mit Farben umzugehen « , zu neuem Fleiße gereizt , gefärbte Zeichnungen hervorbringen , wie sie ungefähr als das Beste im Hause verlangt wurden , einzig aufgehalten und behindert , wenn ich gesehene Farben der Natur , die sich mir während des vielen Zeichnens eingeprägt hatten , anbringen wollte und dadurch mit den im Refektorium herkömmlichen Mitteln in Widerspruch geriet . Alsdann wurden meine Arbeiten unrein und ungeschickt , und der Meister war froh , mich der Unachtsamkeit und des Eigensinnes zu beschuldigen . Noch lange ehe das zweite bedungene Jahr zu Ende war , sah ich nicht viel mehr und übte mich , auf den Rat des Lehrers , in den verschiedensten Fertigkeiten , die dort sonst getrieben wurden . Ich radierte , laborierte in Scheidewasser , pfuschte auf Stein herum , fertigte schlecht gezeichnete , aber buntgemalte kleine Porträts an , half den Genossen die Kupferdrucke färben , lernte solche verpacken und sonst mit allen den kleinen Geschäften solchen Betriebes umgehen , kurz , ich wuchs den Winter hindurch zu einer Art Tausendkünstler und Faktotum heran , der nun für eine Bahn , wie sie Habersaat verfolgte , reif war und eigentlich das wirklich erreicht hatte , was dieser ihm beizubringen sich verpflichten konnte , der aber von dem Ziele , das ihm vorschwebte , entfernter als je war . Ich fühlte dunkel , daß ich eigentlich erst jetzt mit einigem Verstande beginnen sollte , und sah mich doch mit einer bedenklichen und leeren Fertigkeit ausgerüstet und ohne etwas Rechtes zu können . Dies gestand ich mir zwar nicht , aber es verursachte doch einen untröstlichen Widerspruch ; ich langweilte mich in dem alten Kloster und blieb wochenlang zu Hause , um dort zu lesen oder Arbeiten zu beginnen , die ich vor dem Meister verbarg . Dieser suchte meine Mutter auf , beschwerte sich über meine Zerstreutheit , rühmte meine Fortschritte und schlug vor , ich sollte nun in ein anderes Verhältnis zu ihm treten , in seinem Geschäfte für ihn arbeiten , fleißig und pünktlich , aber gegen reichliche Entschädigung , da ich ihm gute Dienste zu leisten imstande wäre , zufolge seiner Erziehung . Es sei dies , erklärte er , das zweite Stadium , wo ich , indessen ich mich vorläufig immer mehr ausbilde , mich an vorsichtige Arbeit gewöhnen und zugleich Ersparnisse machen könne , um in einigen Jahren in die Welt zu gehen , wozu es doch noch zu früh sei . Er versicherte , daß es nicht die Schlechtesten unter den berühmten Künstlern wären , welche sich durch jahrelange anspruchlosere Arbeit endlich auf die Höhe der Kunst geschwungen , und eine mühevolle und bescheidene Betriebsamkeit dieser Art lege manchmal einen tüchtigern Grund zur Ausdauer und Unabhängigkeit als eine vornehme und ausschließliche Künstlererziehung . Er habe , sagte er , talentvolle Söhne reicher Eltern gekannt , die es nur deswegen zu nichts gebracht hätten , weil sie nie zu Selbsthilfe und raschem Erwerb gezwungen gewesen und in ewiger Selbstverhätschelung , falschem Stolze und Sprödigkeit sich verloren hätten . Diese Worte waren sehr verständig , obgleich sie auf einigem Eigennutze beruhen mochten ; allein sie fanden keinen Anklang bei mir . Ich verabscheute jeden Gedanken an Tagelohn und kleine Industrie und wollte allein auf dem geraden Wege ans Ziel gelangen . Das Refektorium erschien mir mit jedem Tage mehr als ein Hindernis und eine Beengung ; ich sehnte mich darnach , in unserm Hause mir eine stille Werkstatt einzurichten und mir selbst zu helfen , so gut es ginge , und eines Morgens verabschiedete ich mich , noch vor Beendigung meiner Lehrzeit , bei Herrn Habersaat und erklärte der Mutter , ich würde nun zu Hause arbeiten , wenn sie verlange , daß ich etwas verdienen solle , so könne ich dies auch ohne ihn tun , zu lernen wüßte ich nichts mehr bei ihm . Vergnügt und hoffnungsvoll schlug ich meinen Sitz