bei uns drüben die Sümpfe nicht austrocknen können , ohne nicht oft in Brand zu gerathen . Die Flammen sieht man nicht , aber die Erde dampft und brennt immer fort von diesem unterirdisch glühenden Torf . Ihnen würde es drüben sein , als wenn Sie verurtheilt wären , Ihr Leben lang in einer Stube mit einem rauchenden Ofen zu leben . Uns aber ist dieser Rauch ein Arom wie Patschouli . Wir ziehen ihn schon mit der Geburt ein und wenn wir in der Ferne stürben , würden wir glauben Paradiesesluft zu athmen , wenn plötzlich neben uns ein Kohlenbecken hingestellt würde und man darauf etwa ein Stück alten Pappendeckels langsam und feierlich anzündete . Wenn unsere Landsmannschaft auf der Universität jährlich ihren großen Commers abhielt , bestand das Bouquet des Abends , nachdem der Landesvater gesungen , darin , daß wir die Fenster aufrissen und den Qualm eines draußen angezündeten Haufens Torf einathmeten . Dann fielen wir uns in die Arme und stießen zwischen Thränen und Schluchzen Ausrufungen und Freudengeschreie aus , als wenn die Römer sich dem Teutoburger Walde nahten und wir unsere Aexte und Streitkolben um die langen blonden Locken schwängen , weil es zum Kampfe ging für Freiheit , Vaterland und Buchweizengrütze ! Das ist nämlich unser Nationalessen , Fräulein ! Schon Thusnelde soll es gekocht haben , wenn sie wünschte , daß Arminius guter Laune war . Lucinde glaubte Klingsohrn zu hören ; selbst Jérôme stand vor ihr ... Dennoch war Benno von Asselyn ein völlig anderer . Auch die Erwähnung der blonden Locken paßte gar nicht auf ihn , da sein Haar schwarz war und sein ganzes Wesen eher südländisch als nordisch schien . Sie wollte dies auch aussprechen , aber der Rauch , der von dem verwüsteten Felde herüberdrang , erstickte ihr fast die Stimme . Auch setzten sich eben die Italiener sämmtlich in ihren Wagen und auch Lucindens Kutscher hielt , weil der Weg nun bergab ging , sein Roß an und öffnete den Schlag . Ihre Einladung an Benno und Hedemann , sich mit einzusetzen - soweit es neben ihr und auf dem Bocke Platz gab - wurde von diesen artig abgelehnt . So rollte sie von dannen . All ihr Denken schien jetzt tief innenwärts gewandt . Sie schlug den Schleier über ihren Hut , weniger um sich gegen den vom raschen Herabrollen des Wagens aufwirbelnden Staub zu schützen , als um ungestörter denken und träumen zu können . Ja , es war ihr doch , als begann sie jetzt zum zweiten mal zu leben , aufzuwachen im Grabe , eine Auferstehung von den Todten ! Drei Jahre einer nicht etwa erfahrungsarmen , aber doch sehr in sich selbst bedingten Zeit lagen hinter ihr . Sie hatte sie an den Streckbetten der Jugend zugebracht . Eine Dulderin war sie nicht ; sich beugen , sich gefangen geben hätte sie nur da gekonnt , wo ein stärkerer Arm sie faßte , wenn auch nur ein Serlo , der sie regiert hatte , obgleich er ein Sterbender gewesen ... Eine Zeit lang reichte aus den Wolken ein solcher Arm ; sie suchte ihn zu fassen , sich an ihm zu halten ; es war das erste leidenschaftlich bewegte Jahr ihres Wirkens im » Correctionshause der Natur « gewesen . Diese Hoffnung schlug fehl und die Getäuschte brauchte zwei Jahre , sich zu sammeln und ins Leben zurückzufinden . Man hatte sie unter den Kindern gewähren lassen , nachdem sie über die Krisis , um Paula ' s von Dorste-Camphausen willen entfernt zu werden , durch den plötzlichen Tod des Vaters derselben , des Grafen Joseph auf Westerhof , glücklich hinweggekommen war . Denn Paula , die die Menschen in zwei Klassen schied , in solche , die ihre Nerven gleichsam mit der Hand von oben nach unten strichen und sanft