über solche Unterbrechungen klage , die im Vergleich mit seinem sonstigen Fleiß und Eifer kaum in Rechnung zu bringen seien . Der Sonnenwirt schwieg gleichfalls und beschäftigte sich wieder mit dem Essen . Im ganzen hatte er doch keinen Grund , sich den Appetit vergehen zu lassen . Sein Sohn hatte dem Herzog einen nicht unbedeutenden Dienst geleistet , der jedenfalls der Sonne zustatten kommen mußte . Konnte dieses Ereignis aber nicht vielleicht auch das Glück des jungen Menschen machen und ihn sogar aus seiner verkehrten Richtung herausreißen ? Der Herzog war gegen seine Gewohnheit weggefahren , ohne eine Wort zu verlieren ; denn wenn er auch das Land wenig schonte , so pflegte er doch den Leuten ein gut Gesicht zu machen und konnte mit dem Geringsten im Volke freundlich reden . Nach einigen Tagen , auf der Rückfahrt , oder auf einer späteren Durchreise , falls er diesmal einen andern Rückweg einschlug , fragte er gewiß nach dem Jüngling , dessen kräftiger Arm ihn vor einer Gefahr bewahrt hatte , und je kleiner dieser sein Verdienst machte , desto höher konnte er in der Gunst des Herrn steigen . Posthalter von Ebersbach ! Der Alte konnte diesen Gedanken nicht aus dem Kopfe bringen . Da war aber freilich immer wieder diese fatale Liebschaft im Wege . Während der Sonnenwirt solchen Gedanken nachhing und dazwischen wieder dem Essen zusprach , dachte sein Sohn an nichts , als daß morgen der dritte Sonntag sei , an welchem er hätte proklamiert werden sollen , und daß heute die Antwort auf seinen Brief aus Göppingen eintreffen müsse . Um dieselbe geheimzuhalten , hatte er nicht die Post , sondern einen Bekannten benützt , der in Geschäften droben war und zu dieser Stunde zurückkommen sollte . Er stand vom Essen auf und ging die Straße hin , um den Brief in Empfang zu nehmen , mit welchem er sodann unter die Erlen an dem Flüßchen eilte . Der Advokat schrieb , er mische sich nur höchst ungern in Händel zwischen Kindern und Eltern , zudem scheine ihm die Sache sehr verwickelt , der Ausgang ungewiß , und ohne einen Vorschuß könnte er sich nicht in diese Geschichte einlassen . Abermals eine vereitelte Hoffnung ! Er knirschte mit den Zähnen , schüttelte einen alten Weidenbaum , daß er in den Wurzeln krachte , und ging kranken Herzens , denn jetzt wußte er nicht mehr , womit er Christinens tägliches Wimmern stillen sollte , in das väterliche Haus zurück . Er war dort heute nichts weniger als überflüssig . Dieselbe Straße , auf welcher des Herzogs leichte Kaleschen den Staub aufgewirbelt hatten , kamen jetzt schwere Frachtwagen langsam vor die Sonne dahergefahren . Friedrich half die Pferde ausschirren und versorgen . Dann ging es an die leibliche Pflege der Fuhrleute , die keine geringen Ansprüche machten und mehr Geld sitzenließen , als der Herzog samt seinem ganzen Hof . Hier war die Sonnenwirtin an ihrem Platze . Sie wußte nicht bloß das Bedürfnis und den Geschmack der Gäste zu befriedigen , sondern auch eine Unterhaltung mit ihnen zu pflegen , bei welcher wenigstens der Verstand nicht zu kurz kam , so daß einst ein Fuhrmann zu seinen Gefährten sagte : » So lieb mir Herz und Nieren sind , so möcht ich doch der Sonnenwirtin ihr Herz nicht fressen , denn warum ? Sie hat eben kein Kalbsherz , aber ihr Hirn , das tät mir , glaub ich , schmecken , und bin doch dem Kalbskopf feind . « Kaum waren die Fuhrleute bedient und zum Teil nach ihren Rossen zu sehen gegangen , so kamen abermals Gäste , und zwar diesmal zu ungewohnter Stunde aus dem Flecken selbst . Es war der junge Müller Georg , den wir kennen , mit einem Mädchen von nicht ungefälligem Aussehen , das er als seine Braut vorstellte , und einem Schwarm