zuoberst im Hause auf , in einer Dachkammer , welche über einen Teil der Stadt weg weit nach Norden hin sah , deren Fenster am frühen Morgen und am Abend den ersten und letzten Sonnenblick auffingen . Es war mir eine ebenso wichtige als angenehme Arbeit , mir hier eine eigene Welt zu schaffen , und ich brachte mehrere Tage mit der Einrichtung der Kammer zu . Die runden Fensterscheiben wurden klargewaschen , vor dieselben auf ein breites Blumenbrett , mit der Mutter Beihilfe , ein kleiner Garten gepflanzt und inwendig die Pfosten sowie die nächste Wand mit Efeu bezogen , zu welchem im Sommer noch blühende Schlingpflanzen kamen , so daß das helle große Fenster von einem grünen Urwald umgeben war . Die geweißten Wände behing ich teils mit Kupferstichen und solchen Zeichnungen , welche irgendeinen abenteuerlichen Knalleffekt enthielten , teils zeichnete ich mit Kohle seltsame Larven oder schrieb Lieblingssprüche und gewaltsame Verse , die mir imponiert hatten , darauf . Ich stellte die ältesten und ehrwürdigsten unserer Geräte hinein , schleppte herzu , was nur irgend einem Buche gleichsah , und stellte es auf die gebräunten Möbeln , die verschiedensten Gegenstände häuften sich nach und nach an und vermehrten den malerischen Eindruck ; in der Mitte aber ward eine mächtige Staffelei aufgepflanzt , das Ziel meiner langen Wünsche , und auf große Blendrahmen gespanntes Papier darauf gestellt ; denn ich sehnte mich nach tüchtigem Hantieren in weitläufiger , handgreiflicher Materie , und da ich noch keinen Weg zur Ölmalerei offen sah , so half ich mir dadurch , daß ich einstweilen auf grobem Papiere mit Kohle , Kreide und kräftigen Farbentönen sattsam herumfegte . Ich freute mich großer Baumgruppen und Gebirgsformen , die ich ohne vieles Grübeln hervorrief , die Einzelnheiten , die sich mir während meines Herumtreibens in der freien Natur mehr oder minder eingeprägt hatten , harmlos anwendend , Gestein und Bäume reichlich mit Moos , Wurzel- und Flechtwerk bekleidend . Das Beste davon waren noch die mannigfaltigen bewegten Lüfte ; da ich von meiner hohen Warte aus ein weites Himmelsfeld beherrschte , so sah ich den ganzen Tag die Wolken kommen und gehen in allen Farben , und dies erregte in mir den Gedanken , eigene Luftstudien zu machen . Sooft ich daher eine schöne Wolkenmasse entdeckte , bildete ich sie schnell mit meinen Wasserfarben nach , indessen mich die kompakten und doch schmelzvollen Gebilde eine unbestimmte Sehnsucht nach der Ölpalette empfinden ließen . Doch erreichte ich eine ziemliche Übung und begann den lebendigen Himmel zu verstehen ; ich ging leidenschaftlich den tausend Reizen der Wolken nach , besonders wandelten meine Blicke friedevoll durch die tiefen plastischen Täler , über die weißen Höhen und um die sonnigen Vorsprünge und Abhänge dieser luftigen Gebirge herum , sie schlichen verwegen unter der schattigen blauen Basis hindurch , die ungeheure Ausdehnung in der scheinbaren Verkürzung ermessend . Als ich später hörte , daß diese Übung allerdings ein sehr eifrig gepflegter Weg landschaftlicher Kunst sei , war ich nicht wenig stolz darauf , in meiner Abgeschiedenheit von selbst darauf verfallen zu sein , wie ich überhaupt erfuhr , daß das Bedürfnis solche Hilfen immer selbst erfindet und die allgemeine Wahrheit sich in jedem abgeschiedenen , aber lebendigen Bestreben Bahn bricht . Erst jetzt , als die erste Begierde nach Staffelei und umfangreichen Flächen gestillt war , gewann es neuen Reiz für mich , daneben kleine saubere und zierliche Arbeiten auszuführen , und ich hatte immer einen idyllischen Gedanken in Bereitschaft , welchen ich in kleinem Umfange mit bunten und glänzenden Farbentönen aufs sorgsamste ausführte , im Gegensatze zu den größeren verwegenen Unternehmungen . Diese doppelte Art der Tätigkeit entsprach einem natürlichen Bedürfnisse und