auf sie wirkten , und solche , die sie von unten nach oben strichen und sie aufregten und beunruhigten , Paula erkannte in Lucinden zuletzt ein Wesen , das sie , wenn sie länger vereint blieben , zum Steine hätte umwandeln , ja tödten müssen ... Sie sagte dies selbst niemals , nur die Beobachtenden fühlten dies , und vor allem entschied Bonaventura von Asselyn , der junge Priester , die Trennung , entschied sie in demselben Augenblicke , wo sie sich durch die Rückkehr Paula ' s zu den Ihrigen und unter die Vormundschaft des Kronsyndikus von Wittekind , ihres Oheims , von selbst vollzog ... Zwei Jahre brauchte Lucinde , um diese Kämpfe zu verwinden , und es war vielleicht ihre beste Zeit , die Zeit wenigstens , wo man ihr Wesen ertragen konnte ; sie war die eifrigste Kirchengängerin , wurde von den Geistlichen in Schutz genommen und hatte sogar Gönnerinnen , was ihr von Frauen bisher im Leben noch nicht geschehen war . Da schlug eines Tages der Name einer Frau von Gülpen an ihr Ohr . Fräulein ! rief sie berichtigend in ihrer Erstarrung auf . Aber : Frau von Gülpen ! hieß es . Sie war die langjährige Freundin eines Dechanten von Asselyn zu Kocher am Fall , einem Städtchen ältesten Ursprungs und zwanzig Meilen weit von dem Ort ihres gegenwärtigen Wirkens ... Asselyn ! war der zweite elektrische Schlag . Der Onkel jenes erstandenen Serlo ? ... Frau von Gülpen suchte für Kocher am Fall eine Gesellschafterin ... Die Gesellschafterin der Gesellschafterin eines Geistlichen ... Er hieß Asselyn ! Sie Gülpen ! ... So entschied sie sich und alle ihre Pulse schlugen und tausend wilde Stimmen riefen in ihr : Ja , rauschet noch einmal auf , ihr Pforten der Vergangenheit ! Jetzt will ich unter euch hintreten wie eine Königin ! Will Trotz bieten jedem Auge , das verwundert mich anstarrt ! Dies Kreuz hier auf der Brust entsühnt jede Schuld ! Das geweihte Wasser an jeder Kirchenthür reinigt meinen Ruf von jedem Flecken ! Wiedergeboren bin ich und gesetzt durch das Blut des Erlösers und der Martyrer ! Wer mich anschuldigt , der sehe , ich breche zuerst den Stab über mich ! Nichts berührt mich vom Vergangenen auch nur bis zum Saum meines Kleides ! Wo ist eine Anklage wider mich ? Ich will sie hören ! Dann aber habe ich Anklagen wider euch ! Entlarven kann ich Mörder , aufstöbern aus Schlupfwinkeln Heuchler ... Eine Siegerin komm ' ich , nachdem ich so tiefe Niederlagen erlitten ... Und die letzte Niederlage , an die sie dabei dachte , war nicht etwa jener Tag , wo sie die Jungfrau von Orleans gespielt . So gestimmt trat sie noch heute vom Dampfboot . Klopfte ihr aber schon das Herz , als sie hörte , St.-Wolfgang läge zwei Meilen ins Land hinein , erschreckte sie der bloße Anruf eines Kindes , das sie wiederzuerkennen schien , wogte und stürmte es in ihr bei der Begegnung mit Benno , beugte sie alles , was ihr fremd , neu war und doch mit dem , was sie wiedersehen wollte , im Zusammenhange stand , so kam sie sich jetzt schon wieder als eine Magd , nicht als Königin vor , jetzt , wo sie sich dem Orte näherte , von dem man ihr aus Kocher am Fall geschrieben hatte : Sie werden , meine Liebe , nur nöthig haben , vom Dampfboot aus einen Einspänner bis S.t-Wolfgang zu nehmen . Dort ist schon unser Neveu , Herr Pfarrer von Asselyn , unterrichtet und hält einen Wagen in Bereitschaft , Sie in unsern Kreis zu führen ! Gewisse Bedingungen gleich anfangs mündlich ! In der Hauptfrage sind wir einverstanden . Petronella von Gülpen . Die Gülpen , die sie kannte , hatte Brigitte geheißen ... Jetzt blickte sie auf . Die Gegend hatte sich verändert . Vor ihr lag , von