von Sippschaft aus benachbarten Orten hinterdrein , worunter sich auch der Knecht des anderen Müllers befand . Er gehörte , wie sich aus dem Gespräch ergab , zur Verwandtschaft und hatte als Unterhändler dieses Verlöbnis zustande bringen helfen , daher er billig beim Brauttrunke sich mitfreuen durfte . Die vergnügte Miene des Müllers verriet es , und derbe Andeutungen der anderen Verwandten sagten es noch lauter , daß die Braut » Batzen « habe . Ehe die Gäste sich setzten , fand eine lange Begrüßung statt , bei welcher der Sonnenwirt in ehrerbietigerem Tone als gewöhnlich und die Sonnenwirtin mit sauersüßem Gesichte dem Müller Glück wünschten . » Ja ja « , sagte diese , » jetzt habt Ihr das recht Wasser auf Eure Mühle gefunden ; der Silberbach , nicht wahr , der wird sie besser treiben als der Ebersbach ? « Die ganze Verwandtschaft lachte sehr geschmeichelt zusammen . Nun trat auch Friedrich zu dem jungen Manne , den er trotz jener Husarenjagd wohl leiden konnte , obgleich er in letzter Zeit mit ihm , der sehr eingezogen lebte , nur selten in Gesellschaft gewesen war . Er schüttelte ihm die Hand , begrüßte die Braut gleichfalls und brachte seinen Glückwunsch mit wenigen , aber herzlichen Worten an . » Jetzt tu Wein her , Frieder , und das nur g ' nug ! « sagte der Müller . » Heut laß ich alle Gäng los ! Du mußt auch mittun , wir haben schon lang nicht mehr miteinander getrunken . « » Ja , ich will so frei sein « , erwiderte er freundlich und eilte in den Keller . » Ihr habt heut ' n Glückstag gehabt , Herr Sonnenwirt « , begann der Bräutigam , als die Gesellschaft , den Wirt und seine Frau mit eingeschlossen , an dem runden Tische Platz genommen hatte . » Ich bin nicht dabei gewesen , hab ' s aber gehört . Und der Frieder , das ist ja ein Kerl wie ein Löw ! Nun , der hat die Wurst nach der Speckseit geworfen ; der Herzog wird sich ' s hinter die Ohren geschrieben haben . « Der Sonnenwirt erzählte unmutig , wie sein Sohn das ihm zugeflogene Goldstück verschmäht habe . Die Gesellschaft hörte mit Verwunderung und Kopfschütteln zu . Die junge Braut lachte überlaut . Dies ärgerte zwar den Sonnenwirt ein wenig , doch glaubte er darin ein Zeichen von vielem Menschenverstand erkennen zu müssen . » Ja , er ist sein Lebtag ein besonderer Kopf gewesen « , sagte der Bräutigam . » Aber das muß man ihm doch lassen , hilfreich ist er und meint ' s vielmals gut . Denkt ' s Euch noch , wo er die Schramm her hat , die man immer noch auf seiner Stirn sieht ? Da ist einmal der Totengräber mit seinem Weib und seinem Mädle am Burggarten runtergefahren , haben ein Wägele mit Heu , glaub ich , geführt , und wie eben die Leut vergeßlich sind , oder vielleicht auch aus Armut , haben sie keine Kette bei sich gehabt und ein mageres Kühle vorgespannt , und haben die Weibsleut den Radschuh machen müssen , wie ' s auch sonst im Leben oft vorkommt . « Die Gesellschaft lachte . » Ist auch oft nötig « , rief eine rüstige dicke Frau , die für die Braut den Mund auftat . » Wenn ein Mann kopfüber kopfunter bergabe will , so tut ' s ihm wohl not , daß er ein tüchtig ' s Weib hat , das ihm den Rappen anhält und den Wagen sperrt . « » Über das « , fuhr der Müller fort , » ist das Wägele in Schuß kommen , das Kühle hat ' s nicht mehr verheben können , und wer weiß , wie ' s gangen wär , da kommt auf einmal der Frieder des Wegs daher , sieht den Unstern und springt bei , er ist schier kaum sechzehn Jahr alt gewesen . Anhalten hat er das Wägele auch nicht mehr können , aber rum hat er ' s samt dem Kühle gerissen , so daß das Rad am Mäuerle aufgefahren ist und am Vorsprung festgesessen . Kuh und Wagen und Leut , keinem hat ' s was