Freude war , welche das Blut gewaltsam nach ihren Wangen trieb , so war es doch auch wohl die Erwartung , was er hier bei dem Vater zu thun habe , und daneben auch ein klein wenig Verdruß , als sie aus seiner Anwesenheit ersah , daß er ihrem strengen Befehl nicht Folge geleistet habe . » Meine Tochter Clara , « sagte Herr Staiger , der aber glücklicherweise gerade sein Manuscript zusammen schob und das Buch von Sealfield darauf legte . - » Meine Aelteste , der Stolz der Familie ! « » Ah Papa ! « versetzte das Mädchen in großer Verlegenheit . Und da hiedurch ihr liebes Gesicht das Recht erhielt , einige Verwirrung zu zeigen , so brauchte sie diese nicht zu verbergen , als nun der alte Mann lachend sagte : » Ei mein Kind , du darfst nicht erröthen : wer so mütterlich für uns Alle sorgt , der darf in Wahrheit der Stolz der Familie genannt werden . Habe ich nicht Recht , Karl ? « Das Bübchen hatte sich an ihren Arm gehängt und ergriff statt aller Antwort ihre Hand , die er nun bald hier bald da an sein Gesichtchen drückte ; die kleine Schwester dagegen nahm Hut und Tuch in Empfang , die Clara eilig ablegte . Dann warf sie verstohlen einen Blick in den Spiegel und näherte sich nun leicht , graziös und unbefangen dem Fenster , an welchem Arthur stand . Siebenundzwanzigstes Kapitel . Ein einfaches Mittagessen . Wie war das Mädchen , erhitzt von dem Tanze und der Aufregung , so wunderbar schön ! Wie glänzten ihre dunklen Augen , wie leicht und elegant schritt sie daher ! Arthur sah mit der innigsten Liebe auf sie , und er mußte sich gestehen , lange kein so liebliches Bild gesehen zu haben . Er senkte seinen Blick in ihr Auge , tief , innig und bittend , und namentlich der letztere Ausdruck schien ihren Unmuth zu verscheuchen . » Das ist Herr Arthur Erichsen , ein junger Maler und ein neuer freundlicher Bekannter , den ich mir erworben . Wir trafen uns neulich beim Buchhändler Blaffer , von dem er den Auftrag hatte , Onkel Toms Hütte zu illustriren , und er kam nun hieher , um sich mit mir über diese Illustrationen zu besprechen . « » Gewiß , mein Fräulein , « nahm Arthur eifrig das Wort , » ich besuchte Ihren Papa in der Absicht , um mir seinen Rath zu erbitten , auf welche Art diese schwierige Arbeit am besten anzugreifen sei . « Clara lächelte ein wenig , aber so unmerklich , daß nur Arthur es sah . Ein Liebender bemerkt ja Alles , und auch für ihn nur war deßhalb der momentane Blitz in ihren Augen verständlich , sowie ein unbedeutendes Zucken der Mundwinkel , - dieser kleinen , reizenden Mundwinkel . Die Röthe von vorhin war von ihrem Gesichte gewichen , ja hatte einer leichten Blässe Platz gemacht , als sie vor Arthur stand , die Hand auf den Tisch gestützt , und ihm sagte : » Es freut mich sehr , daß Sie Papa besucht haben und daß Sie so gütig waren , mit ihm über Ihre Arbeit zu plaudern . - Ach ! « setzte sie hinzu , » es kommt so selten Jemand zu ihm , der mit ihm zu sprechen versteht , gegen den er seine Ideen und Ansichten austauschen kann , daß es ihm gewiß , gewiß recht lieb war , daß Sie ihn besuchten . « Wir müssen gestehen , daß Arthur athemlos auf ihre Worte gelauscht ; und als sie ihn so treuherzig und lieb ansah und ihm sagte , es sei dem Papa gewiß - gewiß recht lieb , daß er gekommen , da durchzuckte ihn ein unnennbar süßes