den Abendsonnenstrahlen nur noch in seinen obern Rändern erhellt , ein schönes tiefes Thal , das wie eine Muschel mit grünen Streifen in die rings sich verlierenden Berge auslief . Aus dem tiefsten grünen Kern des freundlichen Anblicks ragte die Spitze eines Kirchturms , von dem ein Läuten ertönte . Je mehr , vom Hemmschuh aufgehalten , der Wagen niederwärts rollte , desto reicher wurde wieder die Vegetation , desto voller und edler der Baumschlag , desto weiter die Fläche , von der schon längst das in gleichmäßigem Anbau gewonnene Getreide geerntet war . Die Landschaft trug nicht den fast italienischen Charakter derjenigen , die sich um den großen poetischen Strom ausgebreitet ; aber auch der betrübende Anblick eines rings von Bergen umschlossenen Gebirgsdorfes , den man fast auf der Herfahrt hätte erwarten dürfen , bestätigte sich nicht . Gärten kamen wieder und Bienenstöcke , mit ihnen Blume und selbst die Rebe schmiegte sich nicht nur an einem Spalier den Häusern an , sondern wuchs an sonnigen Abdachungen selbst noch in mancher gefälligen Einzelpflanzung . Das Läuten bedeutete ohne Zweifel , daß jenes schon im Weißen Roß besprochene Begräbniß in vollem Gange war . Auch Stimmen singender Kinder drangen aus dem Thal empor , zuweilen unterbrochen von einem Klingeln , das den Moment der wol gerade vor dem Altar bei geöffneten Kirchthüren stattfindenden Einsegnung der Leiche bezeichnete . Indem riefen ihr die nachrollenden Italiener hinterwärts ein Lebewohl zu . Sie deuteten auf ein Wirthshaus am Wege , wo sie ihren schwerer ziehenden Gaul füttern wollten . Vergessen Sie nicht - Il Michelangelo ! rief Napoleone als guter Kaufmann ihr nach . Beim Dechanten ! antwortete sie , aber schon unvernehmbar . Catone zog seine kalkige Mütze , Porzia verneigte sich und machte eine Handbewegung . Sie jedoch sah nichts mehr . Ihr schwindelten die Sinne ... An dem Wirthshause standen Handwerksbursche , Bauern in Kitteln und Blousen , manche mit Militärmützen , die sich wie Benno von Asselyn zu den Uebungen einstellten ; ein Gensdarm revidirte von seinem Gaule aus Wanderbücher und Passirscheine . Die Italiener zogen schon ihre Papiere in der Ferne ... Beim Anblick der Fuhrleute , die wol hier , um über den Wolfgangsberg zu kommen , Vorspann nahmen , kam ihr eine Erinnerung an die Bäche von Langen-Nauenheim ... Sie nahm ihre Handtasche , öffnete und zog ein schwarzes Buch mit Goldschnitt hervor , schlug es auf und schickte sich an zu lesen . Die Worte des heiligen Bernhard las sie : » Unsere Gedanken an selig Entschlafene sind Funken , durch welche unsere eigenen Seelen gehoben und entzündet werden « ... Worte , die den Anfang einer Betrachtung über die Todten bildeten . Sie ganz zu lesen war sie zu erregt . Die Litaneien wurden in dem Ausdruck ihrer Sätze immer deutlicher . Schon war der Leichenzug aus der Kirche auf dem Gottesacker angekommen , schon war eine zahlreiche Bevölkerung um den aufgeworfenen Grabeshügel versammelt ... Lucinde befahl mit stockender Stimme , daß während der heiligen Handlung sie still hielten ... Jetzt trennte sie nur noch eine niedrige Mauer von dem Friedhofe ... Der Wagen hielt unter dem bergenden Schatten eines breitastigen Nußbaums ... Vor ihr stand im weißen Meßgewande , unter Knaben im Chorrock , die brennende Kerzen trugen und das dampfende Weihrauchfaß schwangen , Bonaventura von Asselyn . Seit drei Jahren sah sie , an ihn gedenkend , nicht mehr Serlo . Längst war er - Er selbst ! 