getan , aber den Frieder hat ' s mit der Stirn an die Mauer hingeschlenkert , daß man ihm hätt mit einer Latern in Kopf hineinzünden können . « » Ja , ich weiß wohl noch , wie man mir den gottlosen Buben halbtot ins Haus bracht hat « , sagte der Sonnen wirt . Die Türe ging auf , und Friedrich erschien mit den Flaschen . Der Müller , der sich entweder sehen lassen oder auch vielleicht das Gespräch noch länger fortsetzen wollte , rief : » Was , das ist alles ? Gleich wieder in Keller ! Der ganz Tisch muß vollgepfropft sein . Kann dir nicht helfen , Friederle , heut muß ich dir müde Füß machen . « » Oh , ich tu ' s ja gern « , rief Friedrich und eilte wieder in den Keller . » Ich hab oft zu mir gesagt « , hob der Müller wieder an , » aus dem Buben kann noch was werden . « » Im guten oder im bösen « , erwiderte der Sonnenwirt . » Ich hab ' s auch schon gedacht , daß er nichts Halb ' s werden will . Seit einiger Zeit aber hat er sich ganz auf die eine Seit geneigt . Ihr wisset ' s ja selber , wie er mir Verdruß und Bekümmernis macht . « » Darin will ich ihm den Kopf nicht heben « , sagte der junge Müller , indem er seine Braut zärtlich ansah . » Besser ist besser , das weiß ich . Aber wenn die Sach eben einmal so weit ist , wie bei dem Frieder - ich sag ' s ganz unmaßgeblich , Herr Sonnenwirt , ich red bloß von mir - wenn ich ' n Sohn hätt , und er ging in solchen Schuhen und wollt eben um Gottes oder ' s Teufels willen seinem Schatz Wort halten und sein Kind vor Elend bewahren - ich weiß nicht , was ich tät , aber soviel müßt ich mir doch immer sagen : das Kind , das ist dein Enkel . « » Unser Herrgott wird davor sein , daß dir so was zustoßt « , sagte die dicke Frau , welche die Sprecherin machte , mit scharfbetonter Mißbilligung . » Hätt ' st wenigstens gleich dazu sagen sollen : Unbeschrien ! An einem Tag , wie der heutig , mußt kein so Ding reden . « Der Bräutigam wurde gewahr , daß er einen großen Bock geschossen . Er wandte sich zu seiner Braut , welche blutrot geworden war , und flüsterte ihr unausgesetzt gute Worte zu , ohne weiteren Anteil an dem Gespräch zu nehmen . Anfangs schien sie etwas scheu und widerwillig zu sein , auch zog sie den Arm weg und rückte ein wenig , wenn er sie berühren wollte ; nach und nach aber ließ sie sich wieder begütigen . » Das wär mir eine neue Erziehung « , nahm die Sonnenwirtin nach der Tadlerin das Wort , » wenn des Menschen Eigensinn Gottes Will heißen müßt . Des Teufels Will , ja , das ist recht gesagt . « - Sie sah sich im Kreise um und begegnete , wenigstens bei den weiblichen Mitgliedern desselben , lauter beifälligen Gesichtern . » Herr Sonnenwirt ! « begann ein alter Fuhrmann , der beinahe unbeachtet in der Ecke am anderen Fenster saß und dem Gespräche sehr aufmerksam zugehört hatte : » Lasset ein Wort mit Euch reden und gebet Eurem Sohn das Mädle , daß das Geschrei unter den Leuten einmal aufhört . Bei Kannstatt drunten hab ich einen ähnlichen Fall erlebt . Da hat auch ein Wirtssohn eine arme Taglöhnerstochter geheiratet , und die ganz Verwandtschaft ist dagegen gewesen , aber er hat ' s durchgesetzt , warum ? Weil er Herr im Haus gewesen ist nach seines Vaters Tod . Es ist aber ganz gut geraten . Anfangs , freilich , hat man auch dem Teufel ein Bein brechen müssen , denn die jung Frau hat ein wenig hochmütig sein wollen auf ihr fein ' s Gesicht und ihren neuen Stand und hat dabei natürlich von der Wirtschaft nichts verstanden und der Schwieger nicht folgen wollen ; aber der Mann ist gescheit gewesen und hat zu seiner Mutter gehalten und sein Weib links und rechts hinter die Ohren geschlagen , bis sie pariert hat . Jetzt geht ' s , und die Einkehr