! Zu einer Zeit behielt man vom Zuge aus lange einen kahlen Hügel und auf diesem einen einzelnen Baum im Auge . Robert Wolf erinnerte sich ganz genau an diesen Baum , er verknüpfte keine deutliche Erinnerung irgendeines Bildes , irgendeiner Gedankenreihe damit ; er wußte nur , daß er diese unfruchtbare kahle Fläche , diesen Hügel , diesen einsamen Baum schon einmal gesehen habe und daß ihm damals recht schlimm zumute gewesen sei . Und doch hatte er das Leben ertragen , hatte Leid vergessen und Freude genossen , hatte viel gelernt und war älter geworden ; nun trug ihn das Schicksal wieder an diesem Baum , der damals im Regen und Nebel sich halb verbarg , vorüber , und leichte Wolkenschatten glitten über die Ebene und den Hügel - andere Gebilde am Himmel , andere Gebilde in der Seele ! Wo war der Groll gegen die schöne Eva Dornbluth geblieben ? Damals hätten alle Wasser , die zwischen dem Goldenen Tor und diesem einsamen Baum auf der deutschen Heide rollten , ihn nicht ausgelöscht - - und jetzt ? Wie nahe gerückt waren sich jetzt die beiden Herzen , trotz all der großen Wasser , trotz all der weiten Länderstrecken , die zwischen ihnen lagen ! Vorüber an Dorf und Stadt , weiter - immer weiter ! Durch Wald und Feld , weiter - immer weiter ! Was hatte der tote Bruder Fritz mit den sonnedurchglänzten Wäldern , durch welche der Zug brauste , zu schaffen ? Bei jedem Blick in das dicht verschlungene Grün , bei jedem Blick in die Lichtungen faßte das Gedenken an ihn , das Nachdenken über ihn - die Erinnerung den jungen Reisenden mit doppelter Gewalt . Fritz , weißt du noch ? Weißt du noch , Robert ? Im Wagen lachten und schwatzten die Passagiere , und ein ausgetrocknetes , gebräuntes , bärtiges Individuum sprach ein langes und breites von der Expedition in das Innere Neuhollands , an der es teilgenommen hatte , und von einer Fahrt nach Island , welche es jetzt unternehmen wollte . Halben Ohres horchte Robert auf die Erzählung und dachte an den Bruder , der auch so wild über kreuz und quer die Welt durchschweift hatte und der jetzt so still liegen sollte im Urwald am Yuba . O über den Wald , sein Licht und seinen Schatten ! O über das schwarze Eingeweide des Berges , durch welchen der Mensch seinem Feuerroß den Weg gewühlt hatte ! Vorüber an Dorf und Stadt , weiter - immer weiter ! Durch Wald und Feld weiter - immer weiter ! Heller Morgen , schwüldunkler Mittag - dämmernder Abend - Nacht auf den Feldern und Bergen - Lichter in den Häusern der Menschen - weiter , immer weiter ! Was hatte denn der Lichterschein aus den Fenstern der Hütten und Häuser mit Helene Wienand zu tun ? Je näher die Nacht kam , je heller die Lichter schimmerten , desto mehr mußte solch ein junges Menschenkind an sein verlorenes Lebensglück denken . Ruhig , ruhig , Herz ! Wie der Zug donnert über Brücken und Viadukte - du hältst ihn nicht auf durch deinen Willen , du hältst ihn nicht auf durch deine Seelenangst . Fortgerissen wirst du mit allen andern , fort , fort , bis der Haltepunkt , zu welchem dich dein Schicksal bringen will , erreicht ist . Weiter , weiter in schwindelerregender Hast ; ergib dich drein , Robert Wolf - - - - - - Angekommen ! Da war das Gewühl am Bahnhofe , die Polizeimannschaft , das Geschrei der Packträger , die Droschkenreihe ; da war die breite , menschenvolle Straße , die unendliche Linie glänzender Gaslaternen ; da war aber auch Julius Schminkert , melancholisch in der Eisenbahnhalle in das Getümmel