3. Nach den Segnungen , die dem Sarge schon in der Wohnung des Verstorbenen zu Theil geworden , nach den Weihen vor dem Altar spricht soeben eine sanfte wohllautende Stimme noch vor der Einsenkung in die Grube Worte , die zu dem Ceremoniel der Kirche die eigenen Empfindungen des Redners bringen . Man konnte die Rede , die der am Fußende des Sarges stehende , von dem letzten Abendsonnenglanz beleuchtete Priester sprach - der Entschlafene selbst mußte dem Brauche der Kirche gemäß gen Osten blicken - , deutlich vernehmen . Sein Aeußeres hatte sich wenig verändert . Es waren dieselben , nur gefestigtern Züge , die Lucinden vor drei Jahren an eine Geistererscheinung , an Serlo ' s Tod als Traum oder an dessen Auferstehung , glauben ließen . Es war dieser mildeste aller Priester , den sie selbst hatte weihen sehen mit Joseph Niggl und Beda Hunnius - sie hatte diese Namen so fest behalten wie die Unterscheidungslehren der Confessionen , in denen sie sechs Wochen später geprüft wurde zu ihrem Uebertritt . Heute standen keine jungen Kleriker , sondern weißgekleidete Kinder , Knaben und Mädchen , um Bonaventura . Er war es wieder , Er , ein Jahr lang die Liebe und das Entzücken der ganzen Stadt , aus der sie nun erst kam , kommen durfte ! Selten lag auch wol auf dem Antlitz eines Jünglings so viel Adel , so viel Glanz und Glorienschein schon in jungen Jahren ... Bonaventura von Asselyn , der einst angesehenen , weitverbreiteten und aus dem Friesischen stammenden Familie dieses Namens angehörend , hatte aus einer durch Familienverhältnisse , vorzugsweise ein unglückliches Ende seines Vaters und die Neuvermählung seiner Mutter , deren einziger Sohn er war ( mit dem Oberregierungsrath Friedrich von Wittekind-Neuhof ) , genährten Schwärmerei den Offizierstand , in den er , bisher Zögling der nahe gelegenen Universität , eben eintreten sollte , mit dem geistlichen Seminar vertauscht und war nach dem südlichen Deutschland gegangen , um in Kreisen strengerer und ungehinderterer Katholicität seine Bildung zu vollenden . In der Stadt , wo ihm der Bischof die Weihe gab , hätte er am Altar und im Beichtstuhl die größten Erfolge gewinnen können , aber er zog erst die Kaplanei bei seinem edeln Wohlthäter , dem Dechanten von St.-Zeno im nahen Kocher am Fall , dem Bruder seines Vaters , dann eine kleine bescheidene idyllisch gelegene Landpfarre vor . Lucinde fand dieselbe Erscheinung wie sonst , nur männlicher , fester , ernster . Sein Wuchs war schlank wie die Tanne , das Haupt leise übergebeugt , doch edel und freiblickend und auch jetzt in die mit rosigen Wolken sich säumende Ferne wie in das Jenseits schauend . Wie weich und weiß mußten diese Hände sein , die in maßvoller Bewegung die bedeutendern Gedanken seiner Rede unterstützten ! Wie schön stand dem leise gerötheten Antlitz der milde Schwärmerblick , der aus dem tiefsten Innern der Seele zu kommen schien ! Wie schien er in gläubiger Zuversicht das Ewige leibhaftig vor sich zu sehen ! Ein sinnend Haupt ! Ein edel Angesicht ! Ein Auge , das sogleich zum Herzen spricht ! Das Haar wie Rabenfedern ! Unbeschnitten So weit es strenge Priesterregeln litten ! Ein Leiden in der Miene , still entsagend ! Ein Bitteblick wie des Erlösers Flehn , Da er zum Vater sprach im Garten klagend : Lass ' diesen Kelch an mir vorübergehn ! Die Stirne rund , die Wange ein Oval ! Bald blaß , bald von der Seele Glutenstrahl Mild überhaucht mit frischen Rosenlichtern ! So leuchtend nur bei Denkern und bei Dichtern ! So stand Bonaventura einst vor des Erzählers Auge , als er sein Leben in Versen schildern wollte und , übermannt vom Stoffe , die Feder niederlegte ... Bonaventura von Asselyn sprach von dem Verstorbenen wie von einem heimgegangenen