Gefühl , sein Herz schien einen Augenblick die Pulsschläge auszusetzen und still zu stehen vor übergroßer Freude und Seligkeit . Er gestand sich oft , dies sei einer der süßesten Momente seines Lebens gewesen , und es thue ihm nur leid , daß er gewaltsam seine Thränen zurückgehalten habe , die im Begriffe waren , ihm in die Augen zu treten . Auch Clara fühlte Aehnliches , denn nachdem sie gesprochen , wie wir soeben hier niedergeschrieben , blieb sie noch eine Sekunde ruhig vor ihm stehen , schaute ihn so herzlich an , wie er sie , und Beide hatten den gleichen Gedanken : sie waren froh , daß sie sich jetzt endlich einmal im hellen Licht des Tages sahen , und so nahe , - nicht wie früher immer im Halbdunkel der Straße , wenn sie aus dem Wagen sprang , oder beim falschen Glanz der Lichter . Wie lange dieses gegenseitige Beschauen wohl gedauert hätte , weiß der liebe Gott . Glücklicherweise aber legte sich das Bübchen in ' s Mittel und zog die beiden hochfliegenden Seelen in den Bereich der Wirklichkeit zurück . » Die Kartoffeln sind fertig , « sprach es mit bestimmtem Tone , » sie platzen schon auf . « » Dann ist es Zeit ! « rief Arthur , indem er wie aus einem tiefen Traum erwachte ; » und ich muß mich entfernen , um Sie nicht in Ihrem Mittagessen zu stören . « Bei diesen Worten sah der alte Mann seine Tochter bedeutsam an , und als Clara sanft lächelte , sagte er : » O , lassen Sie sich gar nicht stören , lieber Herr Erichsen , bleiben Sie noch eine Weile da ; wir plaudern vielleicht noch ein wenig . Ich kann Ihnen leider von unserer einfachen Kost Nichts anbieten , - nun - eben - weil sie gar zu einfach ist . - Aber draußen , « setzte er hinzu , indem er durch ' s Fenster sah , » schneit und stürmt es so gewaltig , daß Sie unmöglich in diesem Augenblicke fort können ; auch speisen Sie gewiß später . « Wenn man Etwas gerne thut , so läßt man sich leicht dazu überreden . Arthur blickte fragend auf Clara , die lächelnd ihre Augen niederschlug . Doch schien ihm dies Augenniederschlagen von einem kleinen Kopfnicken begleitet zu sein , weßhalb er sich denn eifrigst und gern bereit erklärte , noch eine halbe Stunde da zu bleiben . Die jüngere Schwester hatte unterdessen den Tisch gedeckt , Clara ging in das Vorzimmer , und ihr folgte das Bübchen , welches eine richtige Ahnung hatte , daß sie sich vor dem Gaste geniren würde , die bewußte Wurst aus der Tasche zu ziehen , daß dies aber draußen unverzüglich geschehen müsse . - Und so war es denn auch . Die Tänzerin kam alsbald mit einem Teller wieder herein , auf dem der erwähnte Leckerbissen lag . Dann setzte sich Alles um den Tisch herum ; er war ärmlich aber reinlich gedeckt mit einem groben doch weißen Tischtuch und glänzenden Zinntellern . Der Maler , der eine Aufforderung zum Mitessen ablehnte , setzte sich einen halben Schritt rückwärts neben Clara . Er konnte so seinen Arm auf die Lehne ihres Stuhles stützen , und wenn er nun den Kopf vorn über lehnte , und sie ihm plötzlich Etwas sagen wollte , so berührte ihr kühles , volles , duftiges Haar seine heiße Stirne . » Karl , du mußt beten , « sagte die jüngere Schwester zu ihrem Bruder , der an seinem Platze saß und die Augen unverwandt auf einen Punkt des Tisches gerichtet hatte . Das dort auf dem Zinnteller nahm seine