Tanne zu . Wie die sich nicht rührte , zog er sein Schwert . » Vorwärts , Falada ! « spornte er die Mähre und setzte in kühnem Satze über den Baum . Im Drüberspringen tat er einen Schwerthieb ins Geäst , daß die Zweige herumflogen . Nach weniger denn anderthalb Stunden war er schon vor der Klosterpforte . Der schmale Streif Landes , der bei niederem Wasserstand des Sees das Ufer mit der Insel verbindet , war frei von Überschwemmung und gestattete das Hinüberreiten . Ein dienender Bruder tat ihm auf . Es war um Mittagszeit . Der blödsinnige Heribald kam neugierig aus dem Klostergarten hergelaufen , zu schauen , wer der fremde Reiter . Er drängte sich nah ' ans Roß , wie Herr Spazzo absprang . Der Hofhund tobte an seiner Kette mit Gebell dem Rappen des Kämmerers entgegen , daß er sich aufbäumte . Schier hätte Herr Spazzo Schaden genommen . Wie er mit beiden Füßen auf die Erde gesprungen war , griff er seine Schwertscheide und hieb dem Heribald flach über den Rücken . » Es ist nicht für Euch ! « rief er und strich seinen Bart , » es ist für den Hofhund . Gebt ' s weiter ! « Heribald stand betroffen und griff nach seiner Schulter . » Heiliger Pirmin ! « jammerte er . » Es gibt heute keinen heiligen Pirmin ! « sprach Herr Spazzo entschieden . Da lachte Heribald , als wenn er seinen Mann kennte . » Eia , gnädiger Herr , die Hunnen sind auch bei uns gewesen , und war niemand da als Heribald , sie zu empfangen , aber so gottlos haben sie nicht mit ihm gesprochen . « » Die Hunnen , sind keine herzoglichen Kämmerer ! « sprach Herr Spazzo mit Stolz . In Heribalds blödsinnigem Gehirn begann der Gedanke aufzudämmern , die Hunnen seien nicht die schlimmsten Gäste auf deutscher Erde . Er schwieg und ging in den Garten . Dort riß er ein paar Salbeiblätter ab und rieb seinen Rücken . Herr Spazzo schritt über den Klosterhof zum Tor , das durch den Kreuzgang ins Innere führte . Er trat fest auf . Die Glocke zum Mittagsmahl läutete . Einer der Brüder kam schnellen Ganges über den Hof . Herr Spazzo faßte ihn am dunkeln Gewand . » Rufet mir den Abt herunter ! « sprach er . Der Mönch sah ihn verwundert an und tat einen Seitenblick auf des Kämmerers abgetragen Jagdhabit . » Es ist die Stunde der Mahlzeit « , sprach er . » Wenn Ihr geladen seid , was ich aber ... « er schaute wiederum etwas spöttisch auf Spazzos Jagdrock ; der Schluß ward ihm erspart , der Kämmerer würdigte den hungrigen Bruder eines gediegenen Faustschlages , daß er taumelnd von der Schwelle in den Hof hinausflog wie ein wohlgeschleuderter Federball . Die Mittagssonne schien auf des Gefallenen Tonsur . Dem Abt war bereits gemeldet worden , welch einen Frevel der Klostermeier sich an der Herzogin Mann erlaubt . Jetzt vernahm er den Tumult im Klosterhof . Wie er an sein Fenster trat , erschaute er just den frommen Bruder Yvo faustschlagbefördert in den Hof hinausfliegen . Glücklich , wer der Dinge geheimste Ursachen erkannt hat , singt Virgilius . Abt Wazmann erkannte sie , er hatte aus dem Dunkel des Kreuzgangs Herrn Spazzos Helmzier drohend herübernicken gesehen . » Ruft mir den Abt herunter ! « rief ' s zum zweitenmal vom Hofe herauf , daß die Scheiben der Zellenfenster klirrten . Unterdessen ward die Reichenauer Mittagssuppe kalt ; die im Refektorium Versammelten griffen endlich zu , ohne des Abts zu warten . Der Abt Wazmann