auffahren , die in allerhand Extravaganzen übergehen : das ist der höchste Triumph , den man in dieser Existenz feiern kann . Auch Judith errang ihn und mußte ihn erringen wollen . Ohne ihn - hätte sie ja ihre Laufbahn verfehlt . Sie mußte es zu einem Gegenstand ihres ernsten Studiums machen , durch einen Blick , einen Ton , eine Stellung die elektrische Kette des Beifalls in Bewegung zu bringen . Sie mußte die Falte ihres Gewandes , die Haltung ihres Kopfes , den Aufschlag ihrer Augen , ihr Lächeln , ihren Gang , alles und jedes , Großes und Kleines , auf den Effekt berechnen , den sie hervorzurufen hatte , und mußte es dahin zu bringen suchen , daß der Eindruck von Berechnung hinter dem der einfachsten Natürlichkeit verschwinde , wozu allerdings ein großes Talent gehört . Aber weil sie es hatte , so fand sie auch Vergnügen daran es zu üben . Höchst lästig war ihr hingegen die Huldigung , die man ihr außerhalb der Bühne darbrachte . Sie wollte durchaus ihre Person in Schatten und nur ihre Kunst in ' s Licht stellen . Allein bei ihrer Kunst macht die Person selbst einen wesentlichen Teil und Gegenstand derselben aus : wie der Bildhauer seinen Marmorblock , muß der Schauspieler seine Person behandeln und bearbeiten , und da Judith diesen Teil ihrer Kunst auch außerhalb der Bühne beibehielt , so mußte sie es sich gefallen lassen , auch außerhalb derselben Huldigungen entgegen zu nehmen , die oftmals ihr stolzes Herz tief verletzten . Niemand glaubte an die kalte Gleichgültigkeit ihrer Erscheinung im gewöhnlichen Leben ; einige hielten es für Koketterie , andere für Maske , noch andere fanden den Schlüssel - in einer unglücklichen Leidenschaft , die ja durchaus bei jeder Erscheinung , welche der Alltagswelt nicht klar ist , eine Hauptrolle spielen muß . Von den Verhältnissen , welche sie auf die Bühne geführt hatten , sprach sie nie . Nur gelegentlich äußerte sie einst , daß sie eine spanische Jüdin sei . Sie lebte bei ihren Eltern , erschien nie öffentlich ohne ihre Mutter , und ihr Vater trieb sein Geschäft nur nach Lust und Laune , um nicht in die Langeweile der Untätigkeit zu versinken . Als der Winter und mit ihm Judith ' s Engagement in Lissabon zu Ende war , ging sie nach Amerika . Europa hatte noch nicht wieder das gehörige Gleichgewicht gewonnen , um sich für die Nachtigal von Cintra zu fanatisieren ; es lag noch in den letzten Krämpfen der momentan gebändigten Revolution . Nach England hätte Judith freilich gehen können ; aber sie wußte , daß sie dort als eine Berühmtheit auftreten mußte , wenn sie gefeiert werden wollte . Diese Berühmtheit gab ihr das an der äußersten Grenze von Europa gelegene Lissabon nicht und deshalb wählte sie Amerika , das geld- und städtereiche , als den entsprechenden Schauplatz für ihre künstlerischen Großtaten . Sie gelangen ihr über alle Erwartung . Judith trat als Opern-und Konzertsängerin auf ; wo keine Bühne war - oder keine , die ihr zusagte - war doch gewiß ein Saal zu finden , und das Konzert bildete sie allein . Manche hörten sie sogar am liebsten im Konzert , weil man sie dort in ihrer eigenen Persönlichkeit , anstatt in einer Rolle sah ; und dies Sehen gehörte wesentlich zum Hören ! Wenn sie so da stand , immer weiß und einfach gekleidet ; immer in ruhiger edler Haltung , immer mit ihrem melancholischen Ausdruck auf dem unvergleichlich schönen Antlitz , sah sie aus wie die tragische Muse selbst , während die Norma , Desdemona , Lucia etc. nur