestimmt wisse , bei seinen Geldmitteln und Geldbewilligungen mindestens an eine sechsjährige Dauer des Baues gedacht und auf die gleichmäßige Vertheilung der für denselben bestimmten Summe während dieser sechs Jahre gerechnet . Endlich , meinte er , hätten , um die Wahrheit zu sagen , diese ersten vier Jahre die ganze ursprünglich festgesetzte Summe verschlungen , so daß ein Innehalten und Zögern sehr geboten sei . Herbert hingegen machte geltend , daß er vor dem Baue der Kirche in Rothenfeld , eben der Kosten wegen , gewarnt habe und daß man um der auswärtigen Arbeiter willen nicht innehalten und nicht feiern dürfe . Das mußte der Amtmann halbwegs zugeben , und nach mannigfachem Hin und Wider und nachdem Herbert einige Proben des Gesteins hatte abschlagen lassen , die er versuchsweise nach der Stadt mitnehmen wollte , um dort mit Sachkundigen über ihre Behandlung sich noch zu besprechen , trat man den Rückweg an . Indeß der Amtmann fand Herbert nicht so gesprächig als vorher . Er schob dies auf die eben gehabte Erörterung , auf die Wärme des Tages , und sie schlenderten dann , auch nur hier und da ein paar Worte mit einander wechselnd , langsam durch das Thal , bis sie zu der Stelle kamen , an welcher des Steinmetzen Bube mit den Pferden ihrer wartete . Hier mußten sie sich trennen . Der Amtmann , welcher noch vor dem Mittage in den Forst zu reiten dachte , lud den Baumeister ein , ihn zu begleiten , weil es dort im Nadelholze schattig und kühl sei ; Herbert meinte jedoch , daß der Freiherr eine Auskunft von ihm erwarten könne , und wollte deßhalb bei guter Zeit wieder in Richten eintreffen . Er stieg also auf , der Amtmann that desgleichen ; als dieser jedoch den Fuß in den Bügel setzte und sich aufschwingen wollte , bemerkte er , daß sein Sattel nicht fest saß , und stieg ab , um den Sattelgurt fester zu schnallen . Und während er sich dazu bückte , sagte er , Französisch sprechend , wie er das gelegentlich gern that , um seine gute Erziehung zu beweisen : Ich darf wohl darauf rechnen , daß Alles , was wir heute durchgesprochen haben , unter uns bleibt ? Herbert versicherte , daß sich das von selbst verstände , und Jener fügte lächelnd hinzu : Es ist hier doch im Grunde immer noch so gut , wie rund herum , und wer die Herrschaften kennt , hängt ihnen an . Aber , lieber Gott ! sie sind einmal , wie sie sind ! Chien de chasse , chasse de race ! Die Männer wollen leben , und die Frauen wissen sich denn auch auf eine oder die andere Art zu trösten ! Er lachte dazu , denn er kam sich offenbar bei dieser Aeußerung wie ein Weltmann vor , und mit guter Manier den kleinen dreieckigen Hut zum Abschiedsgruße bewegend , während er dem Architekten ein : à revoir , Monsieur Herbert ! zurief , sprengte er davon . Sechstes Capitel Langsam und zerstreut ritt Herbert die Straße zurück , welche er am Morgen in so heiterer Stimmung durchmessen hatte . Er dachte an den Bau und an gewisse Berechnungen , welche er dem Freiherrn aufzumachen hatte , aber er rechnete schwer , er verrechnete sich öfter ; die Zahlen , die Maße wirrten sich ihm in einander , und dann ertappte er sich bisweilen auf jener Zerstreutheit , in welcher es uns scheint , als sei in unserem Denken ein Stillstand , eine Leere eingetreten , und in der wir uns fragen : Was habe ich denn eigentlich gedacht ? - weil die Reihe unserer Vorstellungen so blitzschnell an uns vorüber zieht , daß wir sie nicht festzuhalten im Stande sind und uns nur , man möchte sagen , des unwillkürlichen Erleidens einer unwillkürlichen Thätigkeit bewußt werden . Das ist ein quälender Zustand , und auch