Freunde . Er nannte den alten Joseph Mevissen , dem zu Liebe , weil gerade der hier wohnte , er diese Pfarrei besonders gern gewählt , einen Führer seiner Jugend , nannte ihn den Diener seines verstorbenen und , wie alle Welt um ihn her wußte , auf einer Alpenreise so furchtbar unglücklich verkommenen Vaters . Jene Thatsächlichkeit , die in den Reden katholischer Geistlichen oft maßlos die Grenzen des Schicklichen überschreitet , die aber auch , richtig angewandt , ebenso das oft nur allzu Allgemeine der protestantischen Predigtweise vermeidet , war hier begründet durch den allgemeinen Antheil und die eigene dankverpflichtete Stellung des Redners zu dem Abgeschiedenen . Mevissen war ein armer Häusler gewesen , lebte von kleinen Arbeiten der Tischlerei , die er in jungen Jahren gelernt hatte , ehe er dem Vater Bonaventura ' s auf jener Reise folgte , von der Friedrich von Asselyn nicht wieder zurückkehrte . In leiser Andeutung und nicht etwa sein eigenes Leid zu sehr hervorstellend , kam der junge Redner auf diese allen ihn Umstehenden bekannten Vorgänge . Er pries den Antheil , die Hingebung , die Treue des Verstorbenen , die er dem Vater und dann ihm selbst bewiesen . Er sprach , angeregt von der Erinnerung an jene Zeit , wo ihm als Knaben zum ersten mal das Bild seines in einem Schneeabgrunde des großen St.-Bernhard todtgefundenen Vaters entgegentrat und seine Neigung für den geistlichen Beruf entschied , über die dunkeln Kerkerwände des Todes , über die stille Gemeinsamkeit , in der die Leiber ruhen und einst schon so in alter römischer Zeit , in den Katakomben , die Gebeine der heimlich begrabenen Märtyrer ruhten ... über den Sarg , den sich der alte Freund seiner Jugend und des ganzen Dorfes selbst gezimmert und in dem er wie in einem Bett nächtlich schon gleich manchem Heiligen geschlafen hätte ; - er verglich den Tod mit dem Schlummer , seiner Erquickung , seinen Träumen , seinem Erwachen . All diese Gedankenreihen folgten sich natürlich , ohne Prunk , mit einfachen Bildern , in jener sich auf Sprüche der Bibel und der Kirchenväter stützenden Redeweise , die den Zusammenhang des eigenen Ichs , das sich nicht vordrängen soll , mit der Lehre und den Beispielen des kirchlich Gebotenen nicht vergißt und allem Abschweifen persönlicher Einfälle durch bestimmt vorgezeichnete Formeln und Gebete ein Ende macht . Dreimal besprengte dann der Priester den Sarg mit Weihwasser , schwang über ihm das Rauchfaß , warf drei Händen voll Erde auf ihn und endete mit den Worten : Aus der Erde hast du mich gebildet ; mit Fleisch hast du mich umkleidet ; . erwecke mich wieder , mein Erlöser ! Nach dem » Amen ! « war die Handlung vorüber ; die Menge zerstreute sich ; der von Bonaventura unter den niederhängenden , weitschattenden Wallnußästen kaum bemerkte Wagen rollte weiter ; Lucinde wußte nicht , wie sie unter den Eindrücken , die ihr Inneres bestürmten , in dem Wirthshause des Ortes ankam . Aus Blech geschnitten , hing über der Thür desselben neben der großen Einfahrt des bescheidenen Hauses ein Stern ... Das Verlangen nach einem Zimmer war bald befriedigt , der Kutscher wurde bezahlt und Lucinde war mit ihren Reiseeffecten , aber auch mit der schweren Aufgabe allein , dem Priester , der sie kannte , aber auch ganz kannte , wie sie war , wie sie sich selber vielleicht nicht kannte , nach zwei Jahren wieder entgegenzutreten . In dem kleinen Raume , hinter dem Fenster mit den zerkritzelten grünblauen Scheiben , in der Umgebung an den Wänden hängender Schildereien , die in Lithographieen und mit Wasserfarben jene überschwenglichen mystischen Anschauungen eines durch alle Himmel ausgebreiteten Rosenkranzes als einer Weltherrschaft der über der Erdkugel und dem Monde thronenden Mutter Gottes , mit der Sonne selbst als Strahlenkrone , darstellten , lange zu verweilen , wäre ihrem unruhigen Charakter nicht möglich gewesen . St.