Schöpfungen dieser Muse waren . Sie konnte auch singen was sie wollte : ihre Stimme , ihr Vortrag machten aus dem Singen der Skala bald eine Bravourarie und bald ein zauberhaftes Liebeslied . Eine alte Arie aus einer vergessenen Oper von Zingarelli , die Romeo und Julia heißt und die heutzutage kein Mensch kennt , war in Judith ' s Hand gekommen , gefiel ihr ungemein wegen der seelenvollen , melodischen Musik des einst berühmten und jetzt verschollenen alten Meisters , und wurde von ihr in jedem Konzert vorgetragen . Wenn sie Romeo ' s Nachruf an die geliebte Julia anhub : » Ombra adorata , aspetta « - so war es nicht anders , als ob eine in tausend und tausend Herzen versteckte , verschlossene , schlummernde Sehnsucht nach dem Schatten der Liebe in Judith ' s Klage ihren Ausdruck gefunden habe ; und Amerika , das Land der Praxis und der Realität , seufzte : » Ombra adorata ! « Solche Macht hat nun einmal das Genie in dieser Richtung . Ihr Vater starb in Amerika . Sie hatte kaum Zeit ihn zu beweinen . Die Bühne ist auch ein Despot . Aber Judith ' s Trauer erhöhte den Zauber ihrer Stimme und ihres Spiels . Als nach zwei Jahren ihrer Kunstreise in Amerika der Kristallpalast die halbe Welt nach London zog , flog denn auch die Nachtigal von Cintra über den atlantischen Ocean nach Europa zurück und nach England , wo sie den Enthusiasmus wiederfand , dessen sie in Amerika herzlich überdrüssig war . Aber sie mußte ihn hinnehmen ; das gehörte zur Handwerksseite ihrer Kunst , und obwohl er ihr nicht eigentlich Freude machte , begehrte sie ihn doch , wenn und wo sie auftrat : er verhalf ihr zu einer Art von Betäubung gegen die innere Leere , die sie immer peinlicher , immer quälender in sich empfand . Wohl waren unter den Millionen Worten , die sie umschwirrten , auch Worte von Liebe gewesen . Ob sie ihnen geglaubt hatte ? ob sie gewähnt hatte , die Welt des Scheins , die sie umgab , könne eine Blüte des Herzens erzeugen und hervorlocken ? ob sie , um der Langenweile zu entrinnen , einem Traum von Liebe sich hingab ? Es ist nicht immer möglich , allen labyrinthischen Fäden zu folgen , die sich in einem und demselben Herzen durchkreuzen . Aber gewiß war Eines : hatte Judith einen solchen Versuch gemacht , so war er nicht schwer in die Schale ihres Glücks gefallen . Hätte sie Zeit gehabt , über sich selbst nachzudenken : so würde sie sich noch tausend Mal elender gefühlt haben , als es jetzt der Fall war . Doch sie kam nicht dazu ! sie trieb mit vollen Segeln auf dem hohen Meer der Welt und mußte immer Menschen sehen , sprechen , hören , die sich einerseits zu der gefeierten Künstlerin drängten , und die andererseits ihr nötig waren und ihr künstlerische Verbindungen in allen Weltgegenden anknüpfen halfen . Dazu ihre Darstellungen , ihre Studien , ihre Reisen , um in den großen Städten Englands Konzerte zu geben - dies ganze angreifende und aufregende Treiben ließ keinen klaren und entschiedenen Gedanken über ihren inneren Zustand in ihr aufkommen . Sie verfiel nur zuweilen in einen gründlichen Gegensatz zu ihrem Leben , in ein gewisses träumerisches Hinbrüten , das aus dem Schlaf der höheren Seelenkräfte hervorging - wie damals , als sie in Hyde-Park lieber mit dem Affen spielte , als mit Orest sprach . Warum fuhr sie aber überhaupt nach Hyde-Park und auf dem großen Wege , wo jedermann sie bemerken mußte und wo von Erholung und Erfrischung keine Rede sein konnte ? - Weil alle Welt da fuhr und