bei der schönen Wirtin ist groß , und die Mutter , die früher am ärgsten gegen die Heirat gewesen ist , ja , die trägt jetzt ihre Tochter schier auf den Händen . « » Das paßt wie eine Faust auf ein Aug « , lachte die Sonnenwirtin . » Freilich , wenn ein Vater tot ist , da kann ihm sein Sohn sein Sach und seinen Namen verschimpfieren , und niemand fragt danach . Aber solang der Vater am Leben ist , wird er doch auch noch dreinreden dürfen , wenn ihm der Sohn Schimpf und Schand ins Haus bringen will . « » Herr Sonnenwirt ! « sagte der hartnäckige Fuhrmann , ohne die Einrede der Frau zu beachten , » Ihr müsset ja doch einmal abfahren , und dann kutschiert Euer Sohn . Wollet Ihr ihm auf dem Bock sitzen bleiben und ihn sein Leben lang spazieren führen ? Das geht ja doch nicht an , drum gebet nach , so lang ' s noch Zeit ist und eh ' s zum Äußersten kommt . Denn ich kenn euch beide : ' s hat jeder von euch ein Sperrholz im G ' nick . « » Recht so ! « sagte die Sonnenwirtin , » also soll der Sohn dem Vater das G ' nick brechen ! « Der Sonnenwirt , der eine Weile etwas unschlüssig dreingeschaut hatte , fuhr auf . Vom Sterben hörte er gar nicht gern reden , eine Rüge war auch nicht nach seinem Geschmack , und der etwas herbe Ton des alten Mannes , den er zwar seit vielen Jahren kannte , reizte ihn so , daß es nur einer kleinen Nachhilfe von seiner Frau bedurfte , um ihn in Harnisch zu jagen . » Ich brauch das Geschwätz nicht « , sagte er kurz angebunden , » brauch mir in meinem Haus nichts befehlen zu lassen . Hier bin ich Herr . « » Adje , Herr Sonnenwirt « , antwortete der Alte , indem er sich mit gemessener Eile erhob und der Türe zuging , » ' s gibt noch mehr Wirtshäuser in Ebersbach . « » Mein ' twegen ! « rief der Sonnenwirt . Der Alte ging hinaus , nachdem er der Gesellschaft » Adje beisammen ! « zugerufen hatte . Draußen traf er auf Friedrich , der die Treppe langsam und nachdenklich heraufkam . » Frieder « , sagte er zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter , » wir kennen einander schon lang , ich hab dich oft rumtragen , wie du noch klein gewesen bist , und hab dich auf meine Gäul sitzen lassen . « » Ha freilich , Bot ! « erwiderte Friedrich aufgeheitert . » Wir sind immer gut Freund gewesen . Wißt Ihr ' s nimmer ? Ich hab Euch ja einmal den Wagen ausplündert , dem langen Mathes , dem Knecht , zum Torten . « » Weiß wohl , Friederle , dir ist aber auch mancher Tort gespielt worden , und mein kleiner Finger sagt mir , es stehen dir noch ärgere bevor . Komm , Frieder , komm du mit mir . Alt bin ich , kein Kind hab ich nicht , mein Handwerk kennst du - ich will dich annehmen . Ich spür ' s , deines Bleibens ist nicht mehr in dem Haus da , es tut nicht lang mehr gut . Komm mit mir , sag ich . Du kennst mich : ich halt dich rauh , wie ich selber bin und wie ' s bei meinem Wesen hergeht , aber ich halt dich wie ein Vater . « » Botenjakob ! « stammelte Friedrich betreten und zögernd , » das ist ein Wort , das alles Dankes wert ist - aber Ihr werdet mir ' s gewiß nicht verargen , wenn ich sag : es will überlegt sein . Was sollt denn aus meiner Christine werden ? « » Mein Fuhrwesen « , sagte der Alte , » trägt dich und mich , aber ein Haus voll Kinder trägt ' s nicht mehr , seit die Straß durchs Remstal verbessert ist , und du kannst mir nicht zumuten , daß ich in meinem Alter noch Hunger leiden soll . « » Wie könnt Ihr mein Fragen so auslegen ? « unterbrach ihn Friedrich tief verletzt . » Haltet Ihr mich im Ernst für so undankbar und unverschämt ? « » Nein , nein ! « versetzte der Alte mit sanfterer Stimme . » Mußt nicht gleich so auffahren wie dein Vater . Man red ' t ja nur . Deine