-Wolfgang war ein freundliches , angenehmes , jetzt sogar durch die sich zerstreuende Menge belebtes Dorf . Das war in allen Winkeln und den vor dem Wirthshause zum Stern ausmündenden Gäßchen des Ortes eine Rückkehr zur Freude am Dasein ! Doch verwunderte sie diese nicht . Auch diese Eigenschaft ihres neuen Glaubens kannte die Convertitin schon , daß in ihm nach dem Tribut , den man den himmlischen Pflichten gezollt , eine muntere Rückkehr zur Freude am Irdischen gestattet sein sollte . In einem an das Wirthshaus sich lehnenden Obstgarten mit Bänken und Tischen bemerkte sie schon manche Gruppe , die sich gebildet hatte , um an dem trefflichen Wein der Gegend sich zu erquicken . Auch der Knecht , der erst am andern Morgen zurückkehren zu wollen erklärt hatte , da er behauptete , sein Gaul hätte sich unterwegs einen Stein eingetreten und bedürfte der Ruhe , stand schon mit angezündeter Pfeife unter den Gästen , zu denen sich , in leichter gelüfteter Kleidung , wie wenn er entweder hier wohnte oder doch übernachtete , und gleichfalls mit brennender kurzer Pfeife , der Gensdarm gesellte , der oben am Berge die Passirscheine revidirt hatte . Die Sonne vergoldete nur noch die Zifferblätter des Kirchthurms und zeigte die Abendstunde , die bald auch von der Glocke zur Abhaltung der Vespergebete gemeldet wurde . Lucinde hatte gelernt , daß in diesem Augenblick des Angelusgebets ringsum die ganze Erde , so weit katholische Christen wohnen , gleichsam ein Gürtel von Gebeten walle , dem sich kein Gläubiger entziehen dürfte . Sie kannte das Angelus sogar in lateinischer Sprache . Doch folgte sie , da sie sich allein wußte , dem Beispiel des zuweilen zu ihr hinaufschielenden Gensdarmen unten , der seinerseits , der Landeskirche angehörend , mit seiner Pfeife ruhig an die Salatbeete schritt , die den Obstgarten begrenzten , während die Männer an den Tischen die Häupter neigten . Auch sie betete nicht , sondern ordnete vor dem in jedenfalls unabsichtlicher Satire wie vor Jahren in Eibendorf mit einer kleinen Pfauenfeder geschmückten matten Spiegel ihre Toilette , band die Flechten ihres Haares fester , glättete einen großen , weithängenden Spitzenkragen , unter dessen Fall die zierlichste Taille sich verbarg , legte ihr goldenes Kreuz in passende Ordnung , wählte ein weniger zerknittertes Taschentuch aus dem geöffneten Koffer , entnahm ihm einige gesiegelte Briefe , steckte diese zu sich , setzte den Hut auf und schickte sich zu einem unendlich seligen und doch ebenso wieder schweren , vielleicht tief demüthigenden Gange an . Beim Pfarrer konnte inzwischen vielleicht auch schon durchs Bonaventura ' s Vetter und seinen Begleiter Hedemann ihr Kommen angezeigt worden sein ; denn die Ceremonie , ihre Toilette , ihr Kampf mit sich selbst hatten lange gedauert . Das Pfarrhaus lag dicht an der Kirche und dem Gottesacker . Von letzterm trennte es nur ein bescheidener Gemüse- und Obstgarten . Die Grenze , eine Mauer von grünen Hecken , war unverschlossen . Nicht gering war die Neugier , mit der Lucinden Jung und Alt betrachtete . Nur eine alte Frau , die im Pfarrgarten Kerbel und Salat zum Nachtessen sammelte , erhob sich von ihrem Bücken nicht . Ihr schienen vielleicht die Besuche elegant gekleideter Frauen bei ihrem Herrn weniger auffallend . Und doch konnte Lucinde vor