unsere Sinne werden in der Regel von demselben ergriffen , denn was wir in solchen Augenblicken sehen und vernehmen , gleitet anscheinend auch unerfaßt an uns vorbei , und doch kann es geschehen , daß man sich nach Monaten , nach Jahren irgend eines Eindruckes bewußt wird , den man in solcher Stunde empfangen hat . Das Pferd , welches fühlte , daß es sich selber überlassen sei , machte sich das zu Nutze . Der Tag war so drückend heiß , und , den Schatten der Bäume suchend , ging das Thier in gleichmäßig ruhigem Schritte der wohlbekannten Heimath zu . Herbert hing nachlässig im Sattel . Die Sonne brannte hernieder , aber er schien sie nicht zu fühlen . Er dachte an den linden Abend und an die frische Kühle der letzten Nacht , oder vielmehr , er dachte nicht an sie , sondern er empfand sie noch erquickend . Es war ihm , als träume er , aber als träume er einen schönen , glücklichen Traum , und er wußte doch nicht , was dieser ihm bringe oder biete . Alles war nebelhaft , Alles warm und beseligend . Er hätte nur immerfort so weiter reiten mögen , immerfort , immerfort ! Da mit einem Male wehte es ihn kühler und erfrischend an . Eine Wolke war über die Sonne hingezogen , sie verhüllte ihr Licht . Der ganze Himmel hatte angefangen sich zu bedecken , ein leiser trockener Wind erhob sich . Herbert sah umher : er war nicht weit mehr von Richten , er konnte das Schloß deutlich in allen seinen Einzelheiten unterscheiden . Grade so hatte er es damals erblickt , als er vor Jahren zuerst des Weges gekommen war . Damals ! Es dünkte ihn sehr lange her zu sein , jener Tag , denn damals war Alles anders gewesen , als jetzt , Alles anders ! Noch gestern war es anders gewesen - noch heute früh ! Was hatte er denn gedacht seit gestern ? Weshalb hatte er denn die Nacht so wundersam verträumt , und was hatte ihn so umgewandelt seit einer Stunde ? Das Blut schoß ihm zu Kopfe , er fuhr auf . Das Pferd , durch einen straffen Zügelgriff aus seiner freien Lässigkeit aufgeschreckt , sprang , sich bäumend , in die Höhe . Der Widerstand kam Herbert eben recht , und mit scharfem Spornstoß das Thier zusammennehmend , trieb er es vorwärts , daß es weit ausgriff und ihn gestreckten Laufes leicht dahintrug . Zu ihr ! das war die ganze Antwort , welche er sich zu geben wußte . Ein leidenschaftliches Verlangen brannte in seinem Blute , er mußte lachen , wenn er sich erinnerte , welche Rolle er gestern neben Angelika gespielt hatte . Er war sehr entschlossen , nicht wieder als ein blöder Schäfer vor der vornehmen Dame zu erscheinen , welche sich über das Unglück ihrer Ehe zu trösten begehrte . Er mußte darüber lachen , daß er dies nicht selbst gesehen hatte , daß ihm die Hingebung nicht auffallend gewesen war , mit welcher Angelika sich seiner Tröstung , sich seinem Schutze überlassen hatte ; und , so wechselnd ist der Sinn des Menschen , so leicht bestimmbar die heiße Phantasie der Jugend : er , der gestern in reinster , verehrender Liebe sein Herz der unglücklichen Frau zugewendet hatte , er versprach sich jetzt mit leidenschaftlichem Feuer , es der schönen Baronin zu beweisen , daß er nicht mit sich spielen lasse und daß er der Mann sei , zu begehren und zu gewinnen , was ihre Hingebung ihm zu verheißen geschienen . Im Schlosse angelangt , konnte er die Stunde nicht erwarten , da er sie wiedersehen sollte . Der Freiherr , welcher von seiner Rückkehr unterrichtet worden war , ließ ihn rufen , um von ihm zu hören , wie er mit dem Steine und der Bearbeitung desselben durch seine Neudorfer Leute zufrieden gewesen sei . Herbert mußte Auskunft geben , aber er hatte