weil sie zur Welt gehörte und gehören wollte ! - In ähnlichen Widersprüchen bewegen sich tausend und aber tausend Leben in der Welt . Man fühlt die Schwere ihres Jochs und weiß nichts mit sich selbst anzufangen , wenn man es nicht trägt . - Einige Damen aus der großen Gesellschaft bewerkstelligten ein Konzert für eine Wohltätigkeits-Anstalt , welche sie patronisierten und brachten es dahin , daß sich Judith darin hören ließ ; nun waren sie einer guten Einnahme gewiß ! man riß sich um die Eintrittskarten , und der ohnehin nicht große Saal von Hanovre house , wo solche Konzerte stattzufinden pflegen , war überfüllt . Hier hörten auch Regina und Corona das berühmte » Ombra adorata . « Corona mit ihrem jungen , frischen , unabgestumpften Gefühl war so hingerissen , daß sie in Tränen zerschmolz und später zu Orest sagte , sie beneide ihn um das Glück , ein so herrliches Wesen persönlich zu kennen . « » Ja , sie ist außerordentlich interessant , « entgegnete Orest . » Und welch ein Gemüt muß sie haben , um so himmlisch zu singen ! « rief Corona . » O Du Kind ! « erwiderte er ; » das ist bei ihr Sache der Kunst - und Du verstehst das nicht zu trennen , weil Du nie in ' s Theater kommst . Du würdest vermutlich jeden guten Schauspieler , der einen edlen Helden darstellt , ohne Weiteres für einen höchst edlen Menschen halten , während er vielleicht ein erbärmlicher Wicht ist . « » Das würd ' ich schwer glauben , « sagte sie . » O beneidenswerte Unschuld ! « rief Orest in seiner spaßhaften Weise . » Über dies kindliche Vertrauen sind wir hinaus ! « - Er machte öfter seinen Besuch bei Judith . Immer war sie so umringt , daß der einzelne es nie zu einem Gespräch mit ihr brachte . Es herrschte immer das allgemeine Wortgeklingel , das man Konversation nennt . Umsomehr freute sich Orest , daß er sie endlich einmal allein mit ihrer Mutter - und überdas in ungewöhnlich heiterer Stimmung fand . » Wünschen Sie mir Glück , Graf Orest , ich freue mich ! « rief sie ihm entgegen . Ich gehe endlich in die Heimat der Musik und darf die Nebelatmosphäre verlassen , die der Stimme so nachteilig ist . Ich gehe nach Mailand , zur Skala . « » Da wünsche ich zuerst mir Glück , « entgegnete Orest fröhlich , » denn ich lebe in Mailand . Ist denn aber die Freude bei Ihnen etwas so Seltenes , daß Sie sich dazu beglückwünschen lassen ? « » Ich dächte nicht , daß die Freude für irgend einen Menschen , Kinder vielleicht ausgenommen , etwas Alltägliches sein könnte , « erwiderte sie . » Ach ! Freude ! Ist das nicht ein Stückchen Frühling in der Seele ? so etwas wie Morgenrot und Maientau und Rosenduft und Finkenschlag ? so etwas , wovon sie ganz hell , frisch und leicht wird ? - Das begegnet meiner Seele höchst selten , und wenn ich über die Freude nachdenke : so wird es mir mehr und mehr klar , daß mein Engagement an der Skala zu Mailand mir im Grunde so wenig Freude macht , wie irgend etwas anderes in der Welt . « » Aber wer grübelt denn auch über die Freude nach ! « rief Orest . » Man muß sie genießen - basta ! « » Aber um sie genießen zu können , « sagte Judith , » muß man sie doch erst empfinden . « » Nicht wahr , meine Tochter ist eine große Törin ? « sagte Madame Miranes zu Orest . » Sie besitzt doch gewiß alles , was glücklich macht , und ist dennoch immer ganz schwermütig . « » Besitzen ! « rief Judith lebhaft ; » was hab ' ich denn , wenn ich alles besitze ? Ballast , der das Schiff flott erhält ! Nein , mein