mochte als ein weiterer Beweis gelten , daß sich solches immer von selbst ausbildet und hilft , wo es nicht durch einseitige Schule gehindert wird . Ich war nun ganz mir selbst überlassen , vollkommen frei und unabhängig , ohne die mindeste Einwirkung und ohne Vorbild noch Vorschrift . Ich knüpfte abwechselnden Verkehr an mit jungen Leuten , an denen mich ein verwandter Hang oder ein freundliches Eingehen anzog , am liebsten mit ehemaligen Schulgenossen , die in der Zeit ihre Studien fortsetzten und mir , mich in meiner Klause besuchend , getreulich Bericht erstatteten von ihren Fortschritten und von allem , was in den Schulen vorkam . Diese Gelegenheit benutzte ich , noch ein und andere Brocken aufzuschnappen , und sah öfter schmerzlich durch die verschlossenen Gitter in den reichen Garten der reiferen Jugendbildung , erst jetzt recht fühlend , was ich verloren . Doch lernte ich durch meine Freunde manches Buch und manchen Anknüpfungspunkt kennen , von wo aus ich weitertappte am dürftigen Faden , und das Gefundene verschmelzend mit dem phantastischen Wesen meiner Abgeschiedenheit , gefiel ich mir in einer komischen , höchst unschuldigen Gelehrsamkeit , welche meine Beschäftigungen seltsam bereicherte und vermehrte . Ich schrieb am frühen stillen Morgen oder in später Nacht hochtrabende Aufsätze , begeisterte Schilderungen und Ausrufungen und war besonders eitel auf tiefsinnige Aphorismen , die ich , mit Skizzen und Schnörkeleien vermischt , in Tagebüchern anbrachte . So glich meine Zelle , in welcher sich gesuchte Gegenstände und Zieraten immer mehr anhäuften , dem kochenden Herde eines Hexenmeisters oder Alchimisten , auf welchem ein ringendes Leben gebraut wurde . Das Anmutige und Gesunde und das Verzerrte und Sonderbare , Maß und Willkür brodelten durcheinander und mischten sich oder schieden sich in Lichtblicken aus . Und ungeachtet meines äußerlich stillen Lebens trat doch manche frühe Trübung hinzu , welche mich sorgenvoll oder leidenschaftlich bewegte . Mein Trieb , mich zu unterrichten und zu unterhalten , und meine Sammlungslust führten mich überallhin , wo alte Bücher , Kupferstiche und sonstige Dinge zu kaufen waren ; denn die Bücher meines Vaters , deren Hauptzierde Schiller war , hatte ich längst , soweit sie mir verständlich , durchgelesen und zu eigen gemacht , und selbst das Unverständliche übersetzte ich in eine eigens erfundene fabelhafte Wissenschaft , mit Worten spielend ; Kupferstiche aber , wenn ich sie sah , reizten mich zum Besitz und bildeten überdies fast die einzige äußere Hilfsquelle für mich , so daß ihre Erwerbung mir Pflicht schien . Unsere Stadt zeugte in einer Menge alter guter Sammlungen von Büchern und Kupferstichen , welche für wenig Geld fast unerschöpflich in Winkeln und Magazinen zu finden waren , daß in den guten Häusern , aus welchen sie herrührten , in der vergangenen Zeit große Bildung gepflegt worden sei . Je mehr ich in Büchern und Bildwerken mich zurechtfand und mir was zugute tat , in Namen und Zeit bewandert zu sein , desto eifriger wurde meine Besitzlust ; ich kaufte anfänglich manches für meine wenige Barschaft , dann entdeckte ich den verführerischen Ausweg schon früh , zu wählen und zu bestellen und sich , von der Bereitwilligkeit der Handelsleute unterstützt , reichliche Sendungen zuschicken und größere Rechnungen anlegen zu lassen . Diese waren nun bei alledem nie sehr bedenklich , und der Name meiner sparsamen Mutter gab mir einen guten Kredit . Allein da ich für mich allein handelte und meine Einkäufe selbst bezahlen wollte durch verkaufte Arbeiten , diesen Verkauf aber nicht einmal versuchte und vor dem Augenblicke scheu zurückwich , wo ich jemanden etwas antragen sollte , ohne was doch kein Anfang denkbar war , blieben meine Rechnungen so lange unbezahlt , bis es den Antiquaren und wunderlichen Trödelleuten