Mühe , dies mit der nöthigen Ruhe zu thun , denn es war öfter vorgekommen , daß Angelika sich solchen Besprechungen in dem Zimmer ihres Gatten unerwartet zugesellt hatte , und er meinte von Minute zu Minute den Schritt der Baronin , das Rauschen ihrer Gewänder zu vernehmen . Indeß sie kam nicht . Das verdroß den jungen Mann . Er wünschte sie zu sehen , weßhalb gewährte sie ihm die Freude nicht ? Als er von dem Freiherrn entlassen wurde , fragte er nach dem Ergehen der gnädigen Frau Baronin und sprach die Hoffnung aus , daß der Gang nach der Höhe ihr nicht geschadet haben werde . Der Freiherr nahm die Sache leicht . Es ist glücklicher Weise nur eine kleine Uebermüdung bei dem Spiel , sonst nichts , sagte er , und ich bin sicher , daß wir die Baronin heute wieder unter uns sehen werden , denn sie befand sich diesen Morgen wohl . Das hatte Herbert nur hören wollen , und er fing nun an , sich auf den Mittag zu vertrösten . Aber der Mittag kam , die Hausgenossen fanden sich zusammen und die Baronin fehlte . Was soll das bedeuten ? fragte er sich . Er hatte seinen Platz , wenn sonst keine Gesellschaft vorhanden war , zwischen dem Marquis und dem Caplan . Er erkundigte sich bei diesem Letzteren nach dem Grunde , der die Baronin von der Tafel entfernt halte , und erhielt den Bescheid , daß Renatus sich nicht wohl befände und Muttersorge Angelika bei dem Kinde festhalte . Herbert mußte seine Enttäuschung nicht gut verborgen haben , denn der Marquis sah ihn mit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln an , von welchem Jenem das Blut in die Wangen stieg . Der Amtmann hatte sich also nicht geirrt , auch der Marquis dachte von Angelika nicht anders , als von den anderen Frauen seines Standes . Um der Baronin willen , die sich von dem Kinde nicht trennen mochte , blieb man nach dem Mittagbrode nicht beisammen ; auch der Abend und der ganze folgende Tag verstrichen , ohne daß Herbert sie sah . Er fragte im Laufe desselben den Kammerdiener nach dem Knaben ; der schien aber gar nicht daran zu denken , daß dem Kleinen etwas fehle , denn er sagte gleichgültig , der junge Herr spiele und sei munter . Herbert glaubte zu bemerken , daß der Freiherr mißmuthig sei , es kam ihm auch vor , als beobachte die Herzogin ihn mehr als sonst ; indeß er war selbst zu aufgeregt , sehr darauf zu achten , denn jetzt erfuhr er es ja selbst , auch Angelika war nur eine herzlose Coquette , die , wie diese Frauen alle , ihre Freude daran hatte , seine Sehnsucht durch ihre berechnete Entfernung anzufachen und zu steigern . Der nächste Tag brachte den Sonntag , an welchem nach beendeter Roggenernte das kirchliche Dankfest für dieselbe gefeiert werden sollte . Da man seit der Bekehrung der Baronin auch strenger als früher auf die Kirchlichkeit der protestantischen Dienerschaft hielt , so hatte man Morgens die Dienstleute , welche man irgend entbehren konnte , in die Kirche nach Neudorf geschickt , und oben in der Schloßcapelle hielt der Caplan für die Herrschaften den gewöhnlichen Gottesdienst . Es war dadurch sehr still im Schlosse , und Herbert fühlte sich allein und innerlich gequält . Er sehnte sich noch immer nach einem Zusammensein mit der Baronin und sann doch darüber nach , wie er ihr die Pein vergelten wolle , die er eben um sie duldete . Er wußte nicht , ob er sie liebe oder hasse , und solches inneren Zwiespaltes ungewohnt , schalt er sich unmännlich , weil er sich aus demselben nicht sogleich befreite . Unzufrieden mit sich selbst , stand er am Fenster und beobachtete , wie vom Hofe die Leute nach der Kirche gingen , wie sie sich in Paaren , in