starrend , wie unschlüssig , ob er ein Billett nach den Grenzen der Erde nehmen oder ob er zu Hause bleiben solle . Wie oft platzt in die elegischste , tragischste Stimmung der Spaß herein und macht das ernste Gesicht noch ernster , das finstere noch finsterer ! Julius Schminkert war da , und sein Freund und Wandnachbar konnte ihn nicht loswerden von seiner Seite . Aber der junge Mediziner erkannte den Schauspieler fast nicht wieder . Alle ungebundene geniale Liederlichkeit war aus dem Äußern des einst so jubelvollen darstellenden Künstlers verschwunden . Er trug jetzt einen soliden hohen Hut , und zwar etwas in die Stirn gezogen ; er war im Besitz eines sehr anständigen Rockes , und Hosen und Weste ließen ebenfalls nichts zu wünschen übrig . Sehr respektabel sah Julius Schminkert aus ; aber leider auch sehr gedrückt , sehr wehmütig ; Julius Schminkert war auch nicht mehr der frühere Julius Schminkert . Vorbei war das lustige Leben in den Lüften , das Flattern von Blume zu Blume . Der leichtsinnige Schmetterling schien sich die Flügel gründlich versengt zu haben . Neben Robert schritt der Parfümeriehändler , der Chef der Firma Schminkert und Kompanie her und hielt nicht hinter dem Berge mit seinen Kümmernissen . Es schien ihm Erleichterung zu gewähren , sich jemandem , der ihn in seinem frühern , leichtern Dasein gekannt hatte , mitzuteilen unter dem Druck einer schweren Gegenwart ; und schweigend , den eigenen Gedanken nachhängend , duldete der Schützling des Polizeischreibers Fiebiger das Gewinsel des einstigen Hausgenossen . » Hören Sie , Robert « , seufzte Julius , » sehen Sie , wissen Sie , es war eine brillante Hochzeit . Ich selbst hatte alles aufs beste arrangiert - Kranzjungfern , Delikatessen , Equipagen , Aufführungen , alles comme il faut . Ich möchte den sehen , der mir natürlichen Geschmack und Erfindungsgabe abspräche ! Die Musikantengasse konnte Maul und Augen , so weit sie wollte , aufsperren ; es war ihr doch absolut unmöglich , die erhabenen , angenehmen , rührenden und gemütlichen Vorgänge in der Nummer zwölf in ihrer ganzen vollen Bedeutung und Glorie aufzufassen . O ich war glücklich , überglücklich - se - lig , auf - ge - löst in Won - ne . Jungfräuliche Myrten - Erröten , Tränen - o Tränen , Robert ! Selbst die väterliche Schneiderseele , der teure Schwiegerpapa , Alphonso Stibbe , tailleur de Paris , vergoß etwas von jenem kostbaren Naß ; mit höchsteigenen Händen hatte er mein hochzeitliches Gewand gebaut , und er saß - ich meine den Frack - , er saß magnifique . So wurde das Meisterstück der Schöpfung und der Schneiderkunst - diesmal meine ich nicht den Frack - mein . Für Zeit und Ewigkeit wurden wir miteinander verbunden . Ich sollte ihr Herr sein , meinte der ehrwürdige Herr , welcher den feierlichen Akt der unauflöslichen Verknüpfung , gegen die gesetzlichen Gebühren und nach Vorlegung der notwendigen beiderseitigen Legitimationspapiere , mit uns vornahm . Ihr Herr ? O mon Dieu , Robert , Sie sind ein guter Kerl und sprechen nicht weiter davon - ihr Herr ? ! Nach Hause , nach dem eigenen Hause , Kranzstraße Nummer dreiunddreißig , wie Sie wissen , führte ich mein junges Glück : Parfümerien und Putzgegenstände , parterre , vorn heraus , sehr elegant , Spiegelscheiben , Samtfauteuils - hinten hinaus flitterwöchentlicher Ehestand , allerhöchste Seligkeit auf beschränktestem Raume , etwas feucht , dunkel und dumpfig - Wanzen ! - Da saß ich nun , umgaukelt von Amoretten