endlich auffiel und sie mich durch höfliche Briefe mahnten . Dadurch geriet ich in tausend Ängsten , dachte aber nur unbestimmt auf Abhilfe , bis diese Mahnungen mir nicht mehr schrecklich waren . Dann erschienen meine Gläubiger mit feierlich langgezogenen Gesichtern unversehens im Hause , meine Mutter erschreckend und mir selbst nun streng und unheimlich vorkommend , die mich sonst so freundliche bejahrte Leutchen gedünkt hatten . Diese Umwandlung der sonst so harmlosen Persönlichkeiten durch ein Schuldverhältnis , aus einem unscheinbaren Trödelmännchen zum Beispiel in einen gefürchteten Verfolger , beunruhigte mich und ließ mich das Peinliche des Schuldenmachens empfinden , bis die Mutter , nachdem sie mich eine gute Weile hatte zappeln lassen , endlich unter ernsten Ermahnungen mich erlöste . Diese Weise sagte ihr gar nicht zu und war bisher unbekannt gewesen in ihrem Hause . Daher gedachte sie solche Frühlingsschwalben , die mit dem neuen Künstlerleben so zeitig einzogen , am besten zu vertreiben , wenn sie mich die Unbequemlichkeit eine Zeitlang fühlen ließe . Ferner hatte ich um die Zeit einen feurigen und lebhaften Freund , welcher meine Neigungen stärker teilte als alle anderen Bekannten , viel mit mir zeichnete und poetisch schwärmte und , da er noch die Schulen besuchte , reichlichen Stoff von da in meine Kammer brachte . Doch war unser Verkehr mehr ein prahlerisches Feuerwerk und glänzende Übung genialer und origineller Formen , die wir nachahmend aus Gelesenem erhaschten . Zugleich war er lebenslustig und trieb sich ebensooft mit flotten Leuten in Wirtshäusern herum , von deren Herrlichkeiten und energischen Gelagen er mir dann erzählte . Ich blieb meistens wehmütig zu Hause , da mich meine Mutter in dieser Beziehung äußerst knapp hielt und keine Notwendigkeit einer geringsten Ausgabe dieser Art einsah . Deswegen sah ich dem froh sich Herumtummelnden nach wie ein gefangener Vogel einem in der Höhe fliegenden und träumte von der Freiheit einer glänzenden Zukunft , wo ich eine Zierde der Zechgelage zu werden mir vornahm . Inzwischen aber mißbilligte ich , wie der Fuchs , dem die Trauben zu sauer sind , öfter die Wildheit meines Freundes und suchte ihn mehr an meine stille Wohnung zu fesseln . Dies verursachte manche Mißstimmung zwischen uns , und ich freute mich endlich innerlich seiner Abreise in die Ferne , welche zu einem feurigen Briefwechsel die willkommene Gelegenheit gab . Wir erhoben nun unser Verhältnis zu einer idealen Freundschaft , nicht getrübt von dem persönlichen Zusammensein , und boten in regelmäßigen Briefen die ganze Beredsamkeit jugendlicher Begeisterung auf . Nicht ohne Selbstgefälligkeit und Absicht suchte ich meine Episteln so schön und schwungreich als immer möglich zu schreiben , und es kostete mich viele Übung im Nachdenken , meine unerfahrene Philosophie einigermaßen in Form und Zusammenhang zu bringen , weil die bisher erworbene Gestaltungskraft beim Zeichnen und damit verbundene Einsicht in meine Schreibübungen überging und mich auch ohne Logik ein Bedürfnis von Harmonie empfinden ließ . Leichter wurde es , den ernsten Teil der Briefe in ein Gewand ausschweifender Phantasie zu hüllen und mit dem bei meinem Jean Paul gelernten Humor zu verbrämen ; allein wie sehr ich mich auch erhitzte und allen meinen Eifer aufbot , so übertrafen die Antworten des Freundes dieses alles jedesmal sowohl an reiferen und gediegenen Gedanken als an feinerm und gewähltem Witze , der mir beschämend das Schreiende und Unruhige meiner Ergüsse hervorhob . Ich bewunderte meinen Freund , war stolz auf ihn und nahm mich doppelt zusammen , indem ich mich an seinen Briefen bildete , derselben würdige und ebenbürtige Sendungen aufzubringen . Doch je mehr ich mich erhob , um so höher und unerreichbarer wich er zurück , wie ein glänzendes Luftbild , nach welchem