Christine wirst freilich nicht mitnehmen können , aber wenn ich einmal sterb , so sitz ' st in meinem ganzen Brot und kannst sie holen . Sag dir ' s selber , ob du hier auch nur so viel voraussehen kannst . « Friedrich hielt seine Flaschen krampfhaft fest . Es arbeitete mächtig in ihm . Der Vorschlag , das erkannte er wohl , war ein rettender Ausweg , aber er wurde so plötzlich und unvorbereitet damit überrascht , daß sein sonst schneller Geist wie gelähmt war . Wohl hatte er mit leichter Zunge von Verzicht auf seines Vaters Haus und Erbe gesprochen , aber jetzt , wo die Wirklichkeit ihn auf die Probe stellte , schien ihm der Schritt doch ziemlich schwer . Der Alte , der seinen Kampf beobachtet hatte , fuhr fort : » Wenn du nicht willst , so hilf mir wenigstens meine Gäul aus dem Stall bringen . « » Die sind aber noch lang nicht ausgeruht « , sagte Friedrich , » sie werden noch nicht einmal ganz gefressen haben . « » Ich bleib auch noch im Ort « , murrte der Alte . » Was ? « rief Friedrich , der erst jetzt den Sinn der Rede begriff , » Ihr wollet die Sonne aufgeben , wo Ihr mehr als zwanzig Jahr lang Gast gewesen seid ? Wer vertreibt Euch denn ? « » Die Sonne scheint mir zu heiß für meine alte Tag , ich will ' s im Stern probieren . Mach nur vorwärts , ich will mir nicht zum zweitenmal ausbieten lassen in dem Haus da . Ich schwätz viel zu lang , hab in acht Tag nicht soviel Wort gemacht . « » Nein , Jakob « , sagte Friedrich , » so gern ich Euch in allem zu Willen wär , das tu ich nicht . Hat mein Vater Euch beleidiget oder gar Euch das Haus verboten , und vielleicht um meinetwillen , denn so was schwebt mir vor , so will ich wenigstens keinen Finger dazu rühren , daß mein Haus um einen Freund ärmer wird . Wenn Ihr durchaus fort wollet oder müsset , was Ihr selber am besten verstehen werdet , so müsset Ihr den Knecht zu Hilf nehmen . Ich führ Euch keinen Gaul aus ' m Stall - und Ihr werdet mir glauben , daß mir ' s dabei nicht um den Nutzen ist . « Der Alte fuhr sich mit dem rauhen Rücken der Hand über die Augen . » So eine abschlägige Antwort « , sagte er , » muß ich mir gefallen lassen . Aber ich wiederhol ' s noch einmal : komm mit mir , und komm gleich . Nicht daß mich ' s nachher reuen könnt , aber ich spür , ' s ist ein Unglück im Anzug . Du weißt , in mir ist ein Geist , der mir schon manchmal etwas vorausgesagt hat . Es kann auch nicht anders sein : wenn ' s der ein hebt und der ander nicht fahren läßt , so muß es zuletzt ein Unglück geben . Schmeiß deine Butellen hin « , setzte er hastig drängend hinzu , » und geh mit , wie du gehst und stehst . Komm , nimm die Hand , die ich dir biet , so eine Gelegenheit kommt nicht zum zweitenmal . « Friedrich lächelte ein wenig , denn er glaubte sich zu erinnern , daß nicht alle Unglücksprophezeiungen des Alten eingetroffen seien . Auch glaubte er kaum zweifeln zu können , daß zu der guten Gesinnung , die derselbe gegen ihn selbst hegte , sich einige Rachelust gegen seinen Vater gesellt habe . - » Jakob « , sagte er , » in Stern mit Euch zu gehen , daraus würd ich mir unter anderen Umständen gar nichts machen , denn der Stern ist mir ein ganz honett ' s Haus . Aber bedenket : wenn ich Euch nach dem , was zwischen Euch und meinem Vater vorgefallen sein muß , gleichsam aus der Sonne in den Stern ausziehen hilf und vom Stern aus mit Euch fortzög , um meinem Vater und Vaterhaus gleichfalls Valet zu sagen - wie arg tät man mir das rumdrehen ! Euer Anerbieten , ich sag ' s noch einmal , ist tausend Danks wert und verdient alle Überlegung , und daß ich gern bei Euch bin , das wisset Ihr ja schon lang . Aber so im Hui kann ich nicht mit . Ich kann