Lieblingslied ist Ombra adorata . « » Ob dieser Schatten einer untergegangenen Sonne nachsinkt - oder ob er der Schatten ist , den der Sonnenaufgang zerstreut : das wüßt ' ich gern , « sagte Orest . » Das glaub ' ich ! « antwortete Judith ; » aber man muß nicht so neugierig sein , Graf Orest . « » Man muß auch nicht mit der Adoration der Schatten kokettieren , Signora Giuditta . « » Wenn es überhaupt etwas Wahres in meinem Leben gibt , so ist es dies ! « rief Judith . » Was ? « fragte Orest . » Gerade das , was Sie Koketterie zu nennen belieben : etwas Wesenloses , etwas Ungekanntes dem Sichtbaren und Handgreiflichen vorzuziehen . « » Da haben Sie sehr Unrecht , Signora ! « sagte Orest ; » als eine kleine Koketterie könnte man es sich eher gefallen lassen ; aber daß das wirklich Ihr Ernst ist - das ist unverzeihlich . « » Wie häufig mache ich meiner Tochter diesen Vorwurf ! « rief Madame Miranes . » Wozu wäre sie denn da , diese ganze reiche herrliche Welt der Sichtbarkeit , mit ihren mannigfaltigen Erscheinungen , wenn man sich nicht ihrer freuen , nicht sie bewundern und lieben , nicht sich behaglich in ihr fühlen wollte ! « rief Orest . » Das müssen Sie noch lernen ; sonst haben Sie ganz vergeblich gelebt , denn wenn Sie immerfort von Schatten singen und sagen , führen Sie ein Schattendasein - und das ist grauenhaft . Das haben Sie sich gewiß in Amerika angewöhnt , in dem Lande der Rechenexempel - nicht wahr ? Die Art von Realität war zu trocken , um Sie nicht in den Gegensatz hinein zu treiben . Ja , ja , das begreift sich ! - aber in Mailand wird das ganz anders werden , und wenn Sie auch etwas für Ihre schwärmerische Neigung tun wollen , so beziehen Sie im Frühling eine Villa am Komersee . « » Das klingt ja , als ob Sie sagten : Und wenn Sie etwas für ihre Gesundheit tun wollen , so brauchen Sie im Sommer eine Brunnenkur , « sagte Judith belustigt . » Ich werde mir Ihr Rezept überlegen . « » Nur nicht zu lange und nicht zu viel , « bat Orest . » Was sind Sie für ein oberflächlicher Mensch , Graf Orest ! « entgegnete Judith . » Für den Augenblick und von Schaum leben - das ist die Philosophie Ihrer Existenz . « » Und ist die nicht charmant ? « » Für einen Schmetterling - ja ! für einen Menschen - nein ! « » Nun möcht ' ich doch aber auch nach der Philosophie Ihres Daseins zu fragen mir erlauben . « » O ich habe keine . « » Wohlan , Signora , so werden Sie erst meine Schülerin und dann wollen wir sehen , ob Ihnen meine Schmetterlingsphilosophie , die Sie jetzt so sehr verachten , nicht ungemein zusagt . « » Es wäre möglich , daß ich sie mir aneignete ; aber es wäre unmöglich , daß sie mir genügte . « » Versuchen Sie nur erst , sie sich anzueignen und das Weitere findet sich . « » Wenn es sich aber nun nicht findet ? wenn das Dasein leer bleibt , hohl , öde ? wenn all ' die Versuche erst recht deutlich herausstellen , daß man mit ihnen nicht zum Glück gelangt ? wenn man von der vergeblichen Anstrengung doppelt müde und traurig wird - was dann , Graf Orest ? « » Nun , dann ist der Moment gekommen , um wieder zu singen : Ombra adorata ! « rief Orest mit lustigem Zorn . » Nein , Signora , vor Ihren Wenn und Aber streich ' ich die Segel und streck ' ich die Waffen . Ich bekenne mich überwunden und bin Ihr Gefangener . « » Ich dachte , das wären Sie längst , Graf Orest , « entgegnete Judith mit stillem Lächeln . » O schöne Circe ! « rief er entzückt . » Mäßigen Sie Ihr Entzücken , « entgegnete