und Amorinos , und der Handel ging gut , besser , immer besser ; o Robert Wolf , er ging endlich zu gut ! Handschuh , Handschuh , Wolf ! O dieses Handschuhanprobieren ! Welcher Gott legte Ihnen damals die Warnung davor auf die jugendliche Zunge ? - Haben Sie den Othello gesehen ? Ich sage Ihnen , meine Eifersucht fing klein an ; aber sie wuchs mit so fabelhafter Schnelligkeit , daß man sie wachsen hörte . Ja , die Nachbarn hörten sie wachsen und machten ihre Glossen darüber . Dazu nahm meine Huldin einen Ton an - Diskantschlüssel - , der mich nicht wenig frappierte ; mit unendlicher Grazie setzte sie mich auf den Mokierstuhl und - und da sitze ich noch , Robert Wolf ! Sollte man nicht wünschen , daß die Firma Schminkert und Kompanie zwischen jetzt und morgen Bankerott mache ? - Und er soll dein Herr sein - krasseste Ironie ! Der Schwiegerpapa hat ' s auch nicht besser getroffen ; - o Robert , was für ein glücklicher Mensch Sie sind ! Doch hier ist mein Geschäft ; - Julius Schminkert und ein Geschäft - auch nicht übel . Nun sehen Sie , allerneueste Pariser Neuigkeiten ! Bitte , sehen Sie da ! Famos ! nicht wahr ? « Mit einem Seufzer wies Julius auf die hellerleuchteten Spiegelscheiben seines » Etablissements « , in dessen Schaufenstern alle die Sachen und Sächelchen , mit welchen die Firma Schminkert und - Frau handelte , so verlockend und reizend als möglich dem Publikum vor die Augen gestellt waren . Trotz seiner Bedrücktheit schien der bejammernswerte Geschäftsmann den äußern Effekt , den glänzenden Anblick mit weiter geöffneten Nasenlöchern einzuschlürfen . Für einen Augenblick verlor sein Gesicht den Ausdruck der Zusammengekniffenheit , und seine Züge legten sich auseinander wie die Blätter einer Stockrose unter einem erfrischenden Regenschauer . Aber der glückliche Augenblick ging blitzschnell vorüber , als über die Schwelle , aus dem Laden hervor , ein junger Herr trat , ein Paar neugekaufter Glacéhandschuhe fester über die Finger ziehend . Hinter ihm erschien holdlächelnd , mit der Taille einer Wespe , frisiert à l ' impératrice , Madame Angelika Schminkert geborene Stibbe , in potenziertester Liebenswürdigkeit den Abschiedswink des jungen Herrn beknicksend . Der Ehemann knurrte einen Theaterfluch , Robert Wolf aber fuhr zusammen und faßte die Unterlippe mit den Zähnen : der Kunde der schönen Modewarenhändlerin war kein anderer als Herr Leon Freiherr von Poppen , der Verlobte Helene Wienands . Mit ausgesprochener Bonhomie grüßte der Baron den Gatten Angelikas , und dieser mußte den Gruß erwidern und sehr dankbar sein für die Kundschaft und Ehre . Ob der treffliche Diplomat den Zögling des Sternsehers erkannte , blieb zweifelhaft , jedenfalls zeigte er weder Freude noch Kummer darüber ; - - er war ein sehr brauchbarer Mensch , und seine Vorgesetzten fingen immer mehr an , ihn als ein großes Talent zu schätzen und zu verwenden ; er hatte eine große Zukunft , und die Gegenwart war auch nicht zu verachten . Er streifte Robert fast im Vorbeigehen , und dieser schlug ihn nicht zu Boden , sondern wich nur zurück wie vor einem giftigen Tier ; er starrte ihm nach , wie er um die Ecke sich wandte . An der Ecke fiel der Schein der Laterne noch einmal voll auf das gelbliche Gesicht , das jetzt ein höhnisches Lächeln überflog ; - jetzt berührte Leon von Poppen den Hut gegen Robert Wolf , dann verschwand er , und nur noch einmal sollte ihn Robert wiedersehen . Die Gattin schwebte dem Gatten entgegen , Robert ließ sie beide an ihrer Ladentür ihre Gefühle austauschen und eilte schnellern Schrittes durch den Lärm der Straßen der innern Stadt , der alten , treuen Musikantengasse zu . Er kreuzte die Stelle , auf welcher er vor dreiundeinemhalben Jahre in Schmutz und Blut lag . Damals wie jetzt ging ihm ein tiefer Schmerz durch die Seele ; aber das heutige Weh war fast noch schärfer , bänger als das damalige , obgleich es ruhiger ertragen wurde . Mit klopfendem Herzen stand Robert still ; er sah sich im Gefängnis , er sah den bärtigen Schließer , hörte den Regen an die trüben vergitterten Scheiben schlagen , erblickte den Wachtmeister Greiffenberger und den langen Gang , der zum Büro Nummer dreizehn führte . Ganz deutlich atmete er wieder den eisig-ungesunden Hauch , welcher durch das ganze Polizeigebäude zog ; - im Büro dreizehn stand er vor dem Rat Tröster : wie konnte es geschehen , daß der Hauptmann von Faber , welcher jetzt den Tod Friedrichs meldete , damals in demselben Büro auf der Armensünderbank saß ? Nun tauchte plötzlich über das hohe Pult das Gesicht des Polizeischreibers Fiebiger auf , das treue geliebte Gesicht mit den klaren schlauen Augen , den hundert Falten - gesegnet sei das teure Haupt ! Und neben dem Gesicht des Greisen das andere Gesicht ? O Helene , Helene ! Das Volk drängt sich wild im Kreis , zu Boden liegt der Knabe aus dem Winzelwalde - dunkel ist der Himmel - o das Gesicht , das Gesicht , das andere Gesicht - Helene , Helene ! ... Im jähen Schreck fuhr Robert zusammen ; eine Hand legte sich ihm plötzlich auf die Schulter : der Polizeischreiber Fiebiger stand nicht mehr als Traumgebild , sondern in natura hinter ihm : so runzlig , so vertrocknet , so klaräugig wie immer . Er zog den Schützling in seine Arme : » Da bist du ! Hab ich dich wieder ? Ruhe , Ruhe ! Mut , Mut ! « » Mein Vater , mein Freund ! O mein Vater ! « rief Robert Wolf , und der Alte , unfähig , seine Erregung , seine Rührung auf andere Weise zu verbergen , stürzte sich sogleich , Hals über Kopf , in seinen gewöhnlichen Ton : » Komm , komm , mein Junge . Der hohen Polizei ist es am wenigsten gestattet , eine Szene auf offener Straße hervorzurufen - weder tragisch noch komisch . Ist ganz , ganz gegen das Reglement ! Komm nach Haus , lieber Junge , mein wackerer Junge - der arme Fritz , die arme Eva - komm fort ! Doch halt , sieh , wer da kommt ! « Jetzt ließ Robert Wolf die Hand des alten Freundes los und eilte hastig einer kleinen , schwarzgekleideten Dame entgegen , welche dicht vor ihnen aus der Menge auftauchte und ebenfalls schnell auf die beiden Männer an einem Krückstock zuhinkte . Die kleine schwarze Dame faßte ohne Scheu , vor allen Menschen , den Studenten gleichfalls in die Arme : » Gott segne dich , mein armer Junge ! Ach Robert , Robert , was muß man erleben in der Welt ! Wenn man glaubt , nun sei einem alles mögliche gebrannte Herzeleid angetan , so ist immer noch ein Stück zurück , welches einem die Last schwerer und die Augen trüber machen kann . Welche traurige Botschaft ist uns übers Meer von deinem Bruder , von der schönen Eva , seiner Frau , gekommen ! Aber was hilft ' s , auf der Straße , auf dem Markt davon zu schwatzen ! Jetzt wollen wir gehen ; ich meines Weges , ihr des eurigen ; nachher , Fiebiger , treffen wir uns bei Heinrich : er soll uns sagen , was die Sterne darüber denken : ach Gott , ' s ist immer doch nur ; après la mort le médecin ; wenn der Jammer ausgeflossen