Gruppen zusammenfanden , Jeder mit seinem Nächsten , seinem Freunde , und er war hier allein . Sein Zimmer , die alterthümlichen Möbel , die alten Oelgemälde sahen ihn so düster an , sein Aufenthalt in dem Schlosse ward ihm zuwider . Er war hier nicht heimisch , man brauchte ihn eben nur ; es kam ihm eine Sehnsucht nach Zuständen an , in die er hineingehörte , nach Menschen , mit denen er frei verkehren konnte , und schnell , wie man sich im Mißmuthe zu entschließen pflegt , setzte er sich an den Schreibtisch und bat den Freiherrn , ihn für die nächsten Tage gnädigst zu beurlauben , da er ein wenig in der Umgegend umherzustreifen und sie kennen zu lernen wünsche . Der Besuch der Steinbrüche habe ihn dazu verlockt , und er werde nicht ermangeln , sich nach ein paar Tagen wieder einzustellen . Das Schreiben übergab er dem Kammerdiener des Barons , hing eine leichte Tasche über die Schulter , und trat mit lachendem Selbstbewußtsein den Weg nach dem Amthause an , entzückt über seinen schnellen Entschluß , erfreut über die Kränkung , welche er nun seinerseits der Baronin zuzufügen hoffte , und angenehm bewegt von der Aussicht auf den guten Empfang und die einfach frohen Stunden , die ihm im Amthause nicht fehlen konnten . Mußte er sich doch ohnehin bei den Geschwistern , die das Haus voll Gäste hatten , entschuldigen , weil er , von seiner Aufregung hingenommen , ihrer Einladung zum Erntefeste ganz vergessen hatte . Im Schlosse nahm man nach dem Gottesdienste das Frühstück ein , als der Kammerdiener dem Freiherrn das Schreiben des Architekten brachte . Er las es und legte es bei Seite , aber da auf dem Lande ein Brief zu unerwarteter Stunde immer ein Ereigniß ist , fragte Angelika , was es gebe . Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme , sagte der Baron scherzend . Herbert hat neben manchen anderen guten und tüchtigen Eigenschaften von seinem Vater offenbar auch die Anfälle von plötzlicher Wanderlust geerbt . Erinnern Sie sich , lieber Caplan , wie sein Vater uns in Italien bisweilen plötzlich zu verschwinden pflegte ? Ist Monsieur Herbert abgereist ? fragte der Marquis . Ich habe ihn in der Frühe gesprochen , und er hat an Reisen , so viel ich merken konnte , nicht gedacht . Er schreibt mir , daß er sich in der Umgegend umsehen wolle , und bittet mich , ihn für ein paar Tage zu beurlauben . Die Baronin schien auf den ganzen Vorgang nicht zu achten , aber sie wurde roth , als der Marquis sie ansah , und die Herzogin beobachtete , daß sie nach einiger Zeit das Billet in die Hand nahm , es las und es dann auf die Seite legte . Sie war sehr zerstreut , und der Marquis , dessen gute Laune sich daran steigerte , war eifrig um sie bemüht . Seine feinsten Complimente und seine witzigsten Einfälle vermochten sie jedoch nicht zu fesseln , und als der Baron einen Besuch in der Nachbarschaft vorschlug , wünschte Angelika sich von demselben auszuschließen , obschon ihr Gatte ihre Sorge um den Knaben eine völlig aus der Luft gegriffene und unberechtigte nannte . Wie sie aber bei ihrem Vorsatze beharrte , ließ es sich die Herzogin nicht ausreden , ihr Gesellschaft zu leisten , und eine Meisterin in der Unterhaltung , mußte sie heute die Kosten derselben , als sie sich mit der Baronin dann allein fand , fast ausschließlich tragen , denn Angelika war und blieb zerstreut . Die Herzogin erzählte von ihrer Heimath , von ihren Freunden , von deren Schicksalen und Herzenserfahrungen , und kam so endlich auf sich selbst und auf ihre Jugendzeit zu sprechen . Indeß auf diesen Punkt gelangt , hielt sie mit einem Male inne , als gewahre sie