sie kühl , » und vergessen Sie nicht , daß Schauspielerei mein Handwerk ist . « » Circe erst recht ! « erwiderte Orest . - Es kamen Besuche und er ging hinweg , heimlich frohlockend über die Aussicht , Judith in Mailand zu sehen und nicht einen Augenblick bezweifelnd , daß es ihm gelingen werde , ihr Herz zu erobern . Etwas lange wird ' s dauern und etwas schwer wird ' s halten - das sehe ich schon , sprach er zu sich selbst ; aber das schadet nichts , sie ist der Ausdauer wert . All ' die leichten Eroberungen verlieren auch eben so leicht ihren Reiz und ihren Beistand , und lösen sich auf in nichts , man weiß kaum wie . Aber diese Judith mit all ' ihrer abwehrenden Kälte versteht zu fesseln ! - - Vier Wochen hatte er sie gesehen und bewundert ; das nannte der gute Orest gefesselt sein ! Für jetzt hatte er nicht mehr das Glück , sich ungestört mit ihr zu unterhalten ; er traf immer Leute bei ihr , die ihn zuweilen so unmutig machten , daß er sie gern zum Fenster hinausgeworfen hätte ; und bald darauf ging Judith nach Liverpool , um dort eines jener ungeheuern Musikfeste verherrlichen zu helfen , das die Engländer so sehr lieben und wobei Hunderte von Musikern und von Sängern während vier bis fünf Tagen täglich ungefähr zehn Stunden singen und musizieren . Vormittags werden Oratorien und Symphonien ausgeführt , Abends kleinere Musikstücke . Alle musikalischen Kräfte , die in Großbritannien einheimisch sind , und alle großen Künstler aus der Fremde , welche sich zur Season in London aufhalten , müssen in der Regel dabei mitwirken . Der Zuhörer - wenigstens der , welcher nicht die gewisse kühle Unempfindlichkeit eines englischen Ohres für Musik hat - wird dermaßen betäubt von diesem Tonmeer ohne Zusammenhang und ohne Einheitspunkt , daß er zuletzt ein gewisses harmonisches Ohrenbrausen bekommt und nicht mehr im Stande ist , eine Melodie klar aufzunehmen . Dem Engländer aber tut das nichts : er harrt doch vier bis fünf Tage auf dem Posten aus und labt sich an einem Kunstgenuß , der eine Abstumpfung der Gehörwerkzeuge bewirkt . - Während Judith ' s Abwesenheit verließ auch Graf Damian London und ging mit seinen Damen nach Schottland ; Orest ' s Urlaub war aber zu Ende und er mußte sich , statt gen Norden zu den Seen des Hochlandes - gen Süden zu den lombardischen Seen begeben , welche letztere übrigens unvergleichlich schöner sind , da sich an ihren Ufern die großen Kontraste des Hochgebirges und der südlichen Vegetation begegnen , tiefer Ernst und graziöse Anmut sich verbinden und eine Fülle wilder und weicher Formen von dem Schmelz eines überreichen Farbenspiels umflossen werden . Diese großen Gegensätze in Formen und Farben fehlen dem schottischen Hochlande , überhaupt der Naturschönheit des Nordens ; es hat nur eine Farbe : grün - und dadurch bekommt es einen ganz eigentümlichen Charakter von Schwermut , der aus dieser stillen , kühlen , einförmigen , wechsellosen Färbung hervorgeht . Es gibt kaum etwas Melancholischeres , als ein Sommerabend im schottischen Hochland , an einem dieser stillen Seen , mit grünbewaldeten hügeligen Ufern , wenn der Abendwind durch die Wälder rauscht und die unbelebte Fläche des See ' s ein wenig kräuselt und die eintönige Melodie eines Liedes herüberweht , das ein » Bagpiper « auf seinem Dudelsack bläst und das einst das Schlachtlied von Clan M ' Donald oder von Clan M ' Kenzie war . Graf Windeck behauptete , einen der größten Liebesbeweise für seine