Bangen nicht zur Hausthür hinein . Der Eingang zum Garten stand offen . Ungesehen betrat sie einen Theil desselben , einen gewähltern , wo abgeblühter Jasmin und wilde Geisblattbüsche sich fast zu einem Laubengange einten ... Hier war ein Sitz , auf dem noch Bücher lagen ... In Bienenstöcken , an denen sie vorüber mußte , schien es still , wenn auch ihrem scharfen Ohr nichts von dem Summen entging , von dem sie drinnen belebt waren ... Im fast verstohlenen Vorüberhuschen wagte sie die Bücher , die Bonaventura vergessen zu haben schien , anzusehen ... Sie schlug sie auf , neugierig auf die jetzige Geistesfährte des innern Lebens dieses ihres - Feindes ? War das Asselyn ? Er liebte , wenn er liebte , Paula ! Er haßte , wenn er haßte , Lucinden ! Sie fand einen Band von Goethe ' s Gedichten . Dann eine ältere Liedersammlung : » Trutz-Nachtigall « , von dem alten edeln Dichter Friedrich von Spee , einem Jesuiten . Sie kannte einige der Weisen dieses letztern Sängers , der sich durch seinen geistlichen Stand nicht hatte beirren lassen , die Sprache der Blumen , der Farben , der Töne und des eigenen Herzens als die gemeinsame Muttersprache aller geschaffenen Creatur mit den Weltlichen mitzureden und unter den Huldigungen , die seine inbrünstige Phantasie der überirdischen Liebe brachte , auch ein gut Theil der Wonnen mitzufühlen , die die irdische gewährt . Ertappt ! lag in dem fast listigen Blick ausgesprochen , mit welchem Lucinde beide Bücher an sich nahm und , um sich Muth zu fassen , beschloß , sie dem Pfarrer beim ersten Gruß einzuhändigen . Im Hause vorn , das nur aus einem , aber hochgelegenen Stockwerk und vielen bewohnbaren Dachkammern bestand , kündigte sich in der Küche schon die größte Regsamkeit an . Die eigentliche Führerin des Haushalts war wohl die über dem Salatbeete gebückte Matrone . Aber hier in der Küche stand , vom prasselnden Feuer beschienen , ein jüngeres dienendes Wesen und gab , angeredet um den Herrn Pfarrer , aus der Ferne kaum verständliche Antwort ; Eierspeisen , um die es sich allein bei einem improvisirten Abendimbiß handeln konnte , gebieten Aufmerksamkeit auf Pfanne und Löffel ; das wußte Lucinde wohl von ihren frühern mißglückten Versuchen in diesem Fache . Nun folgte sie der eigenen Führung und verließ sich auf ihr Ohr , das durch die Thür zur Rechten auch schon Männerstimmen hörte . Lauschen konnte sie nicht , wenn sie auch wollte , denn im gleichen Augenblick öffnete sich die Thür und Hedemann trat ihr entgegen , mit Schüsseln in der Hand und mit Gedecken . Er half an den Zurüstungen zum Nachtimbiß . Wie staunte er , als ihm Lucinde alles ohne weiteres aus der Hand nahm und damit in die Küche ging ! Hedemann blieb stehen , hielt die Thür auf und sagte , zugleich bestätigend , daß man eben von ihr gesprochen : Da ist ja jetzt das Fräulein ! Bonaventura hatte Lucinden nach der Mittheilung der Frau von Gülpen zu Kocher am Fall schon in der Frühe erwarten dürfen . Und wie ein Priester , der nach der Beichte einer noch so großen Sünde dem Sünder begegnen kann als hätte er nicht ein Wort von ihm vernommen , schritt er jetzt hinaus , begrüßte freundlich lächelnd Lucinden in der Küche , beschwichtigte das Erstaunen der alten , aus dem Garten zurückgekehrten Frau und führte sie dann wie eine unverfängliche , ihm willkommene alte Bekanntschaft mit Wohlwollen an der Hand in das Wohnzimmer zurück . Ihre Hand zitterte in der ruhigen seinen . Sie wollen zu meinem Onkel ! begann er mit dem milden und weichen Tone , den Lucinde eben auf dem Friedhof gehört , dem Tone , den sie aus frühern Zeiten kannte , ja