ich fruchtlos zu schlagen strebte , ich rang gleichsam mit einem neckischen Heldenschatten . Dazu trugen seine Gedanken die abwechselndsten Farben gleich dem ewigen Meere , ebenso reizend launenhaft und überraschend und ebenso reich an Quellen , die aus der Tiefe , von Gebirgen herab und vom Himmel zugleich zu strömen schienen ; ich staunte den fernen Genossen an wie eine geheimnisvolle großartige Erscheinung , deren herrliche Entwicklung von Tag zu Tag Größeres versprach , und rüstete mich allen Ernstes , an ihrer Seite ins Leben hinaus möglichst Schritt zu halten . Da fiel mir eines Tages Zimmermanns Buch über die Einsamkeit in die Hände , von welchem ich schon viel gehört und das ich deshalb nun mit doppelter Begierde las , bis ich auf die Stelle traf , welche anfängt » Auf deiner Studierstube möchte ich dich festhalten , o Jüngling ! « Jedes Wort ward mir bekannter , und endlich fand ich einen der ersten Briefe meines Freundes hier wortgetreu abgeschrieben . Bald darauf entdeckte ich einen andern Brief in Diderots unmaßgeblichen Gedanken über die Zeichnung , welche ich bei einem Antiquar erworben , und fand so die Quelle jener Schärfe und Klarheit , die mir so imponiert hatten . Und wie lange getrennte Ereignisse und Zufälle plötzlich haufenweise zutage treten und sich ein verabredetes Rendezvous zu geben scheinen , so trat nun rasch eine Entdeckung nach der anderen hervor und enthüllten eine seltsame Mystifikation . Auch spürte ich den Büchern nach , von denen er in seinen Briefen beiläufig erwähnte . Ich fand Stellen aus Rousseau wie aus dem Werther , aus Sterne und Hippel sowohl wie aus Lessing , glänzende Gedichte aus Byron und Heine in briefliche Prosa umgewandelt , sogar Aussprüche tiefsinniger Philosophen , die , unverstanden , mich mit Achtung vor dem Freunde erfüllt hatten . Mit solchen hellen Sternen hatte ich ohnmächtig gerungen ; ich war wie vom Blitz getroffen , ich sah im Geiste meinen Freund über mich lachend und konnte mir seine Handlungsweise nur durch eigenen Unwert erklären . Doch fühlte ich mich schmerzlich beleidigt und schrieb nach einigem Schweigen einen spöttischen und anzüglichen Brief , mittelst dessen ich seine angemaßte geistige Herrschaft abzuwerfen , doch nicht unsere Freundschaft aufzuheben , vielmehr ihn zu treuer Wahrheit zurückzuführen gedachte . Allein mein verletzter Ehrgeiz ließ mich zu heftige und spitzige Ausdrücke wählen , mein Gegner hatte sich nicht über mich lustig machen , sondern nur mit wenig Mühe meinem Eifer die Waage halten wollen , wie er sich auch nachher , in ernsteren Dingen , immer mit solchen Mitteln zu helfen suchte , obgleich er die Talente zu wirklichem Streben in vollem Maße und daher auch Selbstgefühl besaß so kam es , daß er , um seine Verlegenheit zu bedecken und ärgerlich über meine Auflehnung , noch gereizter und beleidigter antwortete . Es stieg ein mächtiges Zorngewitter zwischen uns auf , wir schalten uns rücksichtslos , und je mehr wir uns zugetan gewesen , mit desto mehr Aufwand und tragischen , feindlichen Worten kündeten wir uns plötzlich die Freundschaft auf und bestrebten uns blindlings , jeder der erste zu sein , der den andern aus seinem Gedächtnis verbanne ! Aber nicht nur seine , sondern auch meine eigenen harten Worte schnitten mir ins Herz , ich trauerte mehrere Tage lang tief und schmerzvoll , indessen ich den Geschiedenen zu gleicher Zeit noch achtete , liebte und haßte ; ich empfand nun zum zweiten Male , in vorgerückterm Alter , das Weh beim Brechen einer engen Freundschaft , aber um so edler und feiner und daher schmerzvoller , als die Verhältnisse edler waren . Die innere Grundlosigkeit eines solchen Bruches läßt denselben um so dämonischer und einschneidender fahlen , da er durch ein feindliches unvermeidliches Schicksal herbeigeführt scheint . In diese Bewegungen herein