Töchter habe er ihnen durch diese romantische Reise zu den Seen des schottischen Hochlandes gegeben ; denn man laufe Gefahr , auf derselben einen Anfall von Spleen zu bekommen . Wenn kein Walter Scott gekommen wäre , würde sich nie ein Mensch um diese triste Naturschönheit bekümmert haben , die ihm den Eindruck eines grünen Leichentuches mache . Regina empfand in diesem nebelreichen und sonnenarmen Lande doppelt schmerzlich , daß auch die warme Liebessonne der katholischen Kirche hier hatte untergehen müssen . Als sie statt des Kruzifixes , das die Katholiken gewöhnt sind inmitten ihrer Gottesäcker zu sehen , um zwischen der Grabestrauer und den Todesschmerzen auf die selige Auferstehungshoffnung in und mit Christus hingewiesen zu werden - als sie auf dem Gottesacker zu Glasgow dafür die kolossale Statue , hoch thronend und weit sichtbar , des Apostels des reinen Evangeliums für Schottland erblickte , sagte sie zu Corona : » Sieh , wie die Irrlehre sich unabsichtlich als solche stempelt ! John Knox hat Christus verdrängt ! Über unsere Gräber schwingt sich der gekreuzigte Gottessohn aus seinem Grabe mit der Siegesfahne der Auferstehung empor und im Glauben an Ihn finden wir das ewige Leben . Diese Armen aber müssen zuerst an John Knox und dann an das glauben , was er ihnen von Christus übrig gelassen hat , müssen mit einer verstümmelten Lehre und mit verkümmerten Gnaden sich zufrieden geben - und müssen sich endlich im Grabe zu seinen Füßen betten . O , auf dem Karmel ! wie will ich da beten für die armen irrenden Brüder . Die heilige Therese stiftete ihre betenden und büßenden Klöster der unbeschuhten Karmeliten für Männer und Frauen , gerade zu der Zeit , als hier ein John Knox und in anderen Ländern Brüder seines Geistes gegen die heilige Kirche wüteten und die weltliche Macht auf ihre Seite rissen , so daß die guten Katholiken verfolgt , unterdrückt , martyrisiert und ausgerottet - die lauen aber angesteckt , wankelmütig und eingeschüchtert wurden , und die Irrlehre in der Welt die Oberhand zu gewinnen schien - wie denn hier im Lande eine Maria Stuart unterlag und eine Elisabeth triumphierte . Und sieh ! plötzlich trat ein ungeheurer Umschwung ein : der Strom der verderblichen Lehre wurde nicht bloß eingedämmt , sondern zurückgedrängt und der wiedergewonnene Boden aufs neue und kräftiger als zuvor von der heiligen Kirche angebaut und bestellt . Diese Gnadenkräfte hat nur das Gebet vom Himmel herabgezogen , und wo konnte mehr gebetet werden , als in den Klöstern , deren Ordensgenossenschaften damals entweder neu sich bildeten oder neue Zweige trieben , indem sie in ursprünglicher Strenge hergestellt wurden . O Corona , wenn dereinst die schwere Erdenbinde von unseren Augen fallen wird , welche wundervolle Dinge werden wir schauen ! .... und eine Schönheit erster Ordnung wird es sein , das fromme beharrliche Gebet um Rettung der Seelen wahrzunehmen - dies Gebet , das gleichsam ein Perlennetz und eine goldene Angel nach den armen Fischlein auswirft , welche in den bitteren Wassern der Glaubenstrübung schwimmen ; dies Gebet , das die heilige Therese mit ihren Söhnen und Töchtern vom Karmel so gut verstand . « » Wenn ich Dich so sprechen höre , Regina , möcht ' ich auch gern in ' s Kloster , « sagte Corona ; » aber ich habe nicht den Mut dazu . « » Bitte Gott darum , « entgegnete Regina , » und er wird Dir Mut geben . « » Aber ich habe auch nicht einmal den Mut , den lieben Gott recht