- Preußen , Herr Baron , wird so lange ich die Ehre habe , an der Spitze seiner Verwaltung zu stehen , und so lange Seine Majestät der König mich würdigt , meinen Rath entgegen zu nehmen , - sich und Deutschland von einer thatsächlichen Betheiligung an der orientalischen Verwickelung und dem - ich glaube kaum noch zu vermeidenden - Kriege frei halten und nur eine zurathende , vermittelnde und abwartende Stellung einnehmen . Es ist mein festes Bestreben , uns durch kein temporäres Bündniß in dieser Frage nach irgend einer Seite hin zu verpflichten . « » Da wir auf diesen Punkt der Offenheit gekommen sind , Excellenz , so erlauben Sie , daß ich unverhohlen meine Meinung über die Zukunft sage . Es liegt in den ganzen Ereignissen ein gewisser geheimnißvoller Faden , dessen Ursprung und Lauf ich nicht durchschauen kann , der aber offenbar consequent alle Vermittelungen und Ausgleichungen hindert und beide Theile immer weiter treibt . Daß die Absichten von England und Frankreich ganz wo anders hin zielen , als auf einen Schutz der Türkei gegen etwaige Uebergriffe unsererseits , ist wohl ganz Europa klar . Ich bin überzeugt , daß über kurz oder lang die beiden neuen Beschützer der Türkei um der öffentlichen Meinung willen von ihr ganz andere Concessionen für die christlichen Unterthanen und die Civilisation werden erzwingen müssen , als Rußland jetzt verlangt . Daß die Türkei einer vollständigen Reorganisation bedarf , um im europäischen Staatenbund fortbestehen zu können , ist von allen Seiten anerkannt . Man sucht uns nur das natürliche Recht der Avance streitig zu machen . Der sich vorbereitende Zusammenstoß ist ein Kampf des Westens gegen den Osten , wie er bereits mit einigen Variationen unter dem ersten Napoleon sich ereignet hat , und um so mehr dürfte es die Aufgabe der alten heiligen Alliance sein , fest auf der alten Basis zusammenzuhalten . Dies ist der Wunsch und die Erwartung meines kaiserlichen Herrn . « Der Minister schwieg nachdenkend einige Augenblicke , dann sagte er ernst und würdig : » Die Zukunft der Reiche und der Ausgang der Kämpfe , die sich vorbereiten , liegt in der Hand des allmächtigen Gottes . Jeder Staat hat seine erhabene Aufgabe , und der König , mein Herr , erkennt die Seine aus vollem christlichem Herzen und wohlgeprüftem Sinn . Die heilige Alliance ist eine mit dem Heldenblut der Völker besiegelte und erworbene Erbschaft , die durch Preußen nicht leichtsinnig gebrochen werden soll . Die persönliche Liebe des Königs , die Sympathieen eines großen Theils der besten Männer Preußens gehört Ihrem erhabenen Monarchen . Aber das Wohl und die Blüthe Preußens , seine eigenthümliche , selbst territoriale Stellung im europäischen Staatenbund , an der zum Theil Rußland selbst die Verschuldung trägt , müssen den Gedanken jeder Betheiligung an einem Kriege uns fern sein lassen , der - gerade heraus gesagt - nur um fremde , uns nicht direct berührende Interessen geführt wird . Seine Majestät der Kaiser hat Unrecht gehabt in dem Hervorruf , er wird das Recht aus seiner Seite haben in der Fortführung . Preußen und Deutschland werden ihm den besten Dienst erweisen durch eine unbedingte Neutralität . « » Rußland würde bedeutende Vortheile für ein Offensivbündniß gewähren . Die vollständige Oeffnung seiner Gränzen ... « » Das ist ein Recht , das Deutschland ohnehin aus dem wiener Vertrage her beanspruchen könnte , wenn sich auch vom russischen Standpunkt die Vortheile der uns schädigenden Absperrung nicht verkennen lassen . Wenn für Preußen die Oeffnung der Ostgränzen