ganze Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch , daß er mechanisch seine Hände faltete und gedankenlos sein Morgengebet anfing : » Engelein komm ' , Mach ' mich fromm ! « Doch wurde ihm diese Nachlässigkeit nicht gestattet und er brachte nun den uns schon bekannten Tischspruch vor , natürlicherweise mit unverbesserlichem Fehler , setzte auch hinter dem » Amen ! « rasch hinzu : » Jetzt bekomme ich auch Wurst . « Nun nahm das Mahl seinen Anfang , der Vater und die jüngeren Kinder griffen herzhaft zu ; nur Clara spielte mit ihrem Essen , und es schien ihr fast unmöglich , einen Bissen hinunter zu bringen . Arthur munterte sie lächelnd auf , sich selbst nicht zu vergessen , und er that dies , indem er das außerordentlich schöne Aussehen der Kartoffeln lobte ; darauf erfolgte nun natürlicherweise die Einladung des alten Herrn , auch eine zu versuchen , und er forderte Clara zu diesem Zweck alsbald auf , einen Teller zu bringen . Dies lehnte aber Arthur eifrigst ab , und nach einigem Hin- und Herreden , Nöthigen und Weigern entschloß er sich endlich , einen Bissen von dem Teller der Tänzerin und zwar mit deren Gabel zu nehmen . Hiebei bewährte sich nun aber das Sprichwort , daß der Appetit während des Essens kommt , denn dem ersten Bissen folgte ein zweiter , ein dritter und ein vierter , zwischen welchen aber jedes Mal die Gabel gewechselt wurde , das heißt , einmal nahm sie Clara , und dann erhielt sie der Maler wieder . Da sich hiebei auch ihre Hände berührten , ihre Blicke viel Schönes zu einander sprachen , und das Haar der Tänzerin häufig sein Gesicht streifte , so hielt Arthur ein Mittagsmahl , wie es kein König besser und köstlicher haben konnte . Leider war das Diner bald zu Ende ; aber als sich nun Arthur endlich alles Ernstes entfernen wollte , denn sein Herz war übervoll , meinte das Bübchen , nach dem Essen ginge man nicht gleich fort , wie es schon gehört habe , und bat den Maler , er möge nun so artig sein , ihm eine Schlange oder ein Krokodil zu machen . Er brachte deßhalb seine Tafel herbei , zerrte den Künstler an das Fenster und zwang ihn , dort wieder Platz zu nehmen . Der alte Mann stellte sich einen Augenblick daneben , und nachdem er seinen Sohn vergeblich ersucht , den Herrn nicht zu plagen , verlor er sich in ' s Vorzimmer , wo er sich auf einen Stuhl setzte , ein Taschentuch über sein Gesicht hing und ein kleines Mittagsschläfchen machte . Die jüngere Schwester und Clara räumten den Tisch ab , dann setzte sich letztere an die andere Seite desselben . Arthur hatte die Tafel ergriffen und entwarf eine solch ' riesenhafte Schlange , daß die berühmte des Kapitän Boa dagegen nur ein Regenwurm war . Während des Zeichnens aber warf er einen Blick im Zimmer umher , und als er bemerkte , daß das kleine Mädchen in einer Ecke neben dem Ofen mit dem Spülen des Geschirrs beschäftigt und die Thüre des Vorzimmers fest zugezogen war , sagte er zu Clara : » Sind Sie mir böse , daß ich hergekommen ? « worauf diese nach einer Pause erwiderte : » Ich hatte mir wohl gedacht , daß dies am Ende geschehen würde . « » Aber erst viel später , « entgegnete Arthur , » denn ich hätte Ihren Befehl gewiß respektirt ; aber es ist so , wie Ihr Vater gesagt : wir trafen uns bei dem Buchhändler , und wenn auch hier nicht Ihre Wohnung gewesen wäre , so hätte ich