ist , stopft man das Loch mit Philosophie , mit schönen Redensarten zu . « Das Freifräulein Juliane von Poppen winkte den beiden , ihr nicht zu folgen , und hinkte gesenkten Hauptes weiter ; sie schämte sich zu sehr , daß sie sich von dem ausgezeichneten Neffen so kläglich hatte hinters Licht führen lassen , und für einen Charakter gleich dem ihrigen war solche Scham fast vernichtender als der Schmerz . Der Polizeischreiber sah ihr traurig nach und sagte : » Am liebsten würde sie einen härenen Sack anziehen und barfuß durch die Gassen gehen . Komm , Robert ; und nimm dir ein Beispiel an der alten Frau , ich will es auch tun . « In wehmütigem Schweigen setzten der Greis und der junge Mann ihren Weg zur Musikantengasse fort ; und wieder einmal sah sich Robert in den grauen , tabakverräucherten Räumen , in denen er geistig soviel erlebt , in denen er soviel geträumt , soviel gelernt hatte . Inmitten dieser alten schäbigen und doch so freundlichen Wände , inmitten dieser abgelebten , wackligen Gerätschaften - hier , inmitten seiner eigentlichen Heimat , kam ihm jetzt mit doppelt erschreckender Klarheit die Vorstellung , wie er nun wieder von allem , was er um sich her aufgebaut hatte zu seinem Glück , erbarmungslos losgerissen und in das Ungewisse , Lieblose , Fremde , Wirre und Verderbliche hinausgeschleudert sei . » O mein Freund , mein Vater , was soll ich tun ? « rief er . » Woran soll ich mich halten ? Was bleibt mir in der ganzen weiten Welt ? « » Mein lieber Junge , das mußt du allgemach selber wissen ! « antwortete der Polizeischreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen . » Vielleicht kann dir aber der Alte dahinten im Giebel etwas dazu sagen - du weißt , aus der Höhe übersieht man alles am leichtesten und besten . « Siebenundzwanzigstes Kapitel Robert Wolf beweist , daß man auf den alten Fleck zurückkommen kann , ohne von dort die Welt in der alten Weise anzusehen . Der Baron Leon von Poppen steigt zu dem Observatorium des Sternsehers Heinrich Ulex empor Die Sterne gaben in dieser Frühlingsnacht einen Schein so rein und klar wie selten . Wie junge Mädchen im Tanz lachten und winkten sie einander zu , und der Mensch auf dem Stern , Erde genannt , wurde darob teilweise ungemein feierlich gestimmt und fragte sich , worüber eigentlich die da droben sich unterhielten . Harmlose , naive Individuen , wie zum Beispiel der Schreiber dieses , dachten bei diesem Winken und Nicken an kosmische Ballangelegenheiten , spaßhafte Vorkommnisse beim letzten Sphärenkonzert , an tölpelhafte Courschneidereien irgendeines landjunkerhaften Kometen , an das letzte Zerwürfnis zwischen Venus und Mars . War vielleicht der dicke zerstreute Oberappellationsgerichtsrat Saturnus wieder einmal in eine komische Verlegenheit geraten ? War der alten boshaften Jungfer , dem Fräulein Vesta , ein gesellschaftliches Malheur begegnet ? Wer kann es wissen ? - Ernstere Charaktere , wie der Sternseher Heinrich Ulex , dachten freilich ernster über das Raunen und Winken in der Höhe ; aber auch sie mußten den irdischen Gewalten nachgeben und sich ihren erhabenen Grübeleien entreißen , wenn es - an ihrer Tür klopfte . Laß die Sterne , Heinrich Ulex , schieb den Türriegel zurück und tröste deinen Schüler , welcher sich an deine Brust werfen will und Trost von dir verlangt ! Still und ohne Eifersucht sah der Polizeischreiber den zärtlichen Begrüßungen , die zwischen dem alten Gelehrten und Robert Wolf stattfanden , zu . Die beiden Greise teilten sich gern in die Liebe des jungen Heimatgenossen , weil jeder den Wert dessen , was der andere gegeben hatte , bereitwilligst anerkannte . Alles fand sich in dem Museum des Sternsehers im Giebel von Sankt Nikolaus noch am alten Fleck . Da stand die Sphaera armillaris zwischen den Manuskriptenhaufen , da hing an der Wand die mensa Isiaca zwischen den ernsten Bildnissen Keplers und Galileo Galileis . Ernst blickten von der entgegengesetzten Wand Kopernikus und Herschel hernieder ; - der große Tubus am Fenster richtete immer noch die Nase nach oben . Man ahnt gar nicht , wie sehr Leute , die ganz im Geistigen zu leben und aufzugehen scheinen , von geringfügigen Äußerlichkeiten abhängen : dem Polizeischreiber Fiebiger wär ' s höchst gleichgültig gewesen , wenn ihm irgendein Geschick seine Häuslichkeit total durcheinandergeworfen oder ganz zerstört hätte ; den Sternseher Ulex hätte eine Verschiebung der gewohnten Gerätschaften aufs ärgste verstört , ihn recht unglücklich gemacht . - Eben fuhr der Greis über das Gesicht Roberts sanft mit der Hand : » Fort mit den bösen Falten ; sie haben noch immer nicht das Recht , sich hier finden zu lassen . « » Ach mein Vater , ich bin so hart bedrängt von allen Seiten ; die Falten kommen wie der Dieb in der Nacht ; mit dem besten Willen vermag ich nichts dagegen . « Der Greis schüttelte traurig das Haupt . » Es ist wahr , mein armes Kind , es werden dir viel Bitternisse zuteil . Böse Nachrichten haben wir aus der Ferne vernommen , und was die Nähe bietet , häuft Leiden zu Leid . Mein armes Kind , am liebsten behielte ich dich wieder hier ; du nähmest dann dort deinen Platz am Tisch - sieh , der Homer liegt noch an seiner Stelle - von neuem ein , wir schlössen die Tür und öffneten sie nur den nächsten Freunden und sähen nach den Sternen , soviel das Gemäuer , das dort auf jener Brandstätte wieder emporgeschossen ist , uns davon übriggelassen hat . O wir wollten doch noch schöne herrliche Sterne und Sternbilder finden ; aber - « » Aber es geht nicht ; die Sterne wollen es nicht , Heinrich « , sagte der Polizeischreiber , » und die Sterne sind sehr mächtig und kümmern sich blutwenig um das , was die Leute , denen sie die Suppe des Lebens versalzen , dazu sagen . « » O Fritz , die Sterne sind nie höhnisch , sind nie falsch ; sie freuen sich nicht über das Elend der Erdgeborenen ! « rief der Astronom . » Wer ihnen folgt , mag wohl seinen Pfad mit Tränen nehmen müssen , aber es ist doch der rechte Weg ; er führt in die Höhe , und was nach oben führt , das verspottet und verachtet der Mensch nicht ungestraft . Tretet an dieses Fenster und blickt hinaus ! « Der Polizeischreiber und Robert folgten dem Wink und sahen in die klare Nacht ; der Sternseher stand zwischen ihnen und deutete feierlich in die Tiefe : » Dort unten sah ich , einige Tage nach jener großen Feuersbrunst , einen Mann stehen , welcher durch das wilde Element ein wenig von seinen irdischen Gütern verloren hatte , dem aber Gott viel Gutes erhalten hatte . Um den Mann her lagen hohe Trümmer , sein Fuß trat auf schwarzen Schutt und Staub , und hie und da wand sich noch schwarzer Qualm aus der Verwüstung . Durch mein Glas sah ich das Gesicht des Mannes ganz klar und genau , und mein Herz schlug laut und ängstlich , denn ich wußte , Gott hatte jenen auf einen Scheidepunkt gestellt . Himmel und Erde kämpften in seiner Brust , ich aber kämpfte diesen Kampf mit ihm und für ihn durch , und eine tiefere Bangigkeit ist mir auch selten durch das Herz gegangen . Wie soll ich euch beschreiben , was ich in diesen schwankenden Augenblicken für jenen Mann fühlte ? Ich kann euch nur sagen , was mit ihm geschah . Er sah nicht nach oben ; am Staub klebte sein Auge , die schwarzen Trümmer nahmen seine Seele gefangen , und kurz nur war das Ringen gegen die dunkle Gewalt , die uns zu Füßen liegt und die uns ewig zu sich herabziehen will . Viel schöne Namen haben wir dafür , prunkende , farbige Hüllen werfen wir darüber ; aber der Staub bleibt nichtsdestoweniger Staub , und aus den glänzenden Hüllen kriecht es empor und umschlingt Glied auf Glied - nieder ! nieder ! Wie viele Leiber erstickte , wie viele Seelen begrub die Asche , über welche unser Fuß durch dieses Leben schreitet ? Hätte jener Mann , der auf den Trümmern seines verbrannten Hauses stand , den Blick nach oben - nach den Sternen - gerichtet , er wäre gerettet gewesen ! Er tat es nicht , und er ging unter - unter , erst in der Nacht des Wahnsinns ; dann , als der Körper die Krankheit überwunden hatte , unter in dem Leben , welches ihr kennt . Er ist ein harter , liebloser , selbstsüchtiger Mann geworden ; nur das , was den täglichen erbärmlichen Vorteil , die Ehre der Welt und das Geld bedeutet , kennt er noch ; was darüber liegt , hat keinen Sinn mehr für ihn . Fragt nun seine Leute , fragt sein Kind , fragt die Arbeiter in seinen Fabriken , was das für sie bedeutet . O Friedrich , alter Freund , o Robert , lieber Sohn , sehet nicht zu Boden in der Unglücksstunde ; aufwärts zu den Sternen richtet den Blick ; bei den Sternen ist Heil , zu euern Füßen findet ihr nur Untergang und Verwesung . « Robert Wolf sah den Greis mit leuchtenden Augen an ; aber der Polizeischreiber zuckte doch ein wenig die Achseln und sagte : » Du hast gut reden , Heinz . Hier sitzest du auf deinem Turm und hast Beine und Füße hoch in die Luft gezogen ; aber - aber ! Die Herren und Damen in der Arche mochten wohl , als dieses ausgezeichnete Fahrzeug flott wurde , mit dem Gefühl der persönlichen Sicherheit dem Jammergeschrei der ertrinkenden Mitbrüder und Mitschwestern lauschen , aber ich beneide sie darum doch nicht . Die Familie Noah nahm jedenfalls auch ihren Ballast an Erdenschuld mit an Bord : der frivole Spaßvogel Harn wie die andern . Ich meine , wir sind allesamt gleich vor dem Herrn ; der Meister Noah und seine Familie wurden nur wie die Tierpärlein in ihrer Eigenschaft als Gattungsexemplare gerettet , nicht etwa als Tugendausbündler . Wir haben uns beide auf die Schmetterlingskunde gelegt , Ulexius . Du jagst den goldglänzenden Dingern mit azurblauen Flügeln , die in der reinen Luft der Höhe geboren werden und schweben , nach ; ich liebe es , zu sehen , wie ähnliche Wesen auch aus dem Schlamm , aus der Verderbnis sich strahlend erheben und über dem Sumpfe flattern . Arme Dinger , wer kann sagen , ob es eure Schuld ist , wenn ihr flügelmatt , nach kaum begonnenem Flug , wieder herabsinkt , um im Schmutz zu verkommen ? Es ist aber auch nicht alles Schlamm und Sumpf zu unsern Füßen ; nahrhaften Acker und Gartenland , trefflichen Wiesenboden gibt es auch , und der Mann , der im Unglück sich daran hält , mag so gut sich dem Elend entringen wie der , welcher nach - den Sternen sieht . Am besten ist ' s , man tut das eine und läßt das andere nicht . Also , Robert , mein Rat ist : halte dich mit den Händen und im Notfall auch mit den Zähnen an