einen Krieg aufgewogen hätte , würde es denselben früher begonnen haben . « » Wir dürfen also wenigstens auf eine bewaffnete Neutralität im Fall eines Krieges rechnen ? Bedenken Euer Excellenz , daß die westlichen Gränzen nicht gesichert sein würden . Der Kaiser Napoleon ist Ihr heimlicher Gegner so gut wie der unsere , und das Rheinland ist eine sehr zugängliche Position . « » Wir werden uns die Rheinprovinz zu schützen wissen , Herr Baron , gegen etwaige Gelüste danach . Es ist vollkommen Zeit , daß Deutschland sich von jedem äußern Einfluß , jeder äußern Bedrohung emancipirt und endlich seine Gränzen festhält gegen alle fremden Dispositionen darüber . Das ist der ernste deutsche Wille Seiner Majestät des Königs und Seines erhabenen Verbündeten des Kaisers Franz Joseph . « » Euer Excellenz werden doch nicht an die thörichten Behauptungen der französischen Zeitungen glauben ... ? « » Ich glaube in der Politik an Wenig , Herr Baron , am wenigsten an die Zeitungen . Ich weiß , daß das Kabinet von St. Petersburg unmöglich den Tuilerieen für die Zustimmung zu den russisch-türkischen Arrangements das linke Rheinufer zugesagt haben kann , wie es England Cypern und Egypten versprochen haben soll , - denn Kaiser Nicolaus ist ein Ehrenmann und die Sache wäre nicht nur moralisch schlecht , sondern auch politisch thöricht . Ich wiederhole Ihnen , dergleichen Geschwätz kümmert mich nicht . « Der Diplomat kniff leicht die schmalen Lippen . » Also eine bewaffnete Neutralität , wie Oesterreich sie bereits so gut wie zugesagt hat ? Es könnte leicht geschehen , ja es ist wahrscheinlich , daß man die Revolution zu Hilfe ruft . In London wird bekanntlich bereits ganz offen von den Flüchtlingscomité ' s gegen uns propagandirt . Polen und Ungarn sind noch immer offene Heerde , darum wäre es gut , im Vereine mit Oesterreich ... « » Oesterreich , Herr Baron , ist nicht Deutschland . Oesterreich hat seine slavischen Staaten und Italien zu wahren . Es würde ein großer Mißgriff sein , uns durch eine Demonstration in Verwickelungen zu bringen und in große Kosten zu stürzen . Was die Revolution betrifft , so sein Sie unbesorgt , wir haben Lehrgeld gegeben , und Preußen wird sie auch an seinen polnischen Gränzen nicht dulden . Im Uebrigen : Neutralität , Herr Baron , Neutralität , begnügen Sie sich damit . « Der Diplomat erhob sich . » In jeder Beziehung . Excellenz , auch in der Presse ? « » Auch in der Presse , so viel es in der Macht der Regierung steht . Sie wissen , der König ist für eine anständig freie Discussion in den gesetzlichen Gränzen . « » Ich frug und bat nur darum , « sagte der Diplomat mit feinem Lächeln , indem er ein Papier aus der Brusttasche zog , » weil auch mir da eine Art von Circular zugekommen , das an verschiedene Zeitungsredactionen die Freude ausspricht , mm endlich von dem Druck russischer Suprematie erlöst zu sein , und sie auffordert , ohne weitere Rücksicht der Stimme der öffentlichen Meinung Raum zu geben . « Diesmal war es der Minister , welcher sich auf die Lippen biß . » Das ist offenbar eine Dummheit , die höchstens von irgend einer mißverstehenden und tactlosen Voreiligkeit herrührt . Ich werde der Sache nachfragen . Im Uebrigen wissen Sie , Herr Baron , daß bei uns die Presse selbstständig ist und wir mit Absicht ein anerkanntes Regierungsorgan vermeiden . Sie werden daher auch Ihre Vertretung in der Presse selbst suchen müssen . « » Wir überlassen dies dem Gefühl für das Recht . Leben Sie wohl , Excellenz , und nehmen Sie meinen Dank für die freundliche Aufnahme , die Sie mir diesen Abend gewährt haben . Wem auch nicht mit Erfüllung meiner Wünsche , so doch über Vieles beruhigt , verlasse ich Sie . « » Auf officielles Wiedersehen morgen , Herr Baron , « sagte lächelnd der höfliche Wirth , » und einen freundlichen Rath noch : lassen sie nie Worte meines verstorbenen Kollegen , des Fürsten Schwarzenberg , aus dem Gedächtniß . Sie werden wissen , welche ich meine . Ich empfehle mich . « Die Thür des Vorzimmers , bis zu welcher er seinen Besuch begleitet , schloß sich . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Fußnoten 1 Die zweite russische Depesche vom 7. September , welche eine ziemlich weit gehende Auslegung und Deutung der Stipulationen der wiener Note in Form einer Kritik der türkischen Amendationen enthält , wurde der preußischen Regierung erst später , am 20. oder 21. September , offiziell bekannt . II. Petersburg . In einem mittelgroßen halb gewölbten Zimmer des kaiserlichen Winterpalastes , jenes erhabenen Prachtbaues , den der Befehl eines unumschränkten Gebieters in Jahresfrist aus der Asche neu hervorzauberte , brannte hinter einem hohen Schirm eine kleine Lampe , das Gemach nothdürftig erhellend . Die Ausstattung desselben war eine ziemlich einfache . Vor den beiden großen Fenstern , die nach der Newa hinausgingen , hingen schwere grün wollene Vorhänge , eben so vor den beiden Thüren . Zwei große Arbeitstische standen , der eine mitten im Zimmer . Dieser war mit Papieren und Mappen bedeckt , ein Seitenrepositorium enthielt eben dergleichen . Der zweite Tisch zeigte auf seiner breiten Platte ein kunstvoll gearbeitetes Schreibgeräth von occidyrtem Silber , Petschafte , Briefbeschwerer von seltsamem Material und ungewöhnlichen Formen , Einzelnes offenbar von großem historischem oder Kunstwerth , dazwischen ein Lesepult mit einer einfachen Perlenstickerei und eine kleine Standuhr . Ein Thermometer und ein Doppelkalender nach alter und neuer Rechnung hingen an dem vorspringenden Pfeiler neben einigen Papptafeln mit Listen und Notizen . Zwei offene Bücherschränke rechts und links zeigten eine Auswahl von Werken in französischer , englischer , deutscher , russischer und italienischer Sprache . Der Inhalt des ersten Schrankes gehörte der militairischen Literatur an , namentlich waren es Werke über das Geniewesen . Auch befanden sich darunter die Jahrgänge der preußischen Wehrzeitung , von der die beiden neuesten Nummern offen auf dem Tische lagen . Den zweiten Schrank füllten ernste und schönwissenschaftliche Schriften und einige lexicographische Werke . Neben dem zweiten Tisch stand ein langes , niederes , eisernes Rollbett von höchst einfacher Construction . Die Unterlage bildete eine Matratze von Maroquin mit Seegras gestopft , ein eben solches Kissen den Kopfpfühl . An den Wänden hingen einige schöne große Gemälde geistlichen Inhalts , darunter eine Madonna von Murillo , und Portraits ; auch zwei kleine Bleistiftzeichnungen in einfachen Rähmchen . Neben dem schriftenbedeckten Arbeitstisch befand sich an der Wand mir große Karte des russischen Reiches , gegenüber die von Europa . Eine große Ordnung und Regelmäßigkeit herrschte in der ganzen Einrichtung des Gemachs und verlieh ihr einen gewissen militairischen Charakter . - - - - Auf dem Rollbett , nur von einer wollenen Decke und einem Militairmantel verhüllt , lag ein Schlafender von fast riesiger Körperform . Die breite kolossale Brust hob und senkte sich ruhig , das Antlitz war nach aufwärts gekehrt , ein Arm unter den Kopf gelegt . Eine hohe , glänzende , eherne