spielten abwechselnd das gepflegte Andenken an Anna und die Hoffnung auf ihr Wiedersehen sowie die Angst vor meinen gemütlichen Gläubigern , wenn sie mit Rechnungen kamen für allerhand alte Schwarten , Kupferstiche und verstümmelte Gipsfiguren , so daß ich komischerweise früh den Spruch auf mich anwenden konnte : Widersacher , Weiber , Schulden - Ach , kein Ritter wird sie los ! Sechstes Kapitel Der Frühling war gekommen ; schon lagen viele Frühpflanzen , nachdem sie flüchtige schöne Tage hindurch mit ihren Blüten der Menschen Augen vergnügt , nun in stiller Vergessenheit dem stillen Berufe ihres Reifens , der verborgenen Vorbereitung zu ihrer Fortpflanzung ob . Schlüsselblümchen und Veilchen waren spurlos unter dem erstarkten Grase verschwunden , niemand beachtete ihre kleinen Früchtchen . Hingegen breiteten sich Anemonen und die blauen Sterne des Immergrün zahllos aus um die lichten Stämme junger Birken , am Eingange der Gehölze , die Lenzsonne durchschaute und überschien die Räumlichkeiten zwischen den Bäumen , vergoldete den bunten Waldboden ; denn noch sah es hell und geräumig aus , wie in dem Hause eines Gelehrten , dessen Liebste dasselbe in Ordnung gebracht und auf geputzt hat , ehe er von einer Reise zurückkommt und bald alles in die alte tolle Verwirrung versetzt . Bescheiden und abgemessen nahm das zartgrüne Laubwerk seinen Platz und ließ kaum ahnen , welche Gewalt und Herrlichkeit in ihm harrte . Die Blättchen saßen symmetrisch und zierlich an den Zweigen , zählbar , ein wenig steif , wie von der Putzmacherin angeordnet , die Einkerbungen und Fältchen noch höchst exakt und sauber , wie in Papier geschnitten und gepreßt , die Stiele und Zweigelchen rötlich lackiert , alles äußerst aufgedonnert . Frohe Lüfte wehten , am Himmel kräuselten sich glänzende Wolken , es kräuselte sich das junge Gras an den Rainen , die Wolle auf dem Rücken der Lämmer , überall bewegte es sich leise mutwillig , die losen Flocken im Genicke der jungen Mädchen kräuselten sich , wenn sie in der Frühlingsluft gingen , es kräuselte sich in meinem Herzen . Ich lief über alle Höhen und blies an einsamen , schön gelegenen Stellen stundenlang auf einer alten großen Flöte , welche ich seit einem Jahre besaß . Nachdem ich die ersten Griffe einem musikalischen Schuhmachergesellen abgelernt , war an weitern Unterricht nicht zu denken , und die ehemaligen Schulübungen waren längst in ein tiefes Meer der dunkelsten Vergessenheit geraten . Darum bildete sich , da ich doch bis zum Übermaß anhaltend spielte , eine wildgewachsene Fertigkeit aus , welche sich in den wunderlichsten Trillern , Läufen und Kadenzen erging . Ich konnte ebenso fertig blasen , was ich mit dem Munde pfeifen oder aus dem Kopfe singen konnte , aber nur in der härteren Tonart , die weichere hatte ich allerdings empfunden und wußte sie auch hervorzubringen , aber dann mußte ich langsam und vorsichtiger spielen , so daß diese Stellen gar melancholisch und vielfach gebrochen sich zwischen den übrigen Lärm verflochten . Musikkundige , welche in entfernterer Nachbarschaft mein Spiel hörten , hielten dasselbe für etwas Rechtes , belobten mich und luden mich ein , an ihren Unterhaltungen teilzunehmen . Als ich mich aber mit meiner mächtigen braunen Röhre einfand , deren Klappe einer messingenen Türklinke glich , und verlegen und mit bösem Gewissen die Ebenholzinstrumente mit einer Unzahl silberner Schlüssel , die stattlichen Notenblätter sah , bedeckt von Hieroglyphen , da stellte es sich heraus , daß ich rein zu gar nichts zu gebrauchen , und die Nachbaren schüttelten verwundert die Köpfe . Desto eifriger erfüllte ich nun die freie Luft mit meinem Flötenspiele , welches dem schmetternden und doch monotonen Gesange eines großen Vogels gleichen mochte , und empfand , unter stillen Waldsäumen liegend , innig das schäferliche Vergnügen