doch den Uebersetzer von Onkel Tom ' s Hütte aufsuchen müssen . - Nicht wahr , Sie zürnen mir nicht ? « Clara schüttelte den Kopf und antwortete : » Ich weiß nicht , was icj davon halten soll ; ich kenne Sie schone seit einiger Zeit , aber ich kannte Sie bis jetzt nur wie Etwas , das kommt und verschwindet wie ein Traum - wie der Schein der Sonne ; oder auch , « setzte sie lächeldn hinzu , » wie Regen und Sturm . « » Und wie Etwas , « bemerkte Arthur , indem er den Griffel sinken ließ , » was uns eigentlich nicht viel kümmert , was uns gleichgiltig ist , wenn es auf einmal ganz ausbleibt , an das wir nicht mehr denken , wenn es nicht wieder erscheint . « » O nein ! « erwiderte die Tänzerin , » nicht so ganz . Sagen wir lieber , wie etwas - Angenehmes , das uns widerfährt , und das wir dankbar hinnehmen , dem wir vielleicht betrübt nachblicken , weil es uns plötzlich ganz verschwindet , das wir aber kein Recht haben , zurückzurufen , weil - weil - wir nun einmal kein Recht dazu haben . « » Aber die Schlange hat noch keine Zähne , « sprach das Bübchen . » Mach ' ihr große ! Und dann will ich auch ein Krokodil haben . « » Soll ich dir nicht lieber deine Schwester Clara zeichnen ? « fragte der Maler . » Mir wäre ein Krokodil lieber , « entgegnete das Kind ; » Clara sehe ich den ganzen Tag . Wenn du sie aber nachher zeichnen willst , ist es mir auch recht . « Arthur that wie ihm befohlen , dann aber nahm er das Gespräch von vorhin wieder auf . » Und weßhalb , « fragte er , » hätten Sie kein Recht , - mich zurückzurufen ? « » Und auf welche Art sollte ich es thun , wenn Sie plötzlich ausgebliebe wären ? - Wenn ich auch vielleicht gewollt hättem ich sah Sie ja nur auf Augenblicke , bald hier , bald da , ich wußte ja kaum Ihren Namen . Und dann hatten Sie mir auch nie gesagt : morgen sehe ich Sie wieder , oder übermorgen , - ein solches Versprechen hätte mich auch ängstlich gemacht . « » Weil Sie mir wohl hätten antworten müssen : ja , es ist mir recht , ich will Sie morgen oder übermorgen wieder sehen , - und weil Ihnen das wie eine Verpflichtung vorgekommen wäre , und weil Sie keine Verpflichtungen gegen mich übernehmen wollen . « » Es ist vielleicht so , « sagte Clara , indem sie ihn lächelnd anblickte , » ich habe mich immer davor gefürchtet . Und deßhalb bat ich Sie auch , nicht in unser Haus zu kommen . « » Sehen Sie , Clara , « versetzte der Maler halb und halb betrübt , » es ist doch , wie ich mir dachte : Sie spielten mit mir , und wenn Sie mir einmal nicht mehr erlauben wollten , Ihnen an der Treppe des Theaters oder am Wagen gute Nacht zu sagen , so wären Sie vielleicht rasch an mir vorübergeeilt und hätten mich gar nicht mehr angesehen . « » Das hätte ich gewiß nie gethan , so lange Sie sich mir so ruhig und still gezeigt , wie Sie thaten . Glauben Sie mir , die anderen Tänzerinnen schelten mich kalt , gefühllos , ja hochmüthig , weil ich es nun einmal nicht machen kann wie sie ; aber ich bin es nicht . Von Hochmuth kann ja auch keine Rede sein ; doch habe ich immer davor zurückgebebt , mit irgend Jemand in nähere Berührung zu kommen . Ich weiß ja wohl , daß ich eine arme Tänzerin bin , daß ich mich hinausstellen muß vor die Lampen , daß mich Jedes ansieht wie es mag , und daß nun Jeder das Recht zu haben glaubt , mit dem Mädchen so