Stirn , in der Mitte zwischen den Augenbrauen über der langen geraden Nase in einer ernsten halb drohenden Falte zusammengezogen . Das Gesicht lang und in vollem Oval , das Kinn stark und von großer Willenskraft , fest gerundet , der regelmäßige Mund , von einem militairischen Schnurrbart überschattet , ernst geschlossen . Die ganze Figur des Schlafenden schien wie aus Granit gehauen , so fest und straff war Alles daran . Es lag etwas Soldatisches , Starres , Titanenhaftes in ihr . Der Zeiger der kleinen Uhr auf dem Tische wies auf 5 Uhr und zugleich ließ sich das scharfe kurze Rasseln eines Weckers hören . Bei dem ersten Tone desselben öffnete der Schlafende maschinenmäßig die Augen . Diese Augen entsprachen dem Körper , dem ehernen Antlitz . Sie waren ruhig , fest , klar , groß und von jener Eigenthümlichkeit , daß , ohne einen bestimmten Ausdruck zu haben , ihr Blick doch durchdringend , durchbohrend , niederdrückend war , wie z.B. das Auge Friedrich ' s des Großen von Preußen . Die Augen waren echt kaiserlich ! Es war auch der Kaiser , der eben erwachte . Europa hat diesem erhabenen Charakter , diesem ehernen Bilde unter den lebenden Herrschern , an dessen Sterblichkeit zu glauben man sich entwöhnt hatte , - viele nur schwere Vorwürfe an der Schwelle seines Jenseits gemacht ; es ist viel Haß , viel Blut und viel Leiden auf diesen Hünen gewälzt worden . Der da Oden die Waagschale hält , richtet auch über die Könige und Kaiser der Erde , wie über den Paria , den Lepero und den Muschik . Aber das Gewicht , womit die Gewaltigen der Erde gewogen werden , ist ein anderes . Wer viel gehabt und viel verleumdet wird , wird auch viel geliebt . Kaiser Nicolaus ist geliebt worden , geliebt , wie man das Erhabene liebt . Er war eine einsame mächtige Natur auf seinem Piedestal , und dieses Piedestal war der Thron des größten Reiches der civilisirten Erde . - - Der Kaiser warf rasch Decke und Mantel von sich und kleidete sich an ohne Hilfe mit den Kleidern , die auf einem Stuhle vor seinem Bette lagen . Dann zündete er an der Lampe die Kerzen der silbernen Armleuchter an , deren je zwei auf jedem Tische standen . Der Selbstherrscher des mächtigen Reiches that das Alles allein ; er bewahrte bis in das Kleinste herab , so viel es sich mit seinem erhabenen Range vertrug , die militairischen Gewohnheiten . Dann trat er einige Augenblicke an das Fenster und schaute die weite Perspective hinab . Die frühe Morgenstunde des Spät-Septembers hüllte unter der nordischen Breite noch Alles in Dunkel , das an tausend Stellen durch die Gasflammen unterbrochen wurde , die sich in dem Wasser des breiten Stromes spiegelten . Der Kaiser setzte sich hierauf an den ersten Arbeitstisch und begann , einen Stoß Papiere durchzusehen . Diese mächtige Natur bewahrte eine immense Arbeitskraft , die durch die strengste Regelung der Beschäftigung und der Zeit vermehrt wurde . Für gewöhnlich stand der Monarch um halb sieben Uhr auf , nahm schon während seiner kurzen Toilette verschiedene Meldungen und Rapporte an , machte dann einen Gang durch das ganze Palais bis zur Wiege seiner Enkel und blieb bis um acht Uhr in seinem Kabinet . Von acht bis neun Uhr machte er stets , und wo er sich auch befand , Sommer und Winter , einen Spaziergang in freier Luft . Um neun Uhr empfing er regelmäßig den Kriegsminister Fürst Dolgorucki , auf den er großes Vertrauen setzte . Der Fürst ist derselbe , welcher bei der bekannten , durch fast komische Mißverständnisse und Vorspiegelungen weniger Rädelsführer hervorgerufenen Militair-Emeute