hatte Rudimann , den Kellermeister , zu sich entboten . » Das alles « , sprach er , » hat uns der Grünspecht von Sankt Gallen wieder angezettelt . O Gunzo , Gunzo ! Keiner soll seinem Nächsten ein Leid wünschen , aber doch überdenkt mein Gemüt die Frage , ob unsere Hofbauern , das riesige Geschlecht vor dem Herrn , nicht wohlgetan hätten , dem Gleisner Ekkehard die Steine an den Kopf zu werfen , die sie dem hunnischen Hexenmeister bestimmt ... « Ein Mönch trat scheu in des Abts Gemach . » Ihr sollt herunterkommen « , sagte er leise , » es ist einer drunten und tobt und griesgramt wie ein Gewaltiger . « Da wandte sich der Abt zu Rudimann , dem Kellermeister , und sprach : » Es muß schlecht Wetter sein bei der Herzogin ; ich kenne den Kämmerer , der ist ein sicher Wetterzeichen . Wenn seine Herrin ihren stolzen Mund zur Heiterkeit zuspitzt , so lacht er mit dem ganzen Gesicht , und wenn Wolken über ihre Stirn ziehen , so geht bei ihm ein volles Donnerwetter los ... « » ... und schlägt ein « , ergänzte Rudimann . Schwere Tritte klirrten durch den Gang . » Es ist keine Zeit mehr zu verlieren « , sprach der Abt . » Macht Euch schnell auf den Weg , Kellermeister , reitet hinüber und drückt der Herzogin unser Bedauern aus ; nehmt ein paar Silberlinge aus der Klostertruhe mit als Schmerzensgeld für den Zerschlagenen und saget , daß man für seine Genesung beten wolle . Vorwärts , Ihr seid ja sein Pate und ein kluger Mann . « » Es wird schwer halten « , sprach Rudimann . » Sie wird recht giftig sein . « » Bringt ihr ein Geschenk mit « , sprach der Abt . » Kinder und Frauen lassen sich gern die Augen blenden . « » Was für eines ? « wollte Rudimann fragen , da ward die Tür aufgerissen . Herr Spazzo trat ein . Sein Gesicht lag in den richtigen Falten . » Beim Leben meiner Herzogin ! ! « rief er , » hat der Abt dieses Rattennestes heute Blei in seine Ohren gegossen , oder ist ihm Gichtbruch in die Füße gefahren ? Was kommet Ihr nicht , Euern Besuch zu empfangen ? « » Wir sind überrascht « , sprach der Abt , » laßt Euch willkommen heißen . « Er hob den rechten Zeigefinger , ihm den Segen zu erteilen . » Brauch keinen Willkomm ! « gab ihm Herr Spazzo zurück . » Der Teufel ist heute Schutzpatron des Tages . Wir sind gekränkt ! schwer gekränkt ! Wir heischen Buße , zweihundert Pfund Silbers zum mindesten . Heraus damit ! ! Mord und Weltbrand ! den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmaßung kein Eintrag geschehen ! Wir sind Gesandter . « Er klirrte mit den Sporen auf dem Fußboden . » Verzeihet « , sprach der Abt , » wir haben am grauen Jagdrock die Tracht des Gesandten nicht zu erkennen vermocht . « » Beim kamelhärenen Kleid des Täufers Johannes ! « brauste Herr Spazzo auf , » und wenn ich im Hemd angeritten käme , so wär ' die Gewandung noch stolz genug , um vor euch schwarze Kutten als Herold zu treten . « Er setzte seinen Helm auf . Die Federn nickten : » Zahlet , damit ich weiters kann . Es ist schlechte Luft hier , schlecht , sehr schlecht ... « » Erlaubet « , sagte der Abt , » im Zorn lassen wir keinen Gast von der Insel reiten . Ihr seid scharf , weil Ihr noch nichts gegessen habt . Lasset Euch ein Klostermahl nicht gereuen . Nachher von Geschäften . « Daß einer für seine Grobheit freundlich zum Mittagsmahl eingeladen wird , machte dem Kämmerer einigen Eindruck . Er nahm seinen Helm wieder ab . » Den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmaßung kein Eintrag geschehen ! « sprach er noch einmal , aber der Abt deutete hinüber : da sah man die offene Klosterküche , der blonde Küchenjunge drehte den Spieß am Feuer und schnalzte mit der Zunge , denn ein lieblicher Bratenduft war in seiner Nase aufgestiegen - ahnungsvoll standen etliche verdeckte Schüsseln im Hintergrund , - ein Mönch wandelte mit riesigem Steinkrug vom Keller her durch den Hof . Das Bild war allzu lockend . Da vergaß Herr Spazzo die amtlichen Stirnfalten und nahm die Einladung an . Bei der dritten Schüssel strömten seine Grobheiten spärlicher . Wie der rote Meersburger im Pokal glänzte , versiegten sie ganz . Der rote Meersburger war gut . - Unterdes ritt Rudimann , der Kellermeister , aus dem Kloster . Der Fischer von Ermatingen hatte einen riesigen Lachs gefangen , frisch und prächtig lag er im kühlen Keller verwahrt , den hatte Rudimann erlesen als Geschenk zur Beschwichtigung der Herzogin . Auf dem Schreibzimmer des Klosters hatte er auch noch zu schaffen , bevor er ausritt . Ein Laienbruder mußte ihn begleiten , das in Stroh verpackte Seeungetüm quer über sein Maultier gelegt . Herr Spazzo war hochmütig herübergeritten , demütig ritt Rudimann hinüber . Er sprach leise und schüchtern , wie er nach der Herzogin fragte . » Sie ist im Garten « , hieß es . » Und mein frommer Mitbruder Ekkehard ? « frug der Kellermeister . » Der hat den wunden Cappan in seine Hütte am Hohenstoffeln geleitet und pflegt ihn , er kommt vor Nacht nicht heim . « » Das tut mir leid « , sprach Rudimann . Höhnisch verzog er seine Lippen . Er ließ den Lachs auspacken und auf die Granitplatte des Tisches im Hofe legen ; die Linde warf ihren Schatten drüber , die Schuppen des Seegewaltigen glänzten , es war , als ob sein kühles Auge noch Leben hätte und schmerzlich stumm vom Berggipfel nach den blauen Wogen drüben schaute . Der Fisch war über eines Mannes Länge ; Praxedis hatte einen hellen Schrei getan , wie die Strohhülle von ihm genommen ward . » Er kommt vor Nacht nicht heim ! « murmelte Rudimann und brach einen starken Lindenzweig und sperrte mit eingeschobenem Holze dem Lachs den Rachen , daß er weit aufgerissen hinausgähnte . Mit grünem Lindenblatt verzierte er das Fischmaul , dann griff er in seinen Busen , dort trug er die Pergamentblätter von Gunzos Schmähschrift , er rollte sie säuberlich zusammen und schob sie in den offenen Rachen . Neugierig sah ihm Praxedis zu ; das war ihr noch nicht vorgekommen . Jetzt nahte die Herzogin . Demütig ging ihr Rudimann entgegen , er bat um Nachsicht für die Klosterleute , es tue dem Abt leid , er sprach mit Anerkennung von dem Verwundeten , mit Zweifel vom Wetterzauber , mit Erfolg im ganzen . » Und mög ' Euch ein unwürdig Geschenk wenigstens den guten Willen des Euch stets getreuen Gotteshauses beweisen « , schloß er und trat zurück , daß der Lachs in seiner vollen Pracht sichtbar wurde . Die Herzogin lächelte halb versöhnt . Jetzt sah sie das Pergament dem Rachen entragen . » Und das ? « sprach sie fragend . » Das Neueste der Literatur ! ... « sprach Rudimann . Er neigte sich mit Anstand , ging zu seinem Saumtier und beeilte sich des Heimritts . Der rote Meersburger war gut . Und Herr Spazzo , nahm ' s nicht als eine leichte