erst jetzt , daß die Baronin ihr nicht folge . Es entstand also eine Pause . Angelika , durch dieselbe auf ihre Zerstreutheit aufmerksam gemacht , rückte , um ihre Unhöflichkeit zu verbergen , ihren Sessel an den Lehnstuhl der Herzogin heran und fragte , weßhalb sie ihre Mittheilungen so plötzlich unterbreche . Die Herzogin reichte ihr die Hand , so daß Angelika genöthigt wurde , sich ihr vollends zu nähern , schlug den Arm um den Hals der jungen Frau und sagte : Ich dachte an Sie , meine Theure , denn meine eigenen Erinnerungen geben mir den Maßstab für das , was Sie bewegt . Armes Kind , wenn Sie Vertrauen zu mir hätten , Sie , die ich Einsame wie eine Tochter liebe ! Wenn Sie das Vertrauen theilen könnten , welches der Baron mir treu erhalten hat und das ich zu verdienen weiß ! Angelika war von dieser Wendung des Gespräches überrascht . Vertrauen ? rief sie ; o gewiß , meine Freundin , ich vertraue Ihnen ! Aber was bestimmt Sie zu der Frage ? Sie wollte , von innerer Unruhe getrieben , sich erheben , die Herzogin hielt sie davon zurück . Der Zustand , in welchem ich Sie sehe , meine theure Angelika , die Gemüthsbewegung , in der Sie sich unverkennbar befinden ! sagte sie und brach abermals in ihrer Rede ab , denn sie wollte der Aufregung , in die sie Angelika versetzt hatte , Zeit zum Wachsen lassen und abwarten , wozu diese selbst sich entschließen würde . Aber die Baronin war strenger gegen sich , als Jene erwartet hatte . Sie schien sprechen zu wollen , schwieg dann wieder und sagte endlich mit einer Fassung , die ihr offenbar schwer wurde , ihrem edeln Wesen aber sehr wohl anstand : Ich glaube an die Freundschaft , theure Herzogin , die Sie für uns hegen ; gewiß , ich glaube fest daran ! Es giebt jedoch Dinge , die man nur mit sich selbst , mit sich selbst und mit seinem Gotte zu berathen und abzumachen hat , und was mich bewegt , gehört eben in den Bereich solcher Dinge . Denken Sie also nicht übel von mir und halten Sie mich nicht für undankbar , wenn ich die Hülfe , welche Sie mir bieten , in diesem Augenblicke nicht benutze . Sie drückte dabei der Herzogin zum Zeichen des Dankes die Hand , aber sie erhob sich . Die Herzogin , welche es Jemandem nicht leicht verzieh , wenn er ihren Voraussetzungen nicht entsprach , preßte unmerklich die schmalen , feinen Lippen zusammen , und unter den halbgeschlossenen Augenlidern schoß ein Blick hervor , der gewillt schien , nicht von dem Gegenstande abzulassen , welchen er sich zur Beute ausersehen hatte . In ihren Sessel zurückgelehnt , den Kopf gegen seine Kissen gestützt , so daß sie Gelegenheit hatte , den noch immer schönen Fuß weit von sich gestreckt unter dem Falbalas ihres Kleides hervorsehen zu lassen , nahm sie aus dem Strauße , der in der chinesischen Vase an ihrer Seite stand , eine volle Rose hervor , die sie bald gegen ihr Gesicht drückte , als kühle sie sich damit die Stirne und athme den Duft ein , und bald an der Spitze des Stengels zwischen ihren Fingern auf und nieder bewegte , wie Jemand , der an sein äußeres Thun nicht denkt . So verging eine geraume Zeit . Angelika , die sich nicht hatte entfernen wollen , um nicht den Schein des Mißmuthes auf sich zu laden , saß wieder vor ihrem Stickrahmen ; aber ihre Gedanken arbeiteten schneller , als ihre Hand , und sie mußten weitab von dieser Stelle gewesen sein , denn sie erschrak , als die Herzogin sie sanft mit ihrem Namen anrief . Angelika , wollen Sie mir erlauben , mich zu rechtfertigen ? fragte sie . Die Baronin versicherte , daß es keiner Rechtfertigung bedürfe , aber die Herzogin beharrte bei ihrer Absicht . Denn , sagte sie , ich bin gezwungen , aus Neigung und Dankbarkeit gezwungen , meine theure Angelika , mich in das Vertrauen zu drängen , das Sie mir verweigern . Ich habe , wenn auch nicht im Auftrage , so doch in Bezug auf Ihren Gatten mit Ihnen zu sprechen . Der Baron hat mir vor längerer Zeit es einmal mitgetheilt .... Die Baronin wollte sie unterbrechen , aber die Herzogin wiederholte schnell und bestimmt : Der Baron hat mir einmal mitgetheilt , in wie grausamer Weise der Friede und die Heiterkeit Ihrer Flitterwochen getrübt worden sind , mein liebes , armes Kind , und ich weiß Alles , was zwischen Ihnen damals vorgegangen ist .... Ich bitte Sie , rief die Baronin , der das Roth des Zornes und der Scham die Wangen färbte , ich bitte , Frau Herzogin , schonen Sie mein Empfinden ! - Sie stand abermals auf , um nun wirklich das Zimmer zu verlassen , aber auch die Herzogin hatte sich erhoben , und die junge Frau bei der Hand nehmend , sprach sie mit leisem ernstem Tone : Nicht um die Schonung eines augenblicklichen Empfindens , es handelt sich um die Zufriedenheit des Mannes , dessen Namen Sie tragen , um seine und Ihre Zukunft , wenn Sie es nicht lernen , sich zu fassen , sich zu beherrschen und der Welt zu verbergen , was ihr verborgen bleiben muß ! Nichts ist so leicht zu zerstören , als die Willensfreiheit eines edeln Herzens , welches sich schuldig weiß oder schuldig glaubt . Bestürzung , Schrecken , Zorn machten die Baronin stumm . Erst als ihre Gefährtin inne hielt , vermochte sie die Frage vorzubringen : Und mir dies zu sagen , Frau Herzogin , hat der Freiherr Sie ersucht ? Aber auf solche natürliche Frage war die kluge Herzogin gefaßt gewesen . Nein , versetzte sie , nein , mein Kind ! er hat mich nicht dazu beauftragt , aber ich glaube , daß Gott uns immer dahin stellt , wo wir zu nützen berufen sind , und ich möchte die Freundschaft verdienen , deren Segen ich hier genieße . - Sie schwieg eine Weile und sagte darauf : Verzeihen Sie einer alten Freundin Ihres Mannes , einer Verwandten , den Muth ihrer Freundschaft . Sie sind jung , mein theures Kind ! Sie sind unerfahren , das macht Sie unvorsichtig . Man vergiebt uns viel , man forscht nicht nach , wenn wir unsere Geheimnisse bewahren und ehren ; man verzeiht uns nichts , man bürdet uns alles Ersinnliche auf , wenn wir sie unvorsichtig Preis geben - und dies , meine Beste , thun Sie ! Die Zuversicht der Herzogin trug den Sieg davon . Angelika ließ sich müde auf das Sopha sinken , die Herzogin setzte sich an ihre Seite , und als stände ihr ein mütterliches Recht zu , sprach sie : Sie haben beim Beginne Ihrer Ehe eine jener schmerzlichen Erfahrungen gemacht , welche das Leben uns Frauen oftmals auferlegt ; aber statt sie schweigend zu tragen , statt durch Ihre Güte und Liebenswürdigkeit den Baron vergessen zu machen , daß er eine Vergangenheit gehabt hat , die Ihnen nicht gehörte , hat Ihre Strenge seinen innern Kummer gesteigert , daß er ihm fast unterlegen wäre , und Ihr Uebertritt zu unserer Kirche und der Kirchenbau - wie sehr ich beide segne - haben die Menschen doch tiefer in das Wesen Ihrer Ehe blicken lassen , als gut gewesen ist . Es hätte ja das Alles ein wenig später , ein wenig gelegener geschehen können , und Sie hätten den Baron und sich deßhalb nicht für eine lange Zeit zur Einsamkeit verdammen dürfen ! Die Höflichkeit , die Rücksicht auf die ältere Frau , welche Angelika bewogen , schweigend auszuharren , fingen an , ihre Frucht zu tragen . Ihr Zorn legte sich , denn es war etwas in den Reden der Herzogin , dessen Wahrheit sie nicht leugnen konnte . Sie