gleich nach der Thronbesteigung ( am 24. December 1825 ) als Capitain die treue Wache im Hofe des Winterpalastes kommandirte , welcher der Kaiser den siebenjährigen Thronfolger anvertraute , ehe er kühn und allein den Rebellen entgegentrat . Um zehn Uhr pflegte der Kaiser sich für kurze Zeit zur Kaiserin und seiner Familie zu begeben ; nie ließ er aber auch dort einen angemeldeten Minister oder eine befohlene Person warten . Wenn gegen zwei Uhr alle Geschäfte im Palais beendet waren , fuhr er in seiner einspännigen Droschke oder im Schlitten aus und besuchte dabei drei bis vier Anstalten der verschiedensten Art. Um vier Uhr speiste er im kleinen Familienkreise , zu dem nur wenige Auserwählte zugezogen wurden . Der Kaiser aß stark , trank aber sehr mäßig . Selbst die Abendstunden waren meist den Staatsgeschäften gewidmet ; wenn er im Salon der Kaiserin oder der Großfürstinnen erschien , sprach er wenig und nahm selten an der allgemeinen Unterhaltung Theil . In sein Kabinet zurückgekehrt , arbeitete er wieder und begab sich selten zur Ruhe , wenn noch irgend ein Bericht zu erledigen war . Oft stand er des Nachts auf , verließ allein das Winterpalais und stattete irgend einem Institut , namentlich den Cadettenhäusern , einen Besuch ab . Sein erster Blick galt dann stets dem Thermometer , der die vorgeschriebenen 14 Grad zeigen mußte , und seine Untersuchungen erstreckten sich bis in ' s Detail . Der Kaiser hielt sich nach seinen eigenen Worten stets » im Dienst « und nur in Peterhof gestattete er sich auch in der Kleidung einige Abweichungen von der sonst streng ordonanzmäßigen Uniform und Haltung . Auch im strengsten Winter trug der Monarch nur den einfachen Offiziermantel , nie einen Pelz . Mit dem Beginn der orientalischen Verwickelungen vermehrte sich die Thätigkeit des Kaisers und er gönnte sich noch weniger Erholungen wie früher . Er stand fast zwei Stunden früher als sonst des Morgens auf , um zu arbeiten , und empfing von sechs Uhr ab die Vorträge der Minister und Adjutanten , um später für die militairischen Geschäfte , die Besichtigungen etc. frei zu sein . Eine auffallende Aufregung und Rastlosigkeit hatte sich seines ganzen Wesens bemächtigt und man sah , wie tief ihn der Gegenstand und das Scheitern vieler Erwartungen und gehegten Ansichten berührte . - - - - Nachdem der Monarch den Stoß von Papieren , welche vor ihm lagen , durchgesehen und die Unterschriften vollzogen hatte , sah er auf die Uhr , die halb Sechs zeigte , und nach einer der Notiztafeln über dem Schreibtisch . » Mittwoch - das ist Nesselrode ' s Tag , da habe ich noch Zeit , er kommt erst um sieben Uhr . « Damit erhob er sich , holte aus dem Ankleidekabinet , zu dem eine Tapetenthür führte , Mantel und Helm und verließ leise das Zimmer . Das Vorgemach war erhellt , zwei Pagen saßen dann und schliefen in den Lehnstühlen . Am Tisch wachte der diensthabende Kammerdiener und las ; er erhob sich rasch , als er die Thür gehen hörte . » Ei sieh , Menger , « sagte der Kaiser , » bist Du wach ? Geh ' hinein und ordne das Kabinet ; um Sieben bin ich zurück . « Er schritt hindurch nach dem äußern Vorzimmer , in welchem während der Nacht ein Offizier der Schloßwache seinen Aufenthalt hatte , um außergewöhnliche Meldungen entgegen zu nehmen . Es war an dem Morgen ein Lieutenant von der Preobraczenski ' schen Garde , diesem Lieblingscorps des Kaisers , das ihn einst gegen die Empörer vertheidigt hatte . Der noch sehr junge Mann war auf dem Stuhl vor dem Tisch , an dem er die abendlichen Wachrapporte eingetragen , die der Kaiser sich alle Morgen vorlegen ließ , eingeschlafen ; sein Kopf ruhete auf dem aufgestützten Arm . Es mußte erst spät geschehen sein , denn eine Depesche , die auf dem Tische lag , zeigte den Präsentationsvermerk einer späten Stunde . Vor ihm lag ein halb vollendeter Brief , über dem ihn offenbar die Müdigkeit überrascht hatte , - die Feder war seiner Hand entfallen . Der Kaiser , dessen Schritt der dicke Teppich des Fußbodens unhörbar machte , nahete sich leise dem Tisch . » Sie haben gestern Morgen scharf exercirt , « sagte er wie entschuldigend und bog sich über den Schlafenden , die Depesche zu nehmen . Sein Blick fiel aus den Brief und auf seinen Namen . Er nahm vorsichtig das Blatt in die Hand und las . Der Brief war an die Mutter des jungen Mannes gerichtet , die in dem Gouvernement Nischnei-Nowgorod wohnte und die Wittwe eines früheren Offiziers war . Der Sohn , in dem Kadettenhause erzogen , schrieb ihr , wie er hoffe , daß der Krieg ihm Gelegenheit zur Auszeichnung geben werde , mit der er dem geliebten Kaiser für die Wohlthaten danken könne , die er ihm durch seine Erziehung erzeigt habe . Er beklagte kindlich , daß er sie , die er seit zehn Jahren nicht wiedergesehen habe , nicht zuvor noch ein Mal umarmen dürfe , aber selbst wenn er - was sehr unwahrscheinlich , - Urlaub erhalten könne , sei es unmöglich , da die Entfernung so weit und er ohne Vermögen nur durch die strengste Sparsamkeit die kostspielige Stellung bei der Garde bewahren könne , in die ihn der Zufall und die guten Zeugnisse im Cadettenhause gebracht . Das Adlerauge des Monarchen hatte in wenigen Augenblicken den Brief überflogen und ruhte wie nachdenkend auf dem Schläfer . Dann nahm er vorsichtig die Feder , schrieb einige Worte unter den Brief und legte denselben wieder an seine vorige Stelle . Mit leichten Schritten , ohne daß der Schläfer erwachte , verließ er das Gemach . Draußen auf dem Corridor standen zwei Grenadiere des Regiments gleich Statuen auf ihrem Posten . Der Kaiser nickte ihnen zu und schritt die breite Treppe hinab , die in den Vorhof führt . Einen Augenblick blieb er sinnend an der großen , mit drei Kreuzen geschmückten Steinplatte stehen , welche die Stelle bezeichnet , auf der er an jenem blutigen 26. December den Grenadieren den Naslednik ( Thronfolger ) übergab . Dann hüllte er sich in den Mantel und verließ den Bereich des Palastes . Es war noch zu früh , als daß die Isworstschiks ( Droschkenführer ) , deren sich der Kaiser bei seinen Besuchen häufig bediente , bereits auf den Halteplätzen sein konnten , und der Monarch ging daher rasch zu Fuß weiter , die Alexander-Newskoi-Perspective hinauf . Es war sechs Uhr , als er das Corps - wie die Cadettenhäuser und Militair-Erziehungs-Anstalten genannt werden - erreichte , dessen Besuch er beabsichtigt hatte , die Zeit , um welche die jungen Soldaten regelmäßig Winter und Sommer aufstehen müssen . Die Wache schlug eben die Reveille , als der Kaiser das Thor passirte und sofort nach einem der großen Speisesäle sich begab . Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von der Ankunft des Kaisers durch alle Gänge des weitläufigen Gebäudes , und ehe die fünf Minuten , welche er bei solchen Gelegenheiten , wie bei Audienzen der Verspätung einräumte , vergangen waren , wirbelten im Hofraum die Trommeln zum Antreten , und der Gouverneur der Anstalt , Obristlieutenant Moradowitsch , begrüßte den Monarchen in dem Saal . » Die Offiziere , welche vor drei Tagen das Examen bestanden haben , sollen heute das Corps verlassen und in die Garnisonen abgehen ? « » Zu Befehl , Sire . « » Gut . Ich will sie vorher sehen . Später habe ich keine Zeit . Komm . « Er ging voran nach dem Hof . Der Gouverneur und die den Unterricht ertheilenden Offiziere , welche sich vor dem Saale aufgestellt hatten , folgten ihm . Auf dem Hofe standen compagnieenweise in ihren Hausuniformen die jungen Leute , welche ihre Erziehung in der kaiserlichen Anstalt genossen , um von dieser aus in die Armee zu treten . Da der Kaiser auf eine möglichst gründliche Ausbildung für den Dienst und hohe Klassen hielt , in denen das Avancement bis zum Lieutenant erfolgen konnte , auch den allzu frühen Eintritt in den activen Dienst nicht liebte , so war das Alter der Cadetten sehr verschieden . Die Offiziere traten an ihre Abtheilungen , der Kaiser ging musternd an den Fronten vorüber . Das Tageslicht war bereits vollständig eingetreten . » Laß die neuen Offiziere und Fähnriche vortreten . « Der Gouverneur ertheilte den Befehl ; einundzwanzig Jünglinge traten aus den Reihen und stellten sich vor dem Monarchen auf . Zwei derselben , die an der Spitze standen , waren die Aeltesten und schienen bereits das zwanzigste Jahr erreicht oder überschritten zu haben . » Die Zeugnisse ! « Der Obristlieutenant präsentirte sie und der Kaiser nahm sie ihm einzeln ab , wie er nach der Reihe die jungen Leute musterte . Gleich bei dem ersten blieb er stehen und betrachtete ihn mit durchdringendem Blick , den der Jüngling fest und unverrückt aushielt . Es war ein junger Mann von hoher , schlanker Figur , mit blassem , klassisch geschnittenem Gesicht von energischem Ausdruck ; das Auge dunkel und feurig , sonst in seinem Wesen einfach und anspruchslos . » Wir kennen uns . Du bist Djemala-Din , der Sohn des Imam Schamyl ? « » Ja , Sire ! « 1 » Dein Vater hat mir in diesem Sommer viel zu schaffen gemacht . Ich wünschte , er wäre so gut russisch wie Du Ich habe Dich lange warten lassen mit einer Offizierstelle , aber ich wollte , daß Du tüchtig ausgebildet würdest , damit es hafte , was Du gelernt hast . Es freut mich , daß Deine Zeugnisse sämtlich gut lauten . Du hast Dir , wie ich sehe , selbst das Uhlanencorps gewählt und gehst nach Polen ? « » Mit Ihrer Erlaubniß , Sire ! « » Schön . Du wirst immer an mir einen Freund finden und ich habe für Deine Ausrüstung bereits gesorgt . In Warschau melde Dich sogleich beim Fürsten Statthalter , er wird Dir das Nöthige mittheilen . Nimm die beiden Pferde , die Du dort findest , als Geschenk von mir und halte Dich brav . Ich habe die Augen auf Dich gerichtet . « Er reichte ihm die Hand , und als der junge Mann sich tief gerührt darüber beugte , küßte er ihn auf die Stirn . » Sire ! welche auch meine Zukunft sein möge , ich werde nie Ihrer Güte vergessen . « Er trat zurück in die Reihe seiner Gefährten . Der forschende Blick des Kaisers traf seinen Nachbar und er sah aufmerksam das Zeugniß durch , das der Gouverneur ihm reichte . Der junge Mann war eine mittelgroße gedrungene Gestalt mit intelligentem Gesicht , aber einem starken Zug von Trotz und Eigenwillen um den Mund . » Ein Ocholskoi ? ein guter Name , aber viel schlimmes Blut in dem Geschlecht . Du bist zwei Jahre länger in dem Corps geblieben , junger Mensch , als Deine Fähigkeiten nöthig machten . Warum ? « » Man hat mir die Erlaubniß zum Examen verweigert , Euer Majestät . « » Ich sehe es . Du bist zehn Mal in einem Jahre wegen Ungehorsam und Widerspenstigkeit bestraft . Wie ist ' s mit ihm , Moradowitsch ? « » Er ist einer der besten Zöglinge des Corps , Majestät , « sagte der Gouverneur entschuldigend , » aber er ist schwer zu bändigen . « » Ich werde es übernehmen , « entgegnete der Czar . » Gehorsam , unbedingter Gehorsam ist das Erste , was ein Soldat lernen muß . Ohne blindes Gehorchen kein Befehl . Ich habe gehört , Du machst Verse , freie Verse , die Du drucken läßt . Das ist keine Beschäftigung für einen Soldaten . Denke an Lermontof2 . Ist bereits über um verfügt ? « » Er wird bei den Felddragonern eintreten . « » Halt da . Lassen Sie die Bestimmung andern . Er soll zu Bodisco gehen nach Bomarsund , und wenn er dort zwei Jahre sich tadelfrei geführt und Gehorsam gelernt hat , mag er in das bestimmte Corps eintreten . « Eine fahle Blässe überzog das Gesicht des jungen Mannes . Die Alandsinseln gelten in der russischen Armee für eine Strafcolonie , gefürchteter als die Verbannung nach dem Kaukasus . Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück in die Reihe . » Halt ! « Der Verbannte stand wie eine Mauer . Der Kaiser küßte auch ihn auf die Stirn . » So , - nun tritt zurück und lerne gehorchen ! « Er controllirte eben so sorgfältig die Zeugnisse der übrigen Neunzehn , lobte und tadelte . Als er dann an der Colonne der Cadetten vorüberging , trat plötzlich einer derselben , fast noch ein Knabe , mit schönem , blondgelocktem Haar und offenem , Zutrauen erregendem Gesicht vor und beugte ein Knie . Der Kaiser blieb freundlich stehen und sagte zu dem jungen Mann : » Steh ' auf , Kind ; was willst Du von mir ? « » Euer Majestät danken für das Glück , daß ich meinen Großvater umarmen durfte , und ... « » Wie heißest Du , mein Sohn ? wer ist Dein Großvater ? « » Graf Lubomirski , Euer Majestät . Euer Majestät haben den alten Mann begnadigt und er befindet sich hier . « Der Czar runzelte leicht die Stirn ; er liebte es nicht , an Verurtheilungen oder Begnadigungen erinnert zu werden . » Es ist brav von Dir , daß Du die Deinen liebst . - Aber Du wolltest noch Etwas ? « » Ich wollte Euer Majestät um die Gnade bitten , daß ich den Feldzug gegen die Türken mitmachen darf . Ich möchte Euer Majestät so gern meine Dankbarkeit und meine Treue bezeigen . « Der Kaiser lächelte , so weit in dies eherne Gesicht Lächeln treten konnte , und klopfte den Knaben auf den Kopf . » Wie steht ' s mit ihm , Moradowilsch ? « » Er ist ein fleißiger und talentvoller Schüler , Sire , aber erst sechszehn Jahre . « » Nun , so warte noch ein Jahr , die Sache ist noch lange nicht zu Ende für Dich und mich . Dann sollst Du als Junker eintreten . - Adieu , Kinder , gehabt Euch wohl , es wird Zeit für mich . « Die Trommeln rasselten , der Kaiser salutirte und verließ den Hof . Am Ausgang lehnte er mit einer strengen Handbewegung jede weitere Begleitung ab und schritt allein auf die Straße hinaus eine kurze Strecke , bis ihm ein Isworstschick mit dem leeren Gespann entgegenkam . Er winkte ihm , umzukehren und warf sich in das offene Gefähr . » Na domo ! « ( Nach Hause ! ) sagte er zerstreut . Die Droschke flog davon und hielt in der Nähe des Winterpalastes . Befremdet stieg der Kaiser , der es ungern sah , wenn man ihn auf seinen frühen Ausgängen erkannte , aus und fragte den Kutscher : » Kennst Du mich denn ? « Ein schlaues : » Nein , Väterchen ! « war die Antwort . » Aber ich habe meinen Geldbeutel vergessen ! « » Thut Nichts , Väterchen , Du bezahlst mich ein ander Mal ! « » Nein , « sagte der Kaiser , » ich mache keine Schulden . Warte hier . « Er verschwand in dem Hofe des Palastes und der Kutscher , der den Kaiser sehr wohl erkannt hatte , hielt geduldig sein