des siebzehnten Jahrhunderts , und zwar ohne Absicht und Gemachtheit . Um diese Zeit hörte ich ein flüchtiges Wort , Anna sei in ihre Heimat zurückgekehrt . Ich hatte sie nun seit zwei Jahren Nicht gesehen , wir beide gingen unserm sechszehnten Geburtstage entgegen . Sogleich rüstete ich mich zur Übersiedelung nah dem Dorfe und machte mich eines Sonnabends wohlgemut auf die geliebten Wege . Meine Stimme war gebrochen , und Ich sang , dieselbe mißbrauchend , mich müd durch die hallenden Wälder . Dann hielt ich inne , und die seit kurzem gekommene Tiefe meiner Töne bedenkend , dachte ich an Annas Stimme und suchte mir einzubilden , welchen Klang sie nun haben möge . Darauf bedachte Ich ihre Größe , und da ich selbst in der Zeit rasch gewachsen , so konnte ich mich eines kleinen Schauers nicht erwehren , wenn ich mir die Gestalt sechszehnjähriger Mädchen unserer Stadt vorstellte . Dazwischen schwebte mir immer das halbkindliche Bild am See oder auf jenem Grabe vor , mit seiner Halskrause , seinen Goldzöpfen und freundlich unschuldigen Augen . Dies Bild verscheuchte einigermaßen die Unsicherheit und Zaghaftigkeit , welche sich meiner bemächtigen wollten , daß Ich getrost fürbaß schritt und am Abend das Haus meines Oheims in alter Ordnung und lauter Fröhlichkeit fand . Doch nur die älteren Personen waren sich eigentlich ganz gleichgeblieben , das junge Volk ließ einen etwas veränderten Ton in Scherz und Reden merklich werden . Als nach dem Nachtessen sieh die Ältern zurückgezogen und einige junge ledige Dorfbewohner beiderlei Geschlechtes dafür ankamen , um noch einige Stunden zu plaudern , bemerkte ich , daß die Gegenstände der Liebe und der geschlechtlichen Verhältnisse nun ausschließlicher und ausgeprägter der Stoff der neckischen Gespräche geworden , aber so , daß die Jünglinge mit gleichgültig verwegener und etwas spöttischer Galanterie eine große Sprödigkeit , Männerverachtung und jungfräuliche Selbstzufriedenheit an den Tag zu legen bemüht schienen , und an der Art und Weise , wie die sich kreuzenden Scherze und Angriffe hier reizten , dort scheinbar verletzten , war nicht zu verkennen , daß hier die Kristallelemente zusammenzuschießen auf dem Punkte waren . Ich war anfangs still und suchte mich in den wort-und witzreichen Scharmützeln zurechtzufinden ; die Mädchen betrachteten mich als einen anspruchlosen Neutralen und schienen einen frommen und bescheidenen Knappen an mir gewinnen zu wollen . Doch unversehens nahm ich , das Scheingefecht für vollen Ernst haltend , die Partei meines Geschlechts . Die vermeintliche Bedürfnislosigkeit und stolze Selbstverklärung der Schönen schien mir gefährlich und beleidigend und entsprach nicht im mindesten meinen Gefühlen . Aber leider setzte ich , anstatt mich der praktischeren und beliebteren Waffen meiner Genossen zu bedienen , knabenhafter- und ungalanterweise den Mädchen ihre eigene Kriegführung entgegen . Der trotzige Stoizismus , welchen ich gegen das jungfräuliche Selbstgenügen aufwandte , warf mich um so schneller in eine isolierte und gefährliche Stellung , als ich in meiner Einfalt augenblicklich selber daran glaubte und mit heftigem Ernste verfuhr . Ich vereinigte sogleich alle Pfeile des Spottes auf mich als ein nicht zu duldender Aufrührer ; die männlichen Teilnehmer ließen mich auch im Stich oder hetzten mich fälschlicherweise auf , um bei den erzürnten Mädchen desto besser ihre Rechnung zu finden , worüber ich wieder verdrießlich und eifersüchtig ward , und es ärgerte mich gewaltig , wenn ich bemerkte , wie mitten im Kriege die verständnisvollen Blicke häufiger fielen und der schone Feind seine Hände den Burschen immer anhaltender und williger überließ . Kurz , als die Gesellschaft auseinanderging und ich die Treppe hinanstieg als ein erklärter Weiberfeind , verfolgten mich die drei Basen , jede ihr