Sache , beim Wein zu sitzen , er dauerte aus vor den Krügen wie ein Städtebelagerer und saß festgegossen auf seiner Bank und trank als ein Mann , der sprudelnd Aufschäumen den Knaben überläßt , ernst aber viel . » Der Rote ist die verständigste Einrichtung im ganzen Kloster , habt Ihr noch mehr im Keller ? « hatte er den Abt gefragt , wie der erste Krug leer war . Es sollte eine Höflichkeit sein , ein Zeichen der Versöhnung , daß er weiter trank . Da kam der zweite Krug . » Unbeschadet der landesherrlichen Rechte ! « sprach er grimm , wie er mit dem Abt anstieß . » Unbeschadet ! « antwortete der mit einem Seitenblick . Es war die fünfte Abendstunde , da schallte ein Glöcklein durchs Kloster . » Verzeihet « , sprach der Abt , » wir müssen zur Vesper , wollet Ihr mit ? « » Ich werd ' Euch lieber erwarten « , entgegnete Herr Spazzo und schaute in den dunkeln Hals des Steinkrugs . Es wogte drin noch sattsamer Bedarf für eine Stunde . Da ließ er die Mönche ihren Vespersang halten und trank einsam weiter . Wieder war eine Stunde abgelaufen , da besann er sich , weshalb er eigentlich ins Kloster herübergeritten . Es fiel ihm nimmer deutlich ein . Jetzt kam der Abt zu ihm zurück . » Wie habt Ihr Euch unterhalten ? « fragte er . » Gut ! « sprach Herr Spazzo . Der Krug war leer . » Ich weiß nicht ... « begann der Abt . » Doch ! « sprach Herr Spazzo und nickte mit dem Haupt . Da kam der dritte Krug . Inzwischen kehrte Rudimann von seinem Ausritt heim , die Abendsonne neigte sich zum Untergehen , der Himmel färbte sich glühend , purpurne Streiflichter fielen durchs schmale Fenster auf die Zechenden . Wie Herr Spazzo wieder mit dem Abte anstieß , glänzte der Rotwein wie feurig Gold im Pokal , und er sah einen Schein der Verklärung um des Abts Haupt flimmern . Er besann sich . » Beim Leben Hadwigs219 « , sprach er feierlich , » wer seid Ihr ? « Der Abt verstand ihn nicht . » Was habt Ihr gesagt ? « fragte er . Da kannte Herr Spazzo die Stimme wieder . » Ja so ! « rief er und schlug mit der Faust auf den Tisch , » den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmaßung kein Eintrag geschehen ! « » Gewiß nicht ! « sagte der Abt . Da fühlte der Kämmerer einen fliegenden Stich in der Stirn220 , den kannte er wohl und pflegte ihn den » Wecker « zu heißen . Der Wecker kam nur , wenn er beim Weine saß ; wenn er durchs Haupt brauste , so war ' s ein Signal , daß in Frist einer halben Stunde die Zunge gelähmt sei und das Wort versage . Kam der Wecker zum zweitenmal , so drohte die Lähmung den Füßen . Da erhob er sich . » Die Freude sollen die Kutten nicht erleben « , dachte er , » daß vor ihrem Klosterwein eines herzoglichen Dienstmannes Zunge stille steht ! « Er stand fest auf den Füßen . » Halt an « , sprach der Abt , » des Abschieds Minne ! « Da kam der vierte Krug . Herr Spazzo war zwar aufgestanden , aber zwischen Aufstehen und Fortgehen kann sich noch vieles zutragen . Er trank wieder . Wie er seinen Pokal absetzen wollte , stellte er ihn bedächtig in die blaue Luft hinein , daß er auf die Steinplatten des Fußbodens fiel und zerschellte . Da ward Herr Spazzo grimmig . Verschiedenes rauchte und rauschte ihm durch den Sinn . » Wo habt Ihr ihn ? « fuhr er den Abt an . » Wen ? « » Den Klostermeier ! Gebt ihn heraus , den groben Bauer , der mein Taufpatenkind hat umbringen wollen ! « Er