geradehin zu sprechen , wie es ihm in den Mund kommt . Das fürchtete ich auch von Ihnen , und deßhalb schrak ich zurück , als Sie das erste Mal mit mir sprachen . « » Aber Ihre Furcht war überflüssig . « » Gewiß , und ich danke Ihnen herzlich dafür , « erwiderte Clara . - » Aber wissen Sie wohl , « fuhr sie nach einem kleinen Stillschweigen fort , in der Absicht , das Gespräch zu ändern , » wissen Sie wohl , daß ein paar von den anderen Tänzerinnen es wohl gemerkt haben , daß ich mit Ihnen hie und da gesprochen ? « » Sie hatten mich schon auf der Bühne gesehen ? « » Nein , da nicht , aber neulich Abends , als Sie am Wagen standen , wie wir einstiegen . Da sind Alle mit Reden über mich gefallen . Ich hätte mich so lange verstellt und immer Alles abgeleugnet , und nun käme es auf einmal heraus und ich sei furchtbar versteckt , aber jetzt könne ich nicht mehr leugnen . « » Und was sollten Sie nicht läugnen können ? « » Daß ich Sie Abends am Wagen gesehen . « » Und ist das so schlimm ? « » Ah ! « sagte Clara lachend , » nehmen Sie mir nicht übel ! wenn man so plötzlich aus dem Dunkel daher schießt und einer Tänzerin sagt : o wie vortrefflich haben Sie heute getanzt ! O wie schön sahen Sie aus ! « - » Ja , das habe ich gesagt , « unterbrach sie Arthur träumerisch . » Und wenn man einen obendrein bei der Hand faßt , das ist doch schlimm genug . Und an dem Abend habe ich mich auch eigentlich vor Ihnen gefürchtet . « » Aber ich mußte Ihnen damals ein Wort sagen , Clara . Ich konnte nicht nach Hause gehen , ohne Ihre Hand berührt zu haben ; mein Herz war zu voll . Waren Sie wirklich böse auf mich ? « » Nur eine Weile , « entgegnete das Mädchen , indem sie ihn mit ihren großen Augen anschaute , » und eigentlich auch nur , weil mich die Anderen so neckten . « » Was sagten sie denn ? « » Ob jetzt endlich ein Prinz gekommen sei oder ein regierender Herr , den ich für würdig genug befunden , daß er mir den Hof machen dürfe . - Aber ich erzähle Ihnen da lauter dummes Zeug , worüber Sie lachen werden , « setzte sie schmollend hinzu . » Gewiß nicht , Clara , es interessirt mich auf ' s Höchste . « » Und der Schwindelmann hatte es sogar bemerkt . « » Wer ist Schwindelmann ? « » Schwindelmann , « entgegnete sie einigermaßen erstaunt , » ist der Theaterdiener , der uns zu den Vorstellungen abholt und im Wagen wieder nach Hause bringt . « » Ein junger Mann ? « fragte Arthur mit einer eifersüchtigen Regung . » O , Sie müssen Schwindelmann kennen ! « fuhr sie fort , ohne den Sinn seiner Frage zu verstehen . » Er läßt den großen Portalvorhang herab und kennt namentlich mich genau . Er und mein Vater sind zusammen in die Schule gegangen . « » Ah so ! « sagte Arthur sichtlich erheitert . » Und der Schwindelmann hat es gesehen , daß ich Ihnen die Hand gab ? « » Das will ich meinen , und er war sehr mürrisch . Sonst trägt er mir immer meinen Korb und nimmt ihn hinten zu sich auf den Wagen ; aber an dem Abend schob er ihn zu mir herein und brummte allerlei in den Bart. « » Das scheint mir ein braver Mann zu sein , der Theaterdiener , « sagte Arthur . » Auch fuhr er mich an dem Abend nicht zuerst nach Haus wie sonst , sondern zuletzt . Und dann ließ er den alten Andreas , den Kutscher , nach Hause , blieb bei mir an der Treppe stehen und hielt mir eine starke Predigt . « » Und das Alles , weil ich Ihnen die Hand gereicht ? « » Allerdings ; natürlicherweise bildete er sich noch viel mehr ein . Es sei schade um mich , sagte er , ich hätte mich so gut gehalten , Alle hätten die größte Achtung vor mir , man könne mir nicht das geringste Ueble nachsagen , und nun finge ich auf einmal so dumme Streiche an ! « » Schwindelmann scheint mir bösartig zu sein , « versetzte Arthur einigermaßen ärgerlich . » Nein , er ist sehr gut , « versetzte die Tänzerin . » Wissen Sie , er hat beim Theater schon sehr viel erlebt , « sprach sie mit sehr ernster Stimme ; » er hat gesehen , wie schon manches Mädchen unglücklich wurde , und da er mich , wie gesagt , gern hat , so warnte er mich auf ' s Allerernstlichste . « » Vor einem Händedruck ? « » Nicht nur ganz davor , « entgegnete sie heimlich lachend , » aber er sagte , das wäre der Anfang , und er hatte nicht Unrecht darin . Es ist bis jetzt Alles gekommen , wie der Schwindelmann mir vorher gesagt , « sprach sie auf einmal sehr ernst werdend , indem sie vor sich niedersah . - » Zuerst würden Sie sich mir Abends in den Weg stellen , mit mir zu sprechen ; und das haben Sie auch gethan , - anfänglich weniger und dann häufiger . - Dann aber « - hier stockte sie einen Augenblick , und fuhr erst fort , als sie Arthur aufmerksam und fragend anblickte - » dann aber würden Sie unter irgend einem Vorwand in unser Haus kommen ; und dann - - wäre ich auf dem Wege des Verderbens - o mein Gott ! « - Diese letzten Worte sprach das Mädchen mit gepreßter Stimme und in sichtlicher Angst , und als sie ausrief : » O mein Gott ! « preßte sie ihre beiden Hände vor das Gesicht , sprang auf und eilte zu ihrer kleinen Schwester , der sie emsig half , Teller und Gläser zu ordnen , ohne sich im Augenblick weiter um ihren Gast zu bekümmern . Arthur war überrascht sitzen geblieben und hatte die Tafel in den Händen des Bübchens gelassen , welches sie eifrig an sich nahm und mit zu den Schwestern hin sprang , um ihnen das Krokodil und die schöne Schlange zu zeigen . Auch der alte Herr trat jetzt nach vollbrachter Mittagsruhe wieder in ' s Zimmer und mußte ebenfalls die seltsamen Thiergestalten bewundern . Obgleich der Maler dem aufgeregten Mädchen gerne noch einige begütigende Worte gesagt hätte , so war dies doch nicht möglich . Sie kam nicht an das Fenster zurück , sie ließ ihn ruhig seinen Hut nehmen und wandte sich erst nach ihm um , als er dem Vater die Hand reichte , dem Bübchen auf den Kopf pätschelte und der jüngeren Schwester freundlich zunickte . Dann bot auch sie ihm einen freundlichen guten Tag , wobei er allein bemerkte , wie sie durch Thränen lächelte . Als er hierauf gedankenvoll die Treppe hinab ging , schüttelte er den Kopf und sagte : » Thränen bei meinem ersten Besuch , und Schlangen , die ich zeichnen mußte ; wenn das nur keine bösen Vorzeichen sind ! « Eine lange Zeit hatte , während Arthur bei Herrn Staiger war , draußen auf dem Gange Mademoiselle Emilie Wundel Bücher und Noten ausgeklopft , auch hie und da einen Vers aus irgend einer Arie getrillert , ohne daß der angenehme junge Mann zurück gekommen wäre . Endlich war Clara erschienen , und als er auch jetzt noch nicht kam , ging die Ausklopferin achselzuckend in ihr Zimmer zurück . - » Da hätte ich schön warten können , « sagte