aufrichtig um einen solchen Heldensinn zu bitten , « erwiderte Corona zaghaft . » Nun , dann wird das Kloster wohl nicht Deine Bestimmung sein ! « sagte Regina lachend . » Hoffst Du es denn wirklich bei dem Papa durchzusetzen , daß er Dich gehen läßt ? « fragte Corona . » Wenn ich nicht zuvor sterbe - gewiß ! Gott wird es schon so fügen ! Er gibt den Dingen plötzlich eine Wendung , die kein Mensch ihnen geben - ja , nicht einmal ahnen konnte , und das Ziel , das wir tausend Meilen fern von uns wähnten - liegt nahe vor uns . « Und wenn es vor uns liegt und uns unerreichbar ist , trifft es sich zuweilen , daß wir inzwischen anders geworden sind und - statt vorwärts zu gehen , umkehren möchten ! von so wandelbarer Gebrechlichkeit ist der Mensch . Auf Stamberg Es war ein wunderschöner Herbsttag . Die Sonne schien so golden vom blauen Himmel herab , als wolle sie durch ihren Glanz ihren Mangel an Wärme ersetzen . Die Laubholzwaldungen leuchteten in ihren bronzefarbenen Schattierungen , je nach Art der Bäume , vom hellen Citronengelb bis zum tiefen Blutrot . Einzelne Tannen sprangen schwarz und finster aus diesem goldenen Meer auf , das mit ungeheuren Wellen von Laub über die Abhänge des Odenwaldes bis zu den Wiesen an ihrem Fuß hinabstieg . Einzelne kahle Felsen erhoben sich hier und da über diese Waldungen , und auf anderen Punkten war der Kamm der Berge mit Nadelholz wie mit einer schwarzen Linie eingefaßt , die eine scharfe Grenze zwischen dem Blau des Himmels und der schillernden Bronzefarbe des Laubholzes zog . Auf den Wiesen blühte in Menge die Herbstzeitlose und auch hier , wie bei den Bäumen , zeigte der Mangel an frischem Grün , daß das Spätjahr und nicht der Frühling die Herrschaft führe , denn statt mit üppigem Graswuchs war der ganze Boden mit diesen kleinen lilafarbenen Blumen , wie mit Urnen von Amethysten übersäet . Auf einem Felsenvorsprung des Berges , umrauscht von wogenden Wäldern , lag Schloß Stamberg mittelalterlich hoch und herrisch , wie ein Leuchtturm auf einer Klippe im Meere . Juliane hatte es vortrefflich in Stand gehalten , hatte es nicht mit sich alt werden lassen nach Art der meisten alten Leute . Was sie auf Erden vielleicht am herzlichsten liebte , war eben Stamberg , denn es gehörte ganz und ungeteilt ihr , sie konnte damit schalten und walten und fand nie einen Widerspruch . Dafür war es denn auch gepflegt wie ein Schmuckkästchen , prächtig und doch nicht überladen eingerichtet , großartig und doch bequem . Das Ganze hatte einen anziehenden Charakter von romantischer Einsamkeit ; die bewaldeten Hügel und Kuppen des Odenwaldes , von Wiesentälern durchbrochen , stiegen herab bis an die Bergstraße , und jenseits derselben breitete sich die weite Ebene , das Stromgebiet des Rheins aus , am westlichen Horizont begrenzt von dem bläulichen gewellten Streif der Vogesen . Hyazinth brachte einen Teil der Vakanzen in Stamberg zu . Während der ersten Wochen war er bei Onkel Levin gewesen . Uriel hatte gewünscht , der verehrte Onkel möge dann mit Hyazinth nach Stamberg kommen ; aber Levin entgegnete : » Die Nahrung der sinkenden Flamme meines Lebens ist das heilige Meßopfer . Seitdem ich geistlich bin , war ich so glücklich , keinen Tag zu verleben , ohne es darzubringen . Es ist mir notwendiger geworden , als das tägliche Brot . Wenn Du auf Stamberg eine Kapelle haben wirst und wenn Gott es so fügt - dann komme ich und lese dort die heilige Messe . Aber bis dahin weiche