aus Zeiten schon , wo sie ihn selbst noch gar nicht gesehen ; denn so konnte Serlo sprechen , wenn er auf dem Sopha lag , unbehelligt von seiner Frau und wehmüthig auf die Vergangenheit und Zukunft blickend . Aber diese sanfte Stimme kam hier vom Leben , von der Gesundheit , von einer Zukunft , die eine sichere und verbürgte war . So wissen Sie - ? erwiderte sie und schlug die Augen nieder , als wäre sie sich der Glut derselben bewußt ... Sie reichte die Bücher dar und erzählte ihren Einfall in den Garten . Dann gab sie Briefe ab , die sie von Priestern und Freunden Bonaventura ' s mitbrachte . Dieser erbrach die Briefe , las sie und überließ Lucinden den weitern Erkennungen und Ueberraschungen und Verständigungen zwischen ihr und Benno . Ob Bonaventura mit ganzer Theilnahme las ? ... Ob er dies mit dem Gefühl that : Da ist sie die Abgesandtin des Himmels oder - der Hölle ? Man rüstete das Mahl . Benno plauderte über Armgart , über das Erstaunen derselben , daß sie Lucinden blos aus den Schilderungen ihrer Freundin Paula erkannt und dann von Angelika Müller , der Lehrerin , die Richtigkeit ihrer Vermuthungen bestätigt erhalten hatte , über diese Lehrerin , die wenig mehr über Lucinden gewußt zu haben schien , als daß sie einst auf einer Reise sie begleitet hätte - wußte sie mehr , so paßte es schwerlich für die jungen Mädchen - über den Doctor Laurenz Püttmeyer , über Hegel ' s Lehrstuhl , über die metaphysische Drechselbank ... Bonaventura behielt Zeit , beim Lesen auch sich zu sammeln und vielleicht jenes Bildes in seinem Gedächtniß zu gedenken ... Er war seit acht Wochen Priester und saß zum ersten mal im Beichtstuhl ... Es war ein uralter , von Eichenholz kunstvoll gearbeiteter . Ein alter Holzschnitzer hatte die Zierathen dieses Stuhles aus der Geschichte des Sündenfalls entnommen . Der Stuhl drückte die Versuchung aus und die Erlösung . Adam und Eva standen links und rechts an den beiden Eingängen ; der Priester saß wie im Baume der Erkenntniß ; ringsum ihn windet sich die Schlange . Ueber ihm erhebt sich die Erlösung , der siegende Christus mit dem Kreuz und jene Maria , von der Friedrich von Spee , der Sänger der » Trutz-Nachtigall « , erzählt hat , daß sie einst zu ihrem Sohne gesagt haben soll : » Mußt du so leiden , so bitte den Vater , daß er mich früher hingehen läßt « ; aber der Heiland erwiderte : » Zwei haben im Paradiese gesündigt , Adam und Eva ! Zwei müssen auch die Marter leiden , ich und du ! « ... Und in diesem Beichtstuhl war es gewesen , daß beim ersten Beichthören die erste Stimme , die zu Bonaventura gesprochen , ohne daß er die Beichtende sah , nach dem ersten Anmelden ihn anredete : Ehrwürdiger Priester ! Ist es wahr , daß alles in Erfüllung geht , was wir , während ein Priester geweiht wird , von Gott erbitten ? ... Bonaventura , ohne der Stimme zu achten , die er hörte , versenkt in die ihm so heilige Bedeutung des Amtes , Mitwisser fremder Fehle und Mitträger fremder Schuld , Mitträger fremder Reue und Buße zu sein , hatte erwidert : So Sie um ein ewiges Gut gebeten haben , gewiß ; doch würde es Ihnen Gott auch erfüllen in jeder andern Lage , wo Sie in Andacht zu ihm beten ! Darauf hatte die Stimme erwidert : Ich bat um ein Unmögliches , die Wiedererweckung eines Todten , oder darf man annehmen , daß der Geist sich auch auf Erden schon unsterblich erneuert und in wechselnden äußern Gestalten doch derselbe bleibt , dieselben Wunder wirkt , dieselbe Liebe entzündet ? ... Bonaventura hatte erwidert : Der Geist , der heilig ist , ist ausgesandt in alle Welt und ist nur einer ! ... Wodurch heiligen wir