sie hohnlachend , » das ist ja eine abgekartete Geschichte ! Wie man auch so dumm sein kann ! « - Damit meinte sie die vorsorgliche Mutter . - » O die Clara ! Ich für meine Person habe ihr nie was Gutes zugetraut , das kann ich euch versichern ; die hat ' s lange heimlich getrieben ; jetzt wirft sie alle Scham bei Seite und läßt ihre Liebhaber am hellen Tage in ' s Haus kommen . Ihr werdet schon sehen : Einen nach dem Andern . - Pfui Teufel über dies Volk vom Ballet ! « - Achtundzwanzigstes Kapitel . Betrachtungen . Wir wissen nicht , theurer und geneigter Leser , ob du in deinem Leben schon in den Fall gekommen bist , in lebenden Bildern mitzuwirken . Daß du öfter welche gesehen , nehmen wir unbedingt an . - Es ist das Stellen lebender Bilder in Familiencirkeln eine Krankheit , die hie und da einreißt , die oftmals sporadisch auftritt , dann aber auch für gewisse Winter ganze Städte epidemisch beherrscht . Das sind Zeiten der forcirten Bewunderung , wo man oftmals nach ausgestandenem Jammer den Lenker aller Dinge anklagen möchte , daß es überhaupt Bilder gibt , und daß Jemand auf die - schöne Idee kam , lebende Bilder zu arrangiren . Wie schon bemerkt , so erfaßt die Lust nach diesem Vergnügen oftmals ganze Städte , und alsdann entgeht keiner seinem Schicksale ; wer nicht zum Mitstehen gepreßt wird , der muß zusehen ; und welche Art von Schlachtopferei menschlicher Grausamkeit die schlimmere sei , soll der Beurtheilung einer zweiten Miß Stowe vorbehalten bleiben . Man hat alle Arten von Vergnügen erschöpft , man hat große Kaffeegesellschaften arrangirt , in welchen eine ungeheure Menge von Backwerken verzehrt , eine Anzahl guter Namen zerrissen , ja eine Masse von Zukunften vernichtet wurde . Was das Letztere anbelangt , - die harmlosen Zuthaten zum Kaffee nämlich , - so müssen wir den geneigten Leser versichern , daß die Vieruhr- , überhaupt die Nachmittagskaffeegesellschaften die schlimmsten , die blutdürstigsten sind . Das Mittagessen ist vorüber gegangen , und der Gemahl , der vielleicht in der Kanzlei von einem Vorgesetzten bedeutend geärgert wurde , kam verdrießlich zu Tische und findet , daß die Suppe versalzen , die lange Sauce des Gemüses zu mehlig und die Räucherung des Schweinefleisches nicht vollkommen gelungen sei . Es gab das eine kleine häusliche Scene , die Kanzleiräthin erlebte einige scharfe Bemerkungen , welche in viel kräftigerer Tonart , aus allen Registern klingend , in der Küche wiedergeorgelt wurden . Darauf ist das Bäbele verdrießlich geworden ; » es ist überhaupt keine Freude in dem Hause ; « denkt sie , und statt daß sie mit dem Spülen um halb Drei fertig wäre , zieht sie dies Geschäft bis halb Vier hinaus , wo sie dann erst langsam die Hände mit Seife wascht , um darauf der ängstlich harrenden Gebieterin das Kleid zuzumachen . Diese , geärgert , echauffirt , kann mit dem übrigen Anzug kaum fertig werden , und erscheint nun statt um vier Uhr eine Viertelstunde später - der geneigte Leser mag selbst beurtheilen in welcher Laune - zum Kaffee . Wie schon angedeutet , diese Nachmittagsgesellschaften sind entsetzlich , und der Geist der Verleumdung muß sie einstmals in höchsteigener Person erfunden und dazu geladen haben den gelben Neid , die grüne Bosheit , gräuliche Heuchelei , und alle andern Schwestern und