den Wein nicht auf den Boden schütten , wie ich heut schon einmal getan hab , denn ich hätt jetzt nicht so viel Geld , um ihn zu zahlen , und möcht Euch doch auch nicht gleich zum Anfang für mich in unnötige Kosten bringen . Und dann , wenn ich jetzt fortlief , während noch der Georg mit seiner Braut da ist , so täten die Leut natürlich sagen , ich hab mich dran gespiegelt und geschämt und hab ' s nicht ausgehalten neben so einem vernünftigen , braven , rechtschaffenen , reichen Paar , und was dergleichen Zeugs ist . Ich seh Euch ja fortfahren , denn wenn Ihr auch aus ' m Stern abfahret , so müsset Ihr doch da vorbei , und dann geb ich Euch auf alle Fäll das Geleit wie einem Vater , und wir reden weiter miteinander . Darum sag ich Euch jetzt auch nicht Adje . « » Er tut ' s nicht « , brummte der alte Mann , während er die Treppe hinunterstieg . » Der Stolz läßt ' s ihm nicht zu . Es ist einer wie der ander . « Es war hohe Zeit , als Friedrich mit den Flaschen in die Stube geeilt kam ; denn der Vorrat von vorhin war bereits ausgetrunken . Doch fand er die Gesellschaft in munterer Unterhaltung begriffen . Sein Vater hatte den Familienpokal geholt , aus welchem der Herzog heute getrunken ; derselbe ging von Hand zu Hand und mußte dann noch einmal gefüllt die Runde machen , da jedes einen gewissen Reiz dabei empfand , das Gefäß , das die landesherrlichen Lippen berührt hatten , an den Mund zu setzen . Von dem Herrn selbst sprach man in verdeckten Wendungen und halben Andeutungen , wie jung er noch sei und wie lebenslustig , und wieviel man noch von ihm hoffen könne , wenn er einmal älter sein werde ; denn die Menschen bauen ja stets auf die Zukunft : bei der Jugend bauen sie auf das Alter und beim Alter auf die Jugend derer , die dem folgenden Geschlecht angehören werden . Aber auch von der Gegenwart wurde gesprochen , von den Frucht- und Brotpreisen und ähnlichen Gegenständen , die keinem gering scheinen dürfen , weil bei der allgemeinen Ernährung alle beteiligt sind . Gleichwohl zeigte der Sonnenwirt , der sich um diese Dinge sonst oft mehr bekümmerte , als um manche andere noch wichtigere , heute auffallend wenig Sinn dafür . Die Brautschaft des jungen Müllers und die Vergleichung derselben mit der Liebschaft seines Sohnes war es , was ihm beständig im Kopfe herumging . Die Braut gefiel ihm über die Maßen wohl . Der herrschenden Sitte gemäß sprach sie äußerst selten , beinahe nur , wenn sie gefragt wurde ; und es deuchte dem Sonnenwirt früh genug , wenn eine erst als verheiratete Frau » das Maul brauchen lerne « . Was sie sprach , das schien ihm » eine Heimat zu haben « ; und es klang auch mitunter so rund wie ein harter Taler . Bei lustigen Anlässen brach sie in ein schallendes Gelächter aus , das ihm zu ihren weißen Zähnen und derbroten Wangen ganz prächtig zu stehen schien . Von der Braut mußte er wieder auf den Bräutigam blicken , der in der Fülle seines Glückes neben ihr saß und das eine Mal leise Liebesworte mit ihr wechselte , das andre Mal wieder lebhaft zu der Unterhaltung der Gesellschaft beitrug , deren Bewirtung er übernommen hatte . Der Sonnenwirt erinnerte sich , daß er diesem jungen Manne einst seine Tochter vorenthalten , und konnte gar wohl ermessen , daß in der Ehre , die er ihm mit seinem Besuch antat , auch eine kleine Bosheit verborgen sein mochte , daß er da , wo man ihn einst , wenn auch in noch so leiser und unbestimmter Weise , verschmäht hatte , sich jetzt als » gemachter Mann « zeigen wollte ; ja , die Zärtlichkeiten , die er seiner Braut erwies , gaben manchmal dem Sonnenwirt einen Stich durchs Herz , als ob sie wie ein Spott auf ihn gemünzt wären . Er dachte aber