Nachtlämpchen tragend , spottend bis vor die Tür meines Schlafzimmers . Dort wandte ich mich um und rief » Geht , ihr törichten Jungfrauen mit euren Lampen ! Obgleich jede nur zu bald ihren irdischen Bräutigam haben wird , fürchte ich doch , das Öl eurer Geduld reiche nicht aus für die kürzeste Frist ; löscht eure Lichter und schämt euch im Dunklen , so spart ihr das bißchen Öl , ihr verliebten Dinger ! « Eine Magd trug gerade ein Becken mit Wasser hinein ; sie tauchten ihre Finger in das Wasser und spritzten mir dasselbe ins Gesicht , während sie mit ihren brennenden Lämpchen mir um Haar und Nase herumzündeten und mich hart bedrängten . » Mit Feuer und Wasser « , sagten sie , » taufen wir dich zu ewigem Frauenhasse ! Nie soll eine wünschen , diesen Haß schwinden zu sehen , und das Licht der Liebe soll dir für immerdar erloschen ! Schlafen Sie recht wohl , gestrenger Herr , und träumen Sie von keinem Mädchen ! « Hiemit bliesen sie meine Kerze aus und huschten auseinander , daß ihre Lichtchen in dem dunklen Hause verschwanden und ich im Finstern stand . Ich tappte in das Zimmer , stieß an alle Gegenstände und streute in der Dunkelheit mißmutig meine Kleider auf dem Boden umher . Und als ich endlich das Kopfende des Bettes gefunden und mich rasch unter die Decke schwingen wollte , fuhr ich mit den Füßen in einen verwünschten Sack , daß ich sie nicht ausstrecken konnte , sondern in meiner gewaltsamen Bewegung auf das unangenehmste gehemmt und zusammengebogen wurde . Die Leintücher waren , infolge einer ländlich-sittlichen Neckerei , so künstlich ineinandergeschürzt und - gefaltet , daß es allen meinen ungeduldigen Bemühungen nicht gelang , sie zu entwirren , und ich mußte mich in der unbequemsten und lächerlichsten Lage von der Welt zum Schlafe zusammenkauern . Allein dieser wollte trotz meiner Müdigkeit sich nicht einfinden ; ein ärgerliches und beschämendes Gefühl , daß ich mich in eine schiefe Stellung geworfen , die Besorgnis , wie Anna sich Zu all diesem verhalten wurde , und das verhexte Bett ließen mich die Augen nur auf Augenblicke schließen , wo dann die unruhigsten Traumbilder mich verfolgten . Die Nacht im Tale war unruhig und geräuschvoll , denn es war diejenige des Sonnabends auf den Sonntag , in welcher die ledigen Bursche bis zum Morgen zu schwärmen und ihren Liebeswegen nachzugehen pflegen . Ein Teil derselben durchzog in Haufen singend und jauchzend die nächtliche Gegend , bald fern , bald nah laut werdend ; ein anderer Teil schlich einzeln um die Wohnungen her , mit verhaltner Stimme Mädchennamen rufend , Leitern anlegend , Steinchen an Fensterladen werfend . Ich stand auf und öffnete das Fenster ; balsamische Mailuft strömte mir entgegen , die Sterne zwinkerten verliebt hernieder , ein Kätzchen duckte sich um die eine Hausecke , um die andere bog ein schlanker Schatten mit einer langen Leiter und lehnte sie an das Haus , drei oder vier Fenster von mir . Rüstig klomm er die Sprossen entlang und rief halblaut den Namen der ältesten Base , worauf das Fenster leise aufging und ein trauliches Geflüster begann , von einem Geräusche unterbrochen , welches von demjenigen feuriger Küsse nicht im mindesten zu unterscheiden war . Oho ! dachte ich , das sind feine Geschichten ! und indem ich so dachte , sah ich einen andern Schatten aus dem Fenster der mittleren Base , welche eine Treppe tiefer schlief , sich auf den Ast eines nahen Baumes schwingen und flink zur Erde gleiten ; kaum war er aber fünfzig Schritte entfernt , so brach er , den fernen Nachtschwärmern antwortend , in ein mörderliches Jauchzen aus , welches weithin widerhallte . Mit sehr gemischten Empfindungen machte ich vorsichtig das Fenster zu und suchte in meinem boshaften Leinwandlabyrinth Mädchen , Liebe , Mainacht und Verdruß zu vergessen . Noch gemischten Gefühle jedoch kehrten zurück , als ich am