Brüder dieser Geschlechter . Hier wird Alles , was in den Bereich der giftigen Zungen kommt , zerstückelt , zerrissen , verdammt ohne alle Gnade und Barmherzigkeit . - Abends bei einem harmlosen Thee geht es schon einige Grade sanfter und gemüthlicher zu . Am Ende des Tages ist man überhaupt versöhnlicher gestimmt , ist zu Liebe und Duldung geneigter jeder Mensch , ja sogar die Zunge der schlimmsten Frau . Da geht es denn oftmals ohne bedeutendes Blutvergießen ab ; es herrscht hier - mit Ausnahmen natürlich - ein Geist der Sanftmuth ; nur zuweilen wird ein guter Name geknickt , ein bis dahin guter Ruf vernichtet . Aber im Laufe des Winters werden sie langweilig diese Gesellschaften , man hat sich schon zum Oefteren auf gleiche Weise beisammen gesehen , man hat schon unzählige Mal die neu plattirte Theemaschine bewundert oder das Porzellanservice , das voriges Jahr angeschaffte ; auch weiß man , daß der Silbervorrath aus achtzehn Löffeln besteht ; die neuen Ueberzüge des Sopha ' s und der Stühle geben keinen rechten Stoff mehr zur Unterhaltung , ja sogar die eigenen Zungen sind abgenutzt und die Zähne haben sich stumpf gebissen an dem Wohl und Wehe des lieben Nächsten . Was das Schlimmste ist , es ist vielleicht keiner der glühenden Wünsche erfüllt worden , mit denen man die Wintersaison eröffnet , - es kamen die Wasser all ' , die gebeten wurden , aber die Einladungen dagegen fielen spärlich aus . Madame konnte sich trotz des großen Aufwands von Zucker , Thee und Backwerk nicht aus der siebenten Rangklasse erheben und hineinschmuggeln in höhere Regionen . Man vergrößert nun die Theegesellschaften ; statt daß man , wie bis jetzt , die Magd oder einen entlehnten Bedienten herum schickt und auf eine Tasse mit Zuthaten einladen läßt , werden nun Karten geschrieben , auf denen es heißt : Herr und Madame Backstein bitten Frau Regierungsräthin Hintenüber mit vier Töchtern zu einem Thé dansant auf morgen Abend etc. Unten links in der Ecke steht das bekannte : U.A.w.g. - Um Antwort wird gebeten ; die jüngeren Damen übersetzen es sich aber : Und Abends wird getanzt . Zur gewöhnlichen Theegesellschaft war doch nur eine kleinere Anzahl von Gästen versammelt , die der Salon ohne viele Schwierigkeiten in sich aufnehmen konnte , eine Anzahl Auserwählter , ein Elitencorps , ein Cadre der Armee ; zum tanzenden Thee dagegen ist nun die sämmtliche Mannschaft einberufen worden : Kriegsreserve , Landwehr ersten und zweiten Aufgebots , ja längst schon nicht mehr dienstfähige und sehr strapazirte Invaliden . Da rüstet sich nun Alles , diesem Rufe Folge zu leisten , und erscheint zu Fuß und zu Wagen . Einige Zeit nach der angegebenen Stunde sind dann die hinteren Zimmer auch glücklich mit Menschen vollgepropft , und die vorderen füllen sich nach und nach ebenso an . Man becomplimentirt sich , man stößt einander , man tritt sich auf die Hühneraugen , man kann nicht zu einer hübschen Frau gelangen , denn sie ist von einem Kreis von Vaterlandsvertheidigern umgeben , und wenn man endlich glaubt , durchbrechen zu können , wird man von einem langweiligen Kerl zurückgehalten , der durch die hinten Stehenden fast auf uns hinaufgeschoben wird , der mit stets offenem Munde spricht , uns beständig in gelinder Anfeuchtung erhält , und der , ehe er sich in eine Unterhaltung mit