dem Gewande unserer alten Mutter Erde ; die Augen aber richte empor zu den Sternen des weisen Meisters Henrici Ulexii , privilegierten und patentierten Sternguckers und Platonikers im Giebel des vormaligen Klosters Sancti Nicolai . Auf der Erde halte dich an die Dinge selbst , an die Materie , mögen sie Ecken und Kanten haben , soviel sie wollen ; verachte aber nicht die Ideen , welche über der Materie sind . Nachher magst du dem Ganzen Namen geben , wie du willst . Und wenn du gar kein Wort dafür finden solltest , wird der Schaden auch nicht allzu groß sein . He , Heinrich Ulex , war das nicht gesprochen , als ob der Sohn des Ariston im akademischen Biergarten vor dem Thriasischen Tor das Wort gehabt hätte ? « » Semper idem ! « sagte der Astronom lächelnd ; da klopfte es wieder an die Tür . » Schiebe deinen Riegel fort , Mann des Ideals « , brummte Fiebiger , » der Schritt , welcher da sich naht , wandelt auch nicht immer auf rosigem Gewölk , sondern oft über recht holpriges Pflaster , faulende Bohlen und morsches Estrich ; aber er steigt doch vielleicht auch bis zu deinen Höhen . « Heinrich Ulex neigte , während er seine Riegel zurückstieß , das Haupt und sagte einfach und leise : » Du hast recht , Fritz ! « Über die Schwelle des Observatoriums trat das Freifräulein Juliane von Poppen , und hinter ihr erschien - o Robert Wolf , was sagte dein Herz ? - , hinter ihr erschien , bleichschüchtern , das liebliche Gesichtchen Helene Wienands . » Seid gegrüßt , ihr Herren « , sprach das alte Fräulein ungemein feierlich . » Ich komme heute früher , dieses Kindes wegen ; ich hielt es für wünschenswert , daß es diesen Abend in unserer Mitte zubringe - so ist es hier ; gib dem Fräulein die Hand , Robert . « Wie sich Robert und Helene einander in die Augen sahen , was sie bei dieser Zusammenkunft fühlten , können wir nicht beschreiben . Sie reichten sich wortlos die Hände , und die Alten sprachen zuerst ebenfalls nicht und sahen nur mitleidig auf die beiden jungen Leute . Dann nahm Heinrich Ulex die Hand der Tochter des Bankiers Wienand und führte selbst sie zu einem Sitze . Es lag etwas unendlich Zärtliches und zugleich Trauriges in der Art , wie er sich um das junge Mädchen bemühte . Nun saßen sie alle im Kreis und bedachten den Ernst des Lebens , und die großen Astronomen , die in ihrem Leben auch soviel getragen hatten , schienen noch ernster als gewöhnlich aus ihren Bilderrahmen herabzublicken . Es sprach das Fräulein von Poppen : » Ich wußte eigentlich nicht recht , ob es gut sein würde , wenn ich mein Kind an diesem Abend hierher brächte ; ich wäre beinahe mit ihm unten an der Treppe noch umgekehrt . Jetzt aber weiß ich , daß es gut ist ; wir müssen uns gegenseitig aussprechen , und Helene Wienand darf dabei nicht fehlen ; selbst ihr Vater könnte ihr das Recht , hier zu erscheinen , nicht streitig machen , und so habe ich sie hergeführt , daß sie höre und selbst spreche . Robert , du bist von allem , was uns Frauen betrifft , unterrichtet ? « Robert senkte den Kopf und sagte : » Ja . Im Kabinett des Königs liegt das Adelsdiplom des Herrn Bankiers Wienand zur Unterzeichnung vor . Sobald dasselbe ausgefertigt ist , soll - soll - « » Soll die Verlobung meines Neffen , des Barons Leon von Poppen , mit Fräulein Helene von Wienand der Stadt verkündigt werden ! « rief das Freifräulein . » Abgemachtes Geschäft - Vorteil auf beiden Seiten - nichts mehr dagegen zu machen ; das Haus von Poppen hat eine gute