ich nicht von hier . « » Du bist hier aber so einsam , lieber Onkel , « sagte Uriel zärtlich , » daß ich mir fast eine Gewissenssache daraus mache , Dir den Hyazinth zu entführen . « » O lieber Sohn , « sagte Levin lebhaft , » wähne das nicht ! ich bin unter einem Dach mit dem lieben Gott im hochheiligen Sakrament - wie könnte ich mich einsam fühlen ! - Bedenke doch die lange Gewohnheit von fast fünfzig Jahren ! « setzte er hinzu , um nach seiner Weise vor jedem menschlichen Auge die Glut und Innigkeit seiner Andacht zu verschleiern . So waren denn die Brüder auf Stamberg und beide froh eines Beisammenseins , das sie seit Jahren nicht genossen , weil Uriels Urlaubszeiten nie mit den Vakanzen des Seminars zusammengestimmt hatten . Uriel freute sich , in Hyazinth gleichsam eine neue Auflage von Onkel Levin zu sehen , dieselbe Reinheit , dieselbe Einfachheit , dieselbe Geistesstille bei intensivstem inneren Leben , dieselbe Bereitwilligkeit zu jedem Opfer , zu jeder Hingebung , dieselbe frohe Verzichtung auf alles , wodurch das Reich Gottes , weder in eigener Seele noch in fremden , gefördert wurde . Hyazinth freute sich wohl auch über Uriel - aber mit gemischter Freude . So lange Uriel eisenfest an dem Glücksprogramm hielt , welches er sich verfaßt hatte , war er da auf dem Wege zu Gott ? Und wenn es im Plane Gottes lag , dies Programm nicht zur Ausführung kommen zu lassen , wie würde Uriel die Vereitelung seiner Wünsche und Hoffnungen aufnehmen ? Es war beängstigend für Hyazinth , zu sehen , in wie hohem Grade Regina den Schlußstein in Uriels Glücksgebäude bildete . Das sollte nicht sein ! sprach er oft mit heimlicher Trauer zu sich selbst . Dabei kommt die Hingebung in den Willen Gottes und der heilige Gleichmut offenbar zu kurz ! - Der gute Hyazinth bedachte nicht , daß die Leidenschaft in ihrem eigensüchtigen Durst nach Glück eine Art von Verachtung gegen jenen geheiligten Gleichmut empfindet , welcher nur in solchen Seelen wohnen kann , deren selbstloses Glück darin besteht , den Willen Gottes zu tun . Der gute Hyazinth dachte ganz einfach , was vermutlich manche Leserin höchst prosaisch finden wird : wenn es Uriels Bestimmung sei , in den Ehestand zu treten und die Last des Familienlebens für die Windecker auf seine Schultern zu nehmen : so sei es nicht durchaus notwendig , daß gerade Regina , und nur sie , dies Leben mit ihm teile ; es gebe ja noch andere liebe , fromme Mädchen in der Welt , mit denen er glücklich werden könne . Hyazinth hatte einmal bei passender Gelegenheit eine derartige Andeutung gemacht , die aber mit einer so souveränen Verachtung von Uriel aufgenommen worden war , daß Hyazinths Bekümmernis stieg . Er war jetzt im Begriff , in den nächsten Tagen nach Würzburg zurückzugehen ; und zwar zum letztenmal in ' s Seminar , da er im nächsten Frühling die Priesterweihe empfangen sollte . An jenem schönen Tage saßen die Brüder in einem Erker von Uriels Zimmer , der die schönste Aussicht gewährte und mit kühnem Vorsprung aus der Mauer über dem still rauschenden Walde schwebte , der in der Umgebung des Schlosses zu einem herrlichen Park umgeschaffen war . Sie betrachteten Zeichnungen zu einer Kapelle , welche Uriel bauen und dazu einen alten Turm benützen wollte , der vielleicht in katholischer Zeit dazu gedient hatte , jetzt aber zu den Stallgebäuden gehörte . Uriel hatte schon andere Pläne und Zeichnungen anfertigen lassen , und Hyazinth sagte mit einiger Verwunderung :