nicht daran , um wieviel besser er seine Tochter versorgt haben würde , wenn er ihr diesen nach seinem eigenen Geständnis so wackern , fleißigen und angenehmen jungen Mann hätte zuteil werden lassen , und welch ein gutes Beispiel für seinen Sohn ein Schwager gewesen wäre , der , gleichfalls jung und der Lebensfreude nicht abhold , doch das Erfreuliche im Nützlichen zu suchen und bei seiner Wahl , wie es wenigstens schien , Liebreiz mit Verstand und Reichtum vereinigt zu finden wußte . Er dachte nur daran , daß sein Sohn in allen Stücken das Gegenteil von diesem jungen Manne , daß dessen Braut , so sehr sie ihm und eben weil sie ihm gefiel , ein wahres Spottbild auf die Wahl seines Sohnes vorstelle . Friedrich indessen dachte an gar nichts , als an seine und Christinens verzweifelte Lage , an den niederschlagenden Brief des Advokaten , von dem er kaum hoffen konnte , daß er reinen Mund halten würde , und an den liebreichen Antrag des alten Boten , der ihn so seltsam bestürmt hatte . Während ihn diese Gedanken unaufhörlich beschäftigten , mußte er dazwischen , von Georg aufgerufen , der ihn durchaus heiter sehen wollte , mit der Gesellschaft schwatzen , einmal über das andere Bescheid tun , auf das Geheiß des splendiden Bräutigams Wein aus dem Keller holen , wieder schwatzen und lachen und immer wieder trinken , so daß er zuletzt kaum mehr wußte , ob er seinen Kopf oder das Mühlrad seines Freundes auf den Schultern habe . Wie es gerade in lebhafteren Gesellschaften nicht selten vorkommt , war nach einer Reihe ernsthafter Gespräche und lustiger Späße auf einmal die Unterhaltungsspule abgelaufen , und es entstand jene Stille , während welcher jedes Mitglied sich den Kopf zu zerbrechen pflegt , um womöglich einen neuen Stoff zur Verarbeitung aufzutischen . Der Sonnenwirt , der den Wein gleichfalls spürte , hielt sich vor allen als Wirt und Hausherr verpflichtet , in die Lücke zu treten , und der Anlaß zu einer Äußerung lag ihm nur allzunahe . Hatte ihm der Bräutigam vorhin , mehr aus Höflichkeit als Überzeugung , wie ihn deuchte , seinen Sohn gelobt , so glaubte er diese schmeichelhaften Reden jetzt im entgegengesetzten Sinne erwidern zu müssen . » Das muß ich sagen « , begann er , » so ein fein ' s Brautpaar hab ich lang nicht an meinem Tisch gehabt ; da muß einem ja das Herz im Leib drob lachen ! « Dann sprach er die vorteilhafte Meinung aus , die er von den beiden jungen Leute hegte , und spendete besonders der Braut ein derbes Lob , das sie mit Erröten , jedoch keineswegs unwillig , hinnahm . Nun aber wendete er sich gegen seinen Sohn . » Da kannst jetzt sehen « , sagte er zu ihm , » wieviel Freud , anstatt soviel Verdruß , du mir hätt ' st machen können , wenn du mir so ein brav ' s Weibsbild ins Haus bracht hätt ' st , statt dem Mensch , mit dem du dich vergangen hast . « » Jetzt kommt ' s ! « dachte Friedrich , aber er hielt an sich und sah finster schweigend vor sich hin . » Es muß eben auch Schatten in der Welt geben « , bemerkte die Sonnenwirtin spöttisch , » sonst tät man ja « - bei diesen Worten deutete sie auf die Braut - » das Licht nicht sehen . « » Lasset ' s gut sein , Herr Sonnenwirt und Frau Sonnenwirtin ! « sagte der Bräutigam begütigend . » Wir sind ja so vergnügt beieinander . Komm , Frieder , stoß an mit mir : dein Wohl und unser Leben lang lauter gut Ding ! « » G ' segn dir ' s Gott , Georg ! « erwiderte Friedrich . » Obwohl du ein Kind des Lichts bist « , setzte er bitter lächelnd hinzu , » so will ich doch in meiner Finsternis auf dein und deiner Braut Wohl trinken und will dir wünschen , daß sie dir immer so lieb bleiben mög , wie meine Christine mir . « Die Braut machte