ging drohend auf den Abt los . Nur einen einzigen Fehltritt tat er . » Der sitzt auf dem Schlangenhofe « , sprach der Abt lächelnd . » Er sei Euch ausgeliefert . Ihr müßt aber selber ausziehen und ihn holen . « » Mord und Weltbrand ! wir werden ihn holen « , polterte Herr Spazzo und schlug ans Schwert , indem er nach der Türe schritt . » Aus dem Bett werden wir ihn greifen , den Bärenhäuter , und wenn er gegriffen ist , beim Tornister des heiligen Gallus ! wenn er ... dann ... sag ' ich Euch ... « Die Rede kam nimmer zum Schluß . Die Sprache stand ihm still wie die Sonne in der Amorrhiter Schlacht , da Josua ihr gebot . Er griff nach des Abtes Becher und trank ihn leer . Die Sprache kam nicht wieder . Ein süßes Lächeln lagerte sich auf des Kämmerers Lippen . Er schritt auf den Abt zu und umarmte ihn . » Freund und Bruder ! vielgeliebter alter Steinkrug ! wie wär ' s , wenn ich Euch ein Aug ' ausstäche ? « wollte er mit kämpfender Zunge zu ihm sagen ; es gelang ihm nimmer , verständlich zu sein . Er preßte den Abt fest und trat ihm dabei mit dem bespornten Stiefel auf den Fuß . Abt Wazmann hatte bereits den Gedanken überlegt , ob er dem Erschöpften ein Nachtlager wolle anweisen , die Umarmung und der Schmerz seiner Zehen änderte ihm den Sinn , er sorgte , daß des Kämmerers Rückzug beginne . Im Klosterhof ward sein Roß gesattelt . Der blödsinnige Heribald schlich sich draußen herum , er hatte ein groß Stück Zunder in der Küche geholt und gedachte dasselbe brennend des Kämmerers Roß in die Nüstern zu legen , daß es ihn räche für den flachen Hieb . Jetzt kam Herr Spazzo heraus , er hatte die Reste seiner Würde zusammengerafft . Ein Diener mit einer Fackel leuchtete . Der Abt hatte ihm an der obern Pforte Valet gewinkt . Herr Spazzo stieg auf seinen treuen Rappen Falada , ebenso schnell gleitete er auf der rechten Seite wieder herab . Heribald sprang bei , ihn aufzufangen , der Kämmerer fiel ihm in die Arme , des Mönchs Bart streifte stechend seine Stirn . » Bist du auch da , Elbentrötsch221 ! weiser König Salomo ! « lallte Herr Spazzo , » sei mein Freund ! « Er küßte ihn , da hob ihn Heribald aufs Roß und warf seinen Zunder weg und trat darauf . » Eia , gnädiger Herr « , rief er ihm zu , » kommt recht wohl nach Hause ! Ihr seid anders bei uns eingeritten wie die Hunnen , darum reitet Ihr aber auch anders von dannen wie sie , und sie haben sich doch auch aufs Weintrinken verstanden . « Herr Spazzo drückte den Eisenhut aufs Haupt , fest griff er die Zügel ; es preßte ihm noch etwas das Herz , er kämpfte mit der lahmgewordenen Zunge . Itzt kam ein Stück verlorener Kraft wieder , er hob sich im Sattel , die Stimme gehorchte . » Und den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmaßung kein Eintrag geschehen ! « rief er , daß es durch die stille Nacht des Klosterhofs dröhnte . Zu derselben Zeit berichtete Rudimann dem Abt über den Erfolg seiner Sendung zur Herzogin . Herr Spazzo ritt ab . Dem Diener , der mit der Fackel leuchtete , hatte er einen güldenen Fingerring zugeworfen . Darum ging der Fackelträger noch weit mit ihm bis zum schmalen Pfad , der über den See führte . Bald war er am jenseitigen Ufer . Kühl wehte die Nachtluft um das heiße Haupt des Reiters . Er lachte vor sich hin . Die Zügel hielt er gepreßt in der Rechten . Der Mond schien auf den Weg . Dunkel Gewölk ballte sich fern um die Häupter der helvetischen Berge . Jetzt ritt Herr Spazzo in den Tannwald ein . Laut und gemessen schallte des Kuckucks Stimme durch die Stille . Herr Spazzo lachte . War ' s fröhliche Erinnerung oder sehnende Hoffnung der Zukunft , die sein Lächeln so süß machte ? Er hielt sein Roß an . » Wann soll die Hochzeit sein ? « rief er zum Baum hinüber , drauf der Rufer saß 222 . Er zählte die Rufe , aber der Kuckuck war heute unermüdlich . Schon hatte Herr Spazzo zwölf gezählt , da begann seine Geduld auf die Neige zu gehen . » Schweig ' , schlechter Gauch ! « rief er . Da tönte des Kuckucks Ruf zum dreizehnten Male . » Der Jahre fünfundvierzig haben wir schon , und dreizehn macht achtundfünfzig « , sprach Herr Spazzo zornig . » Das gäb ' späten Brautstand . « Der Kuckuck rief zum vierzehnten . Ein anderer war vom Rufen wach geworden und ließ itzt auch seine Stimme erklingen , ein dritter stimmte ein , das hallte und schallte neckisch um den trunkenen Kämmerer herum und war nicht mehr zu zählen . Da ging ihm die Geduld gänzlich aus . » Lügner seid ihr und Ehebrecher und Bäckerknechte alle zusammen ! « schalt er die Vögel , » schert euch zum Teufel ! « Er spornte sein Roß zum Trab . Der Wald schloß sich dichter . Fetzt zogen die Wolken herauf , schwer und dunkel , sie zogen gegen den Mond . Es ward stockfinster ; geisterhaft ragten die Tannen , alles lag schwarz und still . Gern hätte Herr Spazzo itzt noch den Kuckuck gehört , der nächtliche Ruhestörer war fortgeflogen - da ward ' s dem Heimreitenden unheimlich ; eine ungestalte Wolke kam gegen den Mond geschlichen und hüllte ihn ganz ein , da fiel Herrn Spazzo ein , was ihm die Amme in erster Jugend erzählt , wie der böse Wolf Hati und Managarm , der Mondhund , dem leuchtenden Gestirn nachjagen , er sah wieder auf , da sah er den Wolf und den Mondhund deutlich am Himmel ; itzt hielten sie den armen Tröster der Nacht im Rachen ... Herr Spazzo schauderte . Er zog sein Schwert . » Vince luna ! Siege , o Mond ! « schrie er ! mit heller Stimme und rasselte mit Schwert und Beinschienen , » vince luna « vince luna223 ! Sein Geschrei war laut und sein ehern Gerassel scharf , aber die Wolkenungetüme ließen den Mond nicht , nur des Kämmerers Roß ward scheu und sprengte sausend mit ihm durch die Waldesnacht . Wie Herr Spazzo des andern Morgens erwachte , lag er am Fuß des hunnischen Grabhügels . Auf der Wiese sah er seinen Reitersmantel liegen , sein schwarzes Rößlein Falada erging sich fern am Waldessaum , der Sattel hing unten am Bauch , die Zügel waren zerrissen ; es fraß die jungen Wiesenblumen . Langsam wandte der schlafmüde Mann sein Haupt und schaute sich gähnend um . Der Klosterturm der Reichenau spiegelte sich so ruhig und fern im See , als wenn nichts geschehen wäre . Er aber riß einen Büschel Gras aus und hielt die tauigen Halme an die Stirn . » Vince luna ! « sprach er mit bittersüßem Lächeln . Er hatte schwer Kopfweh . Neunzehntes Kapitel . Burkard , der Klosterschüler . Rudimann , der Kellermeister , war kein falscher Rechner . Eine Rolle Pergament in einem Lachsrachen muß Neugier erregen . Während Herr Spazzo den Reichenauer Klosterwein getrunken , war seine Gebieterin mit Praxedis im stillen Closet an Entzifferung der Gunzoschen Schrift gesessen ; die Schülerinnen Ekkehards hatten des Lateinischen genug gelernt , um die Hauptsachen zu verstehen ; was grammatisch unklar blieb , errieten sie , was nicht zu erraten war , setzten sie nach eigenem Gutdünken zusammen . Praxedis war empört : » Ist denn die Nation der Gelehrten überall wie in Byzanzium ? « sprach sie . » Erst die Mücke zum Elefanten gemacht und dann einen Feldzug gegen das selbstgeschaffene Ungetüm begonnen ! Das Reichenauer Geschenk schmeckt essigsauer . « - Sie verzog den lieblichen Mund wie damals , da sie Wiborads Holzäpfel kosten mußte . Frau Hadwig war sonderbar bewegt . Ein unheimlich Gefühl sagte ihr , daß in Gunzos Blättern ein Geist sein Wesen treibe , der nicht vom Guten , aber sie gönnte Ekkehard die Demütigung . » Ich glaube , er hat die Zurechtweisung verdient « , sprach sie . Da sprang Praxedis auf : » Unser braver Lehrer verdient manche Zurechtweisung « , rief sie , » aber das sollte unsere Sache sein . Wenn wir ihm seine blöde Schwerfälligkeit wegschulmeistern , tun wir ein gutes Werk . Aber wenn einer mit dem Balken im Aug ' dem andern den Splitter vorwirft , das ist zu arg . Die bösen Mönche haben das nur angebracht , um ihn anzuschwärzen . Darf ich ' s zum Fenster hinauswerfen , gnädige Herrin ? « » Wir haben Euch weder um Ekkehards Erziehung noch um Werfung eines Gastgeschenks zum Fenster hinaus ersucht « , sprach die Herzogin bitter . Praxedis schwieg . Die Herzogin konnte sich von der eleganten Schmähschrift lange nicht trennen . Ihre Gedanken waren dem blonden Mönch nicht mehr zugewendet wie damals , als er sie über den Hof des heimischen Klosters trug . Im Augenblick überschwenglichen Gefühls nicht verstanden werden , ist gleich der Verschmähung , der Stachel weicht nicht wieder . Wenn sie ihn jetzt erschaute , pochte das Herz nicht in höherem Schlag ; oft war ' s Mitleid , was ihre Blicke ihm noch zuführte , aber nicht jenes süße Mitleid , aus dem die Liebe aufsprießt wie aus kühlem Grunde die Lilie - es barg einen bösen Keim von Geringschätzung in sich . Durch Gunzos Schmähschrift ward auch das Wissen , das die Frauen seither hoch an ihm gehalten , in Staub gezogen , was blieb noch Gutes ? Das stille Weben und Träumen seiner Seele verstand die Herzogin nicht , zarte Scheu ist in anderer Augen Torheit . Daß er in der Frühe ausgegangen , das hohe Lied zu lesen , war zu spät ; er hätte das im vorigen Herbst tun sollen ... Der Abend dunkelte . » Ist Ekkehard heimgekehrt ? « fragte die Herzogin . » Nein « , sprach Praxedis , » Herr Spazzo auch nicht . « » Dann nimm den Leuchter « , befahl Frau Hadwig , » und trage die Pergamentblätter auf Ekkehards Turmstube . Er darf nicht ununterrichtet bleiben von seiner Mitbrüder Werken . « Die Griechin gehorchte , aber unfroh . In der Turmstube droben war schwüle Hitze . Ungeordnet lagen Bücher und Gerätschaften umher . Auf dem Eichentisch war das Evangelium des Matthäus aufgeschlagen : » Am Geburtsfest des Herodes aber tanzte der Herodias Tochter vor der Gesellschaft , und sie gefiel dem Herodes , daß er ihr mit einem Eidschwur verhieß zu geben , um was sie bitten wollte , und sie sprach : Gib mir auf einer Schüssel den Kopf Johannes des Täufers ! ... « Die priesterliche Stola , Ekkehards Weihnachtsgeschenk von der Herzogin , lag daneben , die goldgewirkten Fransen hingen über das Fläschlein mit Jordanwasser , das ihm der alte Thieto einst mitgegeben . Da schob Praxedis alles zurück und legte Gunzos Epistel auf den Tisch ; es tat ihr leid , wie sie alles geordnet . Beim Fortgehen wandte sie sich , tat das Fenster auf , riß ein Zweiglein von dem üppig am Turm sich emporschlingenden Efeugerank und warf ' s drüber hin . Ekkehard war spät heimgekommen . Er hatte den wunden Cappan gepflegt ; noch größere Arbeit war es ihm , des Hunnen langes Ehegemahl zu trösten . Nachdem das erste Wehgeheul verstummt und ihre Tränen getrocknet , war bis nach Sonnenuntergang ihre Rede nur ein einziger großer Fluch auf den Klostermeier , und wenn sie ihren starken Arm gen Himmel hob und von Augauskratzen und Bilsenkraut in die Ohren gießen und Zähneeinschlagen sprach , und ihre braunen Zöpfe wildbedrohlich im Winde flatterten , so bedurfte es eindringlichen Zuspruchs , sie zu beruhigen . Doch war ' s gelungen . In der Stille der Nacht las Ekkehard die Blätter , die ihm die Griechin in seine Stube gelegt . Seine Hand spielte mit einer wilden Rose , die er heimgehend im Tannenwald gepflückt , während sein Auge die geharnischten Angriffe des welschen Gelehrten aufnahm . Woher mag es kommen , dachte er und sog den Duft der Blume ein , daß so vieles der Tinte Entsprossenes seinen Ursprung nicht verleugnen kann ? Alle Tinte kommt vom Gallapfel und aller Gallapfel vom bösen Wespenstich ... Mit heiterem Antlitz legte er schließlich die gelben Pergamentblätter weg : Eine gute Arbeit - eine recht fleißige gute Arbeit - o , der Wiedehopf ist auch eine wichtige Person unter dem fliegenden Getier . Aber die Nachtigall hat kein Ohr für seinen Gesang ... Er schlief ausgezeichnet gut nach seiner Lesung . Wie er des andern Morgens von der Burgkapelle zurückschritt über den Hof , traf er auf Praxedis . » Wie geht ' s Euch , Hunnentäufer ? « sprach sie leicht , » ich bin ernstlich um Euch besorgt . Es hat mir geträumt , ein großer brauner Meerkrebs sei den Rhein herauf geschwommen und aus dem Rhein in den Bodensee , und vom Bodensee sei er auf unsere Burg gekrochen und hätt ' schneidige Scheren und hätt ' Euch drein geklemmt und scharf ins Fleisch geschnitten . Der Seekrebs heißt Gunzo . Habt Ihr noch viel so gute Freunde ? « Ekkehard lächelte . » Ich mißfalle manchem Mann , der mir auch nicht gefallen kann « , sprach er . » Wer an rußige Kessel anstößt , kann leichtlich schwarz werden . « » Scheint Euch aber ganz gleichgültig zu sein « - sprach Praxedis . » Ihr solltet Euch schon heut auf eine Antwort besinnen . Siedet den Krebs rot ab , dann beißt er nimmer . « » Die Antwort « , erwiderte Ekkehard , » hat ein anderer für mich gegeben . Wer zu seinem Bruder spricht : Rakka ! wird des hohen Rates schuldig sein , und wer sagt : du Narr ! wird des höllischen Feuers schuldig sein . « » Ihr seid recht fromm und mild « , sagte Praxedis , » aber sehet zu , wie weit Ihr damit in der Welt kommet . Wer sich seiner Haut nicht wehret , dem wird sie abgezogen . Auch den schlechten Feind sollt Ihr nicht gering anschlagen : Sieben Wespen zusammen stechen ein Roß tot . « Die Griechin hatte recht . Stumme Verachtung unwürdigen Angreifers gilt allzuleicht für Schwäche . Aber es war Ekkehards Natur so . Praxedis trat einen Schritt auf ihn zu , daß er betroffen